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Full text of "Illustrierte völkerkunde, in zwei bänden"

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ILLUSTRIERTE 
VÖLKERKUNDE 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Lyrasis IVIembers and Sloan Foundation 



http://www.archive.org/details/illustriertevl01busc 




Der Siouxhäuptlin- Hc-asapa (Black Kock) iu vollem .Schmuck, 
mit dem Büffelfellmantel und der mit Hermelinfellen und Adler- 
federn verzierten Hörnerhaube (dem Abzeichen des Kriegsliäuptlings) 
iNach einem Originalgemäkle George Catlins im Berliner Museum für 
Völkerkunde) 



ILLUSTRIERTE 

VÖLKERKUNDE 

IN ZWEI BÄNDEN 

Unter Mitwirkung von 

Dr. A. Byhan, Dr. A, Haberlandt, 

Professor Dr. M. Haberlandt, Dr. R. Heine-Geldern, 

Dr. W. Krickeberg, Dr. R. Lasch, 

Professor Dr. W. Volz 

herausgegeben 

von 

Dr. Georg Buschan 



Dritte Auflage 

(Unveränderter Abdruck der zweiten, vollständig umgearbeiteten 

und wesentlich vermehrten Auflage) 



Stuttgart 1922 
Verlegt von Strecker und Schröder 



v.i 



VERGLEICHENDE 
VÖLKERKUNDE 

AMERIKA-AFRIKA 



Von Dr. Richard Lasch, Dr. Walter Krickeberg, 
Dr. Artur Haberlandt 



Mit 20 Tafeln, 289 Abbildungen 
und 4 Völkerkarten 




Stuttgart 1922 
Verlegt von Strecker und Schröder 

JAN 7 1963 



Alle Rechte von der 

Verlagsbuchhandlung vorbehalten. 

Schutzformel für die Vereinigten Staaten von Amerika ; 

Copyright by Strecker und Schröder 

Stuttgart 1922 



Druck von Strecker und Schröder in Stuttgart 
Einbandzeichnung- von Walther Thamm in Kempten 



Vorwort zur zweiten Auflage 



Die großen Fortschritte auf dem Gebiete der Völkerkunde, 
die seit dem ersten Erscheinen des Werkes zu verzeichnen sind 
und an denen nicht zum kleinsten Teile deutsche Gelehrte und 
Forscher Anteil genommen haben, machten eine vollständige Um- 
arbeitung und wesentHche Ergänzung des Textes notwendig, so daß 
sich der Umfang um das Do])pelte vermehrte und ein in jeder Hin- 
sicht vollständig neues Werk entstand. 

Bereitwillig haben die bisherigen Herren Mitarbeiter, mit nur 
einer Ausnahme, und neue Forscher sich der großen Mühe der 
Umarbeitung unterzogen und ein Werk geschaffen, das deutschem 
Geist, deutscher Sorgfalt und Gründlichkeit zur Ehre gereichen 
wird. Herausgeber und Verleger schulden ihnen allen aufrichtigen 
Dank. 

Da auf eine wertvolle und reiche Bebilderung der neuen Auf- 
lage besonderer Wert gelegt wurde, mußten sehr viele neue Vor- 
lagen beschafft werden. Zahlreiche Persönlichkeiten, Museen usw., 
die wir hier nicht einzeln nennen können, haben uns durch Über- 
lassung von Bildermaterial wirksam unterstützt. Besonders aber 
haben sich um die Bebilderung verdient gemacht die Herren Pro- 
fessor Dr. Theodor Koch-Grünberg, Direktor des Stuttgarter 
Museums für Länder- und Völkerkunde, Linden-Museum, und Herr 
Heinrich Fischer, Kustos des gleichen Museums. Fräulein Hilda 
Schmidt in Stuttgart lieferte sehr viele Zeichnungen in sorg- 
fältiger Ausführung. Herr Dr. VV. Krickeberg vom Museum für 
Völkerkunde in Berlin unterzog sich mit bewährter wissenschaftlicher 
Gründlichkeit und mit umfassender Sachkenntnis der mühevollen 
Ausarbeitung des Registers, wodurch der Wert des Werkes wesent- 
lich erhöht und sein Gebrauch erleichtert wird. Ihm verdanken wir 
auch die Entwürfe zu den drei Völkerkarten von Amerika, während 
Herr Dr. Bernhard Struck in Dresden die Beigabe einer Völker- 



VIII Vorwort zur zweiten Auflage 

karte von Afrika ermöglichte, indem er in liebenswürdiger Weise 
sich dieser besonders schwierigen Arbeit unterzog. Es war uns da- 
durch möglich, dem Werke Völkerkarten nach dem neuesten Stand 
der Forschung beizugeben. 

Allen genannten und ungenannten Förderern der „Illustrierten 
Völkerkunde" sei an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt. Möge 
die zweite Auflage eine ebenso günstige Aufnahme in allen Kreisen 
finden wie die erste und sich recht viele neue Freunde dazu er- 
werben. 

Stettin, im März 1922. 

Georg: Buscliaii 



Inhaltsverzeichnis 



Seife 

Einführung in die TcrgleichendeTölkerkunde. VonDr. Rieh. Lasch 1—51 

1. Begriff und Einteilung 1 — II. Geschichtliches 3 — III. Ursprung- 
und Formen der menschlichen Gesellschaft 5 — IV. Formen und 
Entstehung- der menschlichen Wirtschaft 13 — V. Die Entstehung 
des stofflichen Kulturbesitzes 21 — VI. Anfänge des Rechts- 
lebens 32 — VII. Der geistige Kulturbesitz: 1. Religion 86, 

2. Kunst 42, 3. Wissenschaft 44 — VIII. Die Totenbestattung 48 — 
IX. Die Kulturkreislehre 49. 

Amerika. Von Dr. Walter Krickeberg 52 — 427 

I. Die Amer ikan er im allgem ei neu 52 — 64 

II. Die Volk er Nord- und Mittelamerikas 64 — 217 

1. Die Naturvölker: a) Die arktischen Völker 78 — b) Die 
kanadischen Jäger 92 — c) Die Völker des Ostens und Süd- 
ostens 97 — d) Die Präriestämme 113 — e) Die Nordwest- 
amerikaner 125 — f) Die Völker Oregons und Kaliforniens 135 — 
g) Die Puebloindianer 144 — h) Die sonorischen Völker 155. 

2. Die Kulturvölker: a) Völker und Sprachen. Ursprung 
und Ausbreitung der Kulturen 160 — b) Mexikaner und 
Maya: a) Materielle Kultur 174, ß) Soziale Verhältnisse 184, 
}') Religion 190, 6) Wissenschaft 204 — c) Die Völker des süd- 
lichen Mittelamerika 209. 

III. Die Völker Südamerikas 217—423 

1. Die Naturvölker: a) Die Völker des tropischen Wald- 
gebietes 239 — b) Die Bevölkerung Westindiens 277 — 
c) Die Bevölkerung Ostbrasiliens 283 — d) Die Chaeo- 
indianer 293 — e) Die Reiterstämme des Südens 805 — 
f) Die Feuerländer 317. 

2. Die Kulturvölker: a) Völker und Sprachen. Ursprung 
und Ausbreitung der Kulturen 322 — b) Columbien 341 — 
c) Ecuador 361 — d) Peru 372 — e) Chile und Argentinien 411. 

Nachtrag zu Mittelamerika 423—427 

Afrika. Von Dr. Artur Hab erlandt 428 — 612 

I.Allgemeines 428—466 

1. Naturausstattung und Besiedlung 428 — 2. Kulturpflanzen 
und Haustiere 430 — 3. Funde aus Afrikas Vorgeschichte 433 — 

4. a) Kulturprovinzen 440 — b) Der Kulturaufbau in Afrika 443 — 

5. Sprachliche und anthropologische Gliederung der Bevölkerung 
Afrikas 45G. 



X Inhaltsverzeichnis 

Seite 
ir. Völker und Kulturformen 466—611 

1. Nordafrika: a) Die Wüsten- und Steppennomaden der 
Sahara 466 — b) Die Völker des westlichen Sudan und der 
Guineaküste 471 — c) Die Völker des zentralen und östlichen 
Sudan 497. 

2. Westafrika: a) Die Avestlichen Bantu 521 — b) Die 
Pygmäen 541. 

3. Ostafrika: a) Die Völker Nordostafrikas (Ägyptische 
Randgebiete — Osthorn von Afrika) 548 — b) Die nilotische 
Gruppe und Verwandte 558 — c) Die östlichen Bantu 568. 

4. Südafrika: a) Die südlichen Bantu 589 — b) Die Hotten- 
totten 600 — c) Die Buschmänner 604 — d) Madagaskar 610. 

Nachtrag- zu Afrika 611 — 612 

Literatur 613 — 636 

Namen- und Sachregister 637—686 



Verzeichnis derTafeln, Abbildungen und Karten 



a) Tafeln 

Amerika Zwischen Seite 

Titelbild. Der Sioux-Häuptling- He-asapa (Black Rock) 

Tafel I. Hausbau der Nordamerikaner 

IL Waffen der Nordamerikaner 

„ III. Jagd- und Fischgeräte der Eskimo ) 

„ IV. Dekorative Kunst der Prärieindianer ....... | 

V. Mound-Kultur 

VI. Flächenkunst und Plastik der Nordwestamerikaner . . \ 

„ VII. Kultg-eräte der Puebloindianer | 

„ VIII. Altmexikanische Tempelbauten 

„ IX. Mexikanische Kultusaltertümer \ 

X. Bodenbau im tropischen Waldgebiet ( 

„ XI. Tuyuka in vollem Tanzsehmuck ) 

„ XII. Goldaltertümer aus den südamerikanischen Kulturreichen ( 

Afrika 

Tafel Xm. Ugaia mit Ohrenschmuck aus selbstgeschmiedeten 

eisernen Kettchen 

XIV. Afrikanische Musikinstrumente ) 

„ XV. Desgleichen ) 

XVI. Zwölf Töpfe ) 

„ XVn. Korbflechtereien | 

.. XVIII. Schildformen, Ostafrika ) 

„ XIX. „ Ost- und Zentralafrika j 



80/81 
96/97 

112/113 

144/145 

192/193 

208/209 
256/257 

384/385 



432/483 

480/481 

544/545 
592/598 



Abb. Amerika 

1 Karte der Maximal vergletsche- 

rung Nordamerikas . . . 

2 Gepanzerter Irokese (a) und 

Tschuktsche (b) 

3 Rindenboote der Kutenä(a) und 

Amuvstämme (b) .... 

4 Kinugumut-Mann. Alaska . 

5 Kihugumut-Frau. Alaska 

6 Eisjagd mit kleinem Schlitten, 

Smithsund 

7 Harpune der Smithsundeskirao 

8 Winterhäuser der Eskimo 

9 Eskimo in Wintertracht . . 
10 Gesichtsmaske aus schwarzem 

Leder. Baffialand .... 



Abbildungen 

Seite Abb. 

11 Amerikanische Bilderschrift I 
54 12 Amerikanische Bilderschrift n 

13 Kutschin-Männer in ihrer alten 
73 Tracht 

14 Kindertrage aus Birkenrinde. 
76 Ingalik 

79 15 Einernten des wilden Wasser- 

80 reises. Odschibwä und Meno- 
mini 

82 16 Hirsch jagd mit Zäunen und 

83 Fallen. Irokesen .... 

85 I 17 Musquacki- (Fox-) Krieger . 

86 18 Holzmaske für das Fest des 

Weißen Hundes. Irokesen . 
89 i 19 Ballschläger. Sak und Fox . 



Seite 
90 
91 

95 

96 



99 

100 
105 

111 
112 



XII 



Verzeicliiiis der Tafeln und Abbildungen 



Abb. Seite 

20 „Horse-travois", Schleife zum 

Fortschaffen des Zeltes durch 

ein Pferd. Prärieindianer . 114 

21 Inneres eines Erdhauses der 

Missouri-Stämme .... 116 

22 Werkzeuge zur Fellbearbeitung'. 

Scheienne und Omaha . . . 117 

23 Crow-Indianer 118 

24 Kaiowä-Indianer 119 

25 Plattformgrab der Dakota . 122 

26 Marterszene am Sonnentanz- 

fest. Dakota 124 

27 Makah-Indianer vom Kap Flat- 

tery mit deformiertem Kopf 126 

28 Handmeißel zur Holzbearbei- 

tung (a) und Bastklopfer (b). 
Kwakiutl und Nutka . . . 127 

29 Weberahmen für Bergschaf- 

wolle. Küstenselisch . . . 128 

30 Häuptling der nördlichen 

Stämme (Tlingit, Haida, 
Tsinischian) in Festtracht . 129 

31 Kupferplatte (Geld). Haida . 131 

32 Tanzausrüstung des Nutlmatl- 

Bundes. Kwakiutl .... 133 

33 Hölzerne Klappmaske. Kwakiutl 134 

34 Steinkochen in Körben. Kali- 

fornien 137 

35 Hupa-Frau in alter Tracht . 138 

36 Körbe der Pomo 139 

37 Schmuckgeld der Hupa, Maidu 

und Pomo 141 

38 Tanzkopfputz kalifornischer 

Stämme 143 

39 Zunifrau 145 

40 Alte und moderne Keramik 

der Hopi 148 

41 Hopimädchen mit charakteristi- 

scher Haartracht .... 149 

42 Züchtigung der Knaben bei der 

Aufnahme in den Katschina- 
bund am Powamufest. Hopi 151 

43 Altar der Großen Feuerge- 

nossenschaft. Zuhi . . . 153 

44 Altar der Antilopenpriester in 

Mischöngnovi. Hopi . . . 154 



Abb. Seite 

45 Marikopamann 156 

46 Binsenfloß der Seri .... 157 

47 Bautenkomplex mit der Casa 

Grande 158 

48 Fadenstern und Federstab der 

Huitschol 159 

49 Azteke aus Quauhtlantzinco . 161 

50 Huavemädchen 163 

51 Altamerikanische Mosaiken . 165 

52 Altamerikanische Keulenknäufe 167 

53 Sog. Chacmool, halbliegende 

Statue, Chich'en Itza . . . 169 

54 Relief aus dem Tempel am 

Ballspielplatz. Chich'en Itza 171 

55 Tonfiguren dreier zeitlich auf- 

einanderfolgender Kultur- 
epochen des mexikanischen 
Hochlandes 173 

56 Tonköpfe der Mistequilla . . 175 

57 Altmexikan. Speerschleuder . 176 

58 Altmexikanischer Schild . . 177 

59 Modernes mexikanischesGehöft 179 

60 Bilder aus dem Wirtschafts- 

leben der Azteken .... 181 

61 Altmexikanisehe Tongefäße . 182 

62 Moderne indianische Hänge- 

brücke bei Cha/rax . . . 183 

63 Krönung Motecüzomas II . 185 

64 Aztekische Krieger .... 187 

65 Altmexikanisches Mumien- 

bündel 189 

66 Altmexikanische Menschen- 

opfer 192 

67 Wachtelopfer vor dem mexika- 

nischen Sonnengott . . . 193 

68 Das Ballspiel des roten und 

des schwarzen Tezcatlipoca 195 

69 Steinfiguren der Wassergöttin 

Chalchiuhtlicue und des 
Windgottes Quetzalcouatl . 198 

70 Steinbild der Erdgöttin Couatl- 

icue 199 

71 Der Gott Xipe ...... 200 

72 Tzapotckisclie Figureng-efäße 202 

73 Tongefäß mit Maske. Maya 203 

74 Relieftafel zur Erinnerung an 



Verzeichnis der Tafeln und Abbildunffen 



xiri 



Abb. Seite 

die Einweihung- des neuen 
Haupttempels von Tenoch- 
titlan 205 

75 Reliefplatte von Menche 

Tinamit 206 

76 Monolithische Stele von Quiri- 

g'uä 2ü7 

77 Buntbemalte Tonschalen der 

Chorotegen 211 

78 Mahlsteine aus dem Quepo- 

Coto-Gebiet. Costarica . . 213 

79 Talamanca-Indianer vor ihrer 

Hütte 215 

80 Goajirofrau 222- 

81 Schipibomann 225 

82 Bororömänner 226 

83 Hausbau der Südamerikaner 229 

84 Graburne der Guarani am 

oberen Paranä 232 

85 Zwei Graburnen der Diaj^uita. 

Nordwestargentinien . . . 233 
ö6 Graburne der Aruak der alten 

Provinz Mojos 234 

87 Menschengestaltige Tonurne 

der Aruak des Amazonas- 
deltas 235 

88 Schiffahrt der Amerikaner . 237 

89 Speerschleudern des tropi- 

schen Waldgebietes . . . 240 

90 Bögen des tropischen Wald- 

gebietes 242 

91 Pfeile des tropischen Wald- 

gebietes 243 

92 Blasrohre des tropischen Wald- 

gebietes 245 

93 Pfahlbaudorf Santa Rosa an 

der Lagune von Maracaibo 247 

94 Kegeldachhaus der Yekuanä 249 
9; Inneres eines Rundhauses der 

Makuna am Rio Apaporis . 250 

96 Taulipängmädchen .... 252 

97 Hianakoto-Lmaüamai. 1 . . 253 

98 Oreinuc vom Rio Napo . . 254 

99 Schambiöamänner .... 255 
lOJ Kunst der Völker des Xingü- 

quellgebietes 259 



Abb. Seite 

101 Geflechte fürdie Ameisenmar- 

ter. Guayana und Surinam 263 

102 Südamerikanische Keulen . 265 
108 Südamerikanische Schilde . 266 

104 Signaltrommel der Tukano . 269 

105 Kopftrophäen der Jivaro (a) 

und Mundrukvi (b) ... 270 

106 Maskentänzer der Kaua am 

Rio Aiarj' 273 

107 „Buhio" und „Caneye", die 

beiden Haustj'pen der Aruak 
von Cuba und Haiti . . . 278 

108 Steinerne Stampfer oder 

Reiber von Haiti .... 279 

109 Botokudin mit Lippen- und 

Ohrpflock 282 

110 Bogen und Pfeil der Bugre (a) 

und Matako (b) .... 283 

111 Schutzdach der Puri ... 285 

112 Bororohäuptling in vollem 

Putz 286 

113 Ohr- und Lippenpflöcke der 

Gesstämme 287 

114 Ostbrasilianische Ankeraxt . 291 

115 Kadiueomädchen, bemalt . 294 

116 Tonkugelbogen der Guatö . 295 

117 Feuerbohrender Tschoroti . 297 

118 Hölzerne Tabakspfeifen der 

Chacoindianer 298 

119 Taschen aus Caraguatäfäden. 

Pilagä 299 

120 Hemd, aus dicken Caraguatä- 

fäden gestrickt. Toba . .301 

121 Skalp eines Pilagcä ... 303 

122 Pampas-Indianerfamilie . . 305 

123 Jagdszene aus Patagonien . 307 

124 Rohrlanze der Araukaner und 

Bolas der Tehueltsche . . 308 

125 Aus der Steinzeit des Südens. 

Chile und Patagonien . . 310 

126 LeiterartigeKindertrage. Ona 313 

127 Yahganmädchen . . . . 317 

128 Vv^urfspicß und Harpune der 

Yahgan ....... 318 

129 Gefäße aus Geflecht, Fisch- 

bein und Rinde. Yahgan . 320 



XIV 



Verzeichnis der Tafeln und Abbildunsren 



Abb. Seite 

130 Kägabamänuer. Columbien 323 

131 Mann aus Otävalo. Ecuador 824 

182 Khechuamänner aus Santa 

Kosa (Peru) 827 

183 Verzierte Zähne aus Mexico 

und Ecuador 330 

134 Chicha-Amphore aus Cuzco 332 

135 Tongefäß aus Pachacamac . 333 

136 Gewebe und Tongefäße mit 

Darstellungen im Tiahua- 
naco-Stil 335 

137 Tongefäß des Proto-Nazca- 

stils aus Ica 338 

138 Sitzende Tonfiguren aus dem 

Cauca-Tal 345 

139 Steinfigur von San Agustin 348 

140 Tönerne Figurengefäße, Gott- 

heiten der Chibcha dar- 
stellend 353 

141 Brücke aus Stabwerk. Ijca 357 

142 Maskenträger der Kägaba . 359 
148 Steinsessel und Steinfigur aus 

der Gegend von Manta. . 364 

144 Speerschleuder der Canari . 367 

145 Schachtgrab aus dem Hoch- 

lande von Ecuador . . . 369 

146 Steinerner Zählkasten aus 

Caraz (Peru) 371 

147 Altperuanische Kampfszene 377 

148 Altperuanische Keulenformen 378 

149 Mauerecke der Festung Sa;^- 

sayhuaman bei Cuzco . . 379 

150 Ruinen der IncafestungMachu 

Picchu 381 

151 Tongefäß(Kokaesser).Trujillo 387 

152 Altperuanische Jagdszene . 389 

153 Vertikaler Webstuhl aus 

Pachacamac 390 

154 Axt und Kniehacke. Marquez 

und Pachacamac .... 391 

155 .,Tumi", Bronzemesser aus 

incaischer Zeit .... 393 

156 Tongefäße (Menschenköpfe). 

Trujillo und Chimbote . . 394 

157 Tongefäß (menschlicheFigur). 

Chimbote 395 



Abb. Seite 

158 Tongefäße (Tempel). Trujillo 398 

159 Festprozession mit maskier- 

ten Tänzern. Altperu . .401 

160 Mythische Szene. Altperu . 403 

161 BantbemaltcrHenkelkrugaus 

Chimbote 405 

162 Mumie aus Ancon .... 407 
168 Khipu aus den Gräbern von 

Nazca 409 

164 Steinhammer. Chuquicamata 413 

165 Die prähistorische Ansied- 

lung Pucara de Rinconada 415 

166 Bronzene Schmuckplatte aus 

Andalgalä 417 

167 Araukanerin in alter Tracht 421 

Afrika 

168 Vegetationskarte von Afrika 429 

169 Steinwerkzeuge aus der 

Sahara 435 

170 Verschiedene Steinwerkzeuge. 

Goldküste , Oberägypten , 

Togo 439 

171 Verbreitungskarte der afri- 

kanischen Hüttentypen . . 441 

172 Afrikanische Rundbauten . 445 

173 Afrikanische Viereckbauten . 449 

174 Somalifrau 452 

175 Schukurijehmann .... 453 

176 Haussamann mit Narben- 

tatauierung. Sokoto . . . 454 

177 Muyanzy. Oberer Kongo . . 455 

178 Mongomann. Kongo . . . 458 

179 Bakubafrau. Kongo ... 459 

180 Mongala. Oberer Kongo . . 460 

181 Nandimann. Elgonberge . . 461 

182 Junger Zulu 464 

183 Buschmann. Kapkolonie . . 465 

184 Hottentotte. Südafrika . . 468 

185 Bergdaman. Südwestafrika . 469 

186 Mandingo vom oberen Niger 47 l 

187 Tambermaburg. Togo . . 473 

188 Agome-Palime. Siedlung mit 

runden Hütten. Togo . . 475 

189 Speerforraen. Westafrika . 479 

190 Afrikanische Bogenformen . 481 



Verzeichnis der Tafeln und Abbildungen 



XV 



Abb. Seite 

191 Pfeile. Westafrika .... 483 

192 Hochöfen in Biagpabe. Togo 484 

193 Schmiede. Kamerun . . . 485 

194 Schmiedwerkzeuge . . . 487 

195 Dolche und ^lesser aus Nord- 

kamerun 489 

196 Balifrauen zum Tanz ge- 

schmückt. Kamerun . . . 490 

197 Lappenfetisch. Togo . , . 491 

198 Verschiedene Fetische und 

Amulette 493 

199 Messer und Dolche aus 

Amboland und Togo . . 494 

200 Geschnitztes Brett aus Benin 495 

201 Stabträger. Benin .... 496 

202 Armringe. Bali 497 

203 Dolche mit Messinggriff und 

Messingscheiden aus Ada- 
maua 498 

204 Armspangen 499 

205 Steinfigur. Hinterland von 

Sierra Leone 500 

206 Kämme und Haarnadeln. . 501 

207 Jätschaufel und Beile . . 502 

208 Verschiedene Dolche ... 502 

209 Schwerter aus Kongo und 

Togo und Schlageisen der 
Mbum 503 

210 Spannholz zumBogenspannen 

usw 504 

211 Verschiedene Wurfmesser . 505 

212 Verschiedene Wurfeisen aus 

Kamerun 505 

213 Fechthammer und Streitaxt 

aus Togo 506 

214 Beile aus Nordnigeria und 

Adamaua 507 

215 Drei Wasserkrüge .... 508 

216 Wasserkrug aus Kamerun . 508 

217 Tonschalen und Tonkrüge 

aus Nordwestkamerun . . 509 

218 Schaufeln und Messer aus 

Kamerun 510 

219 Hallenhaus der Mangbetu. 

Kongo 511 

220 Waregadorf 511 



Abb. 


Seite 


221 Palast des Häuptlings Joja 




in Fumban 


513 


222 Haumesser und Schwert aus 




Kamerun und Togo . . . 


514 


223 Haumesser undSchlagmesser, 




Kongo 


515 


224 Haumesser. Südkamerun 


516 


225 Messer und Dolche . . . 


517 


226 Beile und Messer aus dem 




Kongogebiet 


519 


227 Beile und Messer, Kongo 


520 


228 Pfeile. Äquatoriales Afrika 


523 


229 Geschnitzter Türstock. Nord- 




westkamerun 


525 


230 Schalentragende Figur. Nord- 




westkamerun .... 


527 


231 Große Signaltrommel. Nord- 




westkamerun .... 


529 


232 Verschiedene Holzschnitze- 




reien. Kamerun . . . 


531 


233 Tanzmaske. Kamerun 


532 


234 Masken ausNordwestkamerui 


533 


235 Eisen- und Muschelgeld. Süd 




kamerun 


534 


236 Eisengeld. Ostafrika, Kame- 




run und Kongo . . . 


535 


237 Amulett aus Flußpferdzahr 


537 


238 Häuptlingstöcke und religiöse 




Holzschnitzereien . . .. 


538 


239 Verschiedene Holzfiguren 


539 


240 Fetischstuhl. Urua . . . 


541 


241 Verschiedene Fetische 


543 


242 Bomanyok vor ihrer Hütte 




Kongo 


544 


243 Pygmäenfrau. Kongo . . 


545 


244 Verschiedene Sicheln . . 


546 


245 Hals- und Ohrschmuck . 


547 


246 Lendenschmuck ausElfenbein 


. 


u. Gürtel aus Kaurimuscheln 


549 


247 Arm- und Beinschmuck . 


551 


248 Krieger aus Kaffa mit phal- 




lischem Stirnschmuck . 


552 


249 Oromo am Webstuhl . . 


553 


250 Kriegstanz der Afar . . 


554 


251 Totenumzug der Ometo in 




Dauro 


555 



XVI 



Verzeichnis der Tafeln und Abbildung-en 



Abb. Seite 

252 Kopfbänke in Ost- und Süd- 

afrika 556 

253 Häuptlingsschwert.Abessinien 557 

254 Eisengeld, Salzbarren und 

Kupferbarren 559 

255 Ehepaar. Kavirondo . . . 560 

256 Schilde derDinka undWanya- 

turu 562 

257 Großer Lederschild der Wüte 563 

258 Verschiedene Buschmesser . 564 

259 Vei'schiedeneFallen. Ostafrika 565 

260 Fischfang- mit Reusen im 

Viktoria-Nyansa .... 567 

261 Angelhaken und Harpune 

der Waschaschi .... 568 

262 Verschiedene Fischreusen . 569 

263 Verschiedene Hackbaugeräte 571 

264 Frauen, Mehl bereitend und 

Teig knetend. Ugogo . . 573 

265 Wagaiakrieger im Tanz- 

schmuck 574 

266 Wagogo mit Kriegsmützen 

und Waffen 575 

267 Haartracht eines Mgogo mit 

Ohrpttock 577 

268 Plan des Quikurru qua Sike 

(bei Tabora) 578 

269 Verschiedene Speere . . . 579 

270 Verschiedene Schwerter. Ost- 

afrika . . 581 

271 Zwei Bogen. Ostafrika . . 582 



Abb. Seite 

272 Armschutz- und Giftbehälter. 

Ostafrika 583 

273 Verschiedene Pfeile. Ost- 

afrika 585 

274 Töpferei bei den Wagogo . 587 

275 Öllampe, Tasse und Becher. 

Uganda ....... 588 

276 Verschiedene Messer . . . 589 

277 Sattlerwerkzeug und Arbeits- 

messer. Sudan, Ivamerun, 
Togo usw 591 

278 SchmuckbeiderBeschneidung. 

Ugogo 593 

279 Bergdamanfrau mit Kindern 594 

280 Bavcndafamilie. Nordtrans- 

vaal 595 

281 Getreidespeicher der Ovambo 597 

282 Vier Tabakspfeifen ... 598 

283 Tabaksdosen und Nasen- 

klemmer 599 

284 Kriegsbeile. Zulu .... 601 

285 Verschiedene Pfeile. Süd- 

afrika 602 

286 Wochenkalender der Kaffern 

und Buschmänner .... 603 

287 Jagd auf Strauße, Busch- 

mannmalerei 605 

288 Stein mit vertieften Busch- 

mannzeichnungen .... 607 

289 Jagd auf Elandantilopen, 

Buschmannmalerei . . . 609 



c) Völkerkarten 

Zwischen Seite 

Nordamerika 64/65 

Mittelamerika 160/161 

Südamerika 224/225 

Afrika 448/449 



Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

Von Dr. Richard Lasch in Wien 



I. Begriff und Einteilung 

Die vergleichende Völkerkunde oder Ethnologie ist die 
Wissenschaft vom psychischen und sozialen Menschen; sie 
beschäftigt sich mit ihm als einem geistigen und zu einem gesell- 
schaftlichen Verbände gehörigen Wesen, dann mit diesen Ver- 
bänden selbst und ihren Schöpfungen. Da die Eigenart des mensch- 
lichen Geistes, sowohl beim Einzelindividuum wie bei den Gruppen- 
verbänden, vornehmlich in der Erzeugung bestimmter stofflicher 
und geistiger Besitztümer zum Ausdruck kommt, welche, und zwar 
nur selten unverändert, zumeist aber vermehrt und verbessert, von 
Geschlecht auf Geschlecht übergehen und mit dem Ausdrucke 
Kulturgüter allgemein bezeichnet werden, muß auch die Ethno- 
logie in der Untersuchung dieser Besitztümer eine ihrer Hauptauf- 
gaben erblicken. Der Mensch kann eben ohne eine gewisse, wenn 
auch noch so geringe Kultur überhaupt nicht gedacht werden, und 
die vergleichende Völkerkunde ist daher auch Kulturwissen- 
schaft im weitesten und wahrsten Sinne des Wortes. Als solche 
stellt sie auch einen Zweig der Kulturgeschichte dar, der 
„Wissenschaft von der kausalen Entwicklung alles dessen, was das 
geistige Leben und die äußere Lebensführung sämtlicher jetzt oder 
einst lebender Völker der Erde ausmacht" (Foy). 

In der neuesten Zeit ist das Studium der materiellen, der 
sozialen und der geistigen Seite der Kultur der Gegenstand beson- 
derer Zweige der Ethnologie geworden, die jedoch miteinander 
dauernd in enger Fühlung und Beziehung bleiben müssen, um vor den 
Gefahren bewahrt zu sein, welche mit der Einseitigkeit eines jeden 
Spezialfaches stets verbunden sind. Die hauptsächlichsten Spezial- 
fächer der vergleichenden Völkerkunde sind nach den oben angedeu- 
teten Gesichtspunkten: 1. die Wissenschaft von den sozialen 
Kulturgütern und Einrichtungen (Gesellschaftslehre oder Soziologie), 
2. die vergleichende Wirtschaftsforschung, 3. die Lehre vom 
stofflichen Kulturbesitz oder Ergologie, 4. die vergleichende 

Völkerkunde I 1 



2 Einführung' in die vorgleichende Völkerkunde 

Rechtskunde (auch ethnologische Jurisprudenz genannt), 5. die 
Wissenschaft von der geistigen Kultur, umfassend Religion, 
Wissenschaft und Kunst. Über das Recht des einen oder 
anderen dieser Zweige der Ethnologie auf Selbständigkeit sind 
die Meinungen noch geteilt, insbesondere wird die Wirtschafts- 
lehre oft nur als ein Bestandteil der Ergologie angesehen und 
der vergleichenden Rechtskunde bald innerhalb der Soziologie, 
bald innerhalb der Lehre von der Geisteskultur der Platz an- 
gewiesen. In bezug auf den geistigen Kulturbesitz hat die Er- 
forschung der religiösen Regungen und Betätigungen des 
Menschen am frühesten eingesetzt und sich ebenfalls bereits zu 
einer gewissen Selbständigkeit durchgerungen, so daß man in 
der Tat von einer vergleichenden Religionswissenschaft 
sprechen kann, besonders seitdem man sich in der Erforschung 
der Religionen von den theologischen Einflüssen frei zu machen 
gewußt hat. Zur Lehre von der geistigen Kultur gehört, und 
zwar nicht an letzter Stelle, auch die vergleichende Sprach- 
forschung, soweit ihr nicht nur die verwandtschaftlichen Be- 
ziehungen der Sprachen und Dialekte, sondern die in dem Bau 
und dem Inhalte der Sprachen zum Ausdrucke gelangende Kultur- 
höhe als Eorschungsziel vorschweben. Aber auch die Sprachen- 
verwandtschaft selbst gibt für die Geistesverwandtschaft und Kultur- 
zusammengehörigkeit der Völker wichtige Fingerzeige. 

Die Definitionen der Wissenschaft, mit der wir uns jetzt zu beschäftigen 
haben, sind leider noch nicht ganz feststehend. Es herrschen in dieser Hin- 
sicht oft noch ganz gegensätzliche Anschauungen zwischen den einzelnen For- 
schern. Die englische Schule z, B. bezeichnet mit dem Sammelbegriffe Anthro- 
pologie jenes Wissensgebiet, welches unter Ethnologie und Ethnographie in 
diesem Buche verstanden wird. Die französischen Forscher, z. B. D'Ujfalvy, 
schlössen in die Ethnologie die (physische) Anthropologie, die Biologie, Prä- 
historik, Ethnographie, Linguistik, Demographie (Soziologie), Geschichte und 
selbst die Geographie ein! Morselli machte den Vorschlag, den Begriff Ethno- 
logie auf das Studium der menschlichen Rassen unter vorwiegend natur- 
wissenschaftlichem und zoologischem Gesichtspunkt zu beziehen, 
während die Ethnographie die am besten geographisch geordnete Beschreibung 
des Kulturbesitzes der Völker zu liefern hätte. 

Im allgemeinen kann man aber sagen, daß wenigstens im Bereiche der 
deutschen völkerkundlichen Forschung nunmehr über diese Begriffe doch so 
ziemlich eine Einigung erzielt ist, und es Avird einem späteren Zeitpunkte 
vorbehalten sein müssen, durch eine internationale Verständigung unserer 
zweifellos richtigen Definition allgemeine Annahme und Verbreitung zu ver- 
schaffen. 



Geschiclitliclios 3 

II. Geschiclitliclies 

Die vergleichende Völkerkunde ist eine noch junge Wissenschaft 
im Gegensatze zur beschreibenden Völkerkunde (Ethnographie), 
deren Vorläufer in die Antike zurückreichen. Besitzen doch die 
Völkerbeschreibungen eines Herodot, Xenophon, Strabo, 
Cäsar, Tacitus noch heute einen nicht zu unterschätzenden 
ethnographischen Wert. Dagegen reicht die Ethnologie über den 
Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nach Christi kaum zurück. 
Ihre Anfänge bestanden in Zusammenstellungen und Vergleichen 
der Sitten der Wilden, wie sie z. B. der Jesuit Lafitau in seinen 
viel gelesenen „Moeurs des Sauvages Ameriquains" im zweiten Jahr- 
zehnt des genannten Jahrhunderts der französischen Leserwelt dar- 
bot. Vor allem waren es die Probleme des geistigen Kulturbesitzes, 
insbesondere der religiösen Vorstellungen und Betätigungen, die den 
Forschungseifer anregten und die ältesten ethnologischen Spezial- 
arbeiten entstehen ließen. Das vom Präsidenten de Brosses im 
Jahre 1766 veröffentlichte Werk über den Fetischismus kann 
wohl als die früheste wissenschaftliche Einzeluntersuchung auf reli- 
gionskundlichem Gebiete angesehen werden. 

Es würde den Rahmen des vorliegenden Buches weit über- 
schreiteo, eine eingehende geschichtliche Darstellung des Entwick- 
lungsganges der vergleichenden Völkerkunde geben zu wollen. Wir 
müssen uns daher darauf beschränken, nur die Namen der wich- 
tigsten neuzeitlichen Forscher, die in den einzelnen Zweigen bahn- 
brechend gewirkt haben, anzuführen. 

Die gesellschaftlichen Einrichtuogen wurden vom ethno- 
logischen Standpunkt aus verhältnismäßig erst sehr spät erfaßt und 
studiert. Die französische Aufklärungsphilosophie des achtzehnten 
Jahrhunderts trug daran viel schuld, da sie die sozialen Zustände 
der Naturvölker vom Gesichtswinkel ihres Systems aus behandelte, was 
zu einer Idealisierung des Naturzustandes und einer vollkommenen 
Verkennung der wirklichen Verhältnisse führte. Erst Bachofen 
gelang es, mit seiner Entdeckung des Mutterrechtes (1861) der sozio- 
logischen Forschung neue Wege und Ausblicke zu eröffnen, wenn 
auch seine eigenen Ans chten über die Gesellschaftsbildung den 
späteren eingehenden Untersuchungen auf dem Gebiete nicht stand- 
hielten. In der Gesellschaftslehre entwickelte sich dann schnell eine 
eifrige Forschungstätigkeit. Vor allem haben sich der Schotte John 



4 Einführung- in die vergleichende Völkerkunde 

Ferguson Mac Lennan und der Amerikaner Lewis Morgan 
um den Ausbau dieses wichtigen Zweiges der Völkerkunde sehr 
verdient gemacht. Aus der neueren und neuesten Zeit wären die 
Namen Crawley, J. G. Frazer, Hartland, Starcke, R. S. 
Steinmetz und Edward Wester marck besonders zu nennen. 

In jeder Geschichte der vergleichenden Völkerkunde müssen 
aber zwei Männer an erster Stelle genannt werden, deren Forschungen 
und Arbeiten das Gesamtgebiet der Wissenschaft umfaßten, wenn 
auch einzelne Zweige von ihnen besonders kultiviert und gefördert 
wurden. Es sind dies Bastian und Tylor. Bastian verdanken 
wir die erste Ergründung der Gesetzmäßigkeiten, die das geistige 
Leben der Völker und die Entwicklung der Kultur beherrschen. 
Von ihm stammen die Begriffe des Elementargedankens, das 
ist aller jener Kulturgüter, zu denen der Mensch aus sich selbst 
heraus, auf allen Räumen und ethnischen Gebieten selbständig 
gekommen ist, und des Völkergedankens, jener Kulturbesitz- 
türaer, die für bestimmte Völker und Gruppen charakteristisch sind, 
welche zumeist ein durch besondere Eigentümlichkeiten gekenn- 
zeichnetes und räumlich begrenztes Gebiet (geographische Provinz) 
bewohnen. Dem Völkergedanken steht der Begriff der Entleh- 
nung von Kulturgütern, wie er durch Ratzel später ausgebildet 
wurde, gegenüber. Der letzteren sehr ähnlich, doch genetisch von 
ihr scharf zu trennen ist die Konvergenz: die vollständige oder 
teilweise Übereinstimmung von Kulturgütern oder ganzer Kultur- 
kreise infolge innerer Momente (v, Luschan). 

Leider sind die Verdienste Bastians wegen seiner verworrenen 
Schreibweise selbst von den Fachgenossen nur wenig erkannt und 
gewürdigt. Einer viel größeren Verbreitung und Verwertung haben 
sich dagegen die durch Verarbeitung eines außerordentlichen reichen 
Urmateriales mit exakter Quellenangabe und klarer Beweisführung 
ausgezeichneten Arbeiten Edward Tylors zu erfreuen, die eben- 
falls das Gesaratgebiet der Ethnologie umfassen, für einzelne Zweige 
derselben aber geradezu grundlegend geworden sind. Auf religions- 
kundlichem Gebiet ist die Begründung der Lehre vom Animis- 
mus, als dem ursprünglichsten Zustande der Religion, auf sozio- 
logischem die Erschließung der Ursachen und Bedeutung der bisher 
rätselvollen Einrichtungen des Männerkindbettes und des 
Totemismus dem genannten Forscher besonders zu danken. 
Dagegen sind die seinerzeit viel gelesenen, jedoch ziemlich ober- 



Ursprung und Formen der menschlichen Gesellschaft 5 

flächlich gehaltenen und vor allem einer strengen Quellenkritik ent- 
behrenden Werke von Tylors Landsmann John Lubbock (später 
Lord Avebury) für die Förderung der Ethnologie von nur geringer 
Bedeutung gewesen. 

Aus dem Gebiete der Gesellschaftslehre, der Sprach- und 
Religionswissenschaft müssen unbedingt noch die Namen Herbert 
Spencer und Wilhelm Wundt, sowie H. Steinthal hier Er- 
wähnung finden. Wenn auch keiner von ihnen ein zünitiger Ethno- 
loge war, vielmehr die beiden ersten von Haus aus Philosophen,, 
der letzte Sprachforscher war, so hat ihnen dennoch die Völker- 
kunde unendlich viel zu danken, da sie zuerst die Methoden und 
Erfahrungen der Philosophie — insbesondere der Psychologie — 
und der Linguistik auf die ethnologischen Erscheinungen anwendeten 
und über manche derselben auf diesem Wege viel neues Licht ver- 
breiteten. Die Völkerpsychologie Wun dts (von Krueger Entwick- 
lungspsychologie genannt) ist übrigens eine im wesentlichen den 
sozialen und geistigen Teil der menschlichen Kultur umfassende 
vergleichende Völkerkunde. 

Die Wirtschaftslehre wurde von entwicklungsgeschichtlich ethno- 
logischen Gesichtspunkten aus von Karl Bücher neu geschaffen, 
nachdem einzelne Fragen des Faches von Schurtz und anderen 
schon früher eingehender behandelt worden waren. Die vergleichende 
Rechtskunde wurde von Post begründet, der sich jedoch wie sein 
Nachfolger Kohler von den Fesseln der historischen Jurisprudenz 
noch nicht recht frei zu machen vermochte. 

Die sogenannte Kul tur kr ei slehre, welche in der ethno- 
logischen Forschung des heutigen Tages eine Hauptrolle spielt^ 
wurde von Leo Frobenius begründet und von Graebner, 
Foy, Ankermann und P. Wilhelm Schmidt weiter ausgebaut. 

III. Ursprung und Formen der menschlichen 
Oesellsclmft 

Um das Wesen der menschlichen Gesellschaft und ihre Ent- 
stehung zu verstehen, empfiehlt es sich, von den beiden durch die 
Natur gegebenen Möglichkeiten der Vereinigung der einzelnen Indivi- 
duen zu Verbänden auszugehen. Die eine ist das auf dem Geschlechts- 
triebe beruhende, zeitlich beschränkte oder dauernde Zusammenleben 
von Personen verschiedenen Geschlechtes, die andere ist die aus 



6 Einfülirung in die vergleicliendo Völkerkunde 

Sympathie begründete Vereinigung gleichgeschlechtlicher Individuen. 
Auch für diese hat Schurtz als Ursache eine natürliche Veran- 
lagung, einen „Geselligkeitstrieb" angenommen. Dem Sexual- 
triebe verdanken ihre Entstehung die blutverwandtschaft- 
lichen Organisationen: Familie, Sippe, Horde, Stamm im 
engeren Sinne und die teils soziale, teils wirtschaftliche Ein- 
richtung der Ehe; dieser Kategorie von Verbänden stehen als 
aus dem Geselligkeitstriebe hervorgegangene Vereinigungen von Per- 
sonen gleichen Geschlechts die Altersklassen und Männer- 
bünde gegenüber. 

Die ältere Schule der Soziologen, vor allem Bachofen, 
Mac Lennan, Morgan, Post usw. nahm als Ausgangspunkt 
aller gesellschaftlichen Entwicklung ein urzeitliches Stadium all- 
gemeiner Promiskuität (Weibergemeinschaft) an, in welchem 
dem Geschlechtsverkehr innerhalb der Gruppe noch keinerlei Rück- 
sichten und Schranken auferlegt waren. Ein festeres Band bestand 
nur zwischen den Frauen und Kindern, und dies wäre der Ursprung 
der späteren mutterrechtlichen Familie. Ein die Befriedigung des 
geschlechtlichen Bedürfnisses überdauerndes Zusammenleben von 
Mann und Weib sei nur in den seltensten Fällen vorgekommen. 
Aus dieser hetäristischen Stufe sei die Einrichtung der eigentlichen 
Ehe und der (vaterrechtlichen) Familie erst nach und nach ent- 
standen. 

Mac Lennan unterschied vier aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen : 
^Promiskuität, Polyandrie, Monogamie, Polygynie (Polygamie). Die Polyandrie 
teilte er wieder in zwei Stadien: das ältere, mutterrechtliche oder den Näir- 
Typus; und das jüngere vaterrechtliche oder den tibetanischen T3rpus, 

Diese ältere Anschauung ist heute so ziemlich allgemein auf- 
gegeben, seitdem Westermarck nachgewiesen hat, daß die Familie, 
bestehend aus Mann, Weib und Kind, schon im Tierreiche bei 
den Primaten existiert und höchstwahrscheinlich auch schon der 
erste gesellschaftliche Verband gewesen ist. Ein urzeitliches Stadium 
der Promiskuität hat es sicherlich nicht gegeben. Bei den 
Spuren davon, die man in den Sitten der heutigen Naturvölker wie 
in den historischen Überlieferungen aus dem Altertume zu entdecken 
glaubte, handelt es sich durchwegs um Verwechslungen mit der 
Freiheit der Mädchen im Geschlechtsverkehr vor der Ehe, wodurch 
selbstverständlich die eigentliche Gesellschaftsbildung in keinerlei 
Weise beeinflußt worden zu sein braucht. 



Ursprung- und Formen der menschlichen Gesellschaft 7 

Auch die von Morgan aufg-estellte Hypothese einer urzeitlichen „Gruppenehe" 
hat ihren Ursprung- nur in einer mißverständlichen Auslegung- des sogenannten 
klassifizierenden Verwandtschaftssystems, wobei ganze Gruppen 
von Personen sich gegenseitig als Ehemann und Ehefrau, Vater und Mutter, 
die Kinder aller Mitglieder dieser Gruppen sich als Brüder und Schwestern 
bezeichnen. Diese Kollektivnamen bedeuten lediglich Altersunterschiede und 
beziehen sich in keiner Weise auf geschlechtliche Gemeinschaftsbeziehungen. 
Allerdings war in der primitiven Familie das Band zwischen 
Mann und Frau ein sehr loses und andererseits jenes zwischen 
Frau und Kindern ein desto festeres. Es blieb deshalb noch ein 
weiter Weg zurückzulegen, bis aus dieser doch noch ziemlich lockeren 
Vereinigung der Geschlechter jene soziale, wirtschaftlich und recht- 
lich wohl umschriebene und bedeutungsvolle Einrichtung sich ent- 
wickelte, die von uns als Ehe bezeichnet wird. 

Als Rest der „Gruppenehe" Avurde von Howitt und anderen Forschern 
auch das Pirrauruverhältnis der Dieri und anderer zentralaustralischer Stämme 
angesprochen, welches den in Einzelehe lebenden Männern akzessorische Frauen 
beistellt, den unverheirateten Männern aber bestimmte Rechte über die Ehe- 
frauen anderer Männer verleiht. Die Männer einer Pirraurugruppc sind in der 
Regel leibliche Brüder, die Frauen leibliche Schwestern. 

Wenn auch die durch das Blutband zwischen Mutter und Kindern 
von vornherein gegebene mutterrechtliche Form der Familie zweifel- 
los die älteste sein dürfte, so erscheint es doch keineswegs zwingend, 
anzunehmen, daß alle Völker die gleiche Entwicklung durchgemacht 
haben müssen. Die Möglichkeit, daß auch vaterrechtliche Formen 
ein sehr großes Alter besitzen, ja sogar auch ursprünglich sein 
können, ist nicht von der Hand zu weisen. Dies hat z. B. P, Schmidt 
für die Pygmäen und Pygmoiden nachgewiesen. 

Auch ist man vielfach mit Schurtz geneigt, die Ausbildung 
des Mutterrechtes als eine sekundäre Erscheinung, als eine Folge 
der zu Männerbünden sich entwickelnden Altersklassen anzusehen, 
wodurch die Frau vom Manne isoliert und zum Mittelpunkte der 
aus ihr und den Kindern bestehenden mutterrechtlichen Familie 
gemacht wird. Es bleibt dahingestellt, ob letztere Auffassung des 
Mutterrechtes als einer Degenerationserscheinung aufrechtzuerhalten 
sein wird. 

Man fühlt sich allerdings versucht, die bei den Arunta und anderen zentral- 
australischen Stämmen von Spencer und Gillen festgestellte und in neuester 
Zeit von Rivers auch aus Melanesien nachgewiesene Unkenntnis des 
Zusammenhanges zwischen Geschlechtsverkehr und Konzep- 
tion zugunsten der Priorität des Mutterrechtes zu deuten. Doch hängen 
andererseits diese Vorstellungen eng mit dem Totemismus zusammen, von 



8 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

welchem in einem späteren Abschnitt noch ausführlich die Rede sein wird ; es 
ist überhaupt zweifelhaft, ob die Zustände bei den Arunta gegenüber anderen 
Australiern noch als primär anzusehen sind. 

Charakteristisch für die mutterrechtliche Familie ist, daß die Kinder zum 
Stamme der Mutter gehören und der Vater keine Rechte über sie besitzt; 
vielmehr ist es der älteste Mutterbruder, der die ganze maßgebende Macht 
über sie ausübt. Auch das Erbrecht ist in diesem Sinne geregelt, daß die Erb- 
schaft niemals vom Vater auf die Kinder, sondern auf die Nachkommen 
der leiblichen Schwester übergeht: das sogenannte Neffenerbrecht. Das 
Mutterrecht oder die Mutterfolge wird häufig mit Prauenherrschaft zu- 
sammengeworfen und verwechselt, einem auf primitiven Stufen wohl nirgends 
anzutreffenden Zustand. Es ist sogar recht fraglich, ob die Andeutungen von 
Gynäkokratie in den Sagen und historischen Überlieferungen der Kulturvölker 
je einen realen Hintergrund gehabt haben oder nicht bloße Fabeln sind. 

Mannigfache Übergänge und Zwischenstufen verbinden die mutter- 
rechtliche Familie mit der vaterrechtlichen. Viele davon harren noch 
ihrer näheren Erforschung und Entzifferung. So wird die bereits 
erwähnte merkwürdige Sitte der Couvade (des Männerkind- 
bettes) von vielen Autoren als eine solche Zwischenstufe zwischen 
der matriarchalen und der patriarchalen Organisation angesehen. 
Man betrachtet sie als einen symbolischen Akt der öffentlichen An- 
erkennung der Vaterschaft an dem neugeborenen Kinde, obwohl auch 
das Mitwirken religiöser Momente bei dem Zustandekommen nicht 
in Abrede gestellt werden kann. Eines der wichtigsten ursäch- 
lichen Momente für die Entstehung der vaterrechtlichen Familie 
war jedenfalls der Zerfall der auf dem Altersklassenprinzip auf- 
gebauten Männergesellschaften, wodurch die verheirateten Stammes- 
mitglieder von den durch diese Organisationen ihnen auferlegten 
Verpflichtungen befreit wurden und nun sich erst ihren Familien 
enger anschließen konnten. Die Befestigung der familiären Bande 
hatte naturgemäß zur Folge, daß der Mann in der Familie auch 
größeren Einfluß gewann und den Mutterbruder allmählich aus der 
ihm durch das Mutterrecht gegebenen Stellung verdrängte. 

Hält man daran fest, daß die Urzelle der Gesellschaft bereits 
die Familie war, so ergibt sich sofort die weitere Frage, ob die 
letztere eine monogame oder polygame war. Obwohl manche 
tiefstehenden Naturvölker der Gegenwart (Wedda auf Ceylon, 
Mincopie auf den Andamanen, Kubus auf Sumatra, afrikanische 
Pygmäen) sich mit einem Weibe begnügen, so läßt sich dennoch nicht 
mit Sicherheit daraus schließen, daß in der Urzeit die Einehe 
allgemein gewesen sei. Andererseits läßt sich ebensowenig behaupten, 



Ursprung- und Formen der menschliehen Gesellschaft 9 

daß die Polygamie (Vielehe) die ursprüngliche Eheform gewesen 
sein muß. Zweifellos waren es äußere Umstände: die wirtschaft- 
lichen Verhältnisse der männlichen Stammesmitglieder und das 
Zahlenverhältnis zwischen beiden Geschlechtern , welche das Vor- 
herrschen der einen oder der anderen Eheform bestimmten. War 
z. B. die Zahl der weiblichen Mitglieder in der Horde oder im 
Stamm genügend groß, vor allem aber größer als die der männ- 
lichen, so war wohl die Vielehe die natürliche Folge davon. Es 
erscheint gewagt, die, wie erwähnt, bei den Pygmäen und Pygmoiden 
vorkommende Monogamie als durch sittlich-soziale Gründe veran- 
laßt anzusehen. Sicherlich liegen ihrem Vorkommen nur rein wirt- 
schaftliche Momente und das Gebot der Not zugrunde. 

Die merkwürdige Einrichtung der Polyandrie oder Viel- 
männerei, welche, wie bereits oben erwähnt, Mac Leuna n für 
ein Stadium hielt, das alle Völker bei ihrem sozialen Aufsteigen 
aus der ursprünglichen Promiskuität durchlaufen hätten, ist eben- 
falls sicherlich keine ursprüngliche Einrichtung und kein Überrest 
einer ehemals bestandenen Gruppenehe. Ihre Ursache liegt 
vielmehr, wie eine nähere Betrachtung der Verhältnisse bei den 
Völkern und Stammesgruppen, wo die Polyandrie sich heute noch 
erhalten hat (Nairen der Malabarküste, Todas in den Nilagiris, 
Tibetaner, verschiedene Himalayavölker) ebenso wie bei der Mono- 
gamie in rein örtlichen und wirtschaftlichen Momenten. 

Meistens ist dann die Frau gemeinsames Eigentum einer Familie von 
Brüdern und das Hauptmotiv der seltsamen Sitte darin zu suchen, um jeder 
Güterentäußerung infolge des Erbganges entgegenzutreten. Das Kind oder die 
Kinder, weiche aus einer solchen polyandrischen Verbindung hervorgehen, erben 
gemeinsam das Eigentum ihrer Eltern. 

Auch die scharfe Unterscheidung zwischen der Endogamie^ 
der Sitte, nur Weiber aus dem eigenen Stamme zu ehelichen, und 
der Exogamie, wo die Braut aus fremdem Stamme entnommen 
wird, dürfte dem Urmenschen schwerlich schon zum Bewußtsein 
gekommen sein. Man wird sich eben die Frauen dort geholt haben, 
wo man sie bekommen konnte. Frauenmangel im eigenen Stamme 
infolge Tötung weiblicher Neugeborener mag ebenfalls mit im Spiele 
gewesen sein (Mac Lennan). Das Verbot der Ehe unter Bluts- 
verwandten ist eine Begleiterscheinung der mutterrechtlichen Familie 
und sicher späteren sekundären Ursprunges. 

Eine mit der Exogamie zusammenluängende, aber noch keineswegs befriedi- 
gend erklärte Erscheinung auf sozialem Gebiete sind die australischen Heirats- 



10 Einführung in die vergleichende VöUvcrkuiule 

klassen. Jeder Stamm besteht aus zwei Hauptabteilungen oder Phratrien, 
jede derselben ist wieder in zwei, vier oder selbst acht Heiratsklassen geteilt. 
Diese Gruppen sind streng exogam. In keinem Falle ist es Angehörigen der- 
selben Phratrie oder derselben Heiratsklasse gestattet, einander zu heiraten. 

Ebensowenig wie Endo- und Exogamie bestimmte Typen der primi- 
tiven Ehe darstellen, können die beiden Hauptarten der Erwerbung 
der Frau durch Raub oder Kauf als besondere Eheformen an- 
gesehen werden. Sie sind, wie Wilutzky richtig bemerkt, nur 
besondere Arten des Eheschließungsaktes und können sowohl im 
mutterrechtlichen wie im vaterrechtlichen Stadium der Familie vor- 
kommen. Doch ist nicht zu leugnen, daß Raub- und Kaufehe in 
letzterem weitaus häufiger sind als zur Zeit des Mutterrechtes. 

Große Bedeutung für die Gesellschaftsbildung besitzen die 
bereits erwähnten, nicht auf Geschlechtsliebe, sondern auf Sym- 
pathie beruhenden Organisationen der Männer, mit denen Schürt z 
als erster sich eingehend beschäftigt hat, und die eine Einteilung 
der Horde nach Altersklassen zur Folge haben. Unter diesen 
spielen die Klassen der Jünglinge und die der erwachsenen, noch 
nicht verheirateten Männer eine Hauptrolle. Diese Organisations- 
formen waren es, welche auch jene scheinbar hetäristischen Ver- 
hältnisse im Geschlechtsverkehr schufen, die der Lehre von der 
ursprünglichen Promiskuität die Unterlage geliefert haben. Ins- 
besondere gilt dies von den sozialen Zuständen auf einzelnen Insel- 
gruppen in Mikronesien (Yap, Palau) und bei ostafrikanischen 
Hirtenstämmen (Massai). Eine charakteristische Eigentümlichkeit 
dieser Organisationen ist das sogenannte Männerhaus, in welchem 
die geschlechtsreifen Jünglinge und die ledigen Männer bei Tage 
sich aufhalten und die Nächte zubringen, wo aber auch die Beratungen 
stattfinden und alle wichtigen Angelegenheiten des Dorfes oder des 
Stammes entschieden werden. 

Charakteristisch für die Organisation nach Altersklassen sind bei den 
primitiven Stämmen aller Erdteile gewisse beim Eintritte der Knaben und 
Mädchen in das Pubertätsalter geübte Zeremonien verschiedener Art, welche 
oft mit barbarischen Martern und grausamen Verstümmelungen verbunden sind 
(Initiationsbräuche). 

Die Männergesellschaften wandelten sich später an vielen Orten 
infolge des Hinzutrittes religiöser und wirtschaftlicher Beweggründe 
in Klubs und Geheim b finde um, die in manchen Fällen auch 
die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und die Rechtspflege 
besorgen. Knüpft diese gesellschaftliche Umbildung unmittelbar an 



Ursprung- und Formen der menschlichen Gesellschaft n 

die Einrichtung des Männerhauses an, dann entsteht das Klubwesen, 
das sich besonders in Melanesien zu großer Blüte entfaltet hat. 
Die Altersklassen verlieren bei ihrer Umbildung in Klubs einen 
Teil ihres ursprünglichen Inhaltes und Sinnes, daiür treten neue 
Zwecke an die Stelle der alten. Wenn bei dieser Umbildung 
schließlich der Klub alle erwachsenen Männer ohne Unterschied 
der Altersklassen umfaßt, sonst aber nur ein System von Graden 
enthält, deren höhere Stufen gegenüber den niederen mit einem 
Geheimnis umkleidet sind, wobei Nichtmitgliedern der Zutritt zum 
Klub und zu seinen Zusammenkünften und Festlichkeiten versagt 
bleibt, entsteht der Geheimbund, welcher in weiterer Ausbildung 
sich äußerer Mittel bedient, um namentlich Frauen und Sklaven 
einzuschüchtern und fernzuhalten. 

Wiewohl die Altersklassen und Geheimbünde soziale Einrich- 
tungen sind, welche hauptsächlich in dem männlichen Teile des 
Stammes ihre Stütze und Verbreitung finden, so haben analoge 
Bestrebungen auch in der weiblichen Hälfte desselben — wenn auch 
nicht mit derselben Intensität — sich geltend gemacht und ins- 
besondere in Afrika zur Entstehung von ausschließlich aus Frauen 
zusammengesetzten Geheimbünden geführt. 

Außer der natürlichen oder Blutsverwandtschaft gibt es noch eine künst- 
liche, von welcher sich wieder verschiedene Unterformen unterscheiden lassen. 
Eine der bekanntesten ist die Milchverwandtschaft, welche zustandekommt, 
wenn zwei blutsfremde Kinder an ein und derselben Frauenbrust aufg-ezogen 
werden. Die Müchverwandtschaft geht häufig in die Pllegeverwandtschaft 
(Fosterage) über, wobei der Milchsohn auch nach der Entwöhnung in der Familie 
der Ziehmutter verbleibt. Künstliche Verwandtschaft ist auch die Blutbrüde r- 
schaft, welche durch den zeremoniellen g-eg-enseitigen Genuß des Blutes der 
Bruderschaft schließenden Teile zustande kommt und eine nahezu universelle 
Verbreitung- genießt. Aus diesen primitiven Riten ist die Annahme an Kindes- 
statt oder Adoption hervorgegangen, die im Familienreeht der Halbkulturvölker 
und der Kulturnationen der Gegenwart eine wichtige Rolle spielt. 

Die Anfänge des Staatslebens scheinen, wie ein bahn- 
brechender Historiker der Gegenwart, Eduard Meyer, zuerst 
erkannt hat, auf die männergesellschaftlichen Organisationen der 
Urzeit zurückzugehen und haben mit der blutsverwandtschaftlichen 
Gruppierung der Familie und Sippe wenig zu tun. Auf alle Fälle 
sind sie mit der Entwicklung der Häuptlingschaft eng verknüpft. 
Der Ursprung der letzteren ist ein zweifacher. Neben dem Sippen- 
häuptling, gewöhnlich dem Ältesten einer Familie oder einer größeren 
durch Blutsverwandtschaft zusammenhängenden Gruppe, steht selb- 



12 Einführung' in die vergleichende Völkerkunde 

ständig das meist frei gewählte Oberhaupt der Altersklassen und 
Männergesellschaften. Während der Sippenhäuptling mehr für die 
Aufrechterhaltung der Ordnung im Dorfe oder in der Horde zu 
sorgen hat, bestehen die Aufgaben des Oberhauptes der Männer- 
gruppe in der Anführung des Stammes in Jagd und Krieg. Manch- 
mal bestehen beide Typen selbständig nebeneinander bis in späte 
historische Zeitabschnitte hinein; häufiger jedoch ist eine Ver- 
schmelzung eingetreten, und der Häuptling hat dann die Stammes - 
angelegenheiten in Friedenszeiten zu leiten und gleichzeitig Heer- 
führer und Richter zu sein. 

Die Macht des Oberhauptes war anfänglich, sehr gering und 
keineswegs von seinem Amte, sondern nur von seinen persönlichen 
Eigenschaften abhängig; Individuen, die sich durch physische Stärke 
auszeichneten oder als besonders geschickte Zauberer gefürchtet 
waren, wußten sich naturgemäß leichter Ansehen und Gehorsam 
zu verschaffen. Stets aber hatte die Volksversammlung bei öffent- 
lichen Angelegenheiten ein gewichtiges Wort mit dreinzureden; 
bedurfte schon der Sippenhäuptling der Zustimmung der Sippen- 
genossen bei Durchführung seiner Anordnungen, so mußten auch 
die Mitglieder der Altersklassen und Männergruppen um ihre Mei- 
nung gefragt werden, bevor ihr Haupt bindende Aufträge erlassen 
konnte. 

Der einzige soziale Unterschied auf der primitiven Stufe ist 
die Sklaverei, die auf Unterwerfung im Kampfe beruht, in hohem 
Maße aber schon von der Wirtschaftsform des betreffenden Volkes 
abhängig ist. Sie fehlt deshalb bei den unsteten Stämmen (die 
ihre Gefangenen gleich töten) zumeist noch ganz, bei Ackerbau 
treibenden seßhaften Völkern ist sie aber sehr bald zu hoher Bedeu- 
tung gelangt, namentlich in wirtschaftlicher Hinsicht. 

Andere Klassenunterschiede entwickeln sich erst später, wenn 
nach erfolgter Ausbildung und Erblicherklärung der Häuptlings- 
würde die Familienangehörigen der Oberhäupter eine eigene Gruppe 
im Stamme bilden. Diese hebt sich dann von den übrigen Stammes- 
mitgliedern scharf ab, oder es bleibt — wie es oft bei der Unter- 
werfung eines ganzen Volkes durch ein anderes der Fall ist — die 
Gesamtmasse der Sieger von jener der Besiegten trotz des Zusammen- 
oder Durcheinanderwohnens auf die Dauer sozial getrennt (z. B. 
Wahima und Watussi im Gebiete der oberen Nilquellen). So ent- 
steht der älteste Adel. Außer dieser Schichtung der Gesellschaft 



Formen und Entstehung' der menschliclien Wirtschaft 13 

gibt es eine zweite nach Berufsgrupp-en, die jedoch nur von 
beschränkter Verbreitung ist und deren bekannteste Vertreter die 
Kasten sind, welche namenthch im heutigen Indien sich fast 
ins unbegrenzte entwickelt haben. Doch scheint die Berufsgruppie- 
rung allein nicht die Unterschiede in den Kasten erklären zu können, 
und zweifellos hat auch verschiedene ethnographische Abstammung 
bei Entstehung derselben eine wichtige Rolle gespielt. 

lY. Formen und Entstehung der nienscliliclien 

Wirtschaft 

Die Nahrungsgewinnung allein ist für die menschliche Wirt- 
schaft wohl von hoher Bedeutung, bestimmt jedoch nicht ausschließ- 
lich deren Wesen und Typus. Zur Wirtschaft gehören alle Mittel, 
deren sich der Mensch bedient, um sich die zu seiner Lebens- 
führung unentbehrlichen oder doch wertvollen materiellen Güter zu 
verschaffen. Die sozialen Zustände und die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse stehen miteinander in inniger Wechselwirkung, so daß der 
Versuch Grosses, jeder Form der Familienbildung eine bestimmte 
Wirtschaftsform als eigentümlich zuzuweisen, seine volle Berechti- 
gung hat. 

Die Befriedigung der wirtschaftlichen Bedürfnisse war ferner 
für die Entstehung und das Vorwärtsschreiten der Kultur schon 
deshalb von hoher Wichtigkeit, weil dadurch zuerst eine Art von 
Arbeitsverteilung (nach dem Geschlechte) geschaffen wurde, der auf 
einer späteren Entwicklungsstufe die Teilung der gesamten Güter- 
produktion nach Berufen nachfolgte. 

Die einzelnen Wirtschaftsformen genau gegeneinander abzu- 
grenzen und ihre zeitliche Aufeinanderfolge zu bestimmen, hat sich 
jedoch vorläufig als eine Unmöglichkeit erwiesen. Das bis in das 
klassische Altertum auf Plato und Dikäarch zurückgehende und 
in die neuere Nationalökonomie insbesondere durch Friedrich 
List als ein Axiom eingeführte Dreistufenschema: „Jagd — Vieh- 
zucht — Ackerbau" ist nunmehr wohl endgültig aufgegeben. Eine den 
natürlichen Verhältnissen viel näher kommende Einteilung ist die 
von Friedrich, welcher vier Wirtschaftsstufen : 1. die des Reflexes 
oder der Sammelwirtschaft, 2. des Instinktes, 3. der Tradition und 
4. der Wissenschaft unterscheidet. Auf der Wirtschaftsstufe des 
Reflexes oder der Sammelwirtschaft steht der Mensch dem Tiere 



14 Eiufülirung- in die vergleichende Völkerkunde 

noch sehr nahe und ganz unter dem Naturzwang. Doch auch diese 
Klassifikation befriedigt nicht ganz, da sie dem wirklichen Formen- 
reichtum der menschlichen Wirtschaft keineswegs ganz gerecht wird. 
Deshalb begnügt man sich in der neuesten Zeit, in der Wirtschafts- 
lehre dem Begriffe der aneignenden oder Sammel Wirtschaft die 
Produktionswirtschaft gegenüberzustellen, bei welcher der 
Mensch durch seine Aktivität sich von den Launen der Natur und 
den Zufälligkeiten der Sammlertätigkeit unabhängig gemacht hat. 
In den Bereich der Sammelwirtschaft (wo nur die von der Natur 
im Pflanzen- und Tierreiche ohne Zutun des Menschen dargebotenen 
Gaben verwertet werden) gehören die meisten Jäger- und Fischer- 
stämme. Reine Sammler sind jedoch nur noch wenige von 
ihnen, vor allem die Mehrzahl der Pygmäen und Pygmoiden, da 
die Kenntnis und Übung der Bodenbestellung wenigstens in ihren 
rohesten Formen jetzt selbst den primitivsten Stämmen kaum mehr 
gänzlich fremd ist. Eine Ausnahme machen die durch die beson- 
ders ungünstigen klimatischen Verhältnisse des Wohngebietes daran 
gehinderten West- und Zentralaustralier und Polarvölker. Auffällig 
ist andererseits, daß ein Großteil der Pygmäen und Pygmoiden, 
obwohl das Moment der ungünstigen klimatischen Verhältnisse bei 
ihnen nicht zutrifft (z. B. zentralafrikanische Pygmäen, Zwergstämme 
von Neuguinea, Aetas der Philippinen), trotzdem auf der reinen 
Sammlerstufe verblieben sind. Je nach der Beschaffenheit des Landes 
wird auch bei der Sammlertätigkeit die eine oder die andere Form 
der Nahrungsgewinnung die Oberhand haben, so daß man inner- 
halb der Sammelwirtschaft von Jäger- und Fischervölkern sprechen 
kann. So sind die Tasmanier und Australier, die Buschmänner 
und zentralafrikanischen Pygmäen ausgesprochene Jäger, Feuer- 
länder und Nordwestamerikaner typische Fischerstämme. 

Die Wesenszüge der Produktionswirtschaft sind der Anbau 
von Nutzpflanzen, die Zähmung von Tieren und die Verwertung 
der so regelmäßig erlangten Rohprodukte im Haushalte. Die Erfin- 
dung der Bodenbestellung ist, darüber kann heutzutage kein Zweifel 
mehr obwalten, ein Verdienst des weiblichen Geschlechtes. Wäh- 
rend die Männer jagten und fischten, waren die Frauen von jeher 
in ihrer Nahrung vorwiegend auf Pflanzenstofife angewiesen. Sie 
müssen durch ihre Beobachtungen beim Aufsuchen und Einsammeln 
derselben auf den Gedanken gekommen sein, durch Einsetzen von 
Wurzeln, Knollen und Samen an bestimmten, leicht auffindbaren 



Formen und Entstehung' der menschlichen Wirtschaft 15 

Stellen sich die Mühe der Sammeltätigkeit zu erleichtern und einen 
ständigen Vorrat zu sichern. Die Bodenbestellung ist zwar bei 
Kulturvölkern und auch bei einem Großteil der Naturvölker schon 
seit langem zur Männersache geworden ; eine Erinnerung an die 
Anfänge besitzen wir aber noch immer in der Pflege des bäuer- 
lichen Haus- und Gemüsegartens durch die Hausfrau. 

Mit Hahn unterscheidet man jetzt allgemein zwei Haupttypen 
der Boden Wirtschaft: 1. niederen Ackerbau oder Hackbau 
welcher durch den Gebrauch der Haue zur Bearbeitung des Feldes, 
durch das Überwiegen des Anbaues von Knollengewächsen und 
Gemüsen charakterisiert ist und heute noch vorwiegend in Frauen- 
händen sich befindet, und 2, den eigentlichen Ackerbau oder 
die Pflugkultur, zu dessen Elementen außer der Anwendung 
des Pfluges die Benützung des Rindes als Zugtier, der Milchgenuß 
und die Männerarbeit gehören. Das Ursprungsland der Pflugkultur 
soll das alte Babylonien gewesen sein, wo nach der Hypothese 
Hahns die erste auf religiösen Motiven beruhende Zähmung des 
Rindes erfolgte. Diese scharfe begrifi"liche Scheidung beider Typen 
wird sich jedoch kaum aufrechterhalten lassen, da zahlreiche Ver- 
bindungsglieder zwischen ihnen nachgewiesen werden können und 
sich namentlich innerhalb des Rahmens der Pflugkultur an vielen 
Orten Reste des alten Hackbaues bis auf die Gegenwart erhalten 
haben. 

Eine besondere Unterform des Hackbaues stellt der primitive Gartenbau 
dar, der oft noch mit grobem Grabstock betrieben wird, wobei aber bereits 
die Männer mitarbeiten, insoferne sie die Bäume ausroden. Trotz seiner Primi- 
tivität hat er gewisse Berührungspunkte mit dem Gartenbau der Kulturvölker, 
welcher die intensivste Form der Bodenausnützung- darstellt. An die primitiven 
Verhältnisse erinnern bei ihm die Verzichtleistung auf das Zugtier und der 
Gebrauch des Spatens. 

Die Viehzucht ist für die Nahrungsmittelbeschaffung der 
Naturvölker stets nur von untergeordneter Bedeutung gewesen. 
Sicher ist sie zeitlich jünger als die Bodenwirtschaft. Selbst dort, 
wo sie eine selbständige, wohlausgeprägte Wirtschaftsform darstellt, 
wo es sich also um den durch die Zucht von Herdentieren (Rind, 
Pferd, Kamel, Renn) charakterisierten Nomadismus handelt, 
kommt dem Tiere im Verhältnis zur Zahl, in der es gehalten wird, 
doch nur eine verhältnismäßig geringfügige Rolle für den mensch- 
lichen Haushalt zu. Nur die Milch wird als Nahrung — aber 
auch sie nicht regelmäßig und allgemein — verwendet; gegessen 



IQ Einführung- in die verg-leicliende Völkerkunde 

werden aber meistens nur gefallene oder notgeschlachtete Tiere, 
so daß bezüs;lich der Fleischnahrung der Nomade beinahe ebenso 
oft dem Zufall anheimgegeben ist wie der Angehörige eines Jäger- 
stammes. Nur sehr schweren Herzens entschließt er sich, von seinen 
Herden ein Tier freiwillig zu opfern. Die Motive der Viehzucht 
sind eben oft keine rein wirtschaftlichen, sondern Liebhaberei, 
Freude am Besitz, Streben nach Schatzbildung, — also Momente, 
deren Vorhandensein und Wirkung dem Individualpsychologen, der 
sich mit der seelischen Anlage des Einzelmenschen beschäftigt, 
wohl bekannt sind, jedoch in bezug auf ihre völkerpsychologischen 
Ursachen und Tragweite noch der näheren Ergründung harren. 
Selbst bei den Nomaden der Steppe und des Nordens, die auf ihre 
Herden in weitaus größerem Maße angewiesen sind als die wegen 
der Nachbarschaft von Ackerbauvölkern weitaus günstiger gestellten 
Viehzüchter der gemäßigten Zonen und der Tropen, findet keine 
rationelle Ausnützung der in den Herdentieren enthaltenen wirt- 
schaftlichen Werte statt. 

Die Domestikation unserer Hauptnutztiere, vor allem des Rindes, ist trotz 
der Hahnschen Theorie noch immer unerklärt. Ganz besondere Schwierigkeiten 
bereitet die Erklärung der Steigerung der Milchprodukiion über die des wilden 
oder bloß gefangengehaltenen Tieres hinaus. Bisher hat uns die einzige hiezu 
berufene Wissenschaft, die Biologie, die Lösung dieses Rätsels nicht geben können. 
Nahrungs- und Genußmitte h Es gibt fast nichts in der Tier- 
und Pflanzenwelt, was nicht der Mensch in irgendeiner Form zum Genüsse 
heranzuziehen versucht hätte. Im Gegensatz zu den Tieren ist das Genus Homo 
im wahrsten Sinne omnivor. Natürlich schwankt die Art der Ernährung je 
nach der Wirtschaftsform, die vorliegt. Bei Jägervölkern spielt die Jagdbeute, 
bei Fischern Fische und Muscheln die Hauptrolle, während in beiden Gruppen 
die pflanzliche Zukost die Hauptnahrung der Frauen ausgemacht haben wird. 

Üb dem Kannibalismus, der zu allen Zeiten und in allen Erdteilen 
eine große Verbreitung hatte, bei der Ernährung tatsächlich eine Bedeutung 
zukommt, erscheint recht zweifelhaft. Die Ernährung durch Menschenfleisch 
konnte nur eine Ausnahme bilden, weil ja das für diesen Zweck erforderliche 
Angebot meistens nicht zur Verfügung stand. Auch gehörten gerade die ein- 
»•efleischtesten Anthropophagen (Menschenfresser) — wie z. B. viele Melanesier, 
die Maori, west- und innerafrikanische Negerstämme — keineswegs zu jenen 
Völkern, welche Mangel an animalischer oder vegetabilischer Nahrung litten. 
Sicherlich sind Aberglaube und Rachsucht die Hauptmotive bei der Entstehung 
der Sitte. 

Wenn von Nahrungsmitteln die Rede ist, kann das Salz nicht unerwähnt 
bleiben. Nach Bunge erzeugen die Kalisalze, die in der Nahrung, vor allem 
in der vegetabilischen, enthalten sind, im Organismus einen Mangel an Clilor- 
natrium, der ersetzt werden muß. Deshalb ist der Gebrauch des Kochsalzes 



Formen und Entstehung: der menschlichen Wii'tschaft 17 

den Jäg'ern und Hirten, die aussclilielMich oder größtenteils von Fleisch leben, 
unbekannt und findet sich hauptsächlich bei den ackerbautreibenden, vor- 
wiegend auf Pflanzenkost angewiesenen Völkern. Die Methoden der Salz- 
gewinnung sind sehr mannigfaltig, und das Salz ist auch Gegenstand eines 
schwunghaften Handels in Afrika und Asien. 

Die über den ganzen Erdkreis verbreitete Geophagie (Erdessen) ist auf 
verschiedene psychologische und selbst pathologische Ursachen zurückzuführen; 
als Avirkliches Nahrungsmittel kommt sie, da der p]rde ein eigentlicher Nähr- 
wert nicht zukommt, wohl nirgends in Betracht. 

Die Genußmittel sind ebenfalls schon fast so alt wie die Menschheit 
selbst. Natürlich sind die geistigen Getränke, die den Rauschzustand herbei- 
führen, die ältesten und die anderen Narkotika einer jüngeren Stufe angehörig. 
Von den Rauschgetränken dürfte der Fliegenschwammabsud der Kamtschadalen 
eines der ältesten und primitivsten sein; andere berauschende Getränke werden 
aus Getreidearten (wie Merissa oder Pombe der Neger) und aus gegorener Milch 
hergestellt. Andere Pflanzen, welche alkoholische Getränke den primitiven 
Völkern liefern, sind die indische Somapflanze und die mexikanische Agave. 
Ein Übergang von den Rauschgetränken zu den Narcoticis, die gekaut oder 
geraucht werden, bildet die Kava der Südseeinseln (Piper methysticum). Die 
Wurzeln derselben werden gekaut, ausgespuckt und ergeben nach Wasserzusatz 
ein leicht berauschendes Getränk. Auch die Herstellung der Chicha oder des 
Rauschgeträiikes der südamerikanischen Indianer aus Maiskörnern oder Mandioka- 
raehl vollzieht sich in ähnlicher Weise. Von den eigentlichen Narkotika ist vor 
allem der Betel zu erwähnen , der heute über fast ein Viertel des Erdkreises 
gekaut wird; die Koka in Südamerika, das ein Alkaloid enthaltende Betäubungs- 
mittel Pituri der Australier, Hanf und Opium und der Tabak. Alle drei 
letztei'en werden gegessen, gekaut oder geraucht. Schließlich sei noch die 
Gewohnheit des Paricäschnupfens südamerikanischer Indianerstämme erwähnt, 
bei der ein aus den gestoßenen Bohnen einer Akazie (Aeacia niopo) gewonnenes 
Pulver in die Nase eingeblasen oder eingestopft wird und Trunkenheit und 
Ekstase hervorruft. Eine andere Form der Einfuhr des Paricä ist, einen Absud 
davon als Klistier einzugeben. Andere Narkotika, wie Tee, Kaffee, Kakao, 
Guarana, wirken getrunken anregend oder, Avie die Kolanuß gegessen, nerven- 
stärkend und kräftigend. 

Die Wirtschaft umfaßt, wie bereits erwähnt, außer der Nahrungs- 
fürsorge auch die Erzeugung aller übrigen für die Lebensführung 
des Menschen erforderlichen Gegenstände und Güter. Das Roh- 
material hiezu liefert ebenfalls die Natur. Die weitere Verarbeitung 
muß jedoch wieder der Mensch besorgen. Die Erzeugung dieser 
Güter gehört in das Gebiet der Gewerbstätigkeit. Ursprünglich 
war sie, ebenso wie die Gewinnung der Nahrungsmittel, schon be- 
stimmt durch das Geschlecht. Jagd und Rindviehzucht waren von 
vornherein männliche, der Anbau der Nahrungs- und Nutzpflanzen 
weibliche Beschäftigungen. In den Fischfang haben sich allerdings 

Völkerkuiulc I 2 



18 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

die G-eschlechter geteilt, indem gewisse Arten des Fischfanges, vor 
allem die Strandfischerei eine weibliche, die Hochseefischerei vom 
Boot aus dagegen stets eine männliche Tätigkeit war. Die ur- 
sprüngliche primäre Arl)eitstrennung trägt noch vollständig den 
Charakter des Hausfleißes, der nur für den augenblicklichen Bedarf 
des Individuums oder der Familie arbeitet. Doch finden sich schon 
bei den primitiven Völkern Ansätze zu eigentlicher Gewerbstätigkeit 
und Berufsbildung. Ein eigener Typus derselben ist die Ge- 
schlechterindustrie, bei welcher die Gesamtheit der Männer 
oder Frauen einer Gruppe sich einem bestimmten Berufszweige 
widmen (z. B. die Frauentöpferei in Melanesien). Sie führt zu dem 
weitverbreiteten Stammes- oder Ortsgewerbe, das seine Entstehung 
der demVorkommen gewisser Rohstoffe zuzuschreibenden Begünstigung 
bestimmter Gruppen oder Ortlichkeiten verdankt. Dieses Orts- 
gewerbe bildet sich besonders in Afrika, haftet dort sogar an be- 
stimmten Familien und bietet in vieler Richtung auffallende Ähnlich- 
keiten mit der Gewerbsbildung bei Kulturvölkern. 

Ein typisches Beispiel eines solchen Stammesgewerbes bieten die von Junod 
beschriebenen Balemba im Zoutpansbergdistrikt in Nordtransvaal ; sie brachten 
die Töpferei und die Kunst der Metallbearbeitung (Kupfer und Eisen) den schon 
früher im Distrikt ansässigen Betschuanenstämmen (Basuto und Bapedi). 

In Südamerika ist der Bootbau, die Herstellung des berüchtigten 
Pfeilgiftes Curare, der Hängematten usw. Gegenstand des Gruppen- 
oder Stammesgewerbes. An manchen Orten entwickeln sich diese 
gewerbetreibenden Stammesgruppen zu ausgesprochenen Hand- 
werkerkasten, indem das Gewerbe innerhalb der Gruppe von 
einer Generation auf die andere übertragen wird, wobei die be- 
treffenden Gewerbegruppen von den übrigen Teilen des Stammes 
oft durch tiefgreifende soziale Unterschiede getrennt sind. Ein 
typisches Beispiel hiefür bildet das Gewerbe der Schmiede, das 
bei vielen Völkern eine Pariastellung einnimmt, während es andere 
wieder hoch einschätzen. 

Handwerkerkasten gab und gibt es in der Südsee, in West- 
und Ostafrika und noch heute in großer Zahl in Vorderindien, 
wenn auch dabei dort, wie bereits S, 13 angedeutet, außer den 
sozialen, Rasseneinflüsse und religiöse Momente eine ausschlag- 
gebende Rolle gespielt haben müssen . . . Die höchste Entwicklungs- 
stufe des Gewerbefleißes, von sozialen Gesichtspunkten aus be- 
trachtet, ist die Einzelindustrie, welche die Berufswahl dem 
Individuum freistellt und dadurch die größte Möglichkeit gibt zur 



Formen und Entstehung der menschlichen Wirtschaft 19 

Ausbildung der persönlichen Fälligkeiten und Neigungen; sie ist 
auf primitiver Stufe noch selten anzutreÖ'en und zumeist schon eine 
Errungenschaft höherer sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. 
Der Handel ist das Mittel des Güteraustausches von Gruppe 
zu Gruppe, von Stamm zu Stamm. Er ist gewiß so alt wie die 
Menschheit selbst und hängt innig mit dem Wirtschaftsleben zu- 
sammen. Ursprünglich besaß er wohl ausschließlich die Form des 
Schenk handels; erst allmählich entwickelte sich daraus ein 
geregelter "Warenaustausch. 

Bei den kulturell wohl sehr tief stehenden Australiern von NW, Queens- 
land besteht ein vollkommen durchgebildetes Handelss3'stem, das sich haupt- 
sächlich mit der Beschaffung und Verbreitung des Pituri, eines Narkotikums, 
beschäftigt. Auch die afrikanischen Pygmäen des Kongo-Urwaldes stehen mit 
den benachbarten großwUchsigen Negervölkern in einem regen Tauschhandels- 
verkehr. 

Eine sehr primitive Haiidelsform ist der sogenannte stumme 
oder Depothandel, bei dem die eine Partei ihre Tauschwaren 
an einer bestimmten Stelle niederlegt und sich zurückzieht, worauf 
die andere Partei ihrerseits herankommt, die Waren prüft und an 
ihrer Stelle eigene Erzeugnisse in entsprechender Menge hinlegt. 
Diese bereits aus dem klassischen Altertum bekannte Handelsform 
hat sich in der Gegenwart bei den afrikanischen Pygmäen, in Asien 
bei den Veddas auf Ceylon, den Kubus auf Sumatra und Stämmen 
im Innern von Boroeo (Punans) erhalten. 

Zweifellos ist aus dem primitiven Depothandel unser heutiger 
Markthandel herzuleiten. Beide haben fixierte Örtlichkeiten, an 
denen sich der Handelsverkehr abspielt, zur ersten und obersten 
Voraussetzung. Der Markthandel hat bei vielen primitiven Völkern 
bereits eine sehr bedeutende Ausgestaltung erfahren, namentlich in 
Afrika und in Melanesien ; er fehlt dafür bei den viel primitiveren 
südamerikanischen Indianerstämmen so gut wie vollständig. 

Auch im Handel zeigt sich schon früh eine Arbeitsteüung nach dem Ge- 
schlecht, indem der Fern h and el, der die Vornahme von Reisen in fremdes 
Gebiet erfordert, nahezu ausschließlich den Männern zufällt, während der Nah- 
handel den Frauen verbleibt. Der Markthandel ist ursprünglich Nahhandel 
und befindet sich ebenfalls durchweg in weiblichen Händen. 

Das Marktwesen hat vom Standpunkt der Kultureutwicklung eine nicht 
zu unterschätzende Bedeutung, da es die Schaffung von eigenen Einrichtungen 
zum Schutz der Marktbesucher, eine eigene den Marktverkehr erleichternde 
Zeitrechnung (Marktwoche) und die Festsetzung bestimmter Wertmesser zur 
Folge hat. Die Entstehung unseres „Geldes" ist in erster Linie Avohl ihm zu- 



20 Einfühnmg- in die vergleichende Völkerkunde 

zuschreiben. Solche Wertmesser sind bei jedem höher organisierten Handels- 
verkehr in irgendeiner Form vorhanden. 

Der Handel hat sogar an manchen Orten zu der Ausbildung eines eigenen 
Jargons, einer sogenannten Handelssprache, geführt, wie das Pidgin-Englisch 
in Cliina und in Melanesien, das Busch-Patois in Australien, das Neger-Englisch 
an der afrikanischen Westküste und der Tschinuk-Jargon in Nordwestamerika. 

Die Geldformen sind sehr mannigfach; Schurtz unterscheidet 
sie dem Ursprung nach in Binnengeld, das ist die nur innerhalb 
des Stammes umlaufenden, hauptsächlich bei Nahhandel gebi auchten 
alltäglichen Dinge (in der Regel Schmucksachen, Nahrungs- und 
Genußmittel), oder Außen geld (Erzeugnis des Handelsverkehres 
zwischen verschiedenen Stämmen oder besonders wichtige Natur- 
produkte). Dem Material nach unterscheiden wir Schmuckgeld, 
Kleidergeld und Nutzgeld. Unter dem Schmuckgeld nimmt das 
Muschelgeld den größten Raum ein; am bekanntesten sind die 
Kaurimuscheln (Cjpraea moneta), welche fast über die ganze Welt 
verbreitet sind. Sehr mannigfaltig ist auch das melanesische 
Muschelgeld, das Diwarra. In Afrika besitzen Glasperlen, nament- 
lich die alten in der Erde gefundenen Aggriperlen, hohen Geldes- 
Tvert. Abnorm geformte Eberhauer bilden das sogenannte Zahngeld 
Neuguineas; Kleidergeld als AVertmesser findet sich in der Form 
der aus der Rinde des Papiermaulbeerbaumes hergestellten Stoffe 
(Tapa) Polynesiens; in Afrika dienen einheimische Baumwollstoffe 
demselben Zwecke. Zum eigentlichen Nutzgelde gehören der 
Ziegeltee von Hochasien und Tibet, die Kakaobohnen im alten 
Mexico und das afrikanische Salzgeld. 

Wir können das Kapitel der Entstehung der menschlichen 
Wirtschaftsformen nicht schließen, ohne noch des Verkehrs- 
wesens zu gedenken, dessen Anfänge ebenfalls schon in die VViegen- 
zustände der Zivilisation hinaufführen. Schon der primitive Mensch 
ersann zur Fortbewegung im Raum mannigfaltige, den örtlichen 
Bedürfnissen angepaßte Hilfsmittel: der Polarbewohner ist z. B. 
ohne Sehne escliuh und Schlitten einfach gar nicht zu denken. 
Auch der Schlittschuh ist uralt; Knochenschlittschuhe fanden 
sich in Mitteleuropa bereits im Paläolithikuni. Der Wagen aller- 
dings ist eine verhältnismäßig späte Erfindung und den primitiven 
Völkern ganz unbekannt. Er setzt das Vorhandensein von Wegen 
voraus, die bei den Naturvölkern über schmale, nur die Vorwärts- 
bewegung im Gänsemarsch gestattende Pfade nicht hinausgediehen 
sind. Auffallend hohe Entwickluna; zeigen dafür die Brücken- 



Die J]ntstehung- des stofflichen Kulturbesitzes 21 

bauten der Naturvölker, namentlich die sehr sinnreich konstruieiten 
Hängebrücken im afrikanischen Urwaldgebiet, in den südamerika- 
nischen Kordilleren und in Hinterindien. Ein Beweis, daß sich 
schon frühzeitig im Menschen das Bestreben regt, die Hindernisse, 
welche die Natur dem menschlichen Verkehr in den Weg legt, zu 
überwinden. 

Was die Verkehrsmittel zu Wasser anbelangt, so ist die 
Schiffahrt keinem Volke der Erde fremd, wenn auch die heute 
ausgestorbenen Tasmanier sie zur Zeit ihrer Entdeckung wieder 
verlernt zu haben scheinen. Die Wasserfahrzeuge teilen sich in 
die beiden Hauptgruppen der Flöße und der Schiffe. Die Flöße 
kommen als Ambatschfloß am oberen Nil, als Balsa an der West- 
küste von Südamerika vor; ihrer bedienten sich auch neben den 
Schiffen die Maori Neuseelands. Die Urform des Scliiifes ist der 
Einbaum, dem das Fell- und Eindenboot zur Seite stehen. Zu 
den zusammengesetzten Schiffsformen gehören das malaiische Doppel- 
boot, das mikronesische Auslegerboot und das die höchste Ent- 
wicklungsstufe darstellende Plankenboot, das im Inneren Ostafrikas, 
in Polynesien und Mikronesien die Hauptstätten seiner Verbreitung 
gefunden hat. 

Y. Die Entstehung' des stoffliclien Kulturbesitzes 

(Ergologie und Technik) 

Der stoffliche Kulturbesitz des Menschen umfaßt alle jene 
Gegenstände und Prozesse von greifbarer oder sichtbarer Natur, 
die für die Existenz und Lebensführung des Menschen von wesent- 
licher Bedeutung sind. Hieher gehören vor allem das Feuer und 
die Hilfsmittel zu seiner Erzeugung. Kochgerä tschaften und 
Kochkunst, Obdach, Kleidung, Schmuck, Waffen und 
Hausgeräte. Die Ergologie beschäftigt sich nicht nur mit den 
Gegenständen selbst, sondern auch mit den technischen Voigängen 
bei ihrer Erzeugung. Der Besitz der Technik an sich ist keine 
ausschließliche Domäne der Menschheit; auch viele Tiere verfügen 
über hohe technische Fähigkeiten (vgl. z. B. die Wasserbauten der 
Biber, die kunstvollen Nester der Webervögel, der Termiten, vieler 
Ameisenarten und Wespen usw.). 

Das älteste Rohmaterial für die Betätigung der mensch- 
lichen Technik waren Holz und Stein. Besonders der Stein hat 



22 Einführung in die vergleichende Völkerkundo 

den vorgeschichtlichen Kulturstufen, in denen Metall noch unbekannt 
v?ar, den Namen gegeben und die Signatur aufgedrückt. Die Prä- 
historiker unterscheiden ein Paläolithikum, eine ältere, und ein 
Neolithikum, eine jüngere Steinzeit, Das unterscheidende Merkmal 
bildet die erst im Neolithikum auftretende Technik des Steindurch- 
bohrens. In der Steinzeit befanden sich aber nicht bloß die Vor- 
fahren der europäischen und asiatischen Kulturvölker in einem 
schon an den Beginn der geschichtlichen Perioden grenzenden und 
häufig auf diese sogar übergreifenden Zeitpunkte ; viele Naturvölker 
der Gegenwart leben heute noch in der Steinzeit oder gehörten 
dieser Kulturstufe bis zu einem noch nicht lange entschwundenen 
Zeitpunkte an. 

Wo die Natur den Stein überhaupt nicht oder doch nur in 
einer Form und Beschaffenheit darbietet, die sich zur Bearbeitung 
nicht eignet, treten Holz, Knochen und Hörn an seine Stelle. Man 
hat daher auch in der Prähistorik von einer Holzzeit, Knochen - 
zeit gesprochen; manchmal kommen allerdings auch beide Materialien 
nebeneinander bei demselben Volke und in derselben Kulturperiode 
gleichzeitig vor. 

Eine sehr alte Technik ist zvi^eifellos auch die Bearbeitung der 
Felle. Schon der Urmensch mußte, um sich eine Bekleidung zu 
verschaffen, den Balg erlegter Tiere dazu verwenden und war ge- 
zwungen, ihn in irgendeiner Form zu konservieren. Die älteste 
Fellbearbeitung bestand wohl nur in einem Abschaben des Fleisches 
von der Haut mit Messern, später eigenen Schabern, Strecken und 
Trocknen der Häute. Die Erfindung der Gerberei ist eine ver- 
hältnismäßig späte Erfindung des Menschen ; die älteste Form der 
Gerberei war die sogenannte Sämisch- Gerberei. An Stelle der 
Tierfelle tritt in räumlich ziemlich ausgedehnten Gebieten die 
Rindenstoffab rikation und die künstliche Erzeugung 
von Geweben. Erstere ist gebunden an das Vorkommen von 
Bäumen mit einer für diese Technik sich eignenden Rinde; es sind 
in erster Linie der Papiermaulbeerbaum (Broussonetia papyrifera) 
der Südseeinseln, eine Caesalpinie, Brachystegia, sowie verschiedene 
Ficusarten in Zentralafrika und Indonesien. Von der Erzeugung 
künstlicher Gewebe ist die Flechttechnik wohl die älteste. Sie 
diente zunächst der Erzeugung von Behältnissen der verschiedensten 
Art: Wassergefäße, Körbe usw^. Aus der Flechttechnik ist die 
Weberei hervorgegangen, die bei manchen Naturvölkern bereits 



Die Eatstehung des stofflichen Kulturbesitzes 23 

zu der Konstruktion sehr sinnreicher Webstühle Veranlassung ge- 
geben hat. 

Die Webetechnik soll nach von Luschan nur einmal erfunden worden sein, 
und zwar im alten Orient, das heißt in Ägypten oder in Babylonien, und von 
da auch, allerdings zu verschiedenen Zeiten und auf ganz verschiedenen Wegen, 
mehrmals nach Amerika gelangt sein. 

Die Färberei ist uralt ; die Technik derselben natürlich äußerst einfach, 
aber doch vollkommen zweckentsprechend. 

Die Technik der Töpferei ist wohl aus der Flechterei hervor- 
gegangen, und zwar so, daß man durch Beschmieren eines Korbes 
oder einer geflochtenen Wasserflasche mit Lehm und nachträgliche 
Trocknung an der Luft oder im Feuer schließlich auf den Gedanken 
kam, das Gefäß aus Ton oder Lehm allein, ohne das Gerippe aus 
Flechtwerk, herzustellen. Die Töpferscheibe gehört einer viel 
späteren Kulturstufe an. 

Was die Nutzbarmachung der Metalle anbelangt, so gilt die 
durch die prähistorischen Funde und die geschichtliche Entwicklung 
Europas und Asiens festgestellte Reihenfolge (Kupfer, Bronze, Eisen) 
nicht für alle Erdteile. Speziell in Afrika scheint die Eisenzeit 
direkt auf die Steinzeit zu folgen, in Nord- und Mittelamerika ist 
man bis zur Ankunft der Europäer über Kupfer und Bronze nicht 
hinausgekommen. Die Anfangsgeschichte der Eisen technik ist 
noch in ein starkes Dunkel gehüllt ; letztere ist nach ziemlich über- 
einstimmender Ansicht aller Forscher einheitlichen Ursprunges. Wo 
aber die Stätte der Erfindung war, darüber gehen die Meinungen 
auseinander. Während z. B. von Luschan in Afrika die Heimat 
der Eisentechnik sucht, erklärt Foy Süd- und Vorderasien als 
Ursprungsorte. 

Die Verhüttung des Eisens (übrigens auch schon von Kupfer 
und Bronze) setzt das Vorhandensein einfacher Schmelzgeräte vor- 
aus, die sich aus verschiedenen Erdteilen belegen lassen. 

In Amerika sind bei dem jetzt ausgestorbenen Volke der Quimbayas (im 
Gebiete des heutigen Columbien), welches das Gold aus dem Gestein zu ge- 
winnen und zu verschiedenen Schmuckgegenständen zu verarbeiten verstand, 
Schmelztiegel und andere Werkzeuge in Metallbearbeitung nachgewiesen worden. 

Eine sehr wichtige Rolle spielen bei der primitiven Eisen- 
erzeugung die Blasebälge, von denen sich zwei Haupttypen 
unterscheiden lassen: Schlauchblasebalg und Stempelblase- 
balg. Bei dem ersteren wird der Luftstrom durch Zusammen- 
drücken eines Fell- oder Lederbalges erzeugt, bei dem letzteren 



24 Einführung- in die vergleichende Völkerliunde 

durch eine Stempelvorrichtung aus Holz oder Bambus. Es gibt 
aber auch Zwischenformen, die von Ankermann als Gefäßblase- 
balg bezeichnet werden. 

Von dem stofflichen Kulturbesitze hat naturgemäß die Feuer- 
erzeugung von jeher den Scharfsinn des Forschers gereizt und 
zu mannigfachen Hypothesen Anlaß gegeben. Die Märchen und 
Nachrichten mancher Schriftsteller von der Existenz feuerloser 
Menschen sind längst widerlegt; soweit wir die Spuren des Menschen 
in die vorgeschichtlichen Zeiten zurückverfolgen können, treffen wir 
auch auf deutliche Beweise, daß die Kenntnis und Benützung des 
Feuers damals bereits vorhanden war. Die erste Bekanntschaft 
mit ihm hatte der Mensch wohl dem Zufalle zu verdanken. Ent- 
weder war es das himmlische Feuer, das in Gestalt des Blitzes oder 
des feuerflüssigen Auswurfes tätiger Vulkane die Aufmerksamkeit 
des Menschen erweckte, der, nachdem er sich von seinem Nutzen 
überzeugt hatte, auf die Erhaltung und Bewahrung des kostbaren 
Elementes bedacht war; oder man gelangte (nach der Theorie von 
den Steinens) bei der Herstellung der Steinwerkzeuge, durch die 
beim Durchbohren der Steine oder beim Abschlagen von Stücken 
entstehenden Funken, zur Bekanntschaft mit dem Feuer. Auch bei 
der Bearbeitung des Holzes ergab sich die gleiche Möglichkeit. 
Die heute zur Feuerbereitung in Verwendung stehenden Apparate 
lassen sich in fünf Typen sondern: 

1. Feuerpflug oder Feuerreiber, 

2. Feuerbohrer, 

3. Feuersäge, 

4. Feuerpumpe und 

5. Schlagfeuerzeuge. 

Für jede dieser Grundformen ist wohl ein selbständiger Ur- 
sprung anzunehmen, wobei die Feuererzeugurg durch Schlag im 
Hinblicke auf das Alter der Steinzeittechnik neben dem Feuer- 
bohren die älteste sein dürfte. Vermutlich ist aber die Kunst der 
Feuererhaltung der Feuererzeugung lange vorausgegangen; einen 
entsprechenden Beweis hiefür liefert die Tatsache, daß die heutigen 
pygmäenartigen Urbewohner der Andamanen wohl das Feuer be- 
sitzen und bewahren, eine autochthone Methode der Feuererzeugung 
aber nicht kennen. 

Über die Verwendung des Feuers im Haushalte viel zu 
sagen, erübrigt sich von selbst. Seine Hauptaufgabe war die Be- 



Die Entstehung tlos stofflichen Kulturbesitzes 25 

reitung der Nahrung, eine zweite der Schutz vor Kälte und Nässe. 
Später spielte das Feuer in der Technik eine wichtige Rolle; beim 
Trocknen der Felle, bei der Herstellung von Wafi'en, z. B, zum 
Biegen des Holzes für die Bögen, beim Aushöhlen von Baum- 
stämmen für Fahrzeuge, bei der Töpferei usw. war es nicht zu 
entbehren. 

Die älteste Form der Nahrungszubereitung durch Feuer war 
die Steinkocher ei, die sich noch bei vielen Naturvölkern er- 
halten hat. 

Bei derselben wird entweder durch das Hineinwerfen von heiß gemachten 
Steinen in das Fvochgefäß der Kochprozeß bewerkstelligt oder, wie heim poly- 
nesisch-melanesischen Eidofen (uniu), dii' Nahruiigsniittcl in einem Erdioche 
mit heiß gemachten Steinen gehraten oder gedämpft. Priederici hält es nicht 
für unwahrscheinlich, daß die Steinkocherei, die sich in der Südsee, in Nord- 
australien, Ostbrasiiien, Nordamerika usw. findet, an verschiedenen Orten der 
Erde selbständig erfunden worden ist. 

Außer der Nahrung bedarf der Mensch zu seiner Erhaltung 
vor allem eines Obdaches zum Schutz gegen die Unbilden der 
Witterung. Der Urmensch lebte deshalb in Höhlen oder unter 
Felsvorsprüngen (Abris sous roches der Franzosen), er lernte aber 
wahrscheinlich bald einfache künstliche Schutzvorrichtungen herzu- 
stellen. (Windschirme der Australier und BuBchmänner.) 

Auch der Tokio der Tehueltschen in Patagonien ist seinem 
Wesen nach ein solcher Windschirm. Die Entwicklung von ihm 
zur Kuppelhütte war ein leicht zu bewerkstelligender Fortschritt. 
Auf der primitiven Stufe des Windschirmes sind jedoch die wenigsten 
Völker stehengeblieben, und die Formen der Wohnbauten sind sehr 
mannigfaltig und zahlreich. Außer den klimatischen Einflüssen und 
der durch sie bedingten Lebensweise sind die von der Natur dar- 
gebotenen, nach der Ortlichkeit oft sehr verschiedenen Baustoffe für 
die Konstruktion der Wohnungen von wesentlicher Bedeutung. 
Diesen Ursachen verdankt die Filz- und Lederjurte des mittel- 
asiatischen Nomaden und die Schneehütte des Eskimo ihre Ent- 
stehung. Anderen Momenten, vor allem der persönlichen Sicherheit 
sind die Erbauung der Pfahlbauten und die Baumhäuser von 
Neuguinea und Südasien zuzuschreiben. 

Welche gewaltige Entwicklung die Baukunst selbst unter den Natur- 
völkern genommen hat, lehrt schon ein oberflächlicher Vergleich der p)imitiven 
bienenkorbartigen Kundhütten (Pontoks) der Hottentotten und Kaffern mit den 
imposanten, technisch wie architektonisch geradezu bewunderungswürdigen 



26 Einführung- in die vergleichende Völkerkunde 

Hausbauten der malaiischen Völker (namentlich der Batak und Dajak) und der 
Puebloindianer im westlichen Nordamerika. 

Von den Gegenständen, die nach unseren Begriffen zur Haus- 
einriclitung gehören, sind auf den primitiven Stufen die wenigsten 
vorhanden. Die Schlafstätte ist in der Regel der bloße Erdboden, 
doch fand anderseits Grey bereits bei den Nordwest-Australiern, 
daß jedes Individuum sein eigenes Bett aus Baumrinde hatte. Auch 
Felle und Matten werden vielfach als Schlafunterlage benützt. Eine 
notwendige Ergänzung der Schlafstätte bildet die Kopfunterlage, 
die in Gestalt von Kopfbänken und Nackenstützen schon auf primi- 
tiver Stufe vielfach vorkommt (Innerafrika, Melanesien) und auch 
bei den alten Ägyptern gebräuchlich war; ihr Hauptzweck war 
wohl die Schonung der Frisur während des Schlafes. 

Eine eigenartige, in ihrer Verbreitung räumlich beschränkte (Südamerika, 
Neuguinea) Vorrichtung zum Ruhen und Schlafen ist die Hängematte, 
welche einer vorgeschrittenen Technik des Flechtens und Netzeknüpfens ihre 
Entstehung verdankt. 

Der übrige Hausrat besteht aus Gefäßen, teils geflochten, teils 
aus Lehm gebrannt, den Werkzeugen zur Nahrungsgewinnung und 
Bearbeitung der Rohstoffe und den Waffen zum Angriff und zur 
Verteidigung. 

Die Feuerstätte des primitiven Menschen war noch sehr 
einfach; der älteste Herd bestand in auf- und nebeneinander ge- 
legten Steinen, auf denen das Feuer offen loderte. Nur bei Polar- 
völkern sind, durch klimatische Einflüsse bedingt, frühzeitig Ver- 
besserungen zustande gekommen, um den Wärmeeffekt zu erhöhen, 
z. B. der Kamin der Ostjaken und Samojeden, der aus einem mit 
Lehm überzogenen Geflecht von Holzstäben besteht. 

Auch die Anfänge der Beleuchtung, Kienspan und Ton- 
lampe, gehen bis in die ältesten Zeiten der Menschheitsgeschichte 
zurück. Kerzen aus gerollter Birkenrinde sind heute noch in einigen 
Schweizer Tälern, in Lappland und bei nordamerikanischen Indianern 
im Gebrauch. 

Die Kleidung ist neben dem Feuer für den Menschen das 
zweite unentbehrliche Schutzmittel gegen die Unbilden der Natur. 

Die ersten Kleidungsstoffe waren, wie schon oben erwähnt, 
die durch die Jagd erlangten Felle der wilden Tiere, die einfach 
getrocknet wurden. Aber man lernte auch bald für diesen Zweck 
geeignete Materialien aus dem Pflanzenreiche zu gewinnen und zu 
verarbeiten. Besonders die Rindenkleidung dürfte an Alter 



Die Entstehung- des stofflichen Kulturhesitzes 27 

hinter der Fellkleidung nicht weit zurückstehen. Ihre räumliche 
Verbreitung auch in der Gegenwart ist noch immer eine sehr be- 
deutende; auch die Arier trugen in alter Zeit das Lindwat, das 
Lindenbastgewand, von welchem sich unser Wort „Leinwand" her- 
leitet. Auch die Kunst des Webens und Spinnens ist sehr 
alt und reicht schon bis in die prähistorische Zeit hinein. Über 
den Zweck der Kleidung sind die Ansichten noch immer geteilt. 
Eine weitverbreitete Meinung ist, daß die Schamhaftigkeit bei der 
Entstehung der Körperbedeckung das Hauptmotiv gewesen sei. Diese 
Ansicht findet ihre Stütze in der Tatsache, daß die Anfänge der 
Bekleidung fast überall in einer Verhüllung der Geschlechtsteile 
bestehen. Ob diese Verhüllung nicht eher als eine Schutzmaßnahme 
zu deuten wäre, ist allerdings eine andere Frage, die sich bei 
manchen Völkern, wo die Hülle tatsächlich nur ein Rudiment dar- 
stellt, gewiß in bejahendem Sinne beantworten läßt. 

Zu den Verhüllungen der Geschlechtsteile, die wohl lediglich als Schutz- 
vorrichtungen aufzufassen sind, gehören die PeniskapseJn, Penisstulpe usw. 
Die im klassischen Altertum wie bei vielen Naturvölkern der Gegenwart ge- 
bräuchliche Infibulation oder Kynodesme scheint wohl ebenfalls Schutzvor- 
richtung gewesen zu sein, daneben aber auch bezweckt zu haben, die Erektion 
des Gliedes und auch die Ejakulation zu verhindern. Schließlich scheint auch 
das Schmuckbedürfnis bei der Ausbildung der Penisfutterale (Nutschi der 
Kaffern) eine Rolle gespielt zu haben. 

In anderen Fällen wird das Kleidungsstück wohl weder dem 
Schamgefühl noch dem Schutzbedürfnis zu dienen haben, sondern 
ist lediglich aus dem Schmuckbedürfnisse hervorgegangen. Der 
Umfang der Kleidung ist außerdem durch klimatische Verhältnisse 
bestimmt: zweifellos hat beim Polarbewohner der Kälteschutz bei 
der Körperbedeckung das Hauptmoment gespielt, im Gegensatz zum 
Tropenbewohner. 

Die Kosmetik oder der Trieb des Menschen, sein Äußeres 
zu verschönern oder mindestens auffällig zu gestalten, ist zweifellos 
bedeutend entwickelt. Während im Tierreiche die Natur in dieser 
Hinsicht schon vorsorgt, muß der Mensch seine ganze Phantasie, 
technische Geschicklichkeit und künstlerische Begabung aufbieten, 
um den natürlichen Mangel an Ausschmückung des Leibes zu er- 
setzen. 

Die einfachste und zugleich wohl auch die älteste Art des 
Schmuckes überhaupt ist die Körperbemal ung. In ihr fallen 
Schmuck und Kleidung zusammen. An die Bemalung lehnen sich 



28 Einfülirung- in die vergleichende Völkerkunde 

an und sind zum Teil aus ihr hervorgegangen die Narben- 
zeichnung und die Tatauierung. Beide Methoden sind über 
die Erde ungeheuer weit verbreitet und unterscheiden sich von- 
einander nur dadurch, daß bei ersterer die Ziernarben ohne Zu- 
hilfenahme eines FarbstolTes durch wiederholte Einschnitte in die 
Epidermis (Oberhaut) und selbst das ünterhautzellgewebe erzeugt 
und durch künstliches Ofienhalten der Wunden, manchmal auch 
durch das Einbringen reizender Steife die Bildung breiter keloidaler 
Narben begünstigt wird; bei der Tatauierung werden mit einer Nadel 
und Farbstoffen, die unter die Epidermis gebracht werden, farbige 
Muster erzielt, die einzelne Köiperstellen und selbst den ganzen 
Körper bedecken. Zu den Verunstaltungen des Körpers, welche 
aus dem Schmuckbedürfnisse hervorgegangen sind, zählen ferner die 
Epilation der Augenwimpern und der Barthaare, die künstliche 
Deformation des Schädels, die Verstumm elun g der Zähne 
und die verschiedenen Ohren-, Lippen- und Nasen zierate. 
Bei der Zahndeforniation lassen sich zwei Haupttypen unterscheiden: die 
eine besteht im Spitzfeilun (meistens der öchneidezähne), die andere im Aus- 
brechen der Zähne. Natürlich gibt es zwischen beiden auch Übergangsfornien 
und Kombinationen. Der Akt der Zahnausbrechung ist bei den Australiern 
mit den Initiationsbräuchen enge verknüpft und hat auch hervorragende religiöse 
Bedeutung. Die Ohrenzierate vaiiieren von der einfachen Durchbohrung des 
Ohrläppchens bis zu den größten, die Ohrmuschel bis zur Schulterhölie aus- 
dehnenden Scheiben und Klötzen. Die Nasenzierate bestehen in PHöckchen und 
Boutons im Nasenttügel und in Durchbohrungen der Nasenscheidewand, durch 
welclie Schmuckgegenstände, Stifte und (iehänge aus den verscliiedensten 
Jlaterialien gesteckt werden. Der Lippenschmuck besteht in Scheiben ver- 
schiedener Größe, die in die durchbohrten und systematisch erweiterten Ober- 
und Unterlippen eingeschoben ■werden (Pelele afrikanischer Stämme). 

Die Haartracht spielt in der primitiven Putzsucht kaum 
eine geringere Rolle wie bei uns. Man bindet das Haar auf oder 
in einen Knoten, oder man beschmiert es mit Lehm, Ol usw., um 
das Ungeziefer fernzuhalten. Manche Völker verwenden viel Mühe 
und Phantasie für den Aufbau ihrer Frisur und besitzen eigene 
Vorrichtungen, um dieselbe während des Schlafes vor Beschädigung 
zu schützen (vgl. S. 26 über Kopfbänke und Nackenstützen). 

Im allgemeinen läßt sich sagen, daß das Schmuckbedüifnis in 
verkehrtem Verhältnis zum Kleidungsbedürfnis steht. Besonders 
Stirn-, Hals- und namentlich Schamschmuck sind dann am stärksten 
ausgebildet, wo eigentliche Kleidung in unserem Sinne fast oder 
ganz fehlt. Wie im Tierreiche so ist auch beim Menschen im 



Die Entstehung- dos stofflichen Kulturbesitzes 29 

primitiven Zustande der Schmucktrieb beim männlichen Individuum 
größer als beim weiblichen. Beim Menschen ist aber die Triebfeder 
des Schmuckes nicht ausschließlich die Aufmerksamkeit des anderen 
Greschlechtes auf sich zu ziehen und somit der Fortpflanzung zu 
dienen, dem Schmucke kommt vielmehr auch eine hohe Bedeutung 
als soziales Abzeichen zu; er dient nameutlich auf etwas vor- 
geschrittenen Kulturstufen zur Unterscheidung der verschiedenen 
Klassen, Stände und Berufe. 

Zwischen Werkzeugen und Waffen bestand ursprünglich 
kein Unterschied, Ein scharfkantiger Steinsplitter diente dem 
diluvialeu Menschen sowohl als Angriffs- und Verteidigungswaft'e, 
als auch als Gerät im Haushalte beim Zerlegen der Beute, Ab- 
häuten von Tieren usw. Von den beiden Hauptgruppen, in die man 
die Waffen einteilt: Nahwaffen und Fernwaffen, scheinen die 
ersteren ein höheres Alter zu besitzen. Dazu gehören das Messer, 
die Axt, die Keule, der Dolch, das Schwert und der Speer. Keule 
und Speer bilden, da sie auch geworfen werden und damit eine 
Fern Wirkung entfalten können, den Übergang zu den Fernwaffen, 
als deren wichtigste und verbreitetste Formen Schleuder, Bogen und 
Blasrohr zu bezeichnen sind. Einen Übergang zwischen Schwert 
und Speer bildet das afrikanische Wurfeisen, welches wie das 
Wurfholz (Bumerang) der Australier und die Wurf kugeln (Bolas) 
südamerikanischer Indianer eine Sonderform der Fernwaffen mit 
nur beschränkter Verbreitung darstellt, aber eben aus diesem Grunde 
für die Probleme der Verwandtschaft räumlich weit entlegener 
Kulturen bedeutungsvoll ist. 

Der Speer wurde anfänglich mit der Hand geschleudert: doch bald 
lernte man seine Fernwirkung durch die Anwendung der sogenannten Wurf- 
bretter wesentlich verstärken. Dasselbe Avird bei manchen Völkern auch 
statt des Bogens zum Abschießen der Pfeile verwendet (Aleuten, Amazonas- 
indianer). Eine besondere Abart des SpeerAverfers ist der Wurfstrick der Neuen 
Hebriden und Neukaledoniens und die Wurfschlinge (Kotaha) der .Alaori. 

Von den primitiven Waffen hat neben dem Bumerang das Blasrohr 
das besondere Interesse der Ethnologen erweckt. Seine Hauptverbreitungsgebiete 
sind Indonesien sowie Mittel- und Südamerika. Es scheint, daß das Blasrohr 
sowie die Steinschleuder in seiner Verbreitung an die geographischen Verhält- 
nisse gebunden ist, indem bei dem einen das Vorhandensein von Bäumen, deren 
Stämme zur Herstellung von Blasrohren sich eigneten, Voraussetzung war, 
während im baumarmen Gebiete der Kordilleren und südamerikanischen Steppen 
die Steinschleuder das Blasrohr ersetzen mußte. Als Jagd- und Kriegswaffe 
hat das Blasrohr jedenfalls nur dann Bedeutung gewonnen, wenn Avirksamc 



30 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

Pfeilgifte vorhanden waren. So sind ja auch die Pfeilgifte, wie bereits auf 
S. 18 erwähnt, bei einzelnen südamerikanischen Indianerstämmen zum Gegen- 
stande eines eigenen Stammesgewerbes geworden. 

Die mannigfachen Abweichungen in der Konstruktion des 
Bogens, in der Art des Bogenspannens und in der Beschaffenheit 
der Pfeile machen auch den Bogen zu einem dankbaren Forschungs- 
objekt, der zur Aufdeckung bisher ungeahnter Völkerbeziehungen 
geführt hat. 

Der Pfeilbogen, von dem der Kugelbogen nur eine Unterart darstellt, 
zerfällt in die beiden Hauptgruppen des einfachen und des zusammengesetzten 
Bog-ens. Die Art des Bogenspannens ist bei den beiden erwähnten T3'pen eine 
verschiedene, der einfache Bogen bleibt in der Regel stets gespannt, beim zu- 
sammengesetzten wird nach dem Gebrauche das eine Sehnenende abgehängt 
und muß daher vor jedem neuen Gebrauche frisch gespannt werden, was unter 
Umständen eine bedeutende Kraftaufwendung erfordert. Form, Größe und 
sonstige Ausstattung der Pfeile ist ungemein mannigfaltig, insbesondere je 
nachdem sie Jagd- oder Kriegszwecken dienen. Eine aus dem Bogen hervor- 
gegangene, aber schon komplizierte und an die Maschinenwaffen erinnernde 
Waffe ist die Armbrust. 

Von den Verteidigungswaffen, die auf der primitiven Stufe 
noch eine nebensächliche Eolle spielen und zumeist auf ziemlich 
kleine ethnographische Provinzen beschränkt sind, wären der Schild 
und der Panzer zu erwähnen. Das Material der Schilde bilden 
Holz, Fell und Flechtwerk aller Art. Ihre Größe schwankt von 
dem schmalen hölzernen Parierschild der Völker des oberen Nil- 
gebietes bis zu den riesigen Formen der Abessinier und Somali 
des afrikanischen Osthorns und mancher Indonesier (Nias, Dajak). 
Unter den Panzern sind die Hauptformen die Mattenpanzer 
(aus gesteppter Baumwolle), die sich bei Sudanvölkern, aber auch in 
Altmexico und Altperu finden, und die Stäbchen- oder Holzplatten- 
panzer, die namentlich bei den nordwestamerikanischen Indianer- 
stämmen eine große Ausbildung erfahren haben. Bei einzelnen 
Eskimostämmen sind sie in Ermanglung des Holzes aus senkrechten 
Knochenplatten hergestellt. 

Waffe und Werkzeug sind, wie bereits betont wurde, ursprünglich 
eins. Doch die Unterscheidung blieb nicht lange aus. So ent- 
wickelte sich aus dem Messer die zu der friedlichen Beschäftigung 
der Bodenbestellung benutzte Haue und Axt, und der den gleichen 
Zwecken dienende Grabstock zeigt ebenfalls noch deutlich seine 
Abkunft von der Lanze und dem Speer. 

Die Jagdgeräte waren in der Urzeit natürlich meist mit den 



Die Entstehung des stofflichen Kulturbesitzes 31 

Kriegswaffen identisch; erst allmählich begann eine selbständige 
Ausbildung und Verfeinerung derselben. Die primitiven Jagd- 
methoden bestehen jedoch nicht allein in dem direkten Erlegen 
des Wildes mit der Waffe; auch die indirekten Jagdmethoden 
spielen im Wirtschaftsleben der Urzeit eine sehr bedeutende Rolle. 
Die Zahl der Wildfallen ist sehr mannigfaltig, und die Methoden 
sind sehr sinnreich: Fallgruben, Schlingen, Quetschfallen, Selbst- 
schüsse usw. Ein anderes schon auf primitiver Stufe geübtes System 
ist die Treibjagd mit oder ohne Stellnetz; weniger verbreitet ist 
die Verwendung von Tieren bei der Jagd (verschiedene Falken- 
arten); auch die Einführung des Jagdhundes scheint nach allem, 
was wir bei den heutigen Naturvölkern sehen, keineswegs der primi- 
tiven Periode anzugehören. 

Vielleicht noch produktiver und vielseitiger haben sich der 
Scharfsinn und die Erfindungsgabe des Menschen auf dem Gebiete 
der Fischerei erwiesen. Die ältesten Methoden sind wohl die 
gleichen wie die der Jagd gewesen (Schießen der Fische mit Bogen 
und Pfeil, Speeren der Fische), wenn wir von dem einfachen Greifen 
derselben und den durch bloße Abdämmung von Flußteilen errichteten 
primitiven Fischfallen absehen. 

Die Angelfischerei ist nicht primitiv. Jhre Kenntnis fehlt 
bei dem großen Teil der Australier, Andamanesen, Melanosen von 
Neupommern und anderen Völkern. Hingegen scheint das Fischen 
mit N etzen, welches allerdings eine gewisse Entwicklung der Technik 
des Netzknüpfens voraussetzt, ein hohes Alter zu besitzen. 

Da schon die Naturvöllier und der vorgeschichtliche Mensch es verstanden, 
mit dem Spinnwirtel tierische und pflanzliche Fasern zu Fäden und Stricken 
zu vereinigen, und das Netzeknüpfen von der ebenfalls schon sehr alten Flecht- 
kunst sich dem Wesen nach nicht sehr unterscheidet, kann es nicht wunder- 
nehmen, wenn wir der Netzfischerei bei Stämmen begegnen, denen der Angel- 
haken heute noch fremd geblieben ist. Einer großen geographischen Verbreitung 
erfreut sich auch das Verfahren, die Fische durch Gift zu betäuben, um sie 
dann greifen zu können. Sehr merkwürdig ist die Eemorafischerei der Aruaken 
Westindiens zur Zeit der Entdeckung , die sich eines mit Saugnäpfen be- 
waffneten Fischchens (der Remora) bedient, um größere Fische zu fangen. 
Diese Methode findet sich außer auf den Antillen nur noch an der afrikanischen 
Ostküste und auf den Inseln der Torresstraße. 

Vom stofflichen Kulturbesitze erfordern hier ferner noch die 
Gefäße eine Erwähnung. Die ältesten derartigen Haus- und 
Küchengeräte liefert die Natur (Fruchtschalen, Muscheln, ausgehöhlte 
Stammesstücke von Bambus usw.). Man lernte auch bald durch 



32 Einführung- in die vergleichende Völkerkunde 

Flechten solche Behälter künstlich herzustellen und, wie bereits 
erwähnt, sie durch Verschmieren mit Erde und nachheriges 
Trocknen zur Aufnahme von Flüssigkeiten geeignet zu machen. 
So entstanden die ältesten luftgetrockneten Tongefäße. Dagegen ist 
das erste Auftreten von Gefäßen von gebranntem Ton in völliges 
Dunkel gehüllt. 

Die Weiterentwicklung- ergab sich von selbst in der Richtung:, daß zu- 
nächst das Skelett aus Piechtwerk wegblieb und die Gefäße aus fi-eier Hand 
geformt Avurden. Es sind dabei zwei Wege möglich gewesen: durch Treiben 
aus einem Klumpen oder durch Aufbauen aus meist spiralig- aufgelegten Wülsten. 
V. Lusehan meint, daß beide Verfahren sich gegenseitig nicht ausschließen 
und daß die Wulsttechnik erst aus dem Treiben hervorgegangen sei. Die Dreh- 
scheibe, die, wie ebenfalls schon oben bemerkt wurde, einer viel späteren Ent- 
wicklungsperiode angehört, scheint übrigens an vielen Orten selbständig erfunden 
worden zu sein. 

Das unzureichende Trocknen an der Luft erhielt seine Vervollkommnung 
durch das Brennen im Feuer. Bis zur Töpferei sind jedoch keineswegs alle 
Völker vorgeschritten, wiewohl die Ursache der Rückständigkeit zumeist nicht 
die absolute Unbekanntschaft mit der Technik, sondern nur der Mangel eines 
geeigneten Materials zur Herstellung von Tongefäßen gewesen sein mag. 



VI, Anfänge des Reehtslebens 

Mit der Gesellschaftsbildung parallel geht die Entstehung ge- 
regelter Normen für die Abwicklung der meisten Vorkommnisse 
des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Das Recht ist geradezu 
eine Funktion der Gesellschaft, und je vorgeschrittener und kom- 
plizierter die sozialen Verbände sind, desto formenreicher und ver- 
wickelter werden auch die Rechtsbräuche und Gesetze. Von den 
zahlreichen Erscheinungsformen des Rechtslebens wollen wir an 
dieser Stelle nur die beiden für die Kulturentwicklung wichtigsten, 
das Besitzrecht und das Strafrecht, herausgreifen und das 
Gesellschafts- und Personenrecht unberücksichtigt lassen, weil die 
meisten bei letzterem in Betracht kommenden Rechtsanschauungen 
im soziologischen Teile bereits gestreift wurden. 

Was das Besitzrecht anbelangt, so ist es von höchstem 
Interesse, seine Entstehung und Entwicklung zu verfolgen. 

In der ürgruppe herrscht im allgemeinen familiales und Stammes- 
eigentum, während der Begriff des persönlichen Eigentumes nur 
schwach angedeutet war und auf jene Objekte sich beschränkte, 
die der Schaffenskraft des Individuums ihre Entstehung verdankten. 



Anfänge des Rechtslebens 33 

Dies gilt auch von den Ergebnissen der auf den Nahrungserwerb 
eingestellten Tätigkeit, am meisten jedoch von den Werkzeugen, 
Waffen und Schmuckgegenständen, bei deren Herstellung schon der 
primitive Mensch auch seine künstlerischen Neigungen zum Aus- 
druck brachte. Je größer und höher die Zeit und Mühe war, die 
der primitive Mensch zur Anfertigung jener Gegenstände aufwendete, 
desto stärker sind in der Regel auch die Bande, welche das Objekt 
mit der Person des Erzeugers verknüpfen und die ersten Eigentums- 
begriffe darstellen. Dieser älteste Besitz ist so persönlicher Natur, 
daß er das Leben des Individuums nicht überdauert. 

Die Gegenstände werden ihrem Eigentümer nach dem Tode 
ins Grab mitgegeben oder vernichtet; zumindest dürfen sie nicht 
von den Überlebenden noch weiter im Gebrauch behalten werden, 
um nicht den Zorn des Verstorbenen auf sich zu laden. 

Das Grundeigentum war ursprünglich Gruppeneigentum 
oder Stammbesitz. Aus ihm haben sich individuelle Besitzansprüche 
auf Grund und Boden in ähnlicher Weise entwickelt wie im Sachen- 
rechte. Nur daß hier die persönlichen Beziehungen zwischen Person 
und Objekt vielfach direkt durch mystisch-religiöse Momente ersetzt 
wurden. In Neuseeland z. B. besaß jeder Mann Eigentumsrechte 
auf den Ort, wo seine Nachgeburt begraben war. Auch jeder Ein- 
geborene Viktorias hat ein Recht auf das Stück Land, wo er geboren 
ist. Namentlich ist auch bei der Entwicklung des Grundeigentums 
der Totenkult in besonderem Maße wirksam gewesen. 

Sicher spielte aber auch die Tätigkeit der Urbarmachung 
eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Begriffe des persön- 
lichen Eigentums an Grund und Boden. Wo dieses besteht, ist ein 
freies Veräußerungs- und Verfügungsrecht im Erbschaftswege mög- 
lich, im anderen Falle nicht. Bei manchen primitiven Völkern 
(z. B. den Papuas der Gazellehalbinsel auf Neupommern) findet 
sich bereits die Trennung des Eigentumsrechtes an Grund und 
Boden von dem Besitzrechte an den Erzeugnissen desselben und 
an den darauf errichteten Bauten. Der Baum und seine Früchte 
und das Haus können daher anderen Eigentümern gehören als den 
Besitzern des Bodens. Auf das ursprüngliche Stammeseigentum 
gehen auch jene Fälle zurück, wo heute der Häuptling oder Herrscher 
als Eigentümer des gesamten Grundes und Bodens bezeichnet wird. 
Als Repräsentant des Stammes hatte er ursprünglich nur die Ver- 
teilung des Bodens zu besorgen, und nur durch die spätere Usur- 

Völkerkunde I '6 



34 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

pation absolutistischer Rechte konnte er auch über den Grund und 
Boden nach Gutdünken verfügen. 

Die von Bücher und de Laveleye aufgestellte Hypothese: das Gemein- 
eigentum am Ackerlande sei ein notwendiges Durchgangsstadium bei allen 
Völkern und sei die Urform des Eigentumbegriffes überhaupt, findet in den 
Tatsachen ihre Bestätigung nicht. Speziell sind alle Beispiele von Genieinde- 
eigentum bei ackerbautreibenden Völkern kein Beweis für die Primitivität 
dieser Form des Grundbesitzes. Eher würde der Gemeinbesitz für Jagdgründe, 
noch als solcher gelten können, aber selbst auch in diesem primitivsten Stadium 
der menschlichen Gesittung finden sich bereits Abgrenzungen der Jagdgebiete 
innerhalb des Stammesterritoriums nach den einzelnen Familien. (Buschmänner ' 
der Kalahari, Australier.) Das Beispiel der Senoi im Innern der malaiischen 
Halbinsel, die nach Martin abgegrenzte Jagdbezirke absolut nicht kennen, steht 
ziemlich vereinzelt da. 

Das Jagdrecht zerfällt in die rechtlichen Bestimmungen 
über die Jagdgründe und ihre Grenzen und über die Verteilung 
der Jagdbeute. Die Ausübung der Jagd ist bei den Jägervölkern 
eine Aufgabe aller Männer und auch bei den ackerbautreibenden 
meistens frei. 

Meistens ist jeder befugt, auf seinem Grundstück zu jagen, und 
die nichtbebauten. Gründe bilden außerdem den Jagdgrund des 
gesamten Stammes. Bei der Verteilung der Jagdbeute wird gewöhn- 
lich dem Häuptling oder Herrscher ein Anteil gewährt und, wenn 
das Jagdtier auf fremdem Grund erlegt wird, auch dem Besitzer 
des Grundes. Ähnlich wie bei der Jagd finden sich bei der 
Fischerei schon frühzeitig bestimmte Rechtsnormen. Die Fischerei 
an bestimmten Punkten der Flüsse und Meeresküste ist entweder 
ein Privileg bestimmter Personen oder es wird ein Unterschied 
gemacht zwischen Fischfang in Küstennähe und auf der Hochsee. 

Auf Ambon und den Uliasers in den Molukken hat jedes Dorf seine 
sogenannte Labuan, das ist seinen bestimmten Anteil an der See, die sein 
Gebiet bespült. Der Eingeborene unterscheidet zwischen der See in geringer 
Entfernung von der Küste und dem offenen Meer. In letzterem kann jeder- 
mann — Fremder und Einheimischer — frei fischen, aber nur die Dorfbewohner, 
und zwar alle in gleichem Maße, haben das Recht in der Labuan zu angeln 
oder auf andere Weise zu fischen. Auch gibt es bestimmte Kegeln bezüglich 
der Art des Fischfanges und Unterschiede in der Erbeutung der einzelnen Arten 
von Fischen und Schildkröten. 

Mit der Entstehung des Eigentumsbegriffes begann sich all- 
mählich auch ein Erbrecht herauszubilden. Während ursprünglich 
der persönliche Besitz des Toten demselben in das Grab mitgegeben 
oder zumindest zerstört und unbrauchbar gemacht wurde, scheute 



Anfäng-e des ßechtslebens oe 

man sich dann nicht mehr, sein Eigentum an sich zu nehmen und 
zu verwenden, wobei man den Zorn des Verstorbenen anfangs durch 
Opfer und Ersatzgrabbeigaben zu beschwichtigen trachtete. Das 
Erbrecht richtet sich naturgemäß nach dem herrschenden Verwandt- 
schaftssystem: wo dieses mutterrechtlich war, erbten nicht die Kinder, 
sondern die uterinen Verwandten des Verstorbenen, d. h. die Brüder 
von derselben Mutter, Geschwisterkinder des Erblassers und in 
dritter Linie die entfernteren Verwandten der Mutter des Ver- 
storbenen. Das Neffen erbrecht ist stets ein deutliches und oft 
das einzige Merkmal für das Vorwalten des Mutterrechtes. — Frauen 
und Töchter sind meistens vom Erbrecht ausgeschlossen. 

In der patriarchalischen Familie beerben die Kinder die 
Eltern. 

Bei manchen Naturvölkern scheint merkwürdigerweise der jüngste Sohn 
bei der Erbteilung eine Bevorzugung zu genießen. Der gleiche Rechtsbrauch 
hat sich bekanntlich auch in der Gegenwart in p]ngland und anderen Ländern 
Europas und Asiens namentlich im Bauernrecht erhalten. 

Der Stand der Mutter macht dem Erbrechte der Kinder auf 
primitiver Stufe meist noch keinen Eintrag. 

Was die Entstehung des Strafrechtes anbelangt, so ist der 
Begriff vom Verbrechen und seiner Bestrafung dem primitiven 
Menschen eigentlich noch fremd. Das häufigste Vergehen war das 
am Leben und zog die Blutrache nach sich, wenn der Mord den 
Angehörigen einer fremden Sippe betraf, blieb jedoch ungesühnt, 
wenn der Getötete der eigenen Sippe angehörte oder ein Aus- 
gestoßener oder Fremder war. In solchen Fällen, wo die Sippe 
keinen Anlaß hatte, als Rächerin aufzutreten, griff übrigens manch- 
mal die Männergesellschaft ein und übte selbst Justiz, insbesondere 
dann, wenn wirtschaftliche Interessen der Gruppe auf dem Spiele 
standen. Aus dem ßachekampfe des einzelnen und der Justizübung 
der Männergesellschaft hat sich dann die staatliche Strafe nach 
Durchlaufung mannigfacher Zwischenstufen herausentwickelt und 
jene festen Formen erlangt, die selbst bei vielen scheinbar noch 
primitiven gesellschaftlichen Organisationen bereits anzutreffen sind. 

Um Zweifel hinsichtlich der Person des Verbrechers zu be- 
seitigen, wendet die Gesellschaft schon frühzeitig gewisse Beweis- 
mittel an, von denen Gottesurteil und Eide hier zu nennen 
wären. Der Eid wird vielfach selbst noch als ein Gottesurteil an- 
gesehen; es gibt aber Formen, die sich selbständig entwickelt haben 



36 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

und nicht mit der Vorstellung des göttlichen Orakelspruches, sondern 
mit der Idee der aktiven Beeinflussung der Gedanken und Handlungen 
der Umwelt durch magische Handlungen im Zusammenhang stehen. 

Von den Ordalen der primitiven Völker ist das Giftordal, welches über 
ganz Afrika, Madagaskar (Tanghin) und Teile Südasiens verbreitet ist, das ethno- 
logisch wichtigste; außer ihm wäre noch das Feuer, welches in verschiedener. 
Form angerufen wird (Heißwasserordal, Berührung glühendgemachter Metall- 
gegenstände oder Steine) Avegen seiner Häufigkeit zu nennen. 

Endlich mag an dieser Stelle noch die große Verbreitung der 
Asyle bei den Naturvölkern Erwähnung finden. Asyle bestehen 
schon fast überall dort, wo feste Kultstätten sich entwickelt haben 
oder die Häuptlingsmacht zu einigem Ansehen gelangt ist. Das 
Asyl ist zumeist nur ein örtliches und gewährt Verbrechern und 
Fremden, dann auch entflohenen Sklaven Rechtsschutz. Es ist 
namentlich das Fremdenasylrecht, das für die Entstehung von 
geregelten Völkerbeziehungen und die Entwicklung von Handel und 
Verkehr hervorragende Bedeutung besitzt. Es wurde dadurch ein 
Schutz der außerhalb des Gruppenverbandes stehenden Fremden 
angebahnt und der Anschauung, daß Boten und Kaufleute unver- 
letzlich sind, die Wege geebnet. Die ersten Keime eines Völkerrechtes 
sind aus dem Asylrechte entsprossen. 

Sicher erfolgte die Entwicklung der staatlichen Rechtspflege erst 
ganz allmählich. Es ist merkwürdig, daß manchmal, noch bevor die öffentliche 
Gewalt die Justizausübung übernommen hat, andere soziale Faktoren, z. B. 
die Geheimbünde, zu Trägern einer geheimen Justiz nach Art der mittelalter- 
lichen Feme werden. Wo sich die staatliche Rechtspflege durchsetzt, liegt das 
Amt des Richters häufig noch ganz in den Händen der Volksversammlung, 
später übernimmt es der Häuptling oder auch der Priester. 



YII. Der geistige Kulturbesitz (Religiou, Kunst und 

Wissenschaft) 

1. Religion 

Wenn der Ethnologe von Religion spricht, so meint er damit 
nicht den theologischen Begriff derselben, sondern die Gesamtheit 
der Vorstellungen, welche sich der Mensch über die übersinnliche 
Welt, ihre Gewalten und deren Einwirkung auf das Naturgeschehen 
und insbesondere auf die Lebensführung der Individuen und Völker 
macht, sowie alle Handlungen, zu denen der Mensch durch diese 
Vorstellungen veranlaßt wird (Stoll). Kein Volk, kein Stamm und 



Der geistige Kulturbesitz (Religion, Kunst und Wissenschaft) 37 

keine Horde ist ohne Anfänge solchen religiösen Lebens. Die von 
Lubbock und anderen behauptete Religionslosigkeit verschiedener 
Naturvölker ist längst als ein fundamentaler Irrtum erkannt worden. 
Die Entwicklung der Vorstellungen von der primitiven Religion 
hat im Laufe des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die 
verschiedensten Wandlungen durchgemacht. Die älteste Ansicht 
ging dahin, daß der Fetischismus die Urform des religiösen 
Glaubens sei (de Brosses). Die fetischistische Lehre wurde durch 
die naturmythologische von Adalbert Kuhn, Max Müller und ihre 
Schule verdrängt, welche ihrerseits von der Lehre Herbert Spencers 
abgelöst wurde, die darin gipfelte, daß die Geister der Verstorbenen 
die primitiven Gottheiten gewesen seien (Manismus). Größere 
Verbreitung und Autorität bis auf die Gegenwart erlangte die Lehre 
Tylors, die als die Ausgangsstufe aller religiösen Regungen und Be- 
tätigungen den Animismus ansah, das Stadium des Glaubens 
an die allgemeine Beseelung der gesamten Natur. In 
den letzten zwei Dezennien sind King, Preuß und Vierkandt für 
die Existenz einer noch älteren präanimistischen Stufe ein- 
getreten, einer Periode des Zauberglaubens, wo der Mensch 
einfach durch gewisse magische Handlungen und Riten die Mit- 
menschen und die ganze Außenwelt beeinflussen und seinen Zwecken 
gefügig machen zu können glaubt. Diese Zauberhandlungen sind 
nach Preuß, dem Hauptvertreter dieser Theorie, ursprünglich noch 
von jeder Vorstellung übersinnlicher Wesen und ihrer Mitwiikung 
frei und beruhen lediglich auf dem Glauben an die Wirkungskraft 
des sie ausübenden Menschen. Der Glaube an Seelen und andere 
übersinnliche Wesen ist nach der Preußschen Theorie jüngeren 
Ursprungs als die Zauberei und erst im Zusammenhang mit ihr 
entstanden. 

Ein anderer neuester Forscher auf dem Gebiete der Religionswissenschaft, 
Beth, verwirft die Preußsche Hypothese. Nach ihm sind Religion und Magie 
schon von ihren ersten Anfängen an als zwei ganz wesenverschiedene Geistes- 
richtungen aufgetreten. Die Wurzeln der Religion sucht er in den unter den 
Naturvölkern sehr verbreiteten Vorstellungen von außernatürlichen und über- 
sinnlichen Kräften, dem „Mana" der Melanesier, „Wakonda", „Orenda" und 
„Manito" der nordamerikanischen Indianer, dem „Ngarong" der Dajak usw. Der 
viel später entstandene Magismus habe sich allerdings der Vorstellung von 
solchen Kräften bemächtigt und seinen Zwecken nutzbar gemacht. 

Abgesehen von diesen noch älteren Formen religiösen Denkens 
und Handelns muß der Animismus als die primitivste und ver- 



38 Einführung in die verg-leicliende Völkerkunde 

breitetste Religionsforra anerkannt werden. Ihren ursprünglichen 
Vorstellungsinhalt bilden, wie Wundt dargelegt hat, die ungeteilte 
Körper- und die Schattenseele. Namentlich ist es aber die letztere, 
welche schon frühzeitig die Oberhand erlangt, die ganze Vorstel- 
lungssphäre beherrscht und zu jener Sonderform des Seelenglaubens 
führt, die als Ahnenverehrung bezeichnet und unter dem Begriffe 
Manismus von Spencer und anderen — wie bereits erwähnt — 
als ein eigenes Stadium der religiösen Entwicklung hingestellt worden 
ist. Die mit demselben verbundenen Anschauungen äußern sich be- 
sonders in der Gebarung mit den Leichen der Verstorbenen und in 
den verschiedenartigsten Riten, die den Totenkult zusammensetzen. 
Eine andere Form des Seelenglaubens ist der sogenannte 
Animalismus, bei dem die Wundtsche Vorstellung der ungeteilten 
Körperseele noch vorwiegt mit der Besonderheit, daß die Tiere als 
beseelte, dem Menschen gleichartige oder ihm sogar überlegene Wesen 
angesehen werden. Infolgedessen bildet sich entweder ein allgemeiner 
Tierkult oder häufiger noch eine Verehrung bestimmter Tiere 
heraus, die als Schutzgeister gelten und durch die Mythologie auch 
mit den gesellschaftlichen Organisationen in Beziehung gebracht 
werden. Ist der Glauhe an bestimmte Schutztiere mit der Vor- 
stellung vereinigt, daß die Stammesgruppe mit diesen blutsverwandt 
zu sein, also von ihnen unmittelbar abzustammen meint (was durch 
die Namen, die die Sippen führen, durch das Wappentier usw. 
häufig auch nach außen zum Ausdruck gebracht wird), so spricht 
man von Totemismus. 

Die religiöse Bedeutung des Totemismus ist im allgemeinen eine geringe 
und das Schwergewicht bei ihm auf die Beeinflussung der Gesellschaftsbilduug 
zu legen. Der Totemismus führt zur Entstehung bestimmter Heiratsklassen 
und Eheformen (s. o. S. 7) und war auch durch die von ihm ausgehenden Speise- 
verbote für das Wirtschaftsleben nicht ohne wesentliche Bedeutung. Der Aus- 
druck Totem ist den Algonkinsprachen Nordamerikas entlehnt. 

Andrew Lang und James G. Frazer unterscheiden drei Grundformen des 
Totemismus: 1. den Stammes- oder Gruppentotemismus, das ist den eigentlichen 
Totemismus, wo zwischen einer Gruppe von Blutsverwandten einerseits und 
einer Gattung von Tieren, Pflanzen (und selbst von unbelebten Gegenständen) 
andererseits ein spezifisches Verhältnis geschaffen wird, welches in der Regel 
als Verwandtschaft aufgefaßt wird, 2. den Geschlechtstotemismus, bei welchem 
die Männer der Gruppe und ihre Frauen verschiedene Totems haben, und 3. den 
Individualtotemismus, sonst auch Manituismus genannt, welcher die Brücke zu 
der bereits oben erwähnten Lehre des Ursprunges der Religion von dem 
Glauben an übernatürliche, übersinnliche Kräfte bildet. Beim Individual- 



Der geistig^e Kulturbesitz (Religion, Kunst und Wissenschaft) 39 

totemismus ist das Totem der persönliche Schutzgeist des Individuums 
ohne verwandtschaftliche Beziehungen zu ihm und nicht vererblich. Adam, 
welcher sich mit den Unterschieden zwischen Individual- und Gruppen- (Sozial-) 
Totemismus besonders beschäftii<t hat, ist der Anschauung, daß trotz mancher 
Verschiedenheiten eine bedeutsame Wesensverwandtschaft zwischen den beiden 
Formen des Totemismus bestehe und daß insbesondere bei den Vorgängen beim 
Erwerb eines Iiidividualtotems und denen bei der Entstehung vieler Gruppen- 
totems höchstwahrscheinlich gleichartige Einflüsse im Spiele sein müssen. 
Kohler will jedoch den Ausdruck Totem und Totemismus auf den Gruppen- 
oder Sozialtotemismus beschränken. Ankermann will bei der Erklärung der 
Herkunft des Totemismus die Abstammung desselben von magischen und ani- 
mistischen Ideen ausschließen. Ebenso bleibt nach ihm jede bewußte Über- 
legung und jede Absicht auf Zwecke außer Betracht. Alle Verknüpfungen des 
Totemismus mit magischen und animistischen Ideen sind sekundär. Den Ur- 
sprung des Totemismus sucht Ankermann vielmehr auf dem Gebiete der Aus- 
drucks- und Spieltätigkeit, wobei er die Entstehung desselben auf einen bestimmten 
der später hier noch zu erwähnenden Kulturkreise beschränken will. Auch 
Pater Schmidt will den Geschlechts- und den Individualtotemismus vom eigent- 
, liehen reinen Gruppentotemismus ausscheiden. Wie man sieht, ist, trotzdem der 
Totemismus im letzten Jahrzehnt der Gegenstand eingehender Untersuchungen 
und Erörterungen war, insbesondere die englischen und amerikanischen Ethno- 
logenschulen sich mit ilim eingehend befaßt haben, die Frage seiner Entstehung 
und Bedeutung keineswegs als geklärt anzusehen. Van Gennep führt in seinem 
neuesten Buche über den Totemismus nicht weniger als zwölf verschiedene 
Erklärungshypothesen an. Sicher hat von Luschan recht, wenn er sagt, daß es 
sehr zweifelhaft ist, ob Totemismus und alles, was mit ihm zusammenhängt, 
einheitlichen Ursprungs ist. 

Wohl die höchste Form des Animismus und schon zu der 
nächsten Religionsstufe, dem Theismus oder Götterglauben, hinüber- 
leitend ist der Dämonismus oder Geisterglaube. Gekennzeichnet 
ist er durch das Vorherrschen der Vorstellung von übersinnlichen 
Wesen, deren Beziehungen zu den Körper- und Ahnenseelen bereits 
verlorengegangen sind, die selbständig existieren, oft mit über- 
natürlichen Kräften begabt sind und auf das Geschick des Menschen 
in gutem oder schlechtem Sinne gerne Einfluß nehmen. Aller 
Dämonenglaube geht jedoch auf die primitiven animistischen An- 
schauungen zurück, und dies wird dort besonders deutlich, wo die 
Dämonen die Tiergestalt noch erhalten haben. Der sogenannte 
Fetischismus ist nur eine Abart des Dämonenglaubens, indem 
die Geister an gewisse unbelebte Gegenstände gebunden gedacht 
werden; die letzteren sind zuerst Wohnstätten, dann bloße Symbole 
der Geister, mit denen sie in Beziehung stehen, und danach richtet 
sich auch der Kult. 



40 Einfülirung- in die vergleichende Völkerkunde 

Bis vor kurzem war man allgemein der Ansicht, daß die Göttergestalten 
der theistischen Periode aus den Dämonen und Ahuengeistern der animistischen 
Schule im Wege der Entwicklung hervorgegangen seien. Erst ungefähr vor 
zwei Jahrzehnten trat der bereits mehrmals erwähnte Schotte Andre av Lang 
mit der Lehre auf, daß die älteste Religionsform bereits eine sehr hohe, unseren 
heutigen Begriffen nahekommende gewesen sei und erst im Laufe der Zeit von 
ihrem ursprünglichen Inhalt wieder eingebüßt habe. Lang begründete diese 
Theorie mit dem Hinweis auf den Glauben einzelner Stämme Südaustraliens 
an ein höchstes, unsichtbares Wesen: Baiame, welches die Welt geschaffen habe, 
und den Pulugaglauben der Andamanesen. Pater Schmidt hat in seinem Buche 
„Der Ursprung der Gottesidee" die Theorie Längs durch Beibringung weiteren Be- 
weismaterials zu stützen und zu vei'allgemeinern gesucht, Tylor hat wiederum in 
seiner Kritik der Langschen Veröffentlichungen die scheinbar hochstehenden Vor- 
stellungen von Gott bei primitiven Völkern als Entlehnungen aus Christentum 
oder Islam erklärt. Letzteres trifft nun bei vielen Beispielen von sogenanntem 
primitiven Monotheismus gewiß nicht zu; doch geht sicher auch Pater Schinidt 
viel zu weit, wenn er damit die evolutionistische Hypothese der Religions- 
bildung aus Zauberwesen und Animismus ein für allemal als abgetan erklärt. 
Die euhemeristische Auffassung der Entstehung der polytheistischen Gottes- 
gestalten aus den Ahnenseelen wird wohl auch Aveiterhin ihre Berechtigung 
beibehalten. Die Fälle von primitivem Monotheismus (von denen übrigens manche 
erst der Nachprüfung durch ganz unvoreingenommene Forscher an Ort und 
Stelle bedürfen) gehören mit der Sprache und der Familienbildung zu jenen 
Rätseln der Anfänge der menschlichen Kultur, die wohl oAvig ungelöst bleiben 
werden. 

Die Zauberei, die nach der Preußschen Theorie mit ihrer 
Entstehung in die voraniniistischen Zeiten zurückgeht, hat sich in 
der Folge gewaltig entwickelt und bildet einen wichtigen Bestand- 
teil jedes Kultus. Sie ist sogar wichtiger als das Opfer, das in 
manchen Fällen sogar aus Zauberhandlungen sich erst heraus- 
gebildet haben dürfte. Die magische Beeinflussung der Natur und 
der übersinnlichen Wesen war dann das Primäre und der Gedanke 
der Günstigstimmung derselben durch Darbringung von Geschenken 
eine sekundäre Erscheinung, 

Das Gebet, welches von Opfern absieht und sich auf die 
reine Bitte beschränkt, ist überhaupt nur auf höheren Stufen der 
Rehgionsentwicklung anzutreffen. Die Zauberhandlungen zerfallen 
in zwei Hauptkategorien: symbolische, wobei die Handlung eine 
Nachbildung oder pantomimische Andeutung der Zauberwirkung ist, 
und magische, wo die Fernwirkung des Zaubers durch andere 
Weise erreicht wird. Mit der Entwicklung der Zauberei ist auch 
die Person des Zauberarztes (Schamane) untrennbar verbunden. 
Der Schamane hat seine zauberischen Kräfte und Künste in den 



Der geistige Kulturbesitz (Religion, Kunst und Wissenschaft) 41 

Dienst der primitiven Gesellschaft zu stellen; Hauptanlässe dazu 
waren Krankheiten, Regenmangel (bei Ackerbau und Viehzüchtern), 
große Unglücksfälle usw. Es ist sicher, daß das Pries tertum 
zum Teil auf diese Uranfänge zurückgeht. Personen mit leicht 
erregbarem Nervensystem und rasch entzündlicher Phantasie, die 
zum Schamanenberuf sich besonders eigneten, hat es gewiß schon 
in den ältesten Zeiten und bei allen Völkern gegeben; übrigens 
lernte man bald durch Betäubungsmittel und Fasten der etwa 
mangelnden Disposition nachzuhelfen, um sich künstlich in jenen 
Zustand der Ekstase zu versetzen, in welchem nach dem Glauben 
der Naturvölker dem Menschen der Verkehr mit der Seelen- und 
Geisterwelt offensteht und ihm von höheren Wesen über die mannig- 
fachsten Dinge und Geschehnisse Auskünfte und guter Rat erteilt 
werden. Aus diesem schamanistischen Priestertum leiten sich auch 
die Fälle des Vorkommens des Glaubens an einen Messias bei den 
Naturvölkern ab, wie er sich bei verschiedenen Indianerstämmen 
der Gegenwart, afrikanischen Völkern und auch bei den alten Azteken 
und Peruanern findet. 

Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß in anderen Fällen das Priester- 
tum nicht auch aus der alten Stellung des Familienoberhauptes und dann der 
Alten und Weisen des Stammes überhaupt hervorgegangen sein könnte, welche 
ebenfalls die Aufgabe hatten die Beziehungen zur übersinnlichen Welt in 
besonderer Weise wahrzunehmen, und ebenso konnte es vorkommen, daß beide 
Entstehungsursachen gleichzeitig wirksam waren. 

Eine besondere Form der primitiven Religion ist die Natur- 
verehrung, speziell der Kult von Sonne, Mond und Sternen. 
Sie war, wie oben erwähnt, vor einem halben Jahrhundert durch 
Adalbert Kuhn, Wilhelm Schwartz und Max Müller als eine all- 
gemeine Entwicklungsstufe der Naturvölker hingestellt worden, und 
wurde dann durch die Tylorsche Animismuslehre gänzlich verdrängt. 
In neuester Zeit ist sie nach den Untersuchungen von Röscher und 
Stucken für die antiken Völker und von Ehrenreich und Pater 
Schmidt für die Naturvölker wieder einigermaßen zu Ehren gekommen, 
die den Gestirnkultus als eine Degenerationserscheinung des primi- 
tiven Monotheismus deuteten. Nach Pater Schmidt tritt der Mond 
als Gottheit dort auf, wo das herrschende Mutterrecht das höchste 
Wesen in weiblicher Gestalt erscheinen läßt, während im patri- 
archalischen totemistischen Kulturkreis für das höchste gute Wesen 
die Sonne eintritt. 



42 Einführung- in die vergleichende Völkerkunde 

Omina und Orakel spielen bereits in den Religionsübung-en der primi- 
tiven Völker eine wichtige Rolle; die Erschließung zukünftiger Geschehnisse 
hat für den Naturmenschen nicht wenig-er Bedeutung wie für uns. Die Methoden 
sind sehr vielgestaltig. Von der einfachen Deutung des Vogelfluges und des 
„Anganges" bis zu den komplizierten Divinationsverfahren der nordasiatischen 
Scapulimantie und des afrikanischen Würfolorakels. 

Religion und Moral sind nach unserem Gefühl voneinander 
nicht zu trennen. In den Uranfängen der Kultur und bei den 
Naturvölkern der Gegenwart ist dies aber durchaus nicht der Fall; 
die primitive Ethik ist meist eine ganz andere als die unsrige, und 
die Religionsformen kümmern sich gar nicht um sie. Am klarsten 
zeigt sich dieser Unterschied in dem Schicksal der Seelen der Ver- 
storbenen: in der Regel wird von ihnen das irdische Leben im 
Jenseits einfach fortgesetzt. Bei etwas vorgeschritteneren Völkern 
entscheiden nur Rang oder Stand über das Schicksal der Seele, 
bei vielen auch die Todesart selbst. Doch auch hier zeigen sich 
schon Keime des Sittlichkeitsgedankens, und es gibt eine ganze 
Anzahl Völker, welche an himmlische Strafen mit moralischer 
Bedeutung für die ins Jenseits gelangenden Menschenseelen glauben. 
Auch der Gedanke an eine Belohnung des Verstorbenen für 
gewisse, während seines Erdenwallens erworbene Verdienste ist den 
Primitiven nicht ganz fremd, wenn auch die Beweggründe dafür 
von unseren SittlichkeitsbegrifFen nicht unwesenthch abweichen. 
Daher die Belohnung der Selbstmörder und der im Wochen- 
bett gestorbenen Frauen bei verschiedenen Völkern. 

2. Kunst 

Der Trieb zur künstlerischen Betätigung wurzelt in der inneren 
Natur des Menschen, und auch das Vorhandensein der dazu er- 
forderlichen Begabung ist von dem Kulturgrad unabhängig. Daher 
finden wir beide Hauptkunstgruppen, sowohl die der Ruhe wie die 
der Bewegung, schon in den ältesten Zeiten der Menschheitsent- 
wicklung vertreten. Von den Künsten der Ruhe oder den bildenden 
Künsten ist die ursprünglichste wohl nicht die Plastik, sondern 
die Zierkunst (Kosmetik), die den menschlichen Körper als ihr 
Arbeitsfeld betrachtete. Schon in einem früheren Abschnitt (Seite 27) 
wurde angedeutet, wie vielseitig die Mittel und Wege des Natur- 
menschen sind, um seinen Leib zu verschönern. Vom Körperschmuck 
gelangte das künstlerische Schaffen zum Geräteschmuck, endlich 
zur Herstellung selbständiger Erzeugnisse der Bildhauerei und 



Der geistig-e Kulturbesitz (Religion, Kunst und Wissenschaft) 43 

Malerei. Ein lange ungelöstes Problem war die Herkunft und die 
Bedeutung der primitiven Pelszeichnungen, häufig, jedoch fälschlich, 
als Bilderschriften bezeichnet. Die Vorgeschichte und die Entwick- 
lung dieser Zeichnungen lassen sich nach Vierkandt in drei Stufen 
einteilen: Die erste Stufe bilden zufällig entstandene, vom Schleifen 
der Steinbeile und anderen Werkzeugen an den Felswänden her- 
rührende Schleifrillen; die zweite ist die spielende Wiederholung 
oder Nachahmung solcher Leistungen, die dritte endlich das Zeichnen 
sinnvoller Figuren. Zu welch' hoher künstlerischer Auffassung und 
Vollendung primitive Völker es in dieser Hinsicht bringen können, 
lehrt ein Blick auf die Tierbilder in den Höhlen in der Dordogne 
und in Nordspanien oder die Buschmannzeichnungen Südafrikas. 

Auch die Leistungen vieler Naturvölker im Bereiche der Plastik 
sind nicht unbedeutend zu nennen. Die in den Museen aufgehäuften 
Holzschnitzereien und Steinidole der Papua, Maori, Nordwest- 
amerikaner und vieler Negerstärame erwecken nicht bloß das Inter- 
esse des Ethnologen, sondern auch die volle Bewunderung des Kunst- 
kenners. Nur die Flächenmalerei ist vielleicht infolge technischer 
Schwierigkeiten etwas zurückgeblieben und hat sich nur selten über 
die Körperbemalung und buntangelegte Felszeichnungen hinausgewagt. 

Was die Entstehung des Ornamentes anbelangt, so scheint 
die in neuester Zeit durch Max Schmidt und Iv. Th. Preuß vertretene 
Ansicht, daß das geometrische Ornament durch die Technik ent- 
standen sei und daß insbesondere die durch das mechanische 
Flechten entstandenen Muster und Figuren sehr alt seien und dem 
eigentlichen figürlichen Ornament vorausgegangen sein können, eine 
gewisse Berechtigung zu besitzen. Insbesondere dann, wenn in diese 
geometrischen Figuren Naturobjekte, namentlich Tiere, hineingesehen 
werden, wodurch das Interesse an ihnen ganz außerordentlich wächst. 
Aus den beim mechanischen Flechten ohne besonderes Zutun des 
Arbeitenden entstehenden Mustern (Stufen, Kreuze, Rhomben, 
Mäander) entwickeln sich durch Hervorhebung durch andersfarbige 
Fasern kompliziertere geometrische Ornamente und stilisierte Dar- 
stellungen von Naturobjekten. 

Preuß will auch den obenerwähnten Felszeichnung-en und Bilderschriften 
eine ursprüngliche magische Bedeutung beigelegt wissen. Ebenso sollen Zeich- 
nungen und Muster auf verschiedenen Gebrauchsgegenständen nicht bloß 
ästhetischen Zwecken gedient haben, sondern auch von magischer Bedeutung 
gewesen sein. 



44 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

Von den Künsten der Bewegung genießt der Tanz eine beson- 
dere Beliebtheit bei den Naturvölkern. Wenn auch die j^rofane Ent- 
stehung des Tanzes als Begleiterscheinung von Affekten ohne weiteres 
zuzugeben ist, so hat der Tanz doch seine Hauptbedeutung als 
Begleitung religiöser Zeremonien, denn das Auftreten von Dämonen 
oder Naturwesen wird ohne Tanz kaum denkbar sein. Mimische 
Tänze sind, wie Preuß wahrscheinlich gemacht hat, die Anfänge 
des Dramas. Andererseits tritt der bloße Tanz oft an die Stelle 
dramatischer Szenen. Der Tanz bedeutet aber für den einzelnen 
auch die Gewinnung von Zauberkräften, die sich der Schamane 
dadurch ebenso verschaffen kann wie durch andere Ekstase erzeugende 
Mittel (narkotische Gifte, Fasten usw.). 

Bücher hat die Theorie aufgestellt, daß der Tanz aus dem Rhythmus der 
Arbeitsbewegungen hervorgegangen sei. Doch dürfte diese Ansicht nur bedingte 
Berechtigung haben, ebensowenig wie die von demselben Forscher angenommene 
Ableitung der Dichtkunst von den Arbeitsgesängen. Hiefür spricht, daß der 
Gesang anfänglich zumeist mit dem Tanze verbunden ist, während die Arbeits- 
lieder zurücktreten. Gesang und Dichtkunst lassen sich auf primitiver Stufe über- 
haupt schwer trennen, dem Inhalte nach überwiegen unter ihnen die religiösen 
gegenüber den profanen. 

Die Anfänge der Lyrik gehen auf das Tanzlied zurück, und 
ihr Inhalt sind Kinderlieder, Pubertätsgesänge und Totenklagen. 
Liebeslieder sind verhältnismäßig selten. Die erzählende Dich- 
tung entwickelte sich verhältnismäßig spät aus der dramatischen, ist 
jedoch noch immer sehr reichhaltig, wenn man das gesamte Gebiet 
derselben (Sagen, Märchen und Mythus) hinzurechnet. Die primi- 
tive Instrumentalmusik scheint einen vom Tanz selbständigen 
Ursprung zu besitzen. Pastor unterscheidet drei Schichten in der 
Musik der Naturvölker: erstens als Zauber, zweitens als Rhythmus 
und drittens als Melodie. Allen dreien ist gemeinsam, daß sie 
zweidimensional, horizontal und einstimmig bleibt, im Gegensatz zu 
unserer Musik, die dreidimensional, vertikal und mehrstimmig sich 
in Akkorden aufljaut. Die mittlere Schicht, die Musik als Bhythmus, 
stellt das Zentrum aller Ur- und Naturvölkermusik dar. Über den 
Rhythmus sind die Naturvölker nicht hinausgekommen. Harmonie 
und Melodie sind für sie noch von ganz untergeordneter Bedeutung. 

3. Wissenschaft 

Die dem Menschen am nächsten stehende Wissenschaft ist die 
Heilkunde; selbst der Primitive hat bei Erkrankungen schon das 



Der geistige Kulturbesitz (Religion, Kunst und Wissenschaft) 45 

Bedürfnis, sich um Eat und Hilfe an seine Mitmenschen zu wenden. 
Wenn auch der Arzt bei den Naturvölkern zumeist Zauberer oder 
Priester ist, da die Ursache der Erkrankungen in der Regel in 
der Einflußnahme übernatürlicher Wesen oder in Hexerei gesucht 
wird, so sammelt sich dennoch sehr bald ein beträchtlicher Schatz 
an praktischen Erfahrungen. Selbst anerkannte Heilmethoden der 
wissenschaftlichen Medizin, wie die Massage, das Schröpfen und 
Aderlassen, manche hydrotherapeutische Prozeduren (Schwitzkuren) 
und schwierige chirurgische Eingriffe (z. B. die Trepanation des 
Schädels), sind den Naturvölkern nicht fremd. Groß ist die Zahl 
der heilkräftigen Pflanzen, deren Wirkungsweise schon von den 
Wilden erkannt wird. Nicht wenige derselben sind später in den 
Besitz der zünftigen Medizin übergegangen. 

Von dem ärztlichen Instrumentarium der Naturvölker erwecken unter anderem 
besonderes Interesse die sogenannten Aderlaßbögen, von welchen kleine Pfeilchen 
an die zur Blutentnahme bestimmten Venen regelrecht abgeschossen werden. 
Ihr Vorkommen in mehreren durch große Erdräume voneinander geschiedenen 
Gebieten (Ostafrika, Mittel- und Südamerika, Neuguinea) wird wohl als eine 
der vielen Konvergenzerscheinungen zu deuten sein. 

Die Geographie und ihre Hilfswissenschaft, die Karto- 
graphie, ist bei den Naturvölkern gleichfalls zu einer nicht un- 
bedeutenden Entwicklung gelangt. Schon die Anfänge des Messens 
sind ihnen nicht unbekannt; Ortssinn und Orientierungsgabe sind 
in hohem Maß ausgebildet, und die von den Indianern, Eskimos 
und anderen Völkern entworfenen Landkarten haben selbst Forschungs- 
reisenden nicht zu unterschätzende Fingerzeige und Behelfe abgegeben. 
Das Bewundernswürdigste sind wohl die Stabkarten der Marshall- 
Insulaner, die nicht nur die Lage der Inseln, sondern auch die durch 
die Meeresströmungen verursachten Dünungen und die einzuhaltenden 
Schififskurse veranschaulichen. 

Auch die astronomischen Kenntnisse der Naturvölker sind 
nicht gering. Frühzeitig werden einzelne Sterngruppen zu Konstel- 
lationen zusammengefaßt, und die so konstruierten Sternbilder spielen 
in der Schiffahrt, im Ackerbau und in der Zeitrechnung eine wichtige 
Rolle. Namentlich die Plejaden, der große Bär, die Milchstraße 
und andere Sterngruppen erregten schon früh die Aufmerksamkeit 
des Menschen. Er lernte bald die Regelmäßigkeit im Erscheinen 
und Verschwinden gewisser Sternbilder am Himmel mit gewissen 
klimatischen und atmosphärischen Veränderungen in Beziehung zu 
bringen und daraus nützliche Lehren für sein Verhalten zu ziehen. 



46 Einführung: in die vergleichende Völkerkunde 

Dagegen hat man für Sonnen- und Mondfinsternisse, Erdbeben, 
Gezeiten, Nordlichter, vulkanische Ausbrüche und andere terrestrisch- 
kosmische Phänomene zumeist nur eine mythologische Erklärung, und 
nur in den seltensten Fällen zeigt sich ein Anlauf zu einer den 
natürlichen Ursachen nahekommenden Naturerkenntnis. 

Geschichtskunde und Geschichtsüberlieferung sind 
hingegen die letzten Wissenszweige, denen sich der Geist des primi- 
tiven Menschen zuwendet. Das Andenken an historische Ereignisse 
reicht nicht weit zurück, und was darüber hinausgeht, verliert sich 
in nebelhaften Sagen und Traditionen. Nur wenige Völker machen 
Ausnahmen, z. B. die Polynesier mit ihren Ahnenreilien und ür- 
standssagen, die wohl als historische Dokumente gelten müssen. Als 
die Erinnerung auffrischende Hilfsmittel dienen häufig Kerbhölzer 
und Knotenschnüre, zumeist im Rechenwesen des Alltagslebens, 
doch weT'den sie auch zum Festhalten wichtiger Ereignisse ver- 
wendet und haben ihre höchste Ausbildung als Wampumgürtel der 
nordamerikanischen Indianer und als Khipus der Inkaperuaner 
erfahren. 

Eine wirkliche Zeitrechnung kennen nur wenige Natur- 
völker. Allerdings ist eine Rechnung nach Tagen (oder richtiger 
nach Nächten) und nach Mondumläufen oder Monaten wohl keinem 
primitiven Stamme ganz fremd, da die Gesetzmäßigkeit im Wechsel 
von Tag und Nacht und die regelmäßig wiederkehrenden Mond- 
phasen auch dem Auge des Naturmenschen nicht entgehen konnten. 
Über diese Stufe hinaus sind aber nur wenige Völker gekommen. 
Namentlich ist der Begriff des durch die Bewegung der Erde um 
die Sonne schon von der Natur gegebenen Sonnen Jahres, so 
befremdlich dies scheint, keineswegs allen Naturvölkern bekannt, 
und noch weniger wird danach die Zeitrechnung bestimmt. Man 
zählt zumeist nicht nach Jahren, sondern Jahreszeiten, die 
durch gewisse meteorologische Erscheinungen (Wechsel der Wind- 
richtungen, Gegensatz von Regen- und Trockenzeit) oder mensch- 
liche, meist mit dem Nahrungserwerb zusammenhängende Tätig- 
keiten (Getreideanbau, Obsternte, Fischfang usw.) charakterisiert 
sind. Da aber in den tropischen und subtropischen Zonen die Zahl 
der auf ein Sonnenjahr entfallenden Jahreszeiten in der Regel auf 
zwei beschränkt ist, von denen meistens nur eine am meisten hervor- 
stechende als Zeitmesser dient, fällt in der Tat schließlich die 
Rechnung nach Jahreszeiten mit der nach Solarjahren zusammen. 



Der geistige Kulturbesitz (Religion, Kunst und Wissenschaft) 47 

Das Mondjahr wurde erst sekundär geschaffen, um die durch 
die Mondumläufe gegebenen kleineren Zeitabschnitte in Beziehung 
zum Sonnenjahr zu setzen. — Die Wocheneinteilung findet sich 
im primitiven Stadium nur in sehr beschränkter Weise verbreitet 
und stand ursprünglich mit den Mondphasen in keiner Beziehung. 
Die Woche der Naturvölker ist übrigens nicht die von den Baby- 
loniern stammende siebentägige des europäischen Kalenders, sondern 
eine vier-, fünf- oder sechstägige und entsprang den Bedürfnissen 
des Marktverkehrs. Am häufigsten ist in Afrika die viertägige Woche. 

Die mathematischen Kenntnisse der Naturvölker sind im 
allgemeinen gering. Doch besitzen alle die Fähigkeit zu zählen, 
wenn auch in sehr verschiedenem Maße. Zahlenbegriffe, die über 
zweistellige Ziffern hinausgehen, sind der primitiven Denksphäre 
meistens fremd. 

Über die Entstehung und Entwicklung der Sprache uns hier 
ausführlich zu verbreiten, dürfte überflüssig sein. Alle bisher auf- 
gestellten Theorien über den Ursprung der Sprache befriedigen 
nicht. Auch die von Schurtz als Hauptquellen der Sprache angesehenen 
willkürlichen und Reflexlaute der höheren Tierwelt und die Arbeits- 
geräusche der Primitiven reichen nicht aus, um die Entwicklung 
und Differenzierung der einzelnen Laute, noch weniger aber den 
Fortschritt zu Wort- und Satzbildung zu erklären. Ungeklärt ist auch 
das Verhältnis, in welchem die bei den Naturvölkern schon sehr ver- 
breiteten Zeichen- und Gebärdensprachen zu der Lautsprache stehen. 

Unter diesen letztgenannten Verständigungsmitteln mögen die 
afrikanischen Trommelsprachen wegen ihrer besonders hohen 
Ausbildung erwähnt sein. 

Die Schrift, in deren Besitz der primitive Mensch verhält- 
nismäßig spät gelangt ist, war ursprünglich — wie es auch die 
ältesten Schriftsysteme der Kulturvölker waren — eine reine Bilder- 
schrift und lehnt sich eng an die bereits oben (S. 63) erwähnten 
primitiven Felszeichnungen (Petroglyphen) an. Zu diesen Bilder- 
schriften gehören die Darstellungen der australischen Botenstäbe, 
die Malereien auf Tierhaut der nordaraerikanischen Indianer und 
die Bilder an den Junggesellenhäusern der Palauinseln und West- 
karolinen. Auch das vorhin erwähnte Wampum war nicht bloß 
Geld und mnemotechnisches Hilfsmittel. Die in ihm eingestickten 
Figuren hatten ganz bestimmte Bedeutungen, die den Empfängern 
dieses Gürtels verständlich waren. Die Entwicklung der Silben- 



48 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

Schrift aus der Bilderschrift, die sich ja bei wenigen Naturvölkern 
vollzog, war eine sehr bedeutende kulturelle Tat. Dagegen ergab 
sich die Weiterbildung der Silbenschrift zur Buchstabenschrift 
gewissermaßen von selbst. Alle existierenden Alphabete haben sich 
aus der Buchstabenreihe entwickelt, die, wie von Luschan meint, 
um rund 1000 vor Christi auf syrischem Boden geschaffen wurde. 
Andere Autoren verlegen die Heimat des Alphabetes nicht nach 
Syrien, sondern nach Kreta. Daß die von einigen primitiven Völkern 
(Wei in Westafrika, Tscherokiindianer in Nordamerika) erst in der 
Gegenwart ersonnenen phonetischen Schriftzeichen nur auf euro- 
päische Beeinflussung zurückgehen, bedarf wohl keiner besonderen 
Hervorhebung. 

YIII. Die Totenbest«attimg 

Die Behandlung der Leiche des Verstorbenen richtet sich ganz 
nach den herrschenden Vorstellungen über das Schicksal der ab- 
geschiedenen Geister. Entweder hat man das Bestreben, die irdi- 
schen Überreste des Abgeschiedenen so rasch und so ausgiebig als 
möglich zu vernichten, oder man bewahrt sie in einer Weise, damit 
noch ein längerer Verkehr zwischen dem Verstorbenen und den 
Hinterbliebenen ermöglicht ist. Nach diesen Gesichtspunkten unter- 
scheiden wir bei der Totenbestattung das Auffressen der Leiche 
(Endo-Kannibalismus), das Verbrennen und Begraben, das Aus- 
setzen, die Mumifikation und die Skelettierung. Von allen Bestattungs- 
formen sind am wichtigsten die Verbrennung und die Erdbeisetzung. 
Besonders letztere, weil die zu diesem Zwecke über den Gräbern 
aufgeführten Bauwerke (Dolmen, Menhirs, Kurgane, die Mounds 
Nordamerikas usw.) ihre inzwischen längst ausgestorbenen Erbauer 
lange überdauert haben und zu den wichtigsten Denkmälern des 
Kulturgrades der vorgeschichtlichen Epochen geworden sind. 

Mit der Totenbestattung ist der Totenkult untrennbar verbunden, wenn 
auch sein Inhalt und seine Bedeutung zu den religiösen Vorstellungen ebenfalls 
in Beziehung steht. Die Trauer beim Eintritt eines Todesfalles und die osten- 
tative laute Totenklage sind universelle Erscheinungen. Schon anläßlich der 
Bestattung oder Verbrennung werden dem Toten Opfer gebracht, die ihn teils 
günstig stimmen, teils nach der naiven Auffassung des Naturmenschen dazu 
dienen sollen, die Seele des Verstorbenen im Jenseits zu ernähren und auch 
seine anderen leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Demselben Zwecke dienen 
auch die in periodischen Zwischenräumen sich wiederholenden Totenfeste und 
Leichenmahle. 



Die Kulturkreislehre 49 



IX. Die Kulturkreislehre 

Es ist bereits an mehreren Stellen dieser Einführung in die 
Völkerkunde von der Kulturkreislehre die Rede gewesen, und es ergibt 
sich hiemit die Notwendigkeit, über das Wesen und die Bestrebungen 
derselben noch einiges zu sagen. Die Kulturkreislehre ist eine 
Schöpfung der neuesten kulturhistorischen Schulein der Ethno- 
logie, vertreten durch Frobenius, Ankermann, Gräbner, Eoy, 
P. Schmidt, P. Koppers und andere. Besonders Gräbner und Foy 
haben an Stelle der bisherigen naturwissenschaftlichen Methode die 
historische Methode in die Ethnologie einzuführen gesucht. Sie 
wollen eine Kulturgeschichte der geschichtslosen ethnographischen 
Einzelgebiete auf Grund der geographischen Verbreitung oder Ver- 
teilung gewisser engverwandter Kulturelemente konstruieren. Durch 
die Zusammenfassung einer Anzahl von räumlich und zeitlich zu- 
sammengehörigen Kulturmerkmalen entstanden Kulturkomplexe und 
Kulturkreise, die gewöhnlich dann nach einem besonders hervor- 
stechenden Kulturmerkmale ihre Bezeichnung bekamen. Die wich- 
tigsten dieser Kulturkreise sind: 

1. die tasmanische Kultur (Gräbner) oder Urkultur (nach 
Ankermann und Foy): 

2. die Bumerangkultur, 

3. der westpapuanische Kulturkreis (nach Gräbner) gleich dem 
ostafrikanischen Kulturkreis (nach Ankermann) und der totemistischen 
Kultur (nach Foy); 

4. der ostpapuanische Kulturkreis nach Gräbner; er entspricht 
dem westafrikanischen (nach Ankermann) und der Zweiklassenkultur 
(nach Foy); 

5. der melanesische Kulturkreis nach Gräbner oder die Bogen- 
kultur nach Foy und schließlich 

6. die polynesische Kultur nach Gräbner oder die Sudankultur 
nach Ankermann und Foy. 

Ein noch spezialisiertes, acht Hauptschichten umfassendes 
System stellt Pater Schmidt auf, wenn auch seine Kulturschichten 
im Wesen sich mit denen seiner Vorgänger decken und nur die 
Onomatologie eine verschiedene ist, indem sie sich ausschheßlich 
auf die soziale Struktur stützt, welche der betreffenden Kultur- 
schicht eigentümlich ist. Er unterscheidet: 

Völkerkunde I 4, 



50 Einführung in die vergleichende Völkerkunde 

1. den exogam-monogaraistischen Kulturkreis, den er als den 
ältesten, die Urkultur xa& e^oyip' erklärt und dem hauptsächlich 
die Pygmäen und die Pygmoiden angehören; 

2. den exogam-geschlechtstotemistischen Kulturkreis (gleich 
der tasmanischen Kultur Gräbners); 

3. den exogam-gleichrechtlichen Kulturkreis (Bumerangkultur); 

4. a) den exogam-vaterrechtlichen Kulturkreis (entspricht dem 
westpapuanischen Gräbners und dem totemistischen von Foy), 

b) den exogam-mutterrechtlichen Kulturkreis (ostpapuanischen 
Gräbners und Zweiklassenkultur von Foy), 

c) den vaterrechtlichen-großfamiliaren Kulturkreis; 

5. a) den freimutterrechtlichen Kulturkreis (melanesischen Kultur- 
kreis bei Gräbner und Bogenkultur bei Foy) und endlich 

b) den freivaterrechtlichen Kulturkreis. 

Es erscheint verfrüht, über den Wert oder Unwert der histori- 
schen Methode in der Ethnologie und über die Daseinsberechtigung 
der von ihr geschaffenen Kulturkreise ein abschließendes Urteil zu 
fällen. Zweifellos krankt sie an dem Fehler, daß zu viele heterogene 
Elemente zu dem Aufbau der einzelnen Kulturkomplexe benützt 
wurden, während andererseits, wie besonders M. Haberlandt hervor- 
hebt, die sprachlichen und anthropologischen Verhältnisse ganz un- 
berücksichtigt bleiben, so daß die dadurch entstandenen Kultur- 
kreise sich in einzelnen Fällen als ebensolche Konstruktionen 
erweisen, als die von den Anhängern der neuen Lehre so scharf 
bekämpften Entwicklungsreihen der naturwissenschaftlich-evolutio- 
nistischen Richtung in der Völkerkunde. 

Die naturwissenschaftliche Arbeitsweise muß ja durchaus nicht 
durch die Verfolgung des Entwicklungsgedankens gehemmt sein, 
andererseits ist denn der geschichtlichen Denkweise die Idee einer 
fortschreitenden Entwicklung vollkommen fremd? Wie einer der 
eifrigsten Vertreter der historischen Methode in der Völkerkunde, 
Pater Koppers, selbst zugeben muß, waren auch die Geschichts- 
völker einmal Naturvölker und bieten daher ebenfalls das Bild einer 
Entwicklung. Selbstverständlich darf man bei der Umschreibung 
der einzelnen Entwicklungsstufen sich nicht durch vorgefaßte 
Meinungen leiten lassen, sondern muß die tatsächlichen Verhält- 
nisse erfassen und festhalten; es ist dann aber nicht einzusehen, 
warum die für diesen Zweck mindestens ebenso scharf eingestellte 
Beobachtungsgabe des Naturforschers hinter der Arbeitsweise des 



Die Kulturkreislehre 5]^ 

Historikers zurückstehen soll. In der Wissenschaft gibt es keine 
Privilegien und Monopole, und es besteht kein Hindernis, daß 
einzelne Kulturelemente und ganze Kulturkomplexe, ja die ganze 
Kulturgeschichte der Menschheit überhaupt, sich sowohl durch die 
naturwissenschaftliche als auch durch die historische Methode er- 
schließen lassen. 



Amerika 

Von Dr. Walter Krickeherg in Charlottenburg 



I. Die Amcrik.aner im allgemeinen 

Yon der Alten Welt durch gewaltige Meere getrennt und 
nur in den unwirtlichen Polargegenden durch Inselbrücken lose mit 
ihr verknüpft, erstreckt sich der Doppelkontinent Amerika 
über die ganze westliche Erdhalbkugel vom 72. Grad nördlicher 
bis zum 54. Grad südlicher Breite. Im Tertiär wurden Nord- und 
Südamerika durch mächtige Brüche, die das von einem Kranz von 
Vulkanen umgürtete „Amerikanische Mittelmeer" schufen, getrennt. 
Seitdem bilden nur zwei schmale Verbindungsglieder, die mittel- 
araerikanische Landenge und die Inselkette der Antillen, Brücken 
zwischen beiden. Aber ihre ehemalige Zusammengehörigkeit verrät 
sich noch in vielem: Beide sind im Gegensatz zur Ostfeste meri- 
dional gegliedert-, ein gewaltiges Kettengebirge, dessen Züge sich 
bald eng aneinander drängen, bald weit auseinander treten und 
breite, vielfach abflußlose Hochländer zwischen sich entstehen lassen, 
begleitet ihren Westrand vom nördlichen Eismeer bis zur Magalhäes- 
straße, während sich östlich davon ungeheure Ebenen dehnen, die 
zur Entwicklung der größten Stromnetze der Erde Raum boten: 
Mackenzie, Nelson-Saskatchewan und Mississippi im Norden, Orinoco, 
Amazonas und La Plata im Süden. Kein ostwestlich verlaufender 
Gebirgszug unterbricht diese Niederungen, die mit borealen oder 
tropischen Urwäldern und endlosen Grasfluren (Prärien, Llanos, 
Pampas) bedeckt sind. Hier konnte der Mensch ungehindert von 
Norden nach Süden vordringen, die durch kurze Tragstellen (Por- 
tages) oder Gabelungen (Bifurkationen) eng verbundenen Strom- 
netze als willkommene Wanderstraßen benutzend. Hier im Osten 
hat daher auch der Schauplatz gewaltiger Völkerwanderungen von 
der Urzeit an bis in die Gegenwart gelegen, an denen gemessen die Aus- 
dehnung der historischen Völkerwanderung Europas verblaßt, während 
der Westen, das Kordillerenland, die von diesen Völkerfluten zurück- 
gedrängten, zersplitterten K,este älterer Bevölkerung aufnahm. Eine 
Reihe günstiger Umstände hat es dann gefügt, daß gerade in diesen 



Die Amerikaner im allgemeinen 53 

Hochlandsgebieten zwischen den Kordilleren unter subtropischen 
und tropischen Breiten hochstehende Halbkulturen erblühten, während 
die Völker in den Ebenen des Ostens sich nicht über die Wirt- 
schafts- und Kulturstufe der meisten afiikanischen und ozeanischen 
Naturvölker erhoben. In Südamerika wurde neben dem Anden- 
gebiet auch das höher gelegene Land im Osten der großen Fluß- 
netze (das brasilianische Hochland) die Zufluchtsstätte kulturell 
sehr altertümlicher Völker, die wirtschaftlich auf der Stufe der 
Sammler und Jäger stehengeblieben sind. 

Nordamerika hat, vielleicht zu gleicher Zeit wie Europa, 
eine Folge von Eiszeiten durchgemacht, deren erste und größte 
zwanzig Millionen Quadratkilometer des Erdteils bedeckte und noch 
über den 40. Breitengrad ihre Endmoränen vorschob (Abb. 1). In den 
Zwischeneiszeiten bildeten sich hinter diesen die mächtigen Süßwasser- 
becken des großen Seengebietes, während der Moränenschutt selbst 
vor allem durch die gewaltigen Ströme des Mississippi-Beckens weit 
nach Süden verfrachtet wurde und sich längs den Flußufern in 
Schotterterrassen aufbaute, über die sich noch das feine, zerriebene 
Material als Lößdecke breitete. In diesen Löß- und Schotter- 
ablagerungen hat man die Hauptfunde gemacht, die die Existenz 
des Menschen in einer warmen Zwischeneiszeit beweisen. 

Es sind in Nordamerika Funde gemacht worden, die, wenn die Fund- 
umstände einwandfrei wären , dort das erste Auftreten des Menschen iu den 
Anfang- des Diluviums, ja ins Tertiär hinaufrücken würden: der Calaveras- 
Schädel und zahlreiche Steinwerkzeuge, die 1866 unter einer Decke basaltischer, 
von tertiären Ausbrüchen der Sierra Nevada in Kalifornien herrührender Laven 
gefunden wurden (der sogenannte „Auriferous Gravel Man") und der Lansing- 
schädel, der 1902 unter einer zwanzig Fuß mächtigen, ungestörten Sediment- 
masse im Staate Kansas unweit des rechten Missouri-Ufers hervorgezogen wurde. 
Aber beide Schädel zeigen so sehr den Typus der modernen Indianerschädel 
jener Gegenden, daß Hrdliöka, der die fossilen Skelettfunde in Nordamerika 
einer eingehenden kritischen Prüfung unterzogen hat, schon deshalb an ihrem 
hohen Alter zweifelt. Noch mehr haben an Beweiskraft für das Alter des 
Menschen in Nordamerika die beiden Schädel verloren, die in der eiszeitlichen 
Drift am Ufer des Delaware bei T renton (New Jersey) gefunden worden sind; 
der genannte Forscher hält sie für ganz rezenten Ursprungs un4 kommt zu 
dem Schluß, daß vorläufig das Auftreten einer primitiven Menschenfoim von 
geologisch höherem Alter in Nordamerika noch nicht erwiesen sei. Auch das 
paläolithische Steingerät der Trenton-Kiese zeigt keine Merkmale, die es von 
dem der späteren Indianer trennen. — Es heißt den Skeptizismus zu weit treiben, 
wenn man das hohe Alter von Schädelfunden nur deshalb bezweifelt, weil sie 
mit modernen Indianerschädeln Übereinstimmung zeigen. Jedenfalls bleibt 



54 



Amerika. I. Die Amerikaner im allgemeinen 




Abb. 1. Karte der Maximalvergletscheruug Nordamerikas 
(Nach Upham) 

bestehen, daß man in Nordamerika auch in einwandfrei diluvialen Scliichten 
Skelettfunde gemacht hat. 

Die Einwanderung des Menschen in Südamerika ist offen- 
bar schon früh erfolgt. Dafür sprechen die immerhin großen ethno-, 
graphischen Unterschiede (auch zwischen den Kulturvölkern) und 
die Sprachverschiedenheiten — keine südamerikanische Sprache 
hat Verwandte auf nordamerikanischem Boden — ; von zvsreifel- 
hafterer Beweiskraft sind die bisher vorliegenden prähistorischen 
Funde, deren höheres Alter neuerdings sehr bestritten wird. 

Nach den bislier geltenden Anschauungen reichte auch auf südamerikani- 
schem Boden die Existenz des Menschen in sehr alte Zeiten hinauf, und zwar 
sind die ältesten Funde gerade in der Südspitze und im ostbrasilianischen 
Hochland gemacht worden, was an sich gut zu dem kulturgeschichtlichen Aufbau 



Die Amerikaner im allgemeinen 55 

Südamerikas (s. u.) stimmt. Freilich war man sich, da eine so gewaltig- aus- 
gebildete und tief eingreifende Eiszeit wie in Nordamerika im Süden fehlte, 
schon immer über die zeitliche Stellung der Fundschichten nicht recht einig. 
Die Hauptfunde entstammen der Pampasformation, einer fast ganz Mittel- 
argentinien überlagernden Schicht sandiger Tone, an deren Bildung teils fluviale, 
teils äolische Ablagerungen (ähnlich unserem Löß) beteiligt waren, je nach 
bestimmten klimatischen Schwankungen; doch läßt sich mit einiger Sicherheit 
nur eine obere, der geologischen Gegenwart angehörende und ausschließlich 
äolische Pampasschicht von der unteren, das heißt der Gesamtheit der darunter- 
liegenden Schichten, trennen. Nichtsdestoweniger hat Ameghino versucht, 
eine Schichtenfolge der Pampasformation aufzustellen und die in ihr gefundenen 
menschlichen Skelettreste und Steinwerkzeuge in sie einzuordnen. Er glaubte 
hier die Wiege der tertiären Vorfahren des Menschen (Tetraprothomo , Di- 
prothomo und Prothomo oder Homo Pampaeus) entdeckt zu haben, von denen 
er alle anderen Menschenrassen ableitete, die sich über eine Landbrücke zu- 
nächst nach Afrika und dann nach der übrigen Alten Welt ausgebreitet haben 
sollten. Er sah in ihnen die Zeitgenossen gewaltiger Landwirbeltiere, des 
Riesengürteltiers (Glyptodon), Riesenfaultiers (Megatherium und Mylodon) usw., 
und ließ sie die Panzer der Glyptodonten als natürliche Obdache benutzen, 
während der Geologe Hau thal aus Funden in einer Höhle des südpatagonischen 
Fjordes Ultima Esperanza sogar den Schluß gezogen hat, der Pampasmensch 
habe eine der riesigen fossilen Faultierarten (Grypotherium) als Haustier 
gezüchtet. 

Diese mehr oder weniger phantastischen Ideen sind neuerdings durch 
Lehmann-Nitsche, Hrdlicka u. a. einer gründlichen Kritik unterzogen worden. 
Hrdlicka hält die angeblichen tertiären Skelettreste und Artefakte sogar für 
ganz modern und weist nach, daß bei den Schädeln künstliche Verunstaltung 
und krankhafte Knochenbildungen für primitive Merkmale angesehen worden 
seien. Ein besseres Ansehen genießen immer noch die fossilen Schädel, die 
der Däne Lund 1843 in einer Höhle nahe Lagoa Santa, im Staate Minas 
Geraes (Ostbrasilien) fand und die man mit nordostargentinischen Skelettresten 
(dem 1881 von Santiago Roth bei Fontezuelas ausgegrabenen Skelett, dem 
Schädel von Arrecifes u. a.) unter dem Namen der „Lagoa-Santa-Rasse" zu- 
sammengefaßt hat. De Quatrefages sah in ihr eine „paläamerikanische" 
Rasse, durch deren Vermischung mit Polynesiern sich der heutige Amerikaner 
gebildet habe, und Rivet suchte nachzuweisen, daß dieselbe Rasse einst auch 
in den Andenländern (Ecuador) vertreten war. — Einen besonders primitiven 
Tj'pus zeigen zwar auch diese Schädel nicht, sie stimmen aber gut mit modernen 
Schädeln der noch heute in derselben Gegend sitzenden Botokuden überein, die 
also wohl unmittelbare Nachkommen der Lagoa-Santa-Rasse sind und wenigstens 
kulturell zu den altertümlichsten südamerikanischen Völkern gehören. 

In noch jüngere Zeit führen die Funde in den Muschel- 
haufen („Shellmounds" in Nordamerika, „Sambakis" in Brasilien), 
die die atlantischen Küsten von Neuschottland bis Nordmexico, 
von Guayana bis Feuerland und die pazifischen Chiles und Perus, 



56 Amerika. I. Die Amerikaner im allgemeinen 

Kaliforniens und Alaskas umsäumen und nicht selten bedeutende 
Abmessungen erreichen. 

Sie liegen bald unmittelbar an der Küste, bald an Küstenlagunen oder 
-Aussen und sind schichtweise aufgebaut, was im Verein mit Skelettresten und 
Erzeugnissen von Menschenhand — neben allerlei steinzeitlichem Hausrat auch 
Tongefäßscherben, in Nordamerika selbst Metallsachen — ihre Aufhäufung durch 
Menschen beweist. Ihr stellenweise bedeutendes Alter kann nicht bezweifelt 
werden, wenn auch die frühere Annahme, daß sie sowohl in Florida als 
auch in Sü d b ra silien in den ältesten Schichten jetzt ausgestorbene Muscheln 
aufweisen, näherer Prüfung nicht standgehalten hat. Die Kultur dieser Muschel- 
hügel zeigt oft eine Stufenfolge, die seltener, wie in Kalifornien (an der 
Bai von S. Francisco), auf ein allmähliches Fortschreiten, häufiger, wie in 
Peru und Chile, auf einen Bevölkerungswechsel schließen läßt. In Alaska 
unterscheidet Dali eine älteste Periode, in der die Bevölkerung ausschließlich 
von niederen Meertieren (Echinus-Arten) lebte und keinerlei Kulturreste hinter- 
lassen hat, eine mittlere mit einer hauptsächlich Fischfang treibenden Bevölkerung 
mit sehr primitivem Gerät und eine jüngere, in der die großen Seesäuger die 
Hauptnahrung lieferten und die Kultur sich der der heutigen Alaskavölker 
näherte. Er schätzt das Alter dieser Muschelhügel auf 3000 Jahre. Nach Steensby 
deutet hier mindestens die jüngste Periode auf das Auftreten eines neuen Be- 
völkerungselementes (der Eskimo) hin. — Muschelhügel in Verbindung mit alten 
Pfahlbausiedlungen an der Küste Floridas werden wir noch weiter unten 
(S. 106) kennen lernen. — Neben diesen Küsten-Shellmounds kennt man in Nord- 
amerika auch zahlreiche binnenländische an den Flußufern des Mississippi- 
Beckens, In Südamerika bilden ein gewisses Seitenstück zu den Sambakis die 
argentinischen und patagonischen Paraderos, Lagerplätze und 
Feuerstätten von Jagdgesellschaften, in denen man neben Knochen einer noch 
heute lebenden Tierwelt Erzeugnisse einer reich entwickelten Steinzeit mit 
ähnlichen paläolithischen Formen wie in Europa angetroffen hat (Abb. 125). 

Das hohe Alter des Menschen in Amerika wird besser als 
durch archäologische Tatsachen durch seine Rassenstellung be- 
wiesen. Die Amerikaner müssen noch heute, wie zu Linnes und 
Blumenbachs Zeiten, als eine selbständige Rasse angesehen Averden. 
Früher überschätzte man oft die mongoloiden Züge und war 
geneigt, sie für eine unmittelbare Abzweigung der mongolischen 
Rasse zu halten; von ihr trennen sie jedoch so tiefgehende Unter- 
schiede, wie die größere und kräftig vorspringende Nase (oft Adler- 
nase), das größere Auge mit nur schwacher oder ganz fehlender Schräg- 
stellung der Lidspalte, der kleinere Augenabstand, das braunere 
Haar, die geringere Hand- und Fußlänge, die erheblich größere 
Länge von Arm und Bein und vor allem die weit schwächere 
Widerstandsfähigkeit gegenüber den Europäern. Auf amerikanischem 
Boden können nur die Eskimo als echte Mongoloide betrachtet 



Die Amerikaner im allgemeinen 57 

werden; schräg gestellte Lidspalten, hellere, mehr gelbliche Haut- 
farbe, kleinere, mehr untersetzte Statur und breites, fettes, flaches 
Gesicht unterscheiden sie von den Indianern. Bei neugeborenen 
Eskimokindern tritt auch nicht selten der „Mongolenfleck" auf, 
eine blauschwarz gefärbte Stelle an der unteren Rückenpartie, die 
besonders häufig bei japanischen Kindern erscheint. 

Unter den führenden Anthropologen sind die Meinungen über 
die Urverwandtschaft der amerikanischen Rasse noch immer 
geteilt. Ales Hrdlicka betont, daß man den Amerikaner bei 
aller Selbständigkeit doch in engste Beziehungen zu den süd- und 
ostasiatischen Völkern setzen müsse, ohne daß man gegenwärtig 
schon sagen könne, welche Gruppe dieser Völker — Malaien oder 
Tibeter, Jenissei- Völker oder Nordostasiaten — den Amerikanern 
körperlich am nächsten stehe. Er, wie auch die meisten anderen 
nordamerikanischen Gelehrten, ist der Meinung, daß die Amerikaner 
schon als fertige Rasse, selbst schon mit beginnender Aussonderung 
von Untergruppen, in Amerika eingewandert seien. 

Das Einfailstor verlegt man dabei g-ewöhnlich in die Geg'end des Bering-- 
meers, wo sich (nach Gidley u. a.) bis in postglaziale Zeit hinein eine breite 
Landbrücke bis zu den Aleuten ausdehnte, die, von dem warmen Kuroschio- 
strom auf ihrer Südseite bespült, ein wesentlich milderes Klima besaß als 
das heutige Alaska, da erst nach der Öffnung der Beringstraße ein kalter 
polarer Strom seinen Weg bis ins nordpazifische Meer gefunden hat. Eine 
üppige Wald- und Steppenflora breitete sich damals dort aus, wo heute „barren 
grounds" der Landschaft den Grundzug trostloser Öde geben, denn die ein- 
wandernde asiatische Tierwelt der zweiten Hälfte des Diluviums, in deren Ge- 
folge nach dieser Ansicht auch der Mensch erschien, bestand nur zum geringeren 
Teil aus arktischen Formen, zum größeren aus borealen Wald- und Steppen- 
tieren, u. a. dem Mammut, dessen Zeitgenosse der Mensch auch auf nord- 
amerikanischem Boden gewesen ist. 

Bei der Beurteilung dieser Auffassung ist zu beachten, daß 
Hrdlicka bei seinen Forschungen vor allem anthropologisches Material 
aus Nordamerika verwertete, wo ja tatsächlich ein starker jung- 
asiatischer Einschlag besteht, wie u. a. schon durch den mongoloiden 
Typus der Eskimo bewiesen wird. In Südamerika, wo wir doch 
zweifellos das reinere Indianertum zu suchen haben , liegen die 
Dinge nicht ganz so einfach. Ein Anthropologe von der Bedeutung 
Paul Ehrenreichs hat als Ergebnis seiner Untersuchungen zahl- 
reicher verschiedener Indianerstämme Brasiliens den Satz aus- 
gesprochen, daß die Indianer trotz gewisser mongoloider Züge in 
ihrer Gesichtsbildung und in ihren Körperverhältnissen vielfach 



58 Amerika. I. Die Amerikaner im allgemeinen 

näher der kaukasischen Rasse stehen als der mongolischen; gibt 
es doch unter ihnen beispielsweise ausgesprochen semitische Typen. 
Am besten erklärt sich diese merkwürdige Mittelstellung nach 
Ehrenreich, wenn man bis ins mittlere und jüngere Tertiär zurück- 
geht, als Asien und Europa zusammen mit Nordamerika eine große 
zusammenhängende, um den Pol gelagerte Landmasse bildeten. 
Über sie hatten sich bereits damals der Mensch oder seine nächsten Vor- 
fahren von ihrem vielleicht in Südasien gelegenen Ursprungsherde aus 
verbreitet, und man hat also, wie Ehrenreich treffend bemerkt, nicht 
den mindesten Grund, anzunehmen, daß Amerika zu einer Zeit 
menschenleer war, als Asien und Europa schon eine Bevölkerung 
besaßen. Erst nach der späteren Lostrennung Amerikas von der 
„Alten Welt" durch die Zertrümmerung der nordpazifischen und 
nordatlantischen Landbrücke und nach dem Hereinbrechen der Eis- 
zeit konnte sich der Mensch auf dem amerikanischen Abschnitte in 
langen Zeiten verhältnismäßiger Abschließung zu einem bestimmten 
somatischen Typus entwickeln. Daß die Abschließung niemals 
vollständig war und besonders nach dem Rückzug der Gletscher 
wiederum einer Zeit lebhafterer Beziehungen zu Asien Platz machte, 
dafür bietet uns die Kultur der Amerikaner Beispiele zur Genüge 
(s. u.). Dann ist aber auch eine somatische Beeinflussung von der 
Alten Welt her nicht von der Hand zu weisen. 

Mit der kaukasischen Rasse teilt die amerikanische neben 
anderen Zügen auch den großen Formenreichtum. Schädel- 
formen und Körpergrößen sind auf der anthropologischen Karte 
Amerikas bunt verteilt; Lockenhaar findet sich neben straffem Haar, 
Nasen mit gut ausgebildetem Rücken neben solchen mit ein- 
gesenktem usw., oft bei einem und demselben Stamm. Innerhalb 
der kaukasischen Rasse werden diese Verschiedenheiten schon seit 
langem als Ergebnisse der Mischung verschiedener Rassen (mindestens 
dreier) aufgefaßt; man darf daraus schließen, daß auch die ameri- 
kanische Rasse auf verschiedene Wurzeln zurückgeht und daß auf 
amerikanischem Boden (nicht schon auf altweltlichem, wie 
Hrdlicka will) der Bildung der heutigen amerikanischen Rasse eine 
weitgehende Rassenmischung vorangegangen ist. Als älteste, in Ehren- 
reichs Sinne sich lange Zeit selbständig entwickelnde „paläameri- 
kanische" Urrasse kann vielleicht die „Lagoa-Santa-Rasse" Süd- 
amerikas betrachtet werden ; spätere Zuwanderungen aus der Alten 
Welt gaben dieser paläasiatische, mongolische, malaiische u. a. Ein- 



Die Amerikaner im allgemeinen 59 

schlage. Dennoch ist der eigentümliche amerikanische Cha- 
rakter jener Urrasse trotz aller Beimischungen bei keinem 
Stamme ganz verwischt worden. 

Seine Hauptmerkmale sind nach Hrdlicka eine im allgemeinen bräunliche 
Hautfarbe, schwarzes, meist straffes Haupthaar mit bräunlichem Glänze, schwach 
entwickelter (auf den Wangen ganz fehlender) Bartwuchs, Fehlen eines Rassen- 
geruchs, braune Augen mit schmutziggelber Bindehaut und leichter Neigung 
zur Schrägstellung der Lidspalte, gut entwickelte Nasen, Mesorhiuie und mittlere 
Prognathie, schwache Entwicklung der unteren Gliedmaßen, mittelgroße, selbst 
kleine Hände und Füße und überall gleichbleibendes, von dem der Europäer ab- 
weichendes Längenverhältnis von Unter- und Oberarm, Unter- und Oberschenkel. 
Die Herausbildung dieses Rasseneharakters ist zweifellos im gemäßigten Nord- 
amerika vor sich gegangen, worauf (nach Ehrenreich) besonders Hautbeschaffen- 
heit und -färbe der Bewohner südamerikanischer Tropen deuten. Es ist be- 
merkenswert, daß von allen Altweltrassen eiuzig die negroide nicht unter 
den Mischungsbestandteilen der amerikanischen Rasse vertreten zu sein scheint. 
Auch der Nachweis echter Pygmäen, um den sich besonders Kollmann bemüht 
hat, ist auf amerikanischem Boden noch nicht gelungen. 

Der bei allem Formenreichtum wohl gekennzeichneten an- 
thropologischen Selbständigkeit des Amerikaners entspricht eine 
noch viel ausgeprägtere sprachliche. Zunächst fällt auch hier 
eine nahezu unbegreifliche Zersplitterung auf. Mehr als hundert- 
fünfzig voneinander unabhängige Sprachstämme sind auf amerika- 
nischem Boden nachgewiesen, davon entfallen auf Nordamerika 
sechsundfünfzig, auf Kalifornien allein über zwanzig. Doch läßt 
sich diese Vielheit in eine Einheit überführen, indem es wenigstens 
ein oberstes Gesetz gibt, dem die Mehrzahl dieser Sprachen ge- 
horcht: das Gesetz der „Inkorporation", demzufolge das Subjekt, 
das nähere und entferntere Ohjekt und alle adverbialen Bestimmungen 
dem Verbum einverleibt werden, so daß sich schließlich wahre Wort- 
ungeheuer bilden können und ein einzelnes Wort einen ganzen Satz 
ausdrückt. Fast noch kennzeichnender ist das, was Franz Boas 
als eigentliche „Polysynthese" von der Inkorporation, mit der 
sie früher gleichgesetzt wurde, unterscheidet: die Fähigkeit, die 
ursprüngliche Bedeutung des Wortstammes durch eine stellenweise 
fast unbegrenzte Zahl von Anhängseln und andere Veränderungen 
in weitgehendster Weise abzuwandeln. Rechnen wir zu den ge- 
meinsamen Eigenschaften amerikanischer Sprachen noch die gelingen 
Unterschiede von Nomen und Verbum — das intransitive Verbum 
ist fast immer ein Nomen — , die schwache Entwicklung des gram- 
matischen Geschlechts, an dessen Stelle meist der Gegensatz von 



60 Amerika. I. Die Amerikaner im allg-emeinen 

Belebt und Unbelebt tritt, die häufige Ersetzung von Pluralformen 
durch KoUektiva, auf phonetischem Gebiet das häufige Auftreten 
explosiver Laute, so sind das bezeichnende Merkmale genug, um 
den amerikanischen Sprachen volle Selbständigkeit gegenüber allen 
altweltlichen zu verleihen. Damit soll übrigens nicht jede Möglich- 
keit einer zukünftigen Verknüpfung geleugnet werden. 

Versuche, amerikanische Sprachen an irgendeinen altweltlichen Sprach- 
stamm anzuknüpfen, sind übrigens weniger von grammatischen, als vielmehr 
vermeintlichen lexikalischen Übereinstimmungen ausgegangen. Sie haben sich 
bisher noch stets als unbegründet erwiesen, mochte nun das Mandan mit dem 
Keltischen, das Otomi mit dem Chinesischen, das Aztekische mit dem Sanskrit 
und das Khechua mit dem Sumerischen oder Semitischen zusammengebracht 
werden. Selbst die näherliegende polyncsische Sprachverwandtschaft hat ein 
so ernster Forscher wie Horatio Haie verneint. Die einzigen bisher einwand- 
frei bewiesenen sprachlichen Beziehungen zur Alten Welt zeigen bemerkens- 
werterweise ein Übergreifen „amerikanoider" Sprachen nach Nordostasien. Die 
Gelehrten der von Morris Jesup ausgerüsteten großen nordpazifischen Forschungs- 
expedition haben als eines ihrer Hauptergebnisse den NachAveis erbracht, daß 
die „paläasiatischen" Völker vom Amur bis zur Beringstraße , die Gilyaken, 
Koryäken, Tscliuktschen, Yukagiren, nicht nur in zahlreichen Elementen 
ihres stofflichen und geistigen Kulturbesitzes, sondern auch in den Sprachen 
ziemlich nahe mit den nordwestamerikanischen nördlich vom Columbia ver- 
wandt sind. Sie stellen nur „modifizierte Amerikaner" dar, wie der Sprach- 
forscher Alexander F. Chamberlain sich ausdrückt, und sind wahrscheinlich erst 
verhältnismäßig spät durch einen von Alaska herüberwandernden Teil der Eskimo 
(die Yuit am asiatischen Ostkap) von ihren nordwestamerikanischen Vettern 
getrennt worden. 

Wie die sprachliche, ist bisher auch die kulturelle Un- 
abhängigkeit des Amerikaners von der Alten Welt von der Mehr- 
zahl der Amerikanisten behauptet worden. Das bedeutete un- 
zweifelhaft einen Fortschritt gegenüber älteren, wenig begründeten 
oder ganz phantastischen Anknüpfungsversuchen , die bald nach 
dem Erscheinen der ersten ethnograiihischen Schilderung eines Volkes 
der Neuen Welt (des Berichtes des Hieronymitenpaters Ramön Pane 
über die Indianer von Haiti, 1496) einsetzten. 

Bis auf Alexander von Humboldt und selbst noch später hat sich die 
merkwürdige Lehre von der Abkunft der Amerikaner von den verlorenen 
Stämmen Israels behaupten können; auch Phöniker und christliche Athiopen 
haben als Stammväter herhalten müssen. Selbst ernsthafte Leute wie Gomara, 
Grotius, Adair und Lord Kingsborough huldigten dieser Ansicht. Mit Humboldt, 
Latham und Peschel setzt sich die Theorie von der nordostasiatischen Herkunft 
der Amerikaner durch. Polyncsische Einflüsse nahmen schon Mitchell und 
Pickering an, dann vor allem de Quatrefages (auf anthropologischem Gebiet, 



Die Amerikaner im allgememen 61 

S. 55). Endlich ist auch die Frage nacli europäisch-afrikanischen Bezieliungeu 
der Amerikaner noch einmal aufgerollt Avorden durch die Erneuerung' der alten 
Atlantis-Hypothese, für die sich Oswald Heer und Daniel Brinion einsetzten. 

Ernsthaften wissenschaftlichen Charakter gewannen diese Ver- 
suche erst, als die in Deutschland ausgebildete „kulturgeschicht- 
liche Schule" der Völkerkundler es unternahm, nicht einzelne Er- 
scheinungen, sondern ganze „Komplexe" amerikanischer Kulturen mit 
solchen der Alten Welt, vor allem Südostasiens und der Südsee, zu 
vergleichen, wo diese Komplexe, ihre Lagerung und Schichtung 
durch die Forschungen Gräbners und Foys bisher am gründlichsten 
herausgearbeitet worden sind. 

Nicht nur die Zahl der Übereinstimmung-en, sondern auch die besonderen, 
weder durch Material noch durch Naturumg'ebung' bedingten Formgleichungen 
und die geographische Verbreitung der einzelnen Kulturfornien Südamerikas 
schienen eine Verbindung südamerikanischer Kulturkoniplexe mit entsprechend 
zusammengesetzten und entsprechend gelagerten der Alten Welt zu gestatten; 
wie in der Südsee sind auch in Südamerika die ältesten Kulturen der Einfall- 
pforte, die im Nordwesten des Erdteils angenommen werden muß, am ent- 
ferntesten gelagert (in der Südspitze und im brasilianischen Hochland), die 
jüngsten ihr zunächst. In Nordamerika liegen die Verhältnisse wesent- 
lich ungünstiger; hier scheinen die älteren Kulturkomplexe eine sehr tief 
greifende Zersetzung, Umlagerung und Verarmung durch die weitgehende 
Überlagerung mit jungasiatischen und arktischen Kulturschichten erfahren zu 
haben. Die Bedeutung der letzteren für die nordamerikanische Kulturgeschichte 
ist übrigens schon von der älteren Völkerkunde allgemein anerkannt worden. 
Der Ausgangspunkt der wichtigsten Kulturwellcn, die Amerika überfluteten, 
wird von Graebner nicht nach der Südsee, sondern nach Südostasien, mit dessen 
Kulturen die amerikanischen am meisten Ähnlichkeit zu haben scheinen, ver- 
legt und die Kulturverbreitung im wesentlichen großen Völkerbewegungen 
(daneben auch weitgehenden Entlehnungen von Stamm zu Stamm) zugeschrieben. 
Meistens sei die Verbreitung auf dem Landwege über Nordostasien, wo später 
die Verbindungsglieder zwischen Südostasien und Nordamerika durch die Aus- 
dehnung der asiatischen Hochkulturen überlagert oder verdrängt wurden, vor 
sich gegangen; nur die jüngsten malaio-polynesischen und jungasiatischen Kultur- 
elemente seien auch auf dem Seewege nach Amerika gelangt. Daß die 
amerikanischen Kulturen neben diesen Elementen asiatischer Herkunft auch 
Sonderbestandteile enthalten, daß es sogar ganz selbständige amerikanische 
Kulturkomplexe ohne altweltliche Parallelen gibt, wird nicht geleugnet. 

Eine Berechtigung kann diesen Anschauungen heute nicht mehr 
abgestritten werden: sie haben das unstreitige Verdienst, die Kultur- 
geschichte Amerikas aus ihrer glänzenden, aber für die Wissen- 
schaft unfruchtbaren Isolierung befreit zu haben. AVenn die moderne 
amerikanische Anthropologie zu dem Ergebnis gekommen ist, daß 



62 Amerika. I. Die Amerikaner im allgemeinen 

ausgedehnte Rassenmischung dem amerikanischen Rassenbilde bis 
in die Südspitze Südamerikas hinein jenen eigentümlichen Formen- 
reichtum verliehen hat, der einer seiner Hauptkennzeichen ist; wenn 
im allgemeinen zugegeben wird, daß jungasiatische Kulturgüter 
in großer Zahl ihren Weg nach Nordamerika fanden; wenn bei 
einzelnen Elementen asiatischer Herkunft (Schiffstypen, Weberei- 
methoden, Mythenmotiven) eine Verbreitung bis in die Kulturländer 
Mittel- und Südamerikas auch von Forschern angenommen wird, 
die der kulturgeschichtlichen Richtung fernstehen und im allgemeinen 
geneigt sind, asiatisch-amerikanische Übereinstimmungen mit dem 
der Biologie entlehnten Gesetz der „Konvergenz" zu erklären: so muß 
die Möglichkeit asiatischer Herkunft auch für Elemente älterer 
asiatischer Kulturen, und nicht nur für einzelne Elemente, sondern auch 
für ganze Komplexe, zugegeben werden. Gewiß hat der Uramerikaner, 
also etwa der Lagoa-Santa-Mensch, das aus der mutmaßlichen Ur- 
heimat mitgebrachte Kulturgut während der Dauer der Eiszeiten 
lange Zeit selbständig weiterentwickeln können. Aber dies Kultur- 
gut haben wir uns nur äußerst dürftig vorzustellen — vielleicht 
entsprach es dem der Pygmäen-, tasmanischen und altaustralischen 
(Bumerang-) Kultur der Südsee — , und ohne entscheidende An- 
regungen von außen konnte ein Aufschwung nicht erfolgen. Diesen 
Anregungen war nach dem Rückgang der eiszeitlichen Vergletscherung 
Tür und Tor geöffnet. Große, im Norden sich vollziehende asiatisch- 
amerikanische Völkerverschiebungen brachten die ersten Elemente 
inzwischen entstandener asiatischer Kulturen nach der Neuen Welt, 
wo sie durch ausgedehnte Wanderungen der in Bewegung geratenden 
amerikanischen Völker weiterverbreitet wurden. 

Die älteren Kulturen wurden von den nächstjüngeren immer wieder nach 
Süden und in die Gebirge g-edrängt. Daß die heutige Zusammensetzung 
und Verbreitung der amerikanischen Kulturkreise neben zahlreichen Überein- 
stimmungen mit altweltlichen auch eine Menge besonderer Eigentümlichkeiten, 
die diesen fehlen, zeigt, kann nicht überraschen. Die Mischung der eindringenden 
asiatischen mit einheimischen altamerikanischen Kulturelementen; die weite 
Wanderung der ersteren durch fast alle Zonen, die nicht ohne tiefen Einfluß 
auf Material und Form bleiben konnte; die vorwiegende Landverbreitung, die 
manches verkümmern ließ, was Kulturen, die in ozeanischen Gebieten entstanden 
waren, ursprünglich eignete; die Naturbedingtheit vieler Kulturelemente, ins- 
besondere die Abhängigkeit von der Verbreitung gewisser Tier- und PHanzen- 
arten, infolge der manche asiatische Kulturfornien in Amerika ganz ver- 
schwanden; die gewaltigen Flußnetze, die eine Durchkreuzung der verschiedensten 
Kulturströme außerordentlich begünstigten und so vielfach unklare Verbreitungs- 



Die Aiuerikaiier im allgemeinen 63 

bilder schufen; rückläufige Völkerbewegungen, durch die nordwestamerikanische 
Völker sogar auf nordostasiatisclien Boden gelangten (s. o.) und südamerikanische 
zur Zeit der Entdeckung Amerikas sowohl in Mittelamerika als auch auf den 
Antillen in offenbarem Vordringen gegen Nordamerika begriffen waren; ge- 
schichtliche Ereignisse, die viele Völker und ihre Kultur spurlos weggewischt 
haben ; und zuletzt, doch nicht am wenigsten, Charakter und Begabung der 
amerikanischen Rasse haben auf kulturellem Gebiet schließlich dasselbe End- 
ergebnis gehabt, wie ähnliche Bedingungen auf somatischem: den erstaun- 
lichen Reichtum an Typen, der sich bei näherer Betrachtung als Abwandlung 
verhältnismäßig weniger Grundformen herausstellt. 

Die Untersuchung vieler, mit der Kulturgeschichte Amerikas 
zusammenhängender Fragen steckt heute noch in den Anfängen. 
Nur gediegene Kleinarbeit kann hier die Grundlagen schaffen, auf 
denen einst das Gebäude errichtet wird, und für einige Teile 
Amerikas (Arktis, Kanada, Kalifornien, Prärien, Pueblogebiet, 
Chaco) ist diese Kleinarbeit auch bereits durch die ergebnisreichen 
Untersuchungen Birket- Smiths und Steensbys, Krauses und 
Nordenskiölds geleistet worden. Das schwierigste Problem 
bleibt nach wie vor die Entstehung der amerikanischen Hoch- 
kulturen, die auf eine verhältnismäßig primitive Grundlage auf- 
gepfropft erscheinen. Asiatische Einflüsse haben sicherlich auch 
hier mitgewirkt. 

Graebner und P. Schmidt denken zunächst an polynesische Ein- 
schläge, wobei Graebner gegenüber den viel zu knappen chronologischen 
Ansätzen englischer Forscher darauf hinweist, daß die erste Ausbreitung der 
Polynesier von Indonesien über die Südsee in eine Epoche lange vor der in- 
dischen Überflutung der malaiischen Inselwelt (am Anfang unserer Zeitrechnung) 
fällt, also in Zeiten zurückreicht, die eine Einwirkung auf die Bildung der 
amerikanischen Hochkulturen keineswegs ausschließen, wenn wir diese auch 
auf Grund der Datierung mittelamerikanischer Denkmäler hoch in vorchristliche 
Zeiten hinaufrücken müssen (S. 171); die Urpolynesier, die noch auf ihrem öst- 
lichsten Vorposten, der Osterinsel, gewaltige Steinbauten, Skulpturen und eine 
entwickelte Bilderschrift hinterlassen haben, Avaren zweifellos imstande, selbst 
wenn sie nur in kleinen Flotten auftraten, Elemente ihrer Kultur auch bis ans 
amerikanische Gestade zu tragen, das von der Osterinsel nicht viel weiter entfernt 
ist als diese von ihren westlichen Nachbarinseln (den Paumotu und Markesas). 
Umgekehrt ist ein amerikanischer Einfluß auf die polynesischen Inseln bei der 
geringen Entwicklung amerikanischer Schiffahrt wenig wahrscheinlich. 

Viel bedeutungsvoller als die polynesischen sind j ungas ia tis ch e E in- 
flüsse gewesen. Sie äußern sich nach Graebner und Foy in der Bearbeitung 
der Metalle (Gold und Silber, Kupfer und Bronze), der Baumwoihveberei (die 
überall in verhältnismäßig junger Zeit die Weberei mit Pflanzenfasern ver- 
drängt hat), der großen, im Dienst des Kultus stehenden Kunst (Steinarchitektur 
und -Skulptur), dem ausgebauten Kultwesen mit reich gegliederter Priester- 



64 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Schaft, der straffen politischen Org-auisatiou in festg'efüg-ten König'reicheu und 
vielen Errungenschaften der geistigen Kultur (entwickelte Bilderschrift, Kalender- 
wesen usw.). Auch hier zeigen sich Übereinstimmungen in ganz speziellen 
Formgleichungen, so wenn beim Metallguß Schmelztiegel, Windofen und Guß- 
verfahren mit verlorener Form auftreten, in der Weberei der Webstuhl mit roUen- 
förraigem Fadentrenner, in der Bodenkultur die bewässerten Terrassenfelder, 
in der Tempelarchitektur die Stufenpyramide mit dem Heiligtum auf der obersten 
Plattform, in der Mythologie der ganze Märchenkreis vom listigen Tierhelden, 
der alle Gegner narrt und zu Schaden bringt, im Kalenderwesen das sich über- 
kragende Doppelsystem der Tageszeichen (z. B. zwanzig Tierbilder und drei- 
zehn Zahlen). Gerade auf dem zuletzt genannten Gebiet hat jüngst Graebner 
die merkwürdigsten Übereinstimmungen zwischen Mexico einei'seits, China, dem 
malaiischen Archipel und Hinterindien andererseits nachgewiesen — Übereinstim- 
mungen, die sogar die Auswahl der Tageszeichentiere und ihre Reihenfolge 
betreffen und einen bloßen Zufall unbedingt ausschließen. 

In fast allen Fällen von Übereinstimmungen treten die nächsten 
Parallelen zu den amerikanischen Hochkultureu in Südostasien 
(einschließlich Chinas) auf, und man wird es nicht mehr von 
der Hand weisen können, daß zu der Zeit, als sich die asiatischen 
Hochkulturen bildeten, Kulturelemente, die an ihrem Aufbau be- 
teiligt waren, nicht nur nach Europa, sondern auch, wenngleich in 
abgeschwächterem Maße, nach Amerika ihren Weg fanden. Für 
eine im wesentlichen überseeische Verbreitung derselben spricht es, 
daß die Hochländer des westlichen Nordamerika nördlich des Pueblo- 
gebietes nichts von ihnen besitzen und daß da, wo sie außerhalb der 
eigentlichen Kulturländer im östlichen Nord- und Südamerika auf- 
tauchen, nur eine Rückstrahlung aus den Kulturgebieten vorliegen kann. 
Über alle diese wichtigen Fragen wird eine Entscheidung zu fällen erst 
möglich sein, wenn wir die Entwicklungsgeschichte der amerikanischen 
Hochkulturen und vor allem ihre ältesten Schichten kennen. Hier- 
zu ist durch die bahnbrechenden Untersuchungen deutscher Forscher, 
Eduard Seiers und Max Uhles, bereits der Grund gelegt worden. 



11. Die Völker Nord- und Mittelainerikas 

Mit Ausnahme der Eskimo, die als Unterabteilung der großen 
mongolischen Rasse zu betrachten sind und von Stratz wegen ihres 
besonders altertümlichen Rasseneharakters sogar als Urform der 
„Xantliodermen" angesehen werden, kennzeichnen sich die Nord- 
und Mittelamerikaner durch eine Menge übereinstimmender 
Züge im Körperbau als Teil der großen amerikanischen Rasse. 




Buschan, Illustrierte Völkerkunde I 




Völkerkarte von 
Nordamerika 

Nach dem Handbook of American 
lndians(1907) und neueren Quellen 



Von Dr. W. Krickeberg entworfen 
und 0. Forker gezeichnet 



Kulschin 

Loucheux 

Hasenfell-Ind. 

Hundsrippen-Ind. 

Gelbmesser-Ind. 

Sklaven-Ind. 

Biber-Ind 

Tschipewayan 

Sarsi 

Nahane 

Takulli (Carrier) 

Sekani 

Tsilkotin 

Umpqua 

Hupa 

Navaho 

Apatschen 

Lipan 

Selisch 

Bilchula 

Komox 

Kauitschin 

Lilluet 

Schusctiwap 

Dwamisch 

CcBur d'Alenes 

Flathead 

Schoschonen 

105 Schosctioni 

106 Bannock 



107 


Yute 


108 


Payute 


109 


Tsctiimetiuewi 


110 


Hopi (Moki) 


111 


Komantsctien 


:izi 


- Yuma 


112 


Kokopa 


113 


Yuma 


114 


Marikopa 


115 


Motiave 


ne- 


Walapai • 




Pima-Naua 


in 


Pirna 


118 


Papago 


119 


Opata 


120 


Cahita 


121 


Taratiumara 


122 


Tepehuano 


123 


Cora 


124 


Huitsctiol 


125 


Naua 




Maya (Huaxteken) 


Zud 


erWakasch-Familie 


getiören als Unterstämme: | 


a 


Heiltsuk 


b 


Kwaklutl 


c 


•Nutka 



20 



•40 



Verlag'. von Strecker und Schröderjn Stuttgart 



Die Völker Nord- und Mittelamerikas 65 

Die Hautfarbe dieser „Rothäute" ist durchaus nicht rot (Rothaut ist ein 
irreführender Name, den die Indianer ihrer Körperbemalung- wegen erhielten); 
man kann sie am besten als verschiedene, meist hellere Schattierungen von 
Braun definieren ; im Süden und Südwesten hat die starke Einwirkung der 
Sonnenstrahlung auf den nackten Körper das Braun in schokoladenfarbene bis 
negerdunkle Töne verwandelt. Das Haar ist durchgehend straff, fast rund im 
Querschnitt, gröber als bei den Weißen, schwarz, aber mit bräunlichem Glänze. 
Barthaar ist im allgemeinen stärker entwickelt, als es scheint, wird aber meist 
sorgfältig entfernt; bärtige Individuen finden sich mehr' im Nordwesten und 
Norden. Die Gesichtszüge sind für unsere Begriffe meist angenehm und 
interessant, oft hübsch. Die Nasen sind groß und springen stark vor (Adler- 
nasen). Die Prognathie ist stärker als bei den Weißen; dasselbe gilt für die 
Vorwölbung der Jochbögen und Kieferwinkel. Wohlgebaute Körper, breite 
Brustkästen, seltene Dickleibigkeit, gute, aber nicht übermäßige Muskulatur, 
kleine, zierliche Hände und Füße finden sich bei den meisten Stämmen. Das 
Knochengerüst zeigt keine starken Abweichungen vom europäischen Typus. 
Die Schädelkapazität ist ziemlich beträchtlich: 1300 — 1500 ccm bei 
Männern, 1150 — 1350 ccm bei Frauen. Frederick Starr hat diese von Hrdlicka 
für Nordamerika gewonnenen Ergebnisse durch seine Untersuchung der modernen 
mexilcanischen Indianerbevölkerung durchweg bestätigt. 

Die der amerikanischen Rasse eigene Variabilität äußert 
sich z. B. in dem Vorkommen von lockigem Haar (Chontal in 
Mexico u. a.) und vor allem in der oft bei einem und demselben 
Stamm beobachteten Verschiedenheit von Schädelformen und Körper- 
größen. Soweit Rassenmischung als Ursache dieser Erscheinung 
in Betracht kommt, sind wir über die Herkunft der Beimischungen 
noch ungenügend unterrichtet. Vielfach hat auch (z. B. auf die 
Körperfarbe) die Umwelt ihren Einfluß ausgeübt; bei der Körper- 
größe tritt auch die Abhängigkeit von Lebensweise und Ernährungs- 
verhältnissen öfter deutlich hervor. 

Langköpfig sind nach Hrdlicka im allgemeinen die Algonkin- und Prärie- 
stämme und die Schoschonen; extreme Langköpfigkeit zeigen besonders Delawaren- 
schädel und Schädel aus vorgeschichtlichen Ansiedlungen des südlichen Utah. 
Rein kurzköpflg (brachykephal) sind die meisten Pueblo-Indianer, sowohl in 
prähistorischer als auch in moderner Zeit, ferner auch die nach Süden ver- 
schlagenen Athapaskenstämme (Navaho, Apatsche) und die alten Bewohner 
der Moundregion, in Mexico nach Starr die überwiegende Mehrzahl der Stämme 
vor allem die Totonaken (Maximalindex 95,8), nächst ihnen die verschiedenen 
Mayastämme und die isolierten Huave der Landenge von Tehuantepec. Die 
weitverbreitete Schädeldeformation macht es bei vielen Stämmen unmöglich, die 
ursprüngliche Kopfform zu bestimmen. — Kleinwüchsigkeit (160 — 165 cm) ist 
für die meisten Pueblo-Indianer, auch für einige Nordweststämme charakteristisch. 
Die stattliche Größe der Präriestämme (170—175 cm) und der ihnen kulturell nahe- 
.stehenden Irokesen und östlichen Algonkin scheint z. T. eine Folge ihrer Lebens- 
Völkerkunde I 5 



66 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

weise zu sein, wofür auch die Parallele der Patagonier in Südamerika spricht. 
Andererseits ist nach Sapper die durchgehende Kleinwüchsig-keit moderner 
mexikanischer Indianer teilweise als krankhafte Erscheinung infolge mangel- 
hafter Ernährung, allzufrüher Heiraten usw. anzusehen. 

Die Verteilung der Sprachgruppen in Nordamerika gibt 
ein deutliches Bild von den ausgedehnten Wanderungen, dem 
Hin- und Herfluten der Stämme in vorcolumbischer Zeit. Aus- 
gangspunkt und Richtung der Völkerverschiebungen, die z. T. noch 
bis in die Gegenwart hineinreichen, lassen sich oft mit ziemlicher 
Sicherheit bestimmen, nicht nur auf Grund sprachlicher, archäo- 
logischer und ethnographischer Fingerzeige, sondern auch mit Hilfe der 
Stammessagen, an denen die nord- und mittelamerikanischen Völker 
überaus reich sind; sie enthalten einen durch mythisches Beiwerk 
oft nur leicht verhüllten geschichtlichen Kern. Das Walam Olum 
der.Lenäpe oder Delawaren (S. 112), der die aztekische Wandersage 
enthaltende Codex Boturini und das in spanischer Zeit aufgezeichnete 
Popol Vuh, das von den historischen Schicksalen der Qu'iche 
Guatemalas berichtet, sind bekannte Beispiele solcher schriftlich 
niedergelegten Stammessagen. 

1. Die Eskimo sind längs der ganzen Nordküste verbreitet, vom südlichen 
Alaska, wo sie bereits im Waldgebiet wohnen, bis zur Ostspitze Labradors, 
und andererseits über einen Teil der arktischen Inselwelt und Grönlands West- 
und Ostküste. Ehemals hielten sie ein noch viel größeres Gebiet besetzt, wo- 
für die Gräber und Hausruinen auf Melville-Insel, North Devon und EUesmere 
Land, im nördlichsten Grönland und an der ganzen Ostküste dieser Insel zeugen, 
an der sie gegenwärtig nur ein verhältnismäßig kleines Gebiet nördlich vom 
65. Grad bewohnen. Aus den Berichten der ersten Entdecker wissen wir, daß sie 
einstmals auch auf der Nordseite des Lorenzgolfes saßen und von dort sogar Neu- 
fundland gelegentlich Besuche abstatteten. Die Yuit (NamoUo) am Kap Deschnew 
und Tschukotskoj sind ein auf asiatischen Boden vorgeschobener Zweig der 
Eskimo. Die große sprachliche und kulturelle Ähnlichkeit aller (zusammen 
kaum 40 000 Menschen zählender^ Eskimostämme spricht dafür, daß die Ver- 
breitung über ihr jetziges ungeheures Wohngebiet erst in verhältnismäßig neuer 
Zeit erfolgt sein kann. Als ihr Ausgangspunkt wurde früher entweder das 
paläolithische Europa, wozu die oberflächliche Ähnlichkeit mancher Knochen- 
geräte südfranzösischer Höhlen mit solchen der Eskimo verleitete, oder Nord- 
ostasien wegen ihrer stark mongoloiden Rasseneigentümlichkeiten, die aber 
wahrscheinlich erst durch spätere Beimischungen entstanden sind , angesehen. 
Markham hat die zuletzt genannte Theorie besonders eifrig verfochten und 
die Auswanderung der Eskimo aus Asien mit den durch die Mongolenstürme 
verursachten Völkerbewegungen in Verbindung gebracht. Rink sucht die Ursitze 
der Eskimo im Innern Alaskas ; sie lebten hier als Fischer an den Flüssen, um dann, 
von Indianerstämmen an die Küste gedrängt, an der Yukon-Mündung ihre ur- 



Die Völker Nord- uml Mittelamerikas 67 

sprüng"lichen Rindenboote in Kayaks umzuwandeln und als Küstenvolk bis nach 
Grönland vorzudringen. Boas sieht dagegen auf Grund der Eskimosagen das 
Seengebiet im Westen der Hudsonbai. (Athabasca-See usw.) als Urheimat der 
Eskimo an, von wo sie sich au der Eismeerküste entlang nach Labrador und 
Alaska und, den Moschusochsenherden folgend, über die arktische Inselwelt nach 
Nordgrönland verbreitet hätten. Von Nordgrönland drang ein Zweig um die 
Nordspitze der Insel an die Ostküste vor. Der Bildungsherd der eigentlichen 
Eskimo kultur liegt nach dieser, neuerdings besonders von Steensby aus- 
gebauten Hypothese am Coronation-Golf und östlich davon, wo sich besonders 
primitive Formen derselben erhalten haben. Eine jüngere Form hat sich dann 
unter nordostasiatischem (besonders japanischem) Einfluß an der Küste des 
Beringmeeres entwickelt, wahrscheinlich erst im frühen Mittelalter, von wo sie 
in rückläufiger Bewegung die alten Wanderstraßen nach Osten verfolgte und 
nun auch an der Westküste Grönlands von Norden und von Süden her vordrang. 
Dies geschah erst im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert; die „Skrälinger", 
die die Normannenkolonien Südgrönlands vernichteten, waren die Träger dieser 
jüngeren Eskimokultur, die durch verbesserte Werkzeuge und vollkommenere 
Jagdmethoden eine weit größere Beweglichkeit besaß als die ältere. — In 
Alaska trafen die Eskimo wahrscheinlich eine ältere, hauptsächlich von Fisch- 
fang lebende Küstenbevölkerung an, die ihre Kultur annahm und, mit Kayak 
und Harpune versehen, nun auf die großen Seesäuger Jagd machen konnte 
(vgl. oben S. 56). Ein Rest dieser Bevölkerung sind die Aleuten, die kulturell 
ganz den Eskimo gleichen, sprachlich aber nur sehr entfernt mit ihnen zu- 
sammenhängen. 

Die Indianerstämme Nord- und Mittelamerikas zerfallen sprachlich 
in zwei große Gruppen, eine östliche und eine westliche ; es ist bemerkenswert, 
daß keine Sprachfamilie des Ostens im Westen Ableger besaß und umgekehrt. 
(Nur die Algonkin scheinen nach den neuesten Untersuchungen hiervon eine 
Ausnahme zu machen ; vgl. das unten über die Selisch und Yurok Gesagte.) 
Zwischen beiden Gebieten dehnte sich, als trennender Landstrich, die Prärie, 
ursprünglich ein unbewohntes Gebiet, in dem sich erst spät und am stärksten 
erst seit dem Vordringen der Weißen nach dem Westen, eine Vermischung der 
beiden Völkergruppen vollzog. Über die Völkerverschiebungen, die das gegen- 
wärtige Verbreitungsbild geschaffen haben, sind Avir neuerdings besonders durch 
die Untersuchungen Birket-Smiths und Krauses aufgeklärt worden. 

2. Im Osten sind die Nachbarn der Eskimo die Algonkinvölker. 
Sie bilden eine zusammenhängende Sprachgruppe im Norden, wo sie das Innere 
von Labrador und das Gebiet zwischen der Südküste der Hudsonbai und den 
Großen Seen bewohnen. Ausläufer erstrecken sich von hier aus nach Westen bis 
zum Felsengehirge und in die nördliche Prärie (Siksika, Scheienne und Ara- 
paho), nach Süden über die großen Seen bis nach Tennessee und Südcarolina 
(Schawano) und nach Südosten an der atlantischen Küste von Neufundland 
bis Nordcarolina (Pamliko). Diese Verbreitung läßt deutlich ihre Herkunft aus 
dem Norden erkennen. Wahrscheinlich lag ihre Urheimat unfern der der Eskimo 
in den Gegenden um den Winnipegsee. Ihre letzten großen Bewegungen spielten 
sich bereits im hellsten Lichte der Geschichte ab. Die eng zusammengehörenden 



68 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Sak, Fox und Kickapu übersehritten erst im siebzehnten Jahrliundert unter dem 
Druck der Irokesen die Mackinac-Enge und wanderten südwärts durch Wisconsin, 
und um dieselbe Zeit schoben sich die Miami, die von den Europäern noch um 
1650 an der Green Bay des Michigansees angetroffen wurden, südwestlich durch 
Indiana nach Ohio vor. Noch später drang eine dritte Gruppe nahe verwandter 
Algonkinstämmc, die Odschibwä, Potawatomi und Ottawa, die noch 1640 vereint 
in der Gegend des Sault St. Marie saßen, nach Westen bzw. Süden und Osten 
vor. Aber alle diese Bewegungen, in deren Strudel allein die alteingesessenen 
Menomini auf der Westseite des Michigansees nicht hineingezogen wurden, sind 
nur die letzten Ausklänge der großen vorgeschichtlichen Algonkin-Expansion. 
Ein breiter Strom von Algonkin hatte sich einst im Norden der großen Seen 
über den St. Lorenz bis zur Küste gewälzt und war hier im Norden bis Neu- 
fundland (Mikmak), im Süden bis zum Hudson (Mahikan) gelangt. Eine andere 
Gruppe, die ursprünglich ein Volk bildenden Schawano und Leni Lenäpe, ging 
wahrscheinlich beim Sault St. Marie und an der Mackinac-Enge über die großen 
Seen nach Süden. Das Walam Olum erzählt noch von der Zeit, als die Lenape, 
die mit den Schawano aus einem Lande der Kälte und des Schnees gekommen 
waren, in heftigen Kämpfen mit den sagenhaften Talligewi des Ohio-Gebietes 
ihren Weg längs des Susquehanna und Potomac in die Länder an der Küste 
des Ostmeeres erzwangen. Da die TalligCAvi mit den heutigen Tscheroki der 
ir okesis ch-huronis che n Sprachfamilie gleichzusetzen sind, so beweist 
der Bericht zugleich, daß dieser Stamm einst nördlicher saß als in geschicht- 
licher Zeit, in der er die Gebirgsländer der südlichen AUeghanies bewohnte und 
nur durch einen schmalen Streifen fremdsprachlicher Sioux-Stämme von den 
verwandten Tuskarora Nordcarolinas getrennt war. Beider nächste Sprach- 
verwandte sind die in zahlreiche Unterstämme zerfallenden Irokesen und Huronen, 
die das ganze Erie- und Ontariobecken füllten, südliche Ausläufer bis zum 
Ohio und zur Chesapeake-Bai entsandt hatten (die Erie und Conestoga) und 
1534/35 von Jacques Cartier auch auf beiden Ufern des St.-Lorenz-Stromes an- 
getroffen wurden. Sie werden rings von Algonkin-Stämmen umgeben; daß ihre 
ältesten Wohnsitze aber im Seengebiet lagen, ist kaum anzunehmen, da vieles. 
wie die von Boas wahrscheinlich gemachte Sprachverwandtschaft mit den Pani 
(Pawnee), die auch noch in ihren Überlieferungen von einer ehemaligen Zu- 
sammengehörigkeit mit den Irokesen sprechen, und die Kulturverwandtschaft 
der Irokesen mit den Maskoki auf eine Herkunft aus dem Süden deutet. Von 
dort sind sie offenbar erst in verhältnismäßig später Zeit durch das große 
appalachische Längstal nach Norden vorgedrungen und haben sich wie ein Keil 
in die breite Masse der Algonkin gedrängt, die Lenäpe von den Schawano und 
die nördlichen Küstenalgonkin von ihren Brüdern im Seengebiet trennend. Eine 
ebensowenig mit der ursprünglichen übereinstimmende Verbreitung in ge- 
schichtlicher Zeit zeigt die dritte große Sprachfamilie des Ostens, die S i o u x - 
Gruppe. Von ihr wissen wir schon durch Haie und Gatschet, daß ihre Ur- 
heimat nicht das Mississippi-Missouri-Gebiet von Arkansas bis Manitoba war, 
wo sie sich als echtes Prärievolk noch bis ins letzte Drittel des neunzehnten 
Jahrhunderts zähe gegen die weißen Eindringlinge behauptet haben, sondern 
der Osten, wo noch in der Gegenwart die sprachlich zu ihnen gehörenden Kataba, 



Die Völker Nord- und Mittel am erikas 69 

Tutelo und Biloxi in Virginien und Carolina und an der Golfküste östlich der 
Mississippi-Mündung- saßen. Es hat den Anschein, als seien die Sioux durch 
die von Norden vorstoßenden Algonkin in zwei Teile zersprengt und im Osten 
von der Küste in das Appalachenvorland, im Westen in das Waldgebiet zwischen 
die großen Seen und den oberen Mississippi gedrängt worden, wo sie noch 
bis 1700 mehr oder weniger seßhafte Ackerbauer waren und einer ihrer Stämme 
(die Winnebägo) noch bis heute am Westufer des Michigan-Sees unter den 
Algonkin wohnt; dann aber kamen die Dakota in den Besitz von Pferden und 
Gewehren und schoben sich, gedrängt von den in derselben Zeit längs des 
Oberen Sees auf der Suche nach neuen Wildreisgebieten westwärts wandernden 
algonkinischen Odschibwä, eine ungeahnte Stoßkraft entfaltend, wie ein Keil 
zwischen die damals das obere Mississippigebiet bewohnenden Stämme, die von 
ihnen teils nach Norden, teils nach Süden getrieben wurden. Zu den letzteren 
gehörten die algonkinischen Scheienne, die bis dahin als seßhafte Ackerbauer 
am Red River of the North gesessen hatten, und nun, über den Missouri in 
die Prärie gedrängt, ihrerseits die Kaiowä (s. u.) und Komantschen weiter nach 
Süden schoben. Die südlich von den Dakota wohnenden Siouxstämme (Minitari, 
Mandan, Dhegiha und Tschiwere) hatten schon weit früher ihre alten Wohnsitze 
an* unteren Ohio und Wabash unter dem Druck der algonkinischen Illinois und 
Miami verlassen und sich missouriaufwärts verbreitet. — Von Westen endlich, 
über den Mississippi, kamen die M a s k o k i und erkämpften sich den Besitz- 
stand in den südlichen Staaten der Union, den sie so lange und zähe zu ver- 
teidigen wußten. Die Natchez am unteren Mississippi sind ihre entfernten 
Sprachverwandten; einige andere kleine, heute fast erloschene Stämme der 
Golfküste, wie dieTimukua von Florida, dieKarankawa undTonkawa 
westlich vom Mississippi, müssen aber noch immer als sprachlich isoliert be- 
trachtet werden, und dasselbe gilt auch von den früher für einen Eskimo- 
stamm gehalteneu Beothuk Neufundlands (ursprünglich auch Neuschottlands), 
der von den Algonkin verdrängten Urbevölkerung der nordatlantischen Küste. 
Zwei größere Sprachgruppen sind heute ganz auf die Prärie beschränkt: 
die eine wird von den Käddo- Stämmen gebildet, die von Süden nach 
Norden in drei getrennte Bestandteile zerfallen: die Käddo-Witschita am 
Red-River und Arkansas, die Pani (Pawnee) am Kansas und Platte, die Arikara 
am nördlichen Missouri. Aus ihren Stammessagen und ihrer Kultur geht her- 
vor, daß sie aus dem Süden (Nordost-Mexico?) kamen und lange unter dem 
Einfluß der Maskoki standen, also zu den östlichen Völkerelementen gehören. 
Die Kaiowä aber, die ihrer Überliefertmg nach erst in jüngerer Zeit aus den 
nordwestlichen Felsengebirgen {Missouri-Quellgebiet) in die Prärie hinabgestiegen 
sind, können wir bereits zu den westlichen zählen. 

3. Diese beginnen im Norden mit der großen Gruppe der A th apa s ken 
oder Dene (Tinneh), die das ganze Yukon- und Mackenzie-Becken füllen und 
am Churchill River an die Algonkin grenzen. Überall, auch an der Hudson- 
Bai, werden sie durch die Eskimo vom Meere getrennt, in Britisch-Columbien 
durch die Gruppe der Nordwestvölker, von denen zwei, die Tlingit und Haida, 
ihre wenn auch sehr entfernten Sprachverwandten zu sein scheinen. Ihre 
Urheimat lag wohl in Alaska; in sehr früher Zeit haben sie aber bereits die 



70 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Gebiete um den Athabasca-See besiedelt, von wo sie die Ureskimo verdrängten 
und die (weiter südlich Avohnenden) Urahnen der Tsimschian, Selisch und 
Algonkin nach allen Seiten auseinandertrieben. Die Athapasken zeigen 
eine selbst für amerikanische Verhältnisse beispiellose Ausdehnungsfähigkeit, 
einen Zug nach Süden, der sie vom Eismeer bis ins nördliche Mexico 
geführt hat. Während sie aber in dem nördlichen Wald- und Tundrengebiet 
eine zusammenhängende Verbreitung besitzen, verfielen sie im Kordillerenlande 
der Zersplitterung, die für den durch hohe Gebirgszüge in zahlreiche ab- 
geschlossene Tal- und Tafellandschaften zerlegten Westen kennzeichnend ist. 
Überall, in Britisch-Columbien, Washington, Oregon und Kalifornien, sitzen 
Splitter der Athapasken eingekeilt zwischen fremdsprachlichen Stämmen. Den 
Kaiowä sind Athapasken in die Prärien des Arkansas gefolgt, und vom Colorado 
haben sich die athapaskischen Navaho, Apatsche und Lipan bis fast an den 
mexikanischen Golf vorgeschoben. — Sprachenzersplitterung zeichnet die Be- 
völkerung der fjordenreichen Nordwestküste ebenso aus wie die der trockenen 
Tafelländer Arizonas und Neumexicos. Im Nordwesten erfüllt nur eine Sprach- 
familie ein größeres, zusammenhängendes Gebiet: die Selisch auf der tertiären 
Basaltlavaplatte des Columbia und Fräser und in den angrenzenden Küsten- 
strichen. Vielleicht sind sie mit der auf Vancouver ihnen benachbarten Familie 
der Wakas ch- Stämme (Kwakiutl, Nutka) urverwandt, während Schahaptin 
und K u t e n ä zwei kleinere isolierte Sprachfamilien des Columbia-Tafellandes 
bilden, denen sich weiter nördlich noch die Tsimschian anreihen, die sich 
erst in verhältnismäßig neuer Zeit zwischen Wakasch und Tlingit an die 
Küste gedrängt haben. Selisch und Tsimschian hatten wohl auch ihre Ursitze 
im Gebiet der kanadischen Seenplatte , wie die Eskimo und Algonkin ; man 
erblickt in den Algonkin neuerdings sogar entfernte Sprachverwandte der 
Selisch. — Im Südwesten hat man die kleinen Reste dreier isolierter 
Sprachfamilien vorgefunden, die Zuni, Kcres und Tano. Ihren Höhepunkt 
erreicht die Zersplitterung aber in Oregon und Kalifornien: hier sind nicht 
weniger als einundzwanzig verschiedene Sprachfamilien nachgewiesen worden, 
mehr als ein Drittel der Gesamtzahl aller nordamerikanischen. Nach neueren 
Forschungen schrumpft diese Zahl allerdings beträchtlich zusammen; man unter- 
scheidet jetzt nur noch drei in Kalifornien ursprünglich einheimische Sprach- 
familien (mit den Maidu, Pomo und Yuki als Hauptstämmen) und sechs 
von außen hineingedrungene. Unter den letzteren sind die Yurok nach Sapir 
vielleicht zu den Algonkin zu rechnen, was ganz neue Ausblicke in die nord- 
amerikanischen Völkerverschiebungen eröffnen würde. Die Hupa sind sicher 
Athapasken und eine ganze Reihe von kleinen Stämmen S cho scho n en. Das 
ist eine weitverzweigte, an Ausdehnung den Athapasken fast ebenbürtige Sprach- 
familie, deren Hauptschweifgebiet das „Great Basin" zwischen Felsen- und 
Kaskadengebirge bildet. Von hier ist einer ihrer Stämme, die Komantschen, bis 
in die Prärien von Texas vorgedrungen, ein anderer, die Hopi, sitzt in Arizona; 
wahrscheinlich gehören auch, wie schon Buschmann (1854) vermutet hat, die Völker 
der Pima-Sprachfamilie zu ihnen, die nur durch die nach neueren Er- 
gebnissen von Norden (Kalifornien) her eingewanderten Yuma-Völker von 
ihnen getrennt sind. Somit hätten wir hier im Westen neben den Athapasken 



Die Völker Nord- und Mittelamerikas 71 

noch einen zweiten gewaltigen Völkerstroni, der sich in fast lückenloser Folge 
vom fünfundvierzigsten Breitengrad bis tief nach Mittelamerika hinein ergossen 
hat: denn sj^rachliche Verwandte der Pirna sind die Naua und mit ihnen die 
Azteken. 

Über diese und die weiteren mexikanisch-mittelamerikanischen Sprach- 
familien s. weiter unten, S. 161 f. 

Die Verteilung der Sprachstämme kann für eine ethnographische 
Betrachtung nicht als Grundlage dienen. Hier sind die einzelnen 
ethnographischen Provinzen das Maßgebende. An drei 
Stellen hat die nordamerikanische Eingeborenenkultur ihren Höhe- 
punkt erreicht, wenn man von den alten Kulturländern im Süden 
absieht: in der atlantischen Provinz im Osten und im Pueblogebiet 
im Südwesten, wo die teilweise sehr intensiv betriebene Boden- 
kultur zu höherer Stufe emporgeführt hat, und an der nordwest- 
amerikanischen Küste, wo Fischervölker eine eigenartig hohe 
Kultur entwickelt haben. Dazwischen dehnt sich in zahlreichen Ab- 
stufungen das Gebiet der niederen und höheren Jäger aus. Unter 
diesen wird man den Eskimo den Vorrang zugestehen können; sie 
bilden einen Höhepunkt des Jägertums mit freilich einseitiger, weil 
von allen Seiten eingeschränkter Entwicklung. Natürlich wird die 
Sprachengruppierung in mannigfachster Weise von diesen Kultur- 
provinzen durchschnitten. 

Stämme, die zu einer und derselben Sprachfarailie gehören, stehen oft auf 
ganz verschiedenen Kulturstufen. Besonders tritt dies im Westen hervor, 
wo die Kultur überhaupt ein wechselvolleres Antlitz zeigt, entsprechend der 
Sprachenzersplitterung. Zu den Schoschonen gehören die elenden, wurzel- 
grabenden Yute, die wilden, kriegerischen Komantschen und die hochstehenden, 
ackerbautreibenden Hopi als ganz nahe Sprachverwandte. Athapasken sind in 
Kanada Renntierjäger, in Kalifornien Eichelsammler, in Arizona Schafzüchter. 
Sie haben sich kulturell am Yukon den Eskimo, in Britisch-Columbien den 
Nordweststämraen, am nördlichen Saskatchewan den Prärieindianern, am Trinitj' 
Eiver den Kaliforniern, auf dem Coloradoplateau den Pueblostämmen oft so 
sehr angepaßt, daß es fast aussichtslos ist, unter dieser mannigfachen Ver- 
kleidung Züge ihrer eigenen ursprünglichen Kultur wiederzuerkennen, wie sie 
etwa bei den Dene-Stämmen am großen Sklaven- und Bärensee erhalten ist. 
Natürlich sind in den ethnograplüschen Provinzen die ursprünglichen Gegen- 
sätze der verschiedenen, durch „Akkulturation" zu einer Einheit verschmolzenen 
Stämme nicht völlig ausgeglichen, sondern treten uns nicht selten noch in 
Lokal typen und Gruppenbildungen entgegen. Ein deutlicher Gegen- 
satz zwischen Norden und Süden beherrscht z. B. den nordwestamerikanischen 
Kulturkreis. Ebenso ist es natürlich, daß sich die ethnogi'aphischen Provinzen 
nicht scharf gegeneinander abgrenzen. In den Grenzgebieten haben wir Ü b e r - 
gangs- oder „Kontaktz onen" zu erwarten. So lagern sich um den Kern 



72 Amerika. IT. Die Völker Nord- und Mittelainerikas 

typischer Kultur, die sicli in dem großen kalifornischen Längstal und an der 
daran anstoßenden Küste gebildet hat, im Nordwesten eine Zone, in der die 
Kultur deutliche Überg'äng'e zu derjenigen der nordwestliclien Küstenvölker 
zeigt, im Nordosten und Süden andere, die zur Kultur der Völker des Great 
Basin überleiten. Im Südwesten (auf den Sta.-Barbara-Inseln und der g-egenüber- 
licgenden Küste) hat sich sogar ein Fremdkörper eingenistet (die Tschu- 
maschen), offenbar ein Ausläufer der nordwestamerikanischen Küstenkultur, 
worauf Friederici zuerst hingewiesen hat. Wo solche Fremdkörper in sonst 
einheitlichen ethnographischen Provinzen auftreten, Avird man sie als verhältnis- 
mäßig junge Eindringlinge betrachten können. Das gilt besonders von den 
Navaho und Apatsche in der Südwest- oder Puebloprovinz. Inmitten friedlicher, 
seßhafter Ackerbauer haben die Apatsche noch bis in die Gegenwart hinein 
ihr altes kriegerisches Jägernomadenleben nicht aufgegeben. Die Navaho sind 
zwar infolge der Aneignung der von den Spaniern eingeführten Schafherden 
halbseßhaft und in mancher Beziehung (z. B. im Kultus) den Puebloindianern 
ähnlich geworden, haben aber in anderer (Hausbau) noch die unverfälschten 
Zeugnisse ihrer nördlichen Heimat bewahrt. — Endlich sind auch Reste älterer 
Kultur inmitten einer höherstehenden Bevölkerung hier und da, wenn auch 
nicht so häufig wie in Südamerika, anzutreffen. Die merkwürdig tiefstelienden, 
sprachlich isolierten Seri mit ihrer niedrigen Sammelwirtschaft inmitten der 
ackerbauenden sonorischen Völker am Ostgestade des kalifornischen Golfes (Insel 
Tiburon und gegenüberliegendes Festland) bilden ein gutes Beispiel hierfür. 

Das Zusammenwachsen verschiedensprachlicher Stämme zu einer 
Kultureinheit bildet ein schwieriges, noch vielfach ungelöstes Problem. 
Auf dem Gebiet der Präriekultur hat Krause neuerdings diesen 
Vorgang in sehr ansprechenderWeise rekonstruiert. Frühzeitig erfolgte 
bereits die Besiedlung der Unterstufe, des welligen Graslandes im 
Osten, das sich zum Anbau eignet und daher von ackerbautreibenden 
Völkern des Sioux-Sprachstammes aus dem Osten und des Käddo- 
Sprachstammes aus dem Süden besetzt wurde. Die Oberstufe, die 
eigentliche Prärietafel, wurde ursprünglich nur gelegentlich von 
ihnen und von Jägerstämmen des Nordens und Westens, Komantschen 
und Kaiowä, zum Zweck der Büfifeljagd aufgesucht. Das ist der 
Zustand, den die ersten in das zentrale Steppengebiet eindringenden 
Europäer, nämlich Coronado am Arkansas (1541) und de Soto in 
Texas (1542), vorfanden. Erst als die Westwanderung derOdschibwä 
(s. o.) und der Vormarsch der Weißen die östlichen Randvölker 
immer mehr in die Prärie hineindrängten und die Einführung von 
Gewehren und Pferden ergiebigere Jagd und größere Beweglichkeit 
ermöglichte, entstand das schweifende Jägertum der Prärie; die 
Oberstufe wurde nun dauernd besiedelt, und aus der Vermischung 
westlicher und nördlicher, südlicher und östlicher Stämme ergab sich 



Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



73 




jene eigentümliche Präriekultur, 
die aber nicht bloß ein Mischungs- 
produkt ist, sondern auch zahl- 
reiche, nur ihr eigentümliche Ele- 
mente entwickelt und daneben 
andere wieder eingebüßt hat, da 
wesentliche, aus dem Süden und 
Osten stammende Elemente (Acker- 
bau, Gentilsystem, Töpferei, Kanu) 
entweder verkümmerten oder ganz 
verschwanden. 

Wie die beiden Acker bau- 
kulturen im Osten und Süd- 
westen entstanden sind , ist von 
Krause ebenfalls untersucht worden. 
In beiden Fällen ist der Anstoß 



zu höherer Kultur- 
entwicklung von Me- 
xico ausgegangen. 

Im Osten ent- 
stand auf der Grundlage 
einer primitiven, durch 
diepaläolithischenStein- 
g-eräte von Trenton usw. 
(S. 53) repräsentierten 
Kultur unter dem Einfluß 
der mexikanischen zu- 
nächst in den Ländern 
der Golfküste die Kul- 
tur der „Moundbuilder" 
(s. u. S. 102), die sich 



Abb. 2. Gepanzerter Irokese (a) und Tscliuktsehe (b 
(Kach Cbaiiiplain und Bogoras) 



74 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

bis zum Ohio ausdehnte. Im Süden waren die Träger dieser Kultui' die 
Maskoki und die damals noch mit ihnen vereint im Süden wohnenden Käddo 
und Irokesen, im Norden gerieten die Sioux im Ohiotal in ihren Bereich. Ein 
fremdes Element empfing- die Ostkultur erst, als von Norden her Jäger- 
völker, die Alg-onkin, über die großen Seen vordrangen, die Sioux zersprengten 
und weite Gebiete dieser seßhaften Völker, von denen sie ihrerseits den Acker- 
bau lernten, besetzten. Infolge der Nordwanderung der Irokesen erreichte eine 
zweite Welle der südlichen Ackerbaukultur mit zahlreichen südlichen Elementen 
(Gentilsystem, Mehrfamilienhäuser, Blasrohr, Sitte des Skalpierens, Zwillings- 
heroenmythus) die Länder an den großen Seen und am Lorenzstrom, wo 
wiederum die Algonkin in kulturelle Abhängigkeit, diesmal von den Irokesen, 
gerieten. 

In ähnlicher Weise hat sich die Südwestkultur aus dem Zusammen- 
fluß höherer, ackerbautreibender und niedrigerer, von der Jagd lebender Völker 
gebildet. Auf einer ursprünglich den ganzen Westen erfüllenden ältesten Kultur- 
schicht, die einigermaßen der Kultur der kalifornischen Völker entsprochen 
haben muß, erwuchs, wiederum unter mexikanischem Einfluß, an drei Stellen 
eine höhere Ackerbaukultur: die „Casas-Grandes"-Kultur im Süden (s, u. S. 158), 
deren Träger die Vorfaliren der heutigen Pima waren, die „Cliffdweller"-Kultur 
im Norden (s. u. S. 146), in die sich Schoschonen, Keres und Tano teilten, und 
eine westliche Kultur am Rio Verde und Little Colorado, die im Süden von 
den Yuma, im Norden von den Schoschonen entwickelt wurde. Dieser älteste 
Zustand ist durch das Eindringen athapaskischer Jägervölker (Navaho und 
Apatschen) ganz umgemodelt worden, so daß die gegenwärtige Pueblokultur aus 
einer Eeihe von Neubildungen besteht. Völlig zersprengt wurde die Casas- 
Grandes- und die Rio-Verde-Kultur, deren Träger (Pima und Yuma) von ihrer 
einstigen Höhe herabsanken. Die Nachkommen der Clift'dweller zogen sich nach 
Süden zurück: die Tano ins Tal des Rio Grande und östlich davon, die Keres auf 
die Hochflächen im Westen dieses Flusses, wo sie die „Rundpueblos" erbauten. 
Beide sitzen noch heute dort, sind aber infolge der Angriffe der Apatschen und 
der Kolonisation der Spanier von etwa fünfzig Pueblos (Dörfern) auf zwanzig 
zusammengeschmolzen. Die heutigen Zuni und Hopi aber sind aus mehreren 
kulturell und sprachlich verschiedenen Bestandteilen zusammengewachsen, wie 
die Ursprungs- und Wandersagen ihrer Phratrien (Stammesabteilungen), die 
sicher geschichtlichen Kern haben, klar ergeben. In den Zuni hat sich ein 
nördliches mit einem westlichen (Yuma-) Element verschmolzen; sie sind erst 
in spanischer Zeit von sieben auf einen Pueblo beschränkt worden. Die scho- 
ßchonischen Hopi gehen von dem jetzt verlassenen Pueblo Homolobi am Little 
Colorado aus und haben nördliche, westliche (Yuma-) und südliche (Pirna-) 
Elemente in sich aufgenommen, außerdem noch einen starken Bevölkerungs- 
zuwachs durch Tano erfahren, die 1680 vor den Spaniern vom Rio Grande 
flohen und sich in dem Hopi-Pueblo Hano niederließen. Die überaus verwickelte 
Kulturgeschichte des Pueblogebietes wäre unvollständig ohne den Hinweis auf 
die Beziehungen zur Kultur der Nordwestamerikaner, die nicht nur durch Scho- 
schonen, sondern auch durch Yuma vermittelt werden konnten, da ja ein Ab- 
leger der Nordwestkultur, wie wir sahen, in Südkalifornien Wurzel gefaßt hat. 



Die Völker Nord- und Mittelamerikas 75 

Einzeluntersuchungen wie diese sind für alle Gebiete erforder- 
lich, ehe es möglich ist, mit einiger Sicherheit die Kultur- 
geschichte Nord- und Mittelamerikas im Rahmen der 
allgemeinen menschlichen Kulturgeschichte aufzubauen. Die beson- 
deren Schwierigkeiten, mit denen die kulturgeschichtliche Schule 
der jüngeren Völkerkunde gerade auf diesem Felde zu kämpfen 
hat, sind in der unzweifelhaft starken jungasiatischen Be- 
einflussung weiter Strecken des Erdteils (s. o.) begründet. Die 
arktischen und subarktischen Jägervölker Nordamerikas 
sind von diesem Einfluß natürlich zuerst und am stärksten betrofi"en 
worden. Den Südwanderungen der Algonkin , Athapasken und 
Schoschonen ist es dann zuzuschreiben, daß der jungasiatisch-arktische 
Einfluß auch im übrigen Nordamerika eine so wesentliche Rolle spielt. 

Er äußert sich z. B. in der vollständigen Lederkleidung (Wams, Hosen und 
Mokassins) und allerlei Behältern aus Rinde oder Leder-, in der Versenkung, 
Gangtür und Erdbedeckung beim Hausbau, in Kuppel- und Kegelzelten mit 
Einden- und Fellbekleidung, Booten aus einem Spantengerüst mit Rinden- und 
Pellüberzug, Schneeschuhen und Schlitten, verstärkten und zusammengesetzten 
Bögen, Reifentrommeln und Stäbehenpanzern. Wenn die Irokesen in alter 
Zeit einen Stäbchenpanzer besaßen, der bis in nebensächliche Einzelheiten hinein 
dem der Tschuktschen glich, und die Kutenä ein Rindenboot, das nach Form 
und Bau mit Rindenbooten vom Amur verwechselt werden kann (Abb. 2, 3), 
zeigt dies, Avie stark die Fäden waren, die herüber- und hinüberliefen. Das 
Webegatter, ein Apparat, bei dem die Kettenfäden abwechselnd durch Spalten 
zwischen den Stäben und Löcher in den Stäben laufen, ist sogar fast lückenlos 
von Europa über Nordasien bis zu den Puebloindianern verbreitet. — Noch 
läßt sich nicht von jedem einzelnen dieser Kulturelemente sagen, ob es mit 
einem älteren oder jüngeren asiatischen Kulturstrom nach Amerika gelangte, 
doch sind die großen Züge der Entwicklung bereits durch die Untersuchungen 
der dänischen Forscher Gudmund Hatt und Kaj Birket-Smith klargelegt 
worden. Die älteste Schicht des arktischen Jägertums, die noch verhältnismäßig 
geringe asiatische Beeinflussung zeigt, hat sich in dem großen kanadischen 
Seengebiet, dem ürsitz der Eskimo und Algonkin, Selisch und Tsimschian 
herausgebildet. Birket-Smith hat sie die „Eis j agdkultur" genannt, weil 
diese Völker im Winter Säugetieren und Fischen an den Eislöchern der Seen 
auflauerten, während sie im Sommer Fischfang im offenen Wasser, im Herbst 
Bison- bzw. Renntierjagd auf Prärie und Tundra betrieben. Sie waren halb- 
seßhaft und lebten im Winter in erdbeworfenen, versenkten Hütten, im Sommer 
in kuppelförmigen , mit Matten oder Rinde bekleideten Zelten. Ihre Haupt- 
beförderungsmittel waren ein primitives, halbgedecktes Fellboot und der Kufen- 
schlitten. Am reinsten hat sich die Eisjagdkultur in der Gegenwart bei den 
Eskimo erhalten; Eisjagd, Eisschlitten (mit Kufen) und „Wigwams" (S. 106) der 
Algonkin des Seengebietes, Erdhäuser der Missouristämme und Fellboote, die 
bei den Beotluik und am Red River of the North erwähnt werden, sind Reste 



76 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 





Abb. 3. Rindenboote der Kutenä (a) und Amurstämme (b) 
(Nach Mason uud Maack) 



dieser alten Kultur im Süden. Auch die Kalifornier besaßen, wie Krause ge- 
zeigt hat, ursprünglich dieselbe Jägerkultur, gingen aber in den an Samen und 
Früchten reichen Gefilden ihrer Heimat immer mehr zum Sammeln von Vegeta- 
bilien über und erfanden schließlich, anscheinend selbständig, die 3Iehlbereitung. — 
Die Eisjagdkultur Avurde verdrängt, als die Athapasken von ihren alten Sitzen 
in die Gegend des Athabascasees vorstießen (s. o.). Ihre Stoßkraft beruhte 
auf der großen Beweglichkeit, die ihnen die neue, in Asien entstandene und 
noch vor der Ausbreitung der Eskimo nach Amerika verpflanzte „Sehne e- 
schuhkultur" verlieh. Die Einführung des Schneeschuhs bewirkte, daß die 
Eisjagd nun im größten Teil der JSTordhälfte des Kontinents durch die Schnee- 
schuhjagd ersetzt wurde; diese wieder hatte den Winternomadismus zur Folge, 
dem auch die Behausung dieser jüngeren Kultur, das kegelförmige Zelt, an- 
gepaßt war. Der schlanke Toboggan verdrängte den Kufenschlitten, da er sich 
besser als dieser für schmale, mit losem Schnee bedeckte Waldpfade eignete. 
Der eng mit dem Schneeschuh verknüpfte Ledermokassin wurde die bevorzugte 
Fußbekleidung. Im übrigen brachte erst diese Kultur die weitgehende Ver- 
wendung der Birkenrinde zu allerhand Gefäßen, als Überzug von Kanus usw. 
mit sich. Aus der Art der Rindenbeliandlung und -Verarbeitung beim Kanu- 
bau, die der Lederbehandlung nachgebildet zu sein scheint, hat Birket-Smith 
geschlossen, daß das zusammengesetzte Rindenboot in Nordamerika jünger als 
das Fellboot ist, von dem ja noch bis in die Gegenwart hinein sehr primitive 
Formen (das Bullboot, S. 115) vorkamen. Die Schneeschuhkultur verbreitete sich 
weithin ; Schneeschuhe, Rindenkanus und kegelförmige Rindenzelte treten noch 
in Nordkalifornien auf, während im Osten das Seengebiet die Südgrenze des 
(zusammengesetzten) Rindenbootes ist, über die Schneeschuhe und Toboggan 
nur wenig hinausgehen. Einzelne Elemente, wie das Kegelzelt und die Leder- 
tracht, haben sich dagegen noch viel größere Gebiete erobert, — In Alaska 
und an der Nordwestküste wurde die Schneeschuhkultur von noch jüngeren 
asiatischen Kulturen überlagert; so ist der Alaska-Schlitten mit seinem kompli- 



Die Völker Nord- und Mittelamerikas ■ 77 

zierten Aufliau ein Element des no r dasiati s ch eii Kenntiernomadismus, 
und auch der Stäbehenpanzer gehört vielleicht hierher. Ein zweifellos jung- 
asiatisches Element sind die den ganzen Westen Nordamerikas beherrschenden 
Bögen, die durch (aufgeleimte) Sehnenschichten, Sehnenstränge oder Umwicklung 
verstärkt werden. Die nordwestamerikanische Fischerkultur besitzt endlich 
noch eine grolie Zahl offenbar poljniesischer Kulturelemente: ent- 
wickelte Holzsclmitzkunst, Baststoffbearbeitung mit vierkantigen Knochen- 
schlägeln, zweiteilige Angelhaken, Kniebeile, scharfkantige Knochen- oder Stein- 
keulen, Ständewesen (starkes Häuptlingstum und Sklaverei), Steinschüsseln mit 
steinernen Keibkeulen, Drillbohrer und Muschelschmuck (in Kalifornien auch 
Muschelgeld), in älterer Zeit vielleicht auch Doppelboote. 

Zu den jungasiatischen Einflüssen tritt in jüngster Zeit noch die 
über ganz Nordamerika sich ausbreitende, nivellierende Wirkung der 
europäischen Kultur, die übrigens nicht immer nur zerstört, 
sondern auch neue Formen geschaffen hat (vgl. die Präriekultur). 
Manche ihrer Gaben haben die Indianer sogar mit Erfolg und Ge- 
schmack ihrem alten Kulturbesitz einzuverleiben verstanden. Eisen, 
Wolldecken und Glasperlen sind zwar vielfach an Stelle von Stein, 
Leder und Stachelschweinborsten oder Muschelperlen getreten, doch 
wurden die alten Formen, oft sogar die alten Ornamente, mit den 
neuen Stoffen wiederholt. 

Durch alle diese Umwälzungen sind Elemente älterer 
Kulturen natürlich in hohem Grade verdrängt oder ganz weg- 
gewischt worden; in dichterer Verbreitung treten sie nur im Westen, 
Südwesten und Südosten, vor allem aber in den mexikanisch-mittel- 
amerikanischen Ländern auf. 

Hier mögen einige kurze Hinweise genügen. Uraltes Kulturgut hat 
besonders im mexikanischen Hochland, in Kalifornien und auf dem Colorado-, 
Columbia- und Fraserplateau seine Zuflucht gefunden: Wetterschirm, Bienen- 
korbhütte, ßumerang (im Osten der Union bumerangartige Keulen), Waffen mit 
eingekitteten Steinsplittern (in Florida auch Waffen mit Haifischzähnen), Binsen- 
floß, Spiralwulstkorb und Stäbchenangel. Etwas weitere Verbreitung zeigen 
die Elemente der sogenannten „T 1 e m k u 1 1 u r". Zwei Hauptmerkmale, Speer- 
schleuder und Kegeldachhütte, treten sowohl im Südosten als auch im Südwesten 
der Union auf, die Speerschleuder auch in Nordwesten und bei den Eskimo; es 
ist bezeichnend, daß in Altmexico verschiedene Elemente dieser Kultur entweder 
bereits als altertümlich galten und ihr Dasein nur noch im Kultus fristeten 
(Speerschleuder als Götterwaffe, Kegeldachhütte als Quetzalcouatl-Tempel, Stein- 
und Knochendolch, Muscheltrompete), oder einer älteren Bevölkerungsschicht 
angehörten (Lanzen mit Steinklingen) oder endlich eine reiche Weiterentwick- 
lung erlebten (Kampf- und Tanz-Rückenschmuck). Der Totemismus ist in 
Nordamerika vielfach mit dem mutterrechtlichen Zweiklassensystem verquickt, 
andrerseits sind .vaterrechtliche Lokalgruppen (Dorfgemeinschaften, nur z. T. 



78 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

totemistisch) für die meisten Weststämme typisch. Alles in allem scheint 
auch die Totemkultur ein Asyl in den Gebirgsländern des Westens gefunden 
zu haben. Offenbar ist sie dorthin durch jüngere Kulturen gedrängt worden, 
die vielleicht in mancher Beziehung- der sogenannten Zweiklassen- und 
Bog-enkultur der Südsee entsprachen. Elemente, die Graebner diesen zu- 
schreibt, wie die Steinknaufkeule, das ovale Firsthaus, die Schlitztrommel, der 
Breitschild mit Läng-sgriff (Zweiklassenkultur) und der Pfahlbau, die Hänge- 
brücke, die Felltrommel und der Schädelschrein (Bog-enkultur), treten nur im 
äußersten Süden der Union, in Mexico, Mittelamerika und auf den Antillen 
auf. Andere dagegen, wie die rechteckige Giebeldachhütte, das System zweier 
exogamer, mutterrechtlicher Heiratsklassen innerhalb einer und derselben 
Lokalgruppe, Geheimbund- und Maskenwesen, Kolbenkeule, mit ZAveigschlinge 
geschäftetes Beil (Zweiklassenkultur) und Mehrfamilienhäuser, Stufentlechterei 
und Spiraltöpferei, Hockerfiguren und Spiralbandornamentik, Tabaksgenuß und 
Kopftrophäe (Bogenkultur), sind in typischer Ausbildung soAvohl im Südwesten, 
Südosten und Osten, als auch im Nordwesten der Union verbreitet. Es liegt 
also nahe, anzunehmen, daß diese Elemente auf verschiedenen Wegen nach 
Nordamerika gelangt sind, soweit sie nicht überhaupt, wie so vieles andere, 
a m e r i k a n i s c h e n S n d e r e n t w i c k 1 u n g e n entstammen. Daß sich Mais- 
und Tabakskultur, Clan- und Geheimbundwesen, höhere politische Gebilde und 
entwickeltere Hausformen, Töpferei und Plastik, Kopfjagd und zahlreiche religiöse 
Anschauungen von Mittelamerika aus nach dem Südwesten, Südosten und 
Osten Nordamerikas verbreitet haben, kann als sicher gelten (s. o.). Nordwest- 
amerika dagegen scheint die Elemente der Zweiklassen- und Bogenkultur von 
Ostasien oder Polynesien her, vielleicht mit jüngeren Kulturen (s. o.), 
erhalten zu haben. 

1. Die Naturvölker 
a) Die arktischen Völker 

Im Gegensatz zu den übrigen amerikanischen Kulturprovinzen 
ist die arktische das Verbreitungsgebiet eines einzigen Volkes, der 
Eskimo, zu denen man auch die Aleuteu rechnen kann; doch 
haben auch einige Athapaskenstämme, wie die Ingalik am unteren 
Yukon und die Kenai am Cook Inlet, einen wesentlichen Teil 
der Eskimokultur angenommen. 

Die Eskimo (von esquimantjik, „Rohfleischesser"), wie die in 
Labrador ansässigen Angehörigen dieses Volkes von den Abnaki, 
ihren dortigen Algonkinnachbarn, genannt wurden, oder Inuit 
(„Menschen"), wie sie sich selber nennen, sind ein ausgesprochenes 
„Randvolk" an den Grenzen der bewohnbaren Erde. Sie haben 
in diesen unwirtlichen Ländern mit einer Zähigkeit den Kampf 
ums Dasein geführt und mit einem Scharfsinn all die spärlichen 



Die arktischen Völker 



79 



Gaben der sie umgebenden Natur auszunützen verstanden, die 
unsere höchste Bewunderung erregen müssen. Nicht alle Eskimo- 
stämme sind allerdings in der gleichen ungünstigen Lage gewesen. 
Küstenbeschaffenheit, Eisbedeckung, Tierwelt sind stellenweise 
recht verschieden, und so hat sich eine Reihe von Untergruppen 
herausgebildet, die weniger in ihrer allgemeinen Kultur als 
vielmehr in ihrer wirtschaftlichen Betätigung im Kreis- 
lauf des Jahres oft stark voneinander abweichen. 

Wenn auch die Unterschiede, 
die Steensby (dessen Darlegungen 
wir hier folgen) zwischen der 
arktischen und subarktischen 
Form der Eskimokultur hervor- 
hebt, wichtig sind, so fällt doch 
der Gegensatz zwischen der 
älteren Osteskimo- und 
der jüngeren Westeskimo- 
kultur mehr ins Auge; Kap 
Bathurst, östlich der Mackenzie- 
mündung-, kann etwa als Grenze 
zwischen den beiden Haupt- 
gruppen angesehen werden. Die 
östlich davon hausenden Eskimo- 
stämme am Coronation - Golf, 
zwischen King -Williams -Land 
und Boothia (Netschillik), aufj 
der Melville-Halbinsel (Eivillik, 
Iglulik) und im Binnenland 
zwischen dem Back-Flusse und 
dem Chesterfteld-Golfe (Kinipetu) 
haben den altertümlichsten Cha- 
rakter von allen und müssen dem 
Ausbildungsherd der Eskimo- 
kultur (S. 67) noch verhältnismäßig am nächsten wohnen. Es sind Binnenland- 
stämme, die den Sommer über der Renntier- und Moschusochsenjagd und der 
Lachsfischerei auf dem Festland obliegen und erst, wenn die aufgespeicherten 
Vorräte aufgezehrt sind, im Spätwinter zur Seehundsjagd (vor allem auf Ringel- 
robben, Phoca foetida) auf dem Küsteneise übergehen. Der Kayak dient bei 
ihnen noch im wesentlichen der Renntierjagd, oder, zu zweien nebeneinander- 
gekoppelt, dem Wassertransport; Hochseejagd auf Robben und Walrosse wird 
nur ganz gelegentlich ausgeübt. Der Hundeschlitten ist das Hauptbeförderungs- 
mittel auf dem Eise, und der Umiak (S. 84) fehlt meist ganz. Zu diesen Zentral- 
eskimo sind auch die Bewohner des Baffinlandes zu rechnen, bei denen aller- 
dings schon ein Teil des Stammes dem Weißwal in den Küstengewässern der 
Davisstraße auf Umiaks nachstellt, und die Ita oder Polarcskimo auf der grön- 




Abb. 4. lünugumut-Mann, Alaska 
(Nach Nelson) 



80 



Amerika. 11. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



läiidisclieu Seite des Smithsundes (zwischen 76. und 79. Grad n. Br.), die vor 
1862 aus Holzmangel keine Kayaks mehr bauten und im Sommer nur von 
Vogelfang und Eiersammeln lebten, abgesehen von gelegentlichen Ausflügen 
nach Eilesmere-Land, um Moschusochsen zu jagen. Die Gr ö nlande skimo 
können nur im nördlichen Teil der Küste (nördlich von Holstenborg) und auf 
der Ostküste die Avinterliche Eisjagd ausüben und Hundeschlitten gebrauchen; 
im südliclien Teil herrscht während des ganzen Jahres die Hochseejagd auf 
Robben mit dem Kayak, der hier seine höchste technische Vollendung- erreicht, 
Avährend der Schlitten verschwunden ist. In älterer Zeit wurden auch Grön- 
landwale vom Umiak aus, der jetzt nur noch als Transport- oder Reisefahrzeug 

dient, und, besonders im Distrikt 
Godthaab, Renntiere mit Bogen 
und Pfeil gejagt, dagegen hat der 
Fischfang nie eine große Rolle 
gespielt. Während die West- 
grönländer infolge ihrer früh- 
zeitigen Bekehrung zum Christen- 
tum (Hans Egede, 1721—34) und 
der dänischen Kolonisation außer 
dem Jagdgerät das meiste von 
ihrem alten Kulturbesitz auf- 
gegeben haben und auch fast 
nirgends mehr reinrassig sind, 
konnten sich die Ostgrönländer 
bis zu ihrer Entdeckung durch 
Holm (1884) fast unbeeinflußt 
erhalten und haben manclie Be- 
sonderheit bewahrt, z. B. eine 
eigenartige ornamentale Ver- 
zierung (Taf. III, Fig. 13). Die 
L a b r a d r e s k i m ähneln den 
Südgrönländern sowohl in ihrer 
starken Beeinflussung durch die 
Mission (Herrenhuter, seit 1771), 
als auch in ihren wirtschaftlichen 
Verhältnissen, da infolge der schwachen Küsteneisbildung die Eisjagd hinter 
der Hochseejagd auf Robben und Weißwale (mit Kayaks) zurücktritt; doch sind 
bei ihnen auch Renntierjagd und Lachsfischerei im Binnenlande während des 
Frühjahrs von Bedeutung. 

Im Westen bilden zunächst die Mackenzie- und Point-Barrow- 
E skimo vom Kap Bathurst im Osten bis zu den Malemiut am Kotzebue-Sund 
wirtschaftlich eine eng zusammengehörige Gruppe, da bei ihnen allen die 
sommerliche Walfisch jagd im breiten, eisfreien Küstenbecken die Hauptrolle spielt. 
Ein- oder zweimal während des Sommers zieht ein Teil des Stammes, dessen 
größere Hälfte diese Jahreszeit im Binnenlande mit Renntierjagd und Lachs- 
fischerei zubringt, aus, um die Wale auf Umiaks in größeren Jagdgesellschaften 




Abb. 5. Kinugumut-Frau, Alaska 
(Nach Nelson) 



Erläuterungen zu 

Tafel I 

Hausbau der Nordamerikaner 

1 Seminolen; 2 Witschita; 3 Cliffdweller: „Montezuma 
Castle" im Beaver Creek (Arizona); 4a Zuni, ib Hopi; 
5 Pueblo Bonito (Neumexico); 6a, b Navaho (b das 
Gerüst); 7 Binnenselisch; 8 Menomini; 9 Omaha; 
10 Gebirgsmaidu; 11 Secotan (alter Algonkinstamm 
z-svischen Albemarle-Sund und Pamlico River, Nord- 
carolina); 12 Haida 

(3 nach einem Modell, 4a nach einer Photographie im Berliner 
Museum für Völkerkunde; die übrigen nach dem Handbook of 
American Indiana und nach Boas, Dorsey, Hoffman, Mac- 
Cauley, Matthews, Mindeleff, Niblack, Powers und Simpson) 



Die arktischen Völker 81 

anzug-rcifen. Die Anwendung- des Netzes bei der winterlichen Robbenjagd und 
der starke Verbrauch von Treibholz, das der Mackenzie in Massen an die Küste 
schwemmt, sind Aveitere ethnographische Merkmale dieser Gruppe von Stämmen. 
Während auf der Diomedes- und Kings-Insel, deren Bewohner vor allem den 
Handelsverkehr zwischen den asiatischen und amerikanischen Küsten der Bering- 
see vermitteln, der Umiak seine höchste technische Vollkommenheit als Jagdboot 
erreicht (er dient hier in erster Linie zur Walroßjagd), verfolgen die Yukon- 
Eskimo (Kwikpagmiut, Kuskwogmiut) den Weißwal im Kayak. Sie sind 
sonst in der Hauptsache Fischer, die daneben auch dem Seehund auf dem Küsten- 
eise nachstellen und Vögel und andere Tiere mit Fallen jagen, die Renntierjagd 
aber ganz ihren indianischen Nachbarn, den Ingalik, überlassen. Von Indianern und 
asiatischen Stämmen sind sie kulturell stark beeinflußt und verfügen daher über 
einen reicheren Kulturbesitz als alle anderen Eskimostämme (vgl. z.B. Taf. III, 
Fig. 15, 16). Sehr ausgeprägt ist bei ihnen ein starker künstlerischer Trieb, der 
sich in zierlichen Knochenschnitzereien und -ritzzeichnungen (Abb.l 1, Fig.l; Taf. III, 
Fig. 12), auch in reicherem Schmuck äußert. Die Ausbildung der Maskentänze, die 
sich bei den östlichen Stämmen nur spärlich finden, ist bei ihnen auf eine Beein- 
flussung seitens der indianischen Stämme der Nordwestküste zurückzuführen. 
Schon ganz in deren Bannkreis wohnen die Eskimo von Südalaska 
(Konjagen oder Kadiaker, Tschugatschen und Ugalenzen), mit denen die Be- 
wohner der Aleuten, die sich selbst Unungun („Menschen") nennen, kulturell 
nahe verwandt sind. Hier stehen, wie in Südgrönland und Labrador, die Hoch- 
seejagd auf die großen Seesäuger und die Fischerei (Lachs und Kabeljau) so 
sehr im Vordergrunde, daß daneben alles andere Wild (außer etwa Vögeln) 
zurücktritt. Man verfolgt Seehunde im einsitzigen, Wale und Seeottern im 
zweisitzigen Kaj'ak und erlegt die ersteren mit Wurfbrett und Blasenspeer, 
die Wale mit Lanzen, die Seeottern mit Bogen und Harpunenpfeil. Der Umiak 
• lient hier als Kriegskanu bei den häufig'en Staramesfehden. Es ist eine eigen- 
; rtige Erscheinung, daß diese bereits im Waldgebiet wohnenden Stämme trotz 
weitgehender Beeinflussung durch die Nordwestvölker in ihrer Wirtschaft zähe 
rn den Kulturerrungenschaften ihrer nördlichen, baumlosen Heimat (Fellboot, 
Lrdhaus, Bogen mit Sehnenverstärkung) festhalten, ja sogar fortfahren, ihre 
Geräte aus Treibholz anzufertigen. Nur der Schlitten ist südlich vom Kuskokwim 
a ifgegeben worden, da hier, wie in Südgrönland, die Eisjagd fortfällt. 

ßenntierjagd, Lachsfischerei und Vogelfang hatten die Eskimo 
an den zahlreichen Seen und Flüssen des Binnenlandes schon seit 
unvordenklichen Zeiten betrieben, ehe sie zu dem echten Küsten- 
und Meervolke wurden, als das sie uns heute entgegentreten. Die 
Renntiere (die der Eskimo nicht zu zähmen gelernt hat, wie 
die asiatischen Arktiker) erlegt man mit Vorliebe, wenn sie bei 
ih/er Nordwanderung im Frühjahr und Südwanderung im Herbst 
di( Binnengewässer überschwimmen, vom Kayak aus mit der Lanze. 
Von Alaska bis Grönland ist es dabei üblich, die Tiere zu um- 
kreisen und zwischen zusammenlaufenden Zäunen oder Steinreihen 

Völkerkunde I 6 



82 



Amerika. 11. Die Völker Nord- und Mittelaiuerikas 



ins Wasser zu treiben. Bei der winterlichen Einzeljagd auf den 
mächtigen Moschusochsen und Eisbären läßt man das Wild 
durch Hunde stellen und erlegt es dann durch Bogen und Pfeil; 
die Bögen sind teils aus Holz und durch Knochenstücke und Sehnen- 
stränge verstärkt (Taf. HI, Fig. 9, 10), teils bestehen sie aus einzelnen 
zusammengebundenenKnochenstücken (Taf.III, Fig. 11). Die Fische 
werden geangelt, in Schleppnetzen gefangen und gespeert. Beim 
Lachsfang baut man Wehre in den Flüssen, die der Fisch hinauf- 
geht, und speert sie mit dem Dreizack (Taf.III, Fig. 8), DerVogel- 




Abb. 6. Eisjagd mit kleinem Schlitten. Smithsnnd 
(Nach ßessels) 



weit stellt man mit Bogen und Pfeil, Wurfbrett und dreispitzigem 
Vogelspeer (Taf. III, Fig. 3, 4), in Alaska auch mit Schlingen und 
einer Art Bohi mit knöchernen Endstücken nach. 

Die Eisjagd auf Robben wird in dem ganzen Gebiet nach zwei 
Methoden betrieben. Im Winter übt -mau die „Maupok"- Jagd 
an Eislöchern, die sich der Seehund zum Luftschöpfen offenläßt; 
regungslos wartet der Jäger, auf einem dreieckigen Jagdstuhl sitzend, 
bis der Seehundskopf an dem Eisloch zum Vorschein kommt, oder 
er lockt ihn (in Alaska) durch leises Kratzen auf dem Eise mit 
einem Instrument, das einer krallenbewehrten Tierpfote gleicht, an. 
Im Frühjahr befolgt man die „Utok" -Methode, indem man den 
auf dem Eise sich sonnenden Seehund Ijeschleicht und ihm den 
Rückweg nach dem Eisloch abschneidet; hierzu bedient sich der 



Die arktischen Völli^er 



83 



Polareskimo eines kleinen Schlittens mit Segel, hinter 
dem gedeckt er gut zum Schuß kommen kann (Abb. 6). 
Die Hauptwaffe bei der Eisjagd ist die schwere Stoß- 
harpune (Abb. 7), das Hauptbeförderungsmittel der 
von Hunden gezogene Schlitten; der letztere zeigt 
im Zentralgebiet und im Osten gedrungenere Formen 
(er hat hier hohe, mit Walroßelfenbein beschlagene 
Kufen) als in Alaska (hier mit niedrigen Kufen, er- 
höhtem Sitz und Seitenlehnen). 

In den breiten, offenen Spalten des Wintereises 
hat es der Eskimo nach Steensby zuerst gelernt, 
den Seehund in seinem eigentlichen Elemente an- 
zugreifen. Eine lange Zeit muß vergangen sein, ehe 
sich sein bisher nur bei der Land- und Eisjagd ge- 
brauchtes Gerät so vervollkommnet hatte, daß er es 
wagen konnte, auch kühne Fahrten weit hinaus aufs 
offene Meer zu unternehmen. Die schwere Stoß- 
harpune mußte erst zur leichteren Wurfharpune, 
deren ablösbare Spitze durch Riemen mit einem 
Schwimmer aus dem aufgeblasenen Fell einer jungen 
Robbe verbunden ist, oder zum Blasenpfeil 
(Taf. III, Fig. 2) umgebildet werden. Beide werden 
mit dem Wurfbrett geschleudert, das von Alaska 
bis Grönland verbreitet ist und gewöhnlich mittels 
eines Knochenzapfens oder einer Kerbe am hinteren 
Ende der Harpune angesetzt wird (Taf. III, Fig. 5 — 7), 
in Grönland dagegen bei einer Harpunenform (unäq) 
ein Loch zeigt, durch das ein im Schwerpunkt der 
Harpune befestigter Knochenstift greift, bei einer 
anderen (ernangnäq) einen Vorsprung, der in eine 
Knochenkerbe zwischen zwei als Steuer dienenden 
langen Knochenflügeln gelegt wird. Die Harpune 
dient eigentlich mehr zum Festhalten als zum Töten 
des Tieres; den Gnadenstoß erhält es mit der Lanze, 
die keine ablösbare Spitze hat. Beide sind die un- 
entbehrlichen Begleiter des Jägers, sobald er den 
Kayak, das fellüberzogene Einmannsboot, bestiegen 
hat. Auch dies unübertrefi'lich seetüchtige und 
elegante Wasserfahrzeug hat sich erst nach und nach 



a 




Abb. 7. Harpune 
der Sniithsund- 
eskimo. 
(Vis"!!. Gr.r~" 



84 Amerika. II, Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

aus dem plumperen Flußkayak entwickelt, der seinerseits auf ein 
noch älteres, halbgedecktes Fellboot zurückgeht. 

Der Kayak (Abb. 88, Fig. 1) besteht aus einem Gerippe U-förmig- ge- 
bogener, durch Kiel- und Bordrandstangen und Verdeckquerleisten verbundener 
Spanten aus Treibholz mit einem strammsitzenden Überzüge aus zusammen- 
g-enähten Seehundshäuten; es ist ganz gedeckt bis auf eine enge, runde Öffnung, 
die der auf dem Kayakboden sitzende Fahrer völlig ausfüllt und noch besonders 
dadurch vor dem Hereinlaufen des Wassers schützt, daß er bei stürmischem 
Wetter seinen Leder- oder Darmrock, der nur das Gesicht freiläßt, bei leichterem 
Wellengang einen bis zu den Achselhöhlen reichenden Lederring mittels eines 
Zugriemens fest um die Holzeinfassung des Einsteigschachtes schnallt. Da er in 
dem wasserdicht abgeschlossenen Innern des Bootes also nichts unterbringen kann, 
sind an der Außenwand Gurte zur Befestigung der Harpune und auf dem 
Verdeck vor dem Fahrer ein Teller zum Hinauflegen der Harpunenleine an- 
gebracht. Die Fortbewegung geschieht mit einem Doppelruder (bei den West- 
eskimo auch mit einblattigem). In Südalaska und auf den Aleuten hatte man 
neben dem einsitzigen Kayak (Baidarke) auch zwei- und dreisitzige (Baidare). — 
Der Umiak ist oben offen und besteht ebenfalls aus einem fellüberzogenen 
Holzgerippe. Er war, wie wir sahen, nur in Grönland zum bloßen Transport- 
mittel und „Weiberboot" herabgesunken. Sein Gebrauch bei der Walftschjagd 
ist aber, wie der Umiak selbst und manche anderen bei der Hochseejagd ge- 
brauchten Geräte (Doppelruder, Harpunenschwimmer), nach Steensby ein junges, 
nordostasiatisches Element der Eskimokultur, 

Wiewohl sich der Eskimo vorwiegend von Tieren nährt, benutzt 
er doch jede Gelegenheit, pflanzliche Kost zu erlangen, die ihm 
die Natur freilich nur in geringen Mengen in Sauergräsern und 
Tangarten bietet. Darum ist auch der Mageninhalt des Renntieres, 
das von diesen Pflanzen lebt, ein gesuchter Leckerbissen. Weniger 
verständlich ist uns die Vorliebe für Fleischspeisen (Lachse, See- 
hundsköpfe), die in Fäulnis übergegangen sind. — Wenn die sommer- 
liche Jagd mit dem unsteten Leben in den Fellzelten vorüber ist, 
werden die festen AVinterhäuser wieder bezogen. Diese liegen 
meist an Küstenvorsprüngen und werden bei den Zentraleskimo, in 
Labrador und am Mackeuzie in der zweiten Hälfte des Winters, 
wenn die Eisjagd beginnt, mit Schneehäusern vertauscht, die in 
kürzester Zeit zu errichten sind und daher dem nomadischen Leben 
auf dem Eise besser entsprechen. 

Die Winter häuser sind in Alaska rechteckig, aus Holzplanken, erd- 
überdeckt und haben einen versenkten Innenraum, der zur Abwehr der Kälte 
nur durch eine Gangtür unter der Erde zugänglich ist (Abb. 8, Fig. 1). Eine 
Sclilafpritsche zieht sich an der Ilückwand entlang. Auch in Grönland gibt 
es rechteckige Häuser, die mehreren Familien als Obdach dienen, Wände aus 
abwechselnden Schichten von Steinen und Grassoden und ein flaches Dach aus 



Die arktischen Völker 



85 



Treibholz haben (Abb. 8, Fig. 3, 4). Im Zentralg-ebiet hat man, wohl erst 
innerhalb der letzten zweihundert Jahre, den älteren festen Winterhau (Qar- 
mang) mit rundem Grundriß, Stein- oder Torfwänden und einem gewölbten, 
von Walfischrippen mit Fellüberzug gebildeten Dach, der mit Erde überdeckt 





JM/K»)///)'' 





Abb. 8. Winterhäuser der Eskimo : 1 Point Barrow (Alaska), 2 Smithsund, 

3 Scoresbysund (Ostgrönland), 4 Angmagsalik (Ostgrönland) 

(Nach Steeiisby) 

und außerdem noch in den Abhang eines Hügels hineingebaut wurde, meist 
ganz zuliebe des Schneehauses aufgegeben. Die Polareskimo gebrauchen da- 
gegen das Steinhaus noch neben dem Schneehaus, doch sind sie gezwungen, 
es aus Maugel an Waltischknochen ganz aus Erde und Torf herzustellen (Abb, 8, 
Fig. 2). Das Schneehaus (Iglu) ist eine der bedeutungsvollsten technischen 
Leistungen der Eskimo , die sich ebenbürtig neben ihre Konstruktion der 



86 



Aineiika. 11. Die Völker Nord- und Mittelaiucrikas 



Harpune (mit Kugelgelenken), der Pfeilspitzen (mit Schraubenwindung'en), des 
Kayaks usw. stellt. Es ist nämlich ein echter Gewölbebau : die mit einem 
Knochenmesser (Tat. III, Pig-. 14) aus dem Schnee herausgeschnittenen „Quadern" 
bilden in spiralig aufsteigenden, immer enger werdenden Kreisen die Kuppel, 

die eine Deckquader oben abschließt. 
Innen wird sie (auf Baffinland) mit 
Fellen überkleidet; ein Vorbau hält 
die Kälte ab, eine vertiefte Gang- 
tür führt ins Innere, und der Schlaf- 
liank gegenüber ist ein Fenster in 
der Kuppelwand durch eine Eisplattc 
verschlossen. Das Zelt ist nur in 
Alaska gewöhnlich kegelförmig wie 
bei den Prärieindianern; sonst be- 
steht es aus einem rechteckigen 
Vorderteil mit schräg angelehnten 
Stangen, die einen halbkreisförmigen 
hinteren Abschluß bilden. Steensby 
hält nur die Rundl)auteu (Qarmang 
und Iglu) für echt eskimoisch, und 
zwar für Nachbildungen des Zeltes 
in festerem Material ; er führt alle 
übrigen, viereckigen Hausformen, 
ebenso wie die Pfahlbauten auf der 
Diomedes-Insel, auf späte, nordost- 
asiatische Kultureinflüsse zurück. — 
Vor der Schlafpritsche, die auch im 
Qarmang und Iglu nur an einer 
Seite vorhanden ist, stehen die den 
Herd vertretenden, aus Speckstein 
geschnitzten L a ni p e n (Taf . III. 
Fig. 17); der Docht aus trockenem 
Moos Avird mit Tran gespeist. Ubei 
ihnen hängen Kessel und Gefäße 
aus Speckstein (Tal. III, Fig. 18), 
Fischbein (mit Holzboden) oder 
Kupfer (im Zentralgebiet). Der 
Feuerbohrer hat bei den Eskimo 
wesentliclie Verbesserungen er- 
fahren ; der Bolustab wird nicht 
quirlartig mit den Händen, sondern 
mittels eines herumgelegten Strickes oder Knochenbügels, der die beiden Enden 
des Strickes verknüpft, bewegt. Daneben kommt auch ein Schlagfeuerzeug aus 
Feuerstein und Schwefelkies vor. 

Das arbeitsreiche Winterleben ist vor allem der Verarbeitung 
der Felle zu Kleidungsstücken, Boot- und Zeltdecken gewidmet. 




Abb. 9. Mann in Wintertracht : Jacke aus 
Renntier-, Hosen aus Eisbär- und Stiefeln 

aus Moschusoehsenfell. Smithsund 

(Nach einer Modellfijiur im Berliner Museum für 

Völkerkunde) 



Die arktischen Völker 87 

Mit dem Weibermesser (Ulu) oder besonderen Schabern mit steinerner 
Klinge werden die Haare abgekratzt; die Felle werden sorgfältig 
gewalkt und in Urin eingeweicht, ja selbst mit den Zähnen gekaut, 
bis sie vollkommen geschmeidig und weich geworden sind. Mit 
Knochennadeln, die man in hübsch verzierten Futteralen aufbewahrt, 
werden dann die Anzüge genäht. Die Eskimo gehören zu den 
am vollständigsten bekleideten Naturvölkern; sie haben Unter- und 
Oberkleider, die bei beiden Geschlechtern aus einem Armelwams 
mit daransitzender Kapuze, einer Art Badehose (Frauen) oder 
längerer Hose (Männer) , je nachdem höher oder weniger hoch 
hinaufreichenden Stiefeln und Fausthandschuhen bestehen und aus 
Renntier- und Robben-, Eisbär- und Moschusochsenfell hergestellt 
sind (Abb. 9). Im Hausinnern geht man fast nackt; im Sommer 
wird die innere Kleiderschicht fortgelassen. Es gibt auch Regen- 
mäntel aus Fischhäuten und Robbendärmen; den neugeborenen 
Kindern zieht man Hemdchen aus Vogelbälgen an. Natürlich hat 
jedes Gebiet seine Trachtbesonderheiten. 

Hierlier g-eliört die liübsche Vevhrämuiig mit Pelzwerk in Alaska und 
Itei den Zentraleskimo; die Grönländerinnen wissen an den Nähten eine zier- 
liche Mosaik aus gefärbten Lederstückchen anzubringen. Unförmig ist die Tracht 
<ler Frauen bei einigen Zentralstämmen', deren Wämser gewaltige Kapuzen 
und einen langen Frackschoß aufweisen, während ihre Beinfutterale sich über 
der Kniekehle stark nach Junten ausbauschen. In Südalaska sind Haupttracht- 
stücke die Parka, der lange Pelzrock, und die Kamleika, das Kayakhemd aus 
Seehundsdärmen; die Kapuzen fallen Ider gewöhnlich fort, und an ihre Stelle 
tritt die geflochtene nordwestamerikanische Kopfbedeckung oder (auf den Aleuten) 
■ein sjjitzer Hut, der durch aufgemalte Muster, Glasperlen, Federn und Bart- 
borsten von Seelöwen verziert ist und zu den hölzernen Augenschirmen Alaskas 
(Taf III. Fig. 12) überleitet. Augenscliirme anderer Form tragen die Ostgrön- 
länder (Taf. III, Fig. 13), alle übrigen Eskimo dagegen Brillen aus Holz oder 
Knochen mit schmalen Augenschlitzen zum Schutz gegen die Schneeblindheit. 

Obwohl der Körper größtenteils durch die Kleidung verdeckt 
wird, läßt man ihn doch nicht unverziert; Unterlippenpflock, Backen- 
knöpfe und Ohrgehänge finden sich besonders in Alaska, Tatauierung 
hier und im Zentralgebiet (bei den Frauen, vgl. Abb. 5, 10). Das 
Haar nehmen die Grönländerinnen zu einem bänderumwickelten 
Schopf hoch, während es bei den Eivillikfrauen (Zentralgebiet) ge- 
scheitelt ist und in zwei steifen Zöpfen herabfällt, bei den Labrador- 
frauen iu zwei Flechten mit dicken Quasten aus Glasperlen um die 
Ohren gelegt wird. 

Wie in seiner materiellen Kultur, so hat sich der Eskimo auch 



88 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

in seinen sozialen Verhältnissen der Nator seines Gebietes 
vollkommen angepaßt. Von einem straffen Sip])enwesen, von Häupt- 
lingstum und Stammesfehde konnte in diesen Gegenden nicht die 
Rede sein; die Bewohner einer Hütte oder eines Winterlagers waren 
die gesellschaftliche Einheit, die auch Jagd- und Fischzüge gemeinsam 
unternahm, und innerhalb welcher ein streng durchgeführter Kom- 
munismus, der dem einzelnen fast kein persönliches Eigentum über- 
ließ, die Lebensführung regelte. Blutsbrüderschaft und Frauen- 
tausch konnten die Bande zwischen einzelnen noch enger knüpfen. 
Spuren von Mutterrecht sind in der wichtigen Stellung des Mutter- 
bruders bei den Aleuten und in dem Übersiedeln des Mannes in 
die Familie der Frau bei manchen Eskimostämmen zu erblicken. 
Sonst herrscht überall Vaterrecht. Große Sippenhäuser gab es nur 
auf den Aleuten. 

Streitigkeiten werden im allgemeinen friedlich beigelegt. Be- 
kannt sind die „Singkämpfe" der Grönländer, bei denen sich 
die Gegner in Liedern vor ihren Stammesgenossen verspotten. Doch 
wird die Blutrache geübt, wenn sie auch meist durch ein Wergeid 
abgelöst wurde. Am kriegerischsten waren die Eskimostämme Süd- 
alaskas, die unter dem Einfluß der Nordwestkultur auch eine feste 
Stammesorganisation mit Häuptlingstum und Sklaverei besaßen. Sie 
schützten sich bei ihren Fehden mit mächtigen Schilden, während 
auf den Inseln der Beringstraße unter nordasiatischem Einfluß 
Panzer aus Walroßzahnplatten, die mittels Schnüren in einzelnen 
Reihen übereinander befestigt waren, getragen wurden. Bei dem 
friedlichen Verkehr von Stamm zu Stamm, auch mit den Indianer- 
stämmen des Innern, den man in erster Linie zu Handelszweckeu 
(Hauptartikel: Treibholz und Speckstein) pflegte, wurde ausgedehnte 
Gastfreundschaft geübt; doch ist ein Rest der alten Abneigung 
gegen den Fremden, den Eindringling in das Jagdgebiet, noch in 
den eigentümlichen „Gruß du eilen'- zu erblicken, bei denen sich 
die Begrüßenden einen richtigen Zweikampf mit Ohrfeigen lieferten. 
Sonst ist der Nasengruß eine weitverbreitete Sitte. 

Ein Ausdruck der kommunistischen Lebensweise ist auch das 
Männer haus oder Kaschim der Alaska-Eskimo, in dem sich zur 
Winterszeit das ganze Leben abspielt; ihm entsprechen bei den 
Zentraleskimo größere Schneehäuser. Hier finden auch die Feste 
statt. Auch der Schamane (Angekok) zeigt hier seine Künste 
und Fertigkeiten, die hier wie überall in Hineinversetzen in eksta- 



Die arktischen Völker 



89 



tische Zustände, Krankenheilung, Wetterzauber, magischer Beein- 
flussung von Tieren u. dgl. bestehen. Seine Hauptgeräte sind Masken 
(Abb. 10), deren Attribute nicht selten die Zauberkraft des Schamanen 
versinnbildlichen, und Trommeln aus einem mit Haut überspannten 
Keifen; sein übernatürlicher Helfer ist derTornarsuk, ein Meerdämon, 
der als mächtigster der „tornak" gilt. Jedes Wesen, jeder Gegenstand 
besitzt nämlich nach dem Glauben der Eskimo einen Schatten oder 
ein spirituelles Abbild (inua, 
tornak); die grotesken Holz- 
masken der Alaska -Eskimo 
sollen z. B. diese schatten- 
haften Doppelgänger darstellen. 
Die Seelen (nach dem Glau- 
ben einiger Stämme hat jeder 
Mensch zwei oder drei) kommen 
nach dem Tode in ein Toten- 
reich, das teils unterirdisch ge- 
dacht wird (Adlivum) und dann 
zugleich Aufenthaltsort der 
bösen Geister ist, teils ober- 
irdisch (Qudlivum) nach Art 
der „glücklichen Jagdgründe" 
der Indianer, in diesem Falle 
aber nur ausgezeichneten 
Jägern oder im Kindbett ge- 
storbenen Frauen vorbehalten 
bleibt. Zu beiden ist der Zu- 
gang schwer; die Seelen müssen 
ein dünnes Seil, eine spiegel- 
glatte Eisbrücke oder der- 
gleichen überschreiten. Die Leichen vi^erden entweder in Renntier- 
felle gehüllt unter einem Steinhaufen (Osteskimo) oder oberirdisch 
auf Plattformen oder in Kisten, die auf Pfählen ruhen, bestattet 
(Alaska). Die Aleuten übten regelrechte Mumitizierung; die Leichen 
wurden in Hockerstellung, mit Holzmasken vor dem Gesicht, in 
Pakete eingeschnürt und in Höhlen beigesetzt. 

Die ihn umgebende Natur hat der Eskimo mit einem reichen 
Schatz von Mythen ausgestattet; für alles, was in sein Leben ein- 
greift, schafft er sich in ihnen eine Erklärung. 




Abb. 10. Gesichtsmaske aus schwarzem 
Leder mit aufgenähten gelben Leder- 
streifen, die die Tatauierung des Prauen- 
gesichts wiedergeben. Vom Angekok bei 
Krankenheilungen getragen. Cumberland- 
golf, Baffinland 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 




Abb. 11. Amerikanische Bilderschrift I. 1 Kuochenpfeife der Alaska-Eskimo mit 

Ritzzeichnungen ('/s n. Gr.), 2 Wampumg-ürtel der Ottawa ('/is n. Gr.), 3 Birkenrinde 

mit Ritzzeichnungen der Odschibwä, 4 Stück eines bemalten Fellmantels der Dakota 

(1 nach Hoffmaiiii, 2-4 Originale im Berliner Völkerkundemuseum) 




1 Blatt aus dem 
Codex Borbon icus, 
einer aztekischeii 
Bilderhandsclirift. 
InderMittedieGöt- 
ter Quetzalcouatl 
und Tezcatlipoca, 
ringsum 26 Jahres- 
daten mit zuge- 
liörigenGottlieiten. 
Die Reihe beginnt 
links unten und be- 
stellt aus de!i Zei- 
chen „Feuerstein", 

„Haus", 

„Kaninchen" und 

..Rohr", kombiniert 

mit den Ziffern 

1-13 



\^ ''J p c\ \ 



Tii 







ÖU 




2 Blatt aus dem Codex Dresdensis, einer Maya- 
Bilderiiandschrift, Die Hieroglyphen sind teils 
Daten, teils erläutern sie den Vorgang, nämlicii die 
Zeremonien, die in den fünf letzten Tagen eines 
Jaiires vorgenommen wurden (unten Wachtelopfer) 



. -1 
1 ,-^^ 







SDatenkolurane einer Quiriguä- 

Stele (= 60. Tag des Jahrs 3876 

der Maya-Ära) 



Abb. 12. Amerikanische Bilderschrift II 



92 Amorika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Am weitesten verbreitet ist bei den Osteskimo der Mythus von einer 
Göttin, die auf Baffinland Sedna oder Nuliayoq, bei den Grönländern Arna- 
kwagsaq heißt und Herrin über alle Seetiere ist, die dem Eskimo Nahrung und 
Pelle liefern. Der Mythus erzählt (auf Baffinland), daß diese Tiere aus den 
Pingergliedern der Göttin entstanden, die ihr Vater ihr abschnitt, als er im 
Umiak auf hoher See vom Sturm überfallen wurde und sich seiner Tochter, 
die sich verzweifelt an den Rand des Bootes klammerte, entledigen wollte. Sie 
wohnt, so erzählen die Grönländer, auf dem Grunde des Meeres und sendet die 
Tiere aus einem Gefäß, in das der Tran ihrer Lampe abtropft, den Menschen 
zur Nahrung hinauf. Nur wenn sie einmal arg von Ungeziefer geplagt ist, 
hält sie die Tiere zurück, und der Angekok des Stammes muß dann die ge- 
fährliche Fahrt wagen, um die Göttin zu kämmen und den Menschen dadurch 
wieder geneigt zu machen. — Allen Eskimo gemeinsam ist nach Boas die Vor- 
stellung von einem Geschwisterpaar Sonne und Mond, von der Entstehung des 
Donners durch Reiben von Pellen, von der Abstammung der Menschen von 
Hunden und von der Erschaffung der Fische aus Holzspänen. 

Auch sonst läßt das geistige Leben der Eskimo auf einen lebhaften, 
phantasiebegabten Geist schließen. Auf die Kunst der Alaskastämme und 
Ostgrönländer wurde bereits hingewiesen. Die von einem starken zeichnerischen 
Können zeugenden Darstellungen auf Pfeifen, Pfeilstreckern und Bohrerbügeln 
der Yukonstämme (Abb. 11, Fig. 1) sind eine Art Bilderschrift, die fort- 
laufend Ereignisse aus dem Leben des Besitzers wiedergibt. Bei den Zentral- 
stämmen entdeckten die englischen Polarfahrer sogar ein merkAvürdiges Talent 
zum Kartenzeichnen, das ihnen nicht selten gute Dienste bei der Ent- 
schleierung der arktischen Inselwelt geleistet hat. Am erstaunlichsten ist wohl 
die von Hall veröffentlichte Karte eines Eivillik-Eskimo, die beweist, daß ihrem 
Urheber die durch nahezu vierzehn Breitengrade sich hinziehende Küstenstrecke 
vom Port Churchill bis zum Lancaster-Sund wohlbekannt war. Schließlich sei 
noch auf die Spiele hingewiesen, unter denen das Fangspiel, bei dem es 
darauf ankommt, eine Elfenbeinfigur mit vielen Löchern mittels eines Stöckchens 
aufzufangen, am weitesten verbreitet ist. 

b) Die kauadischeu Jäger 

Zu den kanadischen Jägern sind die Hauptmasse der Athapasken 
(Dene) und von den Algonkin die Kri südlich von der Hudsonbai 
sowie die Montagnais und Nenenot (Naskapi) in Labrador zu rechnen. 

Die Athapasken zerfallen in drei Gruppen : Im Innern Alaska s, längs des 
Yukon, wohnen die Kutschinstämme (auch am unteren Mackenzie, wo sie Loucheux 
„Schieler" heißen) ; zum Meere vorgedrungen sind im südlichen Alaska nur 
die Ahtena (am Copper River) und Knaiakhotana oder Kenai (am Cook Inlet). 
Im Hinterlande der Nordwestküste sitzen die teilweise stark von den Nordwest- 
stämmen beeinftußten Nahane, Sekani, Takulli (Carriers) und Tsilkotin. Die 
reinste Form des Athapaskentums stellen die Stämme des Macke nziebeckens 
und der kanadischen Seenplatte dar. Es sind (von N. nach S.) die Gelbmesser, 
Hundsrippen-, Hasen- und Biberindianer, die Tschipewayan und Sarsi. 



Die kanadischen Jäger 93 

Alle diese Stämme sind nicht seßhaft und streifen banden- 
weise, ohne straffere Stammesverfassung, durch die weiten Wälder 
und Tundren ihrer Heimat. Sie gewinnen ihre Nahrung durch 
Jagd und Fischfang, daneben auch in geringem Maße durch Sammeln 
von Pflanzen. Die Jagd spielt die Hauptrolle, beschränkt sich 
auf die Erlegung weniger, wirtschaftlich besonders wichtiger Tier- 
arten und ist durch intensive Ausbildung der einzelnen Methoden 
gekennzeichnet. Hierin sind die kanadischen Stämme den Eskimo, 
die ja einst aus ihrer Mitte hervorgegangen sind (vgl. S. 67), eben- 
bürtig; da sie aber Binnenlandjäger sind, bedurften sie nur weniger, 
verhältnismäßig einfacher Waffen und Geräte — in erster Linie 
des Bügens (Taf. II, Fig. 11) — , im Gegensatz zu den Eskimo, die 
erst der Übergang von der Binnen- zur Küsten- und Hochseejagd 
zu jener oben geschilderten vollendeten Ausbildung des gesamten 
Jagdapparats gedrängt hat. 

Gejagt werden vor allem Renntiere und Moschusochsen (im Norden), 
Elche und Büffel (im Süden), daneben Hirsche, Hasen und Biber. Der Winter 
steht ganz im Zeichen der Schneeschuhjagd auf Renn und Elch, die dann in 
den lockeren, tiefen Schnee einsinken und eine leichte Beute der Jäger werden. 
Im Frühjahr und Herbst, wenn diese Tiere ihre Nord- bzw. Südwanderung an- 
treten, jagt man sie beim Überschwimmen der Flüsse vom Kanu aus mit dem 
Speer oder einem stählernen (ursprünglich kupfernen) Dolch (Taf. II, Fig. 24) ; 
oft wird auch die Herde eingekreist und zwischen lange, zusammenlaufende 
Zäune getrieben, die entweder ins Wasser oder auf Schlingen oder spitze, den 
Tieren entgegenstarrende Pfähle zuführen. Im Süden spielte ehemals die Büffel- 
jagd in dieser Jahreszeit die Hauptrolle. Während der Frühjahrs- und Herbst- 
jagd der Männer stellen Frauen und Kinder den Fischen mit Netzen nach. Im 
Sommer wird der Fischfang die Hauptbeschäftigung der Männer, die ihn 
aber seltener mit Netzen als mit Speeren vom Kanu aus betreiben, mit Vor- 
liebe unterhalb der Fälle und Stromschnellen, an denen die Flüsse Kauadas so 
reich sind. 

Die West- und Nordstämme betreiben den Lachsfang mittels 
Reusensystemen oder Zaunwehren, mit denen sie die Flüsse ab- 
sperren. 

Die Kultur der kanadischen Stämme ist eng mit dem Walde 
verknüpft. Da sie die Tranfeuerung der Eskimo nicht kennen, 
müssen sie bei Einbruch des Winters aus der Tundra in den Be- 
reich des Waldes zurückkehren, um Holz zur Feuerung zu erlangen. 
Feste Winterhäuser sind, weil die Schneeschuhjagd auch in dieser 
Jahreszeit ein Nomadisieren verlangt, selten üblich, und auch da, 
wo sie vorkommen, unterscheiden sie sich nur wenig von den Wetter- 



94 Amerika, tl. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

schirmen, die die somnierliclien Behausungen der meisten atha- 
paskischen Stämme bilden. 

Sie bestellen in ihrer einfachsten Form aus zwei Stangen, die an einen 
Baunistauiui g'elidint und mit llindenstUcken bedeckt werden, wie bei den Nahane. 
Die Loucheux besitzen halbki-eisförmig-e, mit Zweigen bekleidete Wetterschirme, 
die oft paarweise einander gegenüberstehen, und aucli das kuppeiförmige Fell- 
zelt ihrer Verwandten, der Kutschin, verrät noch in seiner Form die Entstehung 
aus einem doppelten Wetterschirin. Einen Schritt weiter gehen die Carrier. 
indem sie als Winterwohnung eine giebeldachförmige Hütte mit halbkreis- 
förmigem Abschluß au einem Ende bauen. Im übrigen haben die Athapasken 
vielfach die Hausfornien ihrer Nachbarn entlehnt: im Nordwesten das recht- 
eckige, versenkte Erdhaus der Eskimo, im Südwesten das runde Grubenhaus 
der Binnenselisch, im Westen das nordwestamerikanische rechteckige Giebel- 
dachhaus und im Osten das kegelförmige Stangenzelt der Prärievölker. Das 
letztere ist bei den Kri, Montagnais und Nenenot allgemein und wird mit 
Renntier- oder Elchfellen oder mit Birkenrinde bedeckt. 

Als Yerkehrsmittel dient im Sommer ein Kanu aus Birken- 
und weiter im Norden Tannen- oder Kiefernrinde, l)ei den Nenenot 
und Kri von ganz l)esonders eleganter Form (s. u.i; im Winter der 
kanadische Schlitten (Toboggan) — ein einfaches, vorn hochgebogenes 
und durch Stricke in dieser Lage gehaltenes Bretterpaar — und 
der Rahmenschneeschuh, den die Westeskimo von ihnen entlehnt 
haben (bei den Nenenot auch ein Bretterschneeschuh), Der Hund 
ist überall das Pack- und Zugtier. Beim Schwinmien halten die 
Nenenot in jeder Hand ein kleines Brett, mit dem sie die Ruder- 
bewegungen der Arme unterstützen. Die Kleidung wird aus 
Hirsch- und Elch- , Renntier- und Hasenfellen hergestellt (nach 
den letzteren hieß ein Stamm die „Hasen") und besteht l)ei den 
Athapasken aus einem langen Armelwams, das vorn und hinten 
in eine Spitze ausläuft (die Tschipewayan haben daher ihren 
Namen), und Hosen, die mit den Mokassins ein Stück bilden; beide 
sind hübsch mit Pelzbesatz und Stachelschweinborsten verziert 
(Abb. 13). Der Körperschmuck ist verhältnismäßig schwach ent- 
wickelt. 

Ganz merkwürdig sind die vorn offenen, wildledernen „Gehröcke" der 
Nenenot-Männer, die wohl die e u r o p ä i s c h e K 1 e i d u n g des a c h t z e h n t e n 
Jahrhunderts im Schnitt und in der reichen ornamentalen Bemalung, 
die die Stickerei ersetzen soll, nachahmen. Ihre Leggings, Mokassins und 
Stirnbänder sind dagegen Elemente der Algonkinkultur des Lorenzsecngebictes, 
aus deren Bereiche die Nenenot erst spät nach Norden gewandert sind. — 
Tatauierung übten (Ue Kri. Ein den Athapasken eigentümlicher Schmuck 
sind Dentaliumgehäuse, die paarweise in der durchbohrten Nasen- 



Die kanadischen Jäcrer 



95 



sclieide wand g-etragen werden (Carner, Kutschin). Die Kutschin sind 
durch ihren überaus reichen Glasperlenschniuck berühmt; sie färben ihr Haar 
mit Ocker und verfilzen es am Hinterkopf mit Fett und Schwanenfederu zu 
einem dicken Schopf, neben dem noch über jeder Schläfe Haarknoten an- 
gebraclit werden (Abb. 13). Die Carrier-Häuptling-e tragen einen Festschmuck aus 




Abb. 13. Kutschin-Männer in ihrer alten Tracht 
(Xaclj Ricliardsoii) 

Frauenhaar, der vom Kopf nach hinten und nach beiden Seiten lierabfällt und 
zu dem noch seitlich abstehende Wedel aus den Barthaaren des Seelöwen^ treten. 
Eine derartige Haarverlängerung ist auch bei den Präriestämmen nicht selten. 
Das Material zu Gefäßen und Kanus, Schneeschuhen und 
Toboggans, Bögen und Pfeilen liefert überall in erster Linie die 
Birke mit ihrem zähen Holz und ihrer geschmeidigen Rinde. 



96 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Wasserdichte, hübsch mit Haaren und Stachelschweinborsten ver- 
zierte Körbe, in denen mit heißen Steinen gekocht wird, ver- 
fertigen die Kutschin, und im Westen versteht man selbst hübsche 
GevFebe aus Kaniuchenfellstreifen auf einem sehr einfachen Rahmen 
herzustellen. Doch sind das Ausnahmen, denn Fell und Birken- 
rinde beherrschen fast das ganze Gebiet. Aus dem Kupfer, das 
am Kupferminenfluß ansteht, stellten die Gelbmesser in älterer 
Zeit Messer und Äxte her (daher ihr Name), die sie weithin ver- 
handelten. Ein echtes Handelsvolk 
sind auch die Kutschin um Fort Yukon, 
die Weiße und Eskimo mit Fellen ver- 
sorgen und als Wertmesser sieben Fuß 
lange Perlenstränge (Nakieik) gebrauchen. 
Über soziale und religiöseYer- 
hältnisse sind wir nur dürftig unter- 
richtet. Augenscheinlich haben wir noch 
mit recht primitiven Zuständen zu rech- 
nen. Ursprünglich scheinen überall lose 
exogame Verbände mit Vaterrecht 
geherrscht zu haben, die nur bei den 
westlichen Stämmen unter dem Einfluß 
der Nordwestkultur einem mutterrecht- 
lichen Zweiklassensystem mit fester 
Clanorganisation gewichen sind. Bei 
den Kutschin und Loucheux zenällt der 
Stamm in drei exogame Lokalgruppen mit 
Mutterrecht; auf Tote mismus läßt die 
Stammessage der Hundsrippenindianer 
schließen, die von einem Hunde abstammen wollen und ihre Hunde mit 
großer Liebe behandeln, und dasselbe gilt von den mannigfachen Jagd- 
und Speiseverboten, durch die Elch, Renntier und Biber bei anderen 
Stämmen des Ostens geschützt sind. Wo die Anfänge eines Stände- 
wesens, starkes Häuptlingstum und Sklaverei vorkommen, wie bei 
den Carrier und Kutschin, können wieder nur nordwestamerikanische 
Einflüsse wirksam gewesen sein. Die Ehe steht überall auf der 
Stufe des Frauenraubes und des Zweikampfes um den Besitz der 
Frau; bei den Loucheux wechselte die Frau bei diesen öft'entlichen, 
meist unblutigen Kämpfen nicht selten mehrmals ihren Besritzer, 
bis sie dem stärksten verblieb. Es herrscht meist Vielweiberei; 




Abb. 14. Kindertrag-e aus 
Birkenrinde ( '/e n. Gr.). Ingalik 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Erläuterungen zu 

Tafel II 

Waffen der Nordamerikaner 

1 und 3 Tling-it; 2 Ahtena (von den Tlingit entlehnt): 4, 6 und 
7 Schasta; 5 CroAv; 8 Küstenselisch; 9 Yaki; 10, 23, 25 und 26 
Nutka; 11 und 24 Kaiyukhotana (Ingalik) ; 12, 16 und 33 Apatsche; 
13 Dakota; 14, 29—32, 34 — 36 Prärieindianer (ohne Stamnies- 
angabe) ; 15 Omaha ; 17 Tschokta ; 18 Cora und Huitschol ; 19 Hopi ; 
20 Cliffdweller des Mancos Canons (Colorado); 21 Tschumaschen; 
22 Haida; 27 Tsimsclüan; 28 Mohave; 37 Blackfeet. — Die in 
einem Grabe gefundene Speerschleuder Fig. 20 birgt unter der 
dicken Yuccasehnurumwicklung des (Iriffes eine Pfeilspitze aus 
Chalcedon, den Zahn eines Berglöwen, ein merkwürdig gestaltetes 
Stück Hämatit und vier Türkisperlen. Diese Gegenstände dienten 
offenbar als Jagdzauber, wie die S. 152 erwähnten Tierfigürchen 
der Zuni. 10 : Vt; 26 : V»; 6, 20, 22—25, 27, 28, 33, 35 : '/lo; 
17, 31, 37: Vn; 7-9,11, 19: V12; 5, 12,14, 15: »/is; 13,29, 34: '/m; 
16 : V20 n. Gr. 

(3 und 4 nach Hough, 20 nach Mason, 21 nach Dalton, 30, 32 und 36 nach 
Schoolcraft, die übrigen nach Originalen im Berliner Museum für Völker- 
kunde) 



Die Völker des Ostens und Südostens 97 

die Kinder werden bei vielen Stämmen in eigenartigen Birken- 
rindenbehältern auf dem Rücken getragen, in denen sie nicht liegen, 
sondern wie auf einem Sattel reiten (Abb. 14). Sitte und Brauch 
zeigen manchen eigentümlichen, primitiven Zug. 

Bei der Geburt des Kindes muß der Vater bei den Hundsrippenindianern 
seinen Namen aufgeben und darf sich fortan nur „Vater des N. N." nennen. 
Bescli neidung war anscheinend allgemein bei den östlichen Athapasken. 
Die Absonderung der Mädchen bei der ersten Menstruation wird streng 
durchgeführt; sie tragen eine besondere Leder- oder Perlenkappe mit Fransen, 
die ihr Gesicht bedecken, und gebrauchen Trinkröhren und Kopfkratzer, damit 
nichts mit ihnen in Berührung komme (Carrier). Von allen Bestattungs- 
formen ist die Sitte der Sekani, die ihre Toten in aufrechter Stellung in 
hohlen Bäumen bergen, die primitivste ; daneben findet sich Bestattung 
auf Plattformen oder Bäumen. Diese Behandlung wird aber nur hervor- 
ragenden Mitgliedern des Stammes zuteil; die Leichname der übrigen werden, 
nur mit Rindenstücken überdeckt, zu ebener Erde bestattet. Die Carrier ver- 
brennen ihre Toten, und eine Witwe muß bei ihnen die Asche ihres Gatten drei 
Jahre lang- in einem Korb mit sich herumtragen, ehe sie sich wieder verheiraten 
darf. Von dieser Sitte rührt ihr englischer Name („Träger") her. Die Frauen 
der Biberindianer schnitten sich zum Zeichen der Trauer einzelne Fingerglieder 
ab, so daß alte Frauen nicht selten nur noch einen Finger besaßen. 

Weitgehender Glaube an die Wirksamkeit von Amuletten tritt 
unter den religiösen Anschauungen der Athapasken am stärksten 
hervor. Ihre Mythologie zeigt Anklänge an die ihrer Algonkin- 
Nachbarn. Der Medizinmann spielt dieselbe Rolle wie im Süden 
und arbeitet mit denselben Mittelchen; im übrigen ist durch die 
Tätigkeit französischer Missionare (Petitot u. a.) heute überall das 
Christentum verbreitet. 

c) Die Völker des Ostens und Südostens 

Wir haben es hier mit dem Gebiete zwischen der Golfküste, 
den großen Seen und dem Mississippi zu tun, einer ethnographischen 
Provinz, in der wir, abgesehen von dem westlichen Seengebiete, wo 
noch heute die algonkinischen Odschibwä und Menomini und der 
Siouxstamm der Winnebägo sitzen, ganz auf das Studium älterer 
Werke angewiesen sind, denn ihre alten Bewohner, die Indianer, sucht 
man heute dort vergebens. Am zähesten haben sich noch die 
Irokesen in ihren alten Wohnsitzen im Staate New York erhalten, 
wo heute noch etwa fünftausend in Reservationen leben. Aber die 
Kette der Algonkin stamme, die sich einst an der Küste in un- 
unterbrochener Folge von Neuschottland bis Nordcarolina hinabzog 

Völkerkunde I 7 



98 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

(Mikmak, Abnaki, Penobskot, Massachusett, Wampanoag, Narra- 
ganset, Mahikan oder Mohikaner, Leni Lenäpe oder Delawaren, 
Nantikok , Pamunke und Pamliko) , ist so gut wie ganz ver- 
schwunden, ebenso wie die zusammenhängende Masse ihrer Brüder 
Bildlich von den großen Seen, die Sak, Fox, Kickapu, Potawatomi, 
Illinois, Miami, Schavt^ano, (Shawnee). Auch von den Maskoki- 
Stämmen, die zur Zeit, als Narvaez (1528) und de Soto (1540) ihr 
Gebiet durchzogen, den ganzen Südosten von der Golfküste bis zum 
Ohio und Cumberland erfüllten (Creek, Tschokta, Tschikasa und 
Seminolen), ist in ihrem alten Gebiet bis auf einen Rest Seminolen 
in Florida und Tschokta in Louisiana nichts übrig geblieben. Sie 
bilden jetzt mit den irokesischen Tscheroki die fünf autonomen 
Völker des Staates Oklahoma, des alten „Indianerterritoriums" 
westlich vom Mississippi, in dem auch die Reste anderer östlicher 
Stämme ihre Zuflucht gefunden haben. 

Die Geschichte der Algonkin ist reich an bedeutenden Führern, die es 
verstanden, ihre Stammesgenossen allen inneren Hader vergessen zu machen 
und für ihre Idee des Zusammenhaltens aller Indianer im Kampfe gegen den 
gemeinsamen weißen Feind zu begeistern. Daß sie dabei unterlagen, war nicht 
ihre Schuld. Schon 1675 begannen die Neuenglandstämme unter der Leitung 
des Wampanoag-Häuptlings Metakomet („King Philipp") einen blutigen 
Krieg gegen die Puritaner, der nach anfänglichen Erfolgen mit ihrer Aus- 
rottung endete. 1682 traten die Delawaren unter ihrem Häuptling Tarnen end 
(Taramany) in dem Vertrage von Shackamaxon das heutige Pennsylvanien an 
die Quäker (William Penn) ab; als sie dann 1720 von den mit den Engländern 
verbündeten Irokesen zur Waffenniederlegung überredet und bald darauf von 
den Engländern zur Auswanderung gezwungen wurden, Avar das letzte Bollwerk 
gefallen, das die Algonkin nocli an der Küste behaupteten. In der Folgezeit wichen 
sie immer weiter nach Westen zurück, zunächst ins Ohiotal, wo sich ein 
ziemlich lose gefügter Völkerbund von Algonkinstämmen und Huronen, der 
seine Spitze gegen Irokesen und Engländer richtete, bildete. 1763 versuchte 
der Ottawa-Häuptling Pontiak an der Spitze zahlreicher, nördlich vom Ohio 
sitzender Stämme durch einen gleichzeitigen Angriff auf alle englischen Sied- 
lungen im Gebiet der großen Seen dem Vordringen der Weißen einen Damm 
entgegenzusetzen, scheiterte aber vor den festen Wällen der Forts Detroit und 
Pitt. Der letzte Indianeraufstand großen Stils unter der Führung des politisch 
hervorragend befähigten, redegcAvaltigen Schawano - Häuptlings Tecumseh 
und seines Bruders Tenskwatawa, des „Propheten", der bezweckte, die immer 
stärker nach dem Westen flutende Europäermasse aufzuhalten, erlitt in der 
Schlacht von Tippecanoe (1811) einen blutigen Abschluß, und die Eeste der 
Algonkinsüämme wurden über den Mississippi hinausgedrängt. Nicht anders 
erging es den südlichen Stämmen, den Tscheroki und Maskoki. Die 
ersteren waren, schon seit längerer Zeit zum Christentum bekehrt, 1820 zur 



Die Völker des Ostens und Südostens 



99 



endgültigen Annaluno der europäischen Zivilisation übergegangen, indem sie 
sich ein Regierungssysteni nach dem Vorbilde der Union schufen. Als man 
aber in ihren blühenden, reich bebauten Distrikten in den südlichen AUeghanies 
Gold fand, wurden sie erbarmungslos zum Auswandern gezwungen und 
siedelten sich nach einer Wanderung voll schrecklicher Entbehrungen (1838 — 39) 
im Indianerterritorium an. Die Golfstaaten hat man auch noch vor 1840 von 
ihren Bewohnern „gesäubert", allerdings nicht ohne erheblichen Widerstand; 
berühmt ist vor allem General Jacksons Unterwerfung der Creek und der Helden- 
kampf der Seminolon unter ihrem Häuptling Osceöla (1835—42). 




Abb. 15. Einernten des wilden Wasserreises. Odschibwä und Menomini 

(Nach Schoolcraft) 



Charakteristisch sind für den Osten und Südosten der überall und 
teilweise sehr intensiv betriebene Ackerbau, die Töpferei, die Seßhaftig- 
keit, größere und solidere Hausformen, das Vorwalten der Dorfsied- 
lung, die meist befestigt war, eine wohlgegliederte Stammesorganisation 
(Clanwesen), starke politische Verbände, höhere ßeligionsformen. 
Angebaut wurden Mais, Kürbis, Bohnen, Tabak, Wassermelonen, 
Sonnenblumen (deren Samen man röstete und zu Mehl zerrieb), 
im Süden auch süße Kartoffeln. Die Maiskultur nahm in manchen 
Gebieten gewaltige Ausdehnungen an. 

Die Eelder waren im allgemeinen klein und wurden dem Walde durch 
Niederbrennen und Ausroden der Bäume abgewonnen. Außer durch die Asche 



100 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



verstand man die Felder mit Fischen und Muscheln zu düngen. Als Ackerbau- 
geräte dienten Pttan/stöcke und Hacken mit hölzernem Stiel , an dem das 
Schulterblatt eines Hirsches, eine Schildkröten- oder Muschelschale als Klinge 
befestigt waren; spatenartige Hackenblätter aus Stein hat man vielfach in 
Mouuds des mittleren Mississippitales gefunden (Taf. V, Fig. 19). Nachdem 
die Maiskörner in Holzmörsern zerstampft waren, wurde aus dem Mehl ent- 
weder Brei in Tontöpfen gekocht oder Brot in Asche gebacken. 




Abb. 16. Hirschjagd mit Zäunen und Fallen. Irokesen 
(Nach Champlaiii) 

Auch die Mikmak, die später ausschließlich Jäger und Fischer 
waren, gaben erst die Bodenkultur auf, als sie den Mais bequemer 
als durcli den Anbau von den Franzosen durch den Handel er- 
hielten. Dasselbe gilt von den Algonkinvölkern (Odschibwä und 
Menomini), die in den Sumpfdistrikten des westlichen Seengebietes 
vom wilden Wasserreis (Zizania aquatica) lebten, der zur Zeit der 
B,eife im Herbst in der Weise eingeerntet wurde, daß man die 
(vorher zum Schutz gegen dieVögel zu Büscheln zusammengebundenen) 
Halme mit Holzschlägeln abklopfte, so daß die Samen ins Kanu 



Die Völker des Ostens und Südostens 101 

fielen (Abb. 15). Es ist bezeichnend für das Alter dieser primi- 
tiven Sammelwirtschaft, daß man den Wasserreis trotz der benach- 
barten Maiskultur im allgemeinen nicht anbaute. Ebenfalls im 
Seengebiet verschafften sich Irokesen und Algonkin Zuckersaft 
durch Anzapfen der Ahornbäume; dieser Saft wurde auch zu 
berauschenden Getränken verarbeitet. Im Süden war bei Tscheroki- 
und Maskoki-Stämraen der „schwarze Trank", ein Tee aus den 
Blättern von Hex cassine, verbreitet. 

Die nördlichen Stämme hielt im Sommer die Feldarbeit in 
ihren Dörfern zurück, während sie im Winter im Wald und auf 
den Steppen der Sehn eeschuhj agd auf Büffel, Hirsch und Elch 
oblagen oder Eisfischerei und Eisfang von Bibern und Moschus- 
ratten an den Seeufern betrieben. Im Frühjahr und Herbst trieb man 
die Hirsche zwischen zusammenlaufende Zäune (Abb. 16) und jagte 
die Büffel durch Einkreisen mit Feuer, während bei den Timukua 
Floridas einzelne Jäger, als Hirsche verkleidet, die Herde beschlichen. 
Die fischreichen Gewässer des Südens wurden in mannigfacher 
Weise ausgebeutet; insbesondere blühte der Fischfang in der 
ungeheuer fischreichen Chesapeake-Bai, deren alte Anwohner reusen- 
artige Zaunwehre in den Flüssen errichteten und die Fische mit 
Handkäschern fingen. Eine nördliche Methode war der nächtliche 
Fischfang mit dem Speer (bei Fackellicht), eine südliche das Fische- 
schießen mit Bogen und Pfeil und der Fischfang mit der Schlinge. 
Einfache Angelhaken aus Knochen oder Muschelschale sind häufig 
in den Mounds gefunden worden, Netze aus Pflanzenfaser mit dicken 
Muschelstücken als Senkern in den alten Wolmplätzen der Florida- 
Keys. Die letzteren haben auch Belege dafür geliefert, daß unter 
den Waffen der südöstlichen Stämme Speerschleudern vorkamen, 
neben einfachen Flachbögen, die allgemein verbreitet waren, und 
Blasrohren aus Bambus oder Holz, mit denen die Maskoki, Tsche- 
roki und Irokesen Holzpfeilchen mit baumwollenen Verschlußpolstern 
schössen (Taf. II, Fig. 17 a, b). Als Kriegswaffen dienten in erster 
Linie „Tomahawks" (Algonkinwort, das die Engländer zuerst an 
der Küste Virginiens hörten). Es waren teils sichelförmig gekrümmte, 
bumerangartige Wurfkeulen (Taf. II, Fig. 29), teils Keulen, die an 
dem umgebogenen Schlagende eine kugelförmige Verdickung trugen 
(Taf. II, Fig. 31, 32); die Axt mit Steinklinge war mehr Werkzeug 
als Waffe. Schilde aus Binde werden wiederholt erwähnt. Die 
Irokesen und Küstenalgonkin besaßen einen merkwürdigen Panzer 



102 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

aus Holzbrettern oder -stäben, der aus Brust- und Bauchschutz, 
Nackenschirm , Kegelhelm und Beinschienen bestand (Abb. 2 a). 
Die gesamte materielle Kultur der atlantischen Stämme tritt uns 
in reiner, unbeeinflußter Form in den Funden der Mounds 
(Taf. V) entgegen. 

Es sind. Erdliügel verschiedener Form, die über das g-anze Gebiet östlich 
vom Mississippi verbreitet sind und sich in besonders dichter Menge im Ohiotal 
und in den Golfstaaten drängen. Zum Teil waren sie Grabhügel (Taf. V, 
Fig. 2), in denen die Leichen teils einzeln, teils in größeren Mengen, teils in 
Steinkisten, teils in Urnen beigesetzt sind. Als Beigaben enthalten sie Stein- 
geräte von neolithischem Typus (Taf. V, Fig-. 13 — 19), Tongefäße in reicher 
Formenfülle mit aufgemalten, plastischen und eingeritzten Ornamenten (Taf. V, 
Fig. 24 — 31), Tabakspfeifen aus Stein mit plastischer Verzierung (Taf. V, 
Fig. 41 — 43), Kupferwerkzeuge, darunter Beilklingen mit Schaftlappen, breite 
Messer und Speer- oder Pfeilspitzen mit Schafthülsen oder Schaftdornen (Taf. V, 
Fig. 6 — 12) und eine große Meng-e von Geräten und Schmucksachen aus Knochen 
(Taf. V, Fig. 23), Muschelschale (Unio, Venus) und Schneckengehäusen (Strombus, 
Busycon, Fulgur), darunter wieder Beilklingen, Hackenblätter, Schaber, Löffel, 
Pfriemen. Die mannigfachen Axt- und Beilformen beweisen, daß verschiedene 
Arten von Schäftung vorkamen; die Klingen wurden teils in den verdickten 
Stiel eingelassen (Taf. V, Fig. 15), teils durch eine herumgelegte Zweigs chlinge 
geschäftet (Taf. V, Fig. 13, 14), teils auf das knieförmige Schaftende auf- 
gesteckt (Taf.V, Fig. 12). Von einer vierten Schäftungsart zeugen die „Banner- 
stones", fein gearbeitete, äußerst sauber geglättete Steingeräte von Doppelaxt-, 
Halbmond- oder Schmetterlingsform mit einer senkrechten Durchbohrung, durch 
die ein Stab gesteckt wurde (Taf. V, Fig. 33—38). Tracht und Schmuck der 
alten Mound-Erbauer lernen wir aus eingeritzten und getriebenen Darstellungen 
auf Kupfer- und Muschelplatten, die man in Georgia und dem mittleren Missis- 
sippi-Gebiet gefunden hat, kennen (Taf. V, Fig. 21, 22), verschiedenartiges 
Hausgerät (hölzerne Schemel, Schalen, Tröge, Mörser) aus den reichen Funden 
in den Muschelhügeln der Florida-Keys. Viele Steingeräte sind ihrer Bedeutung 
nach noch unerklärt; dahin gehören die „Bannerstones", die vielleicht Zeremonial- 
waffen waren, die merkwürdigen Gebilde in Vogelgestalt („Birdstones", Taf. V, 
Fig. 40), die sehr an Wurfbretthaken aus Columbien, Ecuador und Peru er- 
innern, die durchbohrten Platten („Pierced tablets", Taf. V, Fig. 39), die wohl 
als Schmuckanhänger dienten, und die berühmte „Cincinnati-Tafel" (Taf. V, 
Fig. 32), die eine Menschen- oder Tierfigur in merkwürdiger Stilisierung 
zeigt. 

Ältere Forscher, vor allem Squier und Davis, die Begründer der Mound- 
Archäologie, pflegten die Mound-Altertümer einem längst ausgestorbenen, wo- 
möglich vor der geologischen Gegenwart lebenden, von den späteren Indianern 
verdrängten Kulturvolke zuzuschreiben. Wir wissen heute, daß die Mounds 
keineswegs in entlegene Zeiten hinaufzurücken sind, da man in einigen sogar 
Gegenstände europäischer Herkunft entdeckt hat, und daß es die Vorfahren 
der heutigen Indianer (vor allem der Maskoki und Sioux) waren, von denen 



Die Völker des Ostens und Südostens 103 

diese Bauten herrühren. Denn die ersten Entdecker und Eeisenden sahen die 
Indianer allenthalben Erdwälle, Plattformen und Grabhügel errichten, die sich 
in keiner Weise von den prähistorischen Werken dieser Art unterschieden. 
Auch von Grabkammern, Steinkisten- und Urnengräbern hören wir bei den 
modernen Stämmen des Moundgebietes (Illinois, Schawano), und die bedeutenden 
technischen Fertigkeiten der „Moundbuilder" sind keineswegs unvereinbar mit 
der verhältnismäßig hohen Kultur, die z. B. de Soto bei den Maskokistämmen 
in den Golfstaaten der Union antraf. Natürlich verteilen sich die Moundfunde 
auf verschiedene Zeitepochen, deren Aufeinanderfolge noch vielfach strittig ist; 
die einzelnen Moundprovinzen lassen sich dagegen dank den Arbeiten Cyrus 
Thomas' u. a. bereits gut gegeneinander abgrenzen. In der Golfprovinz 
liegt die Zone der „Plattformmounds" (Taf. V, Fig. 1, ein ähnlicher Mound aus 
Illinois), die den Vorfahren der heutigen Maskoki zuzuschreiben sind ; nördlich 
schließt sich die Tennes seeprovinz an, das Gebiet der Steinplatten- 
Kammergräber und der gravierten und getriebenen Schmuckplatten; an diese 
wieder die Ohioprovinz mit ihren Wallburgen (Taf. V, Fig. 4), regelmäßig- 
polj'gonalen Umwallungen (Taf. V, Fig. 5) und ..Altarraounds", die flachschüssel- 
förmig vertiefte Altäre oder Herde aus Lehm oder Ton umschließen, die stets 
Spuren intensiver Feuereinwirkung aufweisen und Depotfunde, u. a. schön ge- 
schnitzte Steinpfeifen, bergen. Wahrscheinlich sind die Vorfahren der Sioux, 
Tscheroki und Schawano die Erbauer der Ohio- und Tennesseemounds gewesen. 
Die Altertümer des Seengebietes tragen ein viel roheres, primitiveres Gepräge, 
stammen aus jüngerer Zeit und sind den Algonkin und Irokesen zuzuschreiben. 
Dahin gehören die einfachen Walldörfer der N ew Yorkprovinz, die kleinen 
kegelförmigen Grabhügel mit roh aus Feldsteinen (durch Überkragen) erbauten 
Kammern und die prähistorischen „Gartenbeete" der Illinoisprovinz und 
endlich die merkwürdigen Erdhügel in Tiergestalt (die sogenannten „Emblematic 
Mounds") der Wisconsinprovinz (vgl. Taf. V, Fig. 3, eine ähnliche Anlage 
aus Ohio). — Auch die keramischen Funde sind durch William Holmes in 
ähnlicher Weise nach Stilprovinzen geschieden worden. Wiederum ist der Süden 
durch höher entwickelte Formen, reichere und mannigfachere Dekoration aus- 
gezeichnet. Für Florida ist die Stichpunktverzierung kennzeichnend (Taf. V, 
Fig. 30), für die ganze Golfküste einschließlich Floridas eine Ware mit 
teils plastischen, teils eingeritzten Ornamenten, die die Elemente von Tier- 
figuren wiedergeben (Taf. V, Fig. 29). Stempelverzierung, die durch Eindrücken 
von Modellierhölzern in den noch feuchten Ton erzielt wurde (Taf. V, Fig. 31), 
läßt sich von Florida nach Norden bisindiesüdlichenAppalachenländer 
verfolgen, wo noch in historischer Zeit Maskoki, Tscheroki und Kataba ähnliche 
Tonwaren herstellten. Das Missis sippigebiet besitzt eine ausgesprochene 
Spiralbandornamentik, deren Muster im Süden eingeritzt (Taf. V, Fig. 28), am 
mittleren Mississippi aufgemalt wurden (Taf. V, Fig. 24). Das mittlere Missis- 
sippigebiet ist außerdem durch reichentwickelte Tonplastik gekennzeichnet; 
lebensvoll modellierte Gesichtsurnen (Taf. V, Fig. 26) und Gefäße in Gestalt 
von Buckligen (Taf. V, Fig. 27) sind besonders häufig. Aus der weit primi- 
tiveren Keramik des Nordens seien nur die Tongefäße des ehemaligen Irokesen- 
gebietes im Staate New York hervorgehoben (Taf. V, Fig. 25), weil sie mit 



104 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

ihrem viereckig-en, vorspringenden Halsteil und ihren Ritz- und Stichornamenten 
offenbar Nachahmungen von Gefäßen aus Birkenrinde darstellen. — Die Töpfe 
sind entAveder aus einem Tonklumpen herausgearbeitet oder aus Tonrollen 
spiralig' aufgebaut. 

Das Kupfer wurde kalt gehämmert, nicht gegossen; es wurde also 
wie jeder Stein behandelt und hat nicht vermocht, die atlantischen 
Stämme über die Steinzeitstufe emporzuheben. Das Zentrum seiner 
Verbreitung liegt am Südufer des Oberen Sees, insbesondere auf 
der weit in den See vorspringenden Keweenawhalbinsel ; hier steht 
das Kupfer gediegen an, und hier hat man auch vorgeschichtliche 
Tagbaue gefunden. Neben dem Kupfer erscheinen unter den Mound- 
funden Obsidiangeräte , die nur aus den vulkanischen Gebieten 
Kaliforniens oder Mexicos stammen können, Muschelperlen (Wam- 
pum) von der atlantischen, Dentaliumgehäuse von der pazifischen 
Küste, grüner Schiefer aus dem Küstenlande nördlich von Rhode 
Island und Catlinit aus den Steinbrüchen des Coteau des Prairies 
(S, 120). Das deutet auf einen ausgedehnten Handel in vor- 
geschichtlicher Zeit, der sich, wie in geschichtlicher, wohl haupt- 
sächlich der Wasserwege bediente. Tragstellen (Portages) ver- 
mittelten den Übergang vom Ottawa zum Nipissing-, vom Mohawk 
zum Ontario-, vom Hudson zum Champlain-See und verbanden ins- 
besondere Mississippi und Ohio mit den großen Seen. Auf 
ihnen konnte das leichte Birkenrindenkanu der Algonkin (Abb. 88, 
Fig. 2) und selbst das plumpere Ulmenrindenkanu der Irokesen 
mit Leichtigkeit aus einem Stromgebiet ins andere geschafft werden. 
Auch im Süden waren an den oberen, noch flachen Stromläufen 
Rindenkähne in Gebrauch, die aber ähnlich den südamerikanischen 
kein Spantengerüst besaßen undnur eine Abart der Ein bäume waren, 
die bei den Illinois, Miami und Schawano bereits ihren Platz neben 
dem Birkenrindenkanu behaupteten, in Virginien schon aus- 
schließlich herrschten und bei den Tscheroki und am unteren 
Mississippi ihre höchste Entwicklung erreichten. Birkenrinde wurde 
im Seengebiet auch sonst noch viel, z. B. zu allerhand Gefäßen, 
verarbeitet, während man im Süden hübsche Körbe in Stufen- 
geflecht herstellte. 

Die Kleidung bestand bei den nördlichen Stämmen aus Leder, 
im Süden mehr aus gewebten Zeugen; daneben trug man kostbare 
Pelz- und Federmäntel. Charakteristisch ist für den Osten die 
Bestickung mit Wampum. 



Die Völker des Ostens und Südostens 



105 



„Wampum" heißen die dunkelvioletten und weißen, zylindrischen Muschel- 
perlen, die aus der Schale von Venus mercenaria bzw. Pyrula carica, Buccinum 
undatum u. a. geschliffen wurden ; sie wurden auch zu Strängen aufgereiht und 
waren so ein vielgebrauchter Wertmesser, oder zu breiten Gürteln zusammen- 
gesetzt, die als Preundschaftszeichen und zur urkundlichen Beki'äftigung bei 
Abschluß von Verträgen überreicht wurden ; die Muster der Gürtel hatten 
dann bestimmte Bedeutung (vgl. 
Abb. 11, Fig. 2). 

Reichen Kupferschmuck 
fanden die Entdecker bei 
den Eingeborenen Floridas; 
von den heutigen Seminolen 
werden silberne Halbmonde 
auf der Brust, silberne Man- 
schetten und Kopfreife ge- 
tragen. Die südlichen Stämme 
übten Schädelabplattung, 
Tatauierung und Haar- 
schuren , bei denen man 
einen über den Schädel 
laufenden Kamm stehen 
ließ, der mit Federn, Haar- 
büschen u. dgl. verziert war. 
Sie stachen Löcher in den 
äußern Ohrrand und ver- 
zierten sie mit Silberdraht 
und Gehängen (vgl. auch 
Abb. 17). Die Kleidung 
beschränkte sich bei ihnen 
auf eine gewebte Schambinde 
(Georgien und Carolina) 
oder einen Fellschurz fVir- 
ginien), während die Irokesen einen mit einem Gürtel um den Leib 
befestigten Schurz, über dem Knie zusammengebundene Beinfutterale 
(Leggings), Mokassins und einen barettartigen, mit einer Adlerfeder 
verzierten Kopfputz trugen. 

Der Hausbau war am einfachsten bei den nördlichen Küsten- 
algonkin und bei den Odschibwä, Menomini, Sak und Fox des 
Seengebiets; sie wohnten in „Wigwams", kuppeiförmigen Zelten 
aus kreisförmig in die Erde gesteckten, oben zusammengebundenen 




Abb. 17. Musquacki- (Fox-) Krieger 
(Nach dem Prinzen Wied) 



i06 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Stangen, die mit zusammengenähten Stücken Weißtannen- oder 
Birkenrinde bedeckt waren (Taf. I, Fig. 8). Sonst herrschte im 
Norden das viereckige Giebeldachhaus vor, das im Langhaus der 
Huronen und Irokesen seine höchste Entwicklungsstufe erreicht hat 
(unter seinem Einfluß nahmen die Wigwams der Illinois, Schawano 
und südlichen Küstenalgonkin die Form tunnelartiger Langhäuser 
an, vgl. Taf. I, Fig. 11); im Süden die runde Kegeldachhütte, die 
bei den Tscheroki beschrieben wird, und für deren einstige weite 
Verbreitung Tausende von „Hüttenringen" (Resten zerstörter Häuser) 
in Tennessee, Illinois und Missouri zeugen. Endlich gibt es auch 
Pfahlbauten einfachster Art bei den Seminolen Floridas (Taf. I, 
Fig. 1). Reste prähistorischer Pfahlbauten sind von Cushing auf 
den Florida-Keys neben Terrassenbauten entdeckt worden, die ganz 
aus großen Meerschneckengehäusen errichtet waren. 

Bei den Huronen waren die Langhäuser bis zu 50 m lang; sie besaßen 
einen langen Gang in der Längsachse, in dem die gemeinsamen Feuer brannten, 
und seitliche Abteile für die einzelnen Familien. Die Wände waren aus Eindc; 
in Virginicn dagegen bildeten Matten die Wände, die beliebig hoch- und herunter- 
genommen werden konnten (Taf. I, Fig. 11). Im Süden hatte man für die Wand- 
bekleidung ein künstliches Material in einer Art Strohlehm gewonnen; die 
vorgeschichtlichen Bewohner dieser Gebiete, ebenso wie die Tschokta, Natchez, 
Schawano und Tscheroki, bedienten sich seiner sowohl zu Rund- als auch zu 
Viereckbauten (Sarfert). An der sumpfigen und häufigen Überschwemmungen 
ausgesetzten Golfküste legte man die Häuser, insbesondere die Häuptlingshütte, 
das Versammlungshaus usw., gern auf terrassenartigen Unterbauten aus Erde 
an. Eine ganze Klasse der vorgeschichtlichen Er d werke jener Gebiete 
scheint vornehmlich diesem Zwecke gedient zu haben, daneben natüi'lich auch 
dem der Verteidigung; zu ihr sind gewaltige Erdwerke, wie der Cahokia- 
Mound in Illinois (Taf. V, Fig. 1) und der Etowah-Mound in Georgia, zu rechnen, 
während andere prähistorische Erdwerke, die, wie z. B. Fort Ancient am Little 
Miami, ein ganzes Plateau allseitig von einem Walle umgeben zeigen (vgl. auch 
Taf. V, Fig. 4), offenbar nur Zufluchtsstätten waren. 

An der atlantischen Küste umgab die Dörfer ein Ring aus 
Schanzpfählen; dies war auch der Fall bei den Dörfern der Huronen 
und Irokesen, zur Zeit als Cartier (1534) und Champlain (16L5) sie 
besuchten. Bei den Illinois zählte das größte Dorf .500 Häuser; 
die Anordnung derselben war im allgemeinen kreisförmig, doch 
kamen neben den Runddörfern auch Straßendörfer (z. B. in Vir- 
ginien) vor. 

Die sozialen Verhältnisse der atlantischen Stämme haben 
seit den Arbeiten Morgans ganz besondere Beachtung gefunden, weil 
man außer in Australien nirgends auf der Erde ein so klar entwickeltes 



Die Völker des Ostens und Südostens 207 

Gentilsystem mit zwei Heiratsklassen und Mutterfolge antraf 
wie hier. Die Irokesen, Maskoki und südlichen Küstenalgonkin 
waren sämtlich in dieser Weise gegliedert, und selten ist eine 
streng mutterrechtliche Familienverfassung, innerhalb deren sich 
jeder einzelne dem weiblichen Oberhaupt unweigerlich beugen mußte, 
so folgerichtig durchgeführt worden wie bei den Irokesen und Huronen. 
Bei den Algonkinstämmen des Seengebiets (Odschibwä und Menomini, 
Schawano und Miami) und bei den Abnaki herrschte Vaterfolge 
in den Gentes, und die Delawaren und Mohikaner zerfielen in drei 
Lokalgruppen, deren jede sich in zwölf Untergruppen teilte. 

Die „Zelle" des Gesellschaftsverbandes ist bei den Irokesen die 
Olnvachira oder Großfamilie, d. h. die g-esamte männliche und weibliche Nach- 
kommenschaft einer Frau. Mehrere Ohwachiras bilden eine Gens (die Zahl der 
Gentes schwankt bei den verschiedenen Irokesenscämmen zwischen drei und zwölf), 
und mehrere Gentes eine Phratrie oder Heiratsklasse, deren es gewöhnlich ZAvei, 
aucli vier, gibt, und innerhalb deren ein strenges Heiratsverbot besteht; ein 
Mitglied der einen Phratrie kann sich eine Frau nur in der anderen Phratrie 
suchen. Wälirend die Gens im Besitz bestimmter Personennamen, Gesänge 
und Tänze ist. Anteil am Gemeindeland und Vertretung im Stammesrat hat 
und einen gemeinsamen Bcgräbnisplatz ihr eigen nennt, ist die Phratrie die 
gesellschaftliche Einheit für Zeremonien und Feste. Die fünfzig Häuptlings- 
schaften, die den Bundesrat bilden, sind mit bestimmten Ohwachiras verknüpft 
und werden von den Matronen der Ohwachira vergeben; damit nicht genug, gehört 
auch das ganze Land der Ohwachira den Frauen. Sie sind die Eigentümerinnen 
der Häuser mit ihrer gesaraten Ausstattung, sie haben das Recht, Fremdlinge 
in die Ohwachira durch Adoption aufzunehmen, über die Annahme oder Ab- 
lehnung eines Freiers und über das Los der Kriegsgefangenen zu entscheiden, 
ja sogar im Rat der Männer beschlossene Kriegszüge durch ihr Veto rückgängig 
zu machen. Selbst den Gentilgenossen ihrer Männer können die Matronen der 
Ohwachira befehlen, den Kj-iegspfad zu beschreiten, wenn Kampf oder Krank- 
heit Lücken in den Bestand der Ohwachira gerissen haben und es ratsam er- 
scheint, diese Verluste entweder durch Einbringung von Skalpen zu rächen, 
oder durch Adoption von Kriegsgefangenen zu ersetzen. 

In allen Fällen ist mit diesem Gentilsystem ein nicht minder 
typischer Totemismus verbunden. Das Wort Totem stammt aus 
den Algonkinsprachen (ototeman im Odschibwä), bedeutet dort aber 
ursprünglich nur die Verwandtschaft innerhalb der Gens, nicht etwa 
„tierischer Schutzgeist", den Begriff, den wir jetzt mit dem Worte 
verbinden. Jede Phratrie und jede Gens besaß einen solchen (so 
zerfielen bei den irokesischen Seneka die beiden Phratrien „Bär" 
und „Hirsch" in die Gentes 1. Bär, Wolf, Biber und Schildkröte, 
2. Hirsch, Schnepfe, Reiher und Falke), ebenso jede der drei Lokal- 



108 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

gruppen der Delawaren und Mohikaner (Wolf, Schildkröte und Trut- 
hahn). In den meisten Fällen sind diese Totems bloße Namen 
geworden, und nur selten, wie bei den sprachlich isolierten Yutschi 
Südcarolinas, begegnet man noch dem Glauben an die Abstammung 
von dem mythischen Totemtier, dessen lebende Vertreter von den 
Angehörigen der Gens, die seinen Namen trägt, weder erlegt 
noch gegessen werden dürfen. Darin unterscheidet sich der Totem 
scharf von dem persönlichen Schutzgeist, dem Oyaron der 
Irokesen, dessen Verbindung mit seinem menschlichen Schützling so 
eng war, daß dieser sich, wenn es sich um ein Tier handelte, ängstlich 
hütete, diesem ein Leid zu tun, um nicht selbst Schaden zu erleiden. 

Um einen Scliutzgeist zu erlangen, geht der Knabe (oder das Mädchen) 
zur Zeit der Geschlechtsreife unter der Begleitung' eines älteren Mannes (oder 
einer älteren Frau) in die Einsamkeit, wo er sich einem strengen Fasten 
unterwirft und auch sonst in jeder Weise Träume oder Visionen zu erzwingen 
sucht, in denen sich der Schutzgeist, der ein Tier, eine Pflanze oder 
ein lebloser Gegenstand sein kann, enthüllt. Diese Schutzgeister haben ver- 
schiedene Macht und können ihren Besitzer unter Umständen zu gefürchteten 
Zauberern machen. Beim Neujahrsfest Avird dem Jüngling ein Abbild seines 
Schutzgeistes in Holz, Rinde oder Stein übergeben; er trägt es, in ein Fell 
gewickelt, beständig bei sich, bringt ilim Opfer dar usw. 

Eine merkwürdige Umbildung erfuhr das Gentilwesen bei den 
Natchez. Hier hat sich ein auf Besitz und Sklaverei aufgebautes 
Stände wesen herausgebildet, in dem die beiden ursprünglichen 
Phratrien zu Kangklassen (Adel und Volk) geworden waren, deren 
erste sich wieder in drei Untergruppen, die „Sonnen", die „Edlen" 
und die „Geehrten", abstufte; Heiraten waren nur aus einer ßang- 
klasse in die andere gestattet, und die Kinder der Ehe gehörten 
im allgemeinen in die Klasse der Mutter, stiegen jedoch, wenn 
eine „Sonne" oder ein „Edler" eine Frau aus dem Volk heiratete, 
in die Adelsklasse empor. Der ganze Staat der Natchez war eine 
Theokratie, an deren Spitze die „Große Sonne" stand, König und 
Hoherpriester zugleich. Nur selten hat sich sonst das Häuptlings- 
tum der atlantischen Völker zum Königtum erhoben; im allgemeinen 
gab es lebenslänglich amtierende Friedenshäuptlinge, die von 
den Gentilvorstehern oder -Vorsteherinnen gewählt wurden (Sachem 
bei den Algonkin, Miko bei den Creek), und für den Bedarfsfall 
ernannte Kriegshäuptlinge. Stärker tritt die politische Begabung 
der atlantischen Stämme in der Schaffung großartig angelegter 
Völkerbünde hervor. 



Die Völker des Ostens und Südostens 109 

Ein solcher war die ziemlich lose g-efüg-te Konföderation dei' Creek, 
ferner der Po wha tan- Bund, der mehi-ere Algonkinstämme in der Umgebung- 
der Chesapeake-Bai umfaßte (im ganzen zweihundert Dörfer) und seinen Namen 
von seinem Gründer (um 1600) erhalten hat, dessen Tochter Pocahontas so 
lange freundschaftliche Beziehungen zu den Engländern aufrechterhielt, bis 
unter seinem NacMolger Opechancanough ein blutig-er, aber erfolgloser Aus- 
rottuugski-ieg- gegen die eng-lischen Ansiedler Virg-iuiens ausbrach. Die wich- 
tigste Rolle in der Geschichte Nordamerikas zu spielen war aber der Irokesen- 
Bund berufen. Der Sage nach 1570 von Hiawatha gegründet, offenbar als Gegen- 
gewicht gegen den in dieser Zeit mächtigen Waiand ot- Bund der Huronen, 
umfaßte er zunächst fünf Stämme — die Onondaga, Oneida, ilohak, Kayuga und 
Seneka; 1722 wurden noch die Tuskarora, die aus Nordcarolina vertrieben 
waren, zugelassen. Den Bundesrat bildeten fünfzig- Sachems der verschiedenen 
Stämme. Der Bund hat eine beispiellose kriegerische Tätigkeit entfaltet; er 
wurde die Geißel aller umwohnenden Stämme bis nach Tennessce und Illinois. 
Ein furchtbarer Vernichtungskrieg- gegen die ihnen nahe verwandten Huronen, 
der über ein Jahrhundert dauerte, mit der Vertreibung der Huronen vom 
Lorenzstrom, wo sie noch Cartier 153-1 angeti-offen hatte, begann und mit dej- 
völligen Zersprengung dieses Stammes 1650 endete, machte die Irokesen zu 
Herren des ganzen Seengebietes und zu einer beständigen Gefahr für die 
französische Herrschaft in Kanada, deren erbittertste Feinde sie von jeher ge- 
wesen waren. Ihr Übergewicht über die anderen Stämme beruhte auch darauf, 
daß sie zu ihren ursprünglichen Waffen schon sehr früli (1643) durch die 
Holländer Flinten bekommen hatten. Nach einer förmlichen Kriegserklärung 
begann der Kampf, der, wie immer bei den Indianern, aus einer Reihe von 
Überfällen bestand. Einen furchtbaren Namen machten sie sich durch ihre 
barbarischen Kriegssitten, Skalpieren, eine Form der Kopfjagd, und Martern 
der Kriegsgefangenen, das mit kannibalischen Szenen (Herausreißen und Vei- 
zehren des Herzens) verbunden war. Doch wurden die Kriegsgefangenen vorher 
erst zur Adoption und Aufnahme in den Stamm vorgeschlagen. Die Reste 
der Huronen sammelten sich nach 1650 am Westufer des Eric-Sees und gründeten 
einen Völkerbund, zu dem auch zahlreiche Algonkin-Stämme gehörten (s. o.). 

Wie das soziale Leben zeigte auch die Religion vielfach eine 
Tendenz zu höherer Entwicklung. Allerdings ist eine primitive 
Grundidee der Religion, der Glaube an eine ganz unbestimmt und 
unpersönlich gedachte Zauberkraft, die allen Dingen, Personen, 
Naturerscheinungen, Tätigkeiten innewohnt, gerade hier mit einer 
ganz besonderen Schärfe ausgebildet. Diese Kraft nannten die 
Irokesen Orenda, die Algonkin Manito; sie wird keineswegs all- 
mächtig und allgegenwärtig, sondern immer örtlich beschränkt und 
beeinflußbar gedacht, und es kommt für den Menschen vor allem 
darauf an, daß er durch zauberische Mittel feindliche Orendas un- 
schädlich mache und selbst in den Besitz eines mächtigen Orenda 
gelange. Ganz besonders den Tieren ist große Zauberkraft zu 



110 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

eigen, die sie dem Menschen zum Guten oder zum Schlimmen kehren. 
Durch ihr Orenda bewirken sie die Naturerscheinungen — der Adler 
den Donner, der Hase das Morgengrauen, die Eule die Dämmerung — , 
Gedeihen und Vergehen der Pflanzenwelt, endlich auch die Krank- 
heiten, und ein ganzes System von Zauberformeln und homöo- 
pathischen Vorschriften wird bei den Tscheroki gegen sie aufgeboten. 
Daß die östlichen Indianer von sich aus zur Idee eines Inbegriffs 
aller magischen Kräfte, zu einem Kitschi manito („die große 
Zauberkraft") gelangen konnten, ist wohl möglich; nur wo dieser 
ganz persönlich gedacht wird, liegt ein schon sehr früh wirksamer 
Einfluß christlicher Anschauungen vor. 

Mächtige Helfer der Menschen sind bei den Irokesen die persönlichen Schutz- 
geister (Oyaron, s. 0.) und die Fetische (Ochinakenda). Die letzteren können 
im Gegensatz zu den Schutzgeistern, die sich ebenso wie sie in materiellen 
Gregenständen verkörpern, gekauft, entliehen oder vererbt werden. Zu den 
Fetischen gehören auch die zahlreichen Gegenstände (Tierbälge, Wurzeln, Fossile 
oder sonstige merkwürdig geformte Steine, Haarbüschel, Federn, Knochen) in 
den Medizinbündeln der zentralen Algonkin und die S t a m m e s h e i 1 i g t ü m e r , 
z. B. die heilige Kiste der Tscheroki und die sieben heiligen Metallplatten der 
Creek; die letzteren sind wohl eine spanische Reliquie aus der großen Sclüacht 
von Mavila im Jahre 1540. 

Neben diesen Vorstellungen von der Zauberkraft hatten die 
östlichen Stämme auch den Glauben an mehrere Seelen und an die 
Verschiedenheit ihres Schicksals nach dem Tode mit vielen andern 
Nordamerikanern gemein. Mit der Vorstellung von der „Knochenseele" 
hängt es zusammen, wenn die Algonkinstämme Virginiens die Leich- 
name ihrer Fürsten ausweideten und dann auf Gerüsten nieder- 
legten; dieselbe Plattformbestattung kehrt bei den Irokesen und 
Huronen wieder, aber nur als vorläufige Beisetzung, denn alle zehn 
Jahre wurden die Skelette bei dem großen Totenfest der Huronen 
von dem Pfahlgerüst herabgenommen und in ein Massengrab gelegt. 
Die Seelen der Abgeschiedenen leben nach dem Glauben der 
Algonkin im Westen; nur über einen breiten Strom, über den als 
einzige Brücke ein schwanker Baumstamm führt, können sie dorthin 
gelangen. Zur Verkörperung der Naturerscheinungen in Götter- 
gestalten scheinen besonders die südlichen Stämme — wohl unter 
mexikanischem Einfluß — fortgeschritten zu sein. Eine regelrechte 
Sonnenverehrung bestand bei den Natchez (s. o.). Die nördlichen 
Stämme, Irokesen und Algonkin, haben ihre naturmythologischen An- 
schauungen in großartigen Mythen niedergelegt, in deren Mittel- 



Die Völker des Ostens und Südostens 



111 



punkt ein Zwillingspaar von Gottheiten steht, das die schaffende und 
zerstörende Macht der Natur versinnbildlicht und in seiner Feind- 
schaft gegeneinander den ewigen Gegensatz von Sonne und Mond, 
Licht und Dunkel, Sommer und Winter widerspiegelt: Teharonhia- 
wagOQ (Juskeha) und Tawiskaron bei den Irokesen, Nanabozho 
(Michabo, Gluskap) und Tschakekenapok bei den Algonkin. 

Teharonlüawagou „der Halter des Himmels" oder Juskeha „der Sprossende" 
ist nicht nur der Schöpfer und Erhalter allen Lebens auf der Erde, sondern auch 
der große Kulturheros, der die Erde für den Menschen bewohnbar macht, schiff- 
bare Flüsse und Seen schafft, die Jagd- 
tiere durch einen Vertrag bindet, daß sie 
sich vom Menschen erlegen lassen, und 
die Haupterrungenschaften der Kultur 
(Landbau, Hausbau, Feuererzeugung) er- 
findet. In allem, was er tut, Avirken ihm 
seine Großmutter Awenha'i (Ataentsik) 
und sein Bruder Tawiskaron entg-egen, 
der Eisriese und Winterdämon, der als 
Steinmesser gedacht wird und daher bei 
seiner Geburt seiner Mutter das Leben 
kostet, indem er sich aus ihrem Leib 
herausschneidet. Im Endkampf unter- 
liegt Tawiskaron; sein Leib zerbricht in 
Scherben, und aus seinem Eumpf ent- 
stehen Berge und Felsen. Mit dieser iro- 
kesischen Mythe, die bis zu den Tscheroki 
verbreitet war, stimmt in allem wesent- 
lichen die der Algonkin überein, in der 
Nanabozho „der große Hase" derKultur- 
bringer,Tschakekenapokder Steinmesser- 
und Eisriese ist. Bei beiden Völkern 

wird auch die Erschaffung der Erde übereinstimmend erzählt: im Anfange der 
Dinge ist das ürmeer, aus dem nach mehreren vergeblichen Versuchen wasser- 
tauchende Tiere (Biber, Fischotter, Moschusratte) ein Sandkorn heraufbringen, 
das auf den Panzer der Schildkröte oder auf ein Floß gelegt wird, sich aus- 
breitet und schließlich die Erde bildet. 

Zum Kultus gehörten vor allem Musik und Tanz. Es 
gab im Süden große Fellpauken in der Form von Standtrommeln 
mit Pflockspannung, im Norden kleine Holzblocktrommeln mit Fell- 
bespannung und Rasseln aus einem Schildkrötenpanzer; das ganze 
Gebiet beherrscht die Kürbisrassel und die hölzerne Gesichtsmaske, 
die von den alten Pfahlbauern Floridas bis zu den Irokesen (Abb. 18) 
verbreitet war. Auch das im ganzen Osten mit Leidenschaft geübte 




Abb. 18. Holzmaske für das Fest des 

Weißen Hundes. Irokesen 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



112 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Ballspiel, bei dem die Leder- oder Holzbälle mit einer Art Tennis- 
schläger (Abb. 19) durch „Tore" aus Holzstangen getrieben werden 
mußten, hatte nicht bloß sportlichen, sondern auch sehr ernsten reli- 
giösen Charakter. Tempel gab es in erster Linie bei den Golfstämmen; 
sie erhoben sich bei den Natchez auf Erdhügeln und bargen im Innern 
das heilige Feuer, das dauernd von bestimmten Priestern unterhalten 
wurde, Körbe mit den Knochen der verstorbenen Priesterfürsten (s. o.) 
und das steinerne Kulturbild der Sonne. — Das Gedeihen der 
Saaten, die Ernte und die Erneuerung des Lebens im Frühling 
wurden bei diesen ackerbautreibenden Völkern in einer Reihe von 
Festen gefeiert; obenan steht das Grünkornfest und das Neujahrs- 
fest, das bei den 
Creek zugleich ein 
Fest der Neu- 
erbohrung des 
Feuers war, wäh- 
rend bei den Iro- 

Abb. 19. Ballscliläger. (Etwa Vt n- Cir.) Sak und Fox ^^^^^ ^^^ ^^^^' 
(Berliner Museum für Völkerkunde) cinCS WCißcn Hun- 

des als Boten an 
die Götter damit verbunden wurde. Die mannigfachen, oft schon 
ziemlich verwickelten heiligen Handlungen und das Festritual hatten 
bereits zur Entstehung einer besonderen Priesterklasse geführt, 
die sich von den Schamanen absonderte. 

So sind bei den Odschibwä die Wabeno, die Kraukenhciler, geschieden 
von den Jessakid, den Sehern und Propheten, und von den Mide, den Mitgliedern 
der Midewiwin, eines Geheinibundes, der Männer und Frauen umfaßt, vier 
Grade aufweist, in die man sich nacheinander einkaufen kann, und in erster 
Linie der Krankenheilung dient, daneben auch dem Kultus seines göttlichen 
Stifters Minabozho (Nanabozho). Ähnliche Midebünde zu7n Zweck der Kranken- 
heilung gab es auch bei den Ostalgonkin (Delawaren). 

Den Fortschritt in der geistigen Kultur der östlichen Stämme 
kennzeichnet nichts besser als die Entwicklung einer Bilder- 
schrift, in der es kein Stamm nördlich von Mexico weiter ge- 
bracht hat als die Delawaren und Odschibwä, 

Die Figuren wurden auf glatten Kindenstücken eingeritzt; die Delawaren 
schrieben auf diese Weise ihre ganze Stammestradition in dem 1820 aul- 
gefundenen Walam Olum, der „roten Einritzung", nieder, während die Odschibwä 
in der gleichen Weise die Geheimnisse ihres Midebundes aufzeichneten (Abb. 11, 
Fig. 3). — Zur Erfindung einer Silbenschrift ist es, allerdings unter europäischer 
Beeinflussung, durch den Tscheroki Sequoya gekommen. 




Jagd- und Flschcrcigcyäte der Eskimo 



Tafel III 

1, 11, 17 und 18 Smithsand; 2 Kuskwogmiut (Alaska); 3, 4—6, 8 und 12 Kwikpagmiut (Alaska); 
7 Labrador; 9, 10. 15 and 16 Alaska; 13 Ostgrönland; 14 Bafflnland. — 15 und 16 Knochenhacke und 
Steinaxt mit krückenförmigem Holz- bzw. Knochenschaft, die zum Eispieken bzw. zur Holzbearbeitung 

dienen. Vu n. Gr. 
(Sämtliche Originale im Berliner Museum für Völkerkunde) 




Tafel IV Dekorative Kunst der Frärleindianer 

Meist altere, kostbare Stücke der Saiuiulungen des Prinzen Wied, Herzogs Paul v. Württem- 
berg usw. ohne nähere Stararaesangabe (außer 3: Dakota). Moderne Stücke sind 5, 9, lü 
(Oraaha) und 6 (Crow). — Fig. 2 ist ein Modell der typisclien Kindertrage der Prärieindianer, 
deren Frauen diese Gestelle mittels eines Stirnbandes auf dem Rücken trugen.— 6 und 
11 : Vs-Vs; 2 : '/lo; 10 : '/lo; 1, 3, 4 und 5 : Vis-V'^; 7 und 9 : 'jn; 8 : '/so n. Gr. 
(Sämtliciie Originale im Berliner Museum für Völkerkunde) 



Die Präriestämme 113 

d) Die Präriestämme 

Das Gebiet der Präriekultur liegt zwischen Mississippi und 
Felsengebirge und reicht im Norden bis zum kanadischen Wald- 
gebiete. Wir können jedoch auch die Stämme des Great Basin 
(Schoschooen und Nezperces zwischen Kaskaden- und Felsen- 
gebirge) hier anschließen. Die Einführung des Pferdes und die 
dadurch erlangte größere Beweglichkeit der Stämme hat in ethno- 
graphischer Hinsicht ein sehr einheitliches Bild geschaffen; 
sprachlich gehören die Präriestämme einer ganzen Beihe ver- 
schiedener Familien an. 

Die Sioux (eine Abkürzung des Namens Nadovessioux, den ihnen fran- 
zösische Grenzbewohner des siebzehnten Jahrhunderts nach einem Odschibwä- 
Worte gaben) stellen den Hauptanteil. Sie zerfallen in mehrere Gruppen: 
1. die Dakota, zusammen sieben Stämme, von denen die Mehrzahl am oberen 
Mississippi sitzt (die Santi-Dakota) und nur ein Teil (Yankton und Teton) sich 
bis zum mittleren Missouri vorgeschoben hat. Kurz vor der ersten Bekannt- 
schaft mit den Weißen hatten sich die Assiniboin von den Yankton abgezweigt 
und Avaren nordwärts bis zum Saskatchewan gezogen. 2. die Mandan und 
Hidatsa (Minitari) am oberen Missouri; von den letzteren haben sich erst 1775 
die Crow (Absäroka) getrennt, um zum reinen Prärieleben zwischen Yellow- 
stone und Platte am Fuß der Felsengebirge überzugehen. 3. die Dhegiha- 
stämme (Omaha, Ponka, Osedsch, Kansa) auf dem Westufer des mittleren Mis- 
souri und 4. die Tschiwerestämme (Eiowä, Oto, Missouri) ebenda und östlich 
vom Missouri, wo die Eiowä zu den nahe verwandten Wiimebägo überleiteten. 
<lie am Westufer des Michigansees zwischen Algonkinstämmen sitzen und sich 
diesen kulturell vollkommen angepaßt haben (S. 69). — Von der Verbreitung 
der Käddo und Kaiowä ist schon im einleitenden Kapitel die Rede gewesen; 
außer ihnen sind noch die zum Prärieleben übergegangenen Algo n lein- 
st am me zu erwähnen (ein Teil der Kri, die Siksika oder Blackfeet, Kainah oder 
Blood und Piegan in der Nordprärie und die Scheienne und Arapaho in der 
Mittelprärie, am Fuß der Laramie und Park Mts.) und die Schoschonen des 
Great Basin (Schoschoni, Yute und Bannock), denen sich die Sehahaptin 
(Nezperces) am untern Snake River anschließen. Natürlich ist die Verteilung 
dieser Stämme heute nicht mehr die alte; das Vordringen der Weißen, die 
schonungslose Ausrottung des Büffels, eine Reihe blutiger Aufstände (zuletzt 
die „Geistertanzbewegung" 1890—91), die Einschleppung der Pocken, die Ein- 
führung des Alkohols haben sie dezimiert und zur Abtretung des größten Teils 
ihres Gebietes an die Weißen gezwungen, so daß sie heute auf eine Anzahl kleiner 
„Reservationen" und auf das Indianerterritorium (Oklahoma) beschränkt sind. 

Die Grundlage gemeinsamer Kultur war für alle diese Stämme 
in der Büffeljagd gegeben, die ihnen die Hauptnahrung und das 
Hauptmaterial für Geräte, Kleidung und Wohnung lieferte, und 
neben der im Norden auch die Jagd auf Biber und Elch, Anti- 

Völk CM- künde 1 8 



114 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 




Abb. 20. „Horse-travois", Scliloife zum Fortscliaffen des Zeltes durch ein Pferd 
(Xach „The Living Races of Mankind") 



lopen und Wapitis, im Felsengebirge auf den grauen Bären betrieben 
wurde. Der Büffel wurde im Sommer zu Pferde mit der Lanze, 
im Winter auf Rahmenschneeschuhen mit Pfeil und Bogen oder (seit 
der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts allgemein) mit der Flinte 
gejagt. Bei der sommerlichen Jagd wird die Herde eingekreist-, 
einige als Präriewölfe verkleidete Jäger beschleichen sie und schießen 
ein paar Tiere nieder, so daß die Herde gegen die Linie der Jäger 
ausweicht, dort mit neuen Schüssen empfangen und so hin und her 
getrieben wird, bis das letzte Tier erledigt ist (Krause). Vor der 
Einführung des Pferdes wurden die Büffel wie im Osten mit Feuer 
eingekreist; eine andere alte Methode, die Treibjagd zwischen 
konvergierende Steinreihen, die an Abstürzen oder Pferchen enden, 
wird im Herbst befolgt. Die Einführung von Pferden und Gewehren 
hat überhaupt erst den echten Jägernomadismus geschaffen (S. 72). 
Aber reine Jägernomaden sind immer nur wenige Präriestämme 
gewesen: in der Südprärie die Komantschen und Kaiowä, in der 
Mittelprärie die Scheienne und Arapaho, in der Nordprärie die 
Teton und Crow, Assiniboin und Siksika. Nur für sie ist das Bild 
zutreffend, das die populäre Lidianerliteratur von dem wilden Sohn 
der Prärie entworfen hat. Im Sommer und Winter war sein Haus 



Die Präriestänime 115 

das Tipi, ein kegelförmiges Zelt aus Stangen (drei Hauptstangen 
und einer Anzahl Nebenstangen) und einer großen, halbkreisförmigen 
Decke aus Büffel- oder Elchfell, die vorn, über dem ovalen Tür- 
ausschnitt, mit Holzpflöcken zusammengesteckt war und zwei, je 
nach der Windrichtung verstellbare Klappen besaß (Taf. I, Fig. 9). 
Vortrefflich paßte es sich der leichten Beweglichkeit des schweifenden 
Jägers an-, schnell war es abgebrochen, und das Fortschaffen besorgten 
dann Pferde und Hunde, denen man die Zeltstangen an einem Gurt 
über dem Rücken befestigte, so daß sie nachschleiften und verbunden 
noch einen Sitz für die Kinder und eine Trage für das Gepäck 
ergaben (Abb. 20); im Winter zogen die Hunde bei den nördlichen 
Stämmen den Toboggan (S. 94). Bei Flußübergängen bediente 
man -sich eines sehr einfachen, kreisrunden Bootes, das wie ein 
aufgespannter Regenschirm aussah und aus einer über ein biegsames 
Gestell gezogenen Büfielhaut bestand („Bullboot"). 

Im Osten lehnt sich an die eig-entliche, 1000 — 1800 ni holie Prärietafel, 
die nur für die Jagd geeignet ist, eine niedrigere Unterstufe, die, ein wellig-es 
Grasland mit Waldbestand an den Flüssen, infolge besserer Niederschlags- 
verhältnisse den Ackerbau begünstigt und nach Osten und Süden allmählich in 
das grolie Waldgebiet übergeht. Hier wohnten Indianer, die nur zu bestimmten 
Zeiten (im Sommer zwischen Anbau und Ernte stammesweise, im Winter in 
einzelnen kleinen Partien) auf die Büffeljagd auszogen und dann wie die rein 
nomadischen Stämme in Lederzelten wohnten. Sonst trieben sie Maisbau 
und wohnten in festen Häusern wie die Völker des Ostens; zu ihnen gehören 
sämtliche Käddostämme und ein großer Teil der Sioux (Dhegiha, Tschiwere 
und Santi-Dakota, Mandan und Hidatsa), lauter Stämme, die, wie Kj'ause ge- 
zeigt hat, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in ihrem sonstigen stofflichen 
und geistigen Besitz vieles mit der Kultur der östlichen und südlichen Völker 
gemein haben. Dahin g'ehört zwar nicht das runde, versenkte, mit einer Gang- 
tür versehene Erdhaus der Mehrzahl dieser Stämme (Abb. 21), das wahrschein- 
lich ein uraltes Erbteil der nördlichen „Eisjagdkultur" (S. 75) ist, während die 
kuppeiförmige Grashütte der südlichen Käddostämme (Taf. I, Fig. 2) vielleicht 
aus dem Süden oder Südwesten stammt. Dagegen sind echte, in der Kultur 
dieser Randvölker auftretende (z. T. bis zu den schweifenden Stämmen ver- 
breitete) östliche Elemente die Holzmörser und sonstigen Holzgeräte, Korb- 
flechterei und Töpferei (gelegentlich sogar Weberei) , manche Tracht- und 
Schmuckformen (besonders Tatauierung und Haarscliur). Gentilverfassung und 
Ackerbaukulte (Avie der Grünkorntanz). 

Endlich hat sich noch als dritte Kulturform eine tiefstehende Sammel- 
wirt schaff, die ihren Trägern den Namen der „Digger Indians" verschafft 
hat, in dem wüstenliaften, regenarmen Kordillerenhoclilande (Great Basin) er- 
halten, das nicht nur zum Ackerbau gänzlicli ungeeignet ist, sondern auch von 
allem größeren Wild gemieden wird. Hier lebten die Schoschonen und Schahaptin 



116 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 




Abb. 21. Jnneres eines Erdhauses der Missouri-Stämme (Mandan) 
(Nach dem Prinzen Wied) 



den größten Teil des Jahres über von ausgeg-rabenen Wurzeln. Kräutern und 
Beeren, daneben von Kaninchen- und Fischfang; gelegentliche Jagdausflüge in 
die Prärie wurden nicht selten durch die Angriffe ihrer Todfeinde, der Siksika, 
gestört, so daß sie ohne Büffelfleisch und -feile zurückkehren und den Winter 
über das Leben in ihren elenden, windschirmartigen Zweighütten mit Wurzeln 
fristen mußten. Das Tipi haben sie nur teilweise angenommen; in ihrer Kultur 
treten stärker als bei den Kaiowä und Komantschen westliche Elemente auf, 
zu denen außer den Fischfangmethoden besonders eine entwickelte Flechtkunst 
zu rechnen ist. 

Dem schweifenden Leben entspricht bei den meisten Stämmen 
die Dürftigkeit des Hausrats; er war selbst in den geräumigen 
Erd- und Grashäusern nicht viel reichhaltiger als in den Zelten. 
Eine einfache Streu und Felle, bei den ackerbautreibenden Völkern 
eine Art Bett, dienen als Lagerstatt, ein staffeleiartiges Gestell aus 
Stäben und Latten als Eückenlehne beim Sitzen (Abb. 21). Die 
Gefäße sind aus Leder, BüfFelhoru und Holz. Man kocht in 
ihnen, ebenso wie in den Birkenrindengeiäßen der Stämme des 
Seengebietes, durch Hineinlegen heißer Steine, ein Verfahren, nach 
dem die Assiniboin („Steinkocher'") ihren Namen bekommen haben. 
Man versteht sich auch auf die Herstellung einer Dauer form 



Die Präriestärame 



117 




der Jagdbeute: Der Pemmikan, gedörrtes und zusammen mit 
trockenen Rüben zerstampftes Bisonfleisch, das man in rechteckigen 
Felltaschen aus steifem, bunt bemaltem Rohleder (parfleches, Taf. IV, 
Fig. 3) aufbewahrt, um bei Bedarf Brei oder Kuchen daraus zu 
bereiten, ist wohl ein Ausläufer der Mehlbereitung des Ostens. 
Zum Zerstampfen dient eine flache Steinunterlage und der Stein- 
hammer, ein runder Stein, der durch eine herumgelegte Zweigschlinge 
geschäftet und einen dichten Lederüberzug festgehalten wird. — Das 
Höchste leisten diese Stämme in der Lederbearbeitung. 

Die Häute werden 
angefeuclitet und die 
Haare mit einem Scha- 
ber aus der Geweih- 
stange eines Elches, an 
dem eine scharfe Eisen- 
klinge befestigt ist, 
(Abb. 22), abgekratzt. 
Man gerbt mit einem 
Gemisch von Tiergehirn, 
Leber und Moos ; zum 
Schluß werden die 
Häute über einer Grube 
geräuchert, mit Steinen 
gewalkt und zwischen 
zwei Eiemen hin und 
her gezogen, bis sie 
Aveich und geschmeidig wie Tuche sind, 
wie bei den Eskimo, Sache der Frauen. 

Aus Leder wurde ehedem vor allem die Kleidung hergestellt; 
die Männer trugen Schamtuch, Beinfutterale (Leggings), die mittels 
Zipfeln am Gürtel befestigt waren (Taf. IV, Fig. 8), und Mokassins, 
liackenlose Schuhe aus frischgegerbtem Wildleder, von anderem 
Schnitt als bei den östlichen Stämmen (Taf. IV, Fig. 6, 11); der 
Oberkörper der Männer blieb meist unbekleidet, oder man zog ein 
ledernes Armelwams (Taf. IV, Fig. 7) über, das bei den Frauen 
tiefer hinabreichte. Ein wichtiges Trachtstück war noch der große 
Mantel aus BüfFelfell, dessen Haare nach innen oder außen ge- 
tragen wurden, und auf dessen Innenseite die Taten des Trägers 
in reichbewegten Bildern gemalt waren (vgl. das Titelbihl und 
Abb. 11, Fig. 4). — Das beliebteste Schniuckmaterial neben 
den Federn (des Adlers, Truthahns, Raben und der Eule) waren 
Stachelschweinborsten. 



Abb. 22. Werkzeuge zur Pellbearbeitung aus p]lch- 

horn und Knochen, ('/s n. Gr.) Scheienne und Omaha 

(Berliner Mu.seiim für Völkerkunde) 



Die Lederbearbeituno" ist auch hier, 



118 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Sie wurden gefärbt, mit Falzbeinen abgeplattet und aufgenäht und ge- 
statteten so die zierlichsten Muster zu bilden. Streifen in dieser Stickerei säumten 
Hosen- und Jackennaht, bedeckten die Obei-fläche der Mokassins und zierten 
Gebrauchsgegenstände und Waffen (Taf. IV, Fig. 1, 2, 5, 10,11). Der übrige Schmuck 
richtete sich ganz nach Eang und Ansehen des Trägers. Panzerartige Brust- 
schmucke aus Hirschknochen (Abb. 24), Kragen aus Bärenklauen, vor allem aber 
die großen Lederhauben, die mit einem Pederkranze oder mit Büffelhörnern 

und einer langen Pederschleppe 
ausstaffiert waren (vgl. das Titel- 
bild), durften nur ausgezeichnete 
Krieger und hervorragende Jäger 
ti'agen. 

Die Haare wurden ent- 
weder lang getragen (ge- 
scheitelt, in die Stirne ge- 
strichen oder hochgebürstet; 
vgl. Abb. 23 und 24) und so- 
gar durch Büffelhaar künst- 
lich verläogert, oder man 
schor sich den Schädel 
bis auf die Skalplocke kahl, 
die bei den Pani eingefettet 
und bemalt wurde und horn- 
artig emporstand , eine 
Tracht, nach der der Stamm 
seinen Namen bekommen 
hat. Häufig zierte in 
diesem Fall noch ein Haar- 
kamm wie im Osten oder ein 
kammartiger Schmuck aus 
rotgefärbten Hirschschwän- 
zen den Kopf (Abb. 17). Ver- 
unstaltender Ohrschmuck (besonders Ohrrandschmuck) und Tatauie- 
rung waren nur sporadisch verbreitet (die Witschita hießen nach ihrer 
Tatauierung bei den Weißen „Pawnee Picts"), Bemalung dagegen 
allgemein und eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit, die vor 
den Festen, dem Auszug in den Krieg, dem Ballspiel vorgenommen 
wurde; Ocker, weiße Infusorienerde, Ruß und Graphit lieferten 
die Farben. 

Eine Gentilverfassung treffen wir nur bei wenigen Prärie- 
stämraen an. Bei den Omaha ist sie noch ziemlich rein erhalten; 




Abb. 23. Crow-Indianer 

(Nach Photographie im Besitz des Berliner Museums 

für Völkerkunde) 



Die Präries täiunie 



119 



der Stamm ist in zehn Gentes (mit Vaterfolge) geteilt, und jede 
Gens besitzt als Totem ein Tier, das für heilig und unantastbar 
gilt und bei den vier- bis siebenjährigen Kindern durch eine be- 
stimmte Haarschur angedeutet wird. Doch hat auch hier die 
Gentilverfassung weiter keine Wirkung auf das gesellschaftliche 
Leben, als daß Verbote bestehen, in die väterliche oder mütterliche 
Gens zu heiraten, und daßbei 
der Aufstellung der Zelte 
die beiden Gruppen, in die 
die Gentes zerfallen, auch 
räumlich getrennt bleiben. 
Ahnlich liegen die Ver- 
hältnisse bei den übrigen 
Dhegiha- und Tschiwere- 
stämmen. Die Mehrzahl 
der sonstigen Stämme (vor 
allem die rein nomadischen) 
zerfällt in ziemlich lose 
zusammenhängende Ban- 
den, deren Unterabteilungen 
Namen tragen, die meist 
bestimmte Örtlichkeiten be- 
zeichnen, jedenfalls nicht 
totemistischen Charakters 
sind. Die Heiratsbeschrän- 
kungen fallen fort, und 
Vaterfolge ist die Regel. 
Die Einteilung in Gentes 
bzw. Banden trat am deut- 
lichsten hervor, wenn der 
Stamm bei den großen sommerlichen Büfifeljagden vereint war; 
dann hatte jede Abteilung ihren bestimmten Platz in dem großen, 
nach Osten offenen „Lag er kr eis", dessen Mittelpunkt das Be- 
ratungszelt bildete. Dieser Lagerkreis ist für die Präriekultur 
ebenso kennzeichnend wie das Mann erb und wesen, durch das 
recht eigentlich erst der feste Zusammenhalt der Stämme geschaffen 
wurde, und dessen einheitlicher Ursprung aus der Gleichheit der 
Namen hervorgeht, mit denen sich bei der Mehrzahl der schweifenden 
Stämme die Bünde belee:en. 




Abb. 24. Kaiowä-liulianer 

(Nach Photographie im Besitz des Berliner Museums 

für Völkerkunde) 



120 'Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittclamerikas 

Einerseits sind diese Bünde relig-iöse Gesellschaften, deren Mit- 
glieder den gleichen persönlichen Schutzg-eist besitzen, den sie durch Träume 
und Visionen an abgelegenen Orten erworben haben (vgl. die Oststämme). Bei 
den Omaha und Pani gibt es eine große Zahl solcher Bünde, die den verschiedensten 
Zwecken dienen, z. B. die wichtige Büffelgenossenschaft der Krankenpflege. Bei 
den Omaha muß jeder Jüngling, dem als Schutzgeist ein Tier erschienen ist. dessen 
lebendes Abbild erlegen (im Gegensatz zu dem irokesischen Brauch!), um sich 
einen Teil davon (Feder, Haarbüschel) zu verschaffen, der dann sein lebens- 
lang sorgfältig gehüteter Talisman bleibt. — Weit häufiger und für die eigent- 
liche Präriekultur kennzeichnender ist die zweite, rein soziale Art von Bünden, 
die einen ausgesprochen milit äri s ch - p olizeili chen Charakter trägt 
und daher vor allem bei großen Unternehmungen des Stammes als Helfer dei- 
Häuptlinge auftritt (Leitung der Büffeljagd, Überwachung der Marsch- und 
Festordnung); sie findet sich bei den Dakota und Assiniboin, Mandan, Hidatsa 
und Crow, Blackfeet, Scheienne und Arapaho. Hier umfassen diese Bünde die 
gesamte, nach Altersklassen geschiedene Gemeinschaft der Männer; lediglicli 
Alter und Einkauf entscheiden über die Zulassung. Die einzelnen Bünde 
(„Hunde", „junge Füchse", „Verrückte") haben ihre besonderen Trachtabzeichen. 
Tanzgeräte und Tänze. 

Rangunter schiede innerhalb des Stammes wurden fast nur 
durch das Ansehen geschaffen, das kühne Kriegstaten begründeten. 
Bei den Dakota, Bhxckfeet und Scheienne gab es eine Stufenleiter 
der Wertschätzung von Kriegstaten, der ein ebenso sorgfältig ge- 
regeltes Abzeichensystem entsprach. Die „Orden" bestanden meist 
aus verschieden getragenen, verschieden bemalten und zugestutzten 
Adlerfedern, und als höchster „Coup" wurde nicht die Tötung, 
sondern die Berührung eines unverwundeten Feindes bewertet. Das 
Häuptlingstum war wenig entwickelt und der Häuptling in der 
Ausübung seines Amtes meist durch die Ratsversammlung der 
Krieger des Stammes eingeschränkt. Nur wie ein schwacher Ab- 
glanz der starken Völkerbünde der östlichen Indianer muten die 
„Sieben Ratsfeuer" (Stämme) der Dakota und ähnliche lockere 
Bünde an. Von Stamm zu Stamm wurde ein lebhafter Handel 
betrieben, vor allem mit dem roten Pfeifenstein (Catlinit), der nur 
in einem bestimmten Gebiete des „Coteau des Prairies" zwischen 
Mississippi und Missouri gefunden wurde und das Material zu den 
knie- oder _!_ förmigen Pfeifenköpfen lieferte, die, mit einem 
runden oder flachen Holzrohre versehen, eines der Hauptgeräte im 
öffentlichen und religiösen Leben des Indianers bildeten (Taf. IV, 
Fig. 4, 5 ; bei Fig. 4 ist das Holz durch feuchte Hitze biegsam ge- 
macht und korkzieherartig zusammengedreht, der Steinkopf mit 
Blei eingelegt). — Oft genug wurden die friedlichen Verhältnisse 



Die Präriestämmo 121 

durch die Stammesfehden gestört. Als Kriegswaffe hat die 
Flinte früh Pfeil und Bogen verdrängt. 

Der Bog- e n ist ein einfacher, nicht selten asymmetrischer Plaehbogen 
(Taf. II, Pig". 13) oder ein durcli aufgeleimte Sehnen auf der Vorderseite ver- 
stärkter Bogen. Der letztere ist häufig- doppelt g-ekrümmt (Taf. II, Fig. 12) 
oder hat rückwärts g-ebogene Enden, Eigenschaften, die seine asiatische Her- 
kunft noch deutlicher machen. Die Präriestämme haben ihn wohl erst durch 
die Vermittlung der Schoschonen erhalten. Der Köcher, aus Fell (Taf. II, 
Fig. 16) oder Leder, besaß neben dem Pfeil- einen besonderen Bogenbehälter. 
Die Pfeile (Taf. II, Fig. 14, 15) sind kurz, aus Holz, haben hochhinaufgehende 
Befiederung und in Kerben eingebundene Spitzen. Daneben gab es lange 
Lanzen (vgl. Titelbild). Die kennzeichnenden Waffen der Prärieindianer 
waren Streitkolben (Tomahawks) von denselben beiden Formen, die uns 
schon im Osten begegnet sind (Taf. II, Pig. 80 — 32), — nur trug bei ihnen die 
sichelförmige Flachkeule auf der Außenseite gew^öhnlich noch eine breite Stahl- 
klinge — , dazu ein spitzeiförmiger Dop})elhamiuer mit federndem Grriff (Taf. II. 
Pig. 34) und eine Keule mit Steinkopf, der in Leder eingenäht und beweglich 
war (Taf. II, Pig. 33). Später wurden mit dem Namen „Tomahawk" meist 
die eingeführten europäischen Eisenäxte bezeichnet (Taf. II, Pig. 35). Mittels 
einer Schnur umgehängte runde Schilde aus BüfEelhaut, bemalt mit Figuren, 
die sich auf Visionen und Träume des Trägers bezogen, und geschmückt mit 
Federn, waren die einzigen Schutzwaffen (Taf. II, Fig. 5a, b). Das Skal- 
pieren (Taf. n, Fig. 36; Fig. 37 ein Skalpiermesser mit reichverzierter Scheide 
und einem Stück Bärenkiefer als Griff) war allgemeine Kriegssitte; doch haben die 
Skalpprämien der Europäer, die das Grenzgesindel zu einer ganz besonders regen 
Tätigkeit in dieser Richtung ermunterten , wohl erst zur Verbreitung dieser 
Sitte aus dem Osten, wo sie ursprünglich heimisch war, den Anlaß gegeben, 
wenn auch einige Stämme, z. B. die Dakota, eine ähnliche Form, die Kopf- 
trophäe, bereits kannten. Kannibalische Gebräuche kamen im Norden nur 
vereinzelt vor, waren dagegen bei den südtexanischeu StänuiKMi allgemein: 
die Tonkawa gaben noch 1862 Proben davon. 

Von allen Präriestämmen waren die Teton-Sioux die kriege- 
rischsten; unter hervorragenden Führern, wie Makhpiya-luta f„Red 
Cloud") und Tatanka-yotanka („Sitting Bull") haben sie den Weißen 
zähen, wohlorganisierten Widerstand entgegengesetzt und blutige 
Niederlagen beigebracht, unter denen die Vernichtung des Custerschen 
Korps am Little Bighorn River im Jahre 1876 am bekanntesten 
geworden ist. 

Dem Orenda- oder Manitubegriff der östlichen Stämme ent- 
spricht in der Religion der Prärieindianer das Wakonda der 
Sioux: die bewegende, belebende Zauberkraft, die allen Natur- 
gegenständen innewohnt, denn nichts gilt als unbelebt. Weiterhin 
bedeutet wakonda alles Wunderbare überhaupt, auch ohne örtliche 



122 



Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittel amerikas 



Beschränkung, und durch Steigerung dieses Begriffs ist der Prärie- 
indianer dann, anscheinend selbständig, zum Begriff eines höchsten 
Wesens gelangt, das gewöhnlich nur ganz unbestimmt benannt wird 
mit Ausdrücken wie „großer Geist" (wakan tanka), „Herr des 
Lebens", „der Alte, der nie stirbt". Auch der Tirawa der Pani, 
der alle Himmels- und Sterngottheiten geschaffen hat, ist ein solches 
höchstes Wesen. 

Den Glauben an eine Mehrzahl von Seelen, deren eine mit 




Abb. 25. Plattformgrab der Dakota 
(Nach Yarrow) 



dem Körper stirbt, treffen wir auch bei ihnen an; er mag durch 
Träume und Visionen verursacht sein, die eine so große Rolle im 
Leben dieser Stämme spielten. Die Toten bestattete man oberirdisch, 
auf Plattformen (Abb. 25) oder in den Asten hoher Bäume; das 
Jenseits ist ein getreues Abbild des Diesseits: die „glücklichen 
Jagdgründe", in denen schattenhafte Seelen schattenhafte Büffel 
jagen. Die ganze Natur wird beseelt gedacht. 

Donner und Blitz verursachen riesige Vögel durch ihren Flügelschlag 
und das Offnen und Schließen ihrer Augen; die Dakota glauben an die Unktehi, 
unterirdische Ungeheuer, die das Gewitter erzeugen, und den Winddämon 
Takuschkanschkan, der alles durchdringt und von keinem Avahrgenommen werden 
kann. Bei den Pani und Witschita war ein ausgesprochener Gestirndienst im 
Schwange; jedes Dorf besaß ein heiliges Bündel, das eine auf Haut gemalte 



Die Piäriestäniiue 123 

Sternkarte enthielt. Die allen Algonkin g-emeinsanio Mythe vom Kulturhoros 
(S.lll) haben auch die schon lange vom Hauptstamm getrennten Arapaho bewalirt. 

Der Kultus bestand, da höhere Formen noch fehlten, im 
wesentlichen aus Zauberhandlungen, die sich naturgemäß vor allem 
mit den Jagdtieren beschäftigen, von deren Gedeihen ja die Existenz 
des Stammes abhing. Man suchte daher den erlegten Büffel durch 
Anblasen mit Tabaksrauch zu versöhnen und lockte die Herden 
heran oder sorgte für die magische Vermehrung ihrer Zahl dadurch, 
daß man mit Büffelfellen maskiert Tänze aufführte. Wenn einem 
Pani im Traum oder in einer Vision der Morgenstern erschienen 
war, wurde als Opfer für ihn ein gefangenes Mädchen an ein Pfahl- 
gerüst gebunden und mit Pfeilen erschossen, wodurch zugleich ein 
Fruchtbarkeitszauber ausgeübt werden sollte. Sonst sind eigentliche 
Opfer selten, ebenso wie Götterbilder, an deren Stelle Stammes- 
heiligtümer traten. Hierzu gehören das Taime, ein kleines Stein- 
bild der Kaiowä, das mit Bildern der Sonne und des Mondes bemalt 
war, die heilige Pfeife der Arapaho, die vier Medizinpfeile der 
Scheienne und der heilige Pfahl der Omaha, der vor jeder Jagd 
mit Büffelfett eingeölt wurde, und vor dem man opferte. Ein solcher 
Pfahl wurde auch beim Sonnentanz feste aufgerichtet, das wie 
der Lagerkreis und die militärischen Männerbünde der Präriekultur 
eigentümlich ist und nur bei der Mehrzahl der Dhegiha, Tschiwere 
und Schoschonen nicht bekannt war. Die Okipazeremonie der 
Mandan, bei der die Aufnahme der jungen Leute in die Zahl der 
Krieger erfolgte, ist nur eine Abart des großen Sonnentanzes. 

Es war ein Fest, das einzelne zur Mittsomnierzeit auf Grund von Gelübden 
veranstalteten, zu denen sie große Lebensgefahr, Mangel an Nahrungsmitteln 
im Winter oder besondere Erscheinungen und Träume bewogen hatten. Nach 
langen, vorbereitenden Geheimriten fand der öffentliche Tanz um den Sonnen- 
pfalü in einer großen, runden Festhalle oder auf einem umhegten Platz statt, 
der neben dem Pfahl auch einen Altar mit Büffelscliädeln , Sandgemälden und 
allerlei sonstigen Symbolen umschloß. Die Tänzer, nackt bis auf einen Schurz, 
bemalt und mit Kränzen geschmückt, tanzten dann um den Pfahl, starr das Antlitz 
auf die Sonne gerichtet, und ein Zeichen besonderer Frömmigkeit war es, wenn 
sie sich Pflöcke in Einschnitten der Haut befestigen ließen, die durch Stricke 
mit dem Sonnenpfahl oder mit Büffelschädeln verbunden waren (Abb. 26); nicht 
selten zog man den Tänzer an den Stricken am Pfahl empor, bis die Knebel aus- 
rissen und er bewußtlos zu Boden stürzte. Bei der Okipazeremonie der Mandan 
gingen diesen blutigen Selbstkasteiungen dramatische Aufführungen voraus, die 
sich auf kosmische Vorgänge bezogen. Der Zweck der ganzen Feier ist wohl 
eine magische Herbeiführung solcher kosmischen Vorgänge, von denen man 
Regen und Fruchtbarkeit erwartete. 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 




Abb. 26. Marterszeiie am Sonnentanzfest (Eiiig-eborenenzeichnuiig) 
(Xacli J. Owen Dorsey) 



Dakota 



Ein anderes, ehemals weitverbreitetes Fest war der Kalumet- 
tanz, der noch in neuerer Zeit von den Omaha und Pani ver- 
anstaltet wurde und bei den ersteren die Adoption eines Stammes- 
genossen durch den Veranstalter des Tanzes ausdrückte. 

Hierbei wurden Pfeifenattrappen (Kalumets, Taf. IV, Fig. 9) von den 
Tänzern in feierlichem Zuge herumgetragen und segnend über den Häuptern 
der Zuschauer bewegt. Alles an diesen Attrappen — die Farbe des Stiels, die 
rote Furche, die daran entlangläuft, die Federn (des Adlers, Spechts, der Eule 
und Ente), der Spechtkopf am Ende des Stiels — hat bestimmte sj'mbolische Be- 
deutung. 

Zu erwähnen sind noch der Skalptanz, den die Frauen des Stammes 
zu Ehren tapferer Krieger aufführten, und eine Menge kleinerer Zere- 
monien, unter denen die Krankenheilungen die Hauptrolle spielten. 
Der Schamane, dem diese oblageu, arbeitete mit Reifentrommeln und 



Die Nord Westamerikaner 125 

ledernen Rasseln, Tabakspfeifen, Medizinbeuteln (Taf. IV, Fig. 1, ein 
Otterbalg mit reicher Stachelschweinborstenstickerei) und allerlei 
Fetischen. Die starke religiöse Veranlagung der Prärieindianer war 
der günstige Boden, auf dem sich die 1888 von einem schoschonischen 
„Propheten" hervorgerufene, 1890/91 zu dem letzten großen Indianer- 
aufstand führende Geistertanzbewegung in kurzer Zeit über zahl- 
reiche Stämme des Westens verbreitete; zugrunde lag ihr der Grlaube 
an die baldige Wiederkehr der Toten und die Sehnsucht nach der Auf- 
erstehung eines indianischen Messias, der die Bleichgesichter ver- 
treiben und die alten Verhältnisse wiederherstellen würde. 

In der Kunst der Prärieindianer herrscht ein merkwürdiger 
Gegensatz zwischen den rein geometrischen Formen der aufgemalten 
und aufgestickten Verzierungen auf Parfleohes, Mokassins usw. (Taf IV) 
und der überraschendenWirklichkeitstreue der Darstellungen auf Fell- 
mänteln und Zeltdecken (vgl. Abb. 11, Fig. 4). Während die ersteren 
symbolisch gedeutet werden — oft ein und dasselbe Muster bei ver- 
schiedenen Stämmen in ganz verschiedener Weise — , hat sich aus den 
letzteren eine Art Bilderschrift entwickelt, deren fortgeschrit- 
tenste Form die sogenannten „Wintercounts" der Dakota sind: fort- 
laufende Aufzeichnungen, in denen jedes Jahr durch ein abgeschliffenes 
Bild bezeichnet wird, das das wichtigste Ereignis des Jahres (eine 
Epidemie, eine glückliche Jagd, einen Kriegszug) wiedergibt. 

e) Die Nordwestamerikaner 

Mit ihren nördlichsten Ausläufern an Eskimostämme grenzend, 
im Hinterlande überall von Athapasken umgeben und nur im Süden 
tiefer ins Innere' vordringend, bewohnt die inselreiche Fjordküste 
des nordwestlichen Amerika eine Völkergruppe, die sich mit ihrer 
eigenartigen Kultur scharf von allen Nachbarn absondert und fast 
wie ein fremdes Gewächs auf amerikanischem Boden anmutet. Eine 
Reihe verschiedener Sprachfamilien hat sich zur Bildung 
dieser Kultureinheit zusammengeschlossen. 

Im Norden die Tlingit (Koloschen). vom Copper Eiver bis zum 55. Grad; 
im Süden hat ihr Verbroitungsg-ebiet Einbuße erlitten einerseits durch die 
Tsimschian. die nach Boas ziemlich neue Eindringlinge an der pazifischen 
Küste sind, andererseits durch die Hai da der Queen-Charlotte-Inseln, deren 
ünterstamm Kaigäni den Süden der von Tlingit bewohnten Prince-of-Wales- 
Inseln besetzt hat. Südlich vom 52. Grad wohnen die Wakasch- und Seliscli- 
stämme. Zu den Wakasch rechnet mau die Nutka auf Vancouvers West- 



126 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



küste und die Kwakiutl im Nordosten dieser Insel und auf dem g-eg-enüber- 
liegenden Pestlande (hier die zu ihnen g'ehörenden Heiltsuk oder Bellabella). 
Die große Masse der Selisch setzt sich teils aus Küstenstämmen an der Georgia- 
und Juan-de-Fuca-Straße, am Pugetsund und an der Küste von Washington 
und Oregon, teils aus Binnenstämmen in den Stromgebieten des Fräser, Colum- 
bia, Snake und Clarke zusammen. Zu den ersteren gehören u. a. die Kauitschin 
(Cowichin) und Komox auf Vancouver, die Dwamisch am Pugetsund; zu den 

letzteren die Lilluet und Schuschwap im 
Frasergebiet, die Coeur d'Alenes und 
Flathead in Idaho und Montana. Ein 
Seiischstamm, die Bilchula (Bellacoola), 
ist noch weiter nach Norden gelangt ; 
er hat sich zwischen Tsimschian und 
AVakasch an die Küste gedrängt. Die 
südliche Grenze der nordwestameri- 
kanischen Provinz bildet ungefähr der 
untere Columbia mit der isolierten 
Gruppe derTschinuk; Schahaptin 
und Kutenä grenzen an die Binnen- 
selisch im Süden und Osten. Die öst- 
lichen Binnenselisch (Flathead) und die 
Schahaptin (Nezperces) bilden bereits den 
Übergang zu den Prärieindianern (s. o.). 
Alle diese Stämme, selbst die 
Binnenselisch, sind Fischer- 
völker, die im Sommer dem 
Lachs mit Speeren, Hakenstangen, 
Reusen und anderen Fallen nach- 
stellen, wenn er im seichten, klaren 
Wasser der Flüsse hinaufzusteigen 
beginnt; eine andere Lachsart, die 
hauptsächlich Ol liefert, fängt man 
mit beutelartigen Handnetzen. An 
den Küsten werden Robben, See- 
löwen und Wale, Tintenfische und Katzenhaie harpuniert und Dorsche 
und Heilbutten mit großen, am Meeresgrunde verankerten Angeln ge- 
fangen, um, heraufgeholt, mit kurzen Holzkeulen erschlagen zu werden. 
Die Angelhaken sind zweiteilig ; der Haken ist an der Innenseite eines 
hölzernen, U förmig gebogenen oder V förmig zusammengesetzten 
Trägers befestigt. — Der getrocknete Lachs und das in großen 
Holzgefäßen oder auch Kanus mittels heißer Steine ausgelassene 
Fischöl bilden die Hauptnahrung im Winter, neben der die 
Produkte der Sammeltätigkeit der Frauen im Wald und an der 




Abb. 27. Makah-InJianer vom Kap 
Flattery (Unterabteilung der Nutka) 

mit deformiertem Kopf 
(Kach Photograpliie im Besitz des Berliner 

Museums für Völkerkunde) 



Die Norchvestamerikaner 



127 



Küste (Beeren, Wurzeln, Tang, Seegras und Muscheln; aus Farn- 
wurzelmehl wird eine Art Brot bereitet) und die winterliche Jagd- 
beute in den Bergen (Hirsche, Bären, Bergziegen) zurücktreten. 
Während des Wanderlebens im Sommer ist das eigentliche Heim 
des Indianers sein Boot (Abb. 88, Fig. 3), ein schön geformter, 
täuschend einem Plankenboote ähnelnder Einbaum aus dem Stamme 
der roten Zeder (Thuja gigantea); 
im Winter sucht er wieder die 
großen Planken liäuser auf, 
die sich in langen Zeilen an der 
offenen Küste oder im inneren 
Winkel der Buchten erheben. 
Die Plankenhäuser sind bei allen 
Küstenstämmen verbreitet und 
zeigen von Süden nach Norden 
immer entwickeltere Formen. Im 
Süden, bei den Tschinuk und bis 
hinauf zum Pugetsund, gibt es 
ein noch fast gerüstloses Haus 
mit senkrecht gestellten Wand- 
brettern, einer schwachen Ver- 
tiefung im Innern und ohne jede 
Verzierung. Bei den Küstenselisch 
ist das Grerüst schon ausgebildet, 
die Wandplanken sind horizontal 
und schindelartig gelagert, und 
das Dach ist flach, mit leichter 
Neigung nach vorn. Von Van- 
couver nach Norden finden wir 
ein technisch höchst vollendetes 




Abb. 28. Handmeißel zur Holzbearbei- 
tung' (a) und Bastklopfer aus Knochen (b). 
(7* n. Grr.) Kwakiutl und Nutka 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Giebeldachhaus, in dem entweder (Kwakiutl-Nutka) eine erhöhte, mit 
besonderen kleinen Schlaf bauschen besetzte Erdbank an den Wänden 
herumläuft oder (Tsimschian-Haida-Tlingit) das vertiefte Innere 
um den zentralen Feuerplatz stufenförmig ansteigt (Taf. I, Fig. 12: 
Die Holzverkleidung der Vorderseite ist fortgenommen; die Tür 
bildet ein rundes, durch den Wappenpfahl führendes Loch). In 
allen diesen Fällen handelt es sich um Mehrfamilienhäuser. Bei 
den Kwakiutl-Nutka gab es auch Pfahlbauten; die Binnenselisch 
und die benachbarten Athapasken und Schahaptin wohnen in 



128 



Amerika. II. Die A'ölker Nord- und Mittelamerikas 



runden, erdbedeckten Grubenhäusern mit vier Zentralpfosten und 
Dachtür (Taf. I, Fig. 7). — Boot und Haus sind die glänzendsten 
Leistungen der hochentwickelten Holzschnitzkunst, die das hervor- 
ragende Merkmal der Nordwestkultur bildet. 

Mit den einfaclion Werkzeugen — Steinaxt und Steinhammer, deren Kling-en 
auf dem kiiickenartig" geformten Schaft festgebunden sind (vgl. Taf. III, Fig. 15, 16), 
Holz- oder Hirschhornkeilen, Meißeln (Abb. 28a), Steinschlägeln — weiß 

man Planken zu spalten und 
wahre Wunderwerke der Kunst 
und Technik aus dem Holze der 
Zeder hervorzuzaubern. Alles ist 
mit einer reichen, eigenartigen 
( ) 1' n a m e n t i k bedeckt , die 
ausehließlich menschliche und 
tierische Motive (Biber, Bär, 
Schwertwal, Hai, Habicht, Adler, 
Rabe, Frosch usw.) verwertet 
und diese in einer ganz eigen- 
artigen Form der Stilisierung 
wiedergibt: Bei jedem Tiere 
werden gewisse Hauptmerkmale 
hervorgehoben und stets wieder- 
holt, mag sich auch die Dar- 
stellung sonst noch so sehr von 
der realistischen Treue entfernen. 
Bei der Dekoration von Flächen 
werden stets zwei Profilansichten 
gegeben, und zwar in der Weise, 
daß (las Tier gewissermaßen 
auseinaudergeschnitten auf die 
Fläche gebreitet wird. Hierbei 
kann das Bild des Tieres in- 
folge der Neigung, alle Gelenke 
des Körpers durch augenartige 
Gebilde zu ersetzen, bis zur 
völligen Unkenntlichkeit in ein Gewirr von Augen und Gesichtern aufgelöst 
werden, wie Boas gezeigt hat. — Die Hau])tleistuiig dieser Kunst sind die 
mächtigen Wappenpfähle, die vor der Front der Häuser stehen und auf der 
Außenseite einer halbierten Zeder eine Fülle in grotesker Weise miteinander 
verschlungener Tier- und Menschenfiguren zeigen (Taf. I, Fig. 12; Taf. VI, 
Fig. 5 ist ein kleinerer Pfahl, anscheinend eines Angehörigen des Schwert- 
walclans; zu Unterst der Schwertwal mit der charakteristischen, hoch- 
aufragenden Rückenflosse, darüber der Almherr, dann der Bär, zu oberst der 
Kranich). Ähnlich verziert sind Wandpfosten im Innern des Hauses, ferner dei' 
ganze Hausrat : bemalte viereckige Deckelkisten mit zusammengebogenen und 
genähten Seitenwänden zur Aufnahme der Kleidung (Taf. VI, Fig. 3), aus- 




Abl). 29. Weberahmen für Bergschafwolle. 

C/s n. Gr. Küstenselisch) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Die Noidwestaiiierikaner 



129 



gchölilto Pettkufen, dorou äußeren LTiiiril) meist die (Tcstalt eines Tieres l)ilder 
(Taf. VI, Fig'. 1), große Schöpflöffel, Angelhaken und Fischkeulcn, Masken. 
Rasseln und Häuptlingsstäbe. Auch anderes Material versteht man in derselben 
kunstvollen Weise zu gestalten; das beweisen die viereckigen Eßnäpfe und 
kleineu Löffel mit zierlich gesclinitztem Griff aus dem Hörn der Bergziege 
(Taf. VI, Fig. 8) und die Tabakspfeifenköpfe aus schwarzem Schiefer, die 
wohl das Kunstvollste darstellen, was die 
Pfeifeiiindustrie untei- den Naturvölkern 
überhaupt erzeugt hat (Taf. VI. Fig. 2). 

Die Zeder ist noch in anderer 
Weise nutzbar; ihr Bast liefert, mit 
breiten, flachen Knochenspateln los- 
gelöst und mit viereckigen, gerieften 
Knochenschlägelu (Abb. 28 b) ge- 
klopft, das Material zu pelerinen- 
artigen Schultermänteln und zum 
Tanzschmuck, der aus dicken 
Kopf- und Halsringen mit Zeder- 
bastbüscheln besteht; die Wurzeln 
und Zweige werden zu Körben und 
konischen, oben in einem schmalen 
Zylinder endenden Hüten (Taf. VI, 
Fig. 4) verflochten. Zederbast 
wurde auch in die prächtigen, mit 
reicher „Augenornamentik" bedeck- 
ten Tanzdecken aus Bergziegen- 
und Hundehaar (Taf. VI, Fig. 11) 
verwebt (vgl. auch Abb. 29). Diese 
gehörten nebst einer ähnlich verzier- 
ten Armeljacke, einem Kopfaufsatz 
(der auf der Vorderseite geschnitzt 
und mit Haliotismuscheln ausgelegt 
ist, eine Bekrönung von Bartborsten 
des Seelöwen und ein langes Rücken- 
gehänge aus Hermelinfellen besitzt), sowie hirschledernen Gamaschen 
mit rasselnden Papageienschnäbeln zum Zeremonialschmuck der 
Häuptlinge bei den nördlichen Stämmen (Tlingit, Haida und Tsim- 
schian; Abb. 30). Die ursprüngliche Kleidung aus Pelzwerk (bei den 
Binnenselisch aus Büffel- oder Hirschleder) ist jetzt ganz durch euro- 
päische Wolldecken (blankets) verdrängt. Das wichtigste Schmuck- 

Völkerkuiide 1 9 







Abb. 30. Häuptling der nördlichen 
Stäinme (Tlingit, Haida, Tsimschian ) 

in Festtracht 

(N'acli Xiblack) 



130 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

material waren früher Dentaliumgehäuse und Haliotismuscheln 
(jetzt Glasperlen, Messingknöpfe usw.) ; die Frauen trugen einen 
ovalen Unterlippenpflock aus Holz, Manche Stämme (z. B. die 
Tschinuk, Kwakiutl) verunstalteten den Kindern auf brett- oder trog- 
förmigen Wiegen in verschiedener Weise die Köpfe (vgl. Abb. 27). 
Merkwürdigerweise nahmen aber gerade die „Flathead" genannten 
Binnenselisch diese Kopfabplattung nicht vor. Die Blüte der Stammes- 
gewerbe — die Haida waren z. B. die besten Holzschnitzer, die 
Tschilkat (Tlingit) die besten Weber von Tanzdecken — und die 
Seetüchtigkeit der nicht selten mit Mattensegeln versehenen Kanus 
(Abb. 88, Fig. 3), mit denen man sich selbst über Meeresarme von 
der Breite des Queen-Charlotte- Sundes wagte, ließen einen lebhaften 
Handel entstehen, bei dem sich sogar schon Wertmesser ein- 
gebürgert hatten, nämlich Blankets und große ornamentierte Kupfer- 
platten (Abb. 31) ; letztere waren mehr eine Art Renommiergeld, dessen 
Wert sich danach richtete, wie viele Decken der letzte Eigentümer dafür 
gezahlt erhalten hatte. Manche Küstenstämme, wie die Tschinuk 
und Tschilkat, maßten sich das Recht eines Alleinhandels mit den 
Stämmen des Inneren an. — Doch es wohnte auch ein kriege- 
rischer Geist in diesen Nordweststämmen, und die ältere Zeit 
hat manche blutige Fehde gesehen. 

Die Angriff s Waffen waren kupferne oder stälilerne Dolche, deren 
Grift: mit Hirsch- oder Elchleder umwickelt ist (Taf. 11, Fig. 22, 23) und die 
die Athapasken teilweise von den Nordwestamerikanern entlehnt liaben, ferner 
g-rofie Lanzen, Bögen und Pfeile (Taf. II, Fig. 8, 10), schwertartige Stein- und 
Knochenkeulen (letztere [Taf. 11, Fig. 26] bei den Nutka und Selisch). Zu be- 
sonderen Schutzwaffen haben es die Tlingit und Haida gebracht; sie be- 
saßen neben Lederkollern (Taf. 11, Fig. 2) Panzer aus zusammengenähten senk- 
rechten Holzlatten (Taf. 11, Fig. 3) und Holzhelme (Taf. 11. Fig. 1) mit masken- 
artigem Gesichtsschutz. Binnenselisch und Tschinuk hatten Stäbclienpanzer (vgl. 
Kalifornien). Kriegsgefangene wurden zu Sklaven gemacht, und oft unter- 
nahm man Kriegszüge zu dem ausgesprochenen Zweck, Sklaven zu erbeuten. Sie 
und ilire Nachkommenschaft bildeten bei allen Stämmen der Nordwestküste, vor 
allem aber bei den Tlingit, Nutka und Tschinuk, einen sehr wesen*^lichen Teil der 
Bevölkerung. Sie wurden im allgemeinen gut behandelt und halfen ihren Herren 
beim Eudern, Fischen und Jagen, waren aber sonst Handelsware und liefen alle- 
zeit Gefahr, bei Festen und sonstigen besonderen Anlässen getötet zu werden. 

Der Zusammenfluß beträchtlicher Reichtümer an Decken, Kupfer- 
platten und Sklaven in den Händen einzelner infolge glücklicher 
Handels- und Kriegszüge hat zu einer schroff ausgebildeten sozialen 
Schichtung (Adel, Mittelstand, Hörige, außerdem Sklaven) geführt. 



Die Nordwestamenkancr 



131 




Adel und Häuptlingstuiii erwuchsen aul' rein plutoki'atischer Basis. Auf- 
häufen von Besitz verschaffte Ansehen, doch nicht so sehr der Besitz selbst, 
als vielmehr die Möglichkeit, bei besonderen Gelegenheiten (Hausbau, Errich- 
tung eines Wappenpfahls , Aufnalinie in einen Geheimbund) große Feste (sog. 
Potlatsch) zu geben und bei diesen Festen durch unerhörte Freigebig- 
keit zu glänzen. Man suchte sich hierin gegenseitig zu überbieten und ging 
sogar bis zum unsinnigen Verschleudern und Vernicliten des Besitzes, indem 

man die wertvollen Kupferplatten zer- 

schlug und die Sklaven hinschlachtete 
(vgl. die Holzstatue Taf. VI, Fig. 6, die 
ein solches Ereignis verherrlicht). Dem 
letztgenanntenZwecke dienten besondere, 
hackenartige Keulen ; sie bestanden aus 
einer Elchgeweihstange, in deren ab- 
stehenden Ast am vorderen Ende eine 
scharfe Steinspitze eingelassen war 
(Tai. II, Fig. 27), oder aus hölzernen Kopf- 
brechern mit querstehenden Knochen-, 
Stein- oder Stahlklingen (vgl. Abb. 32, 
Fig. 3). Daneben gab es auch kurze, 
plumpe Steindolche, die denselben Dienst 
verrichteten (Taf. II, Fig. 25). — Den 
Binnenselisch fehlte ein ausgeprägtes 
Ständewesen. 

Der Gegensatz zwischen 
Norden und Süden, der bei 
aller Einheitlichkeit der nordwest- 
amerikanischen Kultur schon im 
materiellen Kulturbesitze hervor- 
tritt — Holzschnitzkunst_, Haus- 
und Kanubau, der nach strengen 
Gesetzen geregelte Kunststil haben 
bei den Nordstämmen (Tlingit, 
Haida, Tsimschian) ihre Haupt- 
ausbildung erfahren — , führt zu einer direkten Scheidung auf 
sozialem Gebiete. Der Norden (einschließlich der Heiltsuk) ist 
das Gebiet des Clan- und Totemwesens. 

Jeder Stamm zerfällt in eine Keihe von mutterrechtlichen Gentes oder Clanen, 
die sich auf zwei bis vier Pliratrien (meist zwei, „Eabe" und „Adler" bzw. 
„Wolf") verteilen. Jeder Clan hat sein Totemtier, dessen Erlangung einem 
Abenteuer des sagenhaften Ahnlierrn zugeschrieben wird. Das Totemtier tatauiert 
man sich auf den Körper und bildet man auf allen möglichen Gebrauchsgegen- 
ständen ab; die großen Wappenpfähle (totem-posts) zeigen den Ahnherrn in 
Verbindung mit allerhand Wappentieren, die sich meist aus der Clanlegende 




Abb. 31. Ornamentierte Kupferplatte 

(Renommiergeld). (Yio n. Gr.) Haida 

(Berliner Museum für Völlierkunde) 



132 Amerika. 11. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

erklären (vgl. Taf. I, Fig. 12, und Tat. VI. Fig. 5). Eine dramatische Vor- 
führung dieser Legende sind die Maskentäuze. Gleiche Totemtiere begrün- 
den, trotzdem sie selbst nicht als Clanahnen gelten, eine eingebildete Ver- 
wandtschaft zwischen allen Individuen, die sie besitzen, mögen sie selbst ver- 
schiedenen Stämmen angehören; dies hat zur streng durchg-eführten Exogamic 
innerhalb der einzelnen Clane geführt. 

Den Seiischstämmen, Tschinuk und Kutenä ist dagegen das 
Clan- und Wappenwesen ursprünglich fremd. Die „Zelle" ihres Gesell- 
schaftsverbandes ist die endogame Dorfgenossenschaft mit Vater- 
folge und schwachentwickeltem oder ganz fehlendem Totemismus. 
Sie war auch bei den Kwakiutl ursprünglich die Grundlage; doch 
haben sich diese lokalen Verbände bei ihnen infolge andauernder 
Berührung mit den Nordstämmen in Clane umgewandelt; die ursprüng- 
liche V^aterfolge ist mutterrechtlichen Einrichtungen angepaßt worden, 
insofern als man durch Einheirat Wapi^en und Privilegien des Clans 
der Frau zu den eigenen hinzu erwerben kann. Hierbei wird die Frau 
gekauft, während sich bei den übrigen Nordweststämmen die beiden 
Parteien beim Eheschluß gegenseitig beschenken. — Zugleich läuft 
bei den Kwakiutl , mit denen sich besonders eingehend Boas 
beschäftigt hat, neben der Geutilverfassuug eine Gruppierung nach 
Geheimbünden her, durch die während des Winters sogar die 
Claneinteilung vollständig aufgehoben wird. Von den Kwakiutl aus 
haben sich die Geheimbünde wiederum zu den nördlichen Stämmen 
verbreitet, sind aber hier (z. B. bei den Bilchula) dem Clansysteiii 
angepaßt worden. 

Außer dem ganz farblosen Wappentier verfügt nämlich jeder Clan über eine 
Eeihe lebendig-wirksamer, persönlicher Schutzgeister, die jeder Clanangehörige 
durcli Visionen infolge von Fasten, einsamem Leben usw. erlangen kann. Diese 
Schutzgeister sind Dämonen, die ihren Schützlingen verschiedene Gaben (Unver- 
wundbarkeit, Fähigkeit, 3Ienschenfleisch zu essen, zu fliegen usw.) verleihen. 
Unter ihrer Führung gruppiert sicli nun im Winter der ganze Stamm in eine 
Reihe von Geheimbünden, deren jeder aus Leuten besteht, die die gleiche Vision 
gehabt liaben, und bestimmte Tänze, Masken und Abzeichen sein Eigen nennt. 
Die stattliche Zahl der Bünde erklärt sich daraus, daß eine ganze Reihe auf 
friedlichem oder feindlichem AVege, d. h. durch Beerbung infolge Einheiratens 
(s.o.) oder Tötung eines Geheimbundmitgiiedes, von Nachbai-stämmen (besonders 
den Heiltsuk). entlehnt worden ist; vielleicht haben überhaupt die Bünde, wie 
Boas meint, in alter Zeit in engem Zusammenhange mit kriegerischen Aktionen 
gestanden, worauf auch der Inhalt der alten Gesänge, die wilden und blutigen 
Riten hindeuten. — Als der vornehmste gilt der Bund der Hamatsa (Hametzen). 
dessen Mitglieder kannibalische Gewohnheiten haben. Die Bünde führen große 
Tanzfeste auf: maskierte Personen stellen dabei die Erlangung des Schutzgeistes 
dramatisch diir. Im Mittelpunkt des Ganzen steht ein ]\Iaskentanz, in dem die 




Abb. 32. Tanzausrüstuiig eines Mitgliedes des Niitliuatl-Bundes, der im Gefolg-e 
der Hamatsa ersclieint und sie gegen Insulten beschützt. Fig. 1 u. 2 Lanzen, Fig. 3 
Streitaxt, mit denen diese Tänzer vorwitzige Zuschauer attackieren, in früherer Zeit 
sogar töteten ; Fig. 4 u. 5 Masken, die besonders an der merkwürdigen Gestalt der Nase 

kenntlich sind, ('/lo n. Gr.) Kwakiutl 

(Orij;iuale im Berliner VöUierkundeiuuseum) 



134 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Herbeilockmig- eines neugeweihten Hamatsa aus dem Walde, wo der Dämon 
von ilim Besitz ergriffen hat, dramatisch vorgeführt wird. Hierbei Avirkeu 
sämtliche Bünde mit, und die mit phantastischen Holzmasken ausgeputzten 
Mitglieder eines jeden befleißigen sich, die ihnen zuteil gewordenen Fähigkeiten 
in höchst geschickten Clown-, Gaukel- und Taschenspielerkünsten zur Geltung zu 
bringen. So benehmen sich die Mitglieder des Nutlmatl-Bundes (vgl. Abb. 82) 
wie Tolle, necken und belästigen die Zuschauer. Die T ochuit- Tänzer ope- 
rieren mit einer beweglichen Attrappe, die die fabelhafte Schlange Sisiutl dar- 
stellt, sie lassen sich scheinbar enthaupten 
oder verbrennen usw. Die Hamshamtse- 
Tänzer, die vor der Entlehnung der 
Hamatsa-Riten von den Heiltsnk einen 
der wichtigsten Bünde der Kwakiutl bil- 
deten, wahrscheinlich überhaupt die Stelle 
der Hamatsa vertraten, tragen Klapp- 
masken (Abb. 33). 

Von einer eigentlichen Ver- 
ehrung der Greheimbunddämonen 
ist nicht die Rede; die Religion 
hat mit diesem Geheimbundwesen 
wenig zu tun. Der Seelen- und 
Zauberglaube bewegt sich in 
denselben Bahnen wie bei den 
übrigen amerikanischen Stämmen. 
Als Ursache von Krankheiten sieht 
man den Seelenraub an; daher 
bemüht sich der Schamane vor 
allem, die Seele wieder einzufangen. 

Bei den Tlingit und Haida gelingt 
es ihm, sie in einen hohlen, geschnitzten 
Knochen einzuschließen und dann wieder 
in den Kopf des Patienten einzusetzen. 
Bei den Binnenselisch sind dazu Unterwcltsfahrten des Schamanen notwendig. 
Der Schuschwap-Schamane führt mimisch einen erbitterten Kampf um die Seele 
auf; bei den Dwamisch wird aus bemalten Brettchen ein Bootsumriß abgesteckt. 
in dem die Schamanen scheinbar die Fahrt in die Unterwelt antreten. Der 
Schamane der Nordstämme erbte gewöhnlich sein Amt vom Oheim (Mutter- 
bruder), konnte es aber erst antreten, nachdem er im Trancezustand seine Weihe 
durch den Schutzgeist erhalten hatte. Seine Geräte waren Rasseln (Taf. VI, 
Fig. 7; außer Holzrasseln auch Reifen mit rasselnden Seepapageienschnäbeln), 
Reifentrorameln und Masken; eine Form der Maske, die hinter einem aufklapp- 
baren Tierkopf ein Menschengesicht zeigt (Abb. H3), beruht ursprünglich Avohl 
auf dem Glauben an einen geisterhaften Doppelgänger menschlicher Gestalt, 
den jedes Tier besitzt (vgl. den Inua der Eskimo, S. 89). 




Abb 



33. Hölzerne Klappmaske. 
(Vio n. Gr.) Kwakiutl 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Die Völker Oregons und Kaliforniens 135 

Die Beseelung der Naturerscheinungen hat sich nur 
bei den Bilchula zu einem richtigen Pantheon entwickelt, an dessen 
Spitze die Göttin Qamaits und der Sonnengott Sench stehen. Der 
Mythus vom Donnervogel (vgl. oben S. 122) ist auch hier ver- 
breitet ; nach dem Glauben der Binnenselisch schießt er mit seinen 
Flügeln Pfeile ab, deren Spitzen man nachher auf der Erde findet 
(„Donnerkeile"). Allgemein begegnen wir der Sage von Kultur- 
heroen. Im Norden (Tlingit, Tsimschian, Bilchula) vertritt ihn der 
Rabe Yelcb (Yeti), der die Sonne aus dem Kasten des Himmels- 
königs stiehlt und den Menschen bringt, nachdem er sich in Gestalt 
einer Fichtennadel von dessen Tochter in übernatürlicher Weise 
hat empfangen und gebären lassen. Er spielt überhaupt, wie im 
Süden der Nerz, die Rolle des listenreichen, verschlagenen Tier- 
helden — des Reinecke Fuchs der deutschen Sagen — , der z. B. 
auch dem Adler Kanuk das Wasser fortnimmt und daraus Seen 
und Flüsse macht und den Hirsch oder Biber veranlaßt, das Feuer 
mittels eines Stückes harzigen Holzes, das er ihm an den Schwanz 
bindet, zu holen. Bei den Kwakiutl und Küstenselisch ist der 
Kulturheros (Kanigyilak, Kumsnootl) dagegen ein Mensch, der große 
Wanderer, der die Menschen aus dem Bauche eines Ungeheuers, 
das sie verschlungen hat, befreit, Berge und Flüsse schaffend über 
die Erde dahinzieht und die Halbtiere der Yorwelt in wirkliche 
Tiere und Menschen scheidet. 

f) Die Völker Oregons und Kaliforniens 

Die reiche Gliederung der Nordwestküste schließt zwar mit 
dem Columbiaflusse ab , doch sind Yölker der Nordwestprovinz 
(Selisch) noch etwas weiter südlich verbreitet. Zwei Breitengrade 
südlich von der Mündung des Flusses kann man etwa die Nord- 
grenze der kalifornischen Kulturprovinz annehmen, die den Küsten- 
strich bis zu den Sta.-Barbara-Inseln und das große Längstal zwischen 
Küstenkordillere einerseits, Kaskadengebirge und Sierra Nevada 
andererseits umfaßt. Die zahlreichen, früher für sprachlich isoliert 
gehaltenen Völkchen dieser Provinz gehören wahrscheinlich einigen 
wenigen, größeren Sprachgruppen an. 

So lassen sich die Maidu und Win tun, Miwok und Yokuts zu 
einer Zentralgruppe zusammenfassen, die das ganze Längstal erfüllt ; nur ein 
Zweig (die K o s t a n o) saß einst an der Küste südlich der Bai von San Fran- 
cisco. Im Nordwesten lagert sieh eine andere Gruppe sprachverwandter Stämme 



]36 Amerika. II. Die Vöiker Nord- und Mittelamerikas 

(Schasta, Karok, Porno) bogenförmig- um die Zcntralgruppe; sie ist durch 
eindringende Athapasken (u. a. die Hupa) auseinandergesprengt worden. Das- 
selbe gilt von den Nachbarn der Karok, den Yurok, die vielleicht einen 
äußersten, bis an den Pazifischen Ozean gelangten Ausläufer der großen Al- 
gonkin-Familie darstellen. Der seenreiche Nordosten des Gebietes wird von 
den sprachverwandten Kl am ath undModok eingenommen, der Küstenstrich 
im Südwesten mit den davor gelagerten Sta. -Barbara-Inseln von den Salinas 
und Tschumaschen, die ebenfalls eine Gruppe bilden. Der ganze Südosten 
ist von S ch s chon e n Stämmen besetzt, die sich erst in neuerer Zeit 
aus dem Great Basin bis an die Küste zwischen Tsclnimaschen und Yuma ge- 
schoben hatten und in der Richtung auf den Tularesee (im Gebiet des Kern- 
liiver) in tatkräftigem Vordringen gegen Zentralkalifornien waren. An der 
Küste sind sie (wie die Yuma) schon frühzeitig (seit 1769) in den Bereich der 
spanischen Missionen S. Diego, S. Luis und Los Angeles geraten und haben 
die Bodenkultur übei'nommen. 

Mit Ausnahme dieser „M i s s i o n s i n d i a n e r" und zweier „Kontaktzonen" 
(s. Einleitung) im Nordosten und Südosten ist das Kulturbild der kalifornischen 
Stämme ziemlich einheitlicli. Doch dürfen nicht jene Fremdvölker übersehen 
werden, die zahlreiche Elemente nordwestamerikanischer Pischer- 
kultur nach Kalifornien gebracht haben. Dazu gehören im Nordwesten die Hupa, 
durch welche die Karok, Yurok und Schasta kulturell stark beeinfiußt und so 
typisch nordwestamerikanische Dinge wie der Einbaum, das viereckige Planken- 
haus und der Stäbchenpanzer in Kalifornien eingeführt wurden (der letztere kommt 
auch bei den Klamath, Schasta und Maidu vor, vgl. Taf. II, Fig. 4); noch mehr aber 
im Südwesten die 1853 ausgestorbenen Tschumaschen, die mit ihren Harpunen, 
ihrer Hochseefischerei, ihren seetüchtigen Booten mit Plankenaufsatz, ihrer 
Neigung zu Krieg und Handel, ihrer festen Stammesverfassung mit despotischen 
Häuptlingen und ihren buntbemalten „Totempfählen" ganz aus ihrer Umgebung 
herausfallen und offenbar ein weit nach Süden verschlagenes Volk des nord- 
Avestamerikanischen Kulturkreises darstellen (Friederici). Ihr Einfluß ist noch 
bei den Yokuts zu spüren. 

Die Kultur der Kalifornier steht im allgemeinen auf einer 
niedrigen Stufe, doch sind, wie Krause in einem jüngst erschienenen 
Buche über diesen Gegenstand ausgeführt hat, die primitiven Züge 
in einer ganz merkwürdigen Weise „intensiviert" und nach einer 
bestimmten Kichtung hin entwickelt worden. Das gilt zunächst 
von ihrer Sammel Wirtschaft. Es ist eine höchst bemerkens- 
werte Tatsache, daß Völker in einem mit allen Gaben der Natur 
gesegneten Lande, aus dem die Amerikaner seit 1848 einen „Garten 
Gottes" gemacht haben, auf dieser niedrigen Wirtschaftsstufe stehen- 
geblieben sind, ohne je den Schritt zum Anbau zu tun. Aller- 
dings wird wohl nirgends auf der Erde das Sammeln pflanzlicher 
Nahrungsmittel so intensiv betrieben wie hier. Hauptnahrungsniittel 
sind Eicheln ; daneben kommen Nüsse von Pinus Sabiniana, Früchte 



Die Volker Oregons und Kaliforniens 



137 



der Roßkastanie, Beeren des Manzanitastrauchs, Samen von Gras- 
arten, wildem Hafer, Ranunculus und Sonnenrosen, Wurzeln von 
Camassia esculenta und Lilienzwiebeln in Betracht. In den Seengebieten 
des Xordostens fischen noch heute die Klamath und Modok die auf 
dem Wasser schwimmenden reifen Samen der Seerose (Wokas) auf, 
und in den meilenweiten Grastiuren des großen Längstales wurde 
der Klee frisch vom Stengel weg gegessen, wobei die Wintunkinder 
auf allen vieren, wie das Vieh auf der Weide, in den Kleefeldern 
herumkrochen. 

Die Eicheln wer- 
den mit Stangen vom 
Baum g-eschlag-en, die 
(Trassanicn mit dem 

..Samenschläo-ev, 
einer Art Kelle ans 
Korbg-eflecht, abge- 
streift, die Wurzeln 
mit dem Grabstock 
(der im Süden in alter 
Zeit einen ringför- 
migen Bescliwerstein 
trug) aus der Erde ge- 
hoben. Die Zuberei- 
tung der Früchte ist 
ein verwickelter Pro- 
zel). Die Eicheln wer- 
den auf einem Stein 

enthülst, die Samen in einem Korb ausgedroschen; dann röstet man sie mit 
glühenden Holzkloben in Korbschalen, zerstampft sie auf flachen Steinen oder 
anstellenden Felsjjlatten, denen ein Korb ohne Boden als Band mittels Asphaltes 
aufgeleimt wird (Steinmörser gab es in vorgeschichtlicher Zeit), und bereitet nun 
aus diesem Mehl, das zuvor noch in flachen Sandvertiefungen durch Auslaugen 
mit heißem Wasser von Bitterstoffen befreit wird, Brei, Brot oder Kuchen. 
Zur Herstellung des Breies wird, Avie sonst in Amerika (S. 116, 126), das „Stein- 
kochen" (hier in Korbschalen) angewandt iAbb. 34); Brotlaibe werden, in Blätter 
gewickelt, in lieißer Asche oder Erdöfen gebacken und flache Kuchen dadurch 
erzielt, daß man den Brei auf sonnenerhitzte Felsplatten gießt (Hupa). Ein 
Aveinartiges Getränk gewinnt man aus Manzanitabeeren und Zucker aus dem 
Saft der Zuckerföhre (vgl. den Ahornzucker im Osten, S. 101). 

Wenn auch die Herstellung von Mehl und Brei, Brot und 
Kuchen auf den ersten Blick sehr an die Art der Nahrungs- 
zubereitung, wie sie in der Maisbaukultur des Südens und Ostens 
im Schwange ist, erinnert, so sind doch, wie Krause ausführt, die 
in Kalifornien angewandten Methoden (Zerstampfen, Steinkochen, 




Abb. 34. Steinkochen in Körben. Kalifornien 
(Frei nach einer von ilolmes verütfeiitlicliteii Zeichnung) 



138 



Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Backen in Erdöfen) andere und weisen auf die nördliche Jägerkultur 
hin, wo ja auch das Sammeln, freilich in viel geringerem Maße 
als in dem reich gesegneten Kalifornien, betrieben wurde (S. 93, 100). 
Im Jäger tum ist die ganze sonstige Kultur der Kalifornier tief 
verankert. An Hirschen und Elchen, allerlei Kleinwild und zahl- 
reichen Land- und Wasservögeln waren 
die weiten. Grasfluren mit ihren park- 
artig eingestreuten Eichenwäldern im 
großen Längstale, die Koniferenwälder 
mit ihren riesigen Sequoien im Gebirge 
und die breiten Rohrsümpfe an den 
Flüssen einst überreich. Auch hier 
ist das Beschleichen der Herde durch 
verkleidete Jäger, die Hetzjagd gegen 
aufgestellte Schützen, das Einkreisen 
mit Feuer, das Treiben zwischen zu- 
sammenlaufende Zäune üblich, wie bei 
den anderen nordamerikanischen Jäger- 
völkern. Schlingen gebrauchen die 
Maidu zur Wachteljagd, und Netze 
werden besonders gegen Wasservögel 
angewandt. Hauptwaffe ist der flache 
Bogen, der auf der Vorderseite einen 
Überzug aus Sehnenfaserleim trägt 
(Taf. n, Fig. 6), mit kurzen Pfeilen, die 
eine Steinspitze haben (Taf. II, Fig. 7); 
daneben (bei den Südkaliforniern) auch 
ein gebogener Wurfstock und in alter Zeit 
auf den Sta.-Barbara-Inseln eine merk- 
würdig kurze Speerschleuder (Taf. II, 
Fig. 21). Die Lachs fischerei in 
den Küstenflüssen tritt stärker im Nord- 
westen hervor, wo nordwestamerikanische Einflüsse vorwalten. Die 
Flüsse werden mit Zaunwehren abgesperrt, oder der Fischer 
harpuniert den Lachs von einer im Wasser errichteten Plattform 
aus. Netze, Haken- und Stäbchenangeln sind gleichfalls bekannt 
und werden auch gegen andere Fische (Aale, Forellen) angewandt. 
Im Nordwesten (bis zum Kap Mendocino) und bei den Klamath 
und Modok tritt auch der Ein bäum auf, während sonst überall 




Abb. 35. Hupa-Frau in alter 

Tracht 

(Xach Powers) 



Die Völker Oreeons und Kaliforniens 



139 



ein einfaches Floß aus Binsen- oder Rohrbündeln als Fahrzeug 
auf Flüssen, Seen und Küstengewässern dient. Auf sumpfigem Ge- 
lände benutzen die Klamath einen Sumpfschuh, der als letzter 
Ausläufer des nordischen Schneeschuhs aus einem Reifen besteht, 
der mit einem Netzwerk von Riemen versehen ist. 

Auch der Hausbau weist viele Beziehungen zum Norden auf, 
die sich vor allem in der Versenkung und Erdbedeckung der Hütten 
äußern. 

Die jüngste Form ist das rechteckige Bretter- oder Rindenplattenliaus mit 
Giebeldach und versenktem Innenraum, das bei den Hupa und ihren Nachbarn 
üblich und zweifellos ein Ableger des nordwestamerikanischen Plankenhauses 
ist. Bei den mei- 
sten übrigen wal- 
tet der Rundbau 
vor ; im nörd- 
lichen Teil des 

Küstengebirges 

(Pomo usw.) 
herrschtein kegel- 
förmiges Zelt mit 

Kindenplatten- 
bedeckung und 
Gangtür (Taf. I, 
Fig. 10), bei den 
MivvokeineKogel- 
dachhütte mit 
Wänden aus senk- 
recht gestellten Brettern und einem Dach aus Holzschindein, im großen Längs- 
tal ein rundes, versenktes Erdhaus mit Dachtür und endlich an der kali- 
fornischen Küste südlich von der Bai von Sau Francisco der vielleicht älteste 
kalifornische Haustypus, eine Kuppelhütte aus zusammengebogenen Stangen 
mit Gras- oder Binsenbedeckung. Die furchtbare Erdflohplage zwang die Be- 
wohner der zuletzt genannten Häuser, sie alle Frühjahre niederzubrennen. Eine 
große Verbreitung haben die Schwitzhäuser, die vielfach gleichzeitig als 
Versammlungsräume dienen. 

Wenig beeinflußt von nördlichen Formen ist die Tracht. 
Oberkörper und Beine bleiben meist unbekleidet; um die Hüften 
legt der Mann ein Hirschfell, die Frau einen Gürtel aus Reh- 
leder, an dem vorn und hinten ein Schurz aus Gras, zerfaserter 
Rinde oder Fellstreifen befestigt wird. Bei den Nordweststämmen 
(Hupa usw.) flechten die Frauen die Haare in zwei Zöpfe, bedecken 
den Kopf mit einer Kappe aus Korbgeflecht und legen um die Hüften 
einen Rock aus Hirschleder, der vorn offen ist und darunter den Schurz 




Abb, 36. Körbe der Pomo. Links ein Korb mit eingefloehteneu 

Federchen und Muschelscheibchen; der kegelförmige Korb 

rechts ist ein Tragkorb, ('/n n, Gr,) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



140 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelanierikas 

aus Lederfransen mit aufgereihten Fruchtscluilen hervorblicken läßt 
(Abb. 35). Hübsch und geschmackvoll sind die großen Mäntel, 
die durch Inein anderflechten zusammengedrehter Fell- oder Vogel- 
balgstreifen hergestellt werden und auf beiden Seiten einen weichen 
Pelz zeigen; sie sind zugleich die hervorragendste Leistung der 
kalifornischen Technik neben der außerordentlich hoch ent- 
wickelten Flechtkunst, in der die Kalifornier alle anderen Indianer 
weit hinter sich lassen, und neben der Feder-, Muschel- und Stein- 
bearbeitung, durch die sich die Kalifornier gleichfalls weit über 
die Stufe eines niedrigen Sammler- und Jägertums erhoben haben. 

Die Plechtkunst erzeugt Körbe in allen Größen, Formen und Techniken 
(meist in einer entwickelten Spiralwulsttcchnik) ; sie sind mit farbigen Mustern 
verziert, die bestimmte Namen tragen (Abb. 36), und (bei den Pomo) mit einem 
bunten Federpelz überzogen. Die breiten ledernen Zcremoniaikopf binden der Nord- 
westkalifornier zeigen eine regelrechte Mosaik aus Streifen weißen Hirsclifells, 
inetaliisch grünen Entenbälgen und scharlachroten Spechtkopfhäuten, während die 
Zentralkalifornier Stirnbinden aus den Schwanzfedern des Goldspechtes mit 
rtatternden Enden, Federkronen, -büsche und -stäbe (gewöhnlicli in Vei-bindung 
mit einem geflochtenen Haarnetz, Abb. 38), sowie Mäntel aus Adler- oder Falken- 
federn, die in ein Netzgeflecht eingeknüpft sind, als Festputz tragen. Neben dem 
Feder- war der Mu s ch ei s climuck weit verbreitet. Meist werden runde, 
weiße Scheibchen aus Muschelschale (Saxidomus in Zentralkalifornien, Olivella 
in Südkalifornien) geschliffen; in Nordwestkalifornien benutzt man — Avie in 
Nordwestanierika — die ganzen Gehäuse der Dentalium- und viereckige Stücke 
aus der in allen Farben des Regenbogens schillernden Haliotisschnecke. Die oft 
viele Meter langen Stränge aus Muschelscheibchen oder Dentaliumgehäusen 
sind Wertmesser, die bei Spielen und Festen, Brautwerbung und Adoption. 
Totenfeiern und Friedensschluß, kurz bei jedem wichtigen Ereignis im Leben 
des Kaliforniers, eine große Rolle spielen; daneben gibt es noch andere Sorten 
„Geld", wie die sauber polierten Zylinder aus Magnesit oder Dolomit bei den 
Pomo und die Kopfbälge des Rotko})fspechtes bei den Hupa. Die Bälge werden 
in kleinen, hübsch geschnitzten Eichhornschachteln aufbewahrt (Abb. 37). Da die 
Töpferei vollkommen fehlt, werden neben Eleldiorn auch Muschelschale und Holz 
zu allerhand Behältern und Löffeln verarbeitet. Eine ziemliche Höhe hat auch 
die Technik der Steinbearbeitung erreicht. Obsidian, der vom Mount Shasta 
herkommt, Feuerstein und Jaspis geben den Stoff zu Lanzen- und Pfeilspitzen, 
Messern und Dolchen. Die letzteren wurden durch herumgewickelte Fellstreifen 
oder Holz- und Knochengriffe geschäftet. Die Nordwestkalifornier besitzen 
große blattförmige Klingen aus Obsidian, die eine Art „Schatzgeld" sind und 
nur bei hohen Pesten zum Vorschein kommen. Wahrscheinlich dienten sie ehe- 
dem als wirkliche Waffen, wie die großen Stahldolehe der Nordwestamerikanei'. 

Die gesellschaftliche Verfassung der Kalifornier, deren 
Aufhellung wir Krause verdanken, ist durch das völlige Fehlen des 
Gentilwesens, die schwache Ausbildung des Häuptlingstums und das 



Die Völker Oregons und Kalitornieiis 



141 



Zurücktreten der Stammesorganisation gekennzeichnet. Die Grundlage 
bildet überall die vaterrechtliche Familie, die zugleich Blut-, Wohn-, 
Besitz- und Kultgemeinschaft ist. und als höhere Einheit, wie weiter 




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nördlich (S. 132), die endogame Dorfgenossenschaft. Jede Familie 
hat ein Anrecht auf bestimmte Jagd-, Fisch- und Sammelgründe, die 
durch Grenzmarken gekennzeichnet werden. An der Spitze des 
Dorfes steht der Eat der Familienhäupter, bei den Porno, Maidu, 



142 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Miwok u. a. auch ein erblicher oder gewählter Häuptling mit ge- 
ringen Machtbefugnissen. Ausschlaggebend für seine Wahl ist eine 
gewisse Wohlhabenheit, die ihn instandsetzt, Gäste zu bewirten 
und in Zeiten der Not das ganze Dorf zu beköstigen. Neben ihm 
gibt es gewöhnlich noch einen Leiter der Zeremonien und einen 
Anführer im Kriege. Als Ansatz zu höheren staatlichen Gebilden 
ist der Zusammenschluß mehrerer Dörfer zu betrachten, der bei 
den Nordwestkaliforniern, Schasta undPomo aus religiösen Gründen 
(zur gemeinsamen Feier von Festen) erfolgt; eine eigentliche feste 
Stammesverfassung mit starkem Häuptlingstum besaßen aber nur 
die Tschumaschen und Yokuts (s. o.). 

Wenn das sommerliche Jagd- und Sammelleben vorüber ist, 
bezieht der Stamm wieder seine festen Winterdörfer, um von den 
aufgespeicherten Vorräten zu leben. Dann finden die Feste statt, 
gewöhnlich in besonderen Versammlungshäusern, die größer 
als die Wohnhütten sind und im Nordwesten aus viereckigen, im 
übrigen Gebiet aus runden, überdachten Grubenhäusern bestehen. 
In ihnen wohnen die Männer bei den Nordwestkaliforniern (Hupa, 
Karok, Schasta) den ganzen Winter über, getrennt von ihren Familien. 
Die übrigen Stämme besitzen einen Männerbund, der alle Männer 
des Dorfes umfaßt und noch ausgesprochen den Zweck verfolgt, 
die Weiber einzuschüchtern, die auch nicht die Zeremonialhütte 
betreten dürfen. Die Bünde suchen durch ihre Tänze, bei denen 
die Mitglieder lediglich durch umgelegte Felle oder bezeichnenden 
Federschmuck (Abb. 38) und durch Bewegungen, nicht aber durch 
Masken, bestimmte Tiere oder Totengeister andeuten, vor allem 
Zauberwirkungen auszulösen, durch die die Abwehr böser Ein- 
flüsse und die Beeinflussung der Tier- und Pflanzenwelt (besonders 
ihre magische Vermehrung) erzielt werden soll. 

Beim „Enteutanz" der Maidu tragen die Teilnehmer eine g-anz mit Daunen 
bedeckte Netzkappe auf dem Kopfe und ahmen das Geschnatter der Enten nach; 
beim „Eicheltanz" wird die ganze Eichelernte mimisch vorgeführt, beim 
„Spechtstanz" das hurtige Erklettern der Bäume durch den Specht. Die beiden 
Haupttänze der Nordwestkalifornier sind der „weiße Hirschtanz" im Sommer, 
bei dem Stammesheiligtümer darstellende weiße Hirsclifelle und große Obsidian- 
messer (s. o.) feierlich vorgeführt werden, und der „Springtanz" im Herbst, zu 
dem sich die Tänzer mit den (S. 140) erwähnten breiten Stirnbindeu schmücken. — 
F eder s täb e (Yokoli) werden bei den Maidu ähnlich wie bei den Pueblos als 
Gaben dargebracht oder dienen dazu, einen heiligen Ort als solchen zu kenn- 
zeichnen. Unter den Musikinstrumenten treten neben Doppelflöten aus 
den Knochen des wilden Schwans besonders Rasseln aus den Kokons des 



Die Völker Oregons und Kaliforniens 



143 



Attacus californicus liervor; beide sind bei den Maidu Hauptgeräte des 
Schamanen. 

Die Totenseelen werden sehr gefürchtet; man sucht mit allen 
Mitteln jede Erinnerung an den Toten durch Verbrennen seines 
Hauses, Zerstören seines Eigentums, Vermeiden der Nennung 
seines Namens auszulöschen und verbrennt bei der großen jähr- 
lichen Totenfeier eine Menge Gaben (Kleidung, Schmuck, Geräte, 





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Abb. 38. Tanzkopfputz kalifornischer Stämme, wie er 1816 in der Gegend des 
heutigen S. Francisco getragen wurde. Links die beiden Arten der Befestigung 

des Spechtfederbandes 
(Nach Choris) 

Nahrung), um sie dem Toten ins Jenseits nachzusenden. Im 
Kultus ist die Ausbildung eines festen Rituals und eines Symbo- 
lismus — Dinge, die so kennzeichnend für amerikanische Völker 
sind — noch kaum zu spüren ; bei den Nordwestkaliforniern über- 
wiegt die Rezitation der heiligen Formel, deren Kenntnis schon 
genügt, um das Priesteramt auszuüben, alle anderen Kulthandlungen. 
Die Mythologie zeichnet sich vor den meisten anderen nord- 
amerikanischen Mythologien durch den Glauben an einen höchsten 
Gott und eine Weltschöpfung aus, während Wandersagen und Fabeln 
von mythischen Ahnherren ganz fehlen. 



144 Amerika. II. Die Völker Nord- und MitteLimerikas 

Ein liöclistes Wesen ist der im Himmel thronende Kareya der Karok. 
Yimantuwingyai, der Kulturlieros der Hupa, wohnt jenseits des Ozeans und 
hat der Erde ihre jetzige Gestalt gegeben. Am folgerichtigsten aufgebaut 
ist die Mythologie der Maidu, die in einer fortlaufenden Folge von Ereignissen, 
durch die sich wie ein rotes Band der Gegensatz zwischen dem Schö])fergotte 
Kodoyanpe und seinem Widersacher, dem listigen Koyoten, zieht, von der 
Schöpfung der Welt bis zum Erscheinen der Menschen hinüberleitet. Am An- 
fang der Dinge war das unbegrenzte Urmeer, auf das sich der Schöpfergott 
vom Himmel herabläßt; die Menschen entstehen aus kleinen Holzfiguren. 
Der Kulturheros Oankoitupeh gewinnt im Ratespiel mit Knochenstäbchen, dem 
die Maidu noch heute mit Leidenschaft nachhängen, die Menschheit zurück, die 
sein Großvater dereinst an seinen Rivalen verspielt hatte. 



g) Die Piiebloiiidiauer 

Die Hochebenen Neumexicos, Arizonas, Colorados und des 
südlichen Utah sind und waren schon in alter Zeit die Sitze einer 
ackerbauenden Bevölkerung mit eigenartiger, sehr einheitlicher 
Kultur, deren Träger heute vier verschiedenen Sprachfamilien 
angehören und im ganzen sechsundzwanzig „Pueblos" (Dörfer) be- 
wohnen. 

Der Schoschonenstamm der Hopi (Hopitu schinumu = friedliche Leute; 
3Ioki ist ein anderer Name fremden Ursprungs) bewohnt in Arizona: geg'en- 
wärtig sechs Pueblos, die sich auf drei „Mesas" (isolierten kleinen Plateaus) 
erheben und deren bedeutendster heutzutage Oraibi ist. Das endgültige Hinauf- 
siedelu auf die Mesas ist erst in geschichtlicher Zeit (Ende des siebzehnten Jahr- 
hunderts) erfolgt, als sich die Angriffe der wilden Nomadenstämme (s. u.) 
mehrten und ein Eroberungszug der S])anier zu befürchten war; ursprünglich 
lagen die Hopidörfer, wie noch heute Zuni, im Tale, wo sie den Feldern und 
dem Wasser nahe waren. — Schon früh, L540, wurde das Gebiet der Hopi 
(Tusayan) von einem Streifkorps der spanischen Expedition unter Coronado be- 
sucht, und 1629 wurden bei ihnen Missionen angelegt. Doch als in dem großen 
Aufstande von 1680 die Missionare vertrieben wurden und 1700 Awätobi, ein 
großer und volkreicher Hopi-Pueblo, der noch 3Iissionen zuließ, von d(Mi er- 
bitterten Stammesgenossen zerstört wurde, versanken die ti.o]n ganz in Vci- 
gessenheit, bis sie in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder 
neu entdeckt wurden. Ebenso ging es den Zuni (oder Ascliiwi, wie sie sich selbst 
nennen), die jetzt nur noch einen großen Pueblo bewohnen, einei- selbständigen 
Sprachgruppe, die Coronado 1540 ebenfalls besucht hatte. Damals wolmten sie 
in sieben Pueblos, den sogenannten „sieben Städten von Cibola", d(M(Mi lie- 
deutendste Hawikuh war. Die Keres und Tano (letztere mit den Unter- 
abteilungen der Tewa, Tigua, Jeniez und Piro), die in etwa zwanzig Pueblos 
im Tal des mittleren Rio Grande und auf d(Mi benachbarten Hochfläclien sitzen, 
sind dagegen dauernd mit den Si)aniern in Berührung geblieben und haben 
daher auch am meistiMi ihre kulturelle Eigenart eingebüßt. Einigermaßen rein 



Erläuterungen zu 

Tafel V 

Mouud-Kultur 

1 Cahokia-Mound, Madisou Co. (Illinois); 2 Steinkamraergrab von 
Dunleith (Illinois); 3 Serpent Mound, Adams Co. (Ohio); 4 Wallburg-, 
Butler Co. (Ohio); 5 Wallviereck, Kanawha Co. (Westvirginien). — 
Die Altertümer stammen aus New York (25), Pennsylvanien [(40), 
Ohio (23, 32, 36, 39, 42), Indiana (37. 38), Kentucky (16, 17, 21), 
Illinois (14, 18, 20, 33, 35), Wisconsin (6-12, 13, 34, 41), Georgia (22), 
Alabama (15, 43), dem mittleren Mississippi-Gebiet (19, 24, 26, 27), 
dem unteren Mississippi-Gebiet (28), dem Südappalachen-Gebiet (31), 

der Golfküste (29) und Florida (30). 
Fig. 32 ist in der Zeichnung versehentlich auf den Kopf gestellt 
worden; bei richtiger Stellung sieht man deutlich, daß das Orna- 
ment auf eine merkwürdig stilisierte Menschenfigur 'zurückgeht. 
Fig. 21, eine aus der Schale von Busycon perversum geschliffene 
Scheibe, zeigt nach der Auffassung Holmes' die Darstellung des fast 
allen nordamerikanisehen Indianern bekannten „Chunkey"-Spiels, 
bei dem es darauf ankommt, einen Stab durch einenj-ollenden Stein- 
oder Holzring zu werfen; vielleicht kann man auch an ein Ballspiel 
nach altmexikanischer Art (vgl. S. 167, 196) denken. Der Spieler 
trägt Mokassins, Schambinde, Fellschurz (mit Besatz), Scheitel- 
haarkamm und ^Gesichtsbemalung. Ganz ähnlich ist auch der 
Tänzer auf der Kupferplatte Fig. 22 geschmückt, der in der linken 
Hand eine Maske (?), in der rechten eine Kassel (?) und als Haar- 
zierat einen doppelaxtförmigen Schmuckpfeil trägt. 
20: 74; 21 : Vs; 22: Ve und 32: 2/7 n. Gr.^ 

(6—12, 16—18, 27, 34, ;^5, 38 und 40 nach Originalen im Berliner Museum ^für 

Völkerkunde; die übrigen nach dem Handbook of American Indians und nach 

Holmes, Moorehead, Peet, Squier und Davis, Cyrus Thomas und Wilson) 



Die Puebloindianer 



145 



liabeu sich die alten so- 
zialen und religiösen Ein- 
richtungen noch in Sia, 
einem Pueblo der Keres, 
erhalten. 

Alle Siedlungen 
der Pueblostämme zei- 
gen große Übereinstim- 
mung in ihrer merkwür- 
digen, auf der Erde ein- 
zig dastehenden Bauart. 

Die„Zelle" dieserBau- 
tenist ein viereckiges, nahe- 
zu würfelförmiges Gemach, 
dessen Wände aus Stein- 
platten mittels Mörtels oder 
Lehms aufgemauert oder 
(am Rio Grande) aus Adobes 
(an der Luft getrockneten 
Ziegeln) gebildet sind. 
Das Dach besteht aus 
mehreren Lagen (Balken, 
Sparren, Zweigen, Erde). 
Türen, bisweilen Tförmig 
gestaltet, Fenster, Dach- 
rinnen , Schornsteine aus 
übereinandergesetzten Ton- 
gefäßen oline Boden (zwei- 
fellos spanischenürsprungs) 
und halbkugelförmige Back- 
öfen vervollständigen den 
äußeren, getünchte Wände, 
eine aufgemauerte Schlaf- 
bank, die Mahlsteine — 
mehrere hintereinander, 
rings umstellt von Stein- 
platten — und der oft 
kaminartige und dann sicher 
auch von den Spaniern ein- 
geführte Herd den inneren 
Eindruck (Taf. I, Fig. 4 a 
und b ; letztere der Grund- 
riß eines P^inzelraums mit Kamin und Mahlsteinen). Wie die Bienen aus 
einzelnen Zellen ihre Waben, so haben die Puebloindianer aus unzähligen 
solcher Gemächer ihre großen „üorfhäuser" aufgebaut, indem sie jene terrassen- 
Völkerkunde I 10 




Ablt. 39. Zunifrau 
(Xach M. C. Stevenson) 



146 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

lörmig übereinander ansteigen ließen; den untersten gibt man dann keine 
Türen, sondern macht sie mit Hilfe von Leitern und Dachtüren zugänglich, 
um bei etwaigen Angriffen gesichert zu sein. Diese „Dorfhäuser" bilden 
teils regellose, von allen Seiten terrassenförmig ansteigende Haufen, teils 
„Straßendörfer"^ mit mehreren Häuserzeilen, die parallel nebeneinander liegen, 
teils „Hofdörfer", bei denen die Terrassen von einem ganz geschlossenen 
oder an einer Seite offenen Hofe ansteigen, während sie nach außen nur die 
hohen, glatten Wände kehren. Während die heutigen Pueblos meist Haufen- 
oder Straßendörfer sind, besteht eine Ruinengruppe im Chaco-Tal (Nordwest- 
Neumexico) fast ganz aus Hofdörfern; die größte und wichtigste der Chaco- 
Ruinen, Pueblo Bonito (Grundriß Taf. I, Fig. 5), hat eine Länge von 667 
bei einer größten Breite von 315 Fuß, stieg einst in fünf Stockwerken an und 
besaß neben zahlreichen (angeblich 641) Wohnräumen 27 kreisrunde, in vier- 
eckige Mauerblöcke hineingesetzte ..Kivas" (s. u.). — Der einfachste und wohl 
auch älteste Typus der Pueblos ist der „Weiler", der aus Gruppen einstöckiger 
Häuser besteht. Er tritt bei den Farmdörfern auf, die die Bevölkerung- im 
Sommer bezieht, wenn die Felder weit entfernt liegen (Krause). 

Die Entstehung dieser eigenartigen Bauweise hat viel Kopf- 
zerbrechen verursacht. Man hat, um sie zu erklären, auf die nicht 
minder eigenartigen Bauten der vorgeschichtlichen Puebloindianer 
verwiesen, die ein weit größeres Gebiet bewohnten als ihre heutigen 
Nachkommen. Vor allem auf die „Cavate lodges" und „Cliff- 
d wellings", die in Höhlen und Spalten der steilen Tuff- und Sand- 
steinwände der Canons des Coloradoplateaus (speziell in den Tälern 
und Nebentälern des Rio San Juan, Rio Grande del Norte, Little 
Colorado, Rio Salado und Verde) angelegt sind und alle Stufen von 
einfachen Erweiterungen der natürlichen Spalte bis zu umfangreichen 
und verwickelten Steinbauten aufweisen (Taf. I, Fig. 3). Die letzteren 
steigen naturgemäß nach dem Hintergrunde der Höhle terrassen- 
förmig an, und hierin erblickte man den Grund, weshalb nach 
Verlegung der Bauten aus den Höhlen in die Flußtäler und auf 
die Mesas der Terrassenbau gewählt wurde. Doch ist zu bedenken, 
daß die Cliffdwellings immer nur zeitweilige Zufluchtsstätten in 
Zeiten der Gefahr dargestellt haben, und daß die Verteidigungs- 
fähigkeit wohl der Hauptgrund für die Anlage von Terrassen- 
bauten gewesen ist, wie sie ja auch zum Hinaufsiedeln der Hopi 
auf die Mesas (s. o.) den Anstoß gegeben hat. Der Terrassenbau 
ist offenbar von vornherein eine Eigentümlichkeit der Pueblokultur 
gewesen. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß sonstige Einflüsse bei der Entwicklung 
dieser Bauweise ganz auszuschließen wären. Jeder Pueblo hat eine Reihe 
von Kivas, Versammlungsstätten der Männer des Stammes, in denen sich 



1 



Die Puebloindianer 147 

auch ein -wesentliclier Teil des religiösen Lebens abspielt; es sind halb oder ganz 
unterirdische, nur durch eine Dachtür zugängliche Räume, die bei den heutigen 
Hopi und Zuni viereckig sind, in den Ruinenorten aber (vgl. Taf. I, Fig. 5 ; 
ebenso auch in den Cliffdwellings) und in einigen modernen Rio Grande-Pueblos 
runden Grundriß aufweisen. Beide Formen, das runde und das viereckige 
versenkte Männerhaus, treten in Kalifornien bei verschiedenen Völkern auf (S. 142) 
und sind also wohl im Pueblogebiet auf eine älteste, der kalifornischen ähn- 
liche Bevölkerungssehicht (S. 74) zurückzuführen. 

Die Feinde, vor denen sich die Puebloindianer jahrhunderte- 
lang zu schützen hatten, waren die aus dem Norden einwandernden 
schoschonischen Yute und athapaskischen Navaho und Apatschen 
(s. die Einleitung, S. 72), von denen die Navaho seßhaft geworden sind 
und sich den Pueblostämmen in vielen Beziehungen angeglichen haben. 
Nur von ihrer Behausung gilt das nicht ; sie bewohnen noch immer 
ihren offenbar aus der nördlichen Heimat stammenden zeltartigen, 
aber erdbedeckten „Hogan", dessen Gerippe aus drei oben ge- 
gabelten Balken besteht, an die zwei andere gelehnt werden, die 
eine Gangtür ergeben (Taf. I, Fig. 6 a, b). Die Apatschen aber, die 
unter unternehmungslustigen Führern (Victorio, Geronimo) ihre 
Raubzüge bis Jalisco ausdehnten, sind ein nomadisches Volk ge- 
blieben, das von der Jagdbeute, Wurzeln und Beeren lebt und in 
rasch errichteten „Khuvas", Bienenkorbhütten aus zusammen- 
gebogenen Stangen und Tulegras, haust. 

Der Ackerbau der Puebloindianer, die vor allem Mais, da- 
neben Bohnen, Melonen, Kürbisse und Baumwolle anbauen, stand 
schon in vorspanischer Zeit auf höherer Stufe, da künstliche Be- 
wässerung angewandt wurde; noch jetzt findet man die alten Kanäle, 
Dämme und Staubecken. Das Hauptgerät des Ackerbaues ist der 
Grabstock, an dem man einen Astvorsprung läßt, um den Fuß 
darauf zu setzen. Die Maiskörner werden auf Mahlsteinen (s. o.) 
zerrieben, und das Mehl wird entweder in Tontöpfen zu einem 
Brei gekocht, auf heißen Steinplatten zu Kuchen geröstet oder in 
domförmigen Steinöfen (Taf. I, Fig. 4 a) zu Broten gebacken. 
Gezüchtet wird seit alters der Truthahn, aber mehr weil man 
seine Federn für den Kultus brauchte, als wegen seines Fleisches. 
Die Navaho sind in spanischer Zeit zu Schafzüchtern geworden. 
Der Jagd auf den Mesas und in den Tälern geht man mit Pfeil 
und Bogen nach. Auf der Kaninchenjagd gebraucht der Hopi eine 
Art Bumerang (Taf. II, Fig. 19); in alter Zeit war auch die Speer- 
schleuder bekannt (Taf. II, Fig. 20). Die Adler, die man ebenfalls 



148 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



ihrer Federn wegen hält, fängt man in Hütten oder (in alter Zeit) 
in Türmen, in denen der Jäger verborgen sitzt. Tabakrauchen 
ist wie bei den Prärieindianern eine feierliche, gottesdienstliche 
Handlung; man bedient sich dabei kurzer Pfeifen mit Holzkopf 
und ßohrschaft. Von Werkzeugen und Waffen sind Stein- 
hammer und Steinaxt mit der in ganz Nordamerika üblichen Rillen- 
schäftung zu nennen. 

Eine noch heute blühende Technik ist die Flechtkunst; be- 
kannte Erzeugnisse derselben sind die buntgemusterten Korbteller aus 
spiralig aneinandergelegten Yuccafaserwülsten oder aus Weiden- 




Abb. 40. Alte und moderne Keramik der Hopi. Das mittlere Gefäß (Ausgrabung) 

stammt aus Awätobi. ('/s n. Gr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 

geflecht (Hopi) und die durch einen Harzüberzug gedichteten Korb- 
gefäße (Yute und Apatschen). Die Töpferei stand in alter Zeit 
höher als gegenwärtig. Die alten Cliffdweller bauten ihre Töpfe 
wie die Körbe aus spiraligen Tonwülsten auf und schmückten sie 
mit schwarzen Mustern auf grauweißem Grunde; aus späterer Zeit 
sind vor allem die prachtvollen polychromen Tongefäße der alten, 
längst verlassenen Hopi-Städte Homolobi, Awätobi und Sikyatki 
hervorzuheben, die ihresgleichen nicht auf nordamerikanischem 
Boden finden (Abb. 40). Auch die AVeberei ist eine alte Kunst 
und der Webstuhl (mit rollenförmigem Fadentrenner, wie in Peru) 
sicher einheimisch. Während früher Baumwolle verwebt wurde, 
sind die heutigen Puebloindiauer und Navaho berühmt durch ihre 
reichgemusterten, bunten Decken aus Schafwolle. Die Kleidung 
der Männer (Poncho) ist von der spanisch-mexikanischen beeinflußt. 
Sie bestand ebedem aus hirschledernen Jacken, Leggings (bis zum Knie) 
und Mokassins. Daneben gab es auch gewebte Gewänder aus Baumwolle und 
Yuccafaser und Mäntel aus Federn oder Fellstreifen. Die alten Cliffdweller 



Die Puebloindianer 



149 



scheinen an Stelle der Mokassins noch dui-chweg Sandalen aus Yuccafaser oder 
Geflecht getragen zu haben und an Stelle der Jacke einen noch heute bei Festen 
gebrauchten baumwollenen Lendenschurz mit bunter Stickerei. Eine Leder- 
kappe mit Federn bei den Kriegern, ein Kopfband bei den übrigen und Hals- 
ketten aus Muschel- oder Türkisperlen vervollständigen das offenbar aus nörd- 
lichen und südlichen Trachtstüeken zusamniens'osetzte Kostüm. 




Abb. 41. Hopiniädchen mit charakteristischer Haartracht 
(Xach Photograpliic im Besitz des Berliner Museums für Völkerkunde) 

Die Frauen haben bis heute ihre alte Tracht im Avesentlichen beibehalten: 
einen sackartigen Rock, der die linke Schulter freiläßt und mit einer breiten, 
gestickten Schärpe um den Leib gebunden ist, eine Schulterdecke und an 
den Beinen dicke gamaschenartige Beinwickel aus Leder, die von den Mokassins 
ausgehen (Abb. 39, 41). Das Haar tragen die unverheirateten Hopiniädchen 
in zwei großen, seitlich abstehenden Wülsten, die über Holzbügeln frisiert 
werden (Abb. 41); ferner schmücken sie sich mit Ohrgehängen aus kleinen 
Holzscheiben mit aufgelegten Türkisplättchen (Abb. 51, Fig. 1). 



150 Amerika, II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Für die Navaho ist der Silberschmuck, den sie aus amerika- 
nischen Dollarstücken anzufertigen wissen, kennzeichnend. Von der 
Bewaffnung ist der lederne Ruodschild, den die Apatschen be- 
sitzen, bei den Puebloindianern nur noch ein Zeremonialgerät. 

Die heutigen sozialen Verhältnisse der Pueblostämme 
zeigen eine Reihe Neubildungen, die an Stelle älterer Formen ge- 
treten sind. Eine Clanverfassung mit Mutterfolge liegt überall zu- 
grunde, auch bei den Navaho, während die Apatschen die lose, 
vaterrechtliche Familien- und Bandenverfassung der meisten schweifen- 
den Stämme haben. Die Hopi zerfallen in etwa hundert kleine, 
exogame Clane, deren Totems Tiere, Pflanzen, Naturerscheinungen 
(Sonne, Blitz, Regenwolke) und Gebrauchsgegenstände (Bogen, Flöte) 
sind, und die sich auf zwölf Phratrien oder numu (Völker) ver- 
teilen ; die letzteren sind nach Fewkes als alte Lokalgruppen auf- 
zufassen, doch ist dieser Ursprung durch die weitgehende Mischung 
infolge des Beieinanderwohnens in großen Dörfern verdunkelt worden. 

In jedem Hopidorf ist eine ganze Reihe von Phratrien vertreten, und 
die vier großen, nach Altersklassen eingeteilten Kultgenossenschaften 
umfr.ssen Mitglieder aller Clane. Und doch hat jede Phratrie ursprünglich ihre 
besondere Kultgenossenschaft besessen; sie Avar auf die Mitglieder der Phratrie 
beschränkt, und erst seit der Zeit, da die Phratrien zusammensiedelten, sind 
diese Gesellschaften allgemein zugänglich geworden. Zwei Kultgenossenschaften, 
die „Schlangen"- und die ..Antilopenpriester", die etwas abseits von den übrigen 
stehen , weil sie nur Mitglieder der Schlangen- bzw. Hörn- (Antilopen-) 
Phratrie aufnehmen, sind noch Überbleibsel der alten örtlichen Kultverbände 
und ihre Feste noch alte Phratrien- oder Clankulte. Die übrigen aber sind 
spätere Bildungen, geschaffen, um das Festritual, das durch das Zusammen- 
fließen der verschiedenen Clankultc immer verwickelter wurde, in der alten 
Form zu pflegen. — In dem Gemisch sprachlich und kulturell verschiedener 
Stämme, das die Hopi darstellen (S. 74) hat der schoschonische Nordstamm 
nur sprachlich das Übergewicht behalten, während sich die Kulte und Zere- 
monien der verschiedenen Stämme nebeneinander behaupteten. Dasselbe Bild 
bieten die Zufii. Ihre sieben Phratrien (mit insgesamt sechzehn Clanen) werden 
zeremoniell nach den Himmelsrichtungen (Ost, West, Nord, Süd, Zenit, Nadir,- 
Mitte) gruppiert, wie das in der Symbolik der Pueblovölker bei den ver- 
schiedensten Dingen üblich ist, und ihre dreizehn Kultgenossenschaften sind 
heute ebenfalls nicht mehr auf die einzelnen Phratrien beschränkt. 

Die alten Phratrien -Kultverbände widmen sich meist der 
Krankenheilung und erst in zweiter Linie dem Regenzauber. Für 
den letzteren sorgt ein augenscheinlich schon seit alter Zeit neben 
ihnen und außerhalb der Clanverfassung stehender Männerbund, 
der bei seinen Zeremonien mit Masken auftritt. Das sind die be- 



Die Puebloindianer 



151 



kannten Katschinatänzer der Hopi, die aber wohl nicht ursprüng- 
lich bei ihnen heimisch waren, sondern durch einwandernde Ost- 
clane vom Rio Grande oder von den Zuni importiert wurden. Bei den 
Zuni spielen die Katschinatänzer noch eine weit größere Rolle ; der 
Kötikili-Bund, dem alle männlichen und einige weibliche Zuni an- 
gehören, tagt in sechs - 
verschiedenen Kivas 
und trägt Masken, 
die die menschen- 
gestaltigen Götter dar- 
stellen , an die sich 
der Bund mit der Bitte 
um Regen wendet. 
Bei der Aufnahme in 
diese Bünde werden 
die Knaben von den 
Maskierten geprügelt 
(Abb. 42); dasselbe 
ist auch bei den 
Navaho der Fall. Die 
Kiva war in der ersten 
spanischen Zeit noch 
ein echtes Männer- 
haus, die Wohnung 
der Unverheirateten, 
deren Betreten den 
Frauen verboten war. 
Sonst genossen 
die Frauen eine ähn- 
lich bevorzugte Stel- 
lung wie bei den Iro- 
kesen. Frauenkauf ist 
unbekannt ; der Mann 

siedelt beim Eheschluß in das Haus der Frau über und kann von ihr 
aus geringfügigen Anlässen fortgeschickt werden ; der Landbesitz wird 
auf die Töchter vererbt. Das Regierungssystem kann als 
theokratische Oligarchie bezeichnet werden, denn die Priester haben 
die ganze Herrschaft in ihrer Hand. Bei den Zuni stehen neun 
(sechs „Regenpriester", die beiden Oberhäupter der „Priesterschaft 




Abb. 42. Züchtig-ung der Knaben bei der Aufnahme 
in den Katschinabund am Powamufest. Die Züch- 
tigung vollzieht ein Maskierter (Ho-Katschina); der 
Knabe steht dabei auf einem Sandgemälde. Hopi 
(Nach Voth) 



152 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

des Bogens" und eine Priesterin) an der Spitze des Stammes und 
ernennen den ganz von ihnen abhängigen Friedens- und Kriegs- 
häuptling. 

Im Gegensatz zu den Nordwestamerikanern bildet im Pueblo- 
gebiete die Religion bei den zeremoniellen Handlungen der ver- 
schiedenen Bünde den wesentlichen Bestandteil. Bei diesen Acker- 
bauvölkern ist die ganze Religion ein Agrarkult. Das Gedeihen 
der Saaten durch die Sonnenwärme, die Erlangung des in dem 
trockenen Gebiete so kostbaren Regens beschäftigen in erster Linie 
die Einbildungskraft des Puebloindianers. Daher sind die Feste 
von einer Menge Zauber handlungen durchsetzt. 

Phallustänze bezwecken das Wachstum; den Regen erlangt man durch 
Rauchen der heiligen Pfeifen (= Erzeugung von Regenv^^olken), Bemalung mit 
Regen- und Blitzsymbolen und durch Aufführen eines künstlichen Gewitters mit 
Streckschere (= Blitz) und Schwirrholz (= Donner; Taf. VII, Fig. 2) bei dem 
großen zeremoniellen Wettlauf am Schlangentauzfest. Dieses Fest, bei dem Mit- 
glieder der „Schlangengesellschaft" mit lebenden Klapperschlangen zwischen den 
Zähnen tanzen, ist selbst nichts als ein Regenzauber; denn die Schlangen, die 
Sinnbilder des Blitzes, sind die Tiere des Regens. — Auch bei Jagd und Krieg 
wendet man wirksamen Zauber mit Hilfe von Fetischen an, die bei den Zufii u. a. 
aus kleinen steinernen Tierfigürchen mit aufgebundenen Pfeilspitzen bestehen. 

Auch die Götterwelt der Hopi, die erst durch das Zu- 
sammenfließen der Clankulte so gestaltenreich geworden ist, ist die 
eines echten Ackerbauvolkes. 

Neben dem höchsten Himmelsgotte (Schotokinungwa) gibt es einen Sonnen- 
gott (Tawa), dessen Weib die Erde (Kokyangwuhti = „Spinnenfrau") ist. Er 
saugt, wenn er über den Himmel wandelt, die „Gebetssubstanz" auf, die nach 
dem Glauben der Hopi die Federstäbe (Baho, Taf. VII, Abb. 11) enthalten, 
über die man seine Gebete ausgesprochen hat (die Sitte, den Gebeten zur Ver- 
stärkung diese materielle Form zu geben, findet sich bei allen Pueblovölkern 
und auch bei den Navaho). Andere Gottheiten sind der Herr der Regenwolken 
(Omauöh), der Gott des Maises, der Fruchtbarkeitsdämon (Saatgott) Alosaka, 
der Wassergeist Balölökong (als große gehörnte oder gefiederte Schlange ge- 
dacht, die im Innern der Erde wohnt) usw. Dazu kommt noch ein Heer niederer 
Dämonen (Katschinas), die als die Seelen aller möglichen Lebewesen, wohl auch 
als mythische Ahnenwesen, gedacht werden. Diese verschiedenen Götter 
und Dämonen oder vielmehr die Maskentänzer, die sie verkörpern, werden 
durch Hol z pupp eh en (Tihu, Taf. VII, Fig. 6—9, 12) dargestellt, die nicht 
Idole sind, sondern im Herbst beim letzten Maskentanzfeste den Kindern ge- 
schenkt werden , damit sie Wesen und Attribute der mythischen Personen 
kennenlernen. Sie tragen alle die unten beschriebenen Masken, teilweise mit 
großen hölzernen Aufsätzen (Naktschi), ferner die alte Zeremonialkleidung 
(große Schulterdecke bei den weiblichen, baumwollener Lendenschurz bei den 
männlichen Gestalten, s. o. S. 149). Fig. 8 ist ein besonders häufiger weiblicher 



Die Puebloindianer 



153 



Typus, der Maisdämon Schalakomana, dessen Naktschi rings von Stufenzinnen 
(= Wolkensymbolen) umsetzt ist, Fig. 9 Alosaka (s. o.) mit den Hörnern des 
weißen Bergschafes auf dem Haupt; sein maskierter Vertreter empfängt in 
dieser Tracht beim Flötenfest den „Flötenclan", dessen Aufnahme in den Hopi- 
Ort Wajpi dramatisch dargestellt wird. 

Diese Gestalten beherrschen den Kultus der Pueblostämme. 
Man stellt hölzerne Bilder von ihnen (freilich weniger als Gegenstand 
derVerehrung, als nur als Staffage) an den heiligen Stätten auf (Taf.YII, 
Fig. 1) und führt sie in den Masken- 
oder Katschinatänzen der ersten 
Hälfte des Jahres leibhaftig vor 
Augen. Die Masken (Taf. VII, 
Fig. 10) sind Gesichtsmasken oder 
haben die Gestalt mittelalterlicher 
Topfhelme und bestehen aus leder- 
überzogenem Geflecht mit Bemalung 
und allerlei An- und Aufsätzen-, 
sie vertreten in gewisser Weise 
Götterbilder, da vor ihnen geopfert 
wird und ihre Besichtigung oder 
Berührung Uneingeweihten verboten 
ist, und können bei gewissen Festen 
durch bemalte, in der Hand ge- 
tragene Bretter ersetzt werden 
(Taf. VII, Fig. 5). Manche der 
Maskierten spielen die Rolle von 
Spaßmachern (Koyemschi), begehen 
bei den Festen allerlei Unfug, 
z. T. obszöne Handlungen, und sind 

an ihren runden, mit Lehm ausmodellierten Masken kenntlich 
(Taf. VII, Fig. 12). Die Feste der zweiten Hälfte des Jahres 
dauern gewöhnlich neun Tage, von denen acht Tage Geheimriten 
in der Kiva, dem Kultusraume, gewidmet sind, während am 
neunten die öffentlichen Tänze erfolgen. 

Die Kivas enthalten im Innern außer einer Steinbank für die Zuschauer 
das Sipapu, eine kleine, runde, gewöhnlich überdeckte Vertiefung im Boden, 
die jenes Loch in der Erde versinnbildlicht, durch das in der Urzeit die Stämme 
aus der Unterwelt emporstiegen; hinter dem Sipapu erhebt sich der Altar 
(Abb. 43), eine hölzerne, bemalte Rückwand, vorder auf dem Boden ein Sand - 
gemälde (Abb. 44) aus verschiedenfarbigem Sand angelegt wird (die größten 




Abb. 43. Altar der Großen Feuer- 
genossenschaft. Zuni 
(N'ach M. C. Stevenson) 



154 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Künstler in Sandgemälden sind die Navaho), das A'on heiligen Gefäßen, Mais- 
kolbenfetischen der Kultgenossenschaften, Bahos usw. umgeben ist. Neben 
diesen Altären in den Kivas gab es auch Altar sehr eine an Quellen, Flüssen, 
Höhlen, Felsen im näheren oder weiteren Umkreis der Dörfer. Aus einem 
der sechs Altarschreine in der Umgebung von Zuni stammt das Idol Ahaiyutas 
(s. u.), das die Nebelkappe mit dem hervorzüngelnden Blitz auf dem Haupte 
und den Donnerkeil im Nabel trägt (Taf, VII, Fig. 1). 

Die heilige Handlung in der Kiva nimmt bei manchen Festen, 
deren die Hopi dreizehn im Verlauf eines Jahres feierten, einen 
hochdramatischen Charakter an. Diese Vorführungen, die z. B. die 

Rückkehr der Sonne 
aus dem Süden zur 
Zeit der Winter- 
sonnenwende und 
die Abwehr der 
Gefahren, die dem 
Maisfelde im Früh- 
ling drohen, zum 
Gegenstand haben, 
sind ihrem Ur- 
sprünge nach nichts 
weiter als ein aus- 
gebildeter Analogie- 
zauber, mit dem 
man sich einen 
dauernden Einfluß 
auf die Natur zu 
sichern sucht. Die Feste der Navaho sind äußerlich denen der 
Pueblostämme ähnlich , doch haben sie im Gegensatz zu ihnen 
medizinisch-schamanistisches Gepräge und werden, wie der Sonnen- 
tanz der Präriestämme, auf Veranlassung und Kosten einzelner 
veranstaltet, meist zum Zweck der Krankenheilung. Masken, Sand- 
gemälde, Bahos sind dabei natürlich von den Pueblostämmen ent- 
lehnt, ebenso auch das „Degenschlucken", eine Zeremonie, bei der 
der Tänzer einen Federstab in die Kehle führt. 

Aus der vielgestaltigen Mythologie der Pueblovölker hebt sich ein 
großartiger Schöpfungsmythus der Zufli heraus. Awonawilona, der Schöpfer 
und Allerhalter, schafft durch „Denken" zuerst den Urnebel, dann, indem er 
sich in die Sonne verwandelt, aus diesem das Wasser und weiterhin Erde und 
Himmel, durch deren Vermählung das Leben entsteht, zunächst allerdings nur 
in der untersten der vier Unterwelten. Aus ihr steigt Poschaiyankya, der erste 




Abb. 44. Altar der Antilopenpriester in Mischöngnovi 
(Hopi). Das Sandgemälde zeigt Regenwolken und Blitz- 
symbole 
(Nach Fewkes) 



Die souoiischen Völker I55 

und weiseste der Menschen, zum Lichte empor. Audi die Sag-e von den beiden 
Z-\vil]ing-sgöttern und Kulturheroen, die bei den Zufii Aliaiyuta (Taf.VII, Fig. 1) 
und Matsailenya heißen, begegnet uns hier wieder. 

Ganz im Dienste der Religion steht auch die Kunst der 
Pueblovölkcr. Der Symbolismus, der jeder einfachen geometrischen 
Figur, jeder Farbe eine bestimmte Bedeutung unterlegt, sie in Be- 
ziehung setzt zu Gebrauch und Zweck des Gerätes, sie irgendeiner 
Himmelsrichtung zuteilt (s. 0.), ist ihr hervorstechender Zug. 
Stufenzinnen (Taf. VII, Fig. 8), Blitzschlangen, Regenbogen, Regen- 
linien (Taf. VII, Fig. 10), Maiskolben (Taf. VII, Fig. 5), Kürbis- 
blüten, Sonnenblumen sind die Symbole, die immer wieder und 
wieder auf den Kultgeräten der Pueblostämme erscheinen. — Als 
Musik- und Lärminstrumente treten bei den Festen außer dem 
schon erwähnten Schwirrholz Flöten, Kürbisrasseln (Taf. VII, 
Fig. 3) und merkwürdige Kratzinstrumente aus gerieften Stäben, 
die wir in Altmexico wiederfinden werden (Taf. VII, Fig. 4), in 
Tätigkeit. 

h) Die souorischeu Völker 

Seit Buschmann (S. 70) hat man sich gewöhnt, so eine Sprach- 
familie zu benennen, die vom inneren Winkel des Golfs von Kalifornien 
bis zu den Staaten Zacatecas und Jalisco im wesentlichen das 
westliche Mexico bewohnt. Ihre Nordnachbarn sind die Yuma- 
stämme, die östlich vom Colorado von dem großen Knie bis zur 
Mündung und am Gila sitzen und sich auch über die ganze Nord- 
hälfte der kalifornischen Halbinsel verbreitet haben; Hauptabteilungen 
derselben sind von Süden nach Norden die Kokopa, Yuma, 
Marikopa, Mohave und Walapai. Vom Gila und Salado nach Süden 
sitzen folgende sonorische oder Pimastämme: Pima und Papago, 
Opata und Cähita (mit den Yaki), Tepehuano und Tarahumara, 
Cora und Huitschol. Yuma und Pima gehören kulturell zusammen. 
Sie sind Ackerbauer, die Mais, Bohnen, Melonen und Kürbisse, 
auch Baumwolle, anbauen, wobei sie entweder gelegentlichen Über- 
schwemmungen die Bewässerung ihrer Felder überlassen (Yuma), 
oder selbst zu künstlicher Bewässerung durch oft meilenlange Kanäle 
und Damrabauten (Pima) oder Terrassierung der Bergabhänge in 
in den Canons (Opata, Tarahumara) fortgeschritten sind. Daneben 
leben sie von den Erträgnissen der Jagd oder des Fisch- 
fangs, wie die Tarahumara, die allerlei kleines Wild jagen und 
Fische durch Vergiftung des Wassers oder mit Pfeilschüssen erlegen, 



156 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



und vom Sammeln von Beeren und Früchten, zum Beispiel von 
Mezquitebohnen, die in Mörsern zerstoßen oder auf Mahlsteinen 
zerrieben werden, und von Früchten des Riesenkaktus (Cereus gigan- 
teus). Lediglich auf Jagd und Sammeltätigkeit sind noch heute die 
tiefstehenden, sprachlich isolierten Seri auf der Ostseite des kali- 
fornischen Golfes und die vielleicht mit ihnen verwandten Periku 

und Waikuri in der unwirt- 
lichen Südspitze der kali- 
fornischen Halbinsel an- 
gewiesen. " 

Ein wichtiges Nahrungs- 
mittel, Mezcal genannt, wird 
aus dem fleischigen Schafte ge- 
wisser Agavearten durch Rösten 
in Erdgruben zwischen heißen 
Steinen gewonnen; daraus wird 
auch ein berauschendes 
Getränk durch Gärung be- 
reitet. Sonst liefert den Tara- 
humara, Cora und Huitschol ein 
Erdkaktus (Peyote) einen be- 
rauschenden Trank, der haupt- 
sächlich bei Pesten getrunken 
wird und dessen Herbeischaffung 
aus den trockenen Hochsteppen 
des Ostens bei den im Gebirge 
wohnenden Huitschol ein be- 
sonders feierlicher, von fielen 
Zeremonien begleiteter Akt ist. 

Die Kleidung ist außer 
bei den Yuma, die, wie es 
ihrem heißen Klima angemessen ist, bis auf eine Schambinde (Männer) 
oder einen Schurz aus Baststreifen (Frauen) fast nackt gehen, in 
weitgehendem Maße durch spanisch-mexikanische Vorbilder beeinflußt. 
Dies gilt auch von der Weberei, während die Flechtkunst bei 
den Pima und Papago noch immer gute, einheimische Ware in 
Gestalt wasserdichter, geometrisch gemusterter Körbe und bei den 
Tepehuano Säcke und Stricke aus Agavefaser von vortrefflicher 
Qualität hervorbringt. Die Töpferei kann sich mit der der Pueblo- 
indianer nicht messen. Die Yuma bevorzugen als Schmuck eine 
sehr reiche Körperbemal ung mit Ocker und Indigo, die Pima 
die Tatauierung. Die ursprünglichen B eh ausun gen sind sehr 




Abb. 45. Marikopamann 

(Xacli Photographie im Besitz des Berliner Museums 

für Yölkerliunde) 



Die soiiorischen Völker 



157 



primitiv : einfache Wetterschirme bei den niedrigstehenden Sammlern 
auf der Halbinsel Kalifornien , Bienenkorbhütten mit einer Be- 
deckung von Stroh oder Yuccablättern bei den Yuma und Pima 
des unteren Colorado; die Bienenkorbhütten waren zum Schutz gegen 
die brennende Hitze mit Erde beworfen oder sie wurden (bei den 
Mohave) mit kühlen Kellerwohnungen, die man in kleinen Hügeln 
anlegte und mit einem Schutzdach vor dem Türeingang versah, 
vertauscht. 

Obgleich diese Stämme friedliche Ackerbauer waren, haben 
sie sich doch tapfer der räuberischen Apatschen erwehrt, und die 
Yaki haben es sogar bis in die neueste Zeit verstanden, sich in 





Abb. 46. Biiisenfloß der Seri. Seiten- und Oberansicht 
(Kach Mc. Gee) 

zahlreichen Aufständen ihre Unabhängigkeit zu bewahren, so daß 
die mexikanische Regierung gezwungen war, einen Teil des Stammes 
nach Yucatan zu verpflanzen. Neben Bogen und Pfeil (Taf. II, 
Fig. 9) und Schleudern (Taf. II, Fig. 18) waren (am unteren Colo- 
rado) eine kurze Kolbenkeule aus Mezquiteholz (Taf. II, Fig. 28) und 
■ein starker lederner Rundschild die Hauptw äffen. Papago und 
Yaki treiben starken Handel mit Salz, das sie an den Lagunen 
des Binnenlandes und der Küste gewinnen. Dem Landverkehr 
dient bei den Pima ein Tragnetz (Kiaha), das durch vier hinein- 
gesteckte Stäbe versteift wird und mittels dessen die Frauen unglaub- 
liche Lasten schleppen können, dem Seeverkehr ein elegant geformtes 
Binsen floß (Abb, 46), das die Küsten Kaliforniens und Nordwest- 
mexicos und den unteren Colorado beherrscht und nur an der Süd- 
spitze der Halbinsel vom Balkenfloß verdrängt wird (Friederici). 
Am unteren Colorado wurden auch große, wasserdicht geflochtene 
oder verpichte Körbe („Coritas") zum Übersetzen benutzt. 



158 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Zeigt so die gegenwärtige materielle Kultur der sonorischen 
Völker einige Verwandtschaft mit der der Kalifornier, so sind offen- 
bar in alter Zeit die Beziehungen zur Pueblokultur stärker 
gewesen. 

Die Überlieferung- der Pirna schreibt ihrem Urahn Sivano, dem Nach- 
kommen des die Sintflut überlebenden ersten Menschen Soho, dieCasasGrandes 
am Rio Gila zu, mächtige, ehemals vierstöckige Bauten aus Adobeblöcken, die 
festungsartig angelegt sind (vier rechteckige Räume um einen in der Mitte 
gelegenen, höheren „Turm") und daher von Fewkes als Burgen von Feudalherren 
angesehen Averden, die einst den Mittelpunkt größerer Städte bildeten (Abb. 47). 




im 



/• 



Abb. 47. Bautenkomplex mit der Casa Grande 
(N'ach Fewkes) 



Häuser mit Steinwänden bauen noch heute die Tepehuano, Cora und Huitschol; ein 
Teil der Pima und die Opata waren noch in historischer Zeit Höhlenbewohner 
wie die Cliffdweller des Pueblogebiets , und die Tarahumara sind es noch bis 
auf den heutigen Tag. Neben dieser Bau- und Wohnart weist auch der 
hochstehende Ackerbau der Pimastämme auf eine Urverwandtschaft mit der 
Pueblokultur hin ; auf beiden Gebieten zeigen die Yuma ein viel primitiveres 
Gepräge. 

Der Stamm zerfällt bei den Pima in die „Geier" und „Koyoten" 
mit zusammen fünf Untergruppen, innerhalb deren Vaterfolge herrscht 
und Ehebeschränkungen nicht l estehen. Über jedes Dorf gebietet 
ein Häuptling, der zusammen mit seinen Kollegen den Stammes- 
häuptling wählt. Spuren eines Gentilsystems mit Vaterfolge und 
Totemismus weisen die Mohave auf. — Als Gesellschaftsspiele sind 



Die sonorischen Völker 



159 



bei den Tarahumara Wettrennen beliebt, bei denen die Läufer, 
die an Schnelligkeit Erstaunliches leisten, Holzbälle oder geflochtene 
Ringe mit Stöcken vor sich hertreiben. Der Eheschluß ist nur 
von geringen Zeremonien begleitet. Ihre Toten pflegten die Yuma 
ehedem zu verbrennen, die Cora und Huitschol in Höhlen beizu- 
setzen. Bei den beiden zuletzt 
genannten Stämmen haben 
Lumholtz und Preuß auf reli- 
giösem Gebiet eine Menge 
interessanter Übereinstim- 

mungen mit altmexikanischen 
Dingen gefunden. Die Cora 
wurden schon früh (1722) den 
Spaniern bekannt und von 
ihnen unterworfen und bekehrt; 
doch hat sich bei ihnen und 
vor allem bei den Huitschol 
spanischer Einfluß zum Glück 
nur auf die äußere Lebens- 
führung erstreckt (Tracht, 
Einführung der Viehzucht), 
vp"ährend sie eine Fülle inter- 
essanter religiöser Ge- 
bräuche, Anschauungen 
und Sagen bewahrt haben, 
die vielfach als Vorstufen der 
altmexikanischen ßeligions- 
formen erscheinen. 




a b 

Abb. 48. Fadenstern und Federstab der 
Huitschol. b ist ein Gebetsstab für einen 
kranken Knaben ; auf den Inhalt des Wun- 
sches beziehen sich die Anhängsel (Mi- 
niaturbogen, -sandalen usw.). (Villi- Gr.) 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



In der Mitte des Götter- 
himmels steht wie bei den Alt- 
mexikanern der Feuergott, der der 
alte Gott ist (Ta-teuari, „unser 
Großvater"); neben ihm die alte 

Erdgöttin und der Sonnengott (Ta-yaü , „unser Vater"). Kultstätten sind 
Tempel, die wie die Wohnhäuser kreisrund, mit Wänden aus Steinen und Erde 
und einem Strohdach versehen und nur größer als jene sind. Im Innern steht der 
Herd, die Steinscheibe mit dem Bilde des Gottes und das steinerne oder hölzerne 
Idol (bisweilen auch ein Fetischbündel, dessen Kern ein Stein ist). Dargebracht 
werden als Weihgaben Pfeile, die — als interessante Gegenstücke zu den Bahos 
der Hopi — zugleich Gebetsstäbe sind, mit allerlei Anhängseln, die sich auf 
den Inhalt des Wunsches beziehen (Abb. 48b); ferner Stäbchen in Kreuz- oder 



260 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mitteiamerikas 

Sternform, die mit Baumwollfäden übersponnen sind (Abb. 48a), und Kürbisschalen 
mit Gla'sperlenmosaik. Zur priesterlichen Musik gehören Fellpauken der gleichen 
Form wie im alten Mexico (vgl. Taf. IX, Fig. 5), Kratzinstrumente aus ge- 
rieften Röhrenknochen, die ebenfalls aus Altmexico bekannt und bis zu den 
Puebloindianern verbreitet sind (S. 155), und Musikbögen mit einer großen 
Kalabasse als Resonanzboden. Kultgeräte und Kleidungsstücke (besonders die 
gewebten Gürtel und Bänder) zeigen eine reiche Ornamentik, die durchweg 
einem verwickelten Symbolismus zur Grundlage dient. Während heutzutage 
Tiere (Truthahn, Hirsch) geopfert werden, kannten die Cora zur Zeit ihrer 
Unterwerfung noch Menschenopfer. 

2. Die Kulturvölker^ 

a) Völker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung der Kulturen 

Die alte Kultur, deren Bereich im Norden ungefähr durch den 
22. Breitengrad begrenzt werden kann und im Süden (auf der Land- 
enge von Panama) ohne scharfe Grenze in das Gebiet der andinen 
Kulturvölker übergeht, hatte zu Trägern eine große Zahl sprach- 
lich verschiedener Völker, von denen größere und kleinere Reste 
noch heute ihre alte Heimat bewohnen, während allerdings die 
Mehrzahl in der spanisch-indianischen Mischbevölkerung aufgegangen 
ist. Die beiden Hauptkulturvölker sind auch gegenwärtig noch mit 
den stärksten Zahlen vertreten; nach der Volkszählung von 1895 
gab es 1 750000 Mexikanisch (Aztekisch) und 1 300000 Maya redende, 
mehr oder weniger reinblütige Indianer in Mexico und Mittelamerika. 
Daß die alten Kulturvölker ihre weltgeschichtliche Bolle noch keines- 
wegs ganz ausgespielt haben, dafür bürgen die Persönlichkeiten der 
beiden bedeutendsten mexikanischen Präsidenten neuerer Zeit, in 
deren Adern fast unvermischt Indianerblut floß : Benito Juärez und 
Porfirio Diaz. 



' Für die altamerikanischen Kulturgebiete ist die spanische Schreib- 
weise der Namen, wie sie die alten Quellenwerke geprägt haben, beibehalten 
Avorden: gu vor e und i = g", qu vor e und i ^ k, c vor e und i = scharfes s, 
z = scharfes s, x = seh (oft zu j = ch in „nach" geworden), ch = tsch, 11 = Ij, 
n = nj. — Die Maj'asprachen und das Khechua haben noch einige Besonder- 
heiten : c (bzw. qu) bedeutet in beiden den vorderen, k den hinteren Guttural ; 
' zeigt einen in anderen Sprachen selten vorkommenden Ex])losivlaut an, bei 
dem ein doppelter Verschluß von Stimmritze und Mundkanal gebildet wird, 
kh und th im Khechua klingen fast wie kch und tch; derselbe gutturale Reibe- 
laut ch (vgl. das deutsche „nach"), der im Maya und Khechua vorkam und von 
den alten Grammatikern dort h, hier c gesclirieben wurde, ist der Einheitlich- 
keit halber durch / wiedergegeben. 



Völker und Sprachen. Ursprung- und Ausbreitung- der Kulturen 



161 



Das nördliche mexikanische Hochland, geographisch betrachtet nur ein 
Ausläufer des vereinsstaatlichen Kordillerenhochlandes, hebt sich, kurz bevor 
es unter dem 18. Breitengrad in einem gewaltigen, von Colima nahe der pazifi- 
schen bis Tuxtla an der atlantischen Küste mit Vulkankegeln besetzten Quer- 
bruch sein Ende findet , zu beträchtlicher Höhe empor (Stadt Mexico 2265 m) 
und wird durch mehrere, gleichfalls vulkanische Querriegel in eine Reihe von 
Teilbecken zerlegt, die zum /feil abflußlos und von Salzseen erfüllt sind, wie 
das Hochtal von Mexico. Auf diesen kühlen, nur mäßig mit Regen bedachten, viel- 
fach von Agavesteppen und Dorn- 
strauchwüsten erfüllten Höhen lag 
die Wiege der alten Kultur, deren 
Träger die Nauavölker und unter 
ihnen vor allen andern die 
Azteken wurden. Ihre Vorläufer 
sind schweifende, primitive Jäger- 
stämme gewesen nach Art der 
Schoschonen des Great Basin, die 
C h i c h i m e k e n , deren Sprachen 
längst erloschen sind und größten- 
teils wohl zu den sonorischen Spra- 
chen gerechnet werden können. 
Ein Teil (die Panie) redete da- 
gegen die Sprache der 1 o m i, 
die noch heute über die nur durch 
eine Vulkankette (Popocatepetl 
und Iztacciuatl) voneinander ge- 
trennten Hochtäler von Mexico 
und Tlaxcala verbreitet sind und 
die eigentliche Urbevölkerung 
dieser Länder waren. Verwandt 
sind ihnen auch die alten Bewohner 
des Hochtals von Toluca (die 
Mazaua), während in Michuacan 
ein anderes Volk mit isolierter 
Sprache wohnt, die Tarasken, 
die gleichfalls zu dieser älteren 

Bevölkerungsschicht gerechnet werden können. Die Nauavölker, die sich in 
verhältnismäßig später Zeit zwischen sie schoben, kamen unzweifelhaft aus einer 
nördlich gelegenen Urheimat. Darauf deuten die Verwandtschaft der Nauasprachen 
mit den schoschonischen(S.71), die Übereinstimmung vieler Züge der Nauakultur mit 
solchen der Pueblokultur und die Wandersagen, die gewöhnlich den Ursprungs- 
ort der Stämme nach Chicomoztoc, an den „Ort der sieben Höhlen" in den Steppen 
des Nordens verlegen, wo die Vorfahren ein unstetes Jägerdasein nach Cliichimeken- 
art geführt hätten. In der besonderen aztekischen Form dieser Wandersage 
gibt dagegen der spätere Hauptsitz der Azteken das Vorbild für die Urheimat 
ab; die Insel Aztlan, von der die Azteken auswandern, ist, wie Sei er gezeigt 
Völkerkunde I 11 




Abb. 49. 



Azteke aus Quauhtlantzinco 
(Nach Starr) 



162 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

hat, nur eine mytliische Parallele Tenochtitlan-Mexicos, das Venedig* gleich auf 
Inseln und Pfahlrosten inmitten des Salzsees erbaut war und sich mit Tollan 
und Tetzcoco, Tlaxcala und Cholula in den liuhm teilte, Ausgangspunkt der 
kulturellen und politischen Ausbreitung des Nauastammes zu sein. Diese Aus- 
breitung erfolgte — nicht als einmaliges Ereignis , sondern in mehreren auf- 
einanderfolgenden Wellen, deren früheste lange vor der Gründung des Azteken- 
reiches verliefen — in der Hauptsache nach drei Richtungen: nach Nordosten 
über den Gebirgsrand an die nördliche atlantische Küste (Tuxpan); nach Süd- 
westen durch das Tal des Rio de las Baisas an die nördliche pazifische Küste 
(Colima) ; endlich nach Südosten durch die tiefe Gebirgsfurche , die sich von 
Cholula nach Oaxaca hinabzieht, an die südliche atlantische Küste, die von 
Nauavölkern in zusammenhängender Verbreitung von Veracruz bis Tabasco 
besiedelt wurde. Selbst hier, an der Grenze der Maya, haben die Naua nicht 
haltgemacht. Etappen ihrer weiteren, überaus folgenreichen Südwanderung 
lassen sich archäologisch bis ins nördliche Yucatan, archäologisch und sprach- 
lich längs der südlichen pazifischen Küste über Soconusco, Südguatemala, West- 
salvador , Nicaragua bis nach Guanacaste (Westcostarica) verfolgen , denn die 
Pipil von Guatemala und Salvador, dieNicarao von Nicaragua sind Stämme 
mit sehr altertümlichen Nauasprachen, deren Loslösung vom Hauptstamm lange 
vor der Ausbildung des klassischen Aztekisch der Eroberungszeit erfolgt sein 
muß. Aber noch im äußersten Süden, wo sie sich auf der Landenge zwischen 
dem See von Nicaragua und dem pazifischen Ozean und auf den Inseln des Sees 
niederließen, boten sie dem Conquistador Gil Gonzalez de Avila (1522) und. 
Bobadilla, dem ersten missionierenden Mönch, der sie besuchte, das Kulturbild 
eines unverfälschten Nauavolkes dar. Die mexikanisch sprechenden Signa, die 
Väzquez de Coronado 1563 westlich vom Golf von Chiriqui in Panama traf, sind erst 
durch die Spanier an diesen südlichsten Punkt der Nauaverbreitung verpfianzt 
worden. Gegenwärtig ist die mexikanische Sprache im Süden bis auf Soconusco 
und Westsalvador erloschen. 

Der unwiderstehliche Drang nach den Ländern der „Tierra caliente" mit 
ihren Schätzen an Kakao und Tabak, Baumwolle und Schmuckfedern, Edel- 
steinen und edlen Metallen war es, der dieses Volk, wie einst die mittelalter- 
lichen Deutschen nach Italien, immer wieder von seinem kargen, unwirtlichen 
Hochland in die reichen Küstenländer hinabgeführt hat. Auch die sprachlich 
isolierten Totonaken auf dem durch reiche Niederschläge mit tropischer 
Überfülle aller Naturgaben gesegneten Gebirgsrand und Küstenstreifen nördlich 
der Eisenbahnlinie Veracruz — Jalapa haben ihren Überlieferungen zufolge einst 
auf dem Hochland gewohnt. Ihr heutiger Mittelpunkt ist Papantia ; zur Zeit 
der spanischen Eroberung reichten sie weiter nach Süden bis Cempoallan, in noch 
älterer Zeit sogar bis zum Pik von Orizaba. AVie sie, hat die aztekische Ausbreitung 
auch die fremdsprachliche Bevölkerung der heutigen mexikanischen Staaten Oaxaca 
und Chiapas durchsetzt und zum Teil umklammert. Die Chinanteken, Mix- 
teken und Tzapoteken, Mixe und Zoque und verschiedene kleinere Sprach- 
gruppen (s. u.) gehören zu diesen meist in Gebirgen lebenden Völkern, von 
denen die Tzapoteken noch heute ihre alten Mittelpunkte Oaxaca und Tehuantepec 
bewohnen und die Mixe-Zoque die eigentliche Bevölkerung der Landenge von 



Völker und Sprachen. Ursprung- und Ausbreitung der Kulturen 



163 



Tehuantepec sind. In Cliiapas und Tabasco grenzen die Mixe-Zoque an die 
große Sprachfamiiie der Maya, die in eine Anzahl mundartlich oft siark ver- 
schiedener Untergruppen zerfällt, in deren Verteilung sich, sehr im Gegensatz 
zu der der Naua, seit den ältesten Zeiten verschwindend wenig geändert hat, 
denn der Zusammenhang zwischen den meisten Gruppen ist fast immer gewahrt 
geblieben, und die nächst verwandten Glieder gehören auch landschaftlieh immer 
noch zusammen. Die Hochländer im Süden werden von vier Gruppen, den 
Tzeltal nnd Zo'tzii in Chiapas , den Mam in Westguatemala , den Qu'iche und 
Cakchiquel auf den vulkanischen 
Hochflächen Südguatemalas (um 
den See von Atitlan) und den 
Pokomam und Pokonehi in Nord- 
guatemala, bewohnt. Die weiten, 
regenreichen Urwälder, die den 
Lauf des Usumasinta und Mota- 
gua begleiten, füllte einst in 
ununterbrochenem Zuge von der 
Küste Tabascos bis zum Golf von 
Honduras die Gruppe der Chol, 
deren Zusammenhang erst zer- 
rissen wurde, als von Süden die 
denPokonchi verwandten K'ekchi 
in die Provinz Verapaz, von 
Norden die Lacandon in die Ur- 
wälder am oberen Usumasinta 
vordrangen. Die Lacandon ge- 
hören zur letzten großen Gruppe, 
den eigentlichen Maya auf der 
wasserarmen , mit BuschAvald 
und Steppe bedeckten Kalkplatte 
Yucatan. Dies Verbreitungsbild 
hat sogar in verhältnismäßig- 
junger Zeit durch die Ausdehnung 
der Naua noch starke Einschrän- 
kungen erfahren, denn es läßt 
sich aus archäologischen und 

ethnographischen Tatsachen und alten Überlieferungen schließen, daß Maya 
im "Westen einst längs der ganzen Veracruzküste verbreitet waren und im 
Osten einen großen Teil von Honduras und San Salvador bis zur Fonsecabai 
besetzt hielten. Man hat hierbei, wie Lehmann gezeigt hat, vor allem an den 
beweglichsten Mayastamm, die Chol, zu denken, doch wohnt im nördlichsten 
Teil der atlantischen Küste (am Pänuco) noch heute ein anderer Mayastamm, 
der eine selbständige, sehr altertümliche Untergruppe bildet: die Huaxteken. 

Inmitten dieser großen, anscheinend ziemlich stabilen Völkergruppe sind 
nun neben den Naua-Eindringlingen, die von Norden kamen, auch Einschiebsel 
von Angehörigen südlicher Sprachfamiiien festgestellt worden. Zwar ist es 




Abb. 50. Huavemädchen 
(Xach Starr) 



164 Amerika. II. Die Völlver Nord- und Mittelaiiierikas 

noch nicht g-elung-en, das primitive Fischervolk derHuave auf den Inseln und 
Nehrungen der Lagunen östlich von Tehuantepec mit einer dei- bekannten süd- 
lichen Sprachfaniilien zu verknüpfen; bei den Chiapaneken in Chiapas, den 
Mazateken in Oaxaea und den Chocho-Popoloken in Oaxaea und Puebla ist es 
jedoch der Sprachforschung geglückt, zu zeigen, daß sie weit vorgeschobene, 
wohl erst durch den Druck der Maya losgesprengte und nach Norden gedrängte 
Glieder der Chorotegen oder Mangue sind, des alten Kulturvolkes von 
Nicaragua, das zur Zeit der spanischen Eroberung den größten Teil der Süd- 
seeküste von der Fonsecabai bis zur Halbinsel Nicoya und zu dem der Halbinsel 
gegenüberliegenden Festlandssauni (Orotina) besiedelt und einen Ausläufer auch 
nach Süden bis ins westliche Panama (Parita) vorgeschoben hatte. Ihr Mittel- 
punkt lag bei Masaya, westlich der beiden großen Seen von Managua und 
Nicaragua, wo ihre Sprache erst in jüngster Zeit erloschen ist. Etwas weiter 
südlich und auf der Halbinsel Nicoya wohnten Naua unter ihnen (s. o.). An die 
Chorotegen von Orotina grenzten die Guetar, das Kulturvolk des costarikanischen 
Hochlandes. Sie gehörten, wie jetzt feststeht, sprachlich zu den Tal am anca, 
deren Stämme (Bribri, Chiripö) noch heute die atlantische Abdachung Costaricas 
einnehmen und die auch den 1697 von der atlantischen nach der pazifischen 
Küste verpflanzten Terraba sowie den alten Völkern in der Umgegend des 
Golfo Dulce auf der pazifischen Seite (Quepo, Coto), deren moderne Nachfahren 
die B r u c a darstellen, mehr oder weniger nahe verwandt sind. Einst haben 
diese verwandtschaftlichen Beziehungen noch viel weiter gereicht. Einerseits 
saß im Gebiete des Isthmus, der in spanischer Zeit die Provinzen Chiriqui, 
Veragua und Castilla de Oro und heute die Republik Panama umfaßt, eine den 
Talamanca sprachverwandte Bevölkerung: die Cueva, das alte, durch Baiboas 
kühnen Zug zur Südsee (1513/14) bekannt gewordene Kulturvolk des Isthmus 
westlich vom Golf von Atrato bis etwa 80 " westlicher Länge, dessen Sprache 
im heutigen Cuna fortlebt, die Changuina und Dorasque rings um die 
Lagune von Chiriqui und die Guaimi (denen die Terraba nahestehen) besonders 
auf der pazifischen Seite vom Rio Chiriqui el Viejo, wo sie an die Coto grenzten, 
bis in die Gegend von Natä, avo sie Nachbarn der Cueva waren. Auf der anderen 
Seite besteht eine gleichfalls entferntere Sprachverwandtschaft der Talamanca 
mit den Guatuso und Rama auf beiden Seiten des San-Juan-Flusses, der den 
großen Nicaraguasee nach dem Karaibischen Meer entwässert. Hier ist ein 
altes Halbkulturvolk seit der spanischen Eroberung auf die Stufe von UrAvald- 
stämmen herabgesunken, denn die Vorfahren der Guatuso (die Corobici) haben 
einst auch südlich der Kordillere am Rio Tempisque mitten zwischen Choro- 
tegen gesessen, denen sie kulturell nahezu ebenbürtig waren. — Nördlich von 
den Rama sitzen Stämme, die anscheinend von jeher echte Waldindianer waren. 
Es ist gelungen, die heute ganz vernegerten Misquito (nicht Mosquito) an der 
nach ihnen benannten atlantischen Küste Nicaraguas, die einst durch ihre See- 
räubereien die Küsten des Karaibischen Meeres l)is nach Belize in Honduras, 
Cartago in Costarica, Nombre de Dios in Panama und Jamal ca in Schrecken setzten, 
sprachlich mit den Sumo und Ülua, Matagalpa und Cacaopera zu verknüpfen, 
die, durch die Misquito zurückgedrängt und teilweise von ihnen versklavt, 
Aveiter im Innern bis zum östlichen Salvador hin sitzen oder saßen (Sumo- 



1 Fraueiiolirgehänge, Hopi. 
CA n. Gr.) 





2 Hölzerner Doppeljaguar, Mexico, ('/s ii. Gr.) 






i 



/ 



3 Vordere Scheibe eines 

Ohrpflocks. Copacabana, 

Peru. (Vs n. Gr.) 



Abb. 51. Altamerikanische Mosaiken 
(Berliner Museum für Völkerkunde; 3 nach Bäßlei) 



166 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamcrikas 

Mi squito- Gruppe); ferner ist es walirsclieinlich, daß die Urwaldvölker 
von Honduras (Lenca, Jicaque, Paya) eine Sprachfamilie bilden, die ebenso 
entfernt mit den Sumo-Misquito verwandt ist, wie mit den Xinca Süd- 
g-uatemalas, die ihrerseits sprachlich mit den Mixe-Zoque zusammenhängen. 
Sieht man ab von den Chorotegen, so umschlingt nach Lehmann, dessen Untei'- 
su.'hungen Avir die Aufhellung dieser bisher ganz dunklen Völkerverhältnisse 
verdanken, ein Band mehr oder weniger enger Sprachverwandtschaft die Be- 
wohner des gesamten südlichen Mittelamerika von Panama bis Honduras. Der 
Ausgangspunkt dieser Völker war zweifellos das nordwestliche Südamerika. 
Schon 1888 hat ein anderer deutscher Forscher, Max Uhle, den sprachlichen 
Zusammenhang der Talamanca, also auch aller mit ihnen verwandten Völker, 
mit der Chibchafamilie erwiesen. Die Chorotegen müssen, ebenso wie die Maya, 
Mixe, Tzapoteken und Mixteken, bis auf weiteres als Urbewohner Mittelamerikas 
gelten. 

Das Vordringen breiter Völkerströme von Norden und Süden, 
die sich in den Mayaländern als dem gegebenen Mittelpunkt trafen, 
hat Mittelamerika so recht zu einem Mischgebiet nord- und süd- 
amerikanischer Kulturen gemacht. Die ethnographische Grenze 
zwischen beiden Erdteilen verläuft keineswegs, wie man es 
sich früher vorstellte, als scharfe Linie etwa längs des San Juan- 
Flusses an der Südgrenze von Nicaragua (ebensowenig wie die pflanzen- 
und tiergeographische) ; eine breite Übergangszone bildet z. B. Hon- 
duras. Übereinstimmungen mit nord- und südamerikanischen Kulturen 
beweisen übrigens nicht nur, daß die alten Kulturen Mittelamei'ikas, 
wie Eduard Seier, einer ihrer besten Kenner, ausgesprochen hat, 
in ihren Wurzeln eng mit der Kultur der Naturvölker im Norden 
und Süden zusammenhängen ; die meisten Parallelen wird man um- 
gekehrt den starken, sich von Mittelamerika ergießenden Kultur- 
strömen (S. 73 f.) zuschreiben müssen. 

Zahlreiche Übereinstimmungen verbinden insbesondere die mexikanischen 
Hoehlandsvölker mit den Stämmen im Südwesten der Union, mit denen 
sie ja auch sprachlich zusammenhängen. Die Anfertigung von Mosaiken aus 
Steinplättchen (Abb. 51, Fig. 1, 2), die Verwendung eines Lärminstruments 
aus gerieften Knochen- (oder Holz-) Stäben, die mit Muscheln oder Hirsch- 
schulterblättern gestrichen wurden (Taf. VII, Fig. 4 und IX, Fig. 7), die 
Stufenzinne als Wolkensymbol in der Ornamentik, der entwickelte Götterkult, 
in dem neben dem jungen Sonnengott besonders Wasser- und Regengottheiten 
eine lioUe spielen , die Verehrung der mythischen Federschlange und der 
Schlangentanz sind Merkmale, die die Puebl oindiane r mit den Nauavölkern 
gemein haben. Das Schwitzhaus , manche Federkopfputze und beide Arten 
altmexikanischer Federmosaik (Knüpf- und Klebeteclinik) kehren in Kali f or n i en 
wieder, Federhauben, Rückenschmucke als Rangabzeichen und die Sitte, fort- 
laufende annalistische Aufzeichnungen in Bilderschrift zu machen , bei den 
Präriestämmen. — Andererseits scheint die Kultur der atlantischen Völker 



Völker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung- der Kulturen 



167 



Mexicos und der Maya mehr Beziehungen zum östlichen Nordamerika, 
vor allem zu den Golt'ländern der Union, aufzuweiseu. Im Gegensatz zu den Hoch- 
landsstämmen pflegten alle diese Völker besonders den mit Eingriffen in den Körper 
verbundenen Schmuck : die Kopfabplattung, die Tatauierung und kunstvolle Haar- 
schuren. Das Pfeilopfer, bei dem der zu Opfernde an einem Gerüst festgebunden 
wird, spielte sowohl an der atlantischen Küste Mexicos (Abb, 66 b), als auch bei 
den Pani, die ja aus den Golfländern stammen, als Fruchtbarkeitszauber eine Rolle 
(S. 123). Mexikanische Schmuckscheiben aus Meerschneckengehäusen mit eiu- 






2 4 6 

Abb. 52. Steinerne Keulenknäufe. 1 und 2 La Playa und Tuxpan, Jalisco; 3 und 

4 Nicoya, Costarica; 5 Chimbote, Peru ; 6 Canarigebiet, Ecuador. (Etwa -/s n. Gr.) 

(1 und 2 nach Lumholtz, 5 nach Bäßler, 6 nach Rivet, 3 und 4 Sauimlung Lehmann 

im Berliner Museum für Völkerkunde) 



gravierten und durchbrochenen Verzierungen erinnern sehr an die ganz ähnlich 
verzierten Muschel- und Kupferplatten der Mounds (Taf. V, Fig. 20 — 22), und die 
riesigen Plattformmounds der südöstlichen Union (Taf. V, Fig. 1) hängen offenbar 
mit den großen terrassenförmigen Unterbauten zusammen, auf denen sich die 
Tempel und Paläste der alten Mayastädte erheben. Endlich steht Mittelamerika auch 
mit den Antillen durch eine bestimmte Form des Ballspiels, bei der der Ball 
nicht mit der Hand, sondern mit dem Kreuz fortgeschleudert wurde, der Schlitz- 
trommcl mit seitlich in den Schlitz hineinragenden Zungen und des Schädelkultes 
der sich in Yucatan und auf Haiti durch die Verwendung der Ahnenfigur als 
Schädelschreiu auszeichnete, in Verbindung. — Wir werden bei der Betrachtung 
xler südamerikanischen Kulturen sehen, daß mittelamerikanische Einflüsse an 



168 Ainorika. IL Die VöJker Nord- und Mittelaniorikas 

der Westküste hinab noch bis nacli Peru nachzuweisen sind (Abb. 51, Fig. 3). 
Diese Zusaramenliäng-e sind aber offenbar uralt und bereits durch die Ausbreitung 
der Chibchavölker nach Norden zerrissen worden. 

Südamerikanisch er Einfluß ist bei den Völkern der pazifischen 
und atlantischen Abdachung des südlichen Mittelamerika bis zu den Maj'aländern 
deutlich bemerkbar. Wahrscheinlich sind auch hier Kultureleniente der Anden- 
völker von solchen zu unterscheiden, die aus den Wald- und Savannengebieten 
des Ostens stammen, doch ist eine schärfere Scheidung zurzeit noch nicht mög- 
lich. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß der Mandiokaanbau (bis zu den Maya) 
und die Kultur der Pejivalle-Palme (bei allen Stämmen der atlantischen Seite 
bis nach Nicaragua) nur aus Südamerika stammen können, ebenso wie die bei 
denselben Völkern (vielleicht bis zu den Maya) seit vorcolumbischer Zeit ver- 
breitete Hängematte und die seetüchtigen Einbäume der Misquito, deren kühne 
Seefahrten sehr von der schwach (und hauptsächlich wiederum nur an der Ost- 
küste Yucatans) entwickelten Schiffahrt der nördlichen Kulturvölker abstechen 
und an die Leistungen der Tupi und Karaiben erinnern. Die steinernen Prunksessel 
und Mahlsteine der Kulturvölker Costaricas (Abb. 77) hängen stilistisch eng mit 
den Holzscliemeln südamerikanischer Waldindianer (Abb. 100, Fig. 6) zusammen; 
die goldenen Brustschmucke desselben Gebietes in Gestalt von Adlern, Spinnen 
und Krabben mit beilförmigen Schneiden, die ihren Einfluß selbst noch auf die 
(xoldschmucke Mexicos ausgeübt haben, sind auch aus Columbien (in Gold) und 
.Venezuela (in Stein) bekannt, und die steinernen Keulenknäufe mit Tierköpfen 
(Costarica) kehren in Peru wieder (Abb. 52). 

Die mexikanisch-mittelamerikanischen Kulturen zerfallen in vier 
Hauptgruppen, deren Träger die Naua mit den Azteken, die Maya, 
dieChorotegen und die Chibchavölker (Talamanca usw.) sind. Von 
diesen hängt wieder die Naua- mit der Mayakultur enger zusammen; das 
Gemeinsame beider liegt auf dem Gesamtgebiet der stofflichen Kultur, 
das Unterscheidende auf dem der geistigen; die Kunst und vor 
allem die Schrift zeigen tiefgehende Verschiedenheiten. Im Süden 
haben wieder die Chorotegen in engster Kulturgemeinschaft mit 
den zwischen sie eingedrungenen Naua- Völkern gelebt, so daß es 
für den Archäologen sehr schwierig ist, Chorotega- und Nicarao- 
erzeugnisse voneinander zu sondern. Bei den Chibchavölkern, 
die vom Hochland von Costarica bis zur Landenge von Panama 
eiue kulturell ziemlich einheitliche Masse bildeten, überwiegt schon 
der columbische Kultureinfluß; die Cueva können geradezu zu den 
Westgruppe der columbischen Kulturen gerechnet werden und sind 
daher erst in einem späteren Abschnitte zusammen mit den Caucavölkern 
behandelt. Von all diesen Völkern gelten gewöhnlich die Maya 
w^egen der großartigen Baudenkmäler und Skulpturen, die sie hinter- 
lassen haben, wegen ihres genial ersonnenen Schrift- und Zahlen- 



Völker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung- der Kulturen 



169 



Systems als der Brennpunkt mittelamerikanischen und amerikanischen 
Kulturlebens überhaupt. Wir wissen heute, daß Maya und Naua 
einander schon seit alten Zeiten stark beeinflußt haben, daß aber 
bei diesem Kulturaustausch die Maya weit mehr, als man früher 
dachte, die Empfangenden gewesen sind ; das gilt vor allem von der 
geistigen Kultur: Mythologie, Schrift, Kalender. Die beiden letzteren 
fehlen den Huaxteken, einem Mayavolk, das schon seit uralter Zeit 
vom Hauptstamm getrennt lebt, ganz und treten in reichster Ent- 
wicklung gerade 
im Gebiet der Chol 
auf, durch das seit 
alters die Naua- 
völker nach Süden 
zogen. Dies und 
die Tatsache, daß 
bei den Naua 
Schriftzeichen und 
Daten noch bild- 
mäßig und verständ- 
lich, bei den Maya 
dagegen abgekürzt 
und kursivsind, las- 
sen nach Seier nur 
den Schluß zu, daß 
die letzteren die 
Elemente dieses 
Systems von den Naua entlehnt, dann aber selbständig weiter- 
entwickelt haben. 

Nicht die heißen, regenfeuchten, von undurchdringlichen Ur- 
wäldern erfüllten atlantischen Abdachungen, sondern die Hochländer 
sind die Ur sitze der Kulturen Mittelamerikas gewesen. 
Wie die ältesten Naua auf dem nordmexikanischen Hochlande, so saßen 
einst die Stammväter der Maya auf den „Altos" von Guatemala 
und jene Chibchastämme, die sich zuerst über die Stufe ihrer ur- 
waldbewohnenden Brüder erhoben, am Fuß der Vulkane der costa- 
rikanischen „Meseta". Die Ausbreitung der Kultur von diesen 
Hochflächen in die Niederungen ist das große geschichtliche Er- 
eignis der mexikanischen Vorzeit, das auch den geschichtlichen 
Kern der Toltekensagen bildet. 




Abb. 53. Sog-. Chacinool, halblieg-ende Statue mit einer 
runden Vertiefung- auf der Mitte des Leibes, die als 

Libationsgefäß dient. Chiclveu Itza. (V20 n. Gr.) 

(Xach einer Photograpliie im Besitze des Berliner Museums für 

Völkerkunde) 



170 Amerika. IL Die Völli:er Nord- und Mittelamerikas 

Die T 1 1 e k e n , ein sagenhafter Nauastanini, gründen unter ihrem Priester- 
könig Quetzalcouatl in Tollan auf dem mexikanisclien Hocliland ein blühendes 
Eeich, das nach Sahagun zwar schon im sechsten Jahrliundert zerstört wird, 
■ aber eine Nachblüte erlebt, die damit endet, daß die jüngeren Tolteken schließlich 
mit ihrem ganzen Kulturbesitz in die Länder der atlantischen und pazifischen 
Küste (Tabasco und Soconusco) auswandern. Dies Ereignis verlegt die Tra- 
dition im allgemeinen in das elfte nachchristliche Jahrhundert; um dieselbe 
Zeit läßt Torquemada die Naua in Nicaragua einwandern , und nur Avenig 
später erfolgt der Auszug der Azteken , die sich ja in jeder Beziehung als 
die Erben toltekischer Herrschaft auf dem Hochlande betrachteten, aus ihrer 
Urheimat Aztlan (S. 161). Merkwürdig gut stimmt hierzu die Maya-Überlieferung, 
nach der Naua (Itza) unter einem halbgöttlichen Führer Kukulcan (=: Quetzal- 
couatl) als Söldner in Yucatan einwandern, hier die Städte Chich' en Itza und 
Mayapau gründen und 1436 durcli eine allgemeine Erhebung der Maya wieder 
vertrieben werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Mexikaner der Golf- 
küste und die sehr altertümliche Nauadialekte redenden Pipil und Nicarao 
die Nachkommen dieser sagenhaften Tolteken sind. Die glänzendste Bestäti- 
gung der alten Sagen hat aber erst die Untersuchung der Ruinen von Chich' en 
Itza durch Eduard Seier gebracht. Nicht nur haben die alten Nauasöldner 
den Bauten dieser Euinenstadt ihren besonderen Stempel aufgedrückt, indem 
sie ihnen eine Eeilie von baukünstlerischen Einzelheiten zufügten, die sonst den 
Euinen des Mayagebietes ganz fremd sind (den Eundtempel, Federschlangenpfeiler, 
die das Dach der Tempelvorhalle tragen [Taf. VIII, Fig. 4, 5], Treppenwangen 
in Gestalt von Federschlangen,, im Kultraum selbst Libationsgefäße in G- estalt 
halbliegender Figuren [Abb. 53J -und Opfertische, deren Platten auf mensch- 
lichen Tragfiguren ruhen), sondern sie haben sich auch selbst samt ihren Göttern 
(Quetzalcouatl u. a.) getreu in Tracht, Schmuck und Bewaffnung, in friedlicher 
und kriegerischer Tätigkeit auf Fresken und Eeliefs darstellen lassen (Abb. 54). 
Alle Einzelheiten der Arcliitektur und Skulptur zeigen unverkennbaren Nauastil; 
aber es ist ein altertümlicher Stil, wie er uns auf dem mexikanischen Hochlande 
nur in den älteren, voraztekischen Schichten begegnet. — Die altertümliche 
Nauakultur der Pipil tritt uns auf den merkwürdigen Monumenten von 
Sta. Lucia Cozumalhuapa in Guatemala entgegen, die sich heute zum 
gi'ößten Teil im Besitz des Berliner Museums befinden. 

Das elfte nachchristliche Jahrhundert ist nicht nur das Zeit- 
alter einer der letzten großen Völkerbewegungen Mittelamerikas 
gewesen, sondern es hat auch den Aufschwung und die höchste 
Blüte der großen May akuu st gesehen. In den Kuinenstädten 
des Cholgebietes (Palenque und Menche, Copan und Quiriguä), 
die alle in der Bauart, im Stil der Reliefs und in der Form der 
Hieroglyphen die engste Verwandtschaft miteinander zeigen, sind die 
meisten Altarplatten und Bildsäulen mit langen Inschriften versehen, 
die am oberen Ende ein Datum tragen (Abb, 12, Fig. 3). Der Ausgangs- 
punkt dieser Zeitrechnung ist zwar noch nicht bekannt, doch läßt 



Völker und Sprachen, Ursprung und Ausbreitung- der Kulturen 



171 




es sich berechnen, daß fünfhundertsechzig Jahre Abstand zwischen 
der Errichtung des ältesten und jüngsten datierten Denkmals liegen 
und daß die Errichtung der meisten Denkmäler in einem Zeitraum 
von nur einhundertachtzig Jahren erfolgt ist. Da die jüngsten 
Denkmäler wahrscheinlich in die Zeit kurz vor der spanischen Er- 
oberung zu setzen sind, fällt also der Beginn der Blüte dieser alten 
Städte in das zehnte und elfte Jahrhundert. In dieser Zeit muß, worauf 
Seier hingewiesen hat, die Ausbreitung der Naua nach Süden in 
dem heutigen Urwaldgürtel längs des Usumasinta und Motagua 
einen überaus leb- 
haften Handels- 
verkehr und Kul- 
turaustausch her- 
vorgerufen haben, 
infolge deren sich 
überall in den Maya- 
städten Reichtum 
und Macht anhäuf- 
ten und Bildung 
und Geschmack in 
Denkmälern von 
großartigem künst- 
lerischen Schwünge 
Ausdruck fanden. 
In spätere Zeit 
fällt die Blüte der 
großen Euinen- 

städte im Norden und Westen Yucatans (Uxmal, Kabah usw.), die 
zum größten Teil noch bei der Ankunft der Spanier bewohnt waren, 
während Palenque und Copan schon in Ruinen lagen. Das beweist schon 
der Stil der fast überladen reicheuFassaden (Taf. VIII, Fig.6, 7), die den 
klassischen Bauten des Südens gegenüber alle Merkmale einer barock 
gewordenen Spätzeit tragen. — Das Alter der Mayakunst aber 
muß, wenn wir auch noch nicht ihre Vorstufen kennen (die Fresken 
älterer, später übertünchter Schichten in Palenque zeigen „tolte- 
kischen" Stil), hoch hinaufgerückt werden; denn auf den ältesten 
datierten Mayadenkmälern ist die Hieroglyphenschrift schon fertig 
ausgebildet und der Kunststil von keineswegs altertümlichem Ge- 
präge. Ehe Schrift und Skulptur eine solche Höhe, einen so ge- 



Abb.54. Relief aus dem Tempel am Ballspielplatz, Chich"en 
Itza. Dem von der ,.Wolkenschlang-e" (Mixcouatl) be- 
gleiteten Gott tritt in ehrfürchtiger Haltung- ein Naua- 
krieger mit altertümlicher Bewaffnung (Speerbündel und 
Wurf brett) und altertümlichen Trachtstücken (xiuhuitzolli, 
großerBrustplatte aus Jadeit, breiteniGürtelmitSchmuck- 
scheibe am Kreuz, Fellbinden um Arm und Bein) gegenüber 
(Xach Seier) 



J72 Amerika. IT. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

schlossenen Stil erreicht hatten, müssen lange Zeiten der Entwick- 
lung vorausgegangen sein. 

Während man im Mayagebiet also vorerst noch auf bloße Mut- 
maßungen angewiesen ist, haben erfolgreiche Grabungen jüngster 
Zeit auf dem mexikanischen Hochlande in der Nähe der Haupt- 
stadt das zeitliche Verhältnis zweier Vorstufen der Nauakultur 
klargelegt, deren weite Verbreitung über das Hochlandsgebiet schon 
lange die Aufmerksamkeit der Gelehrten erregt hat. In den untersten 
Schichten fanden sich Tonfiguren von einem sehr rohen, primitiven 
Charakter, Erzeugnisse ofienbar der Otomi und ihrer Kultur- 
verwandten (S. 161); darüber zahlreiche Tonköpfe, Scherben u. a. 
Altertümer der „ T e o t i h u a c a n k u 1 1 u r " , deren Hauptfundort 
zwar die Ruinenstätte um die berühmten beiden Pyramiden nahe 
dem Ortchen Teotihuacan nördlich der Hauptstadt Mexico ist, zu deren 
Bereich aber einstmals das ganze östliche Hochland und ein großer Teil 
der benachbarten atlantischen Küstenabdachung gehörte (Abb. 55). 
In der mexikanischen Überlieferung lebt die Erinnerung an diese Kultur 
deutlich fort; sie weiß von einem fremdsprachlichen Volk, den 01- 
meken, zu erzählen, das sowohl das Hochland von Tlaxcala als 
auch die atlantische Küste bewohnte. Vielleicht darf man auch 
die Totonaken mit ihr in Verbindung bringen, da auch sie 
einst auf dem Hochland saßen und nach einer alten Sage die Er- 
bauer der Pyramiden von Teotihuacan waren. Und endlich kann die 
Kultur der Völker Oaxacas, von denen ein Teil (die Popoloken) 
noch in geschichtlicher Zeit in der Gegend von Tlaxcala wohnte, 
als ein Ableger der Teotihuacan-Kultur betrachtet werden, da die 
tzapotekische Kunst (Abb. 72) eine unverkennbare Stilverwandt- 
schaft mit der Kunst jener alten, vorgeschichtlichen Hochlands- 
kultur zeigt. Wie dem auch sei, es ist wahrscheinlich, daß vor der 
Einwanderung der Naua (selbst ihres ältesten, „toltekischen" 
Zweiges) eine hohe Kultur von selbständiger, von der Kultur der 
Naua abweichender Eigenart das Hochland besetzt hielt und hier 
die Grundlagen für die spätere Hochlandskultur schuf. Die 
Azteken sind, geschichtlich betrachtet, erst die allerjüngsten, wenn 
auch am besten bekannten Vertreter dieser Kultur gewesen. 1325 
wurde nach der Überlieferung ihre Hauptstadt Tenochtitlan ge- 
gründet, und 1427 beginnt mit dem Regierungsantritt Itzcouatls ihr 
politischer Aufstieg, der sie nach und nach zu Herren des Hoch- 
landes von Toluca, der atlantischen Küste von Tuxpan bis Tuxtla, des 



Völker und Spraclieii. rrsprung und Ausbreituiio- der Kulturen 



173 



Rio-de-las-Balsas- 
Tales mit der an- 
grenzenden pazifi- 
schen Küste (von 
Colima bis Aca- 
piilco) und end- 
lich der wichtigen 
StraßeOaxaca — 

Tehuantepec 
machte (Kar teil). 
Die kul- 
turellen Ver- 
hältnisse der 
modernen Be- 
völkerung 
Mexicos und 
Mittela-merikas 
zeigen natürlich 
überall die tief- 
gehenden Folgen 
spanischer Ein- 
flüsse. Die Ein- 
führung derVieh- 
zucht hat das 
Wirtschaftsleben 
auf eine ganz 
neue Grundlage 
gestellt; die alten, 
mühseligen Tech- 
niken sind ver- 
schwunden , die 
raalerische,z weck- 
mäßige Kleidung 
(wenigstens der 
Männer) wurde 

zuliebe der spanischen aufgegeben, und vor allem ist von den alten 
sozialen, rechtlichen und religiösen Einrichtungen nur das übrig- 
geblieben, was den spanischen Beamten und Priestern als absolut 
ungefährlich erschien. Aber trotz aller Umwälzungen hat sich doch 




Abb. 55. Tonfiguren dreier zeitlich aufeinanderfolgender 
Kulturepochen des mexikanischen Hochlandes. Obere 
Reihe : liechts und links ältester, primitiver Typus, Hoch- 
land von Tlaxcala und Veracruzküste. In der Mitte (auf 
einem Thronsessel sitzende Figur mit reichem Feder- 
schmuck) Teotihuacantypus aus Azcapotzalco im Hochtal 
von Mexico. Untere Reihe (Götterfig-uren): aztekische 
Zeit des Hochtals von Mexico, ('/i und -ji n. Gr.) 
(Berliner Jluseum für Völkerkunde) 



174 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

noch mancherlei erhalten. Am wenigsten hat der Hausbau von 
seiner Eigenart eingebüßt, teilweise auch die Frauenkleidung; die 
Feldarbeit bewegt sich meist in den alten Bahnen, und bei kirch- 
lichen und weltlichen Festen lebt so mancher alte Kultgebrauch 
in nur leicht verschleierter Form weiter fort. 

Hier und da trifft man noch alte Geräte, wie die Speerschleuder in 
Michuacan, Schlitztrommel und Fellpaukc im ganzen nördlichen G-ebiet; neben 
ihnen drängen sich freilich die afrikanische Marimba und allerhand Saiten- 
instrumente europäischen Ursprungs immer mehr in den Vordergrund. Bei den 
in abgelegenen Gebirgen hausenden Mixe und Zoquc hat man in neuester Zeit 
noch lebendigstes Heidentum vorgefunden , und die östlichen und südlichen 
Mayastämme wußten sich durch den großen Aufstand von 1847 sogar die poli- 
tische Selbständigkeit zu erringen. In ganz ursprünglichen Verhältnissen lebt 
im nördlichen Teil nur noch ein Volk, die Lacandon. Im Süden werden die 
atlantischen Abdachungen von Honduras und Nicaragua, Costarica und Panama 
von echten Natuivölkern eingenommen, auf die am Schluß dieses Abschnittes 
besonders eingegangen werden soll. 

b) Mexikaner und Maya 

o) Materielle Kultur 

In der Verzierung ihres Äußeren hatten die mexikanischen 
Völker noch nicht auf Körper Verunstaltungen verzichtet, wie 
sie ursprünglicheren Entwicklungsstufen eigen sind. Naturgemäß 
zeigt sich eine Reihe örtlicher Verschiedenheiten , die zugleich 
Stammesmerkmale waren. Kopfabplattung, Zahnfeilung und Ta- 
tauierung wurden besonders in den atlantischen Küstengebieten 
geübt, Lippendurchbohrung auf dem mexikanischen Hochlande. 
Nasenzierate sind verhältnismäßig selten, Ohrschmucke dagegen 
allgemein. 

Huaxteken und Maya, Totonaken und „Olmeken" (d. h. die Bewohner der 
südlichen Veracruzküste) deformierten ihre Schädel in verschiedener 
Weise. In den Küstenstrichen südlich von Veracruz hat man Schädel und 
Tonfigürchen gefunden, die geradezu abenteuerliche Formen der Kopfabplattung 
zeigen; der Schädel macht, von oben gesehen, den Eindruck eines klceblatt- 
förmigen Gebildes („Tete trilobee"), dessen drei „Lappen", die beiden parietalen 
Wölbungen und die obere Anschwellung des Stirnbeins, durch tiefe Furchen 
voneinander getrennt sind. Die Zahn deform a t i o n tritt in zwei verschiedenen 
Formen auf: als Zahivfeilung und Zahneinlage; bei der ersteren schliff man die 
Zähne sägeartig spitz zu oder feilte die äußeren Ecken der beiden mittleren 
Schneidezähne rechtwinklig heraus, so daß eine Art Nagetiergebiß entstand (Abb.56, 
73), bei der letzteren legte man eine in die Fläche der Schneidezähne gebohrte 
runde Vertiefung mit Jadeit-, Türkis-, Hämatit- oder Goldplättchen aus (Abb. 133 a). 



Mexikaner und Maya 



175 



Beide Arten sind nebeneinander bei denselben Völkern angetroffen worden, die 
auch die Schädel abplatteten, außerdem bei den Tzapoteken. Tatauierung war 
Stamniesmerkmal bei Huaxteken und Totonaken; die Maya kannten nelien der 
Stichtatauierung auch knopfförmige Schniucknarbeiu L i p p e n s c h m u c k kam 
dagegen bei den Naua, Otomi und Tarasken allgemein vor; der gewöhnliche 
kurze Unterlippenptlock war aus Obsidian, daneben gab es lange, gerade Lippen- 
stäbe aus fossilem Harz und schweinshauerartig gekrümmte aus Mnsclielschale. 
Stäbe in der durchbohrten Nasenscheidewand Avaren für die Huaxteken 
kennzeichnend und bildeten (neben Nasengehängen) bei den Naua die Abzeichen 
der Könige und Götter (Abb. 63, 67). Als hr s ch in u c k trug man einen zylindrischen 
Holzpflock, der auf der Vorderseite bemalt oder mit Türkismosaik verziert 





Abb, 56. Tonköpfe der Mistequilla (Küste südlich von Veracruz) mit 

kunstvollen Haartrachten und Zahnfeilung. (7? und 7^ "• Grr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



war. (jranz allgemein wurde Körp erb e mal ung geübt — bei den Frauen 
mittels Tonstempeln — , meist bei besonderen Anlässen freudiger oder trauriger 
Natur. Das Haar trugen die Krieger der Azteken auf der einen Seite hoch- 
gebürstet, auf der anderen rasiert, oder auch in einem Schopf steil aufgerichtet; 
letztere Frisur blieb den Vornehmen vorbehalten. Der Schopf wurde dann entweder 
mit einem gabelförmigen Reiherfederbusch oder mit Quetzalfederquasten ge- 
schmückt. Die Tarasken rasierten sich die Schädel ganz kahl und umAvanden 
sie mit Binden aus Fell oder Garn; kunstvolle Haarschuren Avaren an der Golf- 
küste Mode (Abb. 56), prachtvolle Federkronen bei den Maya (Abb. 75). Ein 
Avichtiges Toilettengerät stellen Spiegel aus halbkugeligen, polierten SchAvefel- 
kiesknollen dar. 

Von der alten Kleidung ist uns in dem feuchten, regenreichen 
Klima leider nichts erhalten geblieben. Für die Männer war die 
Schambinde (azt. maxtlatl), d. h. ein zwischen den Beinen durch- 
gezogenes und vorn oder vorn und hinten in breiten, verzierten Zipfeln 
herabhängendes Stück Baumwollzeug, so unerläßlich, daß ihr Fehlen 
einigen Völkern (Tarasken, Huaxteken) den Ruf besonderer Scham- 



176 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



losigkeit einbrachte. Die Frauen trugen entsprechend eine Decke 
(azt. cueitl) um den Leib. Der Oberkörper blieb bei beiden Ge- 
schlechtern in den heißen Tieflandsgebieten unbekleidet; auf den 
kühleren Hochländern trug der Mann eine Schulterdecke (azt. tilmätli), 

deren Zipfel über der 
rechten Schulter verknotet 
wurden (Abb. 60 1, 63), 
die Frau eine ärmellose 
Jacke (azt. uipilli) oder 
an der atlantischen Küste 
ein ponchoartiges, vorn 
dreieckig herabfallendes 
Kleidungsstück (Abb. 60 i, k 
und Abb. 55 unten). Den 
Fuß bekleidete man mit 
Sandalen, die als Vorläufer 
richtiger Schuhe Hacken - 
kappen besaßen. 

Als Schmuck- 
material kommen 
verschiedene Steinarten, 
Muschelschalen, Metalle 
(Gold und Kupfer) und 
vor allem Federn in Be- 
tracht. Neben gewöhn- 
lichen Ketten aus durch- 
bohrten Steinperlen hatte 
man stülpen- und kragen- 
artige Schmuckstücke aus 
Steinperlengeflecht. 

Als Waffen behaup- 
teten sich neben Bogen 
und Pfeil Wurfbrett 
und Wurfspieß noch in 
dem ganzen Gebiete. 
I)a.s Wurfbrett (azt. atlatl) Avar nicht nur Jagd-, sondern auch durchaus 
Krieg-.swaffe; es galt den Mexikanern teilweise schon als ein altertümliches 
Instrument, weshalb Avir es auch besonders als Götterwaffe in den Bilderschriften 
auftreten sehen (Abb. 67); ganz besonders gilt dies von Yucatan, wo es erst 
durch die Invasion der Nauasöldner Avieder eingeführt Avurde (Abb. 54). Es 




Abb. 57. Altmexikanische Speersehleuder der 

Christy Collection des Britischen Museums. 

Rechts die abgerollte Darstellung der 

Schnitzerei der oberen Hälfte, ('/a n. Gr.) 

(Xach Joyce) 



Mexikaner und Maya 



177 



hatte die Form eines schmaleu, kurzen Brettes mit einer Einne auf der Fläche 
und einem Zapfen am hinteren Ende; die Finger griffen durch seitlich an- 
gebundene Einge aus Muschelsctiale (Abb. 57), Noch heute wird das Wurfbrett 
auf dem See von Pätzcuaro (Michuacan) zum Schleudern dreispitziger Vogel- 
pfeile gebraucht. 

Während Bogen und Pfeil — beide von südlichem Typus 
(d. h. ein einfacher Holzbogen mit kreisrundem Querschnitt und 
ein Pfeil, der aus Rohrschaft und JBolzeinsatz mit einseitiger Wider- 
hakenreihe oder besonders eingelassener Steinspitze besteht; vgl. 



^ 


5^ 


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■■1 


M 


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Abb. 58. Altmexikanischer Schild, Vorder- und Eückseite. Die Vorderseite mit 

einem Mosaik aus bunten Federn (Fond rot und gelb, Stufenmäander grün, 

innerer Kreis blau, ('/u n. Gr.) 

(Original im Lindenmnseum, Stuttgart) 

Abb. 60d, e) — , Tonkugelblasrohr und Steinschleuder die 
Waffen des Jägers bei den Stämmen der Waldgebiete und der 
Gebirge (die Schleuder z. B. auf dem Hochland von Toluca) blieben, 
spielten in den bedeutenderen politischen Gemeinwesen die Nah- 
kampfwaffen die Hauptrolle. Vor allem gehört hierher neben 
Kolbenkeulen (bei den Tarasken) und kupfernen Streit- 
äxten (bei den Maya) das Macquauitl, die nationale Waffe der 
Azteken; es war ein Knittel oder eine Latte, deren Seitenkanten 
mit eingekitteten Obsidiansplittern bewehrt waren (Abb. 64). Gegen 
diese furchtbare Waffe schützte man sich mit Kollern aus gesteppter 
Baumwolle und runden, aus verschiedenen Bohrlagen bestehenden 
Schilden mit Doppelgriff und mit Federmosaik auf der Vorderseite 



Völlverkuiule I 



12 



178 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

(Abb. 58). Die Gebirgsstämme der Landenge von Tehuantepec 
und die Maya des südlichen Yucatan führten mächtige Lanzen 
mit breiten, blattförmigen Steinspitzen im Kampf (Abb. 75). Zur 
Anlage von Festungen wählten die Azteken, Tzapoteken und 
Maya Guatemalas (S. 188) mit Vorliebe die von Natur festen, durch 
Erosion aus Berghängen herausgeschnittenen, einzelnstehenden 
Kuppen und Hochflächen aus. Eine starke Burg der Tarasken, 
die die wilden nördlichen Jägerstämme im Zaum hielt, haben wir 
offenbar in den gewaltigen Ruinen von La Quemada (Tuitlan) süd- 
lich von Zacatecas vor uns, eine befestigte Stadt der Mixteken im 
Monte Alban bei Oaxaca. 

Die Behausungen wichen nicht von denen ab, die sich noch 
heute das niedere Volk allenthalben in Mexico baut: in den tro- 
pischen Niederungen Hütten aus Holz- oder Bambusstämmen mit 
Lehmbewurf oder Mattenbekleidung und hohem Palmblattdach 
(Jacales), auf dem kühleren Hochlande Häuser aus lufttrockenen 
Ziegeln (Adobes) mit flachem Balkendach. Steinbau wurde im 
wesentlichen nur bei Tempeln und Palästen angewandt. Der Grundriß 
der Häuser war oval oder viereckig; in Yucatan bildet Campeche 
(an der Westküste) noch heute die Grenze zwischen ovalen First- 
dachhäusern mit vier zentralen Dachstützen, die den Norden, und 
rechteckigen Giebeldachhäusern mit vier Eckpfosten, die den ganzen 
Süden mit den anstoßenden Gebieten des Isthmus und den Staaten 
Honduras und Salvador beherrschen. Daneben errichten die heutigen 
Maya, wenn sie auf Reisen sind, noch immer ganz primitive Wetter- 
schirme, die sie mit den Blättern von Corozo-Palmen, Helikonien 
und Arazeen bedecken. 

Der indianische Hausrat hat sich seit alters auch nicht sehr 
verändert; die Hauptstücke bilden Mahlsteine (Metates), allerlei 
Gefäße aus Ton und Kürbisschale (Jicaras) und, als Betten, Auf- 
schüttungen aus Laub mit Matten darüber oder auch hölzerne 
Schlafgestelle. Die südamerikanische Hängematte ist ins Maya- 
gebiet vielleicht erst in spanischer Zeit von Süden her eingeführt 
worden. Bei den Ansiedlungen liegen backofenförmige, aus Adobes 
errichtete Schwitzbäder (azt. temazcalli), Maisscheuern (cuezcomatl, 
große, mit Strohdächern versehene Tonurnen, Abb. 59; vgl. auch 
Abb. 60g), ferner im wasserarmen Yucatan glockenförmige, unter- 
irdische Wasserbehälter (chultun), falls natürliche Höhlen, in denen 
sich das Grundwasser sammeln konnte (tz'onot, span. Zenotes), fehlten. 



Mexikaner und Ma3'a 



179 



Die Grundlage der Wirtschaft war die Bodenkultur. In den 
tropischen Niederungen verfuhr man nach südamerikanischer Weise; 
ein Stück Wald wurde gerodet, das trockene Holz verbrannt und in 
die Asche gesät. In den Hochlandsgebieten herrschte der Hackbau ; 
die oberen Bodenpartien wurden mit einem sich nach unten ver- 
breiternden Holzgerät (uictli, Abb. 60 f) aufgeschürft und in die Erde 
mit einem spitzen Pflanzstock Löcher für die Saat gestochen. Be- 




Abb. 59. Modernes mexikanisches Gehöft mit Maisscheuern (cuezcomati) aus 

Ton. Geg-end von Tlaxcala 

(Nach Starr) 

Wässerung, Terrassenbau und Düngung mit menschlichen Fäkalien 
hoben den Ackerbau auf eine höhere Stufe; am Süßwassersee, südlich 
der Hauptstadt Mexico, hat sich noch heute die alte Gartenkultur 
der sog. „schwimmenden Gärten" oder Chinampas (in Wirklichkeit 
handelt es sich um feste Gemüsebeete, die durch schmale Wasser- 
gräben voneinander getrennt sind) erhalten. 

Die Hauptnahrungs pflanze war derMais, dessen Heimat vielleicht Mittel- 
amerika ist. daneben die Bohne. Zur P^ntfornung der harten Schalen kochte man die 
Maiskörner zunächst mit Ätzkalk, um sie dann auf d>'m dreibeinigen Mahlstein mit 
einer steinernen Walze zu zerreiben und die Masse in runden Fladen (azt. 
tlaxcalli, span. Tortilla) auf Tonplatten über dem Feuer zu backen (Abb. 6Uh). 



180 Amerika. IL Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Von Knollenfrüchten wurden Batate, Mandioka und Yams gebaut. Spanischer 
Pfeffer (chilli) war das beliebteste Gewürz, die süßen und sauren Früchte von 
Sapotazeen bildeten die Zukost, und die ausgedehnte Bienenzucht der Maya 
lieferte Honig, aus dem noch heute die Lacandon (wie in alter Zeit die Yuca- 
teken) eine Art Met (balche) bereiten. Unter den Genußmitteln sind Schokolade 
und Pulque am bekanntesten geworden. Der Kakaobaum (cacauati) stammt, 
wie der Mais, aus Mittelamerika; der schwierige Anbau, der die Anpflanzung 
besonderer Schattenbäume nötig macht, ist in den heißen Niederungen der atlan- 
tischen und pazifischen Küste und des nördlichen Guatemala zu Hause und 
wohl einem Mayastamm zu verdanken. Man trank die Schokolade kalt, mit 
einem Zusatz von Pfeffer, Vanille und Bienenhonig und mit einer dicken, durch 
Quirlen erzeugten Schaumschicht auf der Obei-fläche. Pulque (octii) wird aus 
der Agavepflanze gewonnen, heute noch in derselben Weise wie in aitf^r Zeit; 
der Blütenschaft in der Mitte der Pflanze wird angeschnitten und der in die 
Höhlung sickernde Saft mit Kürbissen, die als Stechheber dienen, gesammelt; 
der Gärung überlassen, liefert er ein säuerliches, berauschendes Getränk 
(Abb. 60m). Der Tabak wurde teils in Boiirstengeln geraucht (ziear = Zigarre 
ist ein Mayawort), teils zur Erzielung von Rauschzuständen von den Priestrrn 
gekaut; zu diesem Zwecke brachte man die Tabaksblätter in Piilenform. Ton- 
pfeifen sind nur im Gebiet der Tarasken gefunden worden. 

Jagd und Fischfang (vgl. Abb. 60a) treten nur bei den Ta- 
rasken stärker hervor, deren bevorzugte Watfen Bogen und Pfeile bis 
in die spanische Zeit hinein blieben. Die Inseln und Uferränder des 
Sees von Pätzcuaro waren die Sitze der Netz- uud Angelfischerei, 
nach der die Azteken das Land uud seine Hauptstadt (Tzintzuntzan) 
Michuacan, „Ort der Fischer", nannten. Gegenwärtig sind nur 
noch die Huave im Lagunengebiet von Tehuantepec ein Volk, das 
ausschließlich von Fischen lebt und alles Fleisch verschmäht, trotz 
der ansehnlichen Rinderherden, die es besitzt. Als Haustiere 
wurden in alter Zeit lediglich Hund und Truthahn gezüchtet. 

Den Übergangszustand zwischen Stein- und Metallzeit, 
in dem nordamerikanische Völker zur Zeit der Entdeckung lebten 
(S. 104), treffen wir auch bei den mexikanisch-uiittelamerikanischen 
Völkern an. Nur hatten diese schon gelernt, das Kupfer zu 
gießen und die Schneiden dann durch kalte Hämmerung zu harten; 
dagegen hatten sie die Bronzemischung noch nicht gefunden, wenn 
es auch reiche Zinnlager in ihrem Gebiete gab. Daher hat das 
Metall bei ihnen nie das alte Werkmaterial, den Stein, verdrängen 
können. 

Neben der Kupferaxt, deren Klin<;-e in das gespaltene Ende eines knie- 
förmig gebogenen Schaftes gesteckt wurde, behauptete sich noch das Steinbeil, 
bei dem man die dioritne Klinge in ein Loch des oben verdickten Schaftes 
einließ (Abb. 60 b, cj. Stampf er, geriefte vierecki^^e Bastklopfer, die durch eine herum- 




Abb. 60. Bilder ans dem Wirtscliaftsleben der Azteken, a Fischer, b Kupfer- 
iixt, c Steinaxt, d Bogen und Pfeil, e genetzte Jagdtasche (für Steiiipfeilspitzen), 
f Grabsclu'it und Korb zum Fortschaffen der Erde, g kastenartij^er Vorrats- 
behälter für Mais (vgl. daneben Abb. 59). h Fiau am Mahlstein (vor ihr derBacIc- 
teller auf drei Steinen und die Reibsehale zur Herstellmig der Ciiilcpfeffersance), 
1 Spinnerin, k Weberin, 1 Metallgießer (in dem Schmelztiegel die Hierogivphe 
„rJold"), m Pulquekrug, n geflochtene Deckelschachtel mit Räiicberharz (Kopal, 
Tribut der Gegend von Tasco im Rio de las Halsas-Tal), o Baunnvollhalien 
(oben die Baumwollblüte), p Binsenträger, q Fächer und Bambusstab des Kauf- 
manns, r und s leiterartige Kückentrage 
(b und c nach dem Codex Magb';ibecchi, d und e nach dem Codex Boturini, m nach dem Codex 
Borgia, alle übrigen nach dem Codex Mendoza) 



182 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



gelegte Zweigschlinge eine Handhabe erhielten, vom Obsidianblock durch Druck 
abgesprengte Späne als Messer und Pfriemen aus Knochen vervollständigen 
den steinzeitlichen Hausrat, neben dem nur noch ein paar Kupfergeräte, z. B. 
merkwürdige, Tförmige Messer, die in großen Mengen im tzapotekischen Gebiet 
gefunden werden (vielleicht ein Geldsurrogat?), in Betracht kommen. 

Nichtsdestoweniger standen alle Kunstfertigkeiten in hoher 
Blüte. Türkis, Jadeit und Muschelschale wurden in kleinen Stück- 
chen zu kunstvollen Mosaiken zusammengesetzt, die Holz- und 
Knochengeräte überzogen (vgl. Abb, 51, Fig. 2 und Taf. IX, Fig. 1). 




Abb. 61. Altraexikanische Tongefäße. 1 und 2 bunt bemalte Cholulaware 
(Tlaxcala und Cholula), 3 Teotihuacangefäß, bei dem die Muster durch teihveises 
Wegschaben der dunklen, äußeren Schicht gewonnen sind (Azcapotzaico im Tal 
von Mexico), 4 Mayagefäß mit eingeritzter Verzierung auf weißem Felde (Cliamä 
im nördlichen Guatemala), 5 Gefäß mit metallisch glänzendem Überzug (Ato- 
tonilco-Quimiztlan am Fuß des Piks von Orizaba), 6 Schwarz-weiß bemalle 
Henkelkanne (Tanquian in der Huaxteca). ('/b bis '/? n. Gr.) 
(Bis auf 1 sämtlich im Berliner Museum für Völkerkunde. Nach Seier) 



Eine reiche Tonwarenindustrie war im Schwange; der Ton 
wurde ohne Drehscheibe (nur in Yucatan findet sich eine Art Vor- 
stufe zu ihr) in die mannigfachsten, geschmackvollen Formen ge- 
bracht (man vergleiche z. B. die großen Figurengeiäße der Tzapo- 
teken, Abb. 72) uud mit eingeschabten Darstellungen (Teotihuacan, 
Veracruzküste) oder reicher, an die Bilderschriften erinnernder Be- 



Mexikaner und Maya 



183 



malung (Cholula), zuweilen auch mit metallisch glänzender Glasur 
(Guatemala) versehen (Abb. 61). Besonders die letzteren beiden Arten 
von Gefäßen sind als Prunkware über das ganze Mexico durch den 
Handel verbreitet worden, ähnlich den reich skulptierten, ihrem Ge- 
brauch nach noch immer rätselhaften „Steinjochen" der Totonaken 
und Gefäßen aus 
alabasterartigem 
Aragonit. Eine alte 
Industrie ist das 
Lackieren bunt be- 
malter Kürbis- 
schalen mit dem 
Fett der Schildlaus 
(Coccus axin) bei 
den heutigen Taras- 
ken , Tzapoteken 
und Maya Guate- 
malas. DieMetall- 
arbeiter (Abb. 
60 1) leisteten in 
dem Ineinander- 
arbeiten verschie- 
dener Metalle Be- 
deutendes; die gol- 
denen Schmuck- 
sachen sind leider 
meist in den 
Schmelztiegel der 
Spanier gewandert, 
doch haben sich 
zahlreiche, in der- 
selben Art (in ver- 
lorener Form) ge- 
gossene Kupfer- 
schellen erhalten. Die Weberei war besonders im atlantischen 
Gebiete, bei den Huaxteken und Totonaken, hochentwickelt; man ge- 
brauchte als Gespinstfasern (Abb. 60 i) Baumwolle uud verschiedene 
Arten Agavebast (Ixtle auf dem mexikanischen Hochland, Henequen 
oder Sisalhanf in Yucatan), als Farbstoff u. a. den karminroten Saft 




Abb. 62. Moderne indianische Hängebrücke bei Cha;^rax. 

Alta Verapaz (Guatemala) 

(Nach Sapper) 



184 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

der Cochenillelaus, die um Oaxaca auf Nopalkakteen gezüchtet wurde. 
Der Webapparat (Abb. 60 k) war der einfache, den wir auch in Peru 
wiederfinden werden. Ein nicht minder blühender Kunstzweig waren 
die Federarbeiten; sie bestanden teils im Einknüpfen von Federn 
an den Kreuzungsstellen netzartiger Gewebe, teils im Aufkleben zer- 
schnittener Federchen auf Papierunterlagen nach bestimmten, vor- 
gezeichneten Mustern (Abb. 58). Die buntgefiederte Yogelwelt der 
mittelamerikanischen Tropen, ganz besonders der grüne Quetzalvogel 
(Pharomacrus mocinno), der blaue Kotinga, der brennendrote Arara 
und der rosafarbene Löffelreiher, lieferte das Material. Von den 
Stein- und den Federmosaiken sind einige Prachtstücke erhalten. — 
Infolge der Blüte der östlichen Industrien hatte sich ein reges 
Handelsleben entfaltet. 

Große kautmännische Expeditionen zogen Jalir für Jahr in weite Fernen, 
um die Rohstoffe heranzuholen. Es Inldeten sich Mittelpunkte des Handels, 
wie Xicalanco an der Boca de Terminos, der Eingangspforte zu den Maya- 
iändern, Cholula auf dem Hochlande am Ausgangspunkte der großen, ins Tzapo- 
tekenland hinab und von da nach beiden Küsten führenden Straße. Jede Stadt 
besaß ihren von Verkaufshallen umgebenen Marktplatz. Ersatz für Gel d waren 
Kakaobohnen (die noch jetzt in manchen Gegenden als kleinste Münze im Umlauf 
sind), mit Goldstaub gefüllte Federposen und Decken. Handelsstraßen und Brücken 
(massive oder Hängebrücken, Abb. 62) erleichterten den Verkehr, der wegen des 
Mangels an Tragtieren ganz auf Menschen angewiesen war, die die Lasten auf 
leiterartigen Rückengestellen (cacaxtli) mittels eines Stirnbandes (mecapalli) trugen 
(Abb. 60 r, s). Der Seeverkehr scheint nur an den Küsten Yueatans lebhafter 
gewesen zu sein; schon Columbus traf auf seiner vierten Reise (1512) ein großes 
Handelsboot mit fünfundzwanzig Mann Besatzung im Golf von Honduras. Karten 
dienten als Wegweiser, besonders auf der großen, von Xicalanco durch dichte 
Urwälder nach den Goldbezirken von Honduras führenden Straße, auf der sie 
auch Cortes während seines abenteuerlichen Zuges (1.524/25) begleiteten. 

ß) Soziale Verhältnisse 

Bei den Azteken, deren Gesellschaftsordnung wir allein genauer 
kennen, baute sich der Stamm auf etwa zwanzig Gentes oder 
CalpoUi („großes Haus") auf, die ihre Namen von bestimmten 
Örtlichkeiten ableiteten, über gewisse Schutzgottheiten und Ab- 
zeichen (darunter auch Tiere) verfügten und in Tenochtitlan und 
Tlaxcala auf vier „Quartiere" verteilt waren, die wohl als ursprüng- 
liche Phratrien aufzufassen sind. Vaterfolge war die Eegel, doch 
läßt sich aus Personennamen und anderen Tatsachen (z. B. weib- 
lichen Häuptlingen) schließen, daß anderwärts (bei den Maya, Huax- 



Mexikaner und Mava 



185 



teken und Küsten-Naua) auch Mutterfolge vorkam. Die Gens war 
die alleinige Eigentümerin eines bestimmten Stückes Land, das 
durch das erwählte Oberhaupt der Gens, den Calpolec, alljährlich 
unter die einzelnen Familien aufgeteilt wurde, wodurch diese zur 
Bebauung ihres Anteils verpflichtet waren. 

Krieg und Er- 
oberung haben in 
diese ursprüngliche 
Gliederung des Vol- 
kes eine scharfe Schei- 
dung nach Ständen 
hineingetragen. Die 
drei oberen Stände 
waren die königliche 
Familie, der Adel 
und die Priester- 
schaft, deren Macht 
und Reichtum sich 
auf Landbesitz grün- 
deten. Die erober- 
ten Ländereien, das 

„Herrenland" 
(pillalli) im Gegen- 
satz zum „Gentil- 
land" (calpollalli), 
fielen nämlich diesen 
drei Ständen zu, die 
sie von Hörigen be- 
wirtschaften ließen, 
wobei sich der König 
außer seinen Kron- 
domänen , die die 

Mittel für den Unterhalt des ausgedehnten Hofstaates zu liefern hatten, 
noch andere Ländereien vorbehielt, mit denen er seine erprobten Heer- 
führer auf Lebenszeit belehnte. Der Herrscher des aztekischen 
Staates, der durch die Versammlung der Calpolec und der Spitzen 
des Adels aus der königlichen Familie gewählt wurde, führte den 
Titel Tlätouani, „der Sprecher". Als höchster Würdenträger stand 
neben ihm, oft geradezu als sein Kollege und Stellvertreter, der 




Abb. 63. Krönung- Motecüzonias (Montezumas) II 
durch seinen Kollegen Nezaualpilli von Tetzcoco, der 
ihm die könig-lichc Stirnbinde (xiuhuitzolli) überreicht. 
Die älinlich geformte, mit einem Federbiisch verzierte 
Oberarmspaiige (quetzalmachoncotl), die Motecüzoma 
bereits trägt, und sein goldener Nasenstab sind eben- 
falls königliche Abzeichen 
(Nach Duran) 



186 Ainerika. IL Die Völker Xord- und Mittelamerikas 

Ciuacouatl (so nach einer Göttin genannt). Bei den Tarasken und 
Tzapoteken erscheint neben dem weltlichen Herrscher ein Priester- 
fürst (Petamuti bzw. Uijatäo), dessen Machtfülle gelegentlich die 
des Königs eingeschränkt zu haben scheint. Die vier höchsten, 
zugleich mit dem König gewählten Kronbeamten des aztekischen 
Reiches und das Heer der unter ihnen stehenden niederen Beamten 
(Teachcauh) verraten noch durch ihre Titel, die durchweg von den 
Namen bestimmter Ortlichkeiten (Tempelstätten) abgeleitet sind, 
daß sie ursprünglich Phratrien- und Gentilhäuptlinge waren, wie die 
vier Fürsten, die den Freistaat Tlaxcala regierten. 

Hauptabzeichen des Königs war eine mit Türkismosaik verzierte, vorn in 
einem dreieckig-en Blntt aufragende Stirnbinde (xiuhuitzolii, Abb. 54), mit der 
er bei der feierlichen Investitur oder „Fußwaschung-" bekleidet wurde (Abb. 63), 
sein Thron ein mit hoher Eückenlehne versehener, geflochtener und mit Jaguar- 
fellen belegter Sitz. Von dem echt orientalischen Pomp, mit dem sich der Herrscher 
Tenochtitlaus umgab, entwerfen die spanischen Berichte der Zeit der Eroberung- ein 
farbenprächtiges Bild. Wir hören von ausgedehnten Palästen mit einem Gewirr von 
Gemächern und Hallen, die von einem zahlreichen Hofgesinde (darunter auch Tänzer 
und Sänger, Akrobaten und Gaukler, Bucklige und Zwerge) belebt waren, von Ma- 
gazinen und Arsenalen, Menagerien und Lustgärten, in denen man seltene, von 
weither eingeführte Pflanzen zog. — Die Angehörigen des Geburts- und 
Beamtenadels (pilli oder teciitli) besaßen ein Anrecht auf bestimmte, vom 
Könige verliehene Trachten und Abzeichen; dasselbe gilt auch von den 
Kriegern, die als Auszeichnung für tapfere Taten bestimmte „Devisen" erhielten: 
nämlich Wämser, Kopfbedeckungen (häufig in der Form von Helmmasken), ver- 
schieden gi-staltete, mittels Holzgestellen auf dem Rücken getragene Abzeichen und 
besondere Schildmuster; alles dies war zum größten Teil in Federarbeit imd 
Gold ausgeführt (vgl. Abb. 64). Dem aztekischen Krieger kam es vor allem 
darauf an, Gefangene zu machen, denen erst nach erfolgter Opferung vor den 
Göttern die Köpfe abgeschnitten wurden (s.u.). Kriegstrophäen nach Art 
des nordamerikanischen Skalpes kannten nur die Huaxteken, in deren Tempeln 
die präparierten Kopf- und Gesichtshäute erschlagener Feinde hingen. 

Den höheren Rangklassen gegenüber stand die Masse des ge- 
wöhnlichen Volkes mit seiner ursprünglichen Geschlechter- 
verfassung, die sich aber auch infolge der allgemeinen Umwandlung 
zu zersetzen begonnen hatte. Die Gentes waren zum Teil Zünfte 
geworden, in denen bestimmte Handwerke heimisch und erblich 
waren, und die in den Städten bestimmte Viertel innehatten. Aus 
verschiedenen Gentes war auch der im alten Mexico hochangesehene 
Kaufmannsstand hervorgegangen, der eine eigentümliche Stellung 
einnahm, da er auf seinen Expeditionen außer rein kommerziellen 
oft genug wichtige militärisch-politische Missionen erfüllte. Feder- 



Mexikaner und Mava 



187 



fächer und Bambusstab, die Attribute des Reisenden, waren daher 
seine Hauptabzeichen (Abb. 60 q). 

Besitzstreitigkeiten entschied der Calpolec; sonst lag die Rechts- 
pflege in den Händen bestimmter Beamter, über denen als höchste 
Instanz ein am Hofe des Königs tagendes Richterkollegium stand. 
Das Strafrecht war drakonisch und erkannte z. B. gegen Trunken- 
heit Jugendlicher, Ehebruch und Hochverrat auf Todesstrafe. 




Abb. 64. Aztekische Krieg-er: 1 In Jaguarverkleidung-, mit Schild und Macquauitl, 
2 im gesteppten Baumwollpanzer, mit Schild (vgl. Abb. 58), Macquauitl und 

„Rückendevise" 
(Xach dem Lienzo de Tlaxcala) 

Der aztekische Staat war eine auf ganz kleiner territo- 
rialer G-rundlage aufgebaute Militärmonarchie. Die starke kriegerische 
Ausbreitung unter den letzten Herrschern (Motecüzoma oder Monte- 
zuma I., Axayacatl, Tizoc, Ahuitzotl und Motecüzoma II.) führte 
nicht zur Einverleibung, sondern nur zur Besetzung der eroberten 
Gebiete (S. 172/3) mit mexikanischen Garnisonen und zu ihrer Aus- 
beutung durch Tributeinnehmer (calpixque), über deren Lieferungen 



183 Amerika. 11. Die Völker Nord- und Mittel am erikas 

(Abb. 60 n, o) in umfangreichen bilderschriftlichen Tributlisten Buch 
geführt wurde. 

Sogar das kleine Hochtal von Mexico war in Jahrhunderte] angen 
Kämpfen nicht zu einem Einlieitsstaate zusammengeschweißt worden; es um- 
faßte die drei Staaten Tenochtitlan, Tetzeoco und Tlacopan, die einen Dreibund 
zu Offensiv- und Defensivzweeken geschlossen liatten. Grund zu diesem legte 
die Unterwerfung des Tepanekenreiches (am Westufer des Sees von Mexico) 
durch den ersten großen Aztekenherrscher Itzcouatl (1428 — 1440), der auch die 
Feudalaristoki-atie durch Aufteilung des Tepanekengebietes geschaffen haben 
soll, doch gilt als der eigentliche Begründer erst sein Nachfolger Motecüzoma I., 
dessen Verbündeter der als Dichter und Gesetzgeber hochberülimte König Ne- 
zaualcoyotl von Tetzeoco war. In unmittelbarer Nachbarschaft des Dreibundes 
behauptete sich der unabhängige Freistaat Tlaxcala mit seiner aus Naua und 
Otomi zusammengesetzten Bevölkerung. Auch M i c h u a c an , das sich unter dem 
Eroberer Tsitsis pliandäquare bis zu dem Hochtal von Toluca, dem See von Cliapala 
und dem pazifischen Ozean (Zacatula und Colima) ausdehnte, ist aus einem 
Dreibund von Orten (Iguatzio, Tzintzuntzan und Pätzcuaro) erAvachsiii. Die 
Tzapoteken, deren Geschichte der Gegensatz zu den Mixteken, Mixe und 
Azteken beherrscht, besaßen neben ihrer eigentlichen Hauptstadt Zaachilla 
(Oaxaca war eine aztekisclie Militärkolonie) eine zweite in Teliuantepec, 
über die gewöhnlich ein jüngerer Sohn des Königs gebot. Auf dem Hochlande 
von Guatemala lagen die Hauptsitze der sich dauernd befehdenden Qu"iche 
und Cakchiquel in fast uneinnehmbarer Lage auf „Mesas" (S. 144) zwischen tief 
eingeschnittenen Bergschluchten: K'umarcaah in der Nähe des heutigen Sta. Cruz 
Quiche und Iximche (azt. Quauhtemallan: „am Holzhaufen" — daher Guatemala!) 
an der Stelle des heut'gen Teepan. Yucatan nahmen sieben bis zehn kleine 
Staaten ein, deren Fürsten über die einzelnen Dorfhäuptlinge (batab) geboten Lange 
Zeit behauptete hier die alte Stadt Maj'apan eine Art Vormachtstellung; ihre 
Fürsten, die Cocom, stützten sich dabei auf Nauasöldner (S. 170) und wurden 
schließlich durch eine nationale Erhebung der Maya unter einem andern Fürsten- 
geschlecht, den Tutulxiu von Maui, gestürzt (1436). 

Das bürgerliche Leben spielte sich in dem ganzen Gebiete 
in ziemlich gleichen Formen ab. Der Schwangeren wurden 
Schwitzbäder verordnet; die Geburt erfolgte unter dem Beistand 
einer Hebamme. Bei verschiedenen Völkern der atlantischen Küste 
(besonders bei den Totonaken) wurde an Knaben und Mädchen eine 
Beschneidung bald nach der Geburt vorgenommen. Bis zum fünf- 
zehnten Jahre behielten die Azteken die Knaben in strenger Zucht 
zu Hause, dann wurden sie einer der beiden Erziehungsanstalten, 
entweder dem Priesterseminar (calmecac) oder dem Kriegerhause 
(telpochcalli) übergeben. Wahrscheinlich ist das Kriegerhaus ur- 
sprünglich ein Junggesellenklubhaus gewesen ; bei den Maya gab 
es noch echte Junggesellenhäuser, in denen die junge, allzeit kriegs- 



Mexikaner und Maya 



189 



bereite Mannschaft zusammen mit unverheirateten Mädchen für sich 
wohnte. — Die Eheschließung war mit geringen Förmlichkeiten 
verbunden; oft war sie eine richtige Kaufehe, wie bei den Maya. 
Bei den Azteken wurde die Hochzeit vollzogen, indem man die 
Brautleute auf einer Matte einander gegenübersetzte, die Gewänder 
verknüpfte und beiden aus einer Schale zu trinken gab. — Tote 
wurden teils begraben, teils verbrannt. Während die Tarasken ihre 
verstorbenen Fürsten verbrannten und die am Scheiterhaufen er- 
schlagenen Sklaven einfach verscharrten, bestatteten die Totonaken 
ihre Toten in Schachtgräbern, 
die Tzapoteken in unterirdischen 
Grabkammern; in den letzteren 
(Taf. VIII, Fig. 8) wurden aber nur 
die rotgefärbten Knochen nachträg- 
lich beigesetzt. InYucatan gab es 
hölzerne Ahneubilder (als Aschen- 
behälterj und einen Schädelkult in 
der Form von Schädelmasken (der 
Schädel des Toten wurde halbiert 
und mit Harz ausmodelliert). Bei 
den Azteken richtete sich das 
Schicksal im Jenseits und infolge- 
dessen auch die Bestattung ganz 
nach der Art des Todes. 




Abb. 65. Künstliches Mumienbiindel 
für einen g-efallenen oder geopferten 
Kricg-er. davor Opfergaben. Das 
Bündel trägt einen Kopf mit den Ab- 
zeichen des vergöttlichten Toten 
(u. a. der „Sternhimmelbenialung") 
und an einem Bande das Bild eines 
Hundes (des Totenbegleiters) 
(Nach Codex Magliabecchi) 



Danach unterschieden die Azteken 
drei Kategorien. Die gewöhnlichen Toten, 
die di'n ..Strohtod" gestorben waren und 
ins Mictlan, die tiefste Unterwelt unter 

der Erde, hinabsanken, Avurden in sitzender Hockerstellung in ein Bündel ge- 
wickelt, verbrannt und ihre Asche sowie ein das Herz vorstellender Edelstein 
in eine steinerne Deckelkiste getan. Die zweite Gruppe von Toten, die be- 
graben wurde, gehörte dem Eegengotte und kam in sein Eeich (Tlalocan") auf 
den wolkenbedeckten Kämmen der Berge. Es waren die an Fieber und aussätzigen 
Krankheiten Gestorbenen, die vom Blitz Erschlagenen und Ertrunkenen. Die 
vornehmsten Toten, nämlich die im Kampfe gefallenen oder vom Feinde geopferten 
Krieger und die im Kindbette gestorbenen Frauen, die ja gewissermaßen auch 
im tapferen Kampfe um einen Gefangenen (das Kind) gefallen waren, gingen 
zur Sonne, die sie auf ihrem Laufe mit Gesängen und Tänzen begleiteten; für 
sie errichtete man ein künstliches Mumienbündel (Abb. 65), das verbrannt wurde. 

Als die offizielle Religion durch die Einführung des Christen- 
tums beseitigt war, kam der durch sie in den Hintergrund gedrängte 



190 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Volksaberglaube wieder zu seinem Recht; mit ihm auch der Na- 
gualismus, d. h. der Glaube an gewisse persönliche Schutzgeister, 
meist Tiere, mit denen das Leben eines Menschen untrennbar ver- 
bunden ist und die daher für den Betreffenden „Tabu" sind (vgl. 
Nordamerika). Das Tier gilt dabei als andere Form des Menschen 
(naualli = das Verkleidete). Noch im siebzehnten und achtzehnten 
Jahrhundert hat dieser Glaube im Isthmusgebiet und in Guatemala 
große Verbreitung gehabt. 

y) Religion 

Die Religion der mittelamerikanischen Völker bietet uns eine 
Menge interessanter Tatsachen für das Studium des primitiven 
Zauberglaubens dar. Der Zauberer spielte noch eine große 
Rolle als Krankenheiler, Wahrsager und Gaukler, vor allem aber 
war auch noch der ganze Gottesdienst mit Zauberhandlungen durch- 
setzt, welche die Befruchtung der Erde und ihrer Geschöpfe, die Ver- 
mehrung der Maispflanzen, die Erlangung des notwendigen Regens, 
die Beeinflussung des Sonnenlaufes zum Ziele hatten. Die Azteken 
führten bei ihren Pesten Schlangen- und Phallustänze wie die Pueblo- 
indianer (S. 152) auf und besaßen zahlreiche andere Zauber- 
riten, von denen wir einige noch kennenlernen werden. Ein 
Fest der Maya, Tupp k'a'k, „das Ausgießen des Feuers" ge- 
nannt, war nichts anderes als ein großer Regenzauber, denn es 
bestand darin, daß man Getier von allerlei Art schlachtete und die 
Herzen ins Feuer warf, das dann die Priester ausgössen, während 
andere das Abbild einer Stufenpyramide herstellten, um den Licht- 
gottheiten gleichsam den Aufstieg zum Himmel zu erleichtern. Die 
Tzapoteken endlich wählten alljährlich im Herbst den größten und 
schönsten Maiskolben aus, putzten ihn heraus und verehrten ihn 
als Maisfetisch bis zum Frühjahr; dann vergruben sie ihn wieder 
in einer kleinen Kapelle inmitten der Felder, damit er der neuen 
Aussaat seinen Segen spende. 

Zu den eigentlichen Kulthandlungen gehörten Gebete, 
Trankopfer und Räucherungen, Kasteiungen, Tier- und Menschen- 
opfer, Weihopfer, Reinigungen, Beichten und Fasten, Instandhalten 
des Tempels, Gesang und Musik, bei den Tarasken außerdem noch 
Aufrichtung und Abbrennen großer Scheiterhaufen auf der Höhe 
der Yäcatas (Tempelpyramiden). — Räucherungen mit Kopalharz 
waren die gewöhnlichsten Kultübungen und fanden bei jeder Gelegen- 



Mexikaner und Maya 191 

heit statt. Man benutzte dazu einen Räucherlöffel (tlemaitl „Feuer- 
arm") mit durchbrochener Schale und ein Kohlenbecken (Taf. IX, Fig. 3 
und 4 und Abb. 74), bei den Maya eine Räucherschale mit plastischem 
Menschengesicht am Rande, wie sie noch jetzt bei den heidnischen 
Lacandon in Gebrauch ist. Die Kasteiungen spielten im Gottes- 
dienst ebenfalls eine große Rolle ; mit einem Knochendolche durch- 
stach man sich Ohren und Zunge, in manchen Gegenden sogar die 
Geschlechtsteile, und strich dann das abgezapfte Blut auf Agaveblatt- 
spitzen, die in ein Grasbündel gesteckt wurden (Abb. 74) ; eine besondere 
Verschärfung bestand darin, daß man sich durch die Wunde eine 
Schnur mit Querpflöckchen oder Dornen zog. Tier- und Men- 
schenopfer waren verschieden stark entwickelt; es ist bekannt, 
welchen grauenvollen Umfang die letzteren bei den Azteken an- 
genommen haben. Vielleicht wird man hier ursprünglich neben 
rein religiösen noch andere Beweggründe annehmen dürfen; bei 
der schwachen territorialen Grundlage der aztekischen Macht war 
die gänzliche Vernichtung des Feindes, die Abschlachtung der Ge- 
fangenen eine notwendige Maßregel, die dann natürlich auch die 
religiöse Weihe erhielt. Jedenfalls erreichten die Menschenopfer bei 
allen anderen Völkern nicht entfernt die Ausdehnung wie bei den 
Azteken. Als religiöses Motiv spielt bei dem Opfer vor allem die 
Idee der Zauberkraft des Blutes, die man durch Offnen des Körpers 
freimacht, eine Rolle. 

Gewöhnlich waren Wachteln oder Hunde die Opfertiere (Abb. 67 und 12, Fig. 2). 
Menschenopfer fanden auf der Plattform der Tempelpyraraide statt; der zu 
Opfernde wurde über einen pfeilerartigen, oben abgerundeten Stein geworfen 
und von den fünf Gehilfen des Opferpriesters festgehalten, Wcährend ihm dieser 
selbst mit der breiten, blattförmigen Feuersteinkliuge (tecpati, Taf. IX, Fig. 1) 
die Brust aufschnitt und das Herz herausriß (Abb. 66 a). Dies hob er dann 
zur Sonne empor, denn bei allen diesen Opfern spricht der Wunsch mit, die 
Sonne mit dem Blute zu ernähren und zu stärken, daß sie Kraft fände, ihren 
Lauf fortzusetzen (Abb. 67). Bei den großen Agrikulturfesten, die im Frühling und 
Herbst in der aztekischen Hauptstadt gefeiert wurden (S. 200), pflegte man die 
regulär Geopferten zu schinden und mit der Haut einen Priester zu bekleiden, auf 
den dadurch die Kraft des Geopferten übertragen wurde (Abb 71). Der Geopferte 
ebenso wie der mit der abgezogenen Haut Bekleidete stellte hierbei — und darin 
liegt ein weiterer wichtiger Anhaltspunkt zum Verständnis der Menschenopfer — 
einen bestimmten Gott dar, als dessen Verkörperung er eine Zeillang auf Erden 
umherwandeite, überall göttliche Ehren genießend. Nach Preuß, der iti den 
Menschenopfern dramatische Zauberakte sieht, ist es der alte Vegetationsdämon, 
der getötet wird, um einem jungen, noch zeugungskräftigen Nachfolger Platz 
zu machen, woraus auch die Verknüpfung dieser Opfer mit darauffolgenden 



192 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



phallischen Riten und dramatischen Vorführungen der Empfängnis und 
Geburt des Maises (am Erntefeste Ochpaniztli) verständlich wird. Beim Fest 
der Aussaat (Tlacaxipeualiztli) soll dagegen ein dem Schinden vorausgehender 
Kampf des auf einem runden, scheibenförmigen Stein festgebundenen Opfers mit 
mehreren Kriegern die Ackerbestellung, das Erschießen des an einem Gerüst 
festgebundenen Opfers mii Pf eilen (Abb. 66 b) die A u s s a a t versinnbildlichen (Seier). 
Ein „Gottopfer" faud noch bei mehreren anderen Festen statt. Am Toxcatlfeste 
im Mai, wenn die Sonne über der Stadt Mexico im Zenit stand, opferte man 
einen Jüngling, der ein ganzes Jahr lang den Gott Tezcatlipoca dargestellt 
hatte ; an einem bestimmten Jahrestage,- an dem man immer wieder den Welt- 




Abb. 66. Zwei Formen des altmexikanischen Menschenopfers, a Aufschneiden 
der Brust und Herausreißen des Herzens. Das Opfer ist über einen schwarz 
bemalten, pfeilerartigen Stein geworfen; der Blutstrom fließt nach links zum 
Munde einer (hier nicht wiedergegebenen) Tezcatlipoca-Figur. Auf dem Unter- 
bau die Hieroglyphe „Edelstein" (=: Kostbarkeit, Opferblut), b Pfeilopfer. Das 
an ein Gerüst gebundene Opfer hat die Trachtabzeichen des Gottes Xipe; das Blut 
tropft auf die Hieroglyphe eines vom Wasser umschlossenen Ringes (= die Erde) 
(N'ach Codex Borgia und Codex Nuttall) 



Untergang, den Einsturz des Himmels und die Vernichtung der Sonne befürchtete, 
wurde ebenfalls ein solches Opfer vollzogen. In beiden Fällen schloß sich dem 
Opfer die Sonnenerneuerung durch feierliche Neuerbohrung des Feuers 
an. Also auch hier ist der Tod des Gottes die Vorbedingung seiner Auferstehung 
in verjüngter Form. — Bei einigen aztekischen Festen fanden Kannibalen- 
mahlzeiten statt. Das Fleisch des Geopferten wurde mit Mais gekocht und 
verzehrt; offenbar liegt hier dieselbe Idee zugrunde, wie bei der harmloseren 
Zeremonie des „Gottessens" am Feste üitzilopochtlis (Panquetzaliztli), bei der 
die den Gott repräsentierenden Teigidole verzehrt wurden: man wollte des Wesens 
der Gottheit, deren lebendes Abbild der Geopferte war, teilhaftig werden. 




Tafel VI Flächenkunst und Plastik der Nordwestauierikaner 

1, 2, 4, 7, 8 und 10 Haida ; 3 Heiltsuk ; 5 und 1 1 Tlingit (Stakhin und Tschilkat) ; 
6 und 9 Kwakiutl; 12 Küstcnselisch (Snanaimu;^). — Fig-. 9 Taktstock, Fig. 10 
Flöte und Fig. 12 Kamm. 1, 2 und 12 : 'ji- Vai 7-9 : V« ^'9; 3, 4 und 10 : V'*— V's; 
5 : V20; 11 : '/os und 6 : V27 n. (ir. 
(Sämtliche Originale im Berliner Maseum für Völkerkunde) 




Tafel VII Kultgeräte der Piiebloindianer 

1 Zuni; alle übrigen Stücke von den Hopi. 9, 11, 12 : V«; 7 : V^; 3, 6, 8, 10 : Vio; 

2 und 4 : Vis— Vi*; 1 und 5 : '/is— Vw n. (tv. 

(Sämtliche Originale im Berliner Museum für Völkerkunde) 



Mexikaner und Maya 



193 



rie Stätten, auf denen sich die Kulthandlungen abspielten, waren 
die Tf;mpel. Der am meisten in die Augen fallende Zug der mittel- 
amerikanischen Baukunst ist, daß sich alle öffentlichen Gebäude, mögen 
sie religiösen oder profanen Zwecken dienen, auf terrassenartigen 
Unterbauten erheben. Diese waren, wenn es sich um Tempel 
handelte, abgestumpfte, in mehreren steilwandigen Absätzen auf- 
steigende, an einer Seite mit einer Treppe versehene Pyramiden, 
auf deren Plattform der eigentliche Kultbau stand. Es ist nicht 
ausjeschlossen, daß 
einfache (natürliche 
oder künstliche) Hü- 
gel die Vorbilder zu 
diesen Bauten abge- 
geben haben, denn 
bei den Mixteken und 
T;:apoteken lagen 
noch die meisten 
Kultstätten auf Ber- 
gen (vgl.jedoch S.64). 
In der religiösen 
Symbolik wurden 
die Stufenpyramiden 
(wie das Stufenorna- 
ment in der Pueblo- 
kunst) mit dem Him- 
melsgewölbe ver- 
glichen, an dem die 
Sonne im Laufe des 
Tages langsam empor- 
steigt (vgl. S. 190). 




Abb. 67. Wachtelopfer vor dem von einem Strahlen- 
kranz umgebenen, auf einem Sessel thronenden Sonnen- 
gott. Vom Hals der Wachtel geht der Blutstrom 
zum Mund des Gottes (vgl. Abb. 66 a) ; über der 
Opferszene der Nachthimmel mit der Mondscheibe 
(Knochenring, darin Kaninchen als „Mann im Monde"), 
darunter die Erde als offener Ilachen, der den Kopf 
der Wachtel verschlingt 
(Xach Codex Borgia) 



Die Pyramiden (azt. tzaqualli; teocalli = Tempel im allgemeinen) be- 
stehen im Kern aus Erde und Geröll, denen durch horizontale Mörtellagen 
größere Festigkeit gegeben wird, und sind außen mit einem Mantel von Mauer- 
werk umgeben, der oft noch mit Stuck überzogen ist. Sie standen in einem ge- 
räumigen Tempelhofe, der sämtliche Nebengebäude enthielt; außerdem erhoben 
sich vor der Pyramide selbst das große Gefäß zur Aufnahme des Blutes und der 
Herzen der Geopferten (azt. quauhxicalli ; vgl. Taf. IX, Fig. 2, ein kleineres 
Gefäß derselben Art), das Gerüst, an dem die Schädel der Geopferten auf 
Querstangen aufgereiht waren (tzompantli), und der heilige Ballspielplatz. Der 
große, 1487 durch einen prunkvollen Neubau ersetzte Tempel in Tenochtitlan, 
Völkerkunde I 13 



194 Amerika. II, Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

der Hauptstadt des Aztekenreiches, ist nach der Eroberung- der Stadt im Jahre 1521 
bis auf die Grundmauern zerstört worden. Die Hauptpyramide hatte eine 
quadratische Grundfläche von 323 (Maudslay) oder 375 (Seier) Fuß Seitenläng-e. 
stieg in fünf steilen Absätzen bis zu einer Höhe von etwa 100 Fuß an und 
trug- oben die beiden turmartigen, ziemlich hohen Tempel des Uitzilopochtli 
und Tialoc, deren flachen Dächern Gesimse oder Ziergiebel mit dem „Stern- 
himmelfries" (halbkugelförraig vorspringenden, mit Augen bemalten Steinen auf 
schwarzem Mörtelgrund) aufgesetzt waren. Auch die gewaltige Pyramide des 
Quetzalcouatl-Tempels von Cholula, deren Seitenlange an der Basis Humboldt 
auf 440 m schätzte, bietet heute nur noch den Anblick eines formlosen Hügels. 
Aber in kleinereu Provinzstädteu ist noch eine ganze Reihe von Tempelpyramiden 
Avohlerli alten (Hu exo tl a, Castillo deTeayo, Tepoztlan, Xochicalco, 
Cempoallan usw.), die uns ein gutes Bild von den Tempeln in den großen 
politischen Zentren zu geben vermögen (Taf. VIII, Fig.l). Huexotla ist ein Beispiel 
der gewöhnlichen Quetzalcouatl-Tempel mit rundem Unterbau, dessen Absätze 
spiralig ansteigen und der auf seiner Plattform einstmals ein Sakrarium in 
Form einer Rundhütte mit hohem, spitzem Kegeldach trug. Künstlerisch am 
höchsten steht die schöne Pyramide von Xochicalco, deren Wände vollständig 
mit prächtigen Reliefs mythischer Federschlangen bedeckt sind (Taf. Vni, 
Fig. 2), Von abweichendem Stil sind die beiden großen Pyramiden „der 
Sonne" und „des Mondes" in Teotihuacan, einst Mittelpunkte einer Stadt der 
präaztekischen Kulturperiode (s. die Einleitung, S. 172) mit Häusern, deren 
Lava- oder Adobewände auf der Innenseite mit bunten Malereien auf Stuck- 
grund verziert waren; ferner die Pyramide von Papantla, deren Stufenabsätzfr 
von zahlreichen Nischen durchbrochen werden, wie sie M'ohl einst die totonakische 
Baukunst kennzeichneten. Die vollendetsten Beispiele altamerikanischer Tempel- 
baukunst liefert das Mayagebiet mit seinen berühmten Ruinenstädten im Ge- 
biet des Usumasinta (Palenque, Menche, Piedras Negras), im Peten 
(Tikal) und vor allem im ruinenübersäten Yucatan (Uxmal, Chich'en 
Itza, Kabah, Labnä, Sayi usw.). Hier ist besonders das Sakrarium 
weiter ausgebildet; es ist größer und reicher gegliedert und enthält ge- 
wöhnlich zwei lange, korridorartige Räume, die als Decke ein Schein- 
gewölbe aus zwei oben durch einen Schlußstein verbundenen Reihen 
einander überkragender Steine besitzen. Der vordere Korridor öffnet sich in 
einer Pfeilergalerie nach der Treppe zu, der hintere enthält noch eine besondere 
kleine Cella mit dem Kultbild (Taf. VIII, Fig. 3). Bei den Bauten des Usu- 
masinta-Gebictes sind die Pfeiler und oberen, schräg ansteigenden Flächen der 
Fassade mit figürlichen Stuekreliefs von großer Schönheit bedeckt, während 
die Tempel im nördlichen Yucatan auf dem oberen, senkrechten Fassadenteil 
eine überaus reiche, barocke Verzierung aus Kalksteinblöcken tragen: phan- 
tastische Göttermasken mit rüsselartig gebogenen, weit vorspringenden Nasen 
(Taf. VIII, Fig. 6, 7), deren aufgerissener, zähnefletschender Rachen nicht selten die 
Türöffnung bildet. Beiden Gebieten sind durchbrochene Ziergiebel und -simse auf 
den flachen Dächern zu eigen. Des besonderen, auf Naua-Einflüsse zurück- 
gehenden Stils der Ch ich'en-Itza-Bauten wurde schon in der Einleitung- 
gedacht; zu den Elementen dieses Stils gehören viereckige, mit Reliefplatten 



Mexikanov und Mava 



195 



bedeckte Inneupfeiler und Säulen in Gestalt gefiederter Schlangen, die das Dach 
der Vorhalle tragen (Taf.VIII, Fig. 4,5). Bauten völlig abweichenden Charakters, die 
zwar zum Teil auch als Tempel, im übrigen aber mehr als Paläste und Mausoleen 
gedient haben, stehen in Mitla (nahe Oaxaca), dem alten Yoopaa, wo nach 
Burgoa der Uijatäo (S. 186) und der König der Tzapoteken mit ihrem ganzen Hofstaat 
residierten und begraben wurden. Den Mittelpunkt des Baukomplexes bildet 
hier jedesmal ein langgestreckter Saal, der sich mit einem anstoßenden, ganz 
abgeschlossenen Innenhof auf einer Plattform erhebt, zu der man durch einen 
ebenerdigen, quadratischen Haupt- und Nebenhof gelangt. Im Haupthof und 
Hauptsaal spielte sich jedenfalls das öffentliche, im Innenhof das piivate Leben 
ab, und der Nebenhof diente der Bestattung, da man hier unterirdische Grab- 
kammern gefunden hat (Taf. VIII, Fig. 8). Außen- und Innenwände sind mit einer 




#4<« 



Abb. 68. Das Ballspiel des roten und des schwarzen Tezcatlipoca (Kennzeichen: 
Bemalung, Brustschmuck, Kopfputz, abgerissener Fuß); beide halten das Schutz- 
leder, das sich der Spieler am Kreuz befestigt, in der Hand. Ballspielplatz 
in Oberansicht, Steinringe in Seitenansicht wiedergegeben; in der Mitte ein 
nackter Opfergefangener mit charakteristischer Bemalung 
(N'acli Codex Borgia) 



merkwürdigen, rein geometrischen Wand Verzierung aus vorspringenden Steinen 
bedeckt (Taf. VIII, Fig. 9). Die Räume sind, wie im ganzen übrigen Gebiet bei 
der Unkenntnis des echten Gewölbes lang und sehmal, nur zuweilen durch eine 
Mittelreihe runder, monolithischer Pfeiler verbreitert und mit flachem Balken- 
dach versehen. 

Die ausübenden Organe des Kults waren die Priester (azt. 
tlamacazqui). Sie trugen bei den Azteken das Haar wirr und 
ungepflegt, starrend vom Blut der Opfer und Kasteiungen, Antlitz 
und Körper schwarz bemalt und als Oberkleidung ein ärmelloses 
Wams; ihre ständigen Begleiter waren der Kopalbeutel (für die 
Räucherungen) und die Kalabasse mit den Tabakspillen, die sie zur 
Herbeiführung von Verzückungszuständen kauten. Die Opferpriester 
gehörten bei den Azteken zu den höheren Graden, während sie 



196 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

bei den Maya verachtet waren. Zur Priesterschaft wurden auch 
die Musikanten gerechnet, die bei den religiösen Festen in Tätig- 
keit traten. Sie bearbeiteten dann die etwa 1 m hohen Fellpauken 
(ueuetl, Taf. IX, Fig. 5) mit den Händen, schhigen die hölzernen 
Schlitztrommeln (teponaztli, Taf. IX, Fig. 6) mit Kautschukklöppeln, 
bliesen Rohr- oder Tonflöten (Taf. IX, Fig. 8, 9), schwangen Kürbis- 
rasseln oder strichen über einen Schildkrötenpanzer mit einem Stück 
Hirschgeweih; bei den Totenfeiern zu Ehren der gefallenen Krieger 
gebrauchten sie das schon oft erwähnte Lärminstrument aus Hirsch- 
geweih oder Röhrenknochen (Taf. IX, Fig. 7). — Neben den Priestern 
lebte auch noch das alte Schamanentum in allerhand Zauberern fort, 
die Regen verursachten und Krankheiten heilten, durch Loswerfen 
mit Maiskörnern oder Paternosterbohnen die Zukunft erkundeten 
oder einen durchsichtigen Kristall (zaztun bei den Maya) als Zauber- 
spiegel benutzten und auch die Fähigkeit besaßen, allerlei bösen 
Zauber auszuüben und sich in reißende Jaguare zu verwandeln. 

Die religiösen Tänze an den großen Festen hatten sich teil- 
weise zu umfangreichen dramatischen Vorführungen, die meist das 
Schicksal der Gottheit behandelten, ausgewachsen. 

So wurde bei den Maya in der Stadt Mani und bei den Naua in Cholula 
der Quetzalcouatl-Mytlius durcli Maskenträger aufgeführt, die u. a. allerlei 
Kranke (auch komische Figuren) darstellten, die der Gott heilen sollte, und 
ähnlich bei den Azteken am Panquetzalizilifest die Legende von der Geburt 
Uitzilopochtlis (s. u.). Auch die Spiele standen ' durchweg- im Dienste des 
Kultus, vor allem das Ballspiel. Noch in vielen iiuiiienstädten des aztekischen, 
taraskischen, tzapotekischen und Mayag-ebietcs findet man die Ballspiclplätze 
(tiachtli), läng-liche Rechtecke, in deren Laiigseiten abgestumpfte Pyramiden 
mit senkrecht eingelassenen, steinernen Ringen voi-springen ; durch diese mußten 
die Kautschukbällegeworfenwerden, die aber die Spielernicht mit der Hand, sondern 
mit dem Kücken schleuderten (Abb. 08). Ein noch heute in gewissen Gegenden 
verbreitetes Sportspiel, das „Juego del volador" (Fliegerspiel), bei dem vier als 
Vögel verkleidete Menschen einen Mastbaum erklettern und sich an Stricken, 
die spiralig um den Mastbanm gewunden sind, herabschweben lassen, hat in 
alter Zeit ebenfalls einen Teil des Kultus gebildet. 

In der Cella der Tempelpyramiden und an heiligen Stätten, 
bei Quellen und auf der Höhe der Berge, standen die Idole der 
Götter. Sie waren meist aus Stein verfertigt; da diese Steinfiguren 
durch eine Reihe charakteristischer, sich immer wiederholender Tracht- 
stücke und Symbole gekennzeichnet sind und dieselben Figuren mit 
denselben Symbolen iu den Bilderschriften wiederkehren und in 
den aztekischen und spanischen Berichten aus der Zeit nach der 



Mexikaner und Maya 197 

Eroberung, vor allem in dem klassischen Quellenwerke des Paters 
Sahagun, beschrieben sind, so sind uns gegenwärtig fast alle Götter- 
gestalten des Pantheons wohl vertraut. 

Dies gilt vor allem zunächst von dem eigentlich mexikanischen Gebiete, 
d. h. dem Hochlande mit seiner aztekisch spreclienden Bevölkerung-, Bei den 
Maya von Yucatan scheinen mehr hölzerne Götterbilder in Gebrauch gewesen 
zu sein; die g^roßen Reliefplatten in Palenque und in den Ruinen des üsu- 
niasintatales (Menche, Piedras negras) stellen wenig^er Götterfiguren als viel- 
mehr Anbetung-sszenen dar (Abb. 75), und die g-ewaltigen Monolithe von C o p an und 
Quiriguä (Abb. 76) sind Denkmäler, die die Erinnerung an ein bedeutsames Ereig- 
nis, sei es g-eschichtlichcr, sei es astronomisch-kalendarischer Art, festhalten sollen. 
So bleiben im Mayag-ebiet fast nur die Bilderschriften übrig (vgl. jedoch Abb. 73); 
auch hier ist es Schellhas u. a. gelungen, mit Hilfe der Übei lieferungen eine 
Reihe feststehender Göttergestalten herauszuschälen. Bei den Mixteken und 
Tzapoteken vertraten noch häufig Stammesfetische die Stelle der Götterbilder, 
z, B. ein kostbarer grüner Stein auf dem heiligen Berge bei Achiotlan (Mixteca) 
und ein weißer Steinkegel auf einem Berge bei Tehuantepec. 

Der aztekische Götterhimmel wurde von einer bunten Fülle 
der verschiedenartigsten Göttergestalten belebt, die schon in ein 
festes, nach vielen Richtungen ausgebautes System gebracht worden 
waren , dessen Entstehung der sichtenden , ordnenden Tätigkeit 
einer einflußreichen Priesterschaft zu danken ist. Es besteht kein 
Zweifel, daß das, was uns hier als Einheit entgegentritt, in AVirk- 
lichkeit ein Mosaik war, dessen Bestandteile sehr verschiedenartigen 
Völkern, Kulturen und Zeitepochen angehören, und daß gerade im 
Mittelpunkt dieses ganz auf Krieg und Eroberung gestellten Reichs 
wie im alten Rom alle möglichen Kulte zusammengeströmt sind. 
So ist z. B. Quetzalcouatl in einer bestimmten Form ursprünglich 
der Lokalgott der Kaufmannsstadt Cholula gewesen, Camaxtli 
(der Gott der Jäger) der Lokalgott der alten Chichimeken- und 
Otoraistadt Tlaxcala; das fruchtbare atlantische Küsten- 
land hat die aztekische Hauptstadt mit einer Reihe agrarischer 
Götter und Kulte versorgt (u. a. Tlazolteotl), und endlich stammt 
eine merkwürdige Götterfigur, in der sich alles Übernatürliche, Un- 
heimliche verkörpert, was in Höhlen und dunklen Bergwäldern, im 
Echo und im Erdbeben lebt, Tepeyollotli („das Herz des Berges") 
sogar aus dem fernen Süden, denn wir finden diesen Gott, wie 
Seier nachgewiesen hat, bei den Mixteken, Tzapoteken und den 
Stämmen von Chiapas als Höhlen- und ürakelgott wieder. Anderer- 
seits war z. B. Uitzilopochtli so ausgesprochen der Nationalgott 
der Azteken und speziell ihrer Hauptstadt Tenochtitlan, daß wir ihn 



198 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelaraerikas 



in anderen Gebieten gar nicht antreffen und daher auch, sehr im 
Gregensatz zu anderen Göttern, fast noch keine bildliche Darstellung 
von ihm besitzen. 

Wir sahen (S. 109/10), daß nach dem Glauben der atlantischen Völker Nord- 
amerikas Tiere durch ihren Zauber die Naturerscheinung-en und -kräfte (Wolken, 
Regen und Wind, Feuer, Sonnenwärme und Wachstum) erzeugen. Die mexikanische 





Abb. 69. Steintiguren der Wassergöttin Chalchiuhtlicue und des Windgottes 
Quetzal couatl. Beide mit der mächtigen Nackenschleife der Wasser- und Regen-, 
Berg- und Windgötter. Die mit Muschelscheiben besetzte Stirnschnur ist für 
die Wassergöltin, der spitze Hut für den Windgott bezeichnend. (V* n. Gr.) 
(Berliner Jluseum für Völkerkunde) 



Religion, deren Aufliellung Avir vor allem Seier und Preuß verdanken, ist für 
das vergleichende Religionsstudium deshalb von so großem Interesse, weil sie 
die Entstehung von Göttern aus solchen Tieren erkennen läßt; denn trotz weit- 
gehender priesterlicher Umdeutung haben die mexikanischen Götter ihren ur- 
sprünglichen tierischen Charakter noch vielfach in Gestalt, Tracht und Beigaben 
bewahrt und führen die Wirkungen, die man ihnen zuschreibt, durch Zauberakte 
herbei. Hierzu gehören vor allem die Regengötter. Ackerbauende Völker 
in einem Lande, das monatelangen Dürren ausgesetzt ist, werden immer dem 
befruchtenden Regen ganz besondere Verehrung zollen. So war denn der In- 



Mexikaner und Maya 



199 



begriff aller Reg-engötter, T 1 a 1 o c , 
mit seinem aus den Windungen 
zweier Schlangen gebildeten Ge- 
sicht in Mexico eine der volks- 
tümlichsten Göttergestalten. Man 
dachte ihn sich auf den Kämmen 
der Berge hausend, und zwar da, 
wo infolge ständiger Bewölkung 

immerwährende Feuchtigkeit 
herrscht und alle Pflanzen grün 
und frisch sind. Von dort gießt 
er aus Krügen den Regen herab, 
und wenn er einmal zornig gegen 
den Krug schlägt, so entstehen 
Donner und Blitz. Eng mit ihm 
verknüpft ist die Göttin aller 
Quellen und rinnenden Gewässer, 
Chalchiuhtlicue („die mit dem 
Edelsteinrock", Abb. 69), die be- 
sonders in Tlaxcala hochverehrt 
Avar, während Tlalocs Tempel 
neben dem Uitzilopochtlis auf der 
Hauptpyramide von Tenochtitlan 
stand (s. o.). Über die Winde, 
die Bahnfeger des Regengottes, 
gebot Quetzalcouatl, als Wind- 
gott mit schnabelartig vorge- 
zogenen, gleichsam blasenden 
Mundteilen eine häufige Gestalt 
unter den Altertümern (Abb. 69) 
und in den Bilderschriften (Abb. 12, 
Fig. 1). Er ist durch seine Tracht- 
stücke als fremde, offenbar aus der 
Huaxteca eingeführte Gottheit ge- 
kennzeichnet. 




Abb. 70. Großes' Steinbild der ohne Kopf 
und Hände dargestellten Erdgöttin Couatli- 
cue. Aus Hals- und Armstümpfen ringeln 
sich Schlangen (= Blutströme); Halsband 
aus Menschenherzen und -bänden, Rock aus 
Schlangen geflochten, als Gürtelzier einToten- 
kopf, statt der Füße Jaguarpranken. Original 
im Nationalmuseum iu Mexico, ('/so n. Gr.) 
(Nach Photographie) 



Eine zweite große Gruppe 
von Göttern hat auf der einen Seite 
das Feuer und die Sonnenwärme, 
auf der andern die Erde und die 
gesamteVegetationzumWirkungs- 

bereich. Voran steht der Peuergott Xiu^tecütli („der Herr des Türkises"), 
dessen Verkleidung die „Türkisschlange" ist (eine Personifikation des fressenden 
Feuers): der alte Gott, der schon da war, ehe die Sonne leuchtete, und als 
solcher der Erzeuger der Götter und Menschen. Eine Reihe weiblicher Seiten- 
stücke in Adler- oder Schmetterlingsverkleidung, die besonders im Tal von 
Mexico verehrt wurden, läßt bald die wohltätige, baldjlie furchtbare Seite der 



200 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Feuer- und Erdg-ottheiten stärker liervortreten; zu ihnen g-ehört Couatlicue 
(„die mit dem Schlangenrock"), das die Sonne verschluckende Ung-eheuer, das 
ein berühmtes, am Orte des ehemaligen Haupttempels in der Stadt Mexico ge- 
fundenes Steinbild in der Haltung eines sprungbereiten Raubtiers mit erhobenen 
Pranken darstellt (Abb. 70). Wesen, in denen die unerschöpfliche Fruchtbarkeit 
der Vegetation Gestalt gewonnen hat, sind die Maisgöttin Chicomecouatl, 
deren Attribute der Maiskolben und der dem Befruchtungszauber dienende Rassel- 
stab (vgl. Abb. 71) waren, der jugendliche Gott Xochipilli, der im Tal von Mexico 
mehr in seinem abgeleiteten Charakter als Herr aller Belustigung und Kurzweil und 

als Beschützer des Kunsthandwerks 
verehrt wurde , und sein weibliches 
Seitenstück Xochiquetzal, die 
auch als die Patronin der Liebe und 
des Geschlechtslebens galt (Abb. 55, 
unten in der Mitte). Die in allen 
Religionen wiederkehrende Neigung, 
solche agrarischen Gestalten mit 
himmlischen Mächten zu verbinden, 
zeigt sich auch hier. Couatlicues 
Steinbild stellt die Göttin geköpft dar, 
weil sie zugleich als der alternde 
Mond, das von der Sonne bekämpfte 
und stückweise vernichtete Gestirn 
(vgl. die Phasenbildung!) aufgefaßt 
wird; Xochiquetzal ist die junge, im 
vollen Glänze lichter Schönheit er- 
strahlende Mondgöttin und Xochipilli, 
der als Helmmaske den Kopf eines 
in der Morgenfrühe singenden tropi- 
schen Waldvogels mit hohem Scheitel- 
federkamm trägt, die junge, in Vogel- 
gestalt gedachte Sonne. 




Abb. 71. Der Gott Xipe (Kennzeichen: 
Waffen, Kopfputz, Rasselstab) mit der 
übergezogenen, zusammengeschrumpften 
Haut des geschundenen Opfers und der 
Menschenhautmaske 
(Nach Codex Borgia) 



Der Mond spielt, wie Seier überzeugend nachgewiesen hat, in der mexi- 
kanischen Mytholo^'ie eine sehr wichtige Rolle. Seine Phasenbildung, sein der 
Sonne entgegengerichteter Lauf, sein scheinbarer Einfluß auf die Vegetation 
und das Geschlechtsleben gaben dem ursprünglichen Denken Stoff genug zur 
Mythenbildung. Zu den Wesen mit agrarischem Grundzug, aber stark hervor- 
tretendem Mondcharakter, gehören T 1 a z o 1 1 e o 1 1 , die große, alte Erdgöttin und 
Göttermutter, deren Fest (Ochpaniztli) in der Zeit der Ernte gefeiert wurde, und 
Xipe, der Gott der jungen Erde, dessen Fest (Tlacaxipeualiztli) in die Zeit der 
Aussaat fiel. Die Darstellungen zeigen den Gott gewöhnlich mit der übergezogenen 
Haut eines an seiner Statt geopferten Menschen (Abb. 55 unten links und Abb. 71). 
Beiden Gestalten ist nicht nur das Schinden der Opfer aii ihren Festen und ein 
gewisser kriegerischer Zug (wie bei vielen Erdgottheiten) gemeinsam, sondern 
auch der Farbengegensatz (rot-schwarz) in ihren Trachtstücken, der sie als 
Mondwesen kennzeichnet. Mondgötter sind auch die beiden großen, oft einander 



Mexikaner und Maya 201 

widerstreitenden Dioskuren des mexikanischen Götterhimmels, Tezcatlipoca und 
Quetzalcouatl. Tezcatlipoca („der rauchende Spiegel"), der stets mit abgerissenem 
Fuße, schwarzer Bemalung und kriegerischen Abzeichen dargestellt wird (Abb. 68), 
ist eine düstere, unheimliche Gestalt: der in der Nacht Wandelnde, der das Ver- 
borgene sieht und die Sünde straft, der unberechenbar Veränderliche — ein Abbild 
des jungen, zunehmenden Mondes. Quetzalcouatl, in dem sich sehr verschiedene, 
ursprünglich einander fremde Elemente vereinen, ist nur nach einer Seite hin 
der Windgott (s. o.); weiter erscheint er in der Verkleidung der Pederschlange, 
die vielleicht das die Erdscheibe umgebende Meer darstellt, und wird in dieser 
Gestalt besonders bei den Völkern der Golfküste verehrt, wo er auf der Isla 
de Sacrificios nahe Veracriiz ein berühmtes, vielbesuchtes Heiligtum besaß; 
endlich aber, und das ist für die ursprüngliche mj'thische Bedeutung der Gestalt 
ausschlaggebend, ist er ein großer Kulturheros, der Aveise Lenker des Urvolkes 
der Tolteken (S. 170), der, von seinen Feinden vertrieben, immer weiter 
nach Osten wandert, „dem Antlitz der Sonne zu", um schließlich, am Ostmeer 
angelangt, sich zu vei'brennen, wobei seine Asche zu Schmuckvögeln, sein Herz 
zum Morgenstern wird eine deutliche Umschreibung der Schicksale des 
alternden Mondes, der schließlich am Osthimmel versinkt oder gleichsam in 
den Strahlen der aufgehenden Sonne verbrennt, während der Morgenstern zu- 
gleich mit ihr emporsteigt. 

Gegenüber den zahlreichen Mondwesen ist die Zahl der Sonnengötter 
gering. Tonatiuh, den Sonnengott selbst, dachte man sich als den Strahlen 
schießenden Gott mit Speeren und Wurfbrett ausgerüstet und, weil er auch der 
„aufsteigende Adler" war, mit einer Krone von Adlerfedern auf dem Haupt (Abb. 67). 
Nichts anderes als die junge, aufgehende Sonne ist auch der in der Verkleidung 
eines Kolibri auftretende kriegerische Nationalgott der Azteken, Uitzilo- 
pochtli. Der Mythus erzählt, wie er von seiner Mutter auf dem „Schlangen- 
berg" (dem Himmel) unbefleckt empfangen wird, bei seiner Geburt strahlend, 
in Wehr und Waffen dem Leib seiner Mutter (der Erde) entsteigt, der ihm 
feindlich entgegentretenden Schwester (dem Mond) den Kopf abschlägt und das 
Heer der feindlichen Brüder (der Sterne) verscheucht. Dies Heer der Sterne 
wird auch in der Gestalt des Hauptgnttes von Tlaxcala, Mixcouatl (Camaxtli), 
verkörpert, denn diese (sonst als Gott der Jäger verehrte) Gestalt trägt im 
Gesicht die „Sternhimmelbemalung" und gilt als Anführer der im Osthimmel 
wohnenden, zu Sternen gewordenen Seelen der gefallenen oder geopferten Krieger, 
deren Mumien man daher dieselbe Gesichtsbemalung gab (Abb. 65 ; vgl. auch 68). 

Ein Schöpfergott To na cate eil tli, der Herr der Geburten, der im drei- 
zehnten Himmel thront, stand nach der priesterliehen Lehre über dieser bunten 
Götterschar, genoß aber keine besondere Verehrung, weil er wohl mehr ein 
philosophisches, aus dem alten Feuergott (s. o.) abgeleitetes Gebilde war. Ähn- 
lich war es mit M i ctl ante cütl i, dem Todesgotte in der untersten der neun 
Unterwelten, die die Phantasie der Mexikaner mit allen Schrecken eines Inferno 
ausgestattet hat: mit messerscharfen, schneidendenWinden, zusammenschlagenden 
Felsen und einem neunarmigen Strom, den die Seelen der Abgeschiedenen mit 
Hilfe eines kleinen Hundes überschritten. (Ein solcher war daher auch die 
Totenbeigabe bei mehreren mexikanischen Völkern; vgl. Abb. 65.) 



202 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Das Pantheon der übrigen mexikanischen Stämme zeigt große 
Übereinstimmungen mit dem der Azteken. 

Bei den Tarasken wurde ein Sonnengott mit vielen Zügen Uitzilopochtlis 
(Curicaveri) neben einem dem Camaxtli entsprechenden Morgensterngott und 
eine junge Mondgöttiu (= Xochiquetzal) neben einer alten (= Tlazolteotl) ver- 
ehrt. Der junge, vogelgestaltige Sonnengott der Tzapo te ken (Pitäo „Herr") 
ist kein anderer als Xochipilli, und ihr Regengott Cocijo dieselbe Gestalt wie' 
Tlaloc, denn letzteren beiden waren Kröten und Schlangen (die Regentiere) 




Abb. 72. Tzapotekische Figurengefäße (die Figur bildet nur die Vorderseite 

eines becherartigen Gefäßes), Gottheiten darstellend (rechts ein jaguargestaltiger 

Gott). Suchatengo und Zimatlan, Staat Oaxaca. ('/s n. Gr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



heilig, und beiden brachte man mit Vorliebe Kinder als Opfer dar. Die Götter- 
gestalten der Maya sind infolge der dürftigen Berichte für uns viel weniger 
lebensvoll und plastisch als die aztekischen. Wir hören von einem Sonnengott 
Kinch ahau, der stets mit Bart und ausgefeilten Schneidezähnen dargestellt (vgl. 
Abb. 73), in der alten, heiligen Stadt Itzamal aber Kinich kakmo genannt und in der 
Gestalt eines Arara gedacht wurde, der um die Mittagszeit vom Himmel herab- 
kommt, um das Opfer zu verzehren (= Xochipilli). Ferner von einem alten 
Feuer-, Himmels- und Geburtsgott Itzamnä (= Tonacatecütli), einer jungen 
und einer alten Mondgöttin (Ixchebelyax und Ixchcl), die offenbar Xochiquetzal 
und Tlazolteotl entsprechen, einem Wassergott (Ah bolon tz'acab) und einer 
Mehrheit von Regengöttern (Chac). Der in Chich'en Itza, Mayapan und Mani 



Mexikaner und Maya 



203 



hochverehrte Kukulcan ist kein Mayagott, sondern, wie schon sein Name 
„Federschlange" besagt, mit Quetzalcouatl wesensgleich und wohl von den ein- 
wandernden Naua eingeführt (S. 170). 

Die Himmelskörper, die Erde und alles, was auf ihr lebt, 
dachten sich die Mexikaner nicht auf einmal aus dem Nichts er- 
schaffen, sondern erst nach mehreren unvollkommenen Ansätzen in 
ihrer heutigen Form entstanden. 

So unterschieden die Azteken vier urzeitliche Weltalter oder „Sonnen", 
die samt den in ihnen lebenden Menschen nacheinander durch fressende Un- 
geheuer, verheerende Wirbelstürme, Vulkanausbrüche und Sintfluten vernichtet 
wurden, ein Mythus, der 
u. a. auch in den Reliefs 
des berühmten, in der 
Stadt Mexico an der 
Stätte des alten Haupt- 
tempels gefundenen 
„Kalendersteins" ange- 
deutet ist. Als am Ende 
des vierten Weltzeit- 
alters der Himmel ein- 
stürzt, heben ihn Tezcat- 
lipoca und Quetzalcouatl 
in Gestalt von Bäumen 
wieder empor, worauf 
zwei andere Götter da- 
durch, daß sie ins 
Feuer springen, Sonne 
und Mond werden. Die 
Menschen macht Quetzal- 
couatl aus dem Mehl des 
aus der Unterwelt herauf- 
geholten „Edelstein- 
knochens". — Auch die Sagenbücher der Qu'iche und Cakchiquel Guate- 
malas wissen von einer Reihe unvollkommener Menschenschöpfungen (aus Ton 
und Holz) zu erzählen, die nacheinander durch Katastrophen vernichtet werden. 

Als Schöpfergottheiten treten bei den Qu'iche Tepeu K'ucumatz 
und Xurakan (= Quetzalcouatl und Tezcatlipoca) auf. Eine andere 
Sage berichtet von einem Zwillingsbrüderpaare, A''un;>;una;^;pu und 
Vukub ;j;una;^pu, die große Ballspieler waren; sie werden von 
den Mächten der Unterwelt zu einem Wettkampfe eingeladen und, 
als sie verschiedene Proben nicht bestehen, getötet. Ihre 
auf wunderbare Art erzeugten Söhne -X'una;i^pu und Xbalanque 
steigen wieder in die Unterwelt hinab und siegen diesmal. Es ist 
der Mythus von den Lichtkörpern Sonne und Mond, die, wenn sie in 




Abb. 73. Tongefäß mit Maske, die den Mayagott des 
Westens und des Abendsterns darstellt. Kennzeichnend 
ist besonders der den unteren Augenrand umgebende 
und sich über der Nase verschlingende Wulst; der 
Kinnbart und die ausgefeilten Schneidezähne erinnern 
an Darstellungen des Sonnengottes der Maya. Gegend 
von Coban, Alta Verapaz (Guatemala) 
(Xach Seier) 



204 ' Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelameiikas 

die Unterwelt eingehen, getötet werden, aber in verjüngter Gestalt 
siegreich wieder emporsteigen. 

Die Idee eines Kampfes zwischen Liclit- und Dunkelheitswesen in der 
Form eines Ballspiels war auch den Azteken und Tarasken geläufig-; vgl. Abb. 68. 

d) Wissenschaft 

Auf zwei Gebieten geistiger Kultur haben die altmexikanischen 
Kulturvölker eine Stufe erstiegen, die sie weit über alle anderen 
amerikanischen Völker erhebt; in ihrer Bilderschrift und ihrem 
Kalenderwesen. Seit der Mitte der achtziger Jahre des neun- 
zehnten Jahrhunderts ist es vor allem den Forschungen Förstemanns 
und Seiers gelungen, den größten Teil der Rätsel zu lösen, die 
früher gerade auf diesen beiden Gebieten ein Eindringen in das 
mexikanische Altertum unmöglich zu machen schienen. — In der 
Bilderschrift besteht ein Gegensatz zwischen den mexikanischen 
Stämmen im engeren Sinne und den Maya, der die letzteren als 
die fortgeschrittenere Gruppe kennzeichnet. 

Die meisten sogenannten „Bilderschriften", die von den Stämmen west- 
lich vom Isthmus von Tehuantepec erhalten sind (sie sind auf Hirschleder 
oder einer Art Papier aus der Bastschicht von P'eigenbäumen oder den Fasern 
von Agaveblättern in bunten Farben entworfen und in der Art eines Leporello- 
albums zusammengefaltet), können eigentlich gar nicht als „Schriffdenkmäler 
betrachtet werden. Es sind vielmehr gruppenweise Darstellungen mythologischer 
Figuren, die ständig zur Veranschaulich ung gewisser Ideen meist kalendarisch- 
augurischen Inhalts dienen und daher feststehende Formen angenommen haben, 
so daß man mittels eingehender Vergleichung, wie schon oben bemerkt wurde, 
diese Gestalten bestimmen konnte. Zu Hilfe kam hierbei die Erkenntnis, daß 
die Bilderschriften in Gruppen verschiedener Herkunft zerfallen, innerhalb 
deren sich eine große Menge selbst in kleinen Einzelheiten übereinstimmender 
Paralleldarstellungen finden. Die schönsten Bilderschriften gruppieren sich um 
den sogenannten Codex Borgia (in Rom) und um den Codex Vindobonensis (in 
Wien), die beide sicherlich nicht aus dem Hochlande stammen, sondern aus 
der Nachbarschaft der Tzapoteken bzw. Totonaken; ein Blatt aus einer der 
besterhaitenen aztekischen Bilderschriften gibt Abb. 12, Fig. 1 Avieder. Wie man 
hier sieht, sind die Darstellungen mit Tageszeichen (s. u.) verbunden, was die 
Verknüpfung der Bilder mit bestimmten Kalenderabschnitten, auf die sie sich 
beziehen, ermöglicht. — Die einzigen Ansätze zu wirklicher „Schrift" finden 
sich in den geschichtlichen Codices und Tributlisten (z. B. Codex Mendoza) 
und auf den wenigen, wirklich geschichtlichen Denkmälern, z. B. dem runden, 
scheibenförmigen „Stein des Tizoc" (Nationaliiiuseum in Mexico), auf dem am 
Xipefeste das Kampfopfer vollzogen wurde (S. 192), und der auf seinem Zylinder- 
mantel Vertreter der von den Azteken unterworfenen Städte zeigt. Hier sind 
Personen- und Oitsnamen entweder durch Bilder entsprechend dem Sinne des 



Mexikaner und Maya 



205 



Namens (Ideogramme) oder durch rebusartige Zusammenstellung'en von Bildern 
wiedergegeben, z. B. der Ortsname Oztoticpac, der „auf der Höhle" bedeutet, 
durch das übliche Bild einer Höhle (oztotl) und eines Garnknäuels (icpatl), das 
für -icpac „auf" eintritt. Vgl. auch das Relief Abb. 74, das über dem Hinter- 
kopf der beiden Könige ihre Hiero- 
glyphen zeigt. 

Anders steht es mit den vier 
erhaltenen Mayabild er Schriften, 
deren wertvollste in der Landes- 
bibliothek zu Dresden aufbewahrt 
wir.l. Hier sind die Darstellungen 
regelmäßig von Zeichen be- 
gleitet, die den Sinn erläutern (vgl. 
Abb. 12, Fig. 2). Auch hierbei haur 
delt CS sich noch um eine reine 
Bilderschrift, doch es ist schon eine 
wiikliche „Schrift", denn die ur- 
sprünglichen Bilder sind auf das 
wesentlichste vereinfacht und in 
ein immer gleichbleibendes kleines, 
ovales oder viereckiges Feld „liinein- 
geschrieben". Wir baben also schon 
Abkürzungen zu Schriftzeichen vor 
uns. Neben der Kursive der Bilder- 
schriften steht die sorgfältiger aus- 
geführte Monumentalschrift (vgl. 
Abb. 12, P'ig. 3), die in langen 
Kolumnen die Ueliefplatten von 
Palenque, Tikal, Menche (Abb. 75), 
sowie die Stelen von Copän und 
Quiriguä (Abb. 76) bedeckt (in 
den nordyucatekischen Ruinen- 
städten sind dagegen Hieroglyphen- 
inschriften selten). — Einen glän- 
zenden Beweis ihres Scharfsinnes 
haben die alten Mayagelehrten in 
der Erfindung einer Zahlen- 
schreibung abgelegt, die der 
unserigen mindestens ebenbürtig, 
wenn nicht überlegen ist. Sie haben 

ein Zeichen für die Null erfunden und den Zahlen einen Stellenwert gegeben, zwei 
Errungenschaften, die nicbt einmal die Antike kannte; mit ein paar Punkten und 
Strichen können ganz gewaltige Zahlen ausgedrückt werden, wobei allerdings 
jede folgende Stelle nicht den lU fachen, lOU fachen usw., sondern den 20 fachen, 
36Üfachen, 20x360fachen und 20 x 20x360 fachen Wert der ersten Stelle be- 
sitzt und die Zahlen nicht neben-, sondern übereinander geschrieben werden. 




Abb. 74. Relieftafel zur Erinnerung an die 
Einweihung des neuen Haupttempels von 
Tcnochtitlan im Jahre „8 Rohr" ( = 1487). 
Oben die beiden königlichen Erbauer, Tizoe 
(links) und Ahuitzotl (rechts), die sich zur 
Feier des Ereignisses kasteien. Das Blut 
fließt in den geöffneten Erdrachen (vgl. 
Abb. 67) ; am Boden zwei Räueherpfannen, 
darüber, Grashallen und Kastciungsgerät. 
Original im Nationalmuseum in Mexico. 

(Vi 2 n. Gr.) 

(Nach Seier) 



206 



Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 



Eine merkwürdige Mittelstellung- zwischen der aztekischen und der Maya- 
schrift nimmt die tzapotekische Bilderschrift ein, in der die Tages- 
zeichen ebenfalls schon abgekürzter und kursiver sind und vielfach in einer 
Art Umrahmung stehen und, wie in der Mayaschrift, ein Balken oder eine 
Schleife für die Zahl „fünf" verwendet wird. 

Der Kalender war bei allen Völkern des mexikanischen 
Kulturkreises im wesentlichen der gleiche. Er beruhte auf einer 




Abb. 75. Reliefplatte von Menche Tinamit (Anbetungs- oder 

Unterwerfungsszene). Rechts und links die den Vorgang 

erläuteniden Hieroglyphen. 

(N'ach Maudslay) 

fortlaufenden Vereinigung von 20 von konkreten Dingen hergenom- 
menen Tageszeichen (z. B. Rohr, Feuerstein, Kaninchen, Haus, Wasser) 
mit 13 Ziffern (vgl. Abb. 12, Fig. 1 und Abb. 74); der Zeitabschnitt 
von 20X13 Tagen, das Tonalamatl, war die kalendarische Grund- 
einheit für die priesterliche Zeitrechnung, währeud das bürgerliche 
Jahr von 365 Tagen in achtzehn zwanzigtägige Monate zerfiel, so 
daß fünf Tage (azt. nemontemi) übrigblieben. Diese galten als 
unnütz, unheilvoll, zu keiner Arbeit tauglich-, in Yucatan fanden 



Mexikaner und Maya 



207 



große Zeremonien 
in ihnen statt, die 
dahin zielten , das 
Unheil, das im kom- 
menden Jahre drohte, 
zu bannen, d h. in 
Gestalt eines Götter- 
bildes aus dem Dorfe 

herauszubringen 
(vgl. Abb. 12, Fig. 2). 
Da weder 20 noch 13 
in 365 aufgeht, so 
ergab sich für jeden 
Jahresanfang eine 
andere Zeichen- und 
Ziffern Verbindung, 
und erst nach 52 
Jahren (das Jahr zu 
365 Tagen gerechnet) 
trat wieder dieselbe 
Kombination auf wie 
am ersten Tage des 
ersten Jahres. 

52 Jahre waren da- 
her diegroße Periode 
der aztekischen Zeit- 
rechnung, die jedesmal 
mit der feierlichen Neu- 
erbohrung- des Feuers 
auf dem Leibe eines ge- 
opferten Gefangenen ein- 
geleitet wurde. Bei den 
ilaya galt als größere 
Periode der Katun, ein 
Zeitraum von 20 x 360 
Tagen. Ä.lle großen 
Denkmäler des Maya- 
gebietes — die Stelen 
von Copän und Quiriguä, 
die Altarplatten von 
Palenque usw. — sind 
am Anfangfstage eines 




Abb. 76. Monolithische Stele von Quiriguä (stehende 

Figur mit breiter Brustplatte und mächtigem, aus 

mehreren übereinander gesetzten Masken bestehendem 

Kopfputz). 

(Nach Maudslay) 



208 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Katun errichtet, der außerdem ganz unzweideutig noch dadurch bezeichnet wird, 
daß die Inschrift gleichzeitig den Tag des „Monats" von 20 Tagen (Uinal), auf 
den der betreffende Anfangstag des Katun fällt, angibt; erst nach 18720 Jahren 
konnte der Anfangstag eines Katun Avieder auf denselben Tag desselben Uiual 
fallen. Auf den Denkmälern steht das Katundatum immer am Ende einer Hiero- 
gl3'phenreihe (vgl. Abb. 12, Fig. 3), die die Summe der Tage ausdrückt, welche 
vom Anfangsdatum der Mayachronologie bis zum Tage der Errichtung des Monu- 
ments verflossen sind. Zwar ist das Anfangsdatum nicht bekannt, doch ist mit Hilfe 
dieser Datierung Avcnigstens eine relative Chronologie der Denkmäler möglich. 
Es ergibt sich, daß das älteste der großen Monumente, eine Stele von Quiriguä, 
3570 Jahre nach dem Anfangsdatum errichtet wurde. (Weiteres S 170/1.) — Der 
Jahresanfang fiel bei den Azteken, ursprünglich auch bei den Maya, in den Monat 
Mai ; das Jahr hieß nach dem Zeichen des ersten Tages, und so ergibt sich aus 
dem Verhältnis von 20 zu 365, daß nur 4 von den 20 Tageszeichen für die 
Jahresbenennung in Betracht kommen (vgl. Abb. 12, Fig. 1). 

Eine der urwüchsigsten Formen des Kalenders besaßen die 
Mixteken und Tzapoteken, und bei keinem anderen mexikanischen 
Stamme scheint der Kalender und die damit verknüpfte Schick- 
salsbestimmung so sehr alle Verhältnisse beherrscht zu haben wie 
bei ihnen, die auch ihre Kinder nach den Geburtsdaten benannten. 
Anscheinend haben sie auch auf diesem Gebiete zwischen Naua 
und Maya vermittelt. Die Frage aber, wie dieses ganze merk- 
würdige Kalendersystem entstanden ist, läßt sich bei einer gesonderten 
BetrachtungMittelamerikas nicht beantworten (vgl.dieEinleitung, S.64). 
Auch seine einzelnen Elemente sind schwierig zu deuten. Man hat 
daran gedacht, daß das TonalamatI ein primitives Zeitmaß, abgeleitet 
von der ungefähren Dauer der Schwangerschaft, sei, daß die zwanzig 
Tageszeichen auf eine ältere Reihe von dreizehn Zeichen (über- 
wiegend Tierbildern) zurückgingen und die Zahl 13 sich aus der 
Halbierung der Zahl 26 ergeben habe, mit der man die ungefähre 
Dauer der Sichtbarkeit des Mondes bezeichnen wollte. Jedenfalls 
hat die Himmelsbeobachtung, insbesondere das Studium des 
Planeten Venus, die alten Priestergelehrten stark beschäftigt, und 
so konnten sie leicht durch eine Verknüpfung des Sonnenjahres 
(5 X 73 Tage) mit der ebenfalls bekannten Dauer des scheinbaren 
Venusumlaufs (8 X 73 Tage) zu den beiden Perioden von 260 Tagen 
und von 52 Jahren (20 X [8 + 5] X 73) gelangen, wie Seier gezeigt hat. 

In keiner von Naua bewohnten Landschaft wurden Venusbeobachtung und 
-kult so eifrig betrieben wie in Tehuacan an der großen, von Cholula nach 
Oaxaca führenden Gebirgsschlucht; auch aus dem Mayagebiet liegen viele 
Zeugnisse darüber vor, und sowohl in Chich'en Itza wie in Uxmal gibt 
es eine große Tempeipyramide, die ausschließlich diesem Zweck gedient zu 



Erläuterungen zu 
, Tafel VIII 
Altmexikanische Tempelbauten 

1 Tempelpyramide „Castillo de Teayo" (das Sakrarium ist neuer- 
dings mit einem Strohdach versehen worden und wird als Glocken- 
turm benutzt); 2 Nordwestecke der Pyramide von Xochicalco (rechts 
die Treppenwang-e) ; 3 Querschnitt und Grundriß des „Tempels des 
Kreuzes" von Palenque (Rückwand und Türpfosten der kleinen 
Cella mit Stuckreliefs); 4 Querschnitt durch das von eingewanderten 
Naua errichtete „Castillo" (Haupttempel) von Chich'en Itza; 5 einzel- 
ner Federschlangenpfeiler des „Castillo" von Chich'en Itza (Re- 
konstruktion); 6 Fassade eines Tempels von Sayi mit dem für viele 
yucatekische Bauten charakteristischen, auf eine alte Holzarchitektur 
zurückgehenden „Säulchenfries"; 7 Westfassade der „Iglesia", eines 
der typischen Mayabauten von Chich'en Itza (als Gegenstück zu 4), 
die nach der Vertreibung der Naua errichtet wurden (ein der Vorder- 
wand aufgesetzter Sims täuscht ein zweites Stockwerk vor) ; 8 Quer- 
schnitt und Grundriß eines der 4 Gebäude, die den Nebenhof des 
Hauptpalastkomplexes von Mitla umgeben (im Unterbau Krypta 
mit monolithischem Steinpfeiler); 9 Südostecke des Innenhofes des 

Hauptpalastkomplexes von Mitla 
(1, 'i, 7 und 9 nach Seier, 6 nach Teobert Maler, 3, 5 und 8 nach W. H. Holmes, 
4 nach den von Holmes veröffentlichten Plänen von W. v. d. Steinen rekonstruiert) 










Tflfe/ F7/7 




Alttiic.rikanisclie Tcnipcllxinteti 



Die Völker des südlichen Mittelamerika 209 

haben scheint, denn an beiden Bauten weist die Hauptfront an bedeutungsvoller 
Stelle die Hierog-hi)he des Planeten und andere astronomische Darstellungen 
(Konjunktionen der Venus mit versciiiedenen Sternbildern) auf. Nächtliche Himmels- 
schau Avar eine wichtige Aufgabe der Priester des Calmecac in Tenochtitlan 
(S. 188), und zu den Pflichten des Herrschers gehörte es, um Mitternacht aufzu- 
stehen und die Sternbilder des „Sternenballspielplatzes" (Großer Bär) oder 
„Marktplatzes" (Plejaden) oder etwaige „rauchende Sterne" (Kometen) zu beob- 
achten. Daß auch der Versuch gemacht wurde, die um einen Vierteltag zu 
kurze Jahreslänge durch periodische Einschaltungen zu korrigieren, geht nach 
Seier aus bestimmten Bilderfolgen des Codex Borgia und Vindobonensis hervor. 

c) Die Yölker des südlichen Mittelamerika 

Während Mayastämme einst bis zur Fonsecabai wohnten, 
wie durch das Vorkommen von Maya-Keramik auf den Inseln dieser 
Bai, die Entdeckung von Steinfiguren nach Art der Copan-Stelen (aber 
mit primitiveren Hieroglyphen) im westlichen Salvador und die Auf- 
findung von Ruinenstädten nach Mayaart im mittleren Honduras 
und in Salvador bewiesen wird, erreichteder mexikanische Kultur- 
kreis mit dem aztekisch sprechenden Stamm auf der Landenge 
zwischen dem See von Nicaragua und der Küste und mit den 
Nicarao- Enklaven der Halbinsel Nicoya seine Südgrenze. Noch 
einmal stießen hier die Spanier, die diese Gebiete 1522 vom Süden 
her erreichten, auf Tempelpyramiden in der Mitte der Dörfer, blutige 
Opfer und Kasteiungen im Kultus, bekannte Götternamen der 
mexikanischen Mythologie, Bilderschrift und Kalender mit zwanzig 
Tageszeichen; und auch im Kunststil kann sich die mexikanische 
Formensprache nicht verleugnen, wie die schöne Keramik der Nicarao- 
Enklaven Nicoyas beweist, die auf weißem Stuckgrund bunte, bilder- 
schriftartige Darstellungen (z. B. Federschlangen) nach Art der 
Cholulatöpferei (S. 182/3) zeigt. 

Der Einfluß dieser mexikanischen Stämme auf die Cho ro- 
te gen oder Mangue, das ursprünglich einheimische Kulturvolk 
Nicaraguas, ist bis zum Golf von Nicoya in Sitte und Brauch, 
staatlicher Verfassung, Religion und Kunst zu spüren. Die Choro- 
tegen waren Ackerbauer, die den Boden mit spateuartigen Werk- 
zeugen, deren Klingen aus Muschelschale bestanden, bearbeiteten, und 
Fischer; Kakaokultur und Truthahnzucht haben sie wohl sicher erst 
von ihren Nauatl sprechenden Nachbarn gelernt. Pfeil und Bogen 
dienten ihnen als Hauptwaffen. In ihrer Tracht standen die Chorotegen 
der Halbinsel Nicoya noch auf einer wesentlich tieferen Stufe als 

Völkerkando I 14 



;2 10 Amerika. II. Die Völker Nonl- und Mittelamerikas 

die Xicarao (die Männer gingen nackt bis auf die zusammen- 
gebundene Vorhaut, die Frauen zogen einen gestickten Baumwoli- 
streifen zwischen den Beinen hindurch und befestigten die Enden 
an einer Hüftschnur) ; die Haartrachten beider Geschlechter er- 
innerten dagegen sehr an mexikanische. Auch Unterlippenpflöcke 
aus weißer Muschelschale und Tatauierung der Vornehmen auf 
Brust, Armen und Beinen werden bei den Chorotegen erwähnt. Unter 
ihren Kunstfertigkeiten wird die Töpferei besonders hervor- 
gehoben. 

Die g-länzend schwarze, gravierte Keramik, die Lehmami auf der Insel 
Chira im Golf von Nicoya nachgewiesen hat, ist schon von frühen spanischen 
Chronisten rühmend erwähnt worden. Auf Nicoya und weiter nördlich hat man 
eine besonders reiche, vielfarbige Keramik g-ef unden, deren Verzierung teilweise von 
der mexikanischen beeinflußt ist (Abb. 77), in der Gegend von Masaya merkwürdige 
schubförmige Graburnen, oft von gewaltigen Ausmessungen — ein südamerika- 
nisches Element — , und wiederum auf Nicoya eine Fülle von Nephritzieraten 
von prachtvoller Ausführung und Politur, mit denen weithin Handel getrieben wurde. 
Von besonderem ethnographischen Interesse sind die steinernen Keulenköpfe 
mit senkrechter Durchbohrung, die ebenfalls von Nicoya stammen und außer 
der auch im nördlichen Mexico (Jalisco) auftretenden Morgenstern- und Ananas- 
form am häufigsten die Gestalt von Menschen- und Tierköpfen (Eulen, Papageien) 
oder ganzen Tierfiguren (Vögeln, Alligatoren) aufweisen (Abb. 52, Fig. 3 und 4). Am 
stärksten prägt sich indes die Eigenart der alten Chorotegenkultur in S t e i n f i g u r e n 
von sehr steifen, altertümlichen Formen aus, ^vic sie auf den Inseln Ometepe 
und Zapatera, Pensacola und Solentiname im See von Nicaragua, auf Momotom- 
bito im Managuasee und bei Subtiaba nahe dem heutigen Leon gefunden sind. 

Tempelpyramiden, Steinidole und Bilderschrift sind bei den 
Chorotegen jedenfalls auf Naua-Einflüsse zurückzuführen. 

Als Hilfstruppen des Conquistadors Rodrigo de Contreras kamen 
1539 zweihundert Nauasöldner (Signa = „Fremdlinge" im Talamanca) 
nach dem Rio Tarire im Westen der Chiriquilagune, also mitten unter 
Talamanca stamme, wo sie Juan Väzquez de Coronado noch 1563 
unter ihrem Kaziken Itztolin angesiedelt fand. Wahrscheinlich sind 
einige auffällige Beziehungen der alten, in ihrem Hauptbestande aus 
Südamerika stammenden Talamancakultur zur mexikanischen nicht 
erst auf diese späten Eindringlinge zurückzuführen. Diejenigen mit den 
Talamanca verwandten Stämme, die sich in alter Zeit aus Naturvölkern, 
wie sie ihre heutigen Nachkommen noch durchweg sind, zu Halbkultur- 
völkern entwickelt hatten, saßen fast alle in den höheren Land- 
strichen Costaricas und Panamas auf der pazifischen Seite des 
Isthmus: die Gr u e t a r am Fuße mittelcostarikanischer Vulkane 





Abb. 77. Buntbemalte Tonschalen der Choroteg'en. Auf dem Hochland von 
Costarica (in Las Huacas und Agua Caliente, am Abhang- des Orosi) gefunden, 
wohin sie als Handelsware g-elang-t sind ; b ist die Innenseite einer ähnlichen 
dreifüßig-en Schale wie a. Die phantastischen Tierkopffüße von a und die merk- 
würdig-e Stilisierung der Fig-uren im Fond der Schale b („Kartenblattstellung") 
sind für diese Keramik sehr bezeichnend. (Ya n. Gr.) 
(Nach C. V. Hartman) 



212 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

(Poas, Irazü und Turrialba) im Tal von Guarco, im Tal des Reventazön 
und an der pazifischen Küste bis zum Rio Pirris, die Quepo und 
Coto in den Llanos des Rio G-rande de Terraba und die Guaimi 
in den Llanos des Rio Chiriqui am Fuß des gleichnamigen Vulkans. 
Wie der Reventazön sind auch Terraba und Chiriqui in ihrem Ober- 
lauf Eingangspforten zu den tropischen Waldgebieten der atlantischen 
Küste, und so ist es nicht wunderbar, daß wir in der ersten spanischen 
Zeit auch die Talamancastämme der atlantischen Küste west- 
lich der Chiriquilagune , besonders im Flußgebiet des Tarire 
(„Valle de Coaza" der alten spanischen Quellen), wo der Name 
Talamanca ursprünglich heimisch war, im Besitz einer Art Halb- 
kultur finden. 

Die archäologischen Funde beschränken sich allerdings bis jetzt 
auf die genannten Gegenden der pazifischen Abdachung. Hier sind (besonders 
um Cartago und Orosi im Hochland von Costarica, bei El General und Buenos 
Aires in den Llanos de Terraba, an den Abhängen des Chiriquivalkans und 
bei Bugaba in den Llanos de Chiriqui) in den letzten Jahrzehnten durch Hart- 
man , V. Schroetter , Lehmann u. a. überaus reiche Funde gemacht worden, 
meist in S t e i n k i s t e n g r ä b e r n , deren beide, nebeneinander vorkommende 
Haupttypen (ovale und viereckige) anscheinend derselben Bevölkerungsschicht 
angehören. Die Wände der Kisten bestehen teils aus hochkant gestellten 
Steinplatten, teils aus Flußgeröll ; bald sind die Kisten so groß, daß sie für 
ausgestreckt liegende Skelette Platz boten, bald so klein, daß die Knochen 
bündelweise aufgeschichtet werden mußten (im letzteren Fall liegt also Nacli- 
bestattung vor). Die Keramik dieser Gräber ist verhältnismäßig einfach 
und bevorzugt im Gegensatz zur chorotegischen ganz auffallend die plastische 
Verzierung, die sowohl die drei hohlen, rasselnde Tonkügelchen bergenden 
Spitzfüße, als auch Hals und Körper des Gefäßes überzieht und fast immer 
naturalistischen Ursprungs ist (Haifisch, Gürteltier, Alligator), wenn auch 
die ursprünglichen Motive oft bis zur Unkenntlichkeit stilisiert sind. Dasselbe 
gilt von den aufgemalten Mustern (Terraba und Chiriqui), die meist auf Reptil- 
figuren zurückgehen. Die massenhaft im Hochlande und namentlich an den 
Abhängen des Irazii vorkommenden, leicht zu bearbeitenden Andesitlaven haben 
zur Entstehung einer formenreichen Steinplastik geführt, deren Haupt- 
erzeugnisse neben großen Figuren Mahlsteine und Prunksessel sind, erstere 
drei- oder vierfüßig, mit kufenartigen Stützen der Reibfläche oder mit rundem 
Ringfuß; prachtvolle Beispiele der vierfüßigen Mahlsteine in Jaguargestalt und 
der kufenfüßigen mit Jaguaren als Tragfiguren sind besonders in Terraba und 
Chiriqui gefunden worden (Abb. 78), Avährend die dreifüßigon Mahlsteine und 
die runden Steinsitze mit durchbrochenem Fuß und Jaguarköpfen am Rande 
mehr bei den Guetar vorkamen. Am berühmtesten ist das ganze Gebiet 
durch seine Goldzierate geworden, die wie die Grünsteinschmucke Nicoyas 
ein vielbegehrter, weitverbreiteter Handelsartikel waren und daher auch in 
ganzen Depotfunden zum Vorschein gekommen sind (z. B. 1859 in Bugaba). 



Die Völker des südlichen Mittelainerika 



213 



Meistens handelt es sich um große Brustschmucke in Adler-, Fledermaus-, 
Eidechsen- und Spinnenform, die nach unten in beilförmige Schneiden auslaufen. 
Jetzt werden sie überwiegend auf der pazifischen Seite gefunden, doch traf Columbus 
auf seiner vierten Reise an der atlantischen Küste bei Cariay (heute Puerto Limon) 
westlich der Chiriquilagune Eingeborene, die offenbar ganz gleichartige Brust- 
schmucke in Adlerform aus Gold oder einer Goldkupfermischung- (Guanin) trugen ; 




Abb. 78. Mahlsteine aus dem Quepo-Coto-Gebiet, Südostcostarica (Ausgrabungen). 

a oval, mit zwei kufenartigen Füßen, die durchbrochen sind und Jaguare als 

Tragfiguren zeigen; b rechteckig, in Jaguargestalt. (74 n. Gr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



seine Nachfolger erblickten in dem goldminenreichen Flußgebiet des Tarire 
recht eigentlich das Dorado dieser Isthmusgebiete, nach dem das Land den 
Namen Costarica empfangen hat. 

Was die spanischen Berichte von der Kultur der alten Bewohner 
überliefern, ist nicht viel. Man baute Mais und wohnte in Rund- 
hütten, als deren Reste wohl kreisförmige Steinsetzungen anzusehen 
sind, die Hartman auf dem costarikanischen Hochland angetroffen 
hat. Pfahlbauten gab es an dem Überschwemmungen ausgesetzten 



214 Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelamerikas 

Rio Terraba; die Hängematte war bekannt. Ein kriegerischer Geist 
war bei den Coto lebendig; sie wohnten auf Bergrücken in pali- 
sadeniimgebenen Dörfern, deren Eingänge drei hintereinander 
liegende Wälle schirmten, führten als Waffen zwanzig Spannen 
lange Lanzen aus Hartholz, Wurfbretter und Speere und schützten 
sich (wie die Guaimi) durch Schilde aus derber Tapirhaut. An 
der atlantischen Küste westlich der Chiriquilagune werden von 
Columbus als Trachtstücke Schurze und kurze ärmellose Hemden 
aus Baumwolfe erwähnt ; der Körper wurde bemalt (während 
sich die Coto tatauierten) und das Haar bei den Männern in 
Zöpfe geflochten, bei den Frauen abgeschnitten. Hoch stand die 
Weberei und Purpurfärberei der Coto und ihrer Nachkommen, der 
Boruca, bei denen die Männer webten. Baumwollene Gewänder 
trugen auch die Quepo; weiter südlich traten Schambinden aus 
Baumbast an ihre Stelle. Über die Bestattungsgebräuche 
der von Columbus besuchten Stämme erfahren wir, daß sie ihre 
toten Häuptlinge mumifizierten und in großen Rohrhütten beisetzten, 
wo über jedem Leichnam eine Holztafel mit eingeschnittenen Tier- 
und Menschenfiguren angebracht war. 

In der Religion treten manche Elemente auf, die offenbar nördlichen 
Ursprungs sind. So fanden die Spanier in den Dörfern der Coto Tempel- 
pyramiden in Gestalt kleiner Hügel, auf denen Köpfe und Leichen Geopferter 
lagen, und auch Hartman hat bei seinen Ausgrabungen am Nordfuß des Turrialba 
einen abgestumpft-kegelförmigen Hügel entdeckt, der wie die mexikanischen 
Pyramiden einen Steinmantel um einen Kern von loser Erde besal) und auf 
seiner Plattform zwei steinerne Götterbilder trug. Hockerfiguren nach Art 
mexikanischer Götterbilder und echt mexikanische Räucherlöffel kommen häufig 
im Guetargebiet vor. Nach dem Bericht eines spanischen Paters vom Anfang des 
siebzehnten Jahrhunderts nahmen die Guaimi bei Gewitter Kasteiungen an den 
Geschlechtsteilen vor. ganz in derselben Art. wie die alten Mexikaner (S. 191) und 
verehrten neben dem Schöpf ergo ttNoncomala, der seine Zwillingssöhne als Sonne und 
3Iond an den Himmel versetzt und die erste unvollkommene Menschenschöpfung 
durch eine Sintflut vernichtet, einen Wind- und Berggott Nubu, der an der zweiten 
Menschenschöpfung teilnimmt — ein offenbares Seitenstück zu dem mexikanischen 
Quetzalcouatl. Die Zauberer, die bei den Guaimi sehr gefürchtet waren, ver- 
mochten, wie im alten Mexico, die Gestalten von allerhand gefährlichen Tieren 
(besonders Jaguaren) anzunehmen und Krankheit und Tod durch ihren Zauber zu 
verursachen. Der Weg zur Unterwelt führte über drei breite Ströme (in Mexico 
über neun), und nur die Seelen derjenigen Toten, die bei der Bestattung in 
gehöriger Weise bemalt waren, konnten hinübergelangen. — Ein echt süd- 
amerikanischer Zug tritt dagegen in einem Feste der Guaimi hervor, bei 
dem sich die Teilnehmer, wie die Arawaken beim Maquarritanz (S. 272) mit 
langen, dünnen Holzstäben auf die Waden zu schlagen suchten (Termer). 



Die Völker des südlichen Mittelaraerika 



215 



Von den alten Kulturvölkern der pazifischen Seite Mittelamerikas 
ist nichts übrig geblieben, selbst die Sprachen der Chorotegen und 
Guetar sind heute erloschen. Die Stämme, die noch gegenwärtig 
die Urwald- und Sumpfgebiete der atlantischen Seite bewohnen, 
sind echte Naturvölker. Alle Talamanca (Abb. 79) gehören hier- 
her ^ ferner die Guatuso mit den (auf wenige Individuen redu- 
zierten) R a m a , 
deren Vorfahren 
(die Corobici) einst 
auf der Halbinsel 
Nicoya saßen, den 
Golf von Nicoya 
auf Balkenflößen 
befuhren und an 
der Kultur der 
dortigen Choro- 
tegen teilhatten, 
in ihrer Keramik 
aber auch Bezie- 
hungen zur Kultur 
der Aruak Süd- 
amerikas erkennen 
lassen ; endlich die 
Sumo, Ulua und 
Misquito und die 
Lenca, Yicaque 
und Paya. Das 
ethnographische 
Bild, das die Tala- 
manca, Sumo und 
Misquito bieten, 
weicht beträcht- 
lich ab von dem der Hondurasvölker, die sich kulturell enger an 
die modernen Maya Guatemalas anschließen. Die Guatuso nehmen 
in vielen Beziehungen wieder eine Sonderstellung ein. Einer der 
besten Kenner Mittelamerikas, Karl Sapper, hat zuerst diese Unter- 
schiede, die gleichzeitig die — freilich nicht scharf zu ziehende 
(S. 166) — ethnographische Grenze zwischen Nord- und Südamerika 
bestimmen, hervorgehoben. 




Abb. 79. Talamanca-Indianer vor ihrer Hütte 

(Xacli einer Photographie im Besitz des Leipziger Museums für 

Völkerkunde) 



2\ß Amerika. II. Die Völker Nord- und Mittelaraerikas 

Unterscheidende Merkmale sind vor allem die folgenden: während von 
Honduras nach Norden der Ackerbau vorherrscht, sind die Stämme der süd- 
lichen Gruppe mehr Jag- er und Fischer, die sich daneben besonders der Kultur 
der Banane und gewisser Palmenarten (vor allem Pejivalle, Guilelmia utilis) 
widmen; Mais wird im wesentlichen nur zur Gewinnung- des Bieres (Chicha) 
angebaut, das man in großen Holztrögen (im Gegensatz zu den Tongefäßen bei 
den nördlichen Stämmen und Guatuso) bereitet. Den dreibeinigen Mahlstein 
(mit Handwalze) der nördlichen Stämme ersetzen bei ihnen große, glatte 
Steinplatten, auf denen mit Rollsteinen gerieben wird. Der einfache Bogen aus 
Palmholz hat bei den Honduras- und Nicaraguastämmen und bei den Guatuso 
rechteckigen, bei den Talaraanca runden Querschnitt; die Pfeile haben im Süden 
weder Befiederung noch Feuersteinspitze (der Hartholzeinsatz dient als Spitze), 
während der Norden beides besitzt. Tamales, d. h. im Wasser gekochte 
Maiskuchen, ersetzen im Süden die auf einer Tonplatte gerösteten Tortillas des 
Nordens. Der Norden hat geflochtene, der Süden aus Federn zusammengebundene 
Feuer fach er. Die Kürbistrinkschalen oder Jicaras sind im Süden nur 
selten so hübsch wie im Norden mit Malerei und Politur verziert. Die aus 
Baumwolle, Agavefaser usw. gewebten Kleidungsstücke der Nordstämme 
machen im Süden der Rindenstoffkleidung Platz; die Bastschicht gewisser 
Bäume (Mastate, Castilloa elastica, Tuno) wird abgelöst, eingeweicht und mit 
gerippten Holzkeulen geschlagen, um sie von holzigen Bestandteilen zu befreien. 
Schambinde (Männer) und Hüfttuch (Frauen) beherrschen das ganze Gebiet, 
Sandalen sind dagegen im Süden selten. Federschmuck kommt in größerer 
Ausdehnung nur im Süden vor. Am schärfsten prägt sich der Gegensatz im 
Hausbau aus: das Haus des Nordens ist viereckig, mit Sattel- oder Walmdach 
versehen; im Süden herrscht der „Palenque", die runde oder ovale Kegeldach- 
hütte, jetzt meist mit kurzem First, ehedem in einer Spitze endend, die durch 
einen darübergestülpten Tontopf geschützt war. Das Dach ruht auf einem un- 
regelmäßigen Achteck von Pfosten und reicht bis auf den Boden hinab. Die 
Hängematten treten zwar im Süden stärker hervor, doch dienen sie auch 
hier nur zum Ausruhen neben den Fellen, Rindenstoffdecken oder Rohrgestellen, 
auf denen man schläft. 

Außer diesen Gegensätzen gibt es natürlich allerlei Gemein- 
sames, daneben auch Kulturformen, die jetzt vereinzelt dastehen, 
während sie ehedem, als die alten Verhältnisse noch nicht so gestört 
waren, vielleicht in größerem Zusammenhange erschienen. 

Das Ton kugelb las röhr als Waffe bei der Jagd auf Vögel ist auch hier, 
wie im nördlichen Mittelamerika, allgemein. B e m a 1 u n g mit Erd- und Pflanzen- 
farben kommt vielfach vor, Tatauierung jedoch nur bei den Sumo und 
Bribri, die sich mit scharfen Kieseln Linien in die Haut ritzten und mit 
kochendem Kopalharz ausfüllten, und K op f abplattung nur bei den Sumo 
und Ülua. Die Bribrimänner durchbohrten ehedem auch Septum und 
Unterlippe, wenn sie ihren ersten Feind erlegt hatten; die Guaimi 
feilten die Eckzähne spitz zu oder schlugen sie aus. Bei den Talamanca 
und Guaimi hat man noch in neuerer Zeit den Gebrauch goldener Brustschniucke 
beobachtet, die sich in den Familien fortgeerbt hatten. Bei den Guatuso ist 



Die Völker Südamerikas 217 

das Haus nichts weiter als ein großer, einfacher oder doppelter Windschirm, 
ein schräges Dach ohne Seitenwände; Pfahlbau kommt bei den Misquito vor. 
Im Gegensatz zum Norden haben sich bei den Südstämmen die alten gesell- 
schaftlichen Verhältnisse noch in voller Keinheit erhalten. Es herrscht ein 
streng exogames Zweiklassensystem mit Mutterfolge; jede Klasse oder Phratrie 
zerfällt in eine Reihe von Clanen, die nach Tieren, Pflanzen oder Ortlichkeiten benannt 
sind (Talamanca und Guaimi). Echten Totemismus traf Lehmann auch bei den Sumo 
und Misquito an, deren Totemtiere (Haifisch, Schwertfisch, Seemöwe) von Maskierten 
bei den Totenfesten vorgeführt werden. Unter den Sitten und Gebrauch eu 
im Süden sind die Mut- und Mannhaftigkeitsproben, die die Sumo den Ehe- 
kandidaten auferlegen, und die strenge Abschließung der menstruierenden Frau 
oder Wöchnerin hervorzuheben ; sie gilt längere Zeit für unrein, wohnt für sich 
und kann erst durch die Zauberhandlung des Medizinmannes, die im Auflegen 
von Tierzähnen, Vogelschnäbeln usw. besteht, wieder rein gemacht werden. 
Couvade herrscht bei den Guatuso. Sie bestatten ihre Toten in der Hütte Cin 
einer steinausgelegten, nur leicht mit Erde bedeckten Grube) , ohne diese zu 
verlassen, während die Talamanca und Guaimi die Leichname bis zur Ver- 
wesung auf Plattformen im Walde niederlegen , um später die Knochen zu 
reinigen und in einem Familiengrab beizusetzen. Recht Avenig wissen wir noch 
von den religiösen Anschauungen. Nach dem Glauben der Bribri 
schafft Sula, das weibliche Urprinzip, die Menschen aus Ton; manche von 
den Mythen, die Lehmann bei den Sumo und Misquito aufgezeichnet hat, 
tragen unverkennbar mexikanisches Gepräge, wie auch ihr Glaube an einen 
roten Hund als Totenbegleiter uns bereits im nördlichen Kulturkreise be- 
gegnet ist (S. 201). Unter dem Apparat des Zauberarzt.es erscheint bei den 
Guatuso das Schwirrholz, dem wir auch in Südamerika in denselben Händen 
begegnen werden. Von einheimischen Musikinstrumenten sind lange, 
einseitig mit Leguanfell überzogene Handtrommeln bei den südlichen Stämmen 
und Muscheltrompeten bei den Bribri und Misquito zu erwähnen. Eine Jahres- 
einteilung nach Mondmonaten kennen die Talamanca (Sapper). 

in. Die Völker Südtamerikas 

Seiner körperlichen Erscheinung nach ist der südamerikanische 
Indianer dem nordamerikanischen nahe verwandt. Schlanke, wohl- 
proportionierte Formen und angenehme, nicht selten hübsche Züge 
bringen ihn, ebenso wie die Polynesier, dem europäischen Schön- 
heitsideal näher als die Angehörigen anderer Rassen, und es ver- 
dient hervorgehoben zu werden, daß ein so berufener Kenner der 
Südamerikaner, wie Koch-Grünberg, die Frauen der Taulipäng in 
Zentralguayana wegen des Ebenmaßes ihrer Glieder, der wilden 
Schönheit ihrer Gesichtszüge, der weichen Bräune ihrer Haut, der 
üppigen und doch zarten Körperformen zu den schönsten Frauen 
der Erde rechnet (Abb. 96). 



218 Ainevika. III. Die Völker Südamerikas 

Die Hautfarbe ist etwas heller als bei den Nordamerikanerii, ein ziem- 
lich helles Gclbgrau (etwa Avie Lehm oder lohg-eg-erbtes Leder), besomlers bei 
den ausschließlich in tiefem Waldschatten lebenden Stämmen. Auffallend ist 
die sehr helle, fast weiße Hautfarbe bei manchen Stämmen im Gebiet des 
oberen Orinoco, z. B, den karaibischen Yekuanä (Makiritäre) und den sprachlicli 
isolierten Waika; sie wird schon von Humboldt erAvähnt und ist neuerdings 
von Koch-Grünberg- beobachtet worden. Die auf offenem Kamp- oder Steppen- 
lande den Wirkung-en der Sonne ausgesetzten Stämme (Patag-onier, Bororö) haben 
im allgemeinen dunklere Haut (kupferbraun), doch finden sich auch solche Gegen- 
sätze, wie die dunkel- bis violettbraunen, auf den Flußsanddünen hausenden 
Karajä und die g-elbbraunen, kampbeAvohnenden Kayapö dicht nebeneinander. 
Eine im tropischen Waldgebiete weitverbreitete Hautkrankheit gibt der Haut 
oft ein rieckiges Aussehen. Das Haar der Feuerländer und Patagonier, der 
Bororo und Karajä entspricht ganz dem der Nordamerikaner: es ist grob, 
straff, glänzend-schwarz. Sonst aber kommt neben dem straffen Haare viel 
häufiger als in Nordamerika feinsträliniges, leichtgewelltes Haar, oft sogar 
Kraus- und Lockenhaar vor (z. B. Bakairi, Tukano des Uaupesgebietes). Am 
Knochengerüst ist die oft starke Ausbildung der Augenbrauenwülste hervor- 
zuheben. Das OS Licae, ein Schaltknochen, der dadurch entsteht, daß die 
ursprüngliche Quernaht des Hinterhauptbeins erhalten bleibt, kommt verhältnis- 
mäßig liäufig an altperuanischen Schädeln vor und hat daher seinen Namen. 
Auffallend ist das Auftreten sehr hoher Grade von Nannokephalie (Klein- 
köpfigkeit) ; bei Goajiroschädeln fand Virchow eine Schädelkapazität von 
1040 ccm, bei einem weiblichen Karajäschädel Ehrenreich sogar nur 980 ccm, 
eine der geringsten, die überhaupt bekannt ist. Und dabei sind beide keines- 
wegs degenerierte oder besonders tiefstehende Stämme. 

Auch für die Südamerikaner ist die Mittelstellung zwischen 
mongolischen und kaukasischen Rasseneigentümlichkeiten sowie die 
große Verschiedenheit somatischer Typen, nicht nur bei Stämmen, die 
sprachlich nahe verwandt sind, sondern sogar oft innerhalb eines und 
desselben Stammes, kennzeichnend. Wiederum ist an die durch neuere 
Forschungen wahrscheinlich gemachte Rassenmischung auf ameri- 
kanischem Boden (S. 58) sowie an die Tatsache zu erinnern, 
daß sich gerade in Südamerika ein „paläamerikanischer" Typus, 
die Lagoa-Santa-Rasse, in Ostbrasilien (bei den Botokuden) und 
auf den Anden noch ziemlich rein erhalten hat. Wenn sich inner- 
halb eines und desselben Stammes ein feinerer und ein gröberer 
Typus finden, so mag der letztere wohl auf Vermischung mit einer 
solchen (physisch tieferstehenden) Urbevölkerung zurückgehen, wie 
Ehrenreich für die Purüs-, Koch-Grünberg für die Uaupesvölker 
wahrscheinlich gemacht hat. 

Während sich bei Stämmen, die seßhaft (in größeren Gemeinwesen) oder 
als Nomaden (in koin])aktcrcn Horden) unter sehr gleichförmigen Naturbedingungen 



Die Völker Südamerikas 219 

leben, wie die andinen Gebirgsvölker und die Jägerstämme in den Steppen- 
gebieten Patagoniens und des zentralbrasilischen Plateaus (Tehueltsche, Bororö), 
schärfer ein bestimmter Typus herausgebildet hat , herrscht bei den 
weitzerstreuten, oft abgeschlossen in kleinen Dorfgemeinschaften lebenden Be- 
wohnern des tropischen Tieflandes die größte Typenmannigfaltigkeit. 
Die vierschrötigen Paumari im Purüsgebiete sind z. B. nahe Sprachverwandte 
und Nachbarn der zierlich gebauten Ipurinä, In Zentralguayana wohnen unfern 
den dunkelfarbigen Purukotö, deren hohe, schlanke Gestalten mit auffallend 
langen Gliedmaßen und kurzem Oberkörper an nordamerikanische Indianer 
erinnern, die fast weißen Yekuaniä mit ihren untersetzten, plumpen, muskulösen 
Körpern und groben Gesichtern, deren Häßlichkeit durch die starke Schräg- 
stellung der schmalen Augenschlitze erhöht wird; die ebenmäßigen, schön 
gebauten Taulipäng des Roroimagebietes (s. o.) fallen daneben doppelt angenehm 
auf. Und dabei sprechen alle drei Stämme karaibische Idiome und sind auch 
kulturell nahe verwandt! Bei den Bakairi des Xingü-Quellgebietes kommen 
oft ausgesprochen semitische Typen neben anderen, mehr an Südeuropäer 
erinnernden, vor. 

Wie in Nordamerika zeigt sich das Sclnvanken zwischen Extremen besonders 
in der Verteilung der S c h ä d e 1 f o r m e n und K ö r p e r g r ö ß e n. Einigermaßen 
konstant sind nur die Schädelmaße bei den Stämmen im Süden (Araukaner, Pata- 
gonier, Pampasindianer) und bei den Andenvölkern, deren entschiedene Kurzköpfig- 
keit noch durch die Sitte der Kopfverunstaltung erhöht wird (Index 87). Stai'k 
kurzköpfig sind auch die Kayapö und Bororö. Dagegen sind die Nachbarn 
der Kayapo, die Karajä, hochgradige Langköpfe, wie im Norden die Piaroa, 
die mit ihren schmalen, scharfgeschnittenen Gesichtern mit vorstehenden Joch- 
beinen einen sehr eigenartigen Tvpus darstellen. Viele Anzeichen sprechen 
dafür, daß in großen Teilen des westlichen und südlichen Südamerika eine 
ältere langköpfige Bevölkerung von primitivem Typus (mit fliehender 
Stirn) durch eine jüngere k u r z k ö p f i g e verdrängt worden ist; man findet in 
älteren Kulturschichteu der Küste Perus (s. u.) und Chiles (s. u.) und in alten 
Wohnplätzen des patagonischen Rio Negi'o, also da, wo später die Kurzköpfe vor- 
herrschten, vorzugsweise lange Schädel. Ein Rest der langköpfigen Bevölke- 
rung des Südens sind nach Joyce die Alikuluf des Feuerlandes und die 
Pehuentsche. — Die Größten aller Südamerikaner sind die dafür genugsam 
bekannten Patagonier (Tehueltsche), ferner auch die Bororö. Beide erreichen 
eine Körperlänge von 191 — 192 cm (gcAvöhnlich 175 — 180). Dagegen sind z. B. 
die Feuerländer mit 157—158 cm, die Botokuden und Kayapö, die Trumai 
im Xingü-Quellgebiet, die Maku, 7570 der Purüsstämme, die Guayana-Karaiben 
kleinwüchsig zu nennen. (Nach Ehrenreich, Deniker u. a.) 

Neuere Sprachforscher, wie der Amerikaner Chamberlain und 
der Franzose Rivet, haben die Gesaratzahl der selbständigen süd- 
amerikanischen Sprachfamilien auf dreiundachtzig bzw. fünf- 
undsiebzig geschätzt. Eine Verminderung dieser Zahl wird sich 
künftig sicher noch herbeiführen lassen, da eine Menge Sprachen 
bisher nur auf Grund sehr dürftigen Materials (meist nur kurzer 



220 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Wörterlisten) bekannt sind. Andererseits waren manche, besonders 
im Andengebiet, erloschen, ehe sie aufgezeichnet werden konnten, 
und es ist fraglich, ob diese Sprachen wirklich immer zu einer der 
jetzt bekannten Sprachfamilien gehört haben. Endlich ist die Ent- 
wicklung von Verkehrssprachen zu berücksichtigen; vor allem 
hat das Tupi unter dem Einfluß der Missionen als sogenannte 
„Lingoa geral" im Amazonasbecken und als Guarani in Paraguay 
weite Verbreitung nicht nur neben, sondern auch an Stelle anderer 
Sprachen erlangt. Dennoch erleidet bei Berücksichtigung all dieser 
Momente das Bild, das die Verteilung der Sprachen in Südamerika 
darbietet, offenbar keine wesentlichen Veränderungen, Wie in Nord- 
amerika, ist auch in Südamerika der Osten das Gebiet einiger 
weniger, weit verzweigter Sprachfamilien, während sich der Westen 
jenseits der Linie Orinoco — Rio Negro— Madeira — oberer Paraguay 
als Schauplatz einer stellenweise nahezu unbegreiflichen Sprachen- 
zersplitterung, also wohl als Zufluchtsstätte älterer, von den Ost- 
völkern verdrängter und zertrümmerter Völkergruppen darstellt. 
Ausgangspunkte der großen Völkerbewegungen, die dies Bild ge- 
schaffen haben, waren die Hochländer. Das brasilianische Hoch- 
land, das nach der Küste zu in dem Steilabfall der Serra do Mar 
sein Ende findet und sich weit nach Westen erstreckt, das gebirgige 
Guayana zwischen Orinoco, Rio Negro und Amazonas, endlich auch 
die Steppenzone im Süden „dürften", sagt Ehrenreich, „der Schau- 
platz der Völkerdifferenzierung sein". Von hier verbreiteten sich die 
einzelnen Völker in die tropischen Tiefländer der Orinoco-, Ama- 
zonas- und Paraguay-Nebenflüsse und schoben sich in dem Gewirr 
von Riesenströmen, Flüssen und Bächen, dem Netz natürlicher 
Kanäle, die die verschiedenen Flußsysteme miteinander verbanden, 
immer mehr durcheinander. Da eigentliche Ursprungs- und Wander- 
sagen den meisten Südamerikanern im Gegensatz zu ihren nörd- 
lichen Brüdern fehlen, läßt sich ein Anhalt, um Ausgangspunkt 
und Richtung der Wanderungen zu bestimmen, nur aus sprachlichen, 
kulturellen und geographischen Momenten gewinnen. 

1. Von den g-roßen Sprachfamilien des Ostens sitzen die Tupi-Guarani 
mit ihrer Hauptmasse südlich vom Amazonenstrom und haben ihre dichteste 
Verbreitung auf dem Hochlande zwischen dem oberen Parana und Paraguay, 
wo die Guarani im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert die Bevölkerung 
des theokratisch-kommunistischen Reiches bildeten, das dem Organisationstalente 
der Jesuiten seine Entstehung verdankte. Einige unabhängige Guaranistämme 
haben sich noch heute in diesem Gebiete erhalten, wie die Kainguä; daß es. 



Die Völkor Südameiikas 221 

wie bisher angenommen, auch die Urheimat der Tupi war, wird neuerdings 
von P. Schmidt bestritten, der aus ethnologischen Gründen (wegen mancher 
Zusammenhänge der Tupikultur mit den Andenkulturen) geneigt ist, ihre 
ursprünglichen Sitze in das Quellgebiet des Amazonas zu verlegen. Wie dem 
auch sei, ihre Ausbreitung ist anscheinend in mehreren, zeitlich in weitem Abstände 
aufeinanderfolgenden Wellen vor sich gegangen, da einige Mitglieder der Familie 
in ihren Sprachen bereits starke Abweichungen von den übrigen Tupisprachen 
zeigen, am stärksten die Miranya auf dem rechten Ufer des mittleren Yapurä, 
deren Zugehörigkeit zur Tupifamilie Rivet erkannt hat. Ahnliche alte Ab- 
zweigungen sind die Mundrukü und Mauhe zwischen Tapajöz und Madeira, 
die Tschipaya und Kur nahe zwischen dem unteren Tapajöz und Xingü, 
die Yuruna am unteren und die Auetö am oberen Xingü. Vielleicht sind 
die starken Abweichungen in den Sprachen dieser Völker aber auch dadurch 
zu erklären, daß es sich hier um ursprünglich fremde, lediglich „tupisierte" 
Völker handelt, so daß die Ausbreitung der Tupi im Amazonasbecken erst in 
verhältnismäßig moderner Zeit erfolgt zu sein brauchte. Sicher erst in jüngerer 
Zeit haben sich die Osttupi (Tupinamba usw.) an der Küste bis zur Amazonas- 
mündung und darüber hinaus bis ins innere Guaj'ana (Oyampi, Emerillon) 
verbreitet und die Zentraltupi in die Gegenden westlich der großen Araguaya- 
Insel Bananal (Tapirape), ins Xingü-Quellgebiet (Kamayurä) und an den 
oberen Tapajöz (Apiaka). Und sogar schon im Lichte der Geschichte vollzog 
sich die Westwanderung der T s chiriguano, die zu Beginn des sechzehnten 
Jahrhunderts vom oberen Paraguay bis zum Fuß der Anden gelangten, während 
ungefähr gleichzeitig mit ihnen die Guarayd (Pauserna) bis zum mittleren 
Guapore vordrangen. Auch die Westwanderung der m a g u a und K o k a m a 
bis zu ihren heutigen Sitzen (längs des oberen Amazonas von der Iga- bis zur 
Huallagamündung) hat noch in postcolumbischer Zeit angedauert, so daß die 
Sprachen dieser abseits sitzenden Tupistämme sich im Gegensatz zur Sprache 
der 3Iiranya, Mauhe usw. wenig von den östlichen Tupi-Idiomen unterscheiden. — 
Wiederum nur „tupisiert" sind (nach Rivet) die K a t u k i n a r ü am oberen Embira. 
die wohl mit den sprachlich isolierten Katukina zwischen Jurua und Purüs 
zusammenhängen. Als kräftige, aktive Völker haben die Tupi vielfach anderen 
ihre Sprache aufgezwungen, so daß ihr Ausbreitungsgebiet im Amazonasbecken 
durch Hinzunahme dieser ursprünglich fremden Völker sicher größer erscheint, 
als.es eigentlich war. Ausdehnungsdrang und Wanderlust kennzeichnen auch 
die beiden großen Völkerfamilien, die von Norden kamen: die Aruak und 
Karaiben. Ihre Heimat lag wohl in Guayana, während man früher, nach 
der epochemachenden Entdeckung völlig unberührter Aruak- und Karaiben- 
stämme im Xingü-Quellgebiet durch die Vettern Karl und Wilhelm von den 
Steinen (1884 und 1886), geneigt war, wenigstens den Karaiben einen südlichen 
Ausbreitungsherd zuzuerkennen. Aruak und Karaiben sind in den Guayanas 
in einer Weise verteilt, daß man den Eindruck bekommt, als seien die ursprüng- 
lichen Bewohner, die Aruak, durch die wie ein Keil sich einschiebenden Karaiben 
auseinandergesprengt worden, und in der Tat hat sich ergeben, daß z. B. im 
Quellgebiete des Orinoco da, wo jetzt überall Karaiben sitzen, noch in post- 
columbischer Zeit ein großer Aruakstamm (Ginyau) weite Verbreitung hatte. 



222 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Einer Insel gleich liegt heute das Gebiet einiger Aruakstämme (Wa pischana, 
Atorai, Taruma) zwisciien Rio Branco und Corentyn mitten in einer kom- 
pakten Masse von Karaiben; hier seien nur einige der bekanntesten Stämme 
der letzteren erwähnt, wie die Taulipäng (Abb. 96) und Makuschi am 
Horoimamassiv, die Arekunä am oberen Caroni, die Yekuana (Makiritäre) 

vom oberen Caurä bis zum oberen 
Orinoco, die T a m a n a k e n am 
mittleren Orinoco, die Akkawai 
am Cuyuni, die Trio am Corentyn, 
die Üjana (Rukuj'enne) in den 
Tumuc-Humac-Bergen, die Yaua- 
pery (Krischanä) an dem gleich- 
namigen Flusse und die Galibi 
im Hinterlande der Küste. Überall 
am Kande des Karaibengebietes 
sitzen Aruak: am Casiquiare und 
mittleren Rio Negro (Guainia) die 
Baniwa und am unteren die 
(jetzt ausgestorbenen) Manao; 
an der ganzen Guayanaküste von 
Marajö bis Trinidad die Arawak 
und auf den Antillen und Bahamas 
die T a i n 0. Die Nordküste haben 
sie allerdings wieder Karaiben- 
stäminen überlassen müssen 
(Tschaima und Kumanagoto 
um Caracas), die sicli von hier aus 
in Columbien zwischen Chibcha, 
Arhuaco und Cueva schoben 
(S. 325) und zur Zeit der Ent- 
deckung über die kleinen Antillen 
ergossen (S. 277), überall auch hier 
die ältere Aruakbevölkerung ver- 
drängend. Von diesem Brenn- 
punkt in den Guayanas sind 
Aruak und Karaiben nach allen 
Seiten ausgestrahlt, die Aruak 
bereits in sehr alter, die Karaiben 
in jüngerer Zeit und beide in 
mehreren Wellen Avie die Tupi. 
Verfolgen wir zunächst die Aruak. Die Goajiro auf der gleichnamigen colum- 
bischen Halbinsel (Abb. 80) sind sprachlich den Arawaken Guayanas nahe verwandt 
und wohl nur ein Rest der auch die Nordküste einst besetzt haltenden, von den 
Karaiben überlagerten Aruakbevölkerung, zu der auch die Caquetio im Hinter- 
lande von Coro gehörten (S. 325). Der Guaviare, an dessen Unterlaufe die aruakischen 
Piapoko sitzen, war neben dem Meta der HauptAveg, auf dem Aruak bis an den 
Fuß der Anden gelangten (A t s c h a g u a, M i t u a) ; andere Wanderstraßen waren 




Abb. 80. (ioajirofrau 

mit rotbemaltem Gesicht 

(Xacli einer Aufnalime von Alfrede Jahn-Caracas.) 



Die Völker Südamerikas 223 

der Icana, aa dem noch heute lauter Aruakstämme sitzen (Siusi, Kaua), und 
der untere Yapurä, den auf der Südseite bis zum lea zahlreiche Aruakstämme 
begleiten (Kaiue schana, Passe, usw.), während die alte Aruakbevölkerung 
des Uaupes bis auf die Tariana dem Ansturm der von Westen vordringenden 
Tukano (s.u.) erlegen ist. Am oberen Maraüon sprechen die Tikuna einen 
verdorbenen Aruakdialekt; südlich davon sind die Becken des Juruä und Purüs 
von zahlreichen Aruakstämmen besetzt (Paumari, Yamamadi, Ipurinä 
Manetoniri, Kanamari am Purüs. Araua und Kulino am Juruä). Von 
liier sind Aruak bis zum oberen Uca3'ali (Kampa, Piro), Bcni (Apolista), 
3Iamor('' (Moscho) und Guapore (Baure, Paikoneka) vorgedrungen, 
vielleicht sogar noch weiter, bis ins Andenhochland (s. u.). Die Juruä- und 
Purüsstämme, die Kampa und Piro bilden eine eng zusammenhängende Unter- 
gruppe, Eine andere Gruppe von Aruak, die sprachlich den Goajiro und 
den Stämmen am Orinoco, Bio Negro und Yapurä nähersteht, gelangte auf 
die Hochflächen östlich und westlich vom Guapore (Paressi und Saraveka), 
ins Xingü-Quellgebiet (Mehinakü und Kustenaü) und an den oberen Para- 
guay (Guanä und Tereno), während ein letzter, im nördlichen Chaeo unter 
den Tschiriguano lebender Aruakstamm, die Tschane, von diesen völlig 
„guaranisiert" worden ist. — Weit beschränktere Verbreitung zeigen die Karaiben. 
Den Trio nahestehende Stämme dieser Familie sind (anscheinend längs des Bio 
Branco) bis zum oberen Yapurä vorgedrungen, wo sie das ganze gewaltige 
Gebiet zwischen diesem Strom und dem oberen Uaupes besetzt halten und 
Umaüa, auch Karihöna „Menschen" heißen, während eine ihrer Horden, die Koch- 
Grünberg entdeckt und studiert hat, den echt karaibischen Namen Hianakoto führt 
(Abb. 97). Auch die Pe b a (mit den Yahua) auf dem linken Ufer des oberen Maraüon 
und am unteren Napo sprechen, wie Bivet nachgewiesen hat, ein freilich sehr 
verdorbenes Karaibisch. Südlich vom Amazonas sind bisher Karaiben nur am 
unteren Tapajöz und Madeira (Arara) und, anscheinend ganz isoliert, im 
ostbrasilianischen Staat Piauhy (Pim entei ra), im Quellgebiet des Xingn 
(Bakairi und Nabu qua) und am Guapore (Palmella) entdeckt worden, und 
es ist noch eine offene Frage, ob diese Stämme einen selbständigen Zweig 
darstellen oder ihre Südwanderung im Gefolge von Aruak antraten. 

2. Im östlichen Teil des tropischen Waldgebiets, den die drei großen 
Gruppen heute fast ganz beherrschen, hat man nur wenige anderssprachige 
Völker vorgefunden. Abgesehen von den eine Sprachgruppe (die Karajä) bildenden 
Karajä, Scham bioa und Schavaje am Araguaya, die in geschichtlicher 
Zeit auf einer Südwanderung begriffen waren und vielleicht aus dem Nordwesten 
stammen, trifft man hier und da versprengt unter den Tupi, Aruak und Karaiben 
tiefstehende Horden an, offenbar die letzten Beste der Urbevölkerung des 
tropischen Waldgebietes vor der Ausbreitung jener großen, aktiven Völker. Zu 
ihnen gehören die Makö, die auf dem rechten Ufer des Bio Negro vom 
Inirida, wo einer ihrer Stämme Puinave heißt (Bivet), bis zum Yapurä streifen, 
die Schirianä (mit den Waika) am oberen Uraricuera und im Quellgebiete 
des Orinoco, die Mura, einst gefürchtete Flußpiraten in den sumpfigen Niede- 
rungen des unteren Madeira und Purüs, die Sirionö in den Urwäldern Nord- 
ostboliviens und dieGuayaki, die erst in den neunziger Jahren in vollster Un- 



224 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

berührtheit im südöstlichen Paraguay angetroffen wurden. Die beiden zuletzt 
genannten Stämme haben Tupispraehen angenommen. Auch die Warraü 
(Guarauno) des Orinocodeltas und die Trumai des Xingii-Quellgebiets können 
Avir vielleicht dieser ursprünglichen Bevölkerungschicht mit isolierten Sprachen 
zurechnen. Hiervon ist die große Menge von Völkern mit selbständigen Sprachen 
zu unterscheiden, die die Abdachung der Anden westlich der oben (Seite 220) 
erwähnten Grenzlinie begleitet. Über sie haben erst in jüngster Zeit die 
Forschungen Koch-Grünbergs, Nordenskiölds und Eivets Klarheit geschaffen. 
Im äußersten Norden sitzen an den Orinocozuflüssen die Otomaken und 
Y a r u r o , S ä 1 i v a und G u a h i b o ; die letztgenannten sind def weitaus wichtigste 
Stamm, der vom Arauca bis zum Vichada, vom Orinoco bis zu den Anden 
reicht und auf dem rechten Orinoco-Ufer die nach Rivet den Saliva verwandten 
Piaroa zu Nachbarn hat. Weiter südlich folgt die große Familie der T u k a n o - 
Stämme, die man früher nach einem fälschlich zu ihr gerechneten Stamm Betoya 
nannte. Ihre Ostgruppe am Uaupes und Apaporis (Tukano, Desana, Kobeua 
und Yahuna) wird durch Aruak und Karaiben von der westlichen getrennt, 
die am unteren Napo, oberen Yapurä und im ganzen Icabecken wohnt (Ahui- 
schiri und Pioye, Koreguaje und Tama). Der Raum zwischen dem Yapurä und 
Iga gehört zum Teil einer Gruppe niedriger, kannibalischer Horden mit be- 
sonderer Sprache, die von ihren Karaibennachbarn den Namen Uitoto (Feinde) 
bekommen haben, zum Teil den Juri, die Rivet ebenco wie die Tikuna (s.o.) 
und die Jivaro zu den Aruak in verwandtschaftliche Beziehungen bringt. 
In dem großen Dreieck zwischen Napo, Maranon und Anden sitzen die 
Angehörigen dreier isolierter Sprachfamilien: der Zaparo und Jivaro, 
zwischen denen der Pastaza die Grenze bildet, und der Kahuapana, die 
auch über den Maranon nach Süden reichen. Hier werden sie durch den Huallaga 
von der großen Familie der Pauo stamme geschieden, deren Hauptmasse den 
ücayali (Konibo, Kaschibo, Schipibo; Abb. 81), den Javary (Mayoruna) und 
das Quellgebiet des Juruä (Amahuaka, Kaschinaua) besetzt hält. Die Aruak- 
stämme des Punis und oberen Ucayali schieben sich zwischen diese nörd- 
liche Gruppe und eine südliche, zu der die Pakaguara mit zahlreichen Unter- 
stäraraen (Tschakobo, Karipuna) am Beni, Mamore und Madeira gehören. Eine 
dritte Gruppe Pano sitzt im Quellgebiet des Madre de Dios, wo sie sich mit 
den Angehörigen einer anderen Sprachfamilie, den Takana, vermischen, deren 
Hauptmasse am oberen Beni und an seinem linken Nebenfluß Tuichi am Fuß der 
Anden wohnt. Außer ihnen und den obenerwähnten Aruakvölkern beherbergt 
das obere Madeiragebiet noch eine Unmenge sprachlich vereinzelter Völkchen, 
deren Zusammenfassung zu wenigen größeren Gruppen erst neuerdings den 
eindringenden Sprachstudien Rivets gelungen ist. Ihre Verteilung ist heute nicht 
mehr die ursprüngliche, da das ganze Gebiet im siebzehnten und achtzehnten 
Jahrhundert unter dem Einflüsse der Franziskaner- und Jesuitenmissionare 
stand, die es sich angelegen sein ließen, ganze Gruppen von Stämmen um 
einige wenige größere Orte zusammenzusiedeln; später haben sich dann wieder 
viele dem Einfluß der Missionen entzogen. Hier mögen nur die Movima am 
Mamore, die T s c h a p a k u r a (mit den Itene) am Guapore, die K a n i t s c h a n a , 
einst die kriegerischste und gefürchtetste Nation der alten Provinz Mojos, er- 



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Die Völker Südamerikas 



225 



wähnt Averdeii. Au den Abhängen der Anden westlich von Sta. Cruz de la Sierra 
sitzen die Yurakäre und auf den weiten Llanos, die sich östlich dieser Stadt 
bis zum oberen Paragniay dehnen, die Tschikito; versprengt zwischen ihnen 
leben zahlreiclie Stämnichen der Otukigruppe, eines Zweiges der Bororö (Abb. 82), 
die zu Beg-inn des achtzehnten Jahrhunderts ein gewaltiges Gebiet im zentralen 
Mato Grasso zwischen den Quellen des Xingü, Araguaj'a und Paragua}' inne 
hatten und ihre räuberischen Streifziige bis Cuyabä und Goyaz ausdehnten; 
heute wohnen sie, auf wenige hundert Köpfe zusammengeschmolzen, in zwei 
Gruppen am Säe Louren^o und 
Jaurü, zwei Zuflüssen des oberen 
Paraguay. Von ihren Stamm- 
A^erwandten in Bolivien w^erden 
sie durch die sprachlich isolierten 
Guatö im Sumpf- und Seengebiet 
(Xarayes) des oberen Paraguay 
getrennt. Sprachenzersplitterung" 
bleibt auch noch südlich von den 
Tschikito. im Gran Chaco, das 
Kennzeichen dieser westliehen 
Gebiete. Wir finden hier außer 
Aruak- und Tupistämmen die 
Angehörigen von fünf Sprach- 
familien vertreten, unter denen 
nur eine , die der (* u a i k u r ü , 
einen größeren Raum einnimmt. 
Guaikurü oder Mbayä hieß ein 
großer Stamm dieser Familie, 
der ursprünglich im nördlichen 
Chaco saß, dann aber das linke 
Paraguay-Ufer zwischen dem 18. 
• und 24. Grad s. Br. besiedelte, 
Avo heute nur noch eine seiner 
zahlreichen Horden (die Kadiueo. 
Abb. 115) einen Rest ihrer alten 
Selbständigkeit und Kultur be- 
wahrt hat. Eine südliche Gruppe derselben Familie bildeten die einst 
überaus zahlreichen, unter dem Einfluß der Weißen in Reitervölker um- 
gewandelten Mokovi und Abipön, die ihre Raubzüge südlich vom Bermejo bis 
Santa Fe und Cördoba ausdehnten, während die Payaguä (gleichfalls Guaikurü) 
einst als Flußpiraten den ganzen Paraguay unsicher machten. Auf dem 
rechten Paraguay-Ufer wohnt heute nur noch ein Guaikurüstamm, die Toba 
(mit den ihnen nahe verwandten Pilaga), die zu beiden Seiten des Pilcomayo 
weithin nach Norden und Süden streifen und dem Eindringen der Europäer in 
ihr Gebiet lange erfolgreichen Widerstand entgegengesetzt haben. Vom Fort 
Olimpo am Paraguay (21. Grad s, Br.) erstreckt sich die Familie der Samuko 
(mit den Tschamakoko, Tsirakua) nach Nordwesten bis in die Nachbarschaft der 
Tschiriguano; ihre Nachbarn im Süden sind die Stämme der Enimaga — oder 
Völkerkunde I 15 




Abb. 81. Schipibomann 
(Xacli einer Photographie von Kroehle) 



226 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Maskoigruppe (Lengua, Sauapanä usw.), die von Concepciön ebenfalls nach 
Nordwesten schweifen. Im westlichen Chaco, zwischen dem oberen Bermejo 
und Pilcomayo, hausen Matako stamme (Tschoroti und Aschluslay), zwischen 
dem oberen Bermejo und Salado die Lule. 

3. Im Osten und Süden des Erdteils außerhalb des tropischen Waldgebietes 
zeigt die Sprachenkarte dagegen ein weit einförmigeres Bild. Einige wenige 
große Sprachfamilien sind hier angetroffen worden, deren zusammenhängende 
Verbreitung darauf hindeutet, daß hier eine (anthropologisch und ethnologisch 
sehr altertümliche) Gruppe südamerikanischer Völker ihre Wohnsitze seit Ur- 
zeiten im wesentlichen ohne große Verschiebungen beibehalten hat. Wie weit 
Zusammenhänge dieser Völkergruppe mit den Resten der Urbevölkerung im 




Abb. 82. Bororömänner 
(Nach Ehrenreicli) 



tropischen Waldgebiet (s. o.) bestehen, wird die zukünftige Forschung lehren. 
Das ostbrasilianische Plateau und seine Abdachung zum Meere einerseits, zum 
tropischen Waldgebiet andererseits bewohnen Ges Völker, die bei den Ost- 
tupi (s. 0.) Tapuya („Feinde") hießen. Am bekanntesten sind unter ihnen die 
Botokuden (Aimore) geworden (Abb. 109); sie bewohnten die Urwälder des 
ostbrasilianischen Küstengebirges zwischen dem 16. und 22. Grad s. Br. und sind 
noch jetzt dort innerhalb eines kleinen Bezirkes anzutreffen. Die noch heute 
ganz wilden und durch ihre Überfälle auf die Kolonisten berüchtigten Bugre 
oder Schokleng im Staate Santa Catharina, die Käme oder Kaingcäng 
an den östlichen Zutiüssen des Parana und viele andere kleine Stämme bilden 
mit den Botokuden die Gruppe der urwaldbewohnenden Ostges. Ihnen stehen die 
kampbewohnenden Zentralges gegenüber; sie sind in die beiden großen Gruppen 
der Kayapü und Aku ä (Chavantes, Cherentes) zerspalten, die das Strom- 
gebiet des Araguaya-Tocantins in bunter Verteilung besetzt halten. Die süd- 
lichsten Kayapö sind am Rio das Mortes und Paranahj^ba, die nördlichsten in 



Die Völker Südamerikas 227 

Maranhäo und Parä (Canella usw.), die Avcstlichsten (Suya) am oberen Xingvi 
unterhalb der Vereinigung seiner Quellflüsse angetroffen worden. Eine Reihe 
von Kayapöstämmen des Nordens hat Hordennamen, die auf -ges, -bus oder 
-kran enden (Apinages, Purekramekran usw.). Auch zwischen dem 
Tocantins und dem Rio S. Francisco, im Hinterlande des Staates Bahia, 
gibt es eine Anzahl wenig bekannter und zum Teil schon erloschener Ges- 
stämme. Die alten Tarairyu oder Otschukayana im Hinterlande von 
Pernambuco und Maranhäo, die die Bundesgenossen der Holländer in ihren 
Kämpfen gegen die Portugiesen waren, sind nach Ehrenreichs Untersuchungen 
ebenfalls Gösstämme gewesen. Mitten unter ihren sitzen nördlich vom Rio 
S. Francisco, im Gebiet von Pernambuco und Piauhy, die Kiriri und südlich 
von den Botokuden in den Staaten Rio de Janeiro und Minas Geraes die 
Goyatakas (mit den Puri und Koropo), beide sprachlich isolierte Völker. 
Die alte Bevölkerung Uruguays bildeten die in zahlreiche Unterstämme (Bohanes, 
Minuanes. Yaro) zerfallenden Tscharri'ia, die zur Zeit ihrer größten Aus- 
dehnung vom Paranä bis zum Meer, von der La-Plata-Mündung bis zur Lagoa 
dos Patos reichten und 1830—32 in einem blutigen, ohne Schonung geführten 
Kriege von den Weißen gänzlich ausgerottet wurden. Von ihrer Sprache ist, 
Avie von der der Kerandi, die in den Pampas auf der Südseite der La-Plata- 
Mündung zelteten, so gut wie nichts bekannt, so daß die Frage, ob sie eine 
selbständige Gruppe bildeten oder nicht, offen bleiben muß. Die eigentlichen 
Pampasindianer waren die Pueltsche („Ostleute" im Araukanischen), die, in 
drei Stämme (Taluhet, Divihet, Tschetschehet) zerspalten, ehemals ganz Zentral- 
und Ostargentinien vom 34. Grad s.Br. bis zum patagonischen Rio Negro bewohnten, 
seit 1880 aber auf die Gegend zwischen dem Rio Negro und Colorado beschränkt 
sind, wo heute nur noch etwa fünfzig Individuen des einst mächtigen Stammes 
leben (Abb. 122). Ihre schrittweise Zurückdrängung hat araukanischen Stämmen, 
deren Hauptmasse westlich der Anden sitzt (s. u. Seite 329) Gelegenheit gegeben, 
sich vom Fuß der Anden immer weiter nach Osten vorzuschieben. Vom Rio 
Negro Patagoniens bis zur Magalhäesstraße streiften die T e h u e 1 1 s c h e („Süd- 
leute"), die sich selbst Tsoneka („Menschen") nennen und jetzt auf zweitausend 
Köpfe zusammengeschmolzen sind. — • Die Südspitze des Erdteils beherbergt 
auf engstem Räume noch drei sprachverschiedene Stämme, die mau früher nach 
einem von dem französischen Seefahrer Bougainville mißverstandenen Zuruf 
gewöhnlich „Pescheräh" nannte: die Ona in den nördlichen und östlichen 
Teilen der großen Feuerlandinsel, die Yahgan zu beiden Seiten des ßeagie- 
kanals im äußersten Süden des Feuerlandarchipels (Abb. 127) und die Ali k u 1 u f 
auf den Fjordküsten und Inseln der Westseite. Hier berühren sie sich mit den 
Tschono, die an der Küste bis zum Golfo de Penas (ehemals bis zur Insel 
Chiloe) wohnen. Über die sprachliche Zugehörigkeit dieser letzteren, die 
manche Forscher den Araukauern zurechnen, und der Ona, die Lehmann-Nitsche 
und Outes für einen Stamm der Tehueltsche halten, wird erst die sjiätere 
Forschung eine endgültige Entscheidung fällen können. 

Wie viel die Andenländer zu dem Völkergemisch der östlichen 
Niederungen beigesteuert haben, wissen wir nicht: sie haben ihre 
eigene Bevölkerung, die erst in einem späteren Kapitel betrachtet 



228 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Erklärung- der Abh. 83 

1 Uaupesstämme, 2 Yamamadi (Rio Punis), 3 Xingiiquellgebiet, 4 Makuua (Rio 

Apaporis), 5 Akkawai (Rio Massaruni), 6 Tschoroti, 7 Tehueltsche 

(3 nach einem Modell im Berliner Museum für Völkerkunde; die übrigen nach Kocli-Grünbertc, 
Ehrenreich, Appun, v. Rosen und Vincent) 



werden soll. Khechua und Aimarä selbst, die Hauptvölker 
Perus, sind an verschiedenen Stellen in das östliche Tiefland vor- 
gedrungen, und zu den Chibcha Columbiens gehören, wie Rivet 
gezeigt hat, sprachlich die Betoi, die in den Llanos des Casanare 
wohnen. Von keiner der oben aufgezählten Sprachfamilien aber läßt 
sich, wenn man von den argentinischen Araukanern absieht, bis jetzt 
einwandfrei nachweisen, daß sie von den Andenhochländern aus- 
gegangen ist, denn bei allen liegt der Schwerpunkt der Verbreitung 
östlich der Anden. Manche der kleinen westlichen Sprachgruppen 
sind aber sicher von den Anden herabgestiegen (nach Rivet saßen 
Tukano- und Jivarostämme einst im Zwischenandental Ecuadors); 
andere, wie die Chacovölker, sind wohl aus dem Süden gekommen. 
Von besonderem Interesse ist, daß die einst weitverbreiteten Uru 
Boliviens in ihrem Wortschatz zahlreiche Anklänge an die Aruak- 
sprachen aufweisen. Die Urheimat der Aruak hat aber zweifellos 
nicht hier, sondern im Norden oder Nordwesten Südamerikas, nämlich 
da, wo noch mittelamerikanische Kultureinflüsse wirksam waren (s. u.), 
gelegen; in der Tat erblickt Uricoechea aus anthropologischen 
Gründen in den Caquetio, einem alten Aruak-Stamm, die Ur- 
bevölkerung des Chibchahochlandes. 

Wie in Nordamerika sind die Sprachgruppen nicht ohne weiteres 
mit Kulturgruppen gleichzusetzen. Die kulturelle Verschieden- 
heit etwa zweier Tupistämme am oberen Maranon und in Paraguay, 
oder zweier Aruakstämme in Guayana und im Chaco ist beträcht- 
lich. Dagegen hat die Vermischung zahlreicher ursprünglich hete- 
rogener Stämme im tropischen Waldgebiet einen weitgehenden 
kulturellen Ausgleich zur Folge gehabt, durch den die Kultur in 
dem gewaltigen Viereck zwischen den Anden, der Küste Guayanas 
und dem Xingü ein sehr einheitliches Gepräge erhielt. Sie wird 
vor allem durch Mandioka- und Maisanbau, Seßhaftigkeit, höhere 
Hausformen und entwickelte Techniken (besonders Flechtkunst und 
Töpferei) gekennzeichnet, und nur die kleinen Horden, die wohl als 
Beste einer primitiven Urbevölkerung anzusehen sind (s. o.) und oft 




Abb. 83. Hausbau der Südamerikaner (vgl. aucli Abb. 93 — 95, 107, 111, 157) 



230 Amerika. III. Die Völker Sütlamerikas 

im Helotenverhältnis zu ihren höher kultivierten Nachbarn stehen, 
beharren als rohe Wald- und Flußnomaden auf der Stufe des Jäger- 
tums. In Guayana hat sich der ursprünglich vielleicht vorhandene 
Gegensatz zwischen den Bewohnern der Hochflächen und Savannen 
und denen der bewaldeten Flußufer ausgeglichen, dagegen blieb auf 
dem brasilianischen Hochlande im Osten, in das die Boden- 
kultur, den Flußläufen (Tocantins-Araguaya und Paraguay- Paranä) 
und der Küste folgend, stellenweise auch eingedrungen ist, der 
Gegensatz zwischen Kamp- und Flußwaldkultur, zwischen nomadi- 
schem Jäger- und seßhaftem Ackerbauertum bestehen; die Ges- 
stämme, Goyatakäs und Bororo sind typische Vertreter des Jäger- 
tums geblieben, die Guarani, Osttupi und Karajä dagegen haben die 
Bodenkultur des tropischen Waldgebietes beibehalten, so daß sie in 
der folgenden Darstellung bei der Kulturschilderung der Bewohner 
dieses Gebietes mitbehandelt werden. Ein Seitenstück im kleinen 
zum tropischen Waldgebiet könnte der Chaco bilden, insofern als 
auch seine Bewohner aus den umhegenden Steppen und Hochflächen 
(Mato Grosso und Ostbolivien, Ostbrasilien und Pampas), z. T. 
erst in verhältnismäßig junger Zeit, in ihn eingewandert sind. Doch 
ist die Entwicklung hier durch die Ungunst der natürlichen Verhält- 
nisse so gehemmt worden, daß Bodenkultur und Hausbau nur schwach 
entwickelt sind und auch die technischen Künste, Waffen- und 
Schmuckformen bei weitem nicht die Höhe erreicht haben wie im 
tropischen Waldgebiet. Im ganzen Süden (südlicher Chaco und 
Uruguay, Pampas und Patagonien) hat der Einfluß der Europäer 
das ursprünglich hier heimische Jägertum durch die Einführung des 
Pferdes durchgreifend verändert und schon früh (seit Mitte des 
sechzehnten Jahrhunderts) Verhältnisse geschaffen ähnlich der nord- 
amerikanischen Präriekultur; die Ona auf der Hauptinsel des Feuer- 
landes, die von dieser Umwandlung nicht betroffen wurden, mögen 
ein verhältnismäßig reines Bild des ursprünglichen Bewohners dieser 
Länder, des Pampasmenschen und Paraderojägers (S. 55, 56), bewahrt 
haben. Die Fjord- und Schärenküste der Südspitze endlich hat 
eine Fischerkultur hervorgebracht, die aber in diesem subantarkti- 
schen Lande, das durch ungeheure Wasserwüsten von allen Gegen- 
gestaden getrennt ist, überaus ärmlich geblieben ist im Vergleich 
zu der Fischerkultur an der nordwestamerikanischen Fjordküste, 
deren enge Beziehungen zum asiatischen Festlande niemals ab- 
gerissen sind. 



Die Völker Südamerikas 231 

Innerhalb dieser großen Provinzen haben sich natürlich in Gegenden, die 
infolge ihrer geographischen Lage oder sonstiger Bedingungen verhältnismäßig 
unberührt bleiben konnten , kleinere geschlossene Kulturgruppen , sozusagen 
„Akkulturationszentren", gebildet. So umschlingt in dem kleinen Xingn- 
Quellgebietdie Vertreter von vier Hauptsprachgruppen (Tupi, Aruak, Karaiben, 
Ges) und die Trumai ein Band gemeinsamer Kultur. Im üaupesgebiet 
sind Stämme der Tukano- und Aruakgruppe, in den Grenz gegenden Perus 
und Boliviens Pano und Takanä zu einer kulturellen Einheit verschmolzen. 
Von ganz besonderem kulturgeschichtlichen Interesse ist der Chaco, denn 
hier, wo sich der Erdteil stark zu verschmälern beginnt, mußten, wie P. W. 
Schmidt bemerkt hat, zahlreiche Kulturströme vom Osten, Norden und Westen 
wie in einem Trichter zusammenströmen, wofür u. a. schon die Mannigfaltigkeit 
der Bogenformen dieses Gebietes spricht. Neuerdings liat es Nor denskiö Id 
unternommen, in sehr gründlicher und sorgfältiger Weise den stofflichen Kultur- 
besitz zweier Gruppen von Chacostämmen, der Tschoroti. Aschluslay, Matako, 
Toba und Lengua einerseits und der Tschiriguano und Tschane andererseits, 
auf seine Herkunft zu untersuchen. Es ergab sich hierbei , daß die lediglich 
auf den Chaco beschränkten Kulturelemente an Zahl und Bedeutung ganz hinter 
den aus den südlichen Steppen, dem tropischen Waldgebiet und den Kultur- 
ländern im Westen stammenden, sogar hinter den erst durch die Weißen ein- 
geführten oder unter ihrem Einfluß entstandenen zurücktreten. Tragbare Stangen- 
zelte , Felldecken als Schlafunterlage, Bogensehnen aus tierischem Material, 
Mäntel aus mehreren zusammengenähten Fellen, Haarbürsten und Beutel aus 
Tierbälgen im Kulturbesitz der zuerst genannten Gruppe beweisen, daß diese 
ursprünglich eine Kultur besaß, die der patagonischen und feuerländischen ähn- 
lich war, um so mehr, als z. B. der Fellmantel in dem warmen Chacoklima als 
Kleidungsstück wenig angebracht und offenbar nur aus Konservativismus bei- 
behalten worden ist. Bezeichnenderweise treten dagegen Kulturelemente, deren 
Heimat nur im tropischen Waldgebiet liegen kann, wie Vorratshäuser auf 
Pfählen und Mandiokaanbau, Holzmörser und Reibebretter, Hängematten und Sitz- 
schemel, Fischfang mit Gift und mit mehrspitzigen Pfeilen, geflochtene Feuer- 
fächer und Palmblattkörbe, Panpfeifen und Spielbälle aus Kautschuk, viel stärker 
im Kulturbesitz der zweiten Gruppe hervor, die, wie ihre Sprachen beweisen, 
aus dem Norden bzw. Osten eingewandert sein muß. Zum Teil beiden Gruppen 
gemeinsam, zum Teil auf die zweite beschränkt sind ferner zahlreiche Kultur- 
elemente, die ihrer Verbreitung .nach nur aus den Andenländern stammen 
können, z. B. ruderförmige Spaten zur Bodenbearbeitung und Holzkeulen mit 
verdicktem, besonders abgesetztem Kopf (die auf Keulen mit Steinknäufen zurück- 
gehen), Holzschüsseln und Holzlöffel besonderer Form, Ponchos und Hemden, 
gewebte Gürtel und Stirnbänder, Sandalen und Netzhauben, entwickelte Weberei 
und Keramik, bestimmte Gefäß- und Kalabassenformen, Feuerfächer und Sonnen- 
schirme aus Federn, längliche Pfeifen und Felltrommeln, Perlen aus Schnecken- 
schale und grünen Steinen, Haarzangen und Scheibennadeln, Glücks- und andere 
Spiele, vielleicht auch Schleudern und Bolas. Die Haustiere endlich sind sämt- 
lich von den Europäern importiert, und auf Nachahmung europäischer Vorbilder 
führt Koch-Grünberg die Blumenornamentik der Kadiueo , Nordenskiöld die 
Ohrgehänge der Tschiriguanofrauen zurück. (Weiteres s. u. S. 239). 



232 



Amerika. III. Die Völker Siidaiiierikas 



Untersuchungen wie die Nordenskiölds über die Chacokultur 
müssen erst über die Akkulturationszentren des ganzen Erdteils 
ausgedelint werden, ehe es gelingen wird, Herkunft, Zusammen- 
setzung und Verbreitung der einzelnen südamerikanischen Kultur- 
kreise klar zu erkennen. Von größter Bedeutung für die Bevölkerung 
des tropischen Waldgebietes ist die Kultur der Aruak gewesen. 
Sie beruht ganz auf dem Ackerbau und zeichnet sich vor allem 

durch den Anbau 
der Mandioka- 
wurzel als wich- 
tigster Nahrungs- 
pflanze aus. In 
dieser Bodenkultur 
liegen nach Max 
Schmidt auch die 
Haupttriebfedern 
für die Ausbreitung 
der Aruak ver- 
borgen. Die Aruak 
mußten zur Besitz- 
ergreifung immer 
neuer Landstriche 
schreiten , so oft 
der Boden der alten 
Pflanzungen er- 
schöpftwar, undbe- 
durften wegen der 
mit der Rodungs- 
wirtschaft verbun- 
denen Arbeitslast 
einer abhängigen 
Bevölkerung, auf die ein großer Teil dieser Arbeit und dazu 
noch jene andere, die zur Befriedigung der sonstigen Lebens- 
bedürfnisse (durch Jagd, Fischfang, Beschafi"ung von technischem 
Rohmaterial) der notgedrungen seßhaften Bevölkerung erforderlich 
war, abgewälzt werden konnte. 

Schmidt g-laubt, daß die Ausbreitung' der Aruak niclit als Völker- 
Avanderung, sondern als Kolonisation in der Weise vor sich ging, daß immer 
mehr Völker in den Kinfluljbereich einer Herrenklasse von Aruak hineingezogen 




Abb. 84. Graburne (mit Deckel) der Guarani am oberen 
Parand. Mit Fingereindruckornamentik. 

(Vs n. Gr.) 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Dio Völker Siidauierikas 



233 



Avurden, so daß sich also die bedeutenden ethnographischen Unterschiede der 
einzelnen Aruakstämme nicht aus der Umwandlung eines ursprünglich ein- 
heitlichen Volkes unter dem Einfluß wechselnder Naturbedingungen, sondern aus 
der „Aruakisierung" zahlreicher ursprünglich ganz heterogener Völker erklären 
würden. Diese behielten neben den ihnen überall durch die Aruak aufgezwungenen 
Kulturerrungenschaften, die daher im tropischen Waldgebiete die größten Über- 
einstimmungen zeigen (Bodenkultur, Art und Geräte der Nahrungszubereitung, 
Flechterei und Töpferei), zahlreiche andere bei, die ihnen ursprünglich angehörten 
und daher überall stark voneinander abweichen (Waffen-, Haus-, Boots-, Be- 
gräbnisfornien usw.). Von außerordentlicher Bedeutung für die Frage, wie sich 
die Ausbreitung der Aruak vollzog, ist der Nachweis Nordenskiölds, daß dieser 
Volksstamm Avie kein 
anderer verstanden 
hat, sich den gewal- 
tigen ÜberschAvem- 
mungsgebieten des 

Amazonasbeckens 
anzupassen , einer- 
seits durch Erdhügel, 
auf denen man die 
Pflanzungen und 
Häuser anlegte (Pro- 
vinz Mojos, Paranä- 
delta, oberer Para- 
guay, Insel Marajo), 
andrerseits durch 

Verbindungskanäle 
zwischen zwei Strom- 
läufen. Die letzteren 
sind für zwei ehe- 
malige Hauptgebiete 
der Aruak, die Pro- 
vinz Mojos und die Umgebung des Casiquiare, überaus bezeichnend, und es 
ist nicht ausgeschlossen, daß auch die berühmte Wasserverbindung zwischen 
Orinoco und Rio Negro selbst wenigstens teilweise von Menschenhand angelegt 
Avurde. 

Den Aufstieg der Aruakkultur bringt Max Schmidt in Ver- 
bindung mit Einflüssen der Andenvölker; es liegt indessen 
näher, gerade bei den Aruak an nördliche (mittelaraerikanische) Ein- 
flüsse zu denken. Aber zweifellos ist der Einfluß der andinen Kultur- 
reiche auf große Teile Südamerikas bedeutend gewesen. Er wurde 
weniger auf direktem Wege übermittelt, wenn auch die Incaherrscher 
zu verschiedenen Zeiten ihre Heere in das tropische Tiefland de 
Ucayali, nach Nordargentinien (bis Tucuman) und bis zum südlichen 
Chile hinabgeführt haben — der Chaco wurde nie erobert — , als 





Abb. 85. Zwei Graburnen (zur Bestattung von Kindern) der 

Diaguita, bemalt. Im Yocavil-Tal (NordAvestargentinien) 

ausgegraben, ('/la n. Gr.) 

(N'ach Bomaii) 



234 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



vielmehr auf dem Wege des Zwischenhandels; auf diese Weise haben 
wohl zuerst die Tschane (Aruak) jene zahlreichen peruanischen 
Kulturelemente empfangen, die sie dann an die übrigen Chaco- 
völker weitergaben, und auf diese Weise müssen einzelne Kultur- 
elemente und Nachrichten über die Länder des Westens sogar bis 
zu den Tupi an der Küste Brasiliens gelangt sein, wo die 
Portugiesen bereits 1515 (nach der „Newen Zeytung aus Presillg 
Land") von dem Goldlande im Westen hörten. 




Abb. 86. Graburne der Aruak der alten Provinz Mojos : 

als Deckel über eine ähnlich geformte Urne gestülpt. Im 

Mound Hornmarck (zwischen dem Rio Itonama und Mamorö) 

ausgegraben, ('/s n. Gr.) 

(Nach Nordenskiölri) 



Hier sind in neuerer Zeit Funde gemacht worden, die offenbar jieruanischen 
Einfluß verraten (steinerne Keuleiiknäufe, Kupferaxt). Ehrenreich hat die Auf- 
merksamkeit darauf gelenkt, daß einzelne Mythen der Osttupi direkte Be- 
ziehungen zu den Mythen älterer Kulturschichten Perus besitzen (S. 276), und 
Nordenskiöld darauf, daß die Kopfjagd , die alle Tupistämnie betrieben, in 
Südamerika sonst nur im Andengebiete und in den davon beeinflußten Nachbar- 
ländern (Chaco, Jivaro) zu Hause war, Erst in neuester Zeit ist der Nachweis 
erbracht worden, daß auch die Bestattung ganzer Leichen in Tonurnen, die ein 
Hauptiiennzeichen der Tupistämnie ist (z. B. der Osttupi, Guarani [Abb. 84] 
und Tschiriguano), im Westen in vorincaischer Zeit nicht nur bei den Diaguita, 
bei denen man sie schon seit längerer Zeit kannte (Abb. 85), sondern auch an 



Die Völker Südamerikas 



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der peruaiiisclien Küste, in Centralcliile und Ecuador verbreitet war. Solche 
Übereinstimniung-eu beweisen freilich noch nicht, daß die Heimat der Tupi im 
Westen lag", -svie P. W. Schmidt annimmt, der in den Tupi die Hauptträger der 
Verbreitung andiner Kulturelemente über Südamerika erblickt. 

Am schwächsten tritt der peruanische Einfluß, wie Nordenskiöld 
gezeigt hat, in dem zu Bolivien gehörenden Tiefland der Madeira- 
zuflüsse hervor. Dieses Gebiet in der unmittelbaren Nachbarschaft 
von Cuzco bot dem Hochlandsindianer nicht die Lebensbedingungen, 





Abb. 87. .'\Ienschengestaltig'e Tonurne der Aruak des Ama- 
zonasdeltas. Der Kopf dient als Deckel; die verdickten 
Füße sollen offenbar das Hervortiuellen des Fleisches infolge 
einschnürender Binden andeuten. Am Rio Maracä ausgegraben. 
(Ve n. Gr.) 
(Berliner Museum für Völkei-kuiule) 

die er brauchte; die meisten Kulturpflanzen, die Llamazucht der 
Gebirgsgegenden gediehen dort nicht, die klimatischen Unterschiede 
waren zu groß, und dichte Urwälder und reißende Ströme machten 
diese Striche vom Hochland aus fast unzugänglich. So weist denn 
die Kultur der heutigen Stämme Nordostboliviens, im Gegensatz zu 
der des Chaco, nur wenige Elemente der Hochlandkultur auf, und in der 
alten Aruakkeramik, die Nordenskiöld in den Mounds des Moscho- 
gebietes fand (u. a. dreifüßige Tonschalen, Abb. 86), tritt ein ganz fremd- 
artiger Zug hervor, der weit eher auf das nördliche Südamerika, 
vielleicht sogar auf Mittelamerika hindeutet. Auch die Ausgrabungen 



236 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

auf der Insel Marajo, am Maracä uüd Trombetas im Mündungs- 
gebiete des Amazonas haben Dinge zutage gefördert — menschen- 
gestaltige Graburnen (Abb. 87), Steatitschnitzereien usw. — , die dies 
entlegene, von Aruak bewohnte Gebiet weit enger mit Columbien, 
den Antillen und Mittelamerika verknüpfen, als mit Peru. Es liegt 
nahe, anzunehmen, daß diese alte Aruakkultur, die aus dem 
Norden kam und im Norden zweifellos in enger Fühlung mit Mittel- 
amerika stand, Elemente mittelamerikanischer Kulturen 
nach Südamerika gebracht hat, z. B. die Maiskultur, den Bau von 
Mounds (s. 0.) usw.; auch in der Mythologie scheinen die Aruak die 
Vermittler solcher Einflüsse gewesen zu sein, und das bei vielen Aruak- 
stämmen beobachtete Spiel mit hohlen Kautschukbällen, die nicht 
mit der Hand, sondern irgendeinem andern Körperteil geschleudert 
werden, erinnert so sehr an das altmexikanische Ballspiel (S. 196), 
daß auch hier Zusammenhänge angenommen werden müssen. 

Einer weit älteren Schicht schreibt der schwedische Forscher, 
dem die südamerikanische Kulturgeschichte so viel verdankt, eine 
Reihe von Kulturelementen zu, die Südamerika mit Nord- 
amerika verbinden. Sie sind in Südamerika auf den Süden 
(Chaco, Pampas, Patagonien, Feuerland), z. T. auch auf das Anden- 
gebiet, beschränkt. Hier finden wir Bienenkorbhütten (mit Gangtür), 
Fellmäntel und Lederköcher, Pfeile mit Steinspitzen (ohne Zwischen- 
stück) und Harpunen, Körbe in Spiralwulsttechnik, Rindenboote und 
Rindengefäße, gewisse Spiele und Tabakspfeifenformen, Schlagfeuer- 
zeuge, Kindertragen und die Sitte des Skalpierens — Dinge, die in 
typischer Form in Nordamerika verbreitet sind, in Südamerika aber 
zurückgedrängt erscheinen. Diese Verdrängung schreibt Nordenskiöld 
überseeischen [Einflüssen (aus Südostasien und Melanesien) zu. 
Hierin berührt er sich mit der Auffassung der deutschen kultur- 
geschichtlichen Schule der Ethnologie, deren Grundsätze Graebner, 
und besonders P. W. Schmidt auf Südamerika angewandt haben. 

Das brasilianisclie Plateau, der Chaco und der Süden sind nacli dieser 
Anschauung Sitze der ältesten Kulturen, die auch die kulturelle Unter- 
schicht in den Andenhochländern bilden. Hier treten demnach so altertüm- 
liche Elemente wie Sammelwirtschaft, Windsehirme und Bienenkorbhütten, Fell- 
mäntel und Spirahvulstkörbe, runde Stabbögen und Pfeile mit Tangential- 
fiederung, einfache Stab- und Wurfkeulen , einfaches Erdbegräbnis und Feuer- 
bestattung auf. Bestandteile der „To temkul tur" (Kegeldachhütte, Einbaum, 
Dolch, Speerschleuder, Rindengürtel, Penisfutteral, Blashorn, Plattformbestattung, 
Vaterrecht, Totemismus, Sonnenmythologie) überwiegen als zurückgedrängte 








Abb. 88. Schiffahrt der Amerikaner (vgl. auch Abb. 3, 46): 1 Fellboot (Kayak) 

der Labrador-Eskimo, 2 Mehrteiliges Riudenkanu der Odschibwä, 3 Einbaum der 

Tliiigit, 4 Einfaches Rindenkanu der Bakairi, 5 Mehrteiliges ßindeukanu der 

Yahgan, 6 Binsenfloß (Balsa) vom Titikaka-See 

(Nach Modellen im Berliner Museum für Völkerkunde) 



238 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Elemente im Gebiete der Sprachenzersplitterung (im westlichen Orinoco- uiul 
Amazonasbecken) und auf den Andenhocliländern; im nördlichen Teil des letzteren 
Gebietes erscheinen sie in merkwürdiger Weise mit den Errungenschaften der 
„ZAveiklassenkultur" (Rechteckhütte mit Giebeldach, Plankenboot, Schleuder, 
Kolbenkeule, ßreitschild, Signaltrommel, Panpfeife, Maskentänze, Mutterrecht, 
zwei Heiratsklassen, Mondmythologie) verquickt, die sonst in Südamerika 
nur spärlich auftreten und dann nach P. Schmidt auf direkten andinen Einfluß 
zurückgehen. Der Nordosten, das alte Aruak- und Karaibengebiet, ist das 
Kernlaud der „B ogenkul tur", wo sich allein gewisse typische Elemente 
dieser Kultur (Plachbogen und unbetiederter Pfeil, Pfahlbau, Krückenruder, 
Mutterfolge) rein erhalten haben, während sich in ihrem Ausstrahlungsbereich, 
südlich vom Amazonenstrom, nur solche Elemente durchsetzten, die vollkommene 
Neuerungen darstellten und nicht ältere, verwandte Formen zu verdrängen 
brauchten (Töpferei, Hängematte, Tabakbau, Mehrfamilienhaus, Farailien\yechsel 
des Mannes bei der Heirat, indirekte Bestattung, Schädeltrophäe). Der malaio- 
polynesische Kultur ström erreichte Südamerika nicht mehr als ganzer 
Komplex, sondern nur in einzelnen Elementen von Westen her übers Meer, wie 
die Verbreitung der letzteren (hauptsächlich Westküste, von da ausstrahlend) 
noch heute anzudeuten scheint; P. Schmidt rechnet zu diesen jüngsten Elementen 
Beile mit Kniestielen, Rindenstoff bearbeitung, Fächer und Ponchos, Stich- 
tatauierung und Stäbchenkämme, schwertartige Keulen, Blasrohre, Sitzsclicmel, 
Segel, Webstühle, Ständegliederung und gewisse Mythenmotive. 

Gegen diese Darlegungen sind von Amerikanisten starke Bedenken 
geäußert worden. Sie berücksichtigen vor allem, wie Nordenskiöld 
bemerkt hat, die Anpassung an die natürlichen Verhältnisse, der 
zweifellos eine Menge Dinge im Kulturbesitz südamerikanischer 
Völker ihre Entstehung oder Umgestaltung verdanken, fast gar nicht. 
Der Grundgedanke, daß auch in Südamerika altweltliche Kultur- 
kreise ihre Spuren hinterlassen haben und sich hier sogar reiner 
erhalten konnten als in Nordamerika, ist indessen, wie schon in 
der Einleitung hervorgehoben wurde, durchaus berechtigt und der 
Nachweis, daß im Osten und Süden Südamerikas eine Kultur ihre 
Zuflucht gefunden hat, die mit den ältesten Menschheitskulturen 
nahe Verwandtschaft zeigt, zweifellos geglückt. — Zu den jüngsten 
altweltlichen Einflüssen gehört auch das, was die südamerikanischen 
Indianer seit der Entdeckung von den Europäern und Negern 
übernommen haben, besonders von den letzteren; überall auf dem 
Kontinent ist die schwarze Rasse im Vordringen, und in Surinam 
und Cayenne gibt es sogar „Buschneger", westafrikanische Neger- 
sklaven, die in den Urwald entlaufen sind, dort ein freies Leben 
ähnlich wie in ihrer Heimat führen und in lebhaftem Kulturaustausch 
mit den benachbarten Indianern stehen. 



Dio Völker des tropischen Waldg-ebietos 239 

Die Einführung des Pferdes im ganzen Süden, der Viehzucht bei den 
Chacoindianern wurde bereits erwähnt (S. 230, 231). Viehzüchter sind unter 
europäischem und Negereinfluß auch die aruakischen Goajiro geworden. Ganz 
besonders schnell hat sich die europäische Geflügelzucht unter den Indianern 
verbreitet, denn schon 1526 fand Cabot die Eingeborenen an der Küste Süd- 
brasiliens im Besitze großer Mengen von Hühnern. Unter den Musik- 
instrumenten kann die Felltrommel als ganz zAveifellos vorcolumbisch nur in 
Peru und seiner Einflußsphäre gelten, überall sonst geht sie auf europäische oder' 
afrikanische Vorbilder zurück. Auch Musikbögen und Trompeten mit seitlichem 
Blasloch sind wohl von den Negern eingeführt, Rohrflöten mit seitlichem Blasloch 
von den Europäern. Der Ton kugelbogen (Abb. 116), der heute hauptsächlich 
im Chaco, bei den Yurakäre und Guatö und in Ostbrasilien (Kaingua, Karajä und 
Ges) vorkommt, vor 1784 aber nirgends erwähnt wird, ist nach Nordenskiöld 
erst von den Portugiesen aus Indien an die brasilische Küste verpflanzt 
worden. Die Übereinstimmung der südamerikanischen mit den indischen 
Tonkugelbögen erstreckt sich tatsächlich bis auf nebensächliche Einzelheiten. 
Ornamente und S c h m u c k f o r m e n europäischer Herkunft s. o. S. 23 1. 



1. Die Naturvölker 

a) Die Yölker des tropischen Waldgebietes 

"Wenn man von den merkwürdigen, tiefstehenden Horden (S. 223/4) 
absieht, die als rohe Wald- und Flußnomaden Bodenkultur und 
Seßhaftigkeit, höhere Hausformen, z. T. selbst Hängematten und 
Kanus nicht kennen, in allen Kunstfertigkeiten nur die ersten Stufen 
erklommen haben und auch in ihrem Äußern und ihrem Heloten- 
und Sklavenverhältnis zu den übrigen Indianern eine Sonderstellung 
einnehmen , kann die Kultur des tropischen Waldgebietes bei 
aller bunten Mannigfaltigkeit als eine Einheit angesehen werden. 
Der Sprachengruppierung entsprechend tritt nur ein gewisser 
kultureller Gegensatz zwischen Ost und West hervor. 

Der Westen Avird vor allem durch den Besitz von Blasrohr und Pfeilgift 
gekennzeichnet, die südlich vom Amazonenstrom nur bis zum Madeira verbreitet 
sind, im Norden aber, offenbar verhältnismäßig spät, auch von den Aruak- und 
Karaibenstämmen Guaj'anas übernommen wurden; ferner durch die Sitte, Paricä 
mittels Röhrenknochen zu schnupfen und Kokablätter mit Kalk zu kauen, durch 
dio ausgedehnte Verarbeitung von Baststoffen zu Kleidern und Maskenkostümen, 
durch die Verwendung von Holzstempeln zur Körperbemalung und den Besitz 
von Peuerfächern aus Federn und Plattformbetten. Natürlich ist die Grenzlinie 
meist nicht scharf zu ziehen, z. B. sind geflochtene Feuerfächer und Hänge- 
matten auch im Westen neben den beiden zuletzt genannten Geräten zu finden, 
während andererseits westliche Elemente durch die Karajä nach dem Osten 
verpflanzt Avurden. 



240 



Amerika, III. Die Völker Südamerikas 



JDer einheitliche Eindruck wird vor allem durch die Wirt- 
schaftsform des troi?ischen Waldgebietes hervorgerufen. Die 
Grundlage der Ernährung bildet überall eine mehr oder weniger 
intensiv betriebene Bodenkultur neben Fischfang und Jagd; Völker, 
die ihre Nahrung ausschließlich aus dem Fischfange beziehen, wie 
die Paumari am Purüs, die auf beweglichen Balkenflößen in den 
Lagunen des Flusses leben, sind entschiedene Ausnahmen. Die 
Jagd tritt an Bedeutung für den Nahrungserwerb zurück, schon 
weil die Zahl der nahrungliefernden Waldtiere gering ist; nichts- 
destoweniger sind die Jagdwaffen gut ausgebildet, ist die Gewandt- 




Abb, 89. Speerschleudern mit aufgebundenem Haken : der Zeige- 
fing-er wird durch ein Loch der Griffplatte gesteckt (1, 3) oder 
in eine Grube auf der Unterseite gelegt (2). 1 Xingüquellgebiet, 
2 Oberer Marahon (Kokama), 3 Eio Purus (Purupuni). Qji n. Gr.) 
1 und 2 im Berliner Museum für Völkerkunde, 3 im ethnographischen Museum in Wien. 

(3 nach Krause.) 

heit des Indianers im Aufspüren und Erlegen seiner Beute groß 
und wurzelt seine ganze Weltanschauung noch durchaus im Jäger- 
tum, wie Karl von den Steinen an dem Beispiel der Völker des 
Xingüquellgebietes gezeigt hat. Gejagt werden von größeren Tieren 
Wildschwein, Tapir, Hirsch und Reh mit Wurf- und Stoßlanzen 
oder Bogen und Pfeil; von kleineren Affen, Faultiere, Nagetiere 
(Kapivara, Aguti), Vögel, wie Papageien, Araras, Tauben, Baum- 
hühner (Mutum) und Hokkos, mit dem Blasrohr. Pfeile und Bögen, 
die in Südamerika überhaupt nahezu „allgegenwärtig" sind, fehlten 
ursprünglich nur am oberen Maraiion, wo die Indianer dafür Speere mit 
Wurfbrettern schleuderten. Noch heute liegt in dieser Gegend 
ein ziemlich geschlossenes Verbreitungsgebiet der Speerschleuder 
als Jagdwaff'e, besonders für die Schildkrötenjagd (Jivaro, Omagua, 
Kokama, Tikuna, Konibo). Weiter erscheint diese Waffe, offenbar 
zurückgedrängt, an den Oberläufen der südlichen Amazonaszuflüsse 
(Kanamari, Moscho, Kamayurä und Trumai, Karajä). Im Xingü- 



Die Völker des tropischen Waldg-ebietes . 241 

quellgebiet und am Araguaya diente sie nicht als Jagd-, sondern 
Kriegswaffe, war aber bereits zu einem Sportinstrument herab- 
gesunken. Die drei Haupttypen zeigt Abb. 89. 

Der Bog:en ist ein einfacher, oft sehr langer Holzbogen (bei den Yauapery 
und Schirianä bis zu drei Metern!), der entweder auf der äußeren oder auf der 
inneren (Sehnen-) Seite abgeflacht oder gar konkav ist. Erstere Form ist in 
Guayana und bei den Mauhe, letztere im Uaupesgebiet, am oberen Maranon, Purüs, 
Madeira und Tapajöz zu Hause (Abb. 90, Fig. 2, 6). Bögen mit rechteckigem 
Querschnitt haben die Panostämme des Ucayali und ihre Aruaknachbarn, ebenso 
die Yuruna (Abb. 90, Fig. 1); der reine Rundbogen, der für Ostbrasilien typisch 
ist (S. 284), kommt nur bei den Karajä, Trumai und sonstigen Stämmen 
der Ostgrenze des Waldgebietes vor (Abb. 90, Fig. 3, 5). Bei allen drei Flach- 
bogentypen ist zum Zweck der Sehnenbefestigung mehr oder weniger deutlich 
eine Spitze abgesetzt, bei den Rundbögen bisweilen ein Wulst oder Ring über 
die spitzauslaufenden Enden gestreift. Die Sehne ist aus Pflanzenstoffen gedreht; 
durch Umwicklung mit Lianenbast, Pflanzenfasern oder hübscli bemalter Baum- 
wolle (Konibo) wird eine Art Verstärkung des Bogenstabes erzielt. Die Pfeile 
bestehen aus zwei Teilen, Rohrschaft und Hartholzeinsatz; der letztere ist zu- 
gespitzt, an einer oder beiden Seiten gezahnt (Abb. 91, Fig. 4), oder trägt noch 
als besondere Spitze einen Knochen, Rochenstachel oder ein geschärftes Bambus- 
messer (Abb. 91, Fig. 5, 7, 8). Pfeile mit Endkolben (Abb. 91, Fig. 6) dienen 
zum Vogelschießen bei Stämmen, denen das Blasrohr fremd ist (Nordenskiöld). 
Die Befiederung fehlt entweder ganz (nördlich vom Amazonas, Abb. 91, Fig. 9, 10) 
oder ist „radial" befestigt, indem die halbierten Federn mittels zahlreicher, 
z. T. pechbestrichener Fäden am Schaft gleichsam festgenäht werden (Ostperu, 
oberer Xingü; Abb. 91, Fig. 2, 3). — Im Westen und in Guayana dient der 
Bogen vorwiegend zum Fischfang; die Hauptjagdwaffe ist hier das Blasrohr, 
das entweder aus einer einfachen, aus zwei Hälften zusammengefügten Holz- 
röhre mit Rindenstreif enumwicklung (Abb. 92, Fig. 1 und 3) oder aus zwei Teilen, 
einem Tubus aus dem Rohr einer Arundinarie und einem ausgehöhlten Palm- 
stämmchen, in das jener geschoben ist (Abb. 92, Fig. 4), besteht. Die Köcher 
sind teils sanduhrförmig, aus pechüberzogenem Geflecht (Guayana, Uaupes), teüs 
zylindrisch, aus Holz (Yapurä, Ucayali); die Giftpfeile dünne Palmholzstäbchen 
mit einem Verschlußpolster aus der Seide von Samenkapseln, die in einem 
Körbchen oder einer Kalabasse aufbewahrt wird (Abb. 92, Fig. 2 und 2 a). Ver- 
giftet werden diese Pfeilchen ebenso wie große Pfeile und Wurfspeere (Abb. 91, 
Fig. 10) mit dem Urari oder Curare, einem der furchtbarsten und wirksamsten 
Pflanzengifte, das die Wissenschaft kennt. Die Pflanzen, aus denen es 
gewonnen wird, sind bei den einzelnen Stämmen verschieden; meist liefert die 
Rinde einer zu den Strychneen gehörenden Schlingpflanze (besonders Strychnos 
toxifera) das Gift. Nur wenige Stämme verstehen sich auf seine Herstellung 
und verhandeln es weithin ; berühmte Giftköche sind z. B. die Makuschi in 
Guayana, die Piaroa am Orinoco, die Umaüa im Uaupesgebiet. 

Die Jagdmethoden sind wenig entwickelt; meist herrscht 
Einzeljagd. Bei den Paressi beobachtete Max Schmidt den Gebrauch 

Völkerkunde I 16 



242 



Aiueiika. III. Die Völker Südamerikas 





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Abb. 90. Bögen des tropisclieii Waldgebietes. Selten und bemerkenswert ist 
insbesondere die Form des Bogenstabes 5 (mit zurüekgeboi'enen Enden) und 
die Sehne (aus tierischem Material) und Sehneubefestigung (durch ein Loch des 
geschnitzten, mit Muschelschale ausgelegten Bogenendes) bei dem sehr alten 
Bogen 2. Der nicht mehr dem tropischen Waldgebiete angehörende Bogen 4 
ist zum Vergleich mit der Sehnenbefestigung der übrigen beigefügt. 1 Yuruna, 
2 Mundrukü, 3 Karajä, 4 Kaj'apö, 5 Auetö, 6 Icanagebiet. (b bedeutet immer 
das Mittelstück bzw. den Querschnitt dieses Teils, e und d die beiden Enden.) 

(1, 3, 4 und 6 Vie, 2 Vie und 5 V20 n. Gr.) 
Originale in den Museen von Berlin, Wien und Kopenhagen. (Xacli Hermann Meyer und 

Rocli-Grünberg) 



Die Völker des tropischen Waldgebietes 



243 




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Abb. 91. Pfeile des tropischen Waldgebietes. Der nicht mehr diesem Gebiete 
angehörende Pfeil 1 (mit Tangentialflederung) ist zum Vergleich mit der Radial- 
fiederung von 2 und 3 beigefügt. 4 und 5 sind radial, 6—8 tangential gefiedert, 
9 und 10 ohne Befiederung. Die Spitzen von 4 und 6 sind aus Holz, 5 und 
8 aus Bambus, 7 aus einem Rochenstachel. 9 Harpunenpfeil mit Eisenspitzc zur 
Jagd auf große Fische, 10 Giftpfeile, zum Schutz des Jägers mit einem rohr- 
übei-flochtenen Blattfutteral versehen (b— d einzelner Pfeil), zur Jagd auf große 
Vierfüßer wie Wildschwein, Hirsch, Tapir und Jaguar. 1 Bororö, 2—5 Xingu- 
quellgebiet (2 Aueto, 3 und 5 Bakairi, 4 Kamayurä), 6 — 8 Karajä, 9 Yahuna, 

10 Umaüa und Kobeua. (9 und 10 V«, alle übrigen 74 bis 75 n. Gr.) 
Sämtliche Originale im Berliner Museum für Völkerkunde. (Nach H.Meyer und Koch-Grünberg) 



244 



Amerika. III. Die Völker Südaniorikas 



einer Jagdmaske, die dem Jäger das Anschleichen der äußerst scheuen 
Kamptiere, vor allem der Strauße, ermöglicht. Er hält zu diesem 
Zweck ein leichtes, mit Palmblättern bekleidetes Gestell vor sich 
und schießt durch eine im oberen Teil freigelassene Lücke hindurch. 
Die Jagdfallen beruhen, ebenso wie manche Fischfallen, meist auf 
dem Prinzip des federnden, hochschnellenden Stabes mit laufender 
Scldinge. Fischfang wird überall hauptsächlich mit Bogen und 
Pfeil betrieben. Der Indianer legt bei dieser Fangmethode große 
Geschicklichkeit an den Tag; er prüft genau die Lichtbrechung des 
Wassers, wirft, um einen Zielpunkt und zugleich einen Köder zu haben, 
vorher eine rote Beere ins Wasser (Xingüquellgebiet) und tötet den mit 
dem Pfeil durchbohrten Fisch mit einer kurzen Keule, damit er beim 
Zappeln nicht den Pfeilschaft zerbricht. Es finden sich auch Harpunen 
(Abb. 91, Fig. 9), doppel- und mehrspitzige Fischpfeile und eben- 
solche Fischspeere. Angelhaken sind vielfach erst durch die Europäer 
eingeführt worden, doch gibt es auch einheimische aus Knochen, 
Holz oder Palmstacheln. Die Tatsache, daß manche Tupistämme 
(z. B. die Osttupi) sie mit einem Khechuawort benennen, beweist, 
daß diese vorcolumbischen Angelhaken wohl zum Teil aus dem Gebiete 
der Hochlandskulturen stammten; das Vorkommen großer Raub- 
fische, wie des Piranya (Serrasalmo) mit seinen messerscharfen 
Zähnen, hat die Ausbildung der Angelfischerei im tropischen Wald- 
gebiete selbst verhindert. Eeusen und Fangkörbe, die über die Fische 
gestülpt werden (oberer Madeira), beutelartige Käscher (Nordwest- 
brasilien) und Netze verschiedener Form sind hier und da verbreitet; 
eine Fischfangmethode, die für das ganze tropische Waldgebiet 
(auch für die Osttupi und Kainguä) typisch ist, ist das Vergiften des 
Wassers in abgedämmten Seitenarmen oder Seitenlagunen der Flüsse 
mit Blättern und Zweigen der Timböliane. 

Der Bodenbau der Indianer hat als bewundernswerte Leistung 
die Gewinnung der Maniokwurzel zu verzeichnen. Die Mandioka 
(Manihot utilissima) ist eine Giftpflanze aus der Familie der Euphor- 
biaceen, deren Wurzel erst durch einen langwierigen Prozeß ent- 
giftet werden muß. Der Mais, der in vielen Gegenden eine ganz 
untergeordnete Rolle spielt, wurde ursprünglich im tropischen Wald- 
gebiete nicht angebaut, sondern ist erst von Norden her, wahrscheinlich 
durch die Aruak (S. 236), eiugeführt worden. Dasselbe gilt vom Tabak, 
der wohl den westlichen Stämmen ursprünglich ganz unbekannt 
war. Angebaut werden ferner Bataten, Yams, Bohnen, Pfeffer und 



Die Völker dos tropischen Waldgebietes 



245 



verschiedene, gewerblichen Zwecken 
dienende Pflanzen, wie Baumwolle, 
Pfeilrohr, Uruküstrauch , von ur- 
sprünglich nicht amerikanischen 
Pflanzen Zuckerrohr und Melone. 
Die Bodenkultur tritt überall in der 
Form der Rodungswirtschaft 
auf; „nur wo der Boden feucht und 
fruchtbar genug ist, um den Wald 
aufkommen zu lassen, ist er ertrags- 
fähig für die Mandioka- oder Mais- 
pflanzung" (M. Schmidt), so daß also 
der Wald gefällt werden muß, um 
geeigneten Boden für eine Pflanzung 
zu erhalten. 

Um eine „RoQa" zu schaffen, wird 
ein Stück Wald mit der Steinaxt (Taf, X, 
Fig-. 1, 2j, dem wichtigsten aller Wirt- 
schaftsgeräte des Indianers, gerodet, wo- 
bei man der Unzulänglichkeit der Werk- 
zeuge durch geschickte Ausnutzung des 
„Windbruches" (ein besonders großer und 
schwerer Baum am Rande des zu rodenden 
Waldes muß die anderen mit sich reißen) 
nachhilft; dann läßt man die gefällten 
Bäume die Trockenzeit über ausdorren, 
brennt Äste und Zweige ab und senkt in 
den durch die Asche zugleich gedüngten 
Boden die Mandiokastecklinge oder Mais- 
körner, nachdem man mit kleinen, zu- 
gespitzten Pflanzstöcken (Taf. X, Fig. 4) 
Löcher in die Erde gestochen hat. Die 
liegengebliebenen Baumstämme dienen 
den jungen Pflanzen gleich als Schutz 
gegen den Sonnenbrand. Die Rodung ist 
Sache der Männer; das PÜanzen und Säen 
besorgen die Frauen, denen auch die Ver- 
arbeitungderBodenerzeugnisse 

obliegt. Die M andi okak n o 11 en werden gescliält, auf einem Reibebrett 
(Taf. X, Fig. 5—7), dessen Urform die stachelige Stelzwurzel einer Palme ist 
(Nordostbolivien, Ucayali, Yuruna), geraspelt und durch Auspressen in einem 
geflochtenen Schlauch (Tipiti, Taf. X, Fig. 10, 11), in Korbsieben (Taf. X, Fig. 9) 
oder Siebmatten aus Rohrstäbchen (Xingüquellgebiet) entgiftet. Die zurück- 




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246 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

bleibende dicke Masse wird an der Sonne oder am Feuer g-etrocknet und zum 
Teil als Dauervorrat verwendet, zum Teil zu einem groben Mehl (Farinha) 
zerstampft, das durch Korbsiebe (Tat. X, Fig-. 8) gesiebt und auf flachen Ton- 
platten zu Fladen (Beijü, vg'l. Taf. X, Fig. 13, 14) gebacken wird. Fürs erste 
Frühstück kocht man gern eine Mandiokamehlsuppe (Mingad) , wobei hölzerne 
Spatel zum Umrühren dienen. Beim Zerkleinern der Maiskörner benutzt 
man überall hölzerne, meist fest in den Boden eingefügte Mörser mit hölzernen 
Stampfern, im nordöstlichen Bolivien auch (wie im benachbarten Andengebietj 
Mahlsteine oder Mahlbretter. 

Feuer gewinnt man allgemein mit dem Quirlbohrer, dessen 
Bohrbrett am Purüs aus zwei aufeinandergebundenen Stücken besteht 
(Taf. X, Fig. 15; vgl. auch Abb. 117); zum Anfachen ist der Feuer- 
fächer, der im größten Teil des Gebietes geflochten ist (Taf. X, 
Fig. 16), im AVesten aber aus einem Federbusch besteht, unent- 
behrlich. Bei der Zubereitung der Fische und des Fleisches wird 
eine Konservierungsmethode durch Rösten auf pyramiden- 
förmigen Bratständern (im Tupi bukeng, daher „bukanieren") an- 
gewandt; die dicke, verbrannte Kruste, die sich dabei um das Fleisch 
bildet, ersetzt zugleich das Salz, das sonst durch Auslaugen von 
Pflanzenasche oder salzhaltiger Erde (Roroimagebiet) oder durch 
Abdampfen des Wassers von Salzquellen (Jivaro) gewonnen wird. 
Die Sucht nach Salz hat zu der weitverbreiteten Unsitte des Erd- 
oder Tonessens (Geophagie) geführt. Die gewöhnlichen Getränke 
sind Wasser, Fruchtsäfte oder auch in Wasser aufgelöste Farinha, 
das „Püserego" der Stämme des Xingüquellgebietes, die keine be- 
rauschenden Getränke kennen. Aber schon ihre nächsten Nachbarn 
stromabwärts, die Yuruna, brauen Kaschiri, den berauschen- 
den Mandiokatrank, der im ganzen tropischen Waldgebiete verbreitet 
ist und auch den Osttupi in alter Zeit bekannt war. Die Gärung 
der in großen Holztrögen oder Kanus angesetzten Masse wird 
durch Zusatz von zerkauten Beijüstücken bewirkt. Jedes freudige 
und traurige Ereignis feiert man durch Vertilgung von Unmassen 
des säuerlich-erfrischend schmeckenden Getränkes, und allgemeine 
Bezechtheit ist die Folge. Ahnliche berauschende Getränke liefern 
Mais und Palmfrüchte. Die Kultur der Fruchtbäume ist im 
tropischen Waldgebiete sicher uralt; das wird schon dadurch bewiesen, 
daß einer der Hauptnahrungsbäume der Indianer, die Pupunhapalme 
(Guilelmia speciosa), nur noch durch Schößlinge fortgepflanzt werden 
kann. Neben zahlreichen anderen Fruchtbäumen, Palmen und 
Bromeliaceen, wird jetzt auch die Banane allgemein angepflanzt. 



Die Völker des tropischen Waldg-cbietes 



247 



Sie ist wohl erst nach der Entdeckung Amerikas eingeführt worden, 
denn die ganz unberührten Stämme des oberen Xingü kannten sie nicht. 
VonNarkotiken sind Tabak, Paricä (S. 17) und Koka bekannt. 
Tabak wird in Blattrollen geraucht, Paricä mittels Röhrenknochen 
geschnupft, Koka gekaut (Taf. X, Fig. 18—25). Tabakspfeifen sind, 
abgesehen von den ihre Stelle vertretenden Fruchtkapseln des Jequitiba- 
baumes l>ei den Karajä (Taf. X, Fig. 19), bei den Konibo und Arekunä 




Abi». 9B. Ptahlbaudorf Santa Kosa an der Lagune von Maracaibo ^ 

(Nach Jahn) 

in Gebrauch (Röhrenform) und durch Ausgrabungen in großer Menge 
aus Ostbrasilien bekannt, wo sie schon Lery (1557) bei den Tupi 
bezeugt. Der Anbau dieser Genußmittel und die Zubereitungs- 
methoden des Jägers (Braten und Rösten) sind Sache der Männer; 
das Arbeitsgebiet der Frau erstreckt sich über alles, was mit der 
Mandiokakultur zusammenhängt, daher auch auf Kochen und Backen 
und die Bereitung des Kaschiri. 

Durch die lange, zwei bis drei Jahre dauernde Reifezeit der 
Mandioka wird, wie Max Schmidt bemerkt hat, die Seßhaftig- 
keit im höchsten Grade gefördert. Eine ergiebige Wirtschaft war 
ohne Seßhaftigkeit einfach nicht möglich. Allerdings müssen die 
Häuser im Laufe der Zeit den Pflanzungen nachrücken, wenn diese 



248 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

nach Erschöpfung eines Bodenstückes verlegt werden. Sie liegen, um 
vor dem Hochwasser geschützt zu sein, auf hohen üferbarrankas oder 
tief im Walde, eine ganze Strecke vom Fluß entfernt. In Nordost- 
bolivien (im Moschogebiet) fand Nordenskiöld von mächtigen Kultur- 
schichten überdeckte M o u n d s , die ehemals die Häuser und Mandioka- 
pflanzungen der Indianer trugen, wenn in der Regenzeit die Savannen 
weithin überschwemmt waren (S. 233). Pfahlbauten kommen 
seltener vor, als man erwarten sollte, und sind nicht immer geographisch 
bedingt, da sie z. B, im Innern Guayanas auf dem trockenen Boden 
der Savannen, selbst auf Hügeln stehen. 

Sie finden sich längs der ganzen Nordküste, bei den Galibi, Warraü und 
besonders in der Umgebung des Sees von Maracaibo (Abb. 93), wo sich bei ihrem 
Anblick den ersten Entdeckern der Vergleich mit den auf Pfahlrosten stehenden 
Häusern Venedigs aufdrängte (daher der Name Venezuela „Klein- Venedig"). Ferner 
erscheinen sie im Koroimagebiete, bei den Oyampi und an der Amazonasmündung, 
bei den Uitoto am oberen Yapura, den Omagua am oberen Amazonas und bei den 
Moscho; die Tschakobo haben Vorratshäuser auf Pfählen wie die Tschiriguano. 
Eine interessante Abart der Pfahlbauten sind die schwimmenden, auf Flößen 
errichteten Häuser der Paumari in den Lagunen des unteren Purüsgebietes. 

Dorfanlagen in unserm Sinne gibt es meist nicht; die An- 
siedlungen sind mehr unseren Höfen zu vergleichen: Vereinigungen 
von oft nicht mehr als zwei oder drei Hütten. 

Eine Ausnahme machen die Karaja mit ihren stattlichen Zeilendörfern 
aus dreißig bis sechzig Hütten, die sich in langen Reihen, eine Straße von Giebel- 
häusern bildend, am Strande erheben. Einen dritten T3'pus bilden die Ein- 
hausdörfer des üaupesgebietes, wo ein einziges, riesiges Sippenhaus bis zu 
hundert Personen beherbergt. Häufig besteht ein Unterschied zwischen Sommer- 
(Trockenzeit-) und Winter- (Regenzeit-) Obdachen. Wohnungswechsel wird auch 
durch die Moskiten- und Stechfliegenplage verursacht; bei den Rukuyenne 
am Yary zerfiel die Ansiedlung sogar in ein luftiger gebautes Tagdorf und 
ein Nachtdorf mit festverschlossenen Hütten. Die aus Holz, Lianen, Blättern 
und Palmstroh errichteten Hütten zeigen teils Rund-, teils Viereckstil, die 
bisweilen, wie in Guayana (Abb. 83, Fig. 5), nebeneinander vorkommen, im 
übrigen aber ein getrenntes Verbreitungsg'ebiet haben. Im Roroimagebiet 
stehen stattliche Kegeldachhütten, die deshalb praktisch sind, weil sie den 
wilden Stürmen, die täglich über dieses Tafelland dahinbrausen, keine größere 
Fläche darbieten (Abb. 94); bei den Makiritäre besitzen sie Wände, deren hölzernes 
Gitterwerk einen Bewurf von Lehm und fein zerschnittenem Stroh trägt, und 
haben so riesige Abmessungen, daß beim Bau im Innern der Hütte ein hohes 
Gerüst errichtet werden muß, um die Deckarbeiten zu ermöglichen. Sonst finden 
sich Kegeldachhütten noch bei den Yahuna u. a. am Apaporis (Abb. 83, Fig. 4 
und Abb. 95), am oberen Maraüon und am Purüs. Der Viereckstil hat seine 
großartigste Entwicklung in den „Malokas" des Üaupesgebietes erlebt; das in 
Abb. 88, Fig. 1 abgebildete Gerüst einer solchen zeigt den breiten Mittelraum, 



Die Völker des tropischen Walclg-ebietes 



249 



der für den Verkehr frei bleibt, während an den Seiten die durch Mattenwände von- 
einander geschiedenen Familienabteile liegen. Das Ganze ist mit schindelartigen 
Lagen von Palmblättern gedeckt und an den Giebelwänden mit Matten oder be- 
malten Rindenstücken (Abb. 106) bekleidet zu denken. Einfachere Giebeldach- 
hütten linden sich bei den Ucayalistämmen. Offenbar unter dem Einfluß des 
altertümlichen, südlichen Rundstils (S. 297) sind Giebeldachhütten mit halbrunden 
Ausbauten an beiden Enden entstanden, deren Dach bis auf den Erdboden herab- 
reicht, und die alle Übergangsformen bis zu scheinbar reinen Bienenkorbhütten auf- 
weisen (Purusstämme, Paressi, Schavaje, Xingdquellgebiet; vgl. Abb. 83, Fig. 2, 3). 




Abb. 94. Kegeldachhaus der Yekuanä, mit einem Zentralpfosten 
(N'acli einer Photographie von Koch-Grün berg) 



Die Inneneinrichtung der Hütten (Abb. 95) ist vor allem 
durch die Hängematte gekennzeichnet. Sie gehört zu den Haupt- 
errungenschaften der Kultur der Waldindianer und hat sich, wenn 
auch vielleicht erst unter dem Einfluß der Aruak, Karaiben und 
Tupi, bei den meisten Stämmen eingebürgert Ursprünglich wohl 
überall aus Palmfaser hergestellt, wurde sie, als sich der Baumwoll- 
anbau von Westen her verbreitete, auch in Baumwolle nachgebildet. 
Dies geschah zuerst sicherlich nicht bei den Aruak, die meist die 
Palmfaserhängematten beibehalten haben (wie die isolierten Stämme 
des Westens), sondern bei den Tupi, die auch in einem Gebiet 
von Palmfaserhängematten (am oberen Maranon) baumwollene be- 
nutzen, und bei den Karaiben. In Mischgebieten der drei Stämme, 



250 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



-z. B. in Guayana und am oberen Xingii, stellt man Hängematten her, 
deren Kette aus Palmfaser und Einschlag aus Baumwolle besteht. 
Die Karajä fertigen zwar BauiinvoUliängematten an, schlafen aber trotz- 
dem auf dem Boden; bei Tage dienen sie ihnen als Umhang, bei Nacht als 
Decke zum Schutz gegen Moskitos und Tau. Entweder ist hier die Hängematte 
erst neuerdings von einem anderen Volke übernommen worden, ohne eine Ände- 
rung in den alten Schlafgcwolmheiten hervorzubringen , oder aber die Karajä 




Abb. 95. Inneres eines Rundhauses der Makuna am Rio Apaporis (Außenausicht 
s. Abb. 83, Fig. 4). Mit vier im Quadrat gestellten Zentralpfosten, die den offenen 
Giebel tragen, und sechzehn niedrigeren, einen Kreis bildenden Stützpfosten 
des Daches. Zwischen beiden die Familienabteile ; der Mittelrauni bleibt für 

den Vei'kehr frei 
(Xacli Kocli-Grünberg) 

haben, wie Krause meint, es erst unter dem Einfluß der umwohnenden Gesvölker 
verlernt, sie zum Schlafen zu gebrauchen. Älter als die Hängematte und von 
ihr auf die Ostabhänge der Anden zurückgedrängt, wo die Hängematte wegen 
der nächtlichen Kühle unpraktisch war, ist das Plattformbett (Catre) mit 
Rohr-, Stab- oder Riemenwerk, das sich z. B. noch bei den Yurakäre, Schipibo 
und Jivaro findet. Geschnitzte Schemel, die entweder vier Füße oder 
kufenartige Seitenstützen haben und in beiden Fällen nicht selten Ticrgestalt 
annehmen (Xinguquellgebiet, vgl. Abb. 100, Fig. 6), der Herd, allerlei Haus- 



Die Völker des tropischen Waldgebietos 251 

gerät, wie Kochtöpfe (Taf, X, Fig. 12), Kalabassen, die oft mit Brandmalerei 
verziert sind, Behälter aus Gürteltierpanzern, geflochtene Deckelschachteln, im 
Westen auch Holzschüsseln und Holzlöffel, die den Einfluß der Andenkultur ver- 
raten, machen die übrige Einrichtung aus. Seine Wohnung teilt der Indianer 
mit einer Unmenge gezähmter Tiere (außer Hunden, Affen und Papageien 
selbst mit Tapiren, jungen Krokodilen, Jaguaren und großen Raubvögeln in 
Lattenkäfigen), die lediglich zum Vergnügen gehalten werden, ohne einen anderen 
Zweck als höchstens den, daß sich die Vögel, deren Federn man zum Schmucke 
braucht, von Zeit zu Zeit ein Rupfen gefallen lassen müssen. Zu einer wirk- 
lichen Haustierzucht ist der Indianer nicht gekommen; nicht einmal der Hund 
ist allgemein als Haustier verbreitet (z. B. nicht im Xingüquellgebiete). Von 
Europäern eingeführte Haustiere werden auch nur zur Zierde gehalten, selbst 
die Hühner (S. 239), deren Eier man sogar verschmäht. Eine einzige Ausnahme 
bilden die aruakischen Goajiro; sie haben sich seit der Einführung europäischer 
Rinder zu einem viehzuchttreibenden Volke entwickelt. 

Während das Schutzbedürfnis fast überall festere Hausbauten 
hat entstehen lassen, ist der Indianer an seinem eigenen Körper 
sorgloser gewesen; seine Kleidung ist meist nur ganz geringfügig, 
wenn sie auch nirgends, wenigstens bei den Männern, ganz fehlt. 
Vielfach tritt das Bestreben hervor, die Geschlechtsteile vor dem 
Eindringen von schädlichen Insekten, z. B. Carapatos (einer Zecken- 
art) zu schützen. 

Dies erreicht man am einfachsten und zugleich am wirksamsten auf zweierlei 
Art: durch Zusammenschnüren der Vorhaut (Abb. 99) oder Hochbinden unter 
die prallsitzende HUftschnur (Yauapery und Schirianä, Ahuischiri und Karipuna. 
Purusvölker und Stämme des Xinguquellgebiets, Karaja und Paressi) und durch Aut- 
setzen eines Penisf utterals aus Palmblatt (hauptsächlich Tupivölker: Mundrukü 
und Apiakä, Yuruna und Tapii-ape). Ein Schnurbüschelchen oder ein kleiner vier- 
eckiger Lappen, die vorn an der Hüftschnur hängen (Yamamadi, Paressi) heben das 
hochgebundene Glied eher hervor, als sie es verhüllen. Ähnliche Vorrichtungen 
bei den Frauen sind seltener; das „Uluri" der Frauen des Xingüquellgebietes 
(ein dreieckig gefaltetes, den Schameingang verschließendes Stück Bast) gehört 
hierher. Die häutig auf Marajo gefundenen, bemalten Tondreiecke (Tanga) 
scheinen Nachbildungen solcher Scharadeckel zu sein. 

Diesen Schutzvorrichtungen gegenüber sind wohl mehr der 
Verhüllung dienende Trachtstücke, wie Schambinde und Schurz, 
jünger. 

Lange, hübsch bemalte Bastschurze tragen die Tukanomänner als Fest- 
tracht (Taf. XI), kürzere, viereckige aus Perlengeflecht die Frauen der Taulipäng 
und Makuschi (Abb. 96). Männer und Frauen tragen auch Faser- und 
Fransenschurze, erstere z. B. die Yahunamänner, letztere die größeren Karajä- 
mädchen; die erwachsenen Frauen dieses Stammes legen eine lange Bastbinde 
um den Leib , drehen sie auf dem Rücken zusammen und ziehen das Endo 
zwischen den Beinen durch nach vorn und wieder unter der Binde durch , so 



252 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



daß es lang herabfällt. Im Süden (Tschikito, Moscho, Paressi) und bei den 
Osttupi tritt als Frauentracht das Tipoy auf, ein oben und unten offener, nahtlos 
g-ewebter Sack aus Baumwolle , der sich nach Nordenskiöld aus dem Kinder- 
tragband (s. u.) entwickelt hat. — Vollständige Bekleidung, natürlich unter 
dem Einfluß der westlichen Kulturvölker, besitzen die Völker an der Anden- 
grenze (oberer Maraüon, Ucayali, Madeiraquellgebict) ; hier herrscht das Kusma 
(ein ärmelloses Hemd aus BaumAvolle, Baststoff oder Palmfasergewebe) bei beiden 
Geschlechtern, bei den Männern auch der Poncho. 

Schon mehr ins Gebiet der 
Körperverunstaltungen ge- 
hören breite Gürtel oder Bauch- 
binden aus Rinde, Bast, Perlen- 
schnüren oder Baumwolle, da 
sie selten abgelegt werden, prall 
anliegen und oft ein Vorquellen 
des Fleisches an den Rändern 
bewirken. 

Die merkwürdigsten Beispiele 
solcher Rindengürtel sind die 
starren Korsette der ümaüa (Abb. 97). 
Weichere, aber auch prallsitzende 
Bastgürtel tragen die Yahuna, hand- 
breite , panzerartig den Leib um- 
schließende Gurte aus Glasperlen die 
Yuruna , Tschipaya und Kuruahe. 
Die Yamamadi am Purüs legen die 
Baumrindengürtel nur beim Blasrohr- 
schießen an , angeblich weil sie 
kräftigeres Blasen ermöglichen. 
Schnelleren Lauf sollen sie bei den 
Miranya bewirken. Solchen prak- 
tischen Zwecken von Körperdeforma- 
tionen begegnen wir öfter; sie werden 
Avohl zu manchem, später reinem 
„Schmuck" den Anstoß gegeben haben. 
Einschnürende B a u m w o 1 1 b i n d e n 
um Oberarm und Unterschenkel (vgl. Abb. 87) sind die National- 
abzeichen aller Karaibenstämme ; sie sollen die Muskelkraft des Trägers 
erhöhen. Auch andere Stämme tragen diese oft mit langen Fransen ver- 
sehenen Binden, z. B. die Yuruna, Paressi und Karaja; bei den letzteren 
sind prallanliegende Armstulpe mit krempenartig nach außen umgebogenen 
Rändern, die aus Baumwolle gestrickt und mit Uruki'i gefärbt werden, Abzeichen 
der unverheirateten Männer und Frauen (Abb. 99), Über die unzähligen Formen 
der echten Körperverunstaltungen hier auch nur einen Überblick zu 
geben, ist unmöglich. Es genügt zu sagen, daß sich Ohr-, Ober- und Unter- 




Abb. 96. Taulipangmädchen mit einem 
Schurz aus Glasperlen, die auf BaumwoU- 

fäden aufgereiht sind 
(Nach einer Photograplile von Koch-Grünberg) 



Die Völker des tropischen Waldgebietes 



253 



lippen-, Nasenscheidewand-, ja selbst Nasenflüg'eldurchbohrung' mit zahlreichen 
Beispielen belegen lassen. Wenn auch manche Uitotostämme von der Größe 
ihrer Ohrpflöcke den Namen Orejones („Großohren") bekommen haben (Abb. 98), 
so finden sich doch selten sounförmige „Verzierungen" Mie die Lippenpflöcke 
der Gesstämme; die gi-oßen 
Scheiben aus Muschelschale, 
mit denen die Miranya und 
Mayoruna in früherer Zeit 
ihre Nasenflügel ausdehnten, 
sind mehr ein alleinstehendes 
Kuriosum. Man trägt Federn 
in den Ohren (Bakairi), Stäbe, 
kurze Pflöcke (Abb. 97) oder 
Federn in Nasenscheidewand, 
Mundwinkel und Unterlippe; 
der Lippenpflock (Tembetä) 
der Osttupi war aus Holz oder 
grünem Stein und in der Form 
einem kleinen Zylinderhute mit 
flacher Krempe nicht unähn- 
lich. Am vielseitigsten sind 
die Karajä, Ihre Kinder haben 
in den Ohrläppchen Rohr- 
stäbchen mit zierlichen Feder- 
rosetteu, deren Mittelstück ein 
Perlmutterscheibchen bildet, 
die Erwachsenen einfache Stäbe 
mit Ritzzeichnungen. Auch die 
Lijjpenzierate der Männer sind 
bei ihnen nach dem Lebensalter 
verschieden : Kleine Kinder 
tragen zierliche Knochenstifte 
in der Unterlippe, dann treten 
dreieckige Muschelstückchen an 
ihre Stelle, um im Jünglingsalter 
Holzpflöcken Platz zu machen, 
die in eine bis 25 cm lange 
Lamelle auslaufen (Abb. 99). 
Mit zunehmendem Alter werden 
immer kürzere Pflöcke bevor- 
zugt, so daß schließlich bei 
Männern über fünfzig Jahren nur noch ein kurzer Knopf den Zierat bildet. Schwere, 
aus Quarz, Alabaster oder Bergkristall geschliffene, bis 17,5 cm lange Lippen- 
pflöcke, die für sehr kostbar gelten, erhalten die Karajä von den Tapirape (Krause). 

Tatauierung dient, wie viele andere Verunstaltungen, als 
Stammesabzeichen : so bei der weitverbreiteten Karaibenhorde zwischen 




Abb. 97. Hianäkoto-Umaüaraann mit steifem 

Rindenkorsett, um das noch weiche, bemalte 

Bastbinden gelegt sind 

(Nach Koch-Grün berg) 



254 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



dem unteren Madeira und Xingü, die bald Aruma, bald Arara oder 
Apiakä beißt, eine blaue, vom Auge zum Mundwinkel laufende 
Linie, bei den Tupi sprechenden Apiakä am Tapajöz dagegen eine 
den Mund umgebende und zu den Ohren hinauflaufende, täuschend 
einer Bartbinde ähnelnde Zeichnung. 

Auch bei den Juri uud Passe tatauierten sich beide Geschlechter einen 
Fleck um den Mund. Bei den Karajä wird jedem Erwachsenen als Starames- 

abzeichen aufj beidenWangen ein 
Kreis eingeschnitten und mit 
blauschwarzer Farbe eingerieben 
(Abb. 99). Die größten Künstler 
im Tatauieren sind die Mundrukü ; 
mit einer Art Kamm aus Palm- 
stacheln bedecken sie sich das 
Gesicht und den ganzen Körper 
mit langen, parallelen Streifen. 
Ähnliche Wirkungen erzielen die 
Bakairi auch ohne die bestimmte 
Absieht, sich zu schmücken, mit 
dem Wundkratzer zu medi- 
zinischen Zwecken — ein wich- 
tiger Fingerzeig für die Ent-' 
stehung des Tatauierens über- 
hau])t (Karl von den Steinen). 

Wenn viele Berichte als 
Beweggründe für das Be- 
streichen des Körpers mit 
farbigen Erden Kühlung und 
Schutz gegen Insekten an- 
geben, so ist auch für die 
bei den Südamerikanern ge- 
übte Bemalung des gan- 
zen Körpers mit dem schönen 
Urukürot (aus der Frucht 
der Bixa Orellana) und dem'^glänzenden Blauschwarz der Genipapo- 
frucht ein Ausgangspunkt gegeben; daneben kann freilich die Be- 
inalung mit zierlichen, auch sonst der Ornamentik angehörenden 
Mustern (vgl. Abb. 81) ganz selbständig entstanden sein. Bei 
dem letzteren Verfahren benutzt man im Westen außer Malstäben 
häufig Holzstempel mit eingeschnittenen Mustern (Orinoco-, 
Uaupes-, Ucayaligebiet, Yurakäre); bei den Karajä werden diese 
in der denkbar einfachsten Weise von zwei zusammengebundenen 




Abb. 98. Orejone vom Rio Napo mit großen 

Ohrpfiöckcn 

(Xacli einer Pliotograpliie von Kroehle) 



Dil' Völker tlcs rropisclien \Valili;obioTes 



255 



Rohrstäbchen mit ausgeschnittenen Enden, die einfache S-Muster 
ergeben, gebildet. Vielleicht sind diese Stempel ein Element der 
Hochlandskultur Columbiens, wo sie weit verbreitet sind, wie ja auch 
eine andere, bei den 
westlichen Stämmen 
häufig beobachtete 
Sitte, das Schwarz- 
färben der Zähne, 
offenbar auf eine Nach- 
ahmung der unabsicht- 
lich (durch Kokakauen) 
geschwärzten Zähne 
der Hochlandsvölker 
zurückgeht (Norden- 
skiöld). 

Wie bei allen Völ- 
kern mit vorwiegend 
schlichtem Haar, kom- 
men auch bei den In- 
dianern des tropischen 
Waldgebietes kunst- 
volle Haartrachten 
nicht vor. 

Währoiul man alles 
Körperhaar, vor allem im 
Gesicht, sorgfältig- durch 
Ausreißen entfernt , be- 
y'uügt man sich beim Haupt- 
haar mit Verschneiden oder 
teilweiser Rasur. Wo das 
Haar seine natürliche Länge 
behält, wird es gescheitelt 
und im Nacken nicht selten 
mit Baststreifen zu einem 
Zopf zusammengebunden, 
wie bei den Yuruna und den 
Tukanostämmen zwischen 
Uaupes und Yapurä. Die 

Yuruna und ihre Verwandten rasieren sich noch dazu das Stirnhaar bis auf 
einen kleinen, runden Fleck ab, den sie mit den feuerroten Pollen einer Bananen- 
art bekleben (Abb. 105 b). Am oberen Orinoco und bei vielen anderen Stämmen 
wird das Haar ringslierum so verschnitten, daß eine Kappe entsteht; dazu treten 




Abb. 99. Schambioamänner in vollem Schmuck. 
Der Manu links vom Beschauer trägt ein großes 
Hintei'hau])tdiadem , dessen Federn (am Rande 
weiß, in der Mitte rot) in einem hufeisenförmigen, 
getiochtenen Träger stecken, der IVIann rechts einen 
einfachen Federreif, eng um den Hals gewundene 
Glasperlenstränge und geflochtene ünterarm- 
manschetten (das Zeichen des Unverheirateten) 
(Nach Elirenreicli) 



256 Amerika. ITI. Die Völker Südamerikas 

dann noch liäufig Tonsuren, die mit scliarfem Lanzengras ansrasiert werden 
(Xingüquellg"ebiet). Der Haarj^flege dienen überall Kämme aus Palmholz- 
splittcrn, die durch ein oder zwei Querhölzchen zusammengehalten (Abb. 100, 
Fig. 8) oder ein zierliches Geflecht verbunden sind; in Nordwestbrasilien sind 
doppelseitige Kämme dieser Art zugleich Haarschmuck. 

Was dem Siidamerikaner an kunstvollen Frisuren fehlt, ersetzt 
er durch reichen Schmuck, vor allem aus Federn. 

Südamerika ist das klassische Land des Federschmuckes ; die größten 
Federkünstler sind die Karajä am Araguaya, die Ojana und Makuschi in 
Gua3'ana, die Stämme des Uaupesgebietes und die Mundrukü am Tapajöz. 
Die Mannigfaltigkeit ist ungeheuer; einige charakteristische Formen zeigen 
unsere Abb. 99 und Taf. XL Die Karajä besitzen (außer den abgebildeten 
Schmucken) Federdiademe, Federhelme und große Federräder, die fächer- 
artig auseinandergebreitet und um einen Haarschopf am Hinterhaupt gelegt 
werden, die Mundrukü Netzhauben mit eingeknüpften Federchen und einem 
Nackengehänge aus steifen Ararafedern und die Ojana riesige Kopfaufsätze, 
Korbgestelle, die ganz unter herumgelegten Federbindeu verschwinden und eine 
prächtige Hekrönung durch einen Busch langer, nickender Federn erhalten. Zum 
Federkopfschmuck kommen noch Rückengehänge, Oberarmgehänge, Schurze aus 
Federn, ja ganze Federmäntel (Osttupi, Mundrukü); all' das leuchtet und strahlt 
in der Farbenpracht der tropischen Vogehvelt, von der vor allem Papageien, 
Araras, Adler, Ibisse und Reiher ihre Federn hergeben müssen. Natürlich 
ist dieser kostbare Federschmuck nur Festtracht und wird sonst sorgfältig in 
geflochtenen Deckschachteln oder Mappen verwahrt. 

Die Menge des übrigen Körperschmuckes ist unüber- 
sehbar: Ketten aus Jaguar-, Wildschwein- und Afifeozähnen, aus 
durchbohrten Steinen und Schneckenschalen, Fruchtkernen und 
rasselnden Fruchtkapseln, aus schillernden Flügeldecken von Buprestis- 
oder Rückenhörnern von Herkuleskäfern (beide besonders im Westen, 
am Uaupes, Napo und ücayali), durchbohrte Quarzzylinder (Uaupes- 
gebiet, s. Tafel XI) usw. Diese letzteren gelten als große Kost- 
barkeiten, einmal wegen der schwierigen, langdauernden Bearbeitung 
und dann, weil überhaupt der Stein im Haushalte des Waldindianers 
eine so geringe Rolle spielt. Man hat oft von der „Steinzeit" 
dieser Südamerikaner gesprochen, gsmzjaiit Unrecht. Der geologische 
Bau des Amazonasbeckens bedingt den gänzlichen Mangel an ge- 
eigneten Steinen; das einzige Werkzeug, das man noch allgemein 
aus Stein anfertigt, ist das zur Herstellung der „Ro^a" nötige Beil, 
dessen Klinge in den Schaft eingelassen oder an ihm festgebunden 
wird (Taf. X, Fig. 1 u. 2); für alle anderen geben Pflanzen- und 
Tierwelt die Materialien her. 

Bambussplitter und scharfe Piranyagebisse (S.244) liefern Messer, Muscheln 
Schaber und Hobel, Zungenknochen des Pirarucüfisches Reibeisen, Affen- 





Tafel IX Mexikanische KidtHsaltertümer 

1 Opfermesser mit mosaikinkrustiertem Griff (Mensch in Vogelverkleiduug), '/s n. Gr. ; 2 üpferblut- 
schale ans Augit-Porplivrit (Quaiibxicalli „Adlerscliaie"), '/«"-Gr.; S und 4 Räuchergeräte, '/•> ""(^ 
V? n. Gr.; 5—9 Musikinstrumente (5 : '/m n. Gr., 6 : Vs n. Gr.). — Die Wandveföierung von 2 (Adlcr- 
fedcrn, darüber menschliche Herzen) drückt symbolisch Namen und Zweck des Gefäßes aus, dir 
von 5 zeigt Jaguar und Adler als Repräsentanten der Krieger, die von 6 das Gesicht des Gottes 

Quetzalcouatl mit der schnabelartig vorgezogenen Mundpartie 

l in der Christy Coilection des Britischen Museums, 2—4 und 7—9 im Berliner Museum für Völkerkunde, 

5 im Museum von Toluca (nach Seier), 6 im Pariser Trocadero-Mnsciim (nach Hamy) 




Tafel X ßodenhaii hu tropischen Waldgebiet Südamerikas 

Die Mehrzalil der Geräte ist im Text erläutert. Von den MandioUareibcbrettern sind 5 und 6 mit 
Steinsplittern, 7 mit Palrastacheln versehen. Die Mandiokapresse 10 wird durcli Ausdeiinen, 11 durch 
spiraliges Zusammendrehen des geflochtenen Schlauches gehandhabt. 13 und 14 Beijtiwender, 18 Tabaks- 
paket. Die große Zigarre mit geschnitzter Traggabel 20 ist eine am breiten Ende gerauchte, mit 
Tabakpulver gefüllte ßlaltüte. Der Schiiupfapparat 21 besteht aus Doppelröiire (aus Vogelknochen) 
und Dose (aus Schneckenschale). Kokablätler werden in pulverisiertem Zustande, mit Asche oder 
Kalk vermischt, entweder mittels eines K n och enl öfteis aus einer Kalalmssenschale (22) gegessen 
oder mittels eines Röhrenknochens aus Kalaljasscn (23) oder Baumbastsäckchen (24) eingesaugt; 
25 Kokakalkdose aus Kürbis, deren breiter Hand sich lediglich durch das Abwischen des Kalk- 
spatels bildet (vgl. Tafel XII, Fig. 2 und Abb. \b\) 
1, 3, 4, 7, 13 und 14 XingCiquellgebiet. 2 Rio Ucayali, h. 9, 10, 17 und 18 Aruakstämme am I(;ana, 
12j 20, 22—24 Tukanostämine am Uaupes, (5 Makiritäre am oberen Orinoco, 8 und 16 Britisch Guayana, 
U, 15 und 21 Yamamadi und Ipurina am Purfts, 19 Karajil am Araguaya, 25 Stamme der Sierra Nevada 
de Sta. Marta. — '/'^ n. Gr. (Rämtliciie Originale im ßerlincr Museum für Völkerkunde) 



Die Völker des tropischen Waldg-ebietes 257 

kuochensplitter uud Hundsfischunterkiefer (mit ihren spitzen Eckzähnen) Bohrer 
und Pfriemen, mit einem Affenknochen g-eschäftete Kapivarazähne Meißel (Siriono, 
Guayaki), Vorderklauen des ßiesengürteltieres Wühlhacken (vgl. Taf. X, Fig. 3). 

Man versteht Steine und harte Fruchtkerne zu durchbohren 
und aus einem Holzkloben kunstvolle Sitzschemel zu schnitzen. Der 
stellenweise recht hohe Stand der Technik ist zu einem sehr 
wesentlichen Teil der Ausbreitung der Aruak zu danken, die in 
Flechtkunst, Weberei und Töpferei überall die Lehrmeister waren. 
Die Flechtkunst ist von denkbar primitivsten Formen, wie dem 
aus einem einzigen Palmblatt hergestellten Korbe Nordostboliviens 
oder den aus zwei ineinander geflochtenen Fächerpalmblättern be- 
stehenden Körben des Xingiiquellgebietes, bis zu den feinsten, 
reich gemusterten Korbschalen und Blasrohrköchern (Uaupesgebiet), 
Deckelschachteln und Sieben (Guayana), Tipitis und Feuerfächern 
fortgeschritten (vgl. Taf. X, Fig. 8 — 11, 16) und wird hauptsächlich 
in der Art des sogenannten Stufengeflechtes betrieben. Daneben 
kommt, besonders für Tragkörbe, das ofiene, dreisträhnige Gitter- 
geflecht in Betracht. Mit hölzernen Stäben und Knochennadeln 
stellt man hübsche Knüpfarbeiten (Fischnetze, Taschen, Haar- 
hauben usw.) her. Die Hängematten aus Baumwolle und Palmfaser 
mit ihrem Doppelfadengetiecht bilden den Übergang zur Weberei, 
die Palmfaser-, Nessel- und Baumwollstoffe hervorbringt. Die 
Fäden werden mit der Hand auf dem Schenkel gedrillt oder mit 
Spindeln (Abb. 100, Fig. 9) gesponnen, die beim Gebrauch entweder 
senkrecht stehen und darum einen nach unten sich verdickenden 
Stab besitzen, oder wagerecht liegen. Der Webstuhl ist abweichend 
vom peruanischen gestaltet, insofern als die Kettenfäden um zwei 
Stäbe herumlaufen, so daß die fertige Arbeit die Form eines 
Ringes ohne Naht hat (vgl. die Tipoys, Seite 252, und die Kinder- 
tragbänder der Frauen). Gewöhnlich kann der Ring durch Heraus- 
ziehen eines Fadens geöflnet werden, wie bei den Geweben der 
Yurakäre und Tschakobo; im andern Falle muß er zerschnitten 
werden. Wahrscheinlich ist dieser Webstuhl eine Erfindung der 
Aruak oder wenigstens durch die Aruak von Norden her ver- 
breitet worden (Nordenskiöld). Auch die Töpferei ist die uralte 
Kunst und das ausschließliche Vorrecht aller Aruakstämme, von 
denen sich noch heute in Surinam und Ostperu, am Uaupes und 
im Xingüquellgebiete Karaiben und Tupi, Tukano und Pano die 
Töpfe machen lassen. 

Völkerkunde I 17 



258 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Erklärung- der Abb. 100 
1 — 3 Masken, 4 Beijüwender, 5 Tong-efäß, 6 Sitzschemel, 7 geflochtene Figur, 
8 Kamm, 9 Spinnwirtel, 10 Tanzkeule, 11 Kürbisbehälter. Das beliebteste 
Ornament der Xingükunst ist neben dem „Uluri" (S. 251; aneinanderg-ereihte 
Dreiecke) das „Mereschu" (vg^l. 1, 2, 4, 9, 11). Es stammt von der Flechtkunst 
her, wird aber realistisch als „Fisch im Netz" aufgefaßt. Das Erscheinen 
realistischer Fischfig-uren auf den Masken (vg^l. 1, 3) ist besonders bedeutungsvoll, 
weil es im Verein mit dem Mereschu-Muster beweist, daß die Masken ursprünglich 
dem Fischfangzauber dienten. — Die plastischen Verzierungen stellen eine 
Eidechse (5). einen Vogel (6) und Jaguare (8) dar. 7 ist eine Kröte. 1 und 11 
Bakairi, 2 Auetö, 3, 4, 9 und 10 Kamayurä, 5, 6 und 8 Mehinakü, 7 Nahuquä. 

(1 Vi 5, 2 Vc und 3 Va n. Gr.) 
Sämtliclie Originale im Berliner Museum für Völkerkunde. (Nach Karl von den Steinen) 

Allerdings haben auch die Tupi-Guarani eine originale, wenn auch ziemlich 
primitive Töpferei besessen; sie stellten vor allem große Totenurnen her und 
bevorzugten als Verzierung die Fingereindruck -Ornamentik (Abb. 84). Die 
Töpferei der Aruak hat in älterer Zeit ihre höchste Blüte an der Amazonas- 
mündung (Insel Marajo und Küste nördlich davon, Abb. 87) und im Gebiete der 
Moscho (Abb. 86) erreicht, wie die Funde vorgeschichtlicher Keramik in diesen 
Gegenden beweisen (S, 235). Die Töpfe werden meist aus Tonwülsten spiralig 
aufgebaut; an die Stelle der älteren Randösen zum Durchziehen von Schnüren 
nach dem Vorbilde. der Kalabassen (Moscho, Marajo, oberer Paranä) sind in Nord- 
westbrasilien, am Orinoco und an der Nordküste Henkel getreten, die Norden- 
skiöld auf Einflüsse aus den westlichen Kulturgebieten zurückführt. Geometrische 
Verzierungen, die vor dem Brande aufgemalt werden, und glänzender Firnis 
zeichnen die Tonwaren im Uaupes- und Ucayaligebiet aus (Taf. X, Fig. 17), 
während die Töpfchen des Xingüquellgebietes unbemalt sind und durch plastische 
Ansätze die Form von allerhand Tieren erhalten haben (Abb. 100, Fig. 5). 

Eine Kunst, die besonders im Westen (Bolivien, Ostperu, 
Uaupesgebiet) ausgebildet ist, ist die Verarbeitung von Rinden- 
s 1 f f e n zu Kleidungsstücken, Arm- und Bauchbinden, Tanzmasken usw. 
Durch Klopfen mit gerieften Holzschlägeln oder flachen Steinen 
befreit man den Bast von seinen holzigen Teilen und erzielt bis- 
weilen einen ausgezeichneten StoiF; das Bastkusma der Ucayali- 
stämme und die glatten, weißen Bastschambinden der Karajäfrauen 
(S. 251/2) geben gewebten Stoffen an Geschmeidigkeit und Festig- 
keit kaum etwas nach. 

Die Baststoffe sind ebenso wie die Gefäße und alle anderen 
Geräte des Haushaltes mit einer Ornamentik bedeckt, die, wie 
uns die Untersuchungen Max Schmidts gelehrt haben, durchweg 
rein geometrischen Charakters ist und ihre Wurzel in den einfachen, 
technisch entstandenen Mustern der StufenÜechterei hat. Wie die 



Die Völker des tropischen Waldgebietes 



259 




260 Amerika. III. Die Völker Südamovikas 

Nordamerikaner haben auch ihre südlichen Rassengenossen in diese 
Muster nicht selten realistische Figuren hineingesehen, wofür die 
Xingü-Ornamentik besonders lehrreiche Beispiele liefert (Abb. 100, 
Fig. 1 — 4, 9, 11). Die entwickelte Viereck- und Mäanderornamentik 
der Guayana- und Rio Negro - Flechtkunst steht weit über dieser 
einfachen Flächenverzierung des oberen Xingü. Die Plastik wird 
jetzt fast nur noch durch Sitzschemel und Töpfe in Tiergestalt, 
geflochtene Tierfiguren und Tanzmasken vertreten (Abb. 100, Fig. 2, 
3, 5 — 8). Einst war das anders, wie manche seltenen Schaustücke 
unserer Sammlungen aus den Fundplätzen am unteren Amazonas 
(Grünsteinfiguren, geschnitzte Keulen, menschengestaltige Tonurnen) 
beweisen. 

In der strengen Arbeitsteilung zwischen Mann und Weib, die 
im letzten Grunde auf dem Gegensatze von Jägertum und Boden- 
kultur, tierischer u^d pflanzlicher Nahrung beruht (s. o.), liegen be- 
reits die Wurzeln für die Ausbildung von Gewerben. Neben 
dem Haus- und Einzelgewerbe ist auch das Stammesgewerbe weit 
verbreitet. 

Fast jeder Stamm hat seine Spezialität, was zu einem regen Außenhandel 
(meist in der Form eines Austauschs von Gastgeschenken, da Märkte und Wert- 
messer noch nicht bekannt sind) führt; im Xingiiquellgebiete sind die Aruak- 
stämme die Töpfer, die Trumai machen Steinbeile, die Nahuquä Kalabassen, die 
Bakairi eine bestimmte Art Halsketten — sie sind „zöto", „Herren" dieser Artikel. 
Ähnlich ist es überall, so mit Schmuckfedern, Hängematten, Mandiokareibern 
und Kanus, vor allem aber mit dem Pfeilgift, dessen Zubereitung nur wenige 
Stämme kennen (S. 241) und zu dessen Erlangung weite Handelsreisen unter- 
nommen werden. 

Bei den Handelsfahrten benutzte man natürlich meist die 
Wasserwege. Als Fahrzeug tritt das Floß ganz hinter dem Kanu 
zurück. Die Jangada, das noch heute auf dem Amazonenstrome 
vielgebrauchte Balkentioß, ist eine durch die Europäer verbesserte 
Form der Flöße der Osttupi, bei denen die Schiffahrt wohl am 
höchsten stand ; ein lebhafter Seeverkehr herrschte besonders an 
den Küsten von Maranhao und Bahia, und neben dem Balkenfloß 
besaßen die Osttupi auch gewaltige Rindenkanus, die bis fünfzig 
Mann Besatzung führten, und Einbäume, denen Simao de Vasconcellos 
(1672) sogar eine Besatzung von hundertfünfzig Ruderern nachsagt. 

Das Rindenkanu ist sowohl im Innern Guayanas als auch am oberen 
Xingü und Madeira, am Parns und Tapajöz in Gebrauch. Es wird aus der 
Rinde dicker, gerader Bäume (z. B. Jatobä) hergestellt; um die enormen Rinden- 
stücke loszulösen, errichtet man an den Bäumen hohe Gerüste, die Hans Staden 



Dio Völker dos tropischen Waldgebiotes 261 

bei den Osttupi genau so fand wie Crevaux drei Jahrliunderte später im Hinter- 
lande Gruayanas (Friederici). Der Bau der Kanus ist meist sehr einfach- 
am oberen Xingu sind sie 9 m lang-, vorn zugespitzt und am hinteren Ende 
eingestülpt, so daß ein breites Heck entsteht (Abb. 88, Fig. 4). Kunstvoller sind 
die Ein bäume (Corial, Uba), durch die vornehmlich die Warraü, Otomaken 
und Säliva in ganz Guayana und Venezuela berühmt waren. Die Karaiben der 
Nordküste verstanden die Einbäume noch weiter durch Aufsetzen einer 20 — 30 cm 
hohen Bordplanke zu vervollkommnen; diesen Bootstyp unterschieden die Spanier 
als Piragua von dem einfachen Einbaum. Die Ruder besitzen meist eine 
krückenförmige Handhabe und haben ein lanzettliches, kreisrundes oder nach 
unten sich verbreiterndes Blatt (letztere Form in Guayana und bei den Yuruna), 
das nicht selten in eine Spitze ausläuft. 

Der Indianer ist ein vorzüglicher Schiffer, der die gefährlichen 
Stromschnellen, an denen die Flüsse seiner Heimat so reich sind, 
kühn und sicher nimmt. Um bequeme Verkehrswege zuhaben, durch- 
zogen die alten Moscho ihr Land mit zahlreichen Kanälen (S. 233). 
Doch scheut man auch nicht vor langen Fußmärschen zurück. 
Die Beinmuskulatur der Paressi, die auf den endlosen, sandigen 
Strecken ihrer Heimat im Mato Grosso oft meilenweite Märsche 
machen müssen, ist darum nach Max Schmidts Beobachtungen 
ganz besonders gut entwickelt. Um die Füße vor dem scharfen 
Quarzgeröll zu schützen, verfertigen die Indianer am Roroima leichte, 
elastische Sandalen aus den unteren, breiten Blattstielenden der 
Mauritiapalme (einer der seltenen Fälle, wo wir von einer ein- 
heimischen Fußbekleidung im tropischen Waldgebiete hören). Das 
Haupttransportgerät für den Landmarsch ist der mittels eines Stirn- 
bandes getragene Bückenkorb (vgl. Abb. 79), statt dessen am oberen 
Xingü Gestelle mit Wänden aus einem Baststreifengeflecht gebraucht 
werden. Kleine Kinder werden von den Müttern auf der linken 
Hüfte oder in einem bandelierartig um die Schulter gelegten Gurt 
aus Bast oder gewebtem Stoff" getragen. 

Gegenüber dem reichen Material, das wir ül)er die sozialen 
Verhältnisse der Nordamerikaner besitzen, müssen wir uns in 
Südamerika vorläufig noch mit sehr dürftigen Angaben behelfen. 
Augenscheinlich liegt ein festgefügtes Gentilsystem ziemlich 
selten vor. In den Fällen, in denen es sich um Aruak handelt, 
erscheint es mit Totemismus und Mutterfolge verbunden; 
bei den westlichen Stämmen hören wir auch von exogamen Clanen 
mit Vaterfolge. 

Bei den Arawaken Guayanas fand Im Thurn siebenundvierzig- Siijpen mit 
Tier- und Pflanzentotems ; die Goajiro, deren Lebensverhältnisse sich freilich 



262 Amerika. III, Die Völker Südamerikas 

seit der Einführung der Viehzucht sehr geändert haben, gruppieren sich in 
dreißig Sippen, die nach Tieren (Jaguar, Reh, Sperber, Wildschwein usw.) 
benannt sind. Die Uitoto, die Preuß besuchte, zerfallen in einunddreißig exogame 
Clane mit Vaterfolge, deren jeder ein großes Sippenhaus bzw. einen Pfahlbau be- 
wohnt und einen Namen trägt, der meist von Tieren oder Pflanzen abgeleitet 
ist. — Außer in den erwähnten Fällen hören wir von Totemismus bei den Juri, 
von Mutterfolge bei den Warraü und vielen Stämmen Zentralguayanas, bei den 
Paressi und den Stämmen des Xingüquellgebietes ; wo von Mutterfolge nicht 
direkt gesprochen wird, deuten die Vererbung der Häuptlingswürde auf den 
Schwestersohn und der Familienwechsel des Mannes bei der Heirat (d. h. sein 
Übersiedeln in das Haus seiner Frau) darauf hin, z. B. bei den Karajä, bei 
denen außerdem Haus, Hausgerät und Boot der Frau gehören und Waisen und 
Kinder eines Witwers von den Verwandten der Mutter, besonders ihrem Bruder, 
unterhalten werden. Nach Max Schmidt sind Mutterfolge und Exogamie, die 
meist in der Form der Lokal- oder Stammesexogamie auftritt (z. B. in Nord- 
Avestbrasilien, im Xingüquellgebiet usw.), zu den Hauptmitteln zu zählen, mit 
denen die Aruak bewußt ihre wirtschaftliche Expansion betrieben haben. Die 
Exogamie diente ihnen dazu, engere Beziehungen zu den Nachbarstämmen an- 
zuknüpfen, die Mutterfolge dazu, die abhängige Bevölkerung fest mit der Herren- 
klasse zu verketten, und es ist sehr bemerkenswert, daß die Aruak-Herrenklasse 
(S. 232) das mutterrechtliche Prinzip nur für die abhängige Bevölkerung gelten 
läßt, bei sich selbst aber nicht anwendet. So erklärt sich das Nebeneinander 
grundverschiedener Eheformen bei einem und demselben Stamm, das man 
in Guayana, am oberen Xingü und bei den Paressi beobachtet hat. Die Ehe auf 
Grund fi'iedlicher Übereinkunft, bei der oftmals die Kinder schon in jugend- 
lichem Alter miteinander verlobt werden und der Mann in die Familie der Frau 
übergeht, ist die übliche Eheform der Abhängigen, die Raubehe, bei der sich 
der Mann seine Frau gewaltsam von auswärts holt, um von ihrer Verwandt- 
schaft unabhängig zu bleiben, die Eheform der Herrenklasse, die gewöhnlich 
durch die Hausvorsteher dargestellt wird. Da bei weiterer Entwicklung der 
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht immer Gelegenheit war, die Frau zu rauben, 
haben sich mildere Formen des Eheschlusses eingebürgert: entAveder ein Schein- 
raub oder die Kaufehe, bei der der Ehemann der Familie der Frau für die wirt- 
schaftliche Schädigung, die ihr aus dieser Durchbrechung des mutterrechtlichen 
Prinzips erwächst, eine Entschädigung zahlt. 

Die Bildung von Großfamilien kommt in den Mehrfamilien- 
häusern zum Ausdruck, die über das ganze tropische Waldgebiet 
verbreitet sind. Eine der größten „Malokas", die Koch-Grünberg 
im Uaupesgebiete sah (S. 248), hatte 29 m Länge, 18,60 m Breite 
und besaß 16 Feuerstellen. Nicht viel geben diesen die riesigen 
Sippenhäuser der Yamamadi am Purüs und der Tschakobo im 
oberen Madeiragebiete nach, wo Nordenskiöld sonst nur kleinere 
Häuser fand. Dieselben Tschakobo besitzen auch Männerhäuser. 
Auch sonst ist der Zusammenschluß der unverheirateten Männer 



Die Völker des tropischen Waltlg-ebietes 



263 



häufig. Bei den Mundrukü bewohnt die waffenfähige Jugend, alle- 
zeit kampfbereit, ein gemeinsames Haus, und bei den Karajä hausen 
die unverheirateten Männer in einer besonderen Hütte zusammen 
mit gefangenen Kayapöweibern, während sie die Frauen des eigenen 
Stammes nicht berühren dürfen. Nicht mehr reine Männerhäuser 
sind die „Flötenhäuser" der Stämme des 
Xingü-Quellgebietes, in denen Musik- 
instrumente, Masken und Tanzanzüge 
hängen, Gäste übernachten und Frauen 
nicht gelitten werden. Die Stellung 
der Frauen ist sonst durchweg eine 
gute zu nennen ; sie sind durchaus 
nicht die Lasttiere, als die sie von 
früheren Reisenden geschildert worden 
sind, und haben meist schon ein kräf- 
tiges Wort mitzureden. 

Im allgemeinen scheint die Dorf- 
gemeinde die gesellschaftliche Einheit 
zu sein oder, wo das Dorf durch ein 
großes Sippenhaus dargestellt wird, wie 
im Uaupesgebiete, die Hausgemeinschaft. 
Die Stämme sind überall in eine Reihe 
solcher selbständiger Dorfgemeinschaften 
zersplittert; daher sind auch die Häupt- 
linge überall Dorfhäuptlinge, die die 
Verteilung des gemeinsamen Landbesitzes 
vornehmen und auch sonst in allen 
Gemeindeangelegenheiten die Leitung 
haben, in früheren Zeiten den Stamm 
im Kriege anführten und jetzt vor allem 
zur Repräsentation gegenüber den Frem- 
den verpflichtet sind. Bisweilen kann 
ein Dorfhäuptling Ansehen über die 
engen Grenzen seines Bezirkes hinaus erlangen ; das wird be- 
sonders von den Völkern am Orinoco und Rio Negro, aber auch 
von den Karajä berichtet. Solchen Häuptlingen ist hier und da in 
älterer Zeit auch die Zusammenfassung mehrerer großer Stämme 
zu einem Bunde geglückt; es ist bemerkenswert, daß in derselben 
Gegend, wo einst Aruakstämme sich zu dem mächtigen Manaos- 




Abb. 101. Geflechte für die 
Ameisenmarter aus Britisch 
Guayana und Surinam (Ara- 
wak). Durch das Geflecht links 
muß derKnabe denArm stecken, 
das Geflecht rechts wird ihm auf 
den Rücken g'eleg't. (Vt n. Gr.) 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



264 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

bunde zusammengeschlossen haben , noch heute die Zentrale des 
brasilianischen Staates Amazonas liegt. Anfänge einer Stände - 
gliederung sind auch in dem Verhältnis der Herrenschicht zu 
der abhängigen Bevölkerung bei vielen Aruakstämmen (z. B. den 
Paressi) gegeben. Von einer Sklaverei ist außer bei den erwähnten 
Stämmen mit starkem Häuptlingstum auch bei den Mundrukii und 
Mauhe die Rede. — Der Häuptling ist endlich der Schiedsrichter 
in Streitigkeiten; die Rechtspflege ruht sonst im wesentlichen noch 
auf den sozialen Verbänden, daher die allgemein geübte Blutrache, 

Sie ist bei den Makuschi mid anderen Stämmen des zentralen Guayana 
zu einem merkwürdigen Systeme ausgebildet : der Bluträeher (Kanaima) fällt 
einer regelrechten Wahnidee zum Opfer; er löst alle Familienbande, verfolgt 
seinen Feind und hat nicht eher Kühe, als bis er ihn im Schlafe überfallen 
und ermordet hat. 

Das Leben innerhalb des Stammes ist durch manche 
eigenartige, primitive Sitte gekennzeichnet. Da ist z. B. die 
weitverbreitete Couvade: Der Mann ist verpflichtet, mit der Frau 
zusammen das Wochenbett abzuhalten, wobei er denselben strengen 
Fastenvorschriften unterworfen wird wie sie, allerhand Blutab- 
zapfungen und Geißelungen über sich ergehen lassen muß und 
sich, oft tagelang in der Hängematte ruhend, von jeder schwereren 
Arbeit fernzuhalten hat, da sonst das Kind schweren Schaden 
nehmen würde. Ganz besonders sind während der Zeit der 
Couvade bestimmte Tierarten tabu, an deren natürlichen Eigen- 
schaften und Fehlern das Kind teilhaben würde, wenn der Vater 
von ihrem Fleisch äße. 

Südamerika ist, wie Kunike gezeigt hat, das klassische Land der Couvade, 
und zwar hauptsächlich der Norden. Ihre Hauptverbreitung hat sie wohl bei 
den Karaiben des Festlandes und der Inseln gehabt, aber auch bei den Aruak 
scheint sie allgemein zu sein, ferner wird sie bei den Mundrukii und Omagua 
(Tupi), bei den Juri und Yurakäre erwähnt. Der Keim zu dieser merkwürdigen 
Sitte liegt nach Kunike in dem bei mutterrechtlichen Anschauungen ganz natür- 
lichen Bestreben, den Vater des Kindes vom Männerhaus zu entfernen und an 
die Familienhütte zu fesseln. Hiermit verbinden sich totemistische Ideen —- der 
Glaube an den engen Zusammenhang eines Kindes mit Tieren, die deshalb 
für den Vater tabu sind — und die Vorstellung besonders naher Beziehungen 
zwischen dem Vater und dem Neugeborenen (das Kind ist gleichsam der „kleine 
Vater"; es gewinnt so viel an Kraft, Avie der Vater durch Einhaltung einer be- 
stimmten Diät oder durch Blutentziehung verliert). 

Wenn die Zeit der Geschlechtsreife herangekommen ist, werden 
mit Knaben und Mädchen allerlei Mut-, Kraft- und Stand- 
haftigkeitsproben vorgenommen. 




Abb. 102. Südamerikanische Keulen: a Maliiritäre, b Osttupi, c Karajä. d Ama- 

huaka, e Kayapo, f Suyä, g Yahuna, h Kobeua, i Toba, Iv Makuschi. Die 

Keulen sind meist aus schwerem Palmholz ; die längste (e) mißt 1,66 m. bist 

ein sehr altes, prachtvoll gearbeitetes Stück 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 





Abb. 103. Südamerikanische Schilde: a Waffentaiiz der Juri mit Tapirhaut- 
schilden, b Holzschild der Tapanyuna (oberer Tapajöz), Vorder- und Rückansicht 
c Holzsclüld der Jivaro. ('/le n. Gr.) 
(a uacli Martius, b und c im Berliner Museum für Völkerliunile) 



Die Völker des tropisclien Waldgebietes 267 

Bei den Karaiben und Aruaken Guayanas und des Orinocogebietes, bei den 
Mauhe und Koreguaje setzt man sie Stichen von Ameisen und Wespen, die zwischen 
den Maschen eigentümlich geformter Geflechte (Abb. 101) festgelialten werden, aus, 
oder aber sie werden mit großen Peitschen bis aufs Blut geschlagen, wie bei den 
Mura und Omagua. Bei den Paressi müssen die Jünglinge eine dicke Stange, 
die wie eine Reckstange zwischen zwei Pfählen befestigt ist, mit den Schultern 
durchbrechen, um eine Probe ihrer Kraft abzulegen. Beschneidung gleich 
nach der Geburt oder später ist oder war bei den isolierten Stämmen des Nord- 
westens (Otomaken, Scäliva) und ilireu Aruaknachbarn üblich, ferner bei den 
Tikuna und Konibo ; in fast allen Fällen wird sie nicht nur an Knaben, sondern 
auch an Mädchen in teilweise recht barbarischer Weise vorgenommen. Sonst 
werden den Mädchen Geißelungen verabfolgt, wie den Knaben (Uaupesgebiet), 
oder sie werden zum Pasten verurteilt und müssen eine Zeitlang in der rauchigen 
Hüttenkuppel zubringen (Mundrukn und 3Iauhe). 

Die Ehe ist meist eine Einehe und wird ohne besondere 
Zeremonien geschlossen •, in wie verschied.ener Weise, ist schon oben 
erwähnt worden. Sonst werden alle wichtigen Ereignisse im Leben 
des Einzelnen und der Gemeinde in oft tagelangen Festen, bei denen 
Kaschirigelage, Musik und Tänze die Hauptrolle spielen, gefeiert. 

Von Musikinstrumenten fehlten, ebenso wie in Nordamerika, alle 
Saiteninstrumente und Fellpauken ursprünglich ganz. An erster Stelle sind 
Flöten zu nennen: neben Querflöten, vor allem Panpfeifen (Westen, Guayana, 
Xingü und Araguaya), die nach v. Hornbostels Untersuchungen nicht nur in 
der äußeren Form, sondern auch in den Tonreihen und der absoluten Tonhöhe 
vielfach vollkommen mit altperuanischen übereinstimmen, also zweifellos ein 
westliches Element darstellen. Große Blashörner aus Holz. Rohr oder Kürbis, 
die weitverbreitet sind, hält Nordenskiöld für ursprünglich einheimiscli nur, 
wenn sie am Ende angeblasen werden, während er die Trompeten mit seit- 
lichem Blasloch für einen, wenn auch schon sehr alten, Import der Neger 
ansieht. Weiter sind Schlitztrommeln zu erwähnen, die aber mehr zu den 
Signalinstrumenten gehören (s. u.), Kürbisrasseln, die zugleich Avichtige Aus- 
rüstungsstücke des Zauberarztes sind, Klappern aus Tierklaueu oder Frucht- 
schalen, Tanzstäbe aus ausgehöhltem Palmholz, die, taktmäßig auf den Boden 
gestoßen, dumpfe Töne abgeben, Rassellanzeu (Uaupes-, Yapurägebiet) usw. 
Die Tänze haben oft mimischen oder dramatischen Charakter; Fischzüge, Jagd- 
episoden, kriegerische Taten werden dargestellt. Zur Erhöhung der Wirkung 
setzt man Masken auf: damit ist der Übergang zu den magischen Tiertänzen 
gegeben (s.u.). Von Spielen ist das S. 236 erwähnte Ballspiel mit hohlen 
Kautschukbällen, die nicht mit der Hand, sondern nur mit Kopf oder Bein, 
Schulter oder Hüfte fortgeschleudert werden dürfen, weitverbreitet (Otomaken, 
Auetö, Paressi usw.); sonst spielt man mit Maisblattbällen, die mit den Händen 
geschlagen werden. 

Nicht immer ist der Verkehr zwischen den Stämmen, 
der jetzt meist aus Zusammenkünften bei Tanzfesten, zu Handels- 
zwecken usw. besteht, friedlich gewesen; ältere Berichte wissen 



268 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

viel von kriegerischen Völkern, die weithin ihren Namen furchtbar 
machten, von blutigen Fehden und barbarischen Kriegssitten zu 
erzählen, und die Kriegswaffen zeigen noch heute mannigfache und 
zvv^eckmäßige Ausbildung. 

K ri egs Waffen sind z. B. die mittels Wurfbrettern (s. o. S. 240) ge- 
schleuderten, mit steinernen Endkolben versehenen Wurfspeere des Xingüquell- 
gebietes, ferner 2—3 m lange Stoßlanzen mit einer Spitze aus Bambusrohr (die 
Nationalwaffe der Jivaro und Mundrukn) oder Jaguarröhrenknochen (Karajä). Die 
Lanzen sind bisweilen nur zugespitzte Stangen, aber mit deutlich abgesetzter 
Spitze (Uaupes- und Purüsgebiet). Die größte Mannigfaltigkeit der Formen zeigen 
die Keulen, die in der Gestalt runder Stab- oder Plachkeulen auftreten (die Stab- 
keulen an der Siidostgrenze des Waldgebietes, die Flachkeulen mehr im Westen 
und in Guayana; Abb. 102). Max Schmidt hat auf die enge Formverwandtschaft 
dieser Kriegskeulen mit Wirtschaftsgeräten (Grabhölzern, Rudern, Rührhölzern, 
Webeschwertern, Maisstampfern, Bastklopfern) hingewiesen und ist der Meinung, 
daß die merkwürdigen kurzen, vierkantigen Keulen Guayanas (Abb. 1U2 k) auf 
Axtstiele zurückgehen, da diese Keulen nicht selten durch eingesetzte Stein- 
beilklingen bewehrt sind. Vielfach werden die Keulen nur noch als Tanz- oder 
Zeremonialwaffen gebraucht (Abb. 102 h). — Bambusdolche mit Widerhaken sind 
bei den Kaschinaua angetroffen worden. Als Schutzwaffen dienen Rundschilde 
aus Tapirhaut oder Holz bei Juri (Abb. 103a), Jivaro (Abb. 103 c) und Pano- 
stämmen am oberen Juruä; sie werden mittels eines Quergriffes ebenso am linken 
Unterarm getragen, wie die viereckigen Schilde der Umaüa und Moscho, während 
ein Breitschild vom oberen Tapajöz den für Schilde dieser Art sonst typischen 
Längsgriff aufweist, den der Träger mit der Hand umfaßt (Abb. 103b). Auch 
die Schilde sind häufig zu Tanz- und Sportgeräten geworden, wie bei den 
Desana und Warraü. — Während ein Schutz der Dörfer durch besondere Ver- 
teidigungswerke nicht bekannt ist, schuf man sich im Westen, wo kriegerische 
Völker besonders oft ihre Nachbarn beunruhigten, ein vorzüglich organisiertes 
Signalwesen mit Hilfe der großen, zwischen vier Pfosten aufgehängten Schlitz- 
trommeln (Abb. 104), die, mit Kautschukklöppeln geschlagen, in stillen Nächten auf 
weite Strecken hin gehört wurden, das Herannahen des Feindes verkündeten und zu 
gemeinsamer Verteidigung aufforderten, in Friedenszeiten aber zur Teilnahme 
an den Festen zusammenriefen. Erst neuerdings ist die große Verbreitung 
dieses Signalwesens vom Orinoco bis zu den Anden (heute noch bei den Tukano, 
Uitoto und Jivaro) festgestellt worden; es hat sich teilweise zu einer regelrechten 
Trommelsprach e ausgewachsen. Auch bei den Auetö am oberen Xingü 
dienten ähnliche Holzpauken zum Zusammenrufen der Dorfgenossen. Die 
Kriegsführung besteht, wie bei allen Indianern, aus Überfällen aus dem 
Hinterhalte, selten aus offenen Kämpfen. Kriegervölker, wie die Miran5'a, Jivaro, 
Mundrukü, Osttupi, hatten es schon zu einer organisierten Kriegsführung ge- 
bracht, vor allem die Mundrukü, die Irokesen Südamerikas, die den Ruf ihrer 
gefürchteten Tapferkeit im achtzehnten Jahrhundert noch über den Tocantins 
hinaus bis nach Ostbrasilien verbreiteten; allgemeine Wehrpflicht, geordneter 
Vormarsch, Vorposten- und Signahvesen heben ihre Kriegsführung bereits auf 
eine höhere Stufe. Den getöteten Feinden schnitten sie die Köpfe ab, die nach 



Die Völker des tropischen Walilgebietes 



269 



der Entfernung des Gehirns mit Ton und vegetabilischen Ölen behandelt, über 
Feuer gedörrt und mit Federgehängen und künstliehen Augen (Harzballen) ge- 
schmückt wurden (Abb, 105 b) und für den Krieger ein kostbares, auszeichnendes 
Besitztum bildeten; er befestigte den Kopf mit einer Schnur am Gürtel oder steckte 
ihn auf eine Stange und trug ihn so überall bei sich. Die S ch äd e I tr ophäe 
fand sich auch sonst bei den Tupistämmen allgemein. Bei einem anderen Volke 
den Jivaro, hat sie sich in einer ganz besonders merkwürdigen Form erhalten, 
die, wie Seier nachgewiesen hat, bereits in der vorincaischen Zeit Perus be- 
kannt war und wohl von dorther stammt: mau zertrümmert das Knochen- 
gerüst des Kopfes, entfernt es durch einen Einschnitt am Hinterhaupt und dörrt 
den übrigbleiben- 
den „Skalp" durch 
Hineinlegen heißer 
Steine, so daß er zur 
Größe eines Affen- 
kopfes zusammen- 
schrumpft, aber die 
Form der Gesichts- 
züge bewahrt. Diese 
Köpfe (tsantsas, vgl. 
Abb. 105 a), deren 

zusamiuengenähte 
Lippen mit Knoten- 
schnüren verziert 
werden, bilden den 
Mittelpunkt eines 
Festes, bei dem sie 
auf einen Pfahl ge- 
steckt und umtanzt 
werden; von nun an 
sind sie persönliche 
Fetische ihrer Be- 
sitzer. — Auch die Menschenfresserei ist als Kriegssitte, als Racheakt 
an dem gefangenen Feinde, nicht selten; ihr liegen natürlich auch animistisehe 
Gedankengänge — das Verlangen, die Seele des tapferen Feindes in sich auf- 
zunehmen, daneben die Furcht vor der Rache des Totengeistes — zugrunde. 
In dieser Form findet sie sich im Westen (Kaschibo, MiraujM), vor allem aber 
bei den Ost- und Zentraltupi (Apiakä), die ihre Kriegsgefangenen eine Zeitlang 
gut behandelten, sogar mit Frauen des Stammes verheirateten, um sie dann eines 
Tages mit einer Keule zu erschlagen, zu zerstückeln und zu verzehren. Der 
einen Gefangenen erschlagen hatte, mulke einen neuen Namen annehmen. 

Das religiöse Leben der Waldindianer weist selten eine 
über primitiven Zauberglauben und Animismus hinausgehende Ent- 
wicklung auf; nur bei den Völkern am Ostrande der Anden und 
bei den Osttupi finden sich höhere Formen, die, worauf Ehrenreich 
zuerst hingewiesen hat, wohl sicher auf Einflüsse der Andenvölker 




Abb. 104. Siynaltrommel der Tukano 
(Xach Kocli-Grüiiljerg) 



270 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



zurückzuführen sind. Sonst stehen noch überall die Zauberhandlung 
und der Zauberpriester (Piay, Piaje, Paje) im Vordergrunde des 
religiösen Lebens. Der letztere wird von einem älteren Genossen 
in der Einsamkeit auf seinen Beruf vorbereitet, muß sich allerhand 
Proben unterziehen, z. B. Fasten, Kasteiungen und dem Genuß 
ekelerregender Substanzen (bei den Galibi läßt man ihn eine 





Abb. 105. Kopftrophäeii der Jivaro (a) und Mundrukü (b). Die 

letztere ist der von den Mundrukü erbeutete Kopf eines Yuruna mit der 

charakteristischen Haartracht dieses Stammes und reicher Verzierung 

nach Mundruküart (mit Federbinden, Baumwollschnüren usw.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Flüssigkeit trinken, in der Tabak- und Quinquinablätter aufgeweicht 
und einige Tropfen der Verwesungsflüssigkeit eines Menschen ent- 
halten sind), und übt, wenn er seine Charakterstärke dabei bewiesen 
hat, sein Amt in der gewöhnlichen Weise durch Exorzismus, Fern- 
und Sympathiezauber, magische Krankenheilung, Wetterzauber und 
ekstatischen Verkehr mit der Geisterwelt aus. 



Die Völker des tropischen Waldgebietes 271 

Sein Handwerkszeug- bilden die Kürbisrassel, das Schwirrholz als Lärm- 
instrument zur Vertreibung der Geister (es hat z. B. bei den Karipuna noch 
ernste Bedeutung, ist dagegen bei den Stämmen des oberen Xingü zu einem 
harmlosen Spielzeug geworden), die Zigarre, aus der er dichte Rauchwolken auf 
die kranken Stellen am Körper des Patienten bläst, Holzstäbchen, Steinchen, 
ein Dorn, eine Feder oder ein Tierzahn — die Dinge, die er scheinbar aus dem 
Körper des Patienten als Krankheitsstoff hervorsaugt. Die Kur ist wie ge- 
wölinlich mit Kneten, Saugen, Beblasen, Beräuchern, Anhauchen, Anspucken der 
kranken Teile verbunden. 

Nach dem Glauben der Roroimastämme findet bei der Kur ein Ring- 
kampf zwischen dem guten und dem bösen Zauberarzt statt, in dem der 
erstere, natürlich mit Unterstützung der guten Geister, siegt. Um mit dem 
Iguanchi (dem höchsten Wesen) in Verkehr treten zu können, bedarf der Zauber- 
arzt (Huischinu) der Jivaro eines Getränkes, das durch Abkochung einer Liane 
(Banisteria caapi) gewonnen wird und drei Tage währende, visionäre Zustände 
erzeugt. Dieser Prozedur unterwirft er sich auf einem Hügel angesichts des 
gewaltigen Andenvulkans Sangay, der als Sitz Iguanchis gilt. 

Keine Krankheit, kein Todesfall wird auf natürliche Ursachen 
zurückgeführt; immer ist es ein außerhalb des Stammes Stehender, 
der den Krankheitsstoff in den Körper des Betreffenden hineingehext 
hat, am häufigsten natürlich ein mächtiger Zauberer, und so kommt 
es, daß ganze Stämme sich gegenseitig der Behexung beschuldigen, z.B. 
in Guayana die Wapischana die Makuschi, am Purüs die Ipurinä die 
Yamamadi. Dieser unbekannte, zunächst ganz unbestimmt gedachte 
Zauberstoff („das Gift"), den ein Stamm gegen den anderen, ein 
Mensch gegen den anderen wirken läßt, heißt Marakaimbara bei 
den Stämmen des Uaupesgebietes, Kanaima bei denen des mittleren 
Guayana; bei den letzteren bezeichnet man mit Kanaima auch den 
feindseligen Besitzer dieses Zauberstofifes und andererseits seinen 
Gegner, der auszieht, um einen Todesfall an jenem zu rächen (S. 264). 
Die ganze Vorstellung geht wohl auf dieselbe Wurzel zurück, wie der 
Glaube an das ZauberÜuidum, das die Nordamerikaner mit Orenda, 
Manito oder Wakonda bezeichnen (s. o. S. 109, 121). 

Als Gegenmittel wenden die Taulipäng, wie Koch-Grünberg berichtet, 
Zaubersprüche an, die nicht nur von den Zauberärzten, sondern von jedem mit 
Erfolg gebraucht werden können und für jeden Einzelfall ihre besondere, auf- 
fallend an die „Sferseburger Zaubersprüche" erinnernde Form haben. Sie be- 
ziehen sich immer auf eine kurze Mythe, die gewissermaßen die Einleitung- 
dazu bildet, und in der hilfreiche Tiere, Pflanzen oder Naturgewalten oder 
auch die heimtückische Gesinnung irgendeines Stammesgenossen eine Rolle 
spielen. Wie jeder Gegenzauber zugleich wieder Zauber ist, werden diese oft 
formelhaft gewordenen Sprüche z. B. auch zur Erleichterung von Geburten, in 
der Absicht, Feinde zu Freunden zu machen u. dgl., gebraucht. 



272 AnuTika. III. Die Völker Südaiuerikas 

An diesem ursprünglichen Zauberglauben haben sich nun auch 
bereits allerlei Vorstellungen über das Wesen der Seele empor- 
gerankt. Der Glaube an eine Mehrheit von Seelen findet sich z. B. 
bei den Taulipäng. Bei Träumen und narkotischen Zuständen hält 
man allgemein die Seele für zeitweilig, beim Tode für dauernd vom 
Körper getrennt. Die Totenseele gilt als neiderfüllt und rach- 
süchtig gegenüber den Hinterbliebenen, und so geht man überall 
gegen sie, die bald auch mit bösartigen Dämonen aller Art verschmilzt 
(bei den Osttupi z. B. mit unheimlichen Waldkobolden, Kaipora 
und Yurupary), angreifend oder abvv^ehrend vor. Dies tritt in der 
Behandlung der Sterbenden und Toten und in den Bestattungs- 
formen in sehr realistischer Weise hervor, wie Koch-Grünberg 
in seiner Monographie über den Animismus der Südamerikaner aus- 
geführt hat. 

Grabbeig-aben. Bestattung- in der Hütte selbst (Uaupesstämrae, Mundrukü, 
Yuruna) oder Errichtung' einer besonderen Hütte über dem Grabe (Purüs- 
stämme, Karajä) Verfolgen den Zweck, den Toten zu versöhnen; er wird ganz 
so behandelt wie ein Lebender. Daher lieg-t er auch im Grabe in seiner Häng-o- 
matte, bisweilen selbst freischwebend, um nicht mit der Erde in Berührung zu 
kommen (Karajä). Der wilde Maquarritanz der Arawaken in Britisch-Guayana. 
bei dem sich die Teilnehmer gegenseitig blutig peitschen, hat den Zweck, der 
Rachsucht des Toten gewissermaßen entgegenzukommen. Eine Reihe anderer 
Maßnahmen zielt darauf, die Rückkelir des Totengeistes gewaltsam zu ver- 
hindern (Zerstörung seiner Hütte, Schwingen der Schwirrhölzer bei den Karipuna. 
Peitschenknallen bei den Ojana) oder ihn wehrlos zu machen (Verstümmelung 
oder Fesselung des Leichnams; auch die Umzäunung des Grabes im Xingn- 
quellgebiet gehört hierher). In den weitaus meisten bisher erwähnten Fällen 
liegt einfaches Erdbegräbnis vor, bei dem der Tote in eine Hängematte 
eingeAvickelt, auf ein Brett gebunden oder in einen ausgehöhlten Baumstamm 
(Kanu) gebettet wird. Anders war die Bestattungsform der meisten östlichen 
Tupistämme (Guarani, Tupinamba), die ihre Toten in großen Urnen (Igagabas. 
Alib. 84) beisetzten, damit die Erde den Toten nicht beschwere — vielleicht 
wohl auch, um die Rückkehr des Totengeistes wirksam zu verhindern. (Über 
den mutmaßlich westlichen Ursprung des Urnenbegräbnisses vgl. S. 234.) Von 
dieser direkten ist die sekundäre Bestattung in Urnen (Abb. 86, 87) oder 
Körben zu unterscheiden. Der Tote wird bis zur Verwesung in gewöhnlicher 
Weise in der Erde begraben (oder man läßt ihn auch von Fischen oder Ameisen 
skelettieren), dann werden die Knochen gereinigt, nicht selten bemalt und in die 
erwähnten Behälter getan. Das bekannteste Beispiel dieser Bestattungsform findet 
sich im Reisewerke Humboldts, der bei den Ature am Orinoco sechshundert in 
dieser Weise in Körben aus Palmblattsticlen bestattete Skelette vorfand ; auch 
sonst ist sie vor allem den Aruak (Goajiro, Ipurinä, Moscho, Marajö) und den 
Karaiben Guayanas sowie mehreren unter ihrem Einfluß stehenden Tupistämmen 
(Oyampi, Omagua, Apiaka) eigentümlich. Im Westen, wo Panostämme (Mayoruna 



Die Völker des tropischen Waldgebietes 



273 







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und Kaschibo) ihre Alten und Kranken töten und verzeliren, herrscht auch der 
Brauch (bei den Konibo und Kokama), die gerösteten und zu Staub zermahlenen 
Knochen der Toten mit starken Getränken vermischt bei bestimmten Festen zu 
g-enießen; derselbe Brauch kehrt, mit der sekundären Bestattung- verbunden, bei 
vielen Tukanovölkern 
des üaupes- und 
Yapurägebietes und 
weiter nördlich bis 
zu den Inselkaraiben 
wieder. Wenn hier 
das Verlangen, die in 
den Knochen lebende 
Seele des Toten in 
sich aufzunehmen, vor- 
waltet, so hat das Be- 
streben, den Leib des 
Toten möglichst zu er- 
halten, zum Räuchern 
der Leichen bei den 
Mauhe und zur Platt- 
formbestattung bei 
den Warraii (das ein- 
zige, bisher aus dem 
nördlichen Südamerika 
bekannte Beispiel die- 
ser Bestattungsform !) 
geführt. Verhältnis- 
mäßig sehr selten tritt 
Leichenverbrennung 
auf (Pano, Ojana). 

Den Totengeist 
zu versöhnen und 
abzuwehren, dienen 
bei den Kobeua 
(Tukano) und den 
durch sie stark be- 
einflußten Aruak- 
stämme n am Uaupe s 
und Igana (Kaua 
usw.) Masken- 
tänze. Diese haben aber nach Koch-Grünberg zugleich noch einen 
anderen, wichtigen Zweck, der sich bei Maskentänzen überhaupt oft 
mit jenem verbindet: die Ausübung eines Jagd- und Fruchtbarkeits- 
zaubers, einmal durch Abwehr der Feinde des Jägers (z. B. des 

Völkerkunde I Ig 




Abb. 106. Maskentänzer der Kaua am Rio Aiary (einem 
Nebenfluß des L>ana), den Jaguar darstellend (daher die 
Fleckenzeichnung auf dem Bastüberzug). Er brummt 
in den vorgehaltiMion Topf hinein, um das dumpfe Ge- 
brüll des Raubtiers nachzuahmen 
(Xacli Koeli-Grüiiberg) 



274 Amerika. III. Die Völker Siidanierikas 

Jaguars, böswilliger Waldgeister) und des Feldbaus (Raupen usw.), 
sodann durch unmittelbare Beeinflussung der Jagdtiere selbst (mimische 
Nachahmung der Jagd) und durch Befruchtung der Felder, Menschen 
und Tiere (Phallustanz). 

Die Kobeua- und Kauaniaskeii (Al)l). 106) sind bemalte Überzüge 
aus Bast, die der Tänzer überzieht und die bis zu den Knien reichen; sie 
stellen Tiere, Dämonen, Kiesen und Zwerge dar, und der Tänzer gibt die 
charakteristischen Bewegung-en und Tätig-keiten dieser Wesen pantomimisch 
wieder, oft in ganz dramatischer Weise. Z.B. wird zum Ausdruck gebracht, wie 
die bösen Geister, die aus dem Walde kommen, den Eintritt in die „Maloka" 
(S. 248) erzwingen wollen, aber von zwei anderen Masken im Innern der Maloka 
abgewiesen werden. Ahnliche Masken sind auch in dem Gebiete zwischen 
Yapurä und Ica verbreitet (z.B. bei den Juri und Peba). Die Yahuna 
haben Maskenanzüge mit zylindrischen Kopfaufsätzen aus Holz wie die Tikuna, 
bei denen Spix und Martins im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts auch 
Tänzer mit BastüberzUgen und phantastischen Menschen- und Tierköpfen (von 
Jaguaren, Tapiren, Vögeln) sahen, die über einem Gestell mittels Baumharz model- 
liert waren. Ein zweites grolies Maskengebiet liegt südlieh vom Amazonenstrom. 
Für die Kar aj ä sind dukdukartige Masken typisch: geflochtene zylindrische und 
mosaikartig mit Federn beklebte große Kopfaufsätze, die gleichfalls durchweg 
Tiere (besonders Fische) darstellen sollen. Daneben gibt es Avieder vollständige 
Maskenanzüge, die aus Palmblatt geflochten sind. Die Frauen dürfen bei ihnen 
die in besonderen Hütten aufbeAvahrten Masken nicht ohne die Tänzer erblicken. 
Von den eigentlichen, stets paarweise erscheinenden Tanzmasken, die hauptsäch- 
lich in der Regenzeit in Tätigkeit treten, sind Bettelmasken zu unterscheiden, 
deren Träger Gaben heischend in den Dörfern umherziehen. Eine reiche Fülle 
von Masken begegnet uns dann wieder im Xingüquellgebiete; Kopfaufsätze, 
Strohmützen, ganze Anzüge aus Geflecht, ovale Reifen mit Raumwoligeflecht und 
schließlich bemalte viereckige Holzmasken mit stark vorspringendem Stirnteile 
finden sich nebeneinander (Abb, 100, Fig. 1 — 3). Auch sie sollen Tiere darstellen; doch 
sind die Masken hier mehr profan, sie werden nicht ängstlich vor den Frauen gehütet. 

Bei den Aruakstänimen am Igana und weiter nördlich, am 
oberen Orinoco, besteht ein Geheimbund, der in der Zeit, wenn die 
Palmfrüchte reifen, in Tätigkeit tritt und durch das Blasen großer 
Holzflöten einen Fruchtbarkeitszauber auszuüben sucht. Die Auf- 
nahme in diesen Bund ist mit schmerzhaften Kasteiungen und 
Geißelungen verknüpft; sein Schutzherr ist ein Sonnenwesen Isi 
(auch Koai oder Kaschimana genannt). Die Kultmythe erzählt, 
wie ihn der Mond mit Zauberkraft ausstattet und die Mysterien 
des Geheimbundes lehrt, die er dann seinem Volke mitteilt. — Der 
Glaube an Dämonen und Geister aller Art hat sich nur selten zu 
einer Vorstellung persönlicher Gottheiten erhoben, so wenig wie die 
schamanistischen Riten echten Kulthandlungen Platz gemacht haben. 



Die Völker des tropisclieii Waldg-ebietes 275 

„Alle geheimnisvollen Naturlaute und Geräusche, wie sie nachts im Dunkel 
der Wälder, im Rauschen des Wassers, im Brausen des Sturmes auf Sinn und 
Gremüt des südamerikanischen Wilden einwirken, verdichten sich in seiner 
Phantasie zu g-espenstigen Wesen" (Ehrenreich). Am Uaupes g-laubt man an 
Mäkukö, einen bärtigen Zwerg-, der den Jäger foppt, indem er ihm die Beute 
vor der Nase wegschnappt, und sogar Menschen mit seinen Giftpfeilen tötet. 
Schlangendämonen (Nukaima), die sich in den dumpfen Tönen großer Blashörner 
und Flöten bemerkbar machen, werden bei den Paressi sehr gefürchtet. Zwei un- 
heimliche Waldkobolde in Jaguargestalt, die Kinder rauben, hießen bei den Ost- 
tupi Yurupary und Kaipora; ein Wasserunhold derselben Stämme ist der Dämon 
Ipupiära. Auch Naturerscheinungen haben, wenn auch seltener, Anlaß zu dem 
Glauben an dämonische Wesen gegeben; die Rauchfahnen, die sieh bei den 
Savannenbränden entwickeln, die Meteore, die in dunklen Nächten ihre Feuer- 
bahn am Himmel ziehen, sind böse Dämonen bei den Stämmen, die am Roroima- 
gebirge wohnen. Endlich geht eine Klasse von Dämonen offenbar auf den 
Glauben an Totengeister zurück, wie die Anhanga der Tupi und die skelett- 
gestaltigen Kamiri der Ipurinä. 

Im allgemeinen ist, wie Ehrenreich bemerkt hat, die Rolle, 
die die genannten Geister im Naturleben selbst spielen, durchaus 
untergeordnet; ihre Wirksamkeit beschränkt sich auf rein mensch- 
liche Verhältnisse und gipfelt gewöhnlich in der Schädigung, Be- 
lästigung und Fopperei der Menschen. Das ist begreiflich in einem 
Lande, wo sich der Jahreszeitenwechsel mit größter Regelmäßigkeit 
vollzieht und höchstens tierische Schädlinge die Erträgnisse des 
Bodens, der Jagd und Fischerei bedrohen. Anders ist es mit den 
Gestalten der Mythologie, die, von genealogischen Zusammen- 
hängen abgesehen, keine engeren Beziehungen zum Menschen haben 
und daher auch keiner magischen Beeinflussung bedürfen. 

Wir haben es hier im wesentlichen mit einer Naturmythologie 
zu tun, nicht nur weil die Gestaltung der belebten und unbelebten 
Welt (nicht die Weltschöpfiing selbst) ihren Hauptinhalt bildet, 
sondern weil alle Naturvorgänge darin als Handlungen persönlicher 
oder überhaupt beseelter Wesen aufgefaßt werden. Sonne und 
Mond sind auch in Südamerika die wichtigsten, mythenbildenden 
Faktoren ; allerdings werden die beiden großen Gestirne in den 
Mythen meist durch Kulturheroen ersetzt, die unter mehr oder 
weniger leichter Verhüllung die Eigenschaften von Sonnen- oder 
Mondwesen tragen und, wie in Nordamerika, oft als Zwillings- 
paar mit deutlichen Beziehungen zum Tages- und Nachtgestirn er- 
scheinen. Oft steht neben den beiden noch eine Art höchsten 
Wesens, ein Urhebergott, der zugleich Ahnlierr des Stammes 



276 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

ist. Diese "Wesen sind nicht notwendig Menschen, sondern ebenso 
oft Tiere. Die große Rolle der Tierwelt in den Mythen zeigt, 
wie selbst diese bodenbaiienden Stämme noch ganz in der Welt- 
anschauung des Jägertums befangen sind. Eine ganze Klasse von 
Märchen dient lediglich dazu, um die Entstehung der verschiedenen 
Eigenschaften der Tiere zu erklären. 

Sonne und Mond sind nach der Anschauung der Bakairi Federbälle, 
die ursprünglich von Urubi'igeiern regellos umhergetragen Averden, bis sich die 
Zwillingsheroen Keri und Käme durch List ihrer bemächtigen und sie in eine 
bestimmte Bahn bannen ; nachts wird die Sonne mit einem Topf bedeckt. Die 
froschgestaltige Urmuttor Wau-uta der Warraü und ihr Adoptivsohn Haburi, 
den sie durch Zaubermittel rasch wachsen läßt, spiegeln den Gegensatz 
von Vollmond und Neumond wider; die Uitoto unterscheiden dagegen, wie 
Preuß jüngst erkundete, ein SonneuAvesen Husiniamui, das nie stiibt, von dem 
sterbenden, aber immer wieder sich erneuernden Urvater Moma (dem Mond). — 
In der stark mit aruakischen Elementen durchsetzten Mythologie der Bakairi 
tritt neben den spinnengestaltigen Urvater Kamuschini, der die Männer aus 
Pfeilrohr, die Frauen aus Maisstampfern schafft, ein mythisches Brüderpaar, 
die schon erwähnten Keri und Käme. Ähnliche ZAvillingshelden sind 
von den Makuschi (Makunaima und Pia) im Norden und von den Osttupi und 
Mundrukü, Guarayü und Yurakare (Tiri und Karu) im Süden des Amazonas 
bekannt. Sie sind fast immer Sonnenabkömmlinge und Averden unbefleckt 
empfangen. Die Mutter erleidet bei ihrer Geburt den Tod und wird von den 
Brüdern gerächt. Der göttliche Vater, den sie aufsuchen, unterwirft sie Proben, 
ehe er sie anerkennt. Der solare oder lunare Grundzug dieser Wesen tritt 
vor allem in den Verschlingungsm.ythen deutlich hervor, in denen, wie überall 
sonst, Sonnen- oder Mondfinsternisse geschildert Averden. Ihre Wirksamkeit 
endlich besteht neben der Menschenschöpfung besonders in der Verbreitung 
der Kulturpflanzen, die ursprünglich im Besitz von Tieren Avaren, denen sie 
mit List oder GeAvalt entrissen Averden müssen, Keri nimmt z. B. Tabak und 
BaumAvolle dem Wickclbären, Mandioka dem Reh ab und gibt sie den Menschen. 
Die ersten Menschen sind nach der Anschauung der Aruak aus einem 
Erdloch hervorgekommen, nach der der Karaiben vom Himmel herabgestiegen. 

Ihren Höhepunkt erreicht die Mythologie der Südamerikaner 
bei den Osttupi, die einen ganzen Stammbaum von Kulturheroen 
besaßen. Im Anbeginn aller Dinge steht der Schöpfergott Monan, 
der einen Weltbrand erregt, bei dem nur ein Mensch (Irinmage) 
gerettet wird. Von diesem stammt der eigentliche Weltbildner ab 
(Maire Monan), von diesem wieder Sume oder Maire Ata, der 
„große Wanderer" und Vater des mythischen Zwillingspaares 
Tamenduare und Arikute, die nach einer Sintflut die Stammväter 
der beiden Hauptgruppen der Osttupi (Tamoyo und Tupinikin) 
werden. Wahrscheinlich ist dies verwickelte Mythengebilde ebenso 



Die Bevölkerung- Westindiens 277 

auf den Einfluß der andinen Kultur völker zurückzuführen, 
wie das merkwürdig reiche Pantheon der Takanä und Yurakäre, das 
Götter des Wassers und Feuers, des Krieges und der Krankheiten 
umfaßt, die in Tempeln verehrt und durch Idole dargestellt wurden. 



h) Die Beyölkerung Westiiidiens 

Das Hauptvolk Westindiens waren die Aruak (S. 222). Sie 
hatten auf Cuba und Haiti eine troglodytische Urbevölkerung 
verdrängt und wurden auf den Bahamas Yucayos, auf Cuba 
Cibuney, auf den übrigen Großen Antillen Taino genannt; die 
von den Karaiben unterjochten aruakischen Bewohner der Kleinen 
Antillen hießen Allouages (= Aruak) und Inyeri. Diese Insel- 
karaiben oder Calina, die den Galibi (S. 222) nahe verwandt 
waren, hatten zur Zeit, als Columbus zum erstenmal seinen Fuß 
auf amerikanischen Boden setzte, bereits sämtliche Kleinen Antillen 
überschwemmt, sich schon das Übergewicht auf Boriquen (Puertorico) 
verschafft und ein Reich mit aruakisch-karaibischer Mischbevölkerung 
(Ciguayos) auf Haiti gegründet; sie bedrängten die aruakischen 
Häuptlinge an der Nordküste dieser Insel und ließen ihr Kriegs- 
geschrei schon auf Cuba erschallen — da setzte die Entdeckung 
Amerikas ihrem Vordringen nach Norden ein Ziel. 

Keinem anderen amerikanischen Volke ist so furchtbar von seinen Ent- 
deckern mitgespielt worden wie den Bewohnern der Antillen. Mußten sie doch 
als erste die schonungslose Ausbeutung durch das System der Repartimientos, 
d. h. der auf den Frondienst der Eingeborenen angewiesenen Lehnsgüter, über 
sich ergehen lassen. Mit unheimlicher Schnelligkeit sanken sie dalün ; schon 
fünfzig Jahre nach der Ankunft der Spanier war auf Haiti und wenige Jahr- 
zehnte später auf den übrigen Großen Antillen bis auf Puerto Rico, das die 
Spanier wegen seiner Goldarmut weniger lockte, keine einheimische Be- 
völkerung mehr anzutreffen. Die Karaiben auf den Kleinen Antillen ver- 
mochten sich infolge ihrer zäheren Widerstandskraft länger (bis ins siebzehnte 
Jahrhundert) zu halten. Gegenwärtig sind auch sie fast ausgestorben ; mit 
Negern vermischte Reste („schwarze Karaiben") wurden 1797 durch die Eng- 
länder von St. Vincent nach der Insel Roatan an der Küste von Honduras über- 
führt, von wo sie sich nach der naheliegenden Festlandsküste von Guatemala, 
Britisch- und Spanisch-Honduras verbreitet haben. 

Die materielle Kultur zeigt bei den Bewohnern Westindiens im 
allgemeinen dieselben Formen wie im tropischen Waldgebiete. Sie 
kannten die Bodenkultur in der Form der Rodungswirtschaft, bei 
der der Pflanzstock das Hauptarbeitsgerät und Mandioka und Mais, 



278 



Amerika. IIL Die Völker Südamerikas 



Kürbisse und Bohnen, Yams und Bataten, Ananas und spanischer 
Pfeffer die wichtigsten Anbaupflanzen waren; ferner die Bereitung 
berauschender Getränke aus Mandioka und Mais, das Rauchen und 
Schnupfen des Tabaks mittels Zigarren und Y förmigen Schnupf- 
röhren (vgl. Taf. X, Fig. 21) und die Hängematte als wichtigstes 
Stück des Hausrates — mahiz, tabaco, hamaca (daraus engl, hani- 
mock, deutsch „Hangmatte") sind Tainoworte. Die Jagd trat 
sehr zurück, da sich die vierfüßige Tierwelt im wesentlichen auf 
Xagetiere beschränkte; der Fischfang lieferte dagegen reiche 
Beute. 




iU-, 



Alili.107. „Buhio" uiul „Caneye",Jdie beiden Haustypen der Aruak von Cuba und Haiti 

(Kach Oviedo) 

Über beide liaben uns die Entdecker interessante Einzelheiten überliefert; 
sie beschreiben uns z. B. die Entenjagd mit „Jagdmasken" (mit einer hohlen 
Kürbisschale auf dem Kopfe mischte man sich schwimmend unter die nichts 
ahnenden Tiere) und den Fischfang mit der „Remora", einem Fischchen der 
Gattung Echeneis, das, an einer langen Schnur befestigt, selbst auf größere 
Wassertiere losgelassen wurde und sich an ihnen festsaugte. 

Als Behausungen fanden die Entdecker Kegeldachhütten mit 
Blätterdächern und VVandpfosten, zwischen denen Rohrgeflechte die 
Wände bildeten, neben rechteckigen Giebeldachhäusern (für die Häupt- 
linge) vor, also die gleiche Mischung der beiden Stile, die in neuerer 
Zeit auch in Guayana angetroffen wurde (Abb. 107; vgl. Abb. 83, 
Fig. 5). An der Nordküste Cubas gab es außerdem Pfahlbauten wie 
in Florida (S. 106). Die Kleidung war trotz der entwickelten 
Baumwollweberei sehr geringfügig; sie beschränkte sich fast ganz 
auf die Enaguas, d. h. die mehr oder weniger langen, gewebten 
Röcke, die die verheirateten Frauen um die Hüften trugen. Während 
die Taino sich durch Kopfabplattung und überaus kunstvolle 
Haarschuren auszeichneten, also durch Formen der Körperverzie- 



Die Bevölkeiuno- Wcstiiidicas 



279 



rung, die sie mit den übrigen Randvölkern des mexikanischen Golfes 
verbanden, gehörten Körperbemalung und einschnürende 
Baumwollbinden unter den Knien und an den Knöcheln, zwischen 
denen die Waden hervorquollen, kugelrund und prall, „wie zwei 
holländische Käse", ebensosehr zum Nationalschmuck der Insel- 
karaiben wie zu dem der festländischen (S. 252). Als Waffen 



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Abb. 108. Steinerne Stampfer oder Reiber von Haiti (-/s u. Gr.) 
(Abguß und Original im Berliner Museum für Völkerkunde) 

führten die Karaiben neben Bögen und vergifteten Pfeilen schwere 
Keulen; schon dadurch waren sie ihren Tainogegnern , die nur 
Speere und Wurfbretter besaßen, überlegen. 

Ihre Kriege waren Piratenzüge großen Stils. Mundvorräte, Hängematten 
und geflochtene Matten für das Nachtquartier wurden in den Booten verstaut; 
in jedem befand sich ein Weib , das für die Mannschaft zu kochen und das 
Kämmen und Bemalen der letzteren mit Urukü zu besorgen hatte, denn dieser 
Farbanstrich schützte die Seefahrer gegen die beißende Salzkruste des Meer- 



280 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Wassers (vgl. S. 254). Muschelhörner, Sprächrohre und Rauchsignale, die die 
Verbindung der Boote aufrechterhielten, verkündeten zugleich den geängstigten 
Aruak das Erscheinen dieser furchtbaren Räuber, die vor Fahrten von 280 — 300 km 
(Petrus Martyr gibt selbst 1800 km an) keineswegs zurückscheuten. Guadeloupe, 
Dominica und Martinique waren die gewöhnlichen Ausgangspunkte ihrer 
Fahrten, denn hier lagen die Zentren der Macht der Inselkaraiben. Wo sie 
auf einer Insel landeten, schlachteten sie alle Männer ab, behielten die 
Köpfe als Trophäen und brieten und verzehrten die Leichen (das Wort 
„Kannibale" ist bekanntlich aus einer Verdrehung des Namens „Karaibe" 
entstanden). Die Frauen und Kinder wurden dagegen in den Stamm auf- 
genommen, woraus sich teilweise die merkwürdige Tatsache erklärt, daß die 
Entdecker bei den Karaiben eine von der Männersj)rache versclüedene Frauen- 
mundart vorfanden. 

In den technischen Künsten zeigten die Antillenbewohner 
bemerkenswerte Fortschritte über die Stufe, die ihre Stammesbrüder 
auf dem Festlande hierin erreicht hatten. Von ihrer Holzschnitz- 
kunst, die gut gearbeitete Menschen- und Tierfiguren hervorbrachte, 
ihrer Steinbearbeitung, die in spitzovalen Steinringen, Stampfern 
(Abb. 108) und Beilklingen Hervorragendes leistete, und ihrer 
Töpferei bewahren die Museen von Washington und London eine 
Reihe guter Proben auf. Am bemerkenswertesten sind die 
„duhos", vierfüßige Sessel aus Holz oder Stein in Tiergestalt, 
ebensolche Mahlsteine und kunstvoll geschnitzte Tragfiguren, die 
wohl Opfertischen als Fuß dienten. Alle drei erinnern an mittel- 
amerikanische Skulpturen; diese ganze, bei den südamerikanischen 
Waldindianern so wenig ausgebildete Plastik ist zweifellos auf 
mittelamerikanische Einflüsse zurückzuführen, ebenso wie 
die beginnende Metalltechnik — goldene Nasenzierate und andere 
Schmucksachen trafen die Entdecker wiederholt an — , die Schlitz- 
trommel in ihrer besonderen, mittelamerikanischen Form (mit zwei 
Zungen) und das Spiel mit Kautschukbällen, die nicht mit der Hand, 
sondern mit dem Rücken geschleudert wurden (vgl. S. 196, 236). 

Diese Beziehungen zu Mittelamerika sind nicht weiter wunder- 
bar, denn reger Handel und Kulturaustausch haben offenbar im 
„amerikanischen Mittelmeer" geherrscht. Cuba und Yucatan, die 
Bahamas und Florida standen in Handelsaustausch (aus Yucatan 
kam Bienenwachs nach Cuba), und schon während Columbus' erster 
Reise erhielt sein Pilot Pinzön auf Haiti dunkle Kunde von den 
großen Kulturreichen im Süden. Dieser Seeverkehr war nur möglich 
bei einer Entwicklung der Schiffahrt, die alles, was in dieser 
Hinsicht sonst aus Amerika bekannt ist, in Schatten stellte. 



Die Bevölkerung- Westindiens 281 

Unter den Inselaruaken waren die Bewohner der Bahamas und der Insel 
Jamaica, die am weitesten abseits von den g-ewöhnlichen Fahrstraßen der karai- 
bischen Piraten lag:en, die Seetüchtigsten, wohingegen auf Puertorico die Karaiben 
die Aruak völlig vom Meere weggefegt und ins Binnenland gedrängt hatten. 
Während aber die aruakischen Kanus trotz ihrer riesigen Länge (Columbus 
spricht von 29 m und einer Besatzung von siebzig bis achtzig Ruderern) ein- 
fache Einbäume waren, die nur am Bug Schnitzerei und Bemalung trugen, 
besaßen die Karaiben neben ganz kleinen Balkenbalsas für den Fischfang und 
mittelgroßen Einbäumen (Canoas) für die Verkehrsbedürfnisse einzelner Familien 
mächtige „Piraguas", Einbäume mit einer Borderhöhung von aufgenähten, etwa 
40 cm hohen Planken. Dies waren die eigentlichen Kriegsfahrzeuge ; sie hatten 
13—19 m Länge, 2,25—3,25 m Breite und fünfzig bis sechzig Mann Besatzung. 
Ob sie schon in vorcolumbischer Zeit baumwollene Segel trugen, wie später, 
ist ungewiß, da die frühesten Berichterstatter, z. B. Petrus Martyr, Segel nie 
erwähnen (Friederici). 

Die sozialen Verhältnisse auf den Großen Antillen sind 
vor allem durch ein außerordentliches Erstarken der Häuptlings- 
macht gekennzeichnet, die mit ihrem Etikettewesen, ihren Tabu- 
vorschriften usw. fast an polynesische Einrichtungen erinnert. Einige 
zu besonderer Macht gelangte Kaziken hatten sich durch Unter- 
werfung ihrer Rivalen einen Peudaladel (nitaynos) geschaffen, 
und endlich gab es neben Adel und gewöhnlichem Volk noch einen 
Stand rechtloser Sklaven. Haiti zerfiel zur Zeit der Entdeckung 
in füuf größere Kazikate, von denen vier von Häuptlingen aruakischer 
Herkunft (Guarionex, Guacanagari, Behechio und Cayacoa) regiert 
wurden, während das fünfte einem karaibischen Usurpator (Caonabo) 
unterstand. Auch in dem Auftreten dieses Ständewesens und starken 
Häuptlingstums wird man den Einfluß der mittelamerikanischen 
Kulturvölker erblicken können. 

Die Erbfolge in den Kazikaten war nach Vaterrecht geregelt. War kein 
Sohn vorhanden, so folgte der älteste Bruder des Verstorbenen oder ein männ- 
liches Mitglied der Familie der Frau, wenn das Kazikat von dieser stammte. 
Waren nur noch Neffen vorhanden, so Avurden die Schwesterkinder bevorzugt. 
Hierin spricht sich offenbar die Existenz eines älteren Mutterrechts aus. 

In offenbarem Zusammenhange mit diesem starken Häuptlings- 
tum ist auf den Großen Antillen und, dadurch beeinflußt, auch bei 
den Inselkaraiben der Ahnenkult zu hoher Blüte gelangt. 

Die Seelen der Vorfahren (Zemi bei den Taino , Maboya bei den Insel- 
karaiben) sind sowohl Schutz- als auch Plagegeister und haben auch Beziehungen 
zu Naturvorgängen, denn ihr Harn und Schweiß ist der liegen. Sie konnten 
dienstbar gemacht werden, wenn ihr Aufenthaltsort, an den sie gebunden waren, 
in den Händen der Menschen blieb. In erster Linie waren dies außer Bäumen, 
Höhlen usav. die Knochen, und auf Cuba und Haiti wurden deshalb die sorg- 



282 



AiiiL-rika. III. Die Völker Südamerikas 



fältig hergerichteten Schädel der Verstorbenen aufbewahrt. Die Schädel und 
Knochen der Kaziken wurden in hölzerne, inwendig hohle Ahnenbilder oder 
aus Baumwolle gestrickte Figuren gesteckt, die man in besonderen Hütten oder 
Höhlen aufbewahrte (ein baumwollenes Ahnenbild ist z. B. in einer Höhle bei 
Sto. Domingo gefunden worden); aber auch das Ahnenbild allein (aus Ton, Stein 
oder Gold) genügte schon als persönlicher Fetisch und wirksames Amulett 
gegen allerlei Unheil. 

Die Zauberärzte 
(Butio, Boye; bei den 
Inselkaraiben Piache) ent- 
sprechen ganz den Paje 
des Festlandes (S. 27U), 
und auch die Anfänge 
eines Kultus mit rhyth- 
mischen Gesängen und 
Tänzen (areytos) scheinen 
nicht über das hinaus- 
gegangen zu sein, was die 
Waldindianer im Süden in 
dieser Beziehung besaßen. 
Götterglaube und 
Mythologie der Taino 
zeigen dagegen wiederum 
eine höhere Entwicklung 
und deuten auf mittel- 
amerikanische Einflüsse 
hin. Man glaubte an 
einen höchsten Himmels- 
gott, Yocaüna oder Gua- 
raaönocon (die Sonne), 
dessen Mutter Mamona 
vielleicht den Mond ver- 
körpert; daneben, wie das bei einem seefahrenden Volke natürlich 
ist, an AVindwesen, z, B. den Sturmgott Uragan, dessen Name noch 
heute in den Worten Hurricane und Orkan fortlebt. 

Sonne, Mond und lAIenschen gehen aus Höhlen liervor, doch werden die 
ersten Menschen, die sich vorwitzig aus der Höhle hervorwagen, von der Sonne 
in Steine verwandelt, die folgenden in Bäume, Vögel usw., bis endlich die zuletzt 
Hervorgekommenen Menschen bleiben — ein mythischer Zug. der an die Auf- 
einanderfolge mehrerer unvollkommener Menschonschöpfungen in der mexi- 
kanischen Mythologie erinnert (S. 203). In einem Kürbis liält einer der Urväter, 




Abb. 109. Botokudin mit Lippen- und Ohrptlock 

(NTach .einer Photographie im Besitze des Berliner 

Museums für Völiierkunde) 



Die Bevölkeruno- Ostbrasilioiis 



283 



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Yaya, das Weltmeer verschlossen, das sich über 
die Erde ergießt und eine Sintflut ver- 
ursacht, als Ncugierig-e den Kürbis öffnen und 
aus Schreck über das plötzliche Erscheinen 
Yayas fallen lassen. 

c) Die Bevölkerung Ostbrasiliens 

Portugiesen, Franzosen und Hol- 
länder, die sich im Laufe des sech- 
zehnten und siebzehnten Jahrhunderts 
an der brasilischen Ostküste niederließen, 
fanden die ganze Küste und ihr Hinter- 
land von zwei Völkern bewohnt, die sie 
Tupi und Tapuya — das letztere 
bedeutet „Feind" im Tupi — nannteu. 
In den Kämpfen zwischen den koloni- 
sierenden Mächten wurden auch die 
Indianer gezwungen, Partei zu ergreifen. 
Die direkt an der Küste wohnenden 
Tupi verloren bald ihre nationale 
Eigenart und die Reinheit ihres Blutes ; 
sie bilden heute die Bevölkerung arm- 
seliger Fischerdörfer — die letzten Eeste 
einst mächtiger Stämme, deren wichtigste 
die T a m o y im Gebiete des heutigen Rio 
de Janeiro, die Tupinikin im Hmter- 
lande von Santos, die Tupinamba um 
Rio, Porto Seguro und Bahia und die 
Kayete um Pernambuco waren. Als 
Ostzweig der großen Tupifamilie gehören 
sie kulturell durchaus mit den Stämmen 
des inneren Brasiliens (s. Abschnitt a) 

zusammen. — Unter „Tapuya" wurde ^^_^^ _ 

in alter Zeit eine Reihe verschiedener « ^ ^ -1 

Sprachgruppen zusammengefaßt. Ihre 
Hauptmasse bilden die Gesvölker 

des ostbrasilianischen Plateaus und seiner Abdachung zum Meere, 
die schon in der Einleitung einzeln aufgezählt sind. Vorzugs- 
weise mit ihnen haben wir es im vorliegenden Abschnitte zu tun, 
ferner mit den Goyatakäs, die allerdings stärker durch die Ost- 



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284 Amerika. TU. Die Völker Südamerikas 

tupi beeinflußt erscheinen als die Ges. Wir schließen ihnen auch 
die Bororö im zentralen Mato Grosso an, die gemeinsam mit den 
Ges betrachtet werden können, da sie in Kulturbesitz und Lebens- 
weise vielfach mit ihnen übereinstimmen. 

Eine Menge ethnographischer Besonderheiten berechtigt dazu, 
diese Gruppe von Völkern den Bewohnern des tropischen Wald- 
gebietes sowohl als auch den Küstentupi als eine durchaus anders- 
artige Bevölkerungsschicht gegenüberzustellen. Ihr fehlt ein großer 
Teil des Kulturbesitzes jener, und auf Grund dessen müssen wir 
sie als eine weit ursprünglichere, vielleicht in ihrem Gebiete uran- 
gesessene Völkergruppe ansehen (vgl. auch S. 55). Es sind nomadische 
Jägerstämme; Ackerbau und Mandiokakultur sind ihnen ursprünglich 
ganz fremd (daher auch berauschende Getränke, Narkotika wie Tabak 
usw.), ebenso Töpferei, Spinnen und Weben, vollkommenere Haus- 
formen, Hängematten und Kanus. Die Hauptwafi"e dieser Jäger 
ist Bogen und Pfeil (Wurfbretter an Stelle des Bogens besaßen 
die Otschukayana) ; die Bögen sind meist außerordentlich lang und 
stark (die Bugre haben die längsten Bögen, die wir überhaupt aus 
Südamerika kennen; vgl. Abb. 110), im Querschnitt rund und an den 
Enden spitz zulaufend, so daß hier vielfach die Anbringung eines Wulstes 
oder Ringes als Widerlager für die Sehne nötig wird (Abb. 90 Fig. 4). 
Die Pfeile tragen, wie im tropischen Waldgebiete geschärfte Bambus- 
spitzen, walzrunde oder gezahnte Holzspitzen, aufgesteckte oder an- 
gebundene Knochenspitzen, Spitzen aus Rochenstacheln oder (bei den 
Bugre) europäischem Bandeisen und eine Befiederung, bei der die ganzen 
(selten halbierten) Federn tangential, mit spiraliger Drehung am 
Schaft, angesetzt sind, also regelrechten „Drall" zeigen (Abb. 91 , Fig. 1 
und 110 a). Hier und da tritt eine Abflachung des Bogenstabes (an der 
Außen- oder Innenseite) auf, wie bei den Canella, Kayapö und Bororö; 
die letzteren bekleben und behängen ihn bei festlichen Gelegenheiten 
mit Federn (Abb. 112). Bei vielen Stämmen sind Vogelpfeile üblich, 
deren Endkolben einfach von der Wurzel des Pfeilrohrs selbst gebildet 
werden. Auch Großwild (Tapire, Rehe und Pekaris) jagt man mit 
dem Bogen; ebenso wird der Fischfang allenthalben mit Bogen und 
Pfeil betrieben (nur selten mit Gift). Während die Männer auf der 
Jagd sind, liegt den Frauen das Sammeln der tierischen und 
pflanzlichen Nahrungsmittel ob. Unter den ersteren spielen 
Frösche, Eidechsen und Schlangen, die eiweißreichen Engerlinge 
der Passalusarten, die im faulen Holz leben, und die zu gewissen 



Die Bevölkerune' Ostbrasiliens 



285 



Zeiten massenhaft im Taquararohr auftretenden Käferlarven bei 
den Botokuden eine große Rolle. Dazu kommen Wurzeln, Palm- 
kohl, Palmnüsse und andere Früchte (Piki, Mangaven), die aus- 
gegraben bzw. von den Bäumen heruntergeholt werden. Das Aus- 
graben und Aufbewahren eßbarer Wurzeln bedeutet schon den 
ersten Schritt zum Feldbau ; aber selbständig hat diesen Schritt 
wohl keiner dieser Stämme getan. Die Suyä und Kayapö haben 




Abb. 111. Sehutzdach der Puri 
(Jsach dem Prinzen Wied) 

unter dem Einfluß der Völker des Xingü und Araguaya, die Käme 
und Goyatakäs unter dem Einfluß der Osttupi den Feldbau an- 
genommen, der natürlich genau so betrieben wird wie im tropischen 
Waldgebiet. — Echte Jäger sind die Ostvölker auch in der Zu- 
bereitung ihrer Nahrung. 

Sie braten das Wildpret am Spieß (Abb. 111) — die Kayapö auch auf drei- 
beinig-en Bratrosten — und rösten Früchte, Wurzeln und Fische, die in Blätter ein- 
gehüllt werden, in heißer Asche oder in Erdöfen über heißen Steinen. Feuerbohrer 
und Feuerfäeher (aus Geflecht) sind auch hier wichtige Geräte. Ein eigent- 
liches Kochen ist nicht bekannt, weil Töpfe fehlen; die Botokuden benutzen 



286 



Amerika. 111. Die Völker Südamerikas 



Kalabassen oder die Internodien einer gfroßen Banibusart, ja selbst zusammen- 
g-efaltete Palmblätter, um darin Wasser zum Sieden zu bringen. Der Ursprung- 
des Bratens ist bei diesen Kampstämmen, die noch heute das uralte Jagd- 
verfahren befolgen, den Kamp anzuzünden, um sich dadurch die Tiere zuzu- 
treiben, ohne weiteres verständlich. 

Der Hausbau ist bei den unbeeintiußten Gesstämmen nirgends 
über das einfachste Obdach hinausgekommen. 

Schräge, an einer Seite 
offene Wetterdächer (Abb. 111) 
oder kreisförmig in die Erde 
gesteckte Palmwedel dienen 
den Botokuden und Puri als 
Obdache, mit Keisig über- 
deckte Erdgruben denGoyanä 
(im südbrasilianischen Staate 
Parana). Etwas vervollkomm- 
net haben sich die Wetter- 
dächer bei den Kayapö, die 
auch die Vorderseite durch 
dagegengelehnte Palmblatt- 
büschel teilweise decken. So 
entstehen hallenartige, an den 
Enden offene Hütten, die einen 
riesigen, kreisförmigen Platz 
in der Weise umgeben, dal) 
jede Hütte einen Teil des 
Kreisumfangs bildet, eine 
Dorfanlage, die auch ))ei 
anderen Gesvölkern (z. B. den 
Canella) beobachtet worden 
ist. Die Familienhäuser der 
Bororö sind ebenfalls nur 
verbesserte Wetterschirme 
(Giebeldächer, die auf dem 
Boden stehen); andere Völker 
Ostbrasiliens haben dagegen 
die Bauweise ihrer Nachbarn 
übernommen, wie die Suva, 
die bienenkorbartige Hütten wie die übrigen Völker des oberen Xingü be- 
wohnen, und die Goyatakäs, deren rechteckige Giebeldachhütten wohl auf 
die Häuser der Osttupi zurückgehen. 

Man schläft auf geflochtenen Matten oder BLätterstreu und läßt 
zur Abwehr der empfindlichen Nachtkühle Feuerchen zu beiden 
Seiten der Lagerstatt brennen. Bei den iii mancher Beziehung 
höherstehenden Zentralges (Käme, Kamakan), aber auch bei den 




Abb. 112. Bororöhäuptling in vollem Putz 
(Xach Karl von den Steinen) 



Die Bevölkeruno' Ostbrasilieiis 



287 



Canella, ist als Bett ein Lattengestell üblich, das mit Buriti- 
matten bedeckt wird. Bei einigen Stämmen, wie den Goyatakäs, 
hat sich die Hängematte eingebürgert (Abb. 111); die Suyä, die 
sonst auf Strohmatten schliefen, ließen sich zur Zeit, als die von den 
Steinensche Expedition sie besuchte, von einem Bakairiweber Hänge- 
matten machen. Die Suja hatten auch Kanus, während sie allen 
übrigen Ges und auch den Bororö fehlen. Dagegen sind sie durch- 
weg gute Schwimmer, die sich selbst vor reißenden Strömen nicht 
scheuen-, die Chavantes banden sich dabei Bündel von Palmstengeln 




Abb. 113. Ohr- und Lippenpflöcke der Gesstämme : 

1 Botokuden, 2 Canella, 3 und 4 Suyä, 5 Kayapö. 

2 und 4 sind Olirschniucke; 4 aus zusaninieng-erollten 
Pdlmblattstreifen, die andern alle aus Holz, ('/s n. Gv.) 

(Berliner Museum für Völkerkuiide) 



unter die Achseln. Dem Landtransport dienen kleine Tragkörbe 
mit Stirnband, in denen z. B. die Kayapöfrauen gewaltige Lasten 
fortzuschleppen vermögen, Tragnetze (Botokuden, Suyä) und Kinder- 
tragbänder. 

In Tracht und Schmuck zeigen die Gesstämme, Bororö usw. 
eine Reihe charakteristischer Übereinstimmungen. 

Kleidung ist nahezu gänzlich unbekannt. Vom Penisstulp aus Palniblatt 
sprechen die Berichte bei den Bororö (Abb. 11'2), Kayapö und Botokuden, vom 
Zubinden der Vorhaut bei den Otscliukayana. Die Frauen der letzteren befestigten 
an der Gürtelschnur einen Zweig; die Bororöfrauen tragen zu räneni prallsitzenden 
Rindengürtel eine weiche Bastbinde, die Kayapö- und Botokudenfrauen gehen 



288 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

völlig nackt. Um so auffälliger ist das Auftreten von Sandalen aus Rinde und 
von Federmänteln (mit einem baunnvoUenen Netzgewebe als Grundlage) bei den 
alten Otschukayana; wahrscheinlich liegen hier fremde Einflüsse vor. Während 
die Tatauierung ganz fehlt und die Bemalung noch durchweg ein kunst- 
loses Einölen oder Bestreichen und ein Bekleben mit Federn ist — beides 
geht z. B. bei den Bororö und Kayapö durchaus nebeneinander her und dient 
oft nicht als Schmuck, sondern als Mittel gegen allerhand äußere Einflüsse 
und Krankheiten — , sind die eigentlichen Nationalabzeichen der Ges riesige 
Pflöcke in Löchern der Unterlippe und der Ohren (Abb. 109, 113). Aus den 
Schilderungen der Botokuden durch den Prinzen von Wied und der Suyä durch 
Karl von den Steinen ist bekannt, welchen Umfang die faßspund- („botoque"-) 
oder tellerartigen, aus dem leichten Holze einer Bombacee geschnitzten Lippen- 
seheiben und die hölzernen oder auch aus zusammengerollten Palmblattstreifen 
bestehenden Olirpflöcke annahmen. Während die nördlichen Horden der Canella 
im Staate Maranliäo ähnliche geAvaltige Lippenscheiben tragen, nach denen 
sie bei den Brasilianern „Gamellas" heißen, weiten die südlichen Horden 
ihre Ohrläppchen durch nicht minder große Holzringe aus. Bei den Kayapö 
werden die Lippenpflöcke nur von Männern getragen und bestehen zum Teil 
aus Stöpseln mit kegelförmigem , geschweiftem Ansatzstück. Ohrschmuck ist 
hier nur noch bei Kindern zu finden. Ungleich zierlicher als alle diese Schmucke 
sind die Lippengehänge der männlichen Bororo aus aneinandergereihten Muschel- 
plättchen (Abb. 112). Die eigenartigen Haarkappen, die stehenblieben, wenn 
man das Haar rings um den Kopf ziemlich hoch hinauf entweder ganz wegschor 
(Botokuden) oder durch eine ausgeschnittene Furche von dem unteren, fi-ei 
herabfallenden Haar trennte (Canella), haben nicht nur vielen Gesstämmen, 
sondern auch Pari und Bororo den Namen Coroados („die Gekrönten") ver- 
schafft. Andere Ges, wie die Suyä und Kayapö, tragen das Haar hinten lang, 
die ganze Stirn aber kahl geschoren bis auf ein in die Glatze hineinragendes 
Dreieck ; bei Kindern ist die Glatze bemalt. Während der übrige Schmuck bei 
den östlichen Gesstämmen bescheiden ist, nehmen die Kayapö und Bororö vor 
allem durch die reiche Ausgestaltung ihres Federschmuckes einen besonderen 
Platz ein. Die Kayapö besitzen Federbinden, die um den Kopf gelegt werden, 
Federkronen und Hinterhauptsdiademe, Nackenfederstäbe, Halsketten aus Muschel- 
scheiben und hübsche Unterarmringe, bei denen eine Bastunterlage in zierlicher 
Weise mit Baumwollschnüren umwickelt oder mit farbigen Baststreifen um- 
flochten ist. Bei den Bororö umrahmt ein gewaltiges Strahlenrad aus blauen 
Ararafedern den Kopf; über die Stirn ist ein rundes Diadem herabgeklappt, ein 
drittes aus gebänderten Falkenfedern ist schief nach hinten gerichtet; auf die 
Brust hängen breite Querstreifen aneinander gereihter Affenzähne , paarweise 
verbundene Jaguarzähne und ein Paar Gürteltierklauen herab (Abb. 112). 

In der technisch vollendeten Ausführung der Jagdwaffen und 
des Jägerschmuckes erschöpft sich die Kunst dieser Jägerstämme, 
denn die plastische und die ornamentale Kunst fehlen ihnen fast ganz. 
Den meisten waren auch Töpferei und Weberei unbekannt; an 
die Stelle der Töpfe, die nur bei den Goyatakas in der primitivsten 



Die Bevölkerung- Ostbrasiliens 289 

AVeise hergestellt werden, treten Kalabassen, deren Deckel geflochten 
sind oder von einem ausgeschnittenen Teil der Schale gebildet werden, 
Barabusinternodien (s. o.) oder Holzgefäße; Steinbeile, die früher 
der Holzbearbeitung dienten, sind heute meist aus dem Gebrauch 
gekommen, doch finden sich noch andere primitive Werkzeuge, die 
ganz denen des tropischen Waldgebietes gleichen (S. 256/7). Spinnen 
von Baumwollfäden mit Hilfe von Spindeln ist nur bei den (den 
Karajä benachbarten) Kayapö bekannt, und ebenso haben es nur 
die Käme unter fremdem Einflüsse gelernt, Nesselfaser zu feinen, 
hemdenartigen Gewändern zu weben. Dagegen ist die Flecht- 
kunst vieler Gesstämme hochentwickelt. Die Kayapö stellen 
Schlafmatten und Mandiokapressen, Umhängetaschen und Kinder- 
traggürtel aus Geflecht her und überziehen ihre Keulen und Arm- 
bänder mit einem feinen Stufengeflecht in geschmackvollen Mustern 
(Abb. 102 e). Bei diesem Stamm, der in vielen Dingen der fort- 
geschrittenste aller Gesvölker ist, hat Krause auch bereits die Aus- 
bildung von Gewerben beobachten können; Ohrpflöcke und Penis- 
stulpe, Federschmucke und Geflechte werden stets von bestimmten 
Familien in Massen hergestellt. 

Da wir über die meisten Stämme Ostbrasiliens noch zu dürftig 
unterrichtet sind, hebt sich für uns ihre soziale und geistige Kultur 
nicht mit gleicher Bestimmtheit von der ihrer westlichen Nachbarn ab 
wie ihr stofflicher Kulturbesitz. Meist scheinen Einehe und Vater- 
folge zu herrschen außer bei den Goyatakäs, die hier vielleicht, wie 
in manchem anderen, fremde Einflüsse erfahren haben. Allgemein 
ist auch hier die Couvade verbreitet, die ältere und neuere Bericht- 
erstatter z. B. bei den Botokudeu und Bororö, Canella und Kayapö 
beobachtet haben. Im übrigen ist diesen Völkern ein stärkeres 
Hervortreten der Männergemeinschaft gegenüber dem Familien- 
und Sippenverbande (aber ohne die Ausbildung eines Khib- und 
Geheimbundwesens mit Maskentänzen) eigentümlich. 

Bei den Bororö ist die Gemeinschaft der Männer (Aroe) im Männerhause 
(Baitö) der Mittelpuniit, um den sich das ganze Leben des Stammes dreht. Im 
Baito wohnen die Junggesellen und versammeln sich auch alle verheirateten 
Männer; hier werden alle Arbeiten gemacht, hier wird die gemeinsame Jagd 
angesagt und durch den Gesang der Männer eingeleitet, hier die Totenfeier ab- 
gehalten. Die jungen Mädchen werden gewaltsam ins Baito geschleppt, um 
hier von der Gemeinschaft der Männer in kleineren Gruppen, und nicht etwa 
nur von einem einzelnen, eine Zeitlang besessen zu werden. Im Dauerbesitze 
von Frauen, d. h. im geregelten Ehestande, lebt nur ein Teil der Stammesgenossen, 
Völkerkunde I 19 



290 ' Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

meist ältere und angesehene Männer, die mit ihren Familien kleine Hütten rings 
um das Männerhaus bewohnen; „bei den ßororö war das Familienleben auf das 
deutlichste nur eine Errungenschaft der Älteren und Stärkeren", bemerkt Karl 
von den Steinen, dem wir die anschauliche Schilderung des Lebens und Treibens 
in der Bororokolonie Theresa Christina verdanken. — Gemeinsamer Besitz 
der Weiber ist nach älteren Berichten auch bei den Botokuden und Puri an- 
zunehmen. Bei den Kayapö schlafen die Junggesellen gleichfalls getrennt von 
den Familien, in vorübergehend angelegten Siedlungen auf dem Dorfplatz, wo- 
hin sie der Häuptling allabendlich zusammenruft, in größeren Dörfern in be- 
sonderen Junggesellenhäusern (Krause). Die letzteren sind auch bei den Cherentes 
üblich; bei den Suya stehen Beratungshäuser in der Mitte des Dorfplatzes. 

Die Häuptlinge sind im allgemeinen ziemlich machtlos. 
An ihrer Stelle steht nach Kissenberth bei den Kayapö der Rat 
der neun Wayangä oder Zauberpriester, die alle inneren und äußeren 
Angelegenheiten des Stammes ordnen und der Jugend die zu leistende 
Arbeit bestimmen, indem sie sie auf die Pflanzungen oder zur Jagd 
schicken; in älterer Zeit trugen sie als besonderes Abzeichen von 
der Schulter herabhängende Zeremonialbeile mit halbmond- oder 
ankerförmiger Klinge aus Diorit oder Diabas. „Ankeräxte" dieser 
Art, die überaus sorgfältig gearbeitet und am Stiel mit Baumwoll- 
fäden- und Rohrgeflecht, Federquasten und Muschelplättchenmosaik 
verziert sind, waren auch bei anderen Gesstämmen (z. B. den Gaviöes 
und Purekramekran am Tocantins) in älterer Zeit Würdezeichen 
der Häuptlinge (Abb. 114). Die letzteren haben auch die Führung 
im- Kriege, der noch ganz urtümlichen Charakter trägt. Bei den 
Botokuden werden alle Streitigkeiten, die zwischen zwei benach- 
barten Horden etwa aus Übergriffen der einen Horde in die Jagd- 
gerechtigkeit der anderen entstehen, durch Zweikämpfe ausgetragen, 
bei denen sich die einzelnen Paare Gefechte mit langen Stangen 
liefern, während sich gleichzeitig die Frauen mit Kratzen, Haare- 
ausraufen u. dgl. zu Leibe gehen. Keulen fehlen den östlichen 
Stämmen; sie treten erst bei den Kayapö und Suyä auf (Abb. 102, 
Fig. e, f), ebenso bei den Bororö, die auch Knochendolche besitzen, 
aber kaum noch als Waffe verwenden. Die Kriegsgefangenen wurden 
durchweg gut behandelt. Schädeljagd und Menschenfresserei als 
Kriegssitten sind bei den Ges im allgemeinen selten und kamen in 
größerer Ausdehnung nur bei den Botokuden vor. 

Bei den geselligen Vergnügungen und Festen der 
ostbrasilianischen Stämme spielen die Kraft- und Gewandt- 
heitsproben eine große Rolle. Ringkämpfe sind bei den Bororö 



Die Bevölkerung- Ostbrasil ieiis 291 

und Cauella beliebt, bei den letzteren (die keinem Jüngling vor 
dem Ablegen dieser Proben den Eheschluß gestatten) auch Wett- 
läufe auf einer 2 km langen, durch den Wald geschlagenen Pikade. 
Eine besondere Erschwerung dieser Leibesübungen bestand darin, 
daß der Laufende einen schweren Holzklotz auf der Schulter 
tragen und im Laufe nach einem Ziel schleudern mußte (Kamakan, 
Otschukayana). Auch bei den Kayapö bildet ein Tanz mit einem 
schweren Holzklotz auf der Schulter den Höhepunkt eines drei- 
tägigen Festes, das dem Monde gefeiert wird und bei dem die 
Tänzer am ganzen Leibe mit Federn beklebt werden. Man begleitet 
die Tänzer mit dem Schall des Rasselkürbisses, dem taktmäßigen Auf- 




Abb. 114. Ostbrasilianische Ankeraxt (altes Stück). (Etwa '/e n. Gr.) 
(Original im Ethnographischen Museum zu Dresden) 

einanderschlagen zweier Klangstäbe (Canella) und dem Tuten der 
großen Trompeten, die wie im tropischen Waldgebiet aus einem 
Rohrmundstück und einem Schalltrichter aus Kürbisschale oder 
Ochsenhorn bestehen. 

Rückschlüsse auf den Animismus der ostbrasilianischen Ur- 
einwohner lassen sich vorläufig nur aus ihren Bestattungsgebräuchen 
ziehen. 

Wiederum sind es die Bororö, die das interessanteste Material geliefert 
haben. Sie üben die „Nachbestattung-" (S. 272). Bei dieser werden die Knochen 
des Toten gereinigt und mit Federn beklebt, und es findet im Männerhause 
eine ausgedehnte Totenfeier statt, die der großen Furcht, der Tote könne 
zurückkehren und sich rächen wollen, plastischen Ausdruck verleiht. Lärm der 
Kürbisrasseln und heiligen Schwirrhölzer, welche die Zauberärzte stundenlang, 
bis zur völligen Erschöpfung, schwingen müssen, dramatische Vorführungen 
des Toten selbst, Verwischen der Fußspui'en des Leichenzuges sind die Mittel, 
mit denen man seine Rückkehr zu verhindern sucht. — Auch die Botokuden, 
die ihre Toten iti flachen Gruben in der eigenen Hütte oder unter einem Schutz- 



292 Amerika, III. Die Völker Südamerikas 

dach bestatten, haben diese Furcht vor dem böswilligen Toteng-eiste (ntscho) ; 
sie fesseln den Toten oder stampfen die Erde über dem Grabe möglichst fest 
ein, sie entzünden ein Feuer darüber und geben dem Leichnam keinerlei Bei- 
gaben mit, wie die übrigen Gesstämme, die ebenfalls das Erdbegräbnis kennen. 
Nachbestattung der Knochen, die rot gefärbt Avurden, kam auch bei den Pure- 
kramekran vor, Urnenbegräbnis nur bei einigen Stämmen (offenbar als Nach- 
ahmung der Tupisitte). Bei den Kayapö war eine merkwürdige Art Kasteiung 
bei Todesfällen in Übung. Mit einem keulenförmigen, in eine Spitze aus- 
laufenden Kürbis ließ sich jeder vom Häuptling einen Stirnschlag erteilen; mit 
dem dabei fließenden Blute wurde der Tote bestrichen. 

Die Seelen der gewöhnlichen Bororö verwandeln sich im Traume, 
der durchaus als wirkliches Erleben gilt, und nach dem Tode in 
rote Araras, die deshalb allgemeine Schonung genießen; die ihrer 
Zauberärzte (Bari) in allerhand andere Tiere, in Meteore usw. ; die 
letzteren fürchtet man daher als besonders unheilbringend. 

Das südliche Kreuz ist den Bororö eine Straußenfährte, die Milch- 
straße ein Aschenweg. Sonst wird unter den Naturerschei- 
nungen besonders dem Monde erhöhte Beachtung geschenkt. 
Nach der Ansicht der Botokuden verursacht er Blitz und Donner, 
Mißwachs und Krankheit, ist also eine dem Menschen Schaden 
bringende Macht. Auch bei den Kayapö genießt er besondere Ver- 
ehrung; Kissenberth beobachtete, wie sie bei einer Mondfinsternis 
unter Klagegesängen breunende Pfeile nach der verfinsterten Scheibe 
schössen, um ihr das Licht wiederzugeben und zu verhindern, daß der 
Mond sterbe, da man dann sein Herabfallen befürchtete. 

Von der Mythologie der Ostbrasilianer ist nur eine Flut- und Heroen- 
sage der Kaingäng bekannt, die, wie Ehrenreich gezeigt hat, durchaus eigenartige, 
in mancher Beziehung stark an nordamerikanische Mythen erinnernde Züge 
trägt. Die von der Sintflut ereilten Menschen retten sich auf einen der Berge 
des Steilabfalls der Serra do Mar, avo einige von ihnen, die auf dem Boden 
nicht mehr Platz finden, die Bäume ersteigen und zu Affen werden. Wasser- 
hühner bringen Erde herbei und schütten eine Ebene rings um den Berg auf, 
wie die Moschusratten in der irokesischen und Algonkinmythe (S. 111). Ein 
Teil der in der Sintflut ertrunkenen Menschen, die seitdem im Innern des Berges 
gelebt haben, steigt durch Löcher wieder zur Oberwelt empor, wie die Vor- 
fahren der Puebloindianer (S. 154/5), und endlich wird das Feuer den Menschen 
durch eine Elster gebracht, die sich am Feuerplatz der Sonne einer glühenden 
Kohle bemächtigt hat, eine Episode, die sehr an den Feuerraub des Raben in 
der nordwestamerikanischen Sage gemahnt (S. 135). Im übrigen dient 
der Mythus dazu, die verschiedenen Eigenschaften der Tiere, die der Kultur- 
heros Kayurukre schafft, den Charakter der ostbrasilianischen Landschaft und 
das Verhältnis der einzelnen Stämme (Kaingäng, Käme und Are) zueinander 
zu erklären. 



Die Chacoindiauer 293 

d) Die Chacoiiidianer 

Zwischen dem siebzehnten und dreißigsten Breitengrade dehnt 
sich östlich der Anden ein weites Wald- und Weidegebiet, der 
Gran Chaco. Buschland, Palmenhain und Sumpf wechseln in dieser 
mächtigen, noch jetzt in vielen Teilen gänzlich unbekannten Wildnis 
ab, die von den drei rechten Nebenflüssen des Paraguay, dem 
Pilcomayo, Bermejo und Salado, durchströmt wird und auf dem 
linken Paraguayufer noch eine ziemliche Strecke nach Osten ihren 
Charakter beibehält. Die Völker des Chaco gehören einer 
ganzen Reihe verschiedener Sprachfamilien an, die, abgesehen von 
den von Osten und Norden eingedrungenen Tupi (Tschiriguano) 
und Aruak (Tschane im Westen, Guanä und Tereno im Osten 
des Paraguay) auf den Chaco beschränkt bleiben (vgl. die Auf- 
zählung in der Einleitung, S. 225/6); wir rechnen zu ihnen hier auch 
die Guatö im Sumpf- und Seengebiete des oberen Paraguay, ob- 
wohl sie schon der eigentlichen Chaco-Kultur verhältnismäßig fern- 
stehen. 

Natürlich bilden diese zahlreichen Stämme keine vollkommene 
kulturelle Einheit, es läßt sich vielmehr auch im Chaco, wie im tropi- 
schen Waldgebiete (S. 231), eine Anzahl von Akkulturations- 
gebieten (freilich viel kleineren Maßstabes) unterscheiden. Am 
weitesten abseits von den übrigen stehen die Tschiriguano und 
Tschane, die nicht nur durch ihre Sprache beweisen, daß sie Ein- 
dringlinge aus dem tropischen Wald gebiete sind. Sie 
besitzen eine in vielen Beziehungen höhere und reichere Kultur 
als die übrigen und bilden bereits den Übergang zu den Stämmen 
des oberen Madeiragebietes. Daß sie vorwiegend seßhafte Acker- 
bauer sind mit geringer Neigung zu Jagd und Fischfang, unter- 
scheidet sie scharf von allen anderen Chacostämmen. Diese zer- 
fallen wiederum vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus in zwei 
Gruppen: die nomadischen Bewohner der Flußläufe und 
Lagunen (Guatö und Payaguä) und die halbseßhaften Stämme 
der weiten Ebenen zu beiden Seiten des Paraguay. Die Kultur 
der letzteren deutet in manchen Stücken auf einen südlichen Ur- 
sprung hin (vgl. S. 231). Auch darin ähneln sie den Stämmen 
des Südens, daß sich die Mehrzahl von ihnen nach dem Erwerb 
der Pferde zu typischen Beiterstämmen entwickelt hat, mit jener 
Neigung zu Raubwirtschaft und kriegerischer Ausbreitung, die 



294 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



allen Reiterstämmen innewohnt. Dieser Typus wird durch die alten 
Abipön und Mbayä, die modernen Toba, Kadiueo und Lengua 
vertreten. Unter ihnen hat auch die langjährige Jesuiten- 
herrschaft in Paraguay zahlreiche Spuren hinterlassen-, das 
gilt besonders von den Kadiueo, die sich durch ihre entwickeltere 
Bodenkultur, Viehzucht, Töpferei, Weberei und Ornamentik deutlich 
von den übrigen Chacovölkern abheben. Wieviel hiervon auf den 

Einfluß ihrer Aruaknach- 
barn (Tereno) kommt, be- 
darf noch der Untersuchung. 
Die Pferde werden meist 
ohne Sattel oder höchstens mit 
einer strohgepolsterten Lederdecke 
als Unterlage geritten. Sporen 
und Steigbügel sind von ein- 
fachster Art — erstere gekrümmte 
Knochen- oder Holzgabeln mit 
ausgeschnitzten Zacken, letztere 
Riemen, die durch eine runde 
Holzscheibe als Unterlage für den 
Fuß laufen. Kanus sind diesen 
Reiterstämmen mit Ausnahme der 
Lengua und Kadiueo nicht be- 
kannt, ebensowenig den zu Fuße 
jagenden Stämmen der Matako- 
und Samukogruppe ; einen küm- 
merlichen Ersatz besaßen die 
Abipön in der Pelota, der auf- 
gespannten Rindshaut, die Matako 
in sehr primitiven Booten aus 
der Rinde einer Bombacee. Diesen 
stehen die trefflichen, wasser- 
tüchtigen Einbäume der Guatö und 
Payaguä gegenüber. Die Ruder 
der Guato sind im Gegensatz zu den kurzen Krückenrudern des tropischen 
Waldgebietes bis zu 2V2ni lang, da die vielen Wasserpflanzen den im Vorder- 
teil des Bootes stehenden Mann oft dazu nötigen, das Boot vorwärts zu staken, 
statt zu rudern; daher auch die scharfe Spitze, in die die lanzettförmige Ruder- 
schaufel am unteren Ende ausläuft. Eine Griffkrücke fehlt, da das Rudern 
der Guatö mehr ein Vorwärtshebeln ist (Max Schmidt). 

Die Chacostämme sind bis auf die genannten Ausnahmen in 
erster Linie Jäger und Fischer. Bei vielen ist die Viehzucht 
(vor allem Schafzucht) durch die Europäer eingeführt worden, nicht 
nur bei den Reiterstämmen, sondern auch z. B. bei den Tschoroti 




Abb 115. Kadiueomädchen, bemalt 
(Nach eiuer Photographie von Boggiani) 



Die Cliacoindianer 



295 



und Aschluslay, Der Ackerbau aber ist selbständig nirgends 
über die bescheidensten Ansätze hinausgekommen. Die häufigen 
Überschwemmungen waren ein Hemmnis; man fand ja auch vollen 
Ersatz in der Ausbeutung der mannigfachen Palm- 
und Leguminosenarten. Das Mark der Wachs- 
palme oder Caranday (Copernicia cerifera) lieferte 
eine wichtige Zukost; aus den Früchten des Algarrobo 
(Prosopis horrida) verstehen die Toba und Matako, 
Tschoroti und Aschluslay, Tschiriguano und Lengua ein 
berauschendes Getränk herzustellen. Andere wichtige 
Nährpflanzen sind Bromeliaceen (die in ihrem Bast 
auch das wichtigste Material für die Industrie der 
Chacoindianer hergeben), akazienähnliche Dornbäume 
mit johannisbrotartigen Früchten, bei den Guatö vor 
allem die Akuripalme. Die Matakostämme und die 
Tsirakua verstehen die Früchte durch Rösten in einem 
mit seitlichem Anblasloch versehenen, überdeckten 
Erdofen zu konservieren. 

Angebaut werden die Akuripalmen bei den Guato und 
sonst die g-leicheu Kulturpflanzen wie im tropischen Waldgebiete, 
doch tritt die Mandioka hier nicht mehr so in den Vordergrund. 
Der ganze Feldbau ist auch viel primitiver als dort, außer bei 
den Tschiriguano (s. u.) und den Vorfahren der heutigen Guatö. 
Um geeignete Standorte für ihre Akuribestände zu schaffen, 
trugen die letzteren nämlich, wie Max Schmidt gezeigt hat, 
den schwarzen, fruchtbaren Humusboden des niedrigen Sumpf- 
gebietes auf die unfruchtbare Erdschicht der höher gelegenen 
Stellen, wo er noch heute künstliche Erdhügel, die sogenannten 
Aterrados, bildet — ein Verfahren, das sehr an das der alten 
Moscho bei der Anlage ihrer Mouiuls erinnert und wohl von den 
Aruak entlehnt ist (S. 2.33). Zur Bodenauflockerung verwenden 
viele Chaco Völker Spaten in der Form von Krückenrudern — 
ein Element der Hochlandskulturen — , während Keulen, ähn- 
lieh denen der Suyä (vgl. Abb. 102 f.), bei den Stämmen der 
Samukogruppe außer zum Auflockern des Bodens auch dazu 
dienen, Palmfrüchte herunterzuschlagen und Aale oder Schnecken 
aus dem Schlamm der ausgetrockneten Lagunen hervorzuholen. 
Bisweilen ist an diesen Keulen eine kleine Beilklinge aus Holz 
oder Stein befestigt. Pflanzstöcke mit krückenartigem Griff ^i,i^,_ HP^ 
sind statt dieser Geräte bei den Tschii'iguano und Tschane in Tonkuo-elbofen 
Gebrauch. Ihr Feldbau steht verhältnismäßig hoch; sie pflanzen (jg^ Guato, 
vor allem Mais, aus dem die einförmige tägliche Kost bereitet Läno-e 1 22 m 
und. nachdem man ihn in Tongefäßen gekocht und in aus- (Kach M.Schmidt) 



296 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

g-ehöhlteii Baumstämmen mit gekauter Maisraasse vermischt hat, ein leicht 
berauschendes Bier hergestellt wird. Zum Durchsieben des Mehls dient ihnen 
ein runder oder viereckiger Korb, den übrigen Chacovölkern ein Netz; alle 
Chacovölker verwenden Holzmörser zum Zerstampfen der Körner. 

Von den Erzeugnissen des Tierreichs wird Honig bei allen 
Stämmen eifrig gesammelt, mittels „Eßbürsten" verzehrt oder (bei 
den Kadiueo) zu einer Art Met verarbeitet. Als Hauptwaffen für die 
Jagd dienen außer Keulen, mit denen man Pekaris erlegt, überall 
Bögen und Pfeile von kleiner, nachlässig gearbeiteter, offenbar ver- 
kümmerter Form (Abb. llOb). Daneben gibt es bei den Tschiriguano 
Schlingen und Klappnetze für den Vogelfang. 

Nahezu alle Formen des Bogens, die sich in Südamerika finden, sind im 
Chaco bekannt: Rund- und Flachbögen, Bögen mit rechteckigem und (als 
besondere Abart, die zu den Bögen des Südens überleitet) solche mit keilförmigem 
Querschnitt. Die Sehne besteht bisweilen aus Lederstreifen, und die Pfeile haben 
den aus Ostperu bekannten Pechanstrich der Nähte, durch Avelche die radial an- 
gebrachte Befiederung am Schaft befestigt wird (S. 241). Unvergleichlich besser 
als die meisten Chacobögen sind die Bögen der Guatö. Es sind Kundbögen 
von beträchtlicher Größe, die der ganzen Länge nach mit Cipöstreifen umwickelt 
sind, und unter ihren Pfeilen treten neben solchen mit Holz-, Bambus- und 
Knochenspitzen auch Harpunenpfeile auf. Den Guatö und fast allen Chaco- 
stämraen eigentümlich ist der Tonkugelbogen mit doppelter Sehne (vgl. Abb. 116), 
der neben Vogelpfeilen mit verdicktem Knauf zur Jag;d auf kleine Vögel ge- 
braucht wird und vielleicht ein postcolumbisches Element ist (vgl. S. 239). Bola 
und Schleuder, die meist nur noch Kindcrspielzeuge sind, deuten Aviederum auf 
Einflüsse der Hochlandsvölker hin. 

Während die Kadiueo leidenschaftliche Jäger sind, spielt bei 
allen Pilcomayostämmen der Fischfang eine weit größere Rolle 
als die Jagd. Der Fischfang mit Bogen und Pfeil hat nur bei den 
Tschiriguano und Tschane größere Bedeutung. Sonst tritt er über- 
all stark hinter der Netzfischerei zurück. 

Eine Gruppe von Indianern bildet mit großen Sperrnetzen eine Kette über 
den Fluß (oder aber es werden, wenn in der Trockenzeit Fischmangel herrscht, 
Zaunwehre gebaut), und eine andere fängt mit Tauchnetzen (Käschern) die 
durch die schmalen Öffnungen passierenden Fische ab. Um sich hierbei gegen 
die Bisse der Palometa- (Piranya-) Fische mit ihren messerscharfen Zähnen 
zu schützen, tragen die im Wasser Stehenden an den Füßen dicht ge- 
knüpfte Strümi)fe aus Caraguatäschnüren, oder der Fischer steht auf einem im 
Wasser erbauten Stangengerüst. Die gefangenen Fische werden mit kleinen, 
kurzen Keulen erschlagen, mittels Knochennadeln auf Schnüre gereiht und nachher 
an Bratspießen (Bratständer sind hier, wie im Osten und Süden, unbekannt) ge- 
röstet. Mehrspitzige Fischspeere und -pfeile, Fischfang mit Gift und mit Angel- 
haken, also Geräte und Methoden, die aus dem tropischen Waldgebiete stammen, 
sind nur bei den Tschiriguano und Tsohane im Gebrauch. 



Die Chacoindiancr 



297 



Neben den erwähnten, in erster Linie dem Nahrungserwerb 
dienenden Waffen hat man für den Krieg allgemein Lanzen (zu- 
gespitzte Holzstangen, bisweilen mit Knochen- oder Eisenspitzen) 
und kurze, schwere Wurfkeulen mit kolbenartiger Verdickung 
(Abb. 102 i), wohl eine Nachbildung der Steinknaufkeulen des Hoch- 
landes, Bei den Tschoroti und Aschluslay tritt auch der seltene 
Knochendolch als Waffe auf, ferner als Frauenwaft'e ein Schlagring 
aus Holz oder Tapir- 
leder. Auch Schutz- 
wafifen sind den krie- 
gerischen Guaikurü- 
stämmen, den Matako 
und Tschiriguano be- 
kannt, nämlich Bauch- 
panzer aus Tapir- oder 
Kuhhaut und Jacken 
aus Jaguarfell , die 
möglicherweise eine 
Nachahmung des spa- 
nischen Lederkollers 
darstellen. (Vgl. auch 
Abb. 120.) 

Die Wohnungen 
sind bei diesen halb- 
nomadischen Stämmen 
naturgemäß sehr ein- 
fach : grasbedeckte , 

bienenkorbförmige 
Hütten aus Zweigen, 
die in die Erde ge- 
steckt werden (bisweilen mit Gangtür) bei den meisten Matako- 
völkern (vgl. Abb. 83, Fig. 6) und tragbare Zelte aus Stangen, 
über die man Binsenmatten legt, bei den alten Mbayä und Abipön 
und bei den modernen Toba, Lengua und Tschamakoko. 

Die Tschiriguano hatten ehemals, auch darin sich von allen anderen 
Chacostämmen unterscheidend, gewaltig-e Mehrfamilienhäuser, die über hundert 
Personen Raum boten. Heute sind bei ihnen nur noch die Maisvorratshäuser, 
die auf Pfählen stehen, originell. Sie stammen ebenso zweifellos aus den Sumpf- 
strecken des oberen Madeiragebietes, wie die Stangenzelte aus den Steppen- 
ländern des Südens. Bei den Kadiueo gibt es für die Regenzeit, wenn sie von 




Abb. 117. Feuerbohrentier Tschoroti 
(Xach V. Rosen) 



298 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



ihren sommerlichen Jagdzügen auf Sumpfhirsche usw. zurückgekehrt sind, feste 
Dörfer, deren jedes aus einer einzigen langen Hüttenreihe besteht, einem ge- 
deckten Gange mit schrägem Dach und Schlafgerüsten an der Rückwand ver- 
gleichbar. Die Tschiriguano und Tschane benutzen B ettge stelle (mit Rohr-, 
Stab- oder Riemenwerk) zum Schlafen, daneben baumwollene Hängematten zum 
Ausruhen während des Tages. Sonst schläft man im Chaco auf Fellen, bei 
den Guatö auch auf Binsenmatten, am Boden; Tschamakoko, Payaguä und 
Lengua haben den Gebrauch der Palmfaser-Hängematte von nördlichen Stämmen 

gelernt. Die Payaguä besitzen 
^ ^' ^1 f f auch hölzerne Schemel in 

Tiergestalt; im übrigen ist der 
Hausrat bei der geringen Ent- 
wicklung technischer Fähigkeiten 
nur dürftig. 

In dem steinarmen 
Chaco mußte man sich, 
um Schnitzarbeiten 
machen zu können, mit 
Messern und Schabern, Sä- 
gen und Pfriemen aus sehr 
hartem Holz behelfen (die 
langschäftigen Steinbeile der 
Tschamakoko, s. o. S. 295, 
sind wohl mehr ein Rang- 
und Würdeabzeichen wie die 
ostbrasilianischen „Anker- 
äxte"), und, da einige 
der Charakterpflanzen des 
tropischen Waldgebietes 
(Fächerpalmen mit paarig 
gefiederten Blättern und 
Bäume mit ablösbarer 
Bastschicht) hier fehlen, 
an Stelle von Geflechten 
und Baststoffen Knüpf- 
arbeiten aus den Blattfasern einer stachligen Bromeliacee 
(Caraguatä) herstellen. So sind außer den bereits erwähnten Ge- 
räten zum Zweck der Nahrungszubereitung im Hausrat der Chaco- 
indianer nur Holzschalen und Holzlöffel, Deckelkalabassen und 
Netztaschen vertreten. Feuer wird mit dem Quirlbohrer erzeugt 
(Abb. 117), und zum Anfachen dient ein Fächer aus Federn. Die 




c g 

Abb. 118. Hölzerne Tabakspfeifen der Chaco- 
indianer: a und e Kadiueo, b Toba, c und 
d Tschiriguano, f und g Payaguä. c mit 
abgeplattetem Mundstück, g mit Ritzzeich- 
nungen (biblische Motive). Die dargestellten 
Pfeifen sind sicher ursprüngliche Formen, die 
auf die „Rauehrolle" (vgl. Tafel X, Fig. 20) 
zurückgehen und gleichsam „feste Deckblätter" 

darstellen. (Ys n. Gr.) 

(Originale im Berliner Museum für Völkerkunde. 

Nach Kocli-Grünberg) 



Die Chacoindianor 



299 



Tabakspfeifen (Abb. 118) waren ursprünglich einfache Röhren aus 
einem Stück Bambus oder Holz, in denen ein Bastbausch oder ein 
durchlochtes Kalabassenscheibchen am Mundende das Verschlucken 
des Tabaksaftes verhindert. Weiterentwickelte Typen zeigen bereits 
die Trennung des Tabakbehälters von dem Mundstück, das ent- 
weder spitz zuläuft oder abgeÜacht ist, und endlich die Winkelform 
(Kadiueo), bei welcher der besonders angesetzte Kopf nicht selten 
Tier- oder Menschengestalt angenommen hat. 

Die zuletzt g-euannte Pfeifenform ist wohl auf europäische Einflüsse 
zurückzuführen. Die Payag-uä besitzen große walzrunde Holzpfeifen mit be- 
sonderem Mundstück, deren sich der Zauberarzt bei Krankenheilung-en bedient 




Abb. 119. Taschen, aus Caraguatäfäden gestrickt und bunt gemustert. Pilagä. 

(Vio n. Gr.) 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



und die vollständig mit weißen Ritzzeichnungen bedeckt sind; diese scheinen 
merkwürdigerweise biblische Szenen (den Sündenfall) wiederzugeben (Abb. 118g). 
Die starke Wirkung, die die langjährige Herrschaft der Jesuiten in 
Paraguay auf die Indianerstämme ausgeübt hat, verspürt man auch sonst bei den 
Chacoindianern mehrfach; so in roh geschnitzten Holzpuppen der Kadiueo, die 
offenbar auf Heiligenfiguren zurückgehen, und in der Ornamentik der Kadiueo- 
töpfe (verschlungene Arabesken und Blumenmuster, daneben freilich auch rein 
geometrische Verzierungen, die ursprünglich sein können). Die Keramik dieses 
Stammes zeichnet sich durch großen Formenreichtum aus. Schalen, Krüge, 
Gefäße in Tiergestalt kommen vor, und alle sind mit gefälligen, schwarz- 
roten Mustern mit weißer Umrandung bedeckt. Höher steht die Keramik der 
Tschiriguano und Tschane, bei denen der Formenreichtum noch größer ist und 
die vor dem Brande aufgemalten Ornamente (Zickzacklinien, Spiralen usw.), im 
Gegensatz zu den Verzierungen der Kadiueotöpfe, durchweg unbeeinflußt sind. 
Bei den übrigen Chacostäramen sind Verzierungen und Formen einfacher; überall 
aber wird der Topf in der gleichen Weise, durch spiraligen Aufbau aus Tonwülsten, 
hergestellt. Die Töpferei der Chacovölker ist, wie Nordenskiöld an gewissen Form- 



300 Amerika. III. Die Völker Siulamerikas 

dementen gezeigt liat, ZAveifellos .stark von der des benaehliarten Hochlandes 
beeinflußt. Dasselbe gilt von der Weberei der Matakostämme, deren Webstuhl 
vollkommen dem altperuanischen entspricht. Daneben findet sich bei den Tschiri- 
guano und Tschane, Lengua und Tereno, aber auch bei den Matako. der „aruakische" 
Webstuhl, den wir schon im tropischen Waldgebiete kennengelernt haben (S. 257). 
Die Flechtkunst ist nur bei den Tschiriguano und Tschane von Bedeutung: 
bei allen übrigen Stämmen werden Caraguatäf asern mit einer Muschel ab- 
geschabt und ohne Zuhilfenahme von Spindeln (die nur bei der Baumwoll- 
weberei in Gebrauch sind) mit der Hand auf dem bloßen Schenkel gedrillt, um 
dann mittels hölzerner oder knöcherner Nähnadeln und Knüpfstäben zu Netz- 
taschen, Siebnetzen, Tragnetzen, Hemden usw. verarbeitet zu werden (Abb. 119, 
120). Die Guato stellen aus Baumwolle und Palmfaser Moskitowedel und -netze 
in „Doppelfadcngetlecht" her. Wähi'end alle - diese Industrien Frauenarbeit 
sind, stellt der Mann die Ho 1 z s ch nitz er eie n her, z.B. die Waffen, Pfeifen 
und Kalabassen, die neben den Taschen die Hauptbehälter sind und oft mit einem 
zierlich ausgeschnittenen Deckel und mit eingebrannten und eingeritzten, bei den 
Tschiriguano und Tschane auch mit aufgemalten. Zeichnungen versehen werden. 

Die ursprüngliche Kleidung der Chacoindianer weist nach 
dem Süden. Der mehr oder weniger breite, steife Ledergürtel der 
Männer, der unten zuweilen in Fransen, die die Schamteile be- 
decken, zerschnitten ist, der aus mehreren enthaarten Hirschfellen 
zusammengenähte Hüftschurz der Frauen und der ehemals (z. B. bei 
den Abipön) von beiden Geschlechtern benutzte große Pelzmantel aus 
aneinandergenähten Fischotterfellen, die mit den Haaren nach innen 
getragen werden, während die Fleischseite bemalt ist, sind lauter 
Trachtstücke, die in dem warmen Klima offenbar wenig angebracht 
sind und in den südlichen Steppenländern entstanden sein müssen. 

Bezeichnenderweise sind es gerade die konservativen Frauen, die heute 
noch allgemein bei den Aschluslay und Matako, Lengua und Toba die Pelz- 
mäntel tragen, während bei den Männern an ihre Stelle große Decken aus haus- 
gewebtem Wollstoff getreten sind; diese werden in der Mitte zusammen- 
geschlagen und mit einem ledernen oder gewebten Gürtel um die Hüften be- 
festigt und fallen für gewöhnlich herab, während man bei kühlem Wetter einen 
Zipfel hochnimmt und über der Schulter mit einem Kaktusdorn feststeckt. Ob 
dies Kleidungsstück aus den Kulturgebicten des Westens stammt, ist fraglich, 
als sicher kann jedoch die westliche Herkunft bei den ärmellosen Männerhemden 
aus Caraguatäschnürcn gelten, die bei vielen Chacovölkern in offenbarer Nach- 
ahmung der peruanischen Wollhemden gestrickt werden (Abb. 120). Hemden 
und Ponchos aus Baumwolle tragen die Männer bei den Tschiriguano und Tschane 
neben der Tschiripa, einem Lendentuch, das zwischen den Beinen durchgezogen 
wird. Die Frauen dieser beiden Stämme hüllen sich in das Tipoy, einen an 
beiden Seiten offenen, nahtlos aus Baumwolle gewebten Sack, der oft vom Hals 
bis zu den Füßen hinabreicht und weit genug ist, um auch noch einen Säugling 
darin zu tragen (vgl. S. 252). 



Die Chacoindianer 



301 



An den Füßen trägt man zuweilen Sandalen aus Tapirleder 
und um die Stirn ein gewebtes Band, das nicht selten mit Federn 
oder aufgenähten Scheibchen aus Schneckenschale verziert ist; 
diese Stirnbinden und die hübschen, mit den gleichen Scheibchen 
besetzten Haarnetze sind wiederum Trachtstücke der Hochlands- 
kulturen. Was die Chacoindianer sonst an Körperschmuck 
besitzen, ist gegenüber dem Schmuckreichtum des tropischen Wald- 
gebietes bescheiden zu nennen. 

Das Haar, zu dessen Pfleg'e 
neben dem Stäbchenkamni eine Bürste 
aus Ameisenbärenhaar oder Wurzeln 
benutzt wird, trägt man lang und 
bindet es auf dem Scheitel zu einem 
Schöpfe zusammen. In diesen Schopf 
oder in das Stirnband werden Büschel 
aus den Federn des Straußes, weißen 
Reihers usw. gesteckt. Der Feder- 
schmuck, im allgemeinen nur dürf- 
tig, ist am mannigfaltigsten bei den 
Tschamakoko, die sich mit Gürteln 
aus bunten Papageien-, Straußen-, 
Specht- und Entenfedern, Federhaar- 
stäben und prächtigen Federarmbinden 
zieren. Sonstiger Schmuck Avird 
aus Samenkernen, Schilfi'ohrstücken, 
Zähnen, Glasperlen usw. hergestellt; 
dem Chaco eigentümlich sind Hals- 
ketten aus aneinandergereihten runden 
oder vierkantigen Stückchen weißer, 
perlmutterglänzender Schneckenschale, 
Arm- und Beinbinden aus Lcder oder 
Fell und Fingerringe aus Segmenten der 
Schwanzhaut von Eidechsen. Neben 
der Bemal ung mit Holzstempeln 

(vgl. Abb. 115) ist die Tatauierurig mittels Kaktusstacheln bei den Matako- 
völkern, Toba und Kadiueo vorzugsAveise ein Schmuck der Frauen. Sie wird, 
wie die ausschließlich dem männlichen Geschlecht zukommende Ohr- und 
Lippendurchbohrung, bei einigen Stämmen beim Eintritt der geschlechtlichen 
Reife vorgenommen. Die h r p f 1 ö c k e erreichen z. T. (Matakostämme, Pilagä) 
gewaltige Größen. Sie sind aus Holz, zylindrisch und auf der Vorderseite 
mit einer Muschelscheibe (neuerdings Zinn oder Spiegelglas) belegt. Lippen - 
pflöcke waren einst weiter verbreitet als gegenwärtig; Mbayä und Toba 
trugen sie, und die Lengua („Zungen") haben ihren Namen danach erhalten. 
Sie erreichten bei ihnen einen Durchmesser von 1 — 1,5 Zoll. Den Tembetä der 
Osttupi (s. 0. S. 253) treffen war bei den Tschiriguano wieder ; er ist hier aus 




Abb. 120. Hemd, aus dicken Caraguatä- 
fäden gestrickt. Dient als Koller, da es 
einen wirksamen Schutz gegen Pfeil- 
schüsse abgibt. Toba. (Vion. Gr.) 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 



302 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Holz und auf der Vorderseite mit Türkisstückclien ausgelegt, neuerdings oft 
auch aus Zinn und blauen Glasperlen. Die Tschiriguano huldigen auch der Sitte 
des Zahnschwärzens, wie manche Stämme im Westen des tropischen Wald- 
gebietes (S. 255). 

Während die gesellschaftlichen Zustände bei den pri- 
mitiveren Chacostämmen der Matako-, Maskoi- und Samukogruppe 
durch einen ausgesprochenen Kommunismus, sehr geringe Ausbildung 
der Häuptlingsmacht und nur schwache Ansätze einer festeren 
Stammesverfassung gekennzeichnet sind, ist bei verschiedenen 
Stämmen der Gruaikurügruppe und bei den Tschiriguano-Tschane 
bereits die Herausbildung von Ständen und größeren politischen 
Verbänden zu beobachten. Die Guaikurü unterschieden zwischen 
gewöhnlichen Kriegern, Kriegeradel, aus dem auch die Häuptlinge 
hervorgingen, und Sklaven. Bei den Abipön wurde der Adel durch 
eine Zeremonie verliehen, bei der der Kandidat fasten mußte 
und eine alte Frau die Festleiterin war. Der Geadelte nahm einen 
neuen Namen an und bediente sich im Verkehr mit seinesgleichen 
einer besonderen Sprechweise. Bei den Mbayä dagegen war der 
Adel erblich, selbst in weiblicher Linie. Dasselbe ist noch heute 
bei den Tschiriguano und Tschane zu beobachten; der eigentliche 
Oberhäuptling der Tschane am Rio Itiyuro ist nach Nordenskiöld 
eine Frau, die aber wegen ihres hohen Alters nicht mehr selbst 
regiert, sondern sich durch ihren ältesten Neffen vertreten läßt. 
Die Häuptlinge finden hier auch im Frieden unbedingten Gehorsam, 

Sonst ist dies gewöhnlich nur im Kriege der Fall. Im Kampfe werden 
allgemein Todesverachtung und Tapferkeit bewiesen. Die Stämme der Guaikuni- 
gruppe hatten die Sitte, erschlagenen Feinden die Köpfe abzuschneiden, diese 
nachträglich zu skalpieren und die Kopfhäute dann zum Kuhme des Be- 
sitzers an Stangen oder Lanzen vor dessen Hütte aufzuhängen, wie die nord- 
amerikanischen Indianer. Bei den Matakostämmen ist diese Art Trophäe noch 
jetzt beliebt, und es ist Nordenskiöld gelungen, den ersten derartigen Skalp 
nach Europa zu bringen (Abb. 121). Die Kriegsgefangenen werden Sklaven; 
während die Kadiueo sie im allgemeinen gut behandeln, droht ihnen bei den 
Toba immer das Schicksal, bei Festlichkeiten und Zechgelagen hingeschlachtet 
zu werden. Neben diesen eigentlichen Sklaven gibt es ganze Stämme, die in 
einem freiwillig übernommenen Hörigkeitsverhältnis zu anderen Stämmen 
stehen, wie die aruakischen Guanä zu den Kadiueo, die Tapiete (ein Matakostamm) 
zu den Tschiriguano-Tschane. E i g e n t u m s m a r k e n , die sonst selten in Süd- 
amerika sind, werden bei den Mbayä, Aschluslay und Tschiriguano außer an 
Sklaven und Haustieren auch an allerhand Gebrauchsgegenständen, ja sogar an 
Frauen angebracht. 



Die Chacoindianer 



303 



Unter den Sitten und Gebräuchen fallen neben der Cou- 
vade, die bei den Abipön klassisch ausgebildet war, aber auch noch 
bei den heutigen Tschiriguano, Tschane und Tschoroti vorkommt, 
einige merkwürdige Reife- und Ehezeremonien auf. 

Die erste Menstruation wird bei den Tschoroti und Aschluslay durch einen 
Tanz der älteren Frauen g-efeiert, während bei den Tschiriguano und Tschane das 
Mädchen eine Zeitlang- mit lairzg-cschnittenen Haaren in einem Verschlag der 
Hütte eingesperrt lebt. Auch in bezug auf Liebes- 
leben und Ehe verhalten sich die beiden Stamm- 
gruppen recht verschieden. Die Tschoroti und 
Aschluslay gewähren dem Mädchen vor der Ehe 
volle Freiheit und überlassen es ihm, sich selbst 
einen Lebensgefährten zu suchen, wenn es Lust 
hat. Bei den Tschiriguano und Tschane wird 
dagegen das Mädchen vor der Ehe ängstlich ge- 
hütet, und beim Eheschluß hat der Mann die 
Initiative zu ergreifen : er wirbt um die Aus- 
erkorene und dient dann, wenn er Erfolg hat, 
ein Jahr lang bei ihren Eltern. Die Werbung 
vollzieht sich ähnlich wie bei den Toba. Bei 
diesen legt der junge Mann ein Bündel Holz vor 
die Hütte der Auserwählten; holt das Mädchen 
das Bündel in die Hütte, so ist das Jawort da- 
durch gegeben, und die Eltern schneiden zum 
Zeichen der geschlossenen Ehe den Brautleuten 
ein Büschel Haare von der Stirn. Oder aber die 
Werbung besteht in ausdauerndem, oft acht Tage 
lang währendem Singen und Musizieren vor der 
Hütte der Erkorenen. Bei den Tschamakoko 
macht der Jüngling eine Art Eheschule bei älteren 
Frauen und Witwen durch, ehe er sich eine junge 
Frau nimmt. 

Die religiösen Verhältnisse 
bieten keine wesentlich neuen Züge. Der 
allgemeine Animismus und Zauberglaube, 

die Stellung des Zauberarztes, seine Tätigkeit (Krankenheilung, Ver- 
treibung böser Geister) decken sich ganz mit dem, was wir in dieser 
Hinsicht bei den Völkern des tropischen Waldgebietes angetrofien 
haben. Für die Anschauungen über Wesen und Schicksale der Toten- 
seele sind wieder die Bestattungsgebräuche bezeichnend. 

Meist herrscht große Furcht vor dem Totengeist. Man sucht ihn auf jede 
Weise zu versöhnen; die Kadiueo errichten deshalb über den wiederausge- 
grabenen, gereinigten und in einer Matte beigesetzten Knochen ein Schutzdach 
und legen Waffen und Lebensmittel darunter. Oder man wendet Mittel an. 




Abb. 121. Skalp eines Pilaga, 

von den Aschluslay erbeutet. 

Auf einen Holzreifen gespannt 

(vgl. Tafel II, Fig. 36). 

(N'acli V. Xordenskiöld) 



304 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

um ihm zu entg-ehen oder ihn gewaltsam an der Wiederkehr zu verhindern. 
Daher verlassen die Lengua, nachdem sie den Toten in der Erde in hockender 
Stellung" mit Waffen, Schmuck und Hausgerät bestattet haben, schleunigst den 
Ort des Todes und siedeln sich einige Meilen entfernt Avieder an. Niemals 
Avird der Name des Toten wieder ausgesprochen, ja alle Überlebenden ver- 
ändern ihre Namen, um den rachsüchtigen Totengeist irrezuführen. Oft. bevor 
noch der Sterbende seinen letzten Seufzer getan hat, preßt man ihn in 
hockender Stellung gewaltsam in ein großes Tongefäß und stülpt ein anderes 
Gefäß als Deckel darüber, um dadurch die Totenseele am Entschlüpfen zu 
hindern (Tschiriguano). Die Abipön verfolgten denselben Zweck, wenn sie den 
Sterbenden unter einer dicken, schAveren Haut erstickten. — Die Nachbestattung 
(bei den Kadiueo) und das direkte Urnenbegräbnis (bei den Tschiriguano) sind 
Sitten, die auch im tropischen Waldgebiete Aveite Verbreitung haben (vgl. S. 272). 

Natürlich gelten die Totenseelen, wie überall, für mehr oder 
wreniger böse Geister, Eine Vergöttlichung dieser Geister, wie sie 
in den „Keebet" der Abipön vorliegt, ist im allgemeinen selten. Die 
Guaikurü sahen im Gewitter einen Kampf der als Sterne gedachten 
Kriegerseelen, und in den Meteoren und Blitzen die Seelen zum 
Himmel fahrender oder von ihm herabsteigender mächtiger Zauberer. 

In eine Art System ist der „Manismus" bei den Tschiriguano und Tschane 
gebracht worden: Das Reich der Abgeschiedenen ist Aguararenta, ein Dorf im 
Osten, Avo die Totenseelen (Ana) wohnen und des Nachts ihre Feste feiern, 
Avährend sie am Tage in Tier- (meist Fuchs-) Gestalt die Menschen besuchen. 
Einige Ana sind tunpa „groß", d. h. mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet. 
Unter ihnen ist Yamandutunpa der größte, doch treten in den Sagen Aguara- 
tunpa und Tatutunpa, der Fuchs- und der Gürteltiergott, Aveit stärker hervor 
(Nordenskiöld). In der Mythologie dieser Chacostämme und ihrer Matako- 
nachbarn spielt ein Weltuntergang (durch Wasser, Feuer oder Stürme) und der 
Feuerraub durch ein Tier (Frosch, MeerschAveinchen) eine Rolle. Auch die 
Mokovi erzählten, daß das Herabfallen der Sonne einen Weltbrand verursacht 
habe, bei dem die Menschen, die sich auf Bäume retteten, zu Affen Avurden 
(S. 292), während andere, die im Wasser Schutz suchten, sich in Fische, Frösche 
und Kapivaras verwandelten. 

Die Feste der Chacoindianer werden meist durch die Reife 
ihrer Hauptnahrungspflanzen, vor allem des Algarrobo, bestimmt. 
Da diese Reife mit dem Erscheinen der Plejaden zusammenfällt, 
so sind die Feste gewissermaßen astronomisch festgelegt. Man 
feiert sie mit wüsten Trinkgelagen, bei den Payagua auch mit bar- 
barischen Selbstkasteiungen. 

Die Musikinstrumente, die hierbei in Tätigkeit treten, sind Kürbis- 
rasseln, Klappern aus Tierklauen, mit Wasser halb gefüllte und mit einem Fell 
überspannte Holzblock- oder Tongefäßtrommeln, Rohrflöten, Kuhhorntrompeten 
und Jlusikbögen (Tschoroti, Matako und Tschane). Die beiden zuletzt genannten 
Instrumente sind wohl erst durch Europäer oder Neger eingeführt Avorden ; 



Die Reiterstämrae des Südens 



305 




Abb. 122. Pampas-Indianerfamilio mit Fellmänteln und g-ewebten Kopfbinden 
(Nach einer Photographie im Besitz des Berliner Museurus für Völl?erkunde) 

dagegen stammen, wie Nordenskiöld gezeigt hat, merkwürdige längliche oder 
runde Flötenpfeifen aus Peru, wo die länglichen nach dem Ausweis archäo- 
logischer Funde nicht Musikinstrumente, sondern Wagebalken waren, die die 
Chacovölker übernahmen, ohne ihre eigentliche Bedeutung zu erkennen. Pan- 
pfeifen finden sich nur bei den Tschane, Tanzmasken bei den Tschiriguano 
und Tschamakoko. Letztere bestehen bei den Tschiriguano aus Holz, bei den 
Tschamakoko aus einfachen, das Gesicht bedeckenden Netzen. Der Maskentanz 
hat bei den ersteren noch teilweise den Charakter eines Fruchtbarkeitszaubers 
(die Tänzer bewerfen sich mit Bohnenhülsen u. a.) und endet damit, daß die 
Masken ins Wasser geworfen oder verbrannt werden. — Kein anderes süd- 
amerikanisches Volk hat einen solchen Reichtum an Spielen wie die Chaco- 
stämme, Gewandtheitsspiele, wie das Spiel mit Maisblattbällen oder hölzernen 
Schlagbällen, treten an Bedeutung hinter Glücksspielen zurück, die vielfach auf- 
fällige Übereinstimmungen mit den Spielen der Nordamerikaner zeigen und 
durch die Verwendung von Khechuaworten beweisen, daß sie von den Hochlands- 
völkern im Westen stammen. 

e) Die Reiterstämme des Südens 

Südlich vom Rio Salado, mit dem 30. Grad s. Br., beginnt das 
Gebiet der Pampas, der endlosen, mit harten Weidegräsern und 
Dornsträuchern bedeckten Steppen, die nur selten von kahlen Berg- 

Völkerkunde I 20 



306 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Zügen oder Salzsümpfen unterbrochen werden. Am patagonischen 
Eio Negro gehen die Pampas allmählich in die patagonische Hoch- 
ebene über, eine Aufeinanderfolge von niedrigen Hügelwellen, tiefen 
Bodensenkungen und mäßig hohen Mesas; die trostlose Öde ihrer 
weiten, von spärlichem Buschwerk bestandenen Sandflächen und 
Lavaschlackenhalden macht erst am Fuß der Anden parkartigen, 
l)lumenreichen Savannen, Hainen wilder Apfelbäume und dichten 
Waldungen Platz. Dies ganze eintönige, von der Natur nur dürftig 
bedachte Gebiet, das heute fast ausschließlich der Republik Argen- 
tinien angehört, war bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts von 
Völkern bewohnt, die zur Zeit der Entdeckung auf einer ähnlich 
niedrigen Kulturstufe gestanden haben müssen wie die Bewohner 
des ostbrasilischen Hochlandes, mit denen sie übrigens durch die 
alte Bevölkerung Uruguays (die Tscharrüa) zusammenhingen. Bein 
hat diesen ursprünglichen Charakter heut nur der südlichste, schon 
auf dem Feuerlande sitzende Zweig dieser Völkergruppe (die Ona) 
bewahrt; alle übrigen sind durch die frühe Einführung des Pferdes 
seitens der Europäer zu Reitervölkern geworden, denen, als ein 
Teil der Araukaner nach dem Erwerb des Pferdes seine Sitze in 
Chile mit den Steppen von Neuquen und Mendoza am Ostabhang 
der Anden vertauschte, auch Elemente der peruanischen Hochlands- 
kultur (von der die alte araukanische nur ein Ableger war) in 
reicherem Maße zuströmten. 

Wir rechnen demnach zu den Eeiterstämmen des Südens die Tscliarrüa 
und Kerandi, Pueltsche und Tehueltsche und die in Argentinien sitzenden Arau- 
kaner (Pehuentsche), von denen ein Stamm, die Ranqueles, als Pampasstannu 
besonders berühmt geworden ist, und schließen ihnen auch die Ona im Norden 
und Osten des Peuerlandes an. Von diesen Völkern sind zuerst die T s c h arr i'i a 
bekannt geworden, denen 1516 Juan Diaz de Solis, der Entdecker des La Plata, 
zum Opfer fiel. Sie waren auch die ersten, die nach einem schonungslosen 
Ausrottungskriege von der Bildfläche verschwanden, so daß schon 1831 in Paris 
die „letzten Tscharrüa" ausgestellt werden konnten. Die Kerandi, die bereits 
1535 das kurz vorher durch Pedro de Mendoza gegründete Buenos Aires mit 
iiiren Brandpfeilen zerstört hatten, und die Pueltsche, die eigentlichen „Pampas- 
indianer", waren die kriegerischsten und raublustigsten dieser ßeiterstämmc; 
die den Spaniern jahrhundertelang schwer zu schaffen machten und bis ins 
neunzehnte Jahrhundert hinein Buenos Aires bedrohten. 1816 schätzte man den 
Verlust an Rindvieh durch ihre Räubereien auf jährlich vierzigtausend Stück; 
ein Zug, den 1832/33 General Rosas gegen sie unternahm, befreite zwar fünf- 
zehnhundert weiße Frauen und Kinder aus ihrer Gefangenschaft und setzte 
eine bestimmte Grenze fest, die die Indianer nicht überschreiten durften, konnte 
aber nicht verhindern, daß in den sechziger und siebziger Jahren die Überfälle, 



Die Reiterstämme des Südens 



307 



die die Pampasiiidianer unter mächtigen Kazilven (Lenketri'i, Kallvukurä, Ka- 
triel u. a.) auf die Ansiedler und CTrenz^tädte unternalimen, immer häufiger 
wurden. Infolgedessen ließ die argentinische Regierung 1880 den General 
Eoca die ganze Pampa von ihren Bewohnern säubern. Sic wurden teils nach 
Norden, hauptsächlich aber nach Süden über den Rio Negro zurückgedrängt, und 
diese Grenzlinie wurde durch eine Kette von Forts gesichert. Die Vernichtung 
der Kerandi und Pueltsehe hatten sieh die arau kani s ch e n Stämme der 
Pampas zunutze gemacht, um von ihren ursprünglichen Sitzen am Abhang der 
Anden allmählich immer weiter nach Osten, bis in die Provinz Buenos Aires, 




Abb. 123. Jagdszene aus Patagouien ; AuAvendung der dreikugeligen und ein- 

kugcligen Bola 
(Frei nach einer Vorlage bei Musters) 



vorzudringen, natürlich nicht ohne heftige Kämpfe mit den Spaniern. Die 
Patagonier sind dagegen seit ihrer ersten Bekanntschaft mit den Europäern 
anläßlich der Fahrt Magalhäes' (1520) bis zu den Besuchen Darwins (IScÜ) und 
Musters' (1869/70) immer verhältnismäßig friedlich gewesen, was sich fri-ilich 
daraus erklärt, daß man sie in ihrer unwirtlichen Heimat unbehelligt ließ. Nur 
gegen die Ona auf der großen Feuerlandsiiisel haben in der Neuzeit Schafzüchter 
und Goldsucher einen unerbittlichen Vernichtungskrieg geführt, so daß sie heute 
l)is auf wenige Individuen zusammengeschmolzen sind, die in den ewig feuchten, 
immergrünen Urwäldern am Mouut Darwin hausen. — Die heutige Bevölkerung- 
des Steppengebiets besteht zum großen Teil aus Indianermischlingen (Gauchos), 
halbwilden Hirten, die in ihrem Äußeren und ihren Sitten manchen echt india- 
nischen Zug bewahrt haben und daher gelegentlich bei unserer folgenden Be- 
trachtung herangezogen werden. 



308 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 






Abb. 124. Rohrlanze der 
Araukaner und Bolas der 
Tehueltsche. Die Lanze hat 
eine Gesamtläng-e von 2,70 m 
(Berliner Museum f. Völkerkunde) 



Als Magalhäes 1520 als erster die 
Gestade Patagoniens betrat, fand er die 
Eingeborenen noch zu Fuß und mit Pfeil 
und Bogen die Guanakos jagend vor; 
sechzig Jahre später, fünfzig Jahre nach- 
dem am La Plata die Pferde eingeführt 
waren, sah sie Sarmiento bereits zu Pferde 
und anstatt des Bogens in ihren Händen 
die Bola. In dieser kurzen Spanne Zeit 
haben sie sich also zu typischen Reiter- 
völkern entwickelt, denen das Pferd 
der unentbehrliche Gefährte ist. Auf 
lederüberzogenen Holzsätteln (mit Puma- 
fellschabracken, breiten, aus Guanakohaut 
geflochtenen Bauchgurten, plumpen höl- 
zernen Steigbügeln) sitzend, an den Füßen 
die merkwürdig einfachen Sporen (zwei 
um den Fuß geschnallte Holzstifte mit 
eingelassenen Nägeln), verfolgen sie das 
flüchtige Wild der Steppe, Guanakos 
(eine Llama-Art) und Strauße. Erstere 
jagt man mit der dreikugeligen, letztere 
mit der zweikugeligen Bola (Wurfkugel). 

Die ursprüngliche Bola hatte Steinkugeln, 
die in Leder eingenäht und an einer geflochtenen 
Sclinur aus Guanako- oder Straußensehnen be- 
festigt waren; später haben sich mehr und mehr 
Metallkugeln eingebürgert. Von den Kugeln ist 
eine immer eiförmig, aus leichterem Stein und 
kleiner als die anderen; sie wird beim Schwünge 
mit der Hand gefaßt, Avährend die Schlagkugeln 
sich um das Tier winden und es zugleich töten 
(vgl. Abb. 123 und 124; die Bola rechts hat 
bereits eine Metallkugel). — Bei der Jagd auf 
Rinder und Pferde bedient man sich langer, 
lederner Lassos. 

Diese Reit- und Jagdausstattung war 
bei allen Stämmen des weiten Gebietes 
gleich , auch bei den alten Tscharrüa 
und Kerandi. Bis auf die letzteren, die 
in geringer Ausdehnung Mais anbauten, 



Die Keiterstänime des Südens 309 

und die Pehuentsche , die von dem entwickelten Ackerbau ihrer 
Stammesgenossen in Chile gerade so viel in die Steppen des Ostens 
verpflanzt hatten, daß sie imstande waren, die einförmige Fleisch- 
kost durch geröstetes Mehl, gekochte Bataten und ein grobes, aus 
Mehl und Fett gebackenes Brot zu unterbrechen, waren sämtliche 
Völker der Pampas und Patagooiens nomadische Jäger, die 
neben Guanakos und Straußen, den wirtschaftlich wichtigsten Tieren 
des südlichen Indianers, auch Füchse und Hasen, Fischottern und 
Gürteltiere verfolgten. Vor der Einführung des Pferdes trat die 
Bola, deren Wirkung erst der reitende Jäger voll ausnutzen konnte 
und die wohl aus dem Gebiet der Hochlandskulturen stammt, sicher 
ganz hinter Bogen und Pfeil zurück. 

Noch heute sind die Oiia Jäger zu Fuß, die Guanakos und Wühlratten 
(Cururü), Füchse und Vög^el mit kurzen, platten Holzliögen jagen. Diese haben 
einen merkwürdigen, keilförmigen Querschnitt (vgl. S. 296) und eiue Ledersehne; 
die Pfeile besitzen Holzschäfte ohne Einsatz, radiale Befiederung (vgl. S, 241") und 
Steinspitzen und werden in Köchern aus Seehundsfell aufbewahrt. Ähnlich 
haben wir uns die ursprünglichen Jagdwaüen aller südlichen Stämme zu denken, 
die übrigens mit Ausnahme der Pehuentsche noch bis in die Neuzeit Bogen 
und Pfeil neben der Bola beibehielten und auch die Schleuder gelegentlich 
benutzten. Wenn die alten Patagonier Guanakos jagen wollten, banden sie 
ein junges Guanako als Locktier au passender Stelle fest und warteten im 
Hinterhalt, bis sich die Herde näherte. Die Strauße beschlichen einzelne als 
Strauße verkleidete Jäger und trieben sie langsam auf einen engen Durchlaß 
zu, wo die übrigen den Tieren auflauerten (Gutes). 

Neben der Jagdbeute kommen bei den Patagoniern und Ona 
nur noch die Samen gewisser Pflanzen (Quinoa, Algarrobo usw ), 
die man auf Mahlsteinen zerreibt, und Meermuscheln für die Er- 
nährung in Frage. Fischfang wurde nur bei den Tscharrua und 
Kerandi in größerem Umfange betrieben, während die Ona, sehr im 
Gegensatze zu ihren feuerländischen Nachbarn, die Fische ungern 
fangen und lieber nur auflesen, wenn sie ihnen das Meer ans Ufer 
spült. Dem Seehund stellen sie nur nach, wenn er sich am Ufer 
sonnt. Guanako- und Straußenfleisch ist also das Hauptnah- 
rungsmittel; bei den Pehuentsche auch Pferdefleisch, das sonst 
nur bei besonderen Veranlassungen verzehrt wird. Man genießt 
das Fleisch oft halbroh; im übrigen wird es, wie in Ostbrasilien, 
nie gekocht, sondern gebraten, indem man die ganzen Tiere 
mit heißen Steinen füllt und in heiße Asche legt, oder auch Brat- 
spieß und Erdofen anwendet. Der letztere ist noch heute bei den 
argentinischen Gauchos von Salta bis Buenos Aires in Ge- 



310 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



brauch, wenn sie ihr berühmtes Nationalgericht „Garne con cuero'' 
bereiten. Die Kerandi zerstampften Fische nach Entfernung des 
Fettes in Steinmörsern zu einer Art Mehl. Feuer wird allent- 
halben durch Bohren gewonnen ( — bei den Gauchos hat man eine 
eigentümliche Abart des Feuerbohrers beobachtet, bei der der bieg- 
same Stab nicht gequirlt, sondern nach der Art des ,, Drauf bohrers'' 




Abb. 125. Aus der Steinzeit des Südens : Pfeilspitzen, Lanzenspitzen, Messer. 
Bohrer und Schaber. Rechts unten ein moderner Felischaber mit Flaschenglaskling-c 
und Holzgriff Die beiden kleinen Pfeilspitzen der obersten Reihe stammen von 
der Küste Chiles, die übrigen aus Patagonien, (a bis 1 = -jb, m = -/g "• Gr.) 

(Nach Joj'ce) 

unserer Tischler im Kreise bewegt wird [Weule] — ) ; nur die Ona 
haben das feuerländische Schlagfeuerzeug (S. 321) übernommen. 

Auch die technischen Fertigkeiten sind dem Kultur- 
zustande berittener Jägervölker angemessen. Die zur Verfügung 
stehenden Werkzeuge sind bis auf ein Beil mit knieförmigem Stiel, 
das die Patagonier viel gebrauchen (offenbar ein altperuanisches 
Element), überaus primitiv. 



Die Eeitcrstämme des Südens 311 

Die Ona, die Ärmliclisteii von allen, verdanken fast alle ihre Werkzeuge 
Schiffbrüchen, denn geg-euüber ihren Messern aus Faßreifen, Schabern aus 
Hobeleisen und Pfeilspitzen aus Flaschenglas kann nur ein Meißel mit Muschel- 
klinge Anspruch auf Originalität machen. In alter Zeit muß jedoch die Stein- 
bearbeitung (Abb. 125) eine ziemliche Höhe erreicht haben, wie die Pfeil- und 
Speerspitzen, die lorbeerblattförmigen, gut gearbeiteten Messerklingen und die 
mächtigen, in Patagonieu gefundenen Doppeläxte, die anscheinend nicht Ge- 
brauchs-, sondern Zeremonialgeräte waren, beweisen. In der Gegenwart gipfelt 
die Technik dieser Jäger in der Bearbeitung der Felle. Sie werden von 
den Frauen mit Schabern, deren Klingen in einem zusammengebogenen Holzgriff 
mittels Riemen festgebunden sind (Abb. 125 m), von Fett- und Muskelteilen 
gereinigt, mit Fett und Leber gegerbt, mit Steinmessern zugeschnitten und mit 
Knochenpfriemen an den Eändern durchlocht, um, mit Sehnen aneinandergenäht, 
das Material zu den Fellmänteln und Zeltdecken zu ergeben. Auch Behälter 
und Taschen Averden aus Leder gefertigt. Die araukanischen Stämme besitzen 
mancherlei Holzgefäße (Doppelnäpfe, Becher und Löffel), die ihre Herkunft 
aus dem peruanischen Kulturkreise noch deutlich verraten, während bei den 
meisten übrigen Stämmen eine rohe Töpferei die paar dürftigen Gefäße des 
Haushalts liefert. 

Der kulturelle Abstand der südlichen Reifcervölker von den 
nördlichen (den Prärieindianern) zeigt sich besonders deutlich in 
ihrer Behausung und Kleidung. Der Toldo, das bewegliche, 
mit einem Gerüst aus drei Reihen verschieden hoher Stangen ver- 
sehene und mit einer großen Decke aus vierzig l)is fünfzig Guanako- 
fellen (bei den Araukanern aus Pferdefellen) überzogene Zelt, das 
nach einer Seite ganz offen und im Innern durch Felldecken in 
Abteile geschieden ist (Abb. 83, Fig. 7), ist nichts als ein ver- 
besserter Windschirm; tatsächlich besitzen die Ona im Süden 
und die Yaro (ein Tscharrüastamm) im Norden noch die ein- 
fachste Form dieser Art Obdache. Bei den Kerandi bildeten 
die Toldos ganze Dörfer von drei- bis viertausend Einwohnern, 
die, wie im ganzen übrigen Gebiet, mit Vorliebe am Ufer von 
Flüssen und Seen aufgeschlagen wurden. Man schläft in den 
Toldos am Boden auf ausgebreiteten Guanakofellen ; diese bilden 
auch das Hauptstück der Tracht , den großen F e 1 1 m a n t e 1 , 
der im ganzen Süden Männer und Frauen allein gegen die 
Unbilden ihres oft rauhen und stürmischen Klimas schützt (vgl. 
Abb. 122). 

Er wird aus den Fellen junger oder noch ungeborener (ruanakos her- 
gestellt, deren mit rotem Ocker gefärbte und mit geometrischen Mustern in 
Schwarz, Gelb und Blau bemalte Innenseite nach außen getragen wird. Unter 
dieser Decke trägt der Mann die Tschiripa, den Lendenschurz, die Frau einen 
Rock, der von den Schultern bis zu den Knöcheln reicht; beide bestanden ur- 



312 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

sprünglich ebenfalls aus Fell, später meist aus eingeführten Stoffen. Den Kopf 
ziert eine gewebte wollene Binde. Der Fellmantcl wird bei den Männern durch 
einen ledernen oder gewebten, bei den Frauen durch einen reich mit Glasperlen 
und silbernen Buckeln verzierten Gürtel festgehalten, so daß man beim Keiten 
die obere Hälfte herabfallen lassen kann, um den Oberkörper freizuhaben. Die 
Füße stecken in hohen Stiefeln, die sehr einfach aus der Haut an der Knie- 
kehle eines Pferdes zugeschnitten werden. Diese „botas de potro" sind erst 
seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Gebrauch; bis dahin kannte man 
nur große Schuhe aus dem Fell der Kniekehle von Guanakos, die im Winter 
mit trockenem Gras ausgestopft wurden. Von den Fußtapfen, die sie hinter- 
ließen, rührt auch der Name Patagön, „Großpfote", her, den die Entdecker 
den riesenhaften Anwohnern der Magalhäesstraße gaben. — Die ursprünglichste 
Form dieser Tracht haben wiederum die Ona bewahrt. Sie tragen den Fell- 
raantel mit den Haaren nach außen, bemalen ihn nicht und halten ihn ohne 
Gürtel fest; er ist das einzige Kleidungsstück der. Männer, in das sie sich vom 
Hals bis zu den Füßen einwickeln, während er bei den Frauen kürzer ist und 
durch einen um den Leib geschlagenen Fellrock, der von den Brüsten bis zu den 
Knien reicht, ergänzt wird. An den Füßen trägt man die erwähnte Art von 
Schuhen aus Guanakofell und um den Kopf eine Binde, die aus einem drei- 
eckigen Stück Guanakofell (über der Stirn) und einer Sehnenschnur besteht, also 
noch deutlich ihre Abkunft von der Schleuder verrät. 

Durch die Araukaner ist neben dem Ackerbau auch die 
Weberei und die peruanische Form der Tracht nach den Steppen 
des Ostens verpflanzt worden. Die letztere besteht bei den Männern 
aus Poncho und Mantel, bei den Frauen aus Leibrock und Mantel; 
beide aus festem, nahezu wasserdichtem Gewebe. Auch die gewebten, 
oft schön gemusterten Stirnbinden und Leibgürtel wurden erst von 
ihnen eingeführt. Dasselbe gilt von dem reichen Silberschmuck, 
der jetzt meist aus Silberdollars durch Hämmerung hergestellt wird, 
seinen peruanischen Ursprung aber noch immer erkennen läßt (s. u.). 

Gegenüber diesem eingeführten ist der ursprüngliche Schmuck 
der südlichen Völker überaus ärmlich zu nennen. Er besteht aus 
Straußenfedern, die man in die Stirnbinde steckt, und Halsketten aus 
aufgereihten Knochenröhreben, Steinen oder Muschelscheibchen oder, 
wie bei den Ona, auch nur aus rotgefärbten Strähnen von Guanako- 
sehnen, die Hals, Hand- und Fußgelenk umgeben. Als defor- 
mierende Schmucke waren in alter Zeit Lippenpflöcke, später 
nur noch Stichtatauierung bei den Tscharrüa und Kerandi, Narben- 
tatauierung bei den Ona bekannt. Sonst bemalt man sich noch das 
Gesicht mit roten und schwarzen, blauen und weißen Farberden, 
die mit Markfett angerieben werden. Meist geschieht das nur bei 
festlichen Gelegenheiten, doch übten die Patagonier die Bemalung 



Die Reiterstämme des Südens 



313 



auch zum Schutze der Haut gegen die schneidenden Winde (vgl. 
die Inselkaraiben, S. 279/80). Das prachtvolle Haar fällt in seiner 
natürlichen Länge herab und wird mit Wurzelbürsten, seltener mit 
Stäbchenkämmen, gepflegt. 

Im Schmuckbediirfnis erschöpft sich nahezu der Kunsttrieb dieser 
Reiterstämme. Neben den aufgemalten 
bunten Mustern auf der Innenseite der 
Guanako-Fellmäntel, den einbossierten Ver- 
zierungen auf den großen silbernen 
Scheibennadeln und den einfachen Ritz- 
zeichnungen auf den Tongefäßen, die 
sämtlich geometrisch sind, stehen als 
einzige Ansätze zu naturalistischer Dar- 
stellung die Fels- und Höhlenzeichnungen, 
die man in verschiedenen Teilen des Ge- 
bietes gefunden hat. Die Tiermuster auf 
den gewebten araukanischen Gürteln sind 
spanischer Herkunft. 

Die nomadischen Völker des 
Südens kannten mit Ausnahme der 
Tscharrüa, die zur Zeit der Ent- 
deckung mit 17 — 20 m langen Ein- 
bäumen das Meer befuhren (Tupiein- 
fluß!), keinerlei Wasserfahrzeuge 
oder hatten wenigstens ihren Ge- 
brauch nach der Einführung derPferde 
gänzlich verlernt; selbst die Ona auf 
dem von Fjorden zerschnittenen, von 
Inseln umsäumten Feuerlande sind 
völlig wasserfremd (Friederici). Die 
„Pelota", das runde Boot aus auf- 
gespannten E,indshäuten, ist, wie bei 
den Abipön (vgl. S. 294), auch in 
den Pampas erst durch Spanier 
eingeführt und hauptsächlich von 
Gauchos angewandt worden. Die 

Zeltdecken und -stangen und der gesamte Hausrat wurden in 
älterer Zeit durch Hunde fortgeschafft, die vor der Einführung der 
Pferde die einzigen Haustiere waren. Die Sorge für die Bepackung 
der Pferde, den Transport und das Aufschlagen der Zelte fällt 
ganz den Frauen zu, die bei den Ona mit Hilfe eines ledernen Trag- 




Abb.126. Leiterartige Kindertrage 

mit Lederbändern. Ona. (Yen. Gr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



314 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

bandes, das ihnen um Brust und Schultern läuft, auch die Lasten 
selbst schleppen, während die Männer lediglich ihre Waffen tragen, 
um jederzeit jagdbereit zu sein. Die neugeborenen Kinder führt 
man mit sich, nachdem man sie auf ein ausgepolstertes Brett oder 
ein leiterförmiges Gestell aus Holzstäben festgebunden hat, eine 
Tragweise, die nicht nur die Reiterstämme, sondern auch die Ona 
kennen (Abb. 126) und die deshalb besonders interessant ist, weil 
alle anderen südamerikanischen Völker, die wir bisher betrachtet 
haben, im Gegensatz zu den nordamerikanischen die Kindertrage 
nicht kennen. 

In kleinen Horden (Familiengruppen), deren jede unter einem 
Häuptling steht, durchziehen die südlichen Reiterstämme ruhelos 
ihre weiten Steppen. Der Häuptling gibt jeden Morgen die 
Marschordnung an und leitet die gemeinsamen Jagdzüge; weiter 
reicht sein Einfluß bei den Tehueltsche nicht (bei den Ona fehlt 
sogar jede Spur eines eigentlichen Häuptlingstums), während sich 
unter den Pampasindianern und den östlichen Araukanern in früherer 
Zeit häufig mächtige Oberkaziken erhoben, die Tausende von Indianern 
gegen die Ansiedlungen der Weißen führten. Wenn sich zwei 
Horden begegnen, was regelmäßig durch die feierliche Entsendung 
eines Herolds (Tschaski) und eine kriegerische Empfangszeremonie 
eingeleitet wird, werden Pferderennen veranstaltet, und man vergnügt 
sich mit Hahnenkämpfen, Würfel- und Kartenspiel, vor allem aber 
mit endlosen Gelagen, bei denen Kuhhörner mit gegorenem Apfel- 
safte kreisen; daher der Name Manzaneros, „Apfelmänner", der 
einem araukanischen Stamme östlich der Anden gegeben wurde. 
Die Pehuentsche bereiteten auch Maisbier und die Tscharrüa einen 
Met aus Honig; sonst waren berauschende Getränke vor der Be- 
rührung mit den Europäern unbekannt. Auch der Tabak ist erst 
gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts eingeführt worden. Pata- 
gonier und Araukaner sind jetzt leidenschaftliche Raucher; mit ihren 
kurzen „Monitorpfeifen" mit dicken Köpfen aus Holz oder Stein 
und metallnen Rohren versetzen sie sich gern in einen Zustand 
zeitweiliger Betäubung. 

Nicht immer lief die Begegnung zweier Horden friedlich ab. 
Wie bei allen Nomaden besaß auch hier jeder Stamm sein bestimmtes 
Schweifgebiet, dessen Betreten durch eine fremde Horde den häufigsten 
Anlaß zu den Stamm es fehden bildete. So waren Ranqueles und 
Pueltsche erbitterte Feinde, bis sie die Notwendigkeit gemeinsamer Ab- 



Die Reiterstämme dos Südens 315 

wehr der weißen Eindringlinge zusammenführte. Man kämpfte mit 
großer Kühnheit, selbst gegen die besser bewaffneten Kolonisten. 
Signale mit Holz- oder Rohrtrompeten und mit Rauchsäulen leiteten 
die Bewegungen der Reitermassen. Die Bewaffnung war gut 
ausgebildet. 

In alter Zeit waren Bög-en und Pfeile neben kurzen Siiieläen mit Steinspitzen 
die Hauptkrieg-swaffen, bei den Ona, deren einzelne Horden sich oft erbittert 
bekämpften, aucli die Schleuder. Erst mit der Einführung des Pferdes sind 
lang-e Lanzen allg^emein geworden. Die hölzernen, mit Eisenspitzen bew^ehrten 
der Tehueltsche sind bedeutend länger und schwerer als die leichten Bambus- 
rohrlanzen der Pueltsche und Araukaner (vgl, Abb. 124). Auch die Bola war 
eine furchtbare Kriegswaffe, liatte als solche aber nur eine aus einem zuge- 
spitzten Stein bestehende Kugel („Bola perdida", weil sie, wenn einmal geworfen, 
nicht wieder aufgehoben wurde). Die ledernen Brustpanzer und Helme der 
Araukaner und Patagonier sind zweifellos ebenso wie ihre Säbel und Dolche 
eine Nachahmung spanischer Waffen. 

Auch innerhalb der Horde wird das friedliche Leben nicht 
selten durch den blutigen Austrag von Familienzwisten (Blut- 
rache) gestört. Geburt und Tod, Mannbarwerdung eines Mädchens 
und Eheschluß geben Gelegenheit zu Festen, bei denen die Er- 
richtung eines Festzeltes, der Tanz der mit weißer Farbe bemalten 
und mit Straußenfedern geschmückten Männer, vor allem aber die 
immer wiederkehrenden Pferdeopfer zur Abwehr der bösen Geister 
die Hauptrolle spielen. Unter den Musikinstrumenten, die 
hierbei ertönen, ist der Musikbogen (aus Guanakoknochen und Roß- 
haarsehnen) hervorzuheben, der mit einem glatten Knochen gestrichen 
wird, wobei der Spieler das eine Ende des Bogens in den Mund 
steckt; ferner Felltrommeln und Lederrasseln, die aber hauptsäch- 
lich Geräte des Zauberarztes sind. 

Der Eheschluß beruht gewöhnlich auf friedlicher Übereinkunft 
mit den Eltern der Braut und ist meist ein Frauenkauf, bei den 
Araukanern auch ein wirklicher oder scheinbarer Frauenraub. 
Gewöhnlich herrscht Vielweiberei; die Erbfolge ist durchweg vater- 
rechtlich geregelt. Bei den Ona gibt es einen Männerbund, in 
den die Jünglinge mit vierzehn Jahren nach den üblichen Proben 
aufgenommen werden; er verfolgt den ausgesprochenen Zw^eck, die 
Weiber einzuschüchtern, die einstmals nach der Anschauung der Ona 
die Männer beherrschten, und erreicht dies dadurch, daß er seine 
Mitglieder zu gewissen Zeiten als Dämonen auftreten läßt, wobei 
die Vermummung durch bemalte und mit Gras ausgestopfte Guanako- 



316 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

fellmäntel erzielt wird. Unter den sonstigen Sitten sind wieder vor 
allem die Bestattungsgebräuche wichtig. 

Während die Patagonier in alter Zeit den Toten in Hockerstellung, mit 
dem Gesicht nach Osten, auf dem Gipfel eines Hügels niederlegten und mit 
Steinen bedeckten oder auch in Höhlen beisetzten, ist bei allen übrigen Stämmen, 
auch bei den heutigen Patagoniern, das Erdbegräbnis üblich. Die Ona bedecken 
den Leichnam mit Guanakofellen, trockenen Blättern, Erde und Steinen und 
verbrennen die Beigaben, während die Araukaner Hausgerät und Pferdegeschirr, 
Nahrungsmittel und Gefäße mit Chicha mit dem Toten beerdigen. Fahnen und 
ausgestopfte Häute der Pferde, die man ihm zu Ehren mit Lassos erdrosselt hat, 
umgeben die Grabstätte; in alter Zeit Avurde bei den Pueltsche und Araukanern 
auch die Witwe des Verstorbenen getötet. Nicht nur die höchst unwirtschaft- 
liche Vernichtung der ganzen Habe des Toten, sondern auch barbarische Selbst- 
kasteiungen sind für die Totenfeste dieser Völkergruppe kennzeichnend. Ihren 
Höhepunkt erreichten die letzteren bei den Tscharrüa. Starb bei ihnen ein 
erwachsenes männliches Stammesmitglied, so schnitten sich seine weiblichen 
Familienangehörigen ein Fingerglied ab und zerfleischten sich Arme, Brust und 
Seiten mit Messerstichen. Azara, einer der älteren Beobachter dieses Stammes, 
sah kein erwachsenes Weib, das noch alle Pinger vollständig hatte und dessen 
Körper nicht mit Narben bedeckt war. Fast ebenso rigoros verfuhren die Kinder 
des Abgeschiedenen. Sie zogen sich in eine einsam gelegene Hütte zurück, ließen 
sich beide Arme mit langen Rohrspänen spicken und brachten die Nächte, bis 
an die Brust in einem Erdloch vergraben, zu. So trieben sie es zehn bis zwölf 
Tage, während deren sie von Freunden verpflegt wurden, die aber die Hütte 
nicht betreten durften. Der Rachsucht des Totengeistes sucht man durch 
alle diese Mittel gewissermaßen entgegenzukommen, um ihn von den Über- 
lebenden abzulenken. 

Die Religion ist ein reiner Animismus. Es herrscht eine 
grenzenlose Furcht vor bösen Geistern (Gualitschu), meist 
Totenseelen, die unter der Erde, in Wäldern, Flüssen, Höhlen und 
seltsam gestalteten Felsen hausen, aber auch auf der Rückseite 
des Toldo lauern und Krankheiten und Todesfälle senden. Man 
sucht sie durch Darbringungen zu versöhnen oder durch Beschwö- 
rungen und Lärm zu verscheuchen; bezeichnend ist das Verhalten 
gegenüber unheilbar Kranken, die man im Stiche läßt, nicht ohne 
beim Fortgehen Streiche durch die Luft zu führen, um dem bösen 
Geist die Verbindung mit den Angehörigen des Kranken gleichsam 
abzuschneiden (Patagonier). Nur der Zauberarzt vermag diese 
Dämonen zu erblicken, sich in visionärem Zustand mit ihnen in 
Verbindung zu setzen und sie mit dem üblichen Hokuspokus, bei 
dem die Lederrassel geschwungen wird, aus dem Körper des Kranken 
zu vertreiben. Häufig gelten auch hier gewisse Personen, besonders 
Frauen, als böse Zauberer, die rücksichtslos beseitigt werden. 



Die Feuerländer 



317 



Die Patagonier glauben an einen höchsten Himmelsgott, 
der aber nicht in das Leben der Menschen eingreift, und einen 
Dämon Achekenat-kanet, der je nach Laune Böses oder Gutes wirkt. 
Bei den Ona, deren Himmelsdämon Oleming gleichberechtigt neben 
zahlreichen anderen Geistern steht, wird die Kunde von diesen über- 
natürlichen Wesen als Ge- 
heiralehre eifersüchtig von 
dem Männerbunde (s. o.) ge- 
hütet. Diemythologischen 
Vorstellungen sind nur 
wenig bekannt. 

Viele Stämme sehen in den 
Sternen die Seelen der Ahge- 
schiedenen, die Patagonier in der 
Milchstraße das Feld, auf dem 
diese Abgeschiedenen Strauße 
jagen (vgl. S. 292). Sonne und 
Mond sind nach der Auffassung 
der Ona feindliche Eheeatten, die 
sich unablässig verfolgen, seit- 
dem die Sonne dem (weiblich ge- 
dachten) Mond ins Angesicht ge- 
schlagen hat (daher die Mond- 
flecken). Die Schöpfung wird als 
ein Hervorkommen aus Höhlen 
gedacht, und zwar glauben die 
Patagonier, daß dieser Prozeß bis 
in die Gegenwart andauere, und 
daß auch die Spanier mit all ihren 
Haustieren, Kleidern und Waffen 
zu einer bestimmten Zeit aus Höh- 
len gekommen seien (Ehrenreieh). 



f) Die Feuerländer 




Abb. 127. Yahganmädchen 
(Nach Hyades und Deniker) 



„Tierra de los fuegos" 
nannte Magalhäes das Land 

im Süden der seinen Namen tragenden Meeresstraße, da er bei 
seiner Durchfahrt (1520) viele Feuer an dem Gestade bemerkte. 
Sie rührten wohl von den Feuerbränden her, die die Eingeborenen 
jener Gebiete auf Platten aus Erde und Kies in ihren Rinden- 
booten mit sich führen; denn die „Feuerländer" sind reine Wasser- 
nomaden, denen das Land nur vorübergehenden Aufenthalt bietet. 



318 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Wir rechnen zu ihnen drei spraclilich verschiedene Stämme: die Yahg-an, 
Alikuluf und Tschono (S. 227). Von ihnen sind die Yahgan zwar am 
besten bekannt, haben aber ihre kulturelle Ursprünglichkeit größtenteils durch 
die anglikanische Mission, die Thomas Bridg-es 1884 durch die Anlegung der 
Missionsstation Ushuaia unter ihnen begründete, ein- 
gebüßt und sind durch Seuchen von etwa dreitausend 
Individuen (1862) auf einhundertfünfundsiebzig zu- 
sammengeschmolzen. Die Alikuluf sind zwar schon 
frühzeitig besucht, aber weniger gut studiert worden. 
Das gilt leider auch von den interessanten Tschono, 
die zwar Kleidung, Schmuck und Hausbau, Nahrung, 
Fischfangmethoden und Jagdwaffen mit den Peuer- 
ländern gemein haben, in manchen anderen Be- 
ziehungen aber ebenso das Bindeglied zwischen Feuer- 
ländern und Araukanern zu bilden scheinen, wie die 
Ona z^\•ischen Feuerländern und Patagoniern. 



Seit der Zeit ihrer ersten Bekanntschaft 
mit den Weißen haben die Feuerländer immer 
als eines der primitivsten amerikanischen 
Völker gegolten, und abschreckende Be- 
schreibungen sind von vielen älteren Be- 
obachtern, vor allem von Darwin, über sie 
veröffentlicht worden. Wenn auch hierbei viele 
Übertreibungen mit unterlaufen (namentlich 
die Nachrichten von ihrem Kannibalismus, 
dem angeblich von Zeit zu Zeit die alten 
Weiber des Stammes zum Opfer fielen, haben 
sich nicht bestätigt), so ist es doch richtig, 
daß diese Randvölker des Südkontinents alle 
Merkmale der äußersten Kulturarmut auf- 
weisen. Sie stehen darin den alten Bewohnern 
der südlichen Steppen am nächsten; was sie 
von diesen trennt, ist teilweise das Ergebnis 
der Anpassung an die Natur ihres vom Meer 
in zahllose Inseln und Halbinseln, tiefe Fjorde 
und enge Meeresstraßen zerrissenen Wohn- 
gebietes. Bei diesen Wassernomaden mußten 
vor allem die dem Nahrungserwerb dienenden 
Waffen und Geräte eine besondere Ausbildung erfahren. Bögen und 
Pfeile, Schleudern und Bolas haben die Yahgan und Alikuluf 
wohl erst von den Ona übernommen (den Tschono fehlen sie ganz). 



Abb. 128. Wurfspieß 
und Harpune der Yah- 
gan. In der Mitte zwei 
Knochenspitzen vonHar- 
punen. ('/i — 'A m- ^^■) 
(Xacli Hyades und Deniker) 



Die Fcuorländer 319 

Daher sind Bögen und Pfeile bei den Yahgan ziemlich selten, bei 
den Alikuluf schlecht gearbeitet, und nur die Alikuluf besitzen Bolas 
und verstehen die Schleudern gut zu handhaben, was man von den 
Yahgan keineswegs behaupten kann. Die ursprünglichen Waffen dieser 
Stämme sind der Wurfspieß mit der einseitig gezahnten Spitze 
aus Robben- oder Walfischknochen für die Jagd auf Guanakos, 
Fischottern und Wasservögel und die Harpune mit einer durch 
eine kurze Leine am Schaft befestigten, widerhakenbe vv ehrten Knochen- 
spitze, mit der man Robben, ja selbst Wale angreift (Abb. 128) 
Beide sind im Vergleich zu den entsprechenden Eskimogeräten 
überaus primitiv, wie überhaupt der Feuerländer in jeder Beziehung 
hinter jenen im harten Kampfe ums Dasein geschulten Polarmenschen 
zurücksteht. Selbst der Gegenstand, der die wichtigste Rolle in 
seinem Dasein spielt, das Boot, ist ein nur wenig widerstandsfähiges, 
aus fünf bis sieben Stücken Buchenrinde mittels Fischbein zusammen- 
genähtes, mit Gras und Harz kalfatertes und innen mit halben 
Holzreifen ausgelegtes Fahrzeug (vgl. Abb. 88, Fig. 5). 

Diese Rindenboote sind hauptsächlich für die Yahgan kennzeichnend. An 
der ganzen Westküste vom Kap Hoorn bis zum Chiloe-Archipel und am West- 
ausg-ang- der ]\Iagalhäesstraße, also bei den Alikuluf und Tscliono, herrscht ein 
echtes Plankenboot, das aus drei zollstarken, nach Erhitzung gebogenen Fichten- 
oder Araukarienbrettern mit Hilfe von Fischbein oder zähen, im Wasser nicht 
faulenden Pflanzen zusammengenäht ist, einen flachen Kiel und nahezu senk- 
rechte Bordwände (wie unsere Fischerboote) besitzt und innen, wie das Rinden- 
boot, mit halbkreisförmig gekrümmten Spanten ausgelegt ist. Wahrscheinlich 
sind diese „Dalcas", wie sie die Chilenen nennen, das Vorbild der Rindenboote 
gewesen. Wenn diese Bootstypen, die schiffbautechnisch den europäischen Wasser- 
fahrzeugen am nächsten kommen, nicht entfernt so leistungsfähig waren wde 
etwa die mit Planken überhöhten, riesigen Einbäume der Inselkaraiben, so lag das 
an ihrer mangelhaften Bauart; trotz guter Kalfaterung liefen sie beständig voll 
Wasser und hatten kaum eine längere Lebensdauer als vier bis sechs Monate. 
Sie Avaren höchstens 8 m lang und boten dann zwölf Personen Raum, wurden 
mit schmalen, schw^ach lanzettförmigen Rudern ohne Krückengriff fortbewegt 
und besaßen zuweilen viereckige Segel aus Seehundsfell mit Tauen aus gedrehten 
Binsen (Friederici). Die Feuerherde in diesen Booten sind bereits erwähnt. Um die 
Fahrten abzukürzen, legten die Tschono auf manchen Inseln Tragstellen (Portages) 
in Gestalt von Bohlenwegen an, über die die Boote gezogen werden konnten. 

Die Grundlage der Ernährung bilden Muscheln (Mytilus, 
Patella), Seeigel und Krebse, die zur Zeit der Ebbe von den 
Frauen mit gegabelten Holzgeräten aufgespießt werden. Bei der 
Jagd hilft dem Manne der Huud; bei den Alikuluf und Tschono 
sind Netze zum Vogel- und Seehundsfang im Gebrauch. Die Yahgan 



320 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



kennen weder Angeln noch Netze, sondern nur lange, mit Steinen 
beschwerte Fischleinen aus Tang, an deren Eode eine Schlinge mit 
laufendem Knoten (aus einer Federpose) den Köder festhält, während 
die Fische selbst sehr geschickt mit der Hand gegriffen werden. 
Gänse und Enten fängt man in Schlingen aus Fischbein, die von 
einem langen Riemen herabhängen. Die Nahrung ist also vorwiegend 
tierischer Herkunft; Speck, Fett und Knochenmark werden bevor- 
zugt, und die Pflanzenwelt der Wälder liefert nur geringe Zukost 
in Gestalt von wilder Sellerie, Beeren und Baumpilzen. Speck und 
Fett werden mit Hilfe erhitzter Steine ausgeschmolzen, die Mollusken 





Abb. 129. Gefäße aus Korbg-eflecht, Fischbein und Drimysrinde. Yahgan der 

Hermiteinsel, ('/a n. Gr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 

in heißer Asche geröstet und aus Vogelhäuten und -eingeweiden 
sozusagen „ Würste" bereitet. 

Den Unbilden des naßkalten Klimas gegenüber hat sich der 
Peuerländer so gut wie gar nicht zu schützen verstanden. Sein 
Haus ist eine halbkugelförmige Hütte aus zusammengebogenen und 
verflochtenen Zweigen (seltener eine kegelförmige aus Baumstämmen). 
Sie ist mit Grasbüscheln und Reisig, Moos und Rinde ungenügend 
gedeckt und bietet nur wenigen Menschen Raum, die während der 
Nacht, eng aneinandergeschmiegt, auf einer Gras- und Binsenstreu 
um das in einer mittleren Vertiefung brennende Feuer liegen. Eine 
gemeinsame Decke aus Robben- und Seeotterfellen bedeckt die 
Schlafenden, deren unglaubliche Abhärtung schon aus der Tatsache 
erhellt, daß eine schützende Kleidung fast ganz fehlt. Ein kleiner 



Die Foucvländer ■ 321 

Mantel aus Robben- oder Ottertell hängt dem Manne von den 
Schultern herab, ein dreieckiger Schurz aus Guanakoleder ist die 
ganze Kleidung der Frau (vgl. Abb. 127). Der Schmuck besteht 
aus Reiherfederbinden für festliche Veranlassungen, Ketten aus 
Schneckengehäusen und Röhrenknochen, Fellmanschetten um Hand- 
gelenk und Knöchel usw. Zur Haarpflege dienen Kämme aus einem 
Stück Delphinkiefer oder Bürsten aus Wurzeln; außerdem findet 
Körperbemalung mit Ocker statt. 

Über diese hat Bridges interessante Mitteilung'en gemaclit. Man bewahrt 
den pulverisierten Ocker in getrockneten Luftröhren von Robben oder Delphinen 
auf. Die Bemalung" besteht aus Strichen und Punkten, die eine symbolische 
Bedeutung besitzen und dem Kundigen sofort verraten, ob der Träger den Ver- 
lust von Freunden oder Verwandten beklagt, unter welchen Umständen diese 
gestorben sind usw. 

Alle technischen Künste sind entsprechend unentwickelt. 
Beile fehlen ganz; Pfriemen aus Vogelknochen und Meißel aus einem 
Stück geschärfter Muschelschale müssen alle anderen Werkzeuge 
ersetzen. Geschickt ist der Feuerländer in der Herstellung von 
Pfeilspitzen aus Stein oder Glas, mit Hilfe eines Knochens, und in 
der Verfertigung hübscher, engmaschiger Körbchen in Spiralgeflecht-, 
alle sonstigen Behälter beschränken sich auf Eimer aus der Rinde 
der Drimys (Magnoliacee) oder Seehundsfell, Becher aus Fischbein 
(vgl. Abb. 129), Säcke aus Tierblasen (Tranbehälter) und Schüsseln 
aus den Schalen großer Muscheln. Bemerkenswerterweise sind die 
Feuerländer die einzigen Südamerikaner, die das Feuer nicht durch 
Bohren, sondern Schlagen mit Schwefel- oder Eisenkies gewinnen. 
Diese Pyrite sollen alle von einer bestimmten Insel im Alikulufgebiete 
stammen; als Zunder dienen Schwamm und Moos, Vogeldaunen und 
trockene Holzspäne, die man in Fellbeutelu stets bei sich führt. 

Familienweise, nicht in größeren Trupps, trifft der Reisende 
die Feuerländer in den Kanälen und Fjorden ihrer Heimat an. Es 
herrscht meist Vielweiberei, damit der Mann stets über einige 
Ruderer für sein Boot verfügt, denn die Frauen rudern und steuern 
das Boot, während der Mann das Sodwasser ausschöpft, das Feuer 
unterhält und nach der Jagdbeute späht. Beim Eheschluß, dei' 
schon sehr früh erfolgt, werden Geschenke ausgetauscht (die Braut 
übergibt ein Boot, Harpunen und Wurfspieße, der Bräutigam Felle); 
bisweilen siedelt der Bräutigam eine Zeitlang oder dauernd zu den 
Schwiegereltern über. Von den Yahgan wissen wir durch Hyades, 
daß sie die Knaben zur Zeit der geschlechtlichen Reife in eine 

Vülkerkuiide I 21 



322 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

besondere Hütte (kina) sperrten, wo sie schwer arbeiten mußten; 
bei diesen Reifefeiern scheinen früher merkwürdige Gebräuche, u. a. 
eine Art Maskentanz, bei dem die Gesichter mit Rindenstücken 
bedeckt wurden, geherrscht zu haben. Der Tote wird in Felle 
gehüllt und im Muschelabfallhaufen unweit der Hütte bestattet; 
stirbt ein Stammesmitglied fern von der Heimat, so verbrennt man 
es im Walde und zerstreut die Asche, damit nicht Stammfremde 
Harpunenspitzen aus seinen Gebeinen machen können. Auch hier 
unterwerfen sich die Überlebenden Kasteiungen (vgl. S. 316); sie färben 
sich schwarz, scheren sich die Haare ab und zerschneiden sich das Ge- 
sicht mit scharfen Muschelschalen. Der Name des Toten ist durchaus 
tabu; wer ebenso heißt, muß sich einen anderen Namen beilegen. 

Die großartige Natur seiner Heimat belebt der Feuerländer 
mit Dämonen (zu denen auch die in den Wäldern hausenden 
Totenseelen gehören), die den Menschen allerlei Böses zufügen; 
einer der gefährlichsten ist Ualapata, dessen Ruf dem einer Robbe 
gleicht. Wer ihn sieht, ist verloren, und wo seine Stimme in stiller 
Nacht ertönt, verrammelt die Horde ihre Hütten und verläßt alsbald 
den Lagerplatz. Andere Dämonen senden die Stürme, die ja in der 
Nachbarschaft des Kap Hoorn ganz besonders heftig sind; der Yaka- 
muscho — der Zauberarzt — muß dann die erregten Elemente 
beschwören, indem er gegen den Wind bläst, eine Muschel gegen 
ihn schleudert usw. Sonst hat er die Aufsicht über die Feste und 
heilt, buntbemalt und angetan mit Federkopfbinden und Halsketten, 
die Kranken in der in Südamerika allgemein üblichen Weise. 

Ein beredtes Zeugnis für die früher bedeutend unterschätzten 
geistigen Fähigkeiten der Feuerländer ist ihre Sprache. So 
besteht die Sprache der Yahgan nach Bridges, ihrem besten Kenner, 
aus dreißigtausend Worten und besitzt ein überaus formenreiches 
Substantivum, Pronomen und Verbum. 

2. Die Kulturvölker 
a) Tölker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung der Kulturen 

Völker aus dem Bereich der südamerikanischen Hochkulturen 
sahen wir (S. 166) in Mittelamerika in entschiedenem Vordringen 
nach Norden begriffen. Sie gehörten sprachlich zu den Chibcha, 
deren Stämme den größten Teil des heutigen Columbien und einen 
Teil Ecuadors bewohnten. 



Völker und Sprachen. Ursprung- und Ausbreitung der Kulturen 



323 



Der nameng-ebende Stamm, die Chibcha oder Muis ca („Menschen"), 
beherrschte, in drei Dialektgruppeii (S. 349) zerspalten, das Hochtal von Bog-utä, 
aus dem er wahrscheinlich eine ältere Ariiakbevölkerung' (die Caquetio, S. 228) 
verdrängt hatte. Einwanderungen fremder Völker (Karaiben, vgl. S. 222) haben die 
Wohnsitze der Chibcha offenbar stark eingeengt; dafür spricht z. B, die Tatsache, 
daß eine Kultstätte der Chibcha mitten im Gebiete der feindlichen Muzo (s. u.) lag 
noch mehr aber die 
heutige Verbreitung 
der Sprache. Auf der 
Hochebene von Bogota 
ist diese zwar längst 
verklungen, doch lebt 
sie noch in anderen 
Gegenden fort. Ein 
Chibchastamm (die 
Betoi) sitzt nämlich 
noch jetzt jenseits der 
Osikordillere in den 
LIanos des Casanare 
(S. 228), ein anderer 
(die Arhuaco) in 
der Sierra Nevada de 
Santa Marta. Zu den 
letzteren gehören die 
Kagaba (Köggaba) und 
Bintuküa (Ijca), die 
noch heute viel von 
ihrer allen Kultur be- 
sitzen. Sprachlich und 
kulturell eng mit den 
Arhuaco verwandt 
waren die jetzt aus- 
gestorbenen T a i r n a 
zwischen der Sierra 
Nevada und dem 
unteren Magdalena, 
und auch die Ch i m i 1 a 
südlich von den letz- 
teren (Nachkommen 
der Tairoiia?) können 

zu dieser Gruppe von Chibchastäramen gerechnet werden. Etwas ferner stehen 
ihnen die Pani quitästämme (Paniquitä und Paez, Pantagora und Pijao) 
in der Zentralkordillere zwischen dem oberen Magdalena und Cauca und 
die Coconuco (Moguex und Totorö) um Popayan. Diese hängen sprach- 
lich enger mit den Guaimi und Dorasque des Staates Panama zusammen. Zu 
einer dritten Gruppe von Chibchastämmen gehören jene Völker, deren Haupt- 
masse gegenwärtig den weiten Raum zwischen dem Rio Patia und dem Rio 




Abb. 130. Kägabamänner (Columbien). Der links vom 

Beschauer Stehende hält Kalkdose und Stab für den 

Kokagenuß in der Hand 

(Nach einer Photographie von K. Tii. Preuß) 



324 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Esmeralilas an den Küsten von Südcolumbien und Nordecuador besetzt hält, wo 
sie nach ihrer Wohnweise (auf Pfahlbauten) von den Spaniern unter dem Namen 
Barb acoa zusammengefaßt wurden (Cayäpa, Colorado, Cuaiqueres usw.). Aus 
der Verbreitung der Ortsnamen und der ihnen eigentümlichen Bestattungsweise 
(in Grabhügeln) hat Eivet geschlossen, daß sie einst nördlich bis zu den Atrato- 
Queilen und südlich bis zur Mündung des Gua^yas (Guayaquil) reichten und daß 
wahrscheinlich auch die Cara, die alte Bevölkerung des Zwischenandentals von 
Quito, die nach ihrer eigenen Ursprungssage einstmals an der pazifischen Küste 

nördlich von iManta (Caraque) 
saßen und sich dann längs des 
Esmeraldas bis nach Quito ver- 
breiteten, zu ihnen zu rechnen 
sind. Diese Gruppe ist nach dem 
französischen Forscher teilweise 
den Talamanca Costaricas nahe 
verwandt und besitzt mit diesen 
die altertümlichste, nicht, wie 
man nach der weiten Entfernung 
von dem mutmaßlichen Aus- 
strahlungsgebiet annehmen sollte, 
entwickeltste Form der Chibcha- 
sprachen. Vielleicht hat aucli 
die längst erloschene oder in der 
Mischlingsrasse aufgegangene Be- 
völkerungdes Cauca- und Senütals 
zu ihr gehört, denn auch hier tritt 
die erwähnte eigentümliche Be- 
stattungsform auf. Als das Haupt- 
volk des Caucatales erscheinen 
die Quimbaya im Gebiete des 
heutigen Cartago, die ihrer Über- 
lieferung nach aus dem Norden 
kamen und ursprünglich wohl 
mit der Bevölkerung des Senü- 
gebietes und mit den Tairona 
enger zusammenhingen. Südlich 
von ihnen wohnten die Lilc um Call, nördlich die Canäpa und Pozo, Paucora 
und Armados, Caramanta und Umbra und um Antioqula die Nori. Die Nori 
gehörten mit der Bevölkerung der Landschaft Dabeibe (am Ostufor des Atrato) 
nach Lehmann zu den Cueva (S. 164), die in Columbien von Völkern, die aus 
dem Süden kamen, teilweise überlagert wurden. 

Wie ein Keil hatten sich nämlich zwischen die Chibchastämme Columbiens 
uml Mittelamerikas die Clioco eingesclioben, ein Stamm, dessen Spraclie bis 
auf die Worte, die er von unterworfenen Cueva entlehnte, isoliert zu sein 
scheint und dessen Wohnsitze noch heute das ganze Becken des Atrato und die 
pazifische Küste zwischen dem achten und vierten Grad n. Br. einnehmen. 




Abb. 131. Mann aus Otävalo, einer im alten 

Gebiete der Cara gelegenen Stadt (Ecuador) 

(Nach Stübcl und Reiß) 



Völker und Sprachen. Ursprung- und Ausbreitung der Kulturen 325 

Ihnen entspricht im Süden eine Gruppe von Völkern, die die Küste zwischen 
der Mündung des Rio Esmeraldas und des Eio Guayas besiedelt hatten und dort 
die Barbacoa vom Meere trennten. Von ihnen haben nur die Esmeraldas 
ihre Sprache bis in die neuere Zeit bewahrt; die anderen (die Manta, Huanca- 
huillca und die Bewohner der Insel Punä sowie der Täler von Tumbez, 
Lachira und Piura, deren Sprache T all an heißt) können mangels aller 
Sprachreste nur aus ethnographischen Gründen mit den Esmeraldas zusammen- 
gefaßt werden. — Auch im Andengebiete Columbiens und Ecuadors existierten in 
alter Zeit Stämme mit selbständigen, nicht zu den Chibcha gehörenden Sprachen, 
die heute sämtlich erloschen sind. Ob die alten Feinde der Chibcha im Nordosten 
(Lache), Nordwesten (Muzo) und Südwesten (P an che) des Hochtals von 
Bogota zu ihnen zählen, ist noch unentschieden; manche Forscher halten sie 
für Chibcha, aus ethnographischen Gründen möchte man sie aber lieber zu den 
Chocö stellen. Sicher nicht zu den Chibcha sind dagegen die Andäqui und 
M c a zu rechnen, die die Ostkordillere in den Quellgebieten des Rio de la Fragua, 
Yapurä und Iqa bewohnen. Im Zwischenandental Ecuadois südlicli vom Cerro 
de Pasto gab es außer den Cara (s. o.) eine Reihe von Stämmen, die in der 
Incazeit gi'ößtenteils die Sprache der peruanischen Eroberer annahmen. Die 
bekanntesten unter ihnen waren die hochstehenden Cafiari, die in der Breite 
von Azogues und Cuenca den ganzen Raum zwischen der Ostkordillere und der 
Küste bewohnten; andere gehörten nach den erhaltenen Sprachresten vielleicht 
zu den Stämmen östlich der Anden: die Quillasenca und Pasto (im Norden 
der Cara) zu den Tukano, die P u r u h a und P a 1 1 a (im Norden und Süden der 
Cafiari) zu den Jivaro (Rivet). — In Venezuela endlich redeten die Timote, 
ein Halbkulturvolk, das, in eine große Zahl von Stämmen zerfallend, die 
Kordillere von Merida bewohnte, und ihre nördlichen Nachbarn an der Lagune 
von Maracaibo (die B u b u r e und n o t e) besondere Spraclien, während die 
Caquetio im Hinterlande von Coro und in den Llanos jenseits des Gebirges 
nach Lehmann ein Aruakstamm waren, wie die Goajiro (s. o. S. 222), und die 
Motilon am Südwestufer der Lagune von Maracaibo und im Valle de Upar sowie 
die Opone und Carare am mittleren Magdalena zu den Karaiben gehören, wie 
die Stämme der Küste von Cumana (S. 222). 

In den mittleren und südlichen Andenländern scheint die 
Sprachenzersplitterung auf den ersten Blick weit geringer zu sein. 
Das rührt von der Ausbreitung des Khechua her, der Haupt- 
sprache des alten Peru, die heute vom 3. Grad nördlicher bis 
zum 22. Grad südlicher Breite fast uneingeschränkt herrscht 
und auch am Ostabhang der Anden, am oberen Madeira und 
Maranon, gesprochen wird. Wir wissen aus alten spanischen Ver- 
waltungsberichten, daß noch zur Zeit der ersten spanischen Vize- 
könige in vielen Andentälern fremde Sprachen neben dem Khechua 
existierten. Von diesen hat sich lediglich eine, das ehemals weit 
verbreitete Aimarä, in einem größeren Gebiete um den Südteil 
des Titikakasees erhalten. Neben ihr kommen in moderner Zeit 



326 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

nur noch einige kleine Sprachinseln (Mochica und Pu quin a) in 
Betracht. Alle übrigen Sprachen sind spurlos verschwunden; hieran 
trägt nicht allein die Regierungspohtik der Inca schuld, zu deren 
Hauptgrundsätzen die gewaltsame Verbreitung ihrer Sprache gehörte, 
sondern auch der Bekehrungseifer der spanischen Missionare, die 
zur Erleichterung ihrer Aufgabe die geschmeidige und leicht lern- 
bare Sprache von Cuzco auch in Gegenden einführten, die nach- 
weisbar nie das Joch der Inca getragen haben. 

Die Bedeutung- des Khechua für die g-eograpliische Nomenklatur des 
Avestliclien Südamerika erhellt aus der Tatsache, daß Anden, Chaco und Pampa 
Wörter der Khechuasprache sind (mit anti bezeichneten die Incaperuaner nicht 
das Gebirge selbst, sondern die warmen, dem g-roßen östlichen Waldlande zu- 
gekehrten Abluänge; chacu bedeutet „Treibjagd" und pampa „Ebene"). Selbst 
Literatursprache ist es g-eworden , seit die alte Sag-e von Ollantas , des peru- 
anischen Peldherrn, Liebe zur schönen Incatochter, seiner Empörung, Unter- 
werfung- und Begnadigung- durch den großherzigen Inca Thupajf Yupanqui in 
spanischer Zeit zu einem wirkungsvollen Drama verarbeitet wurde. Die Nord- 
grenze der heutigen Verbreitung des Khechua liegt im Lande der Andäqui (s. o.), 
die Südgrenze bei La Quiaca am Nordende der Quebrada de Humahuaca, die 
von der nordwestargentinischen Stadt Jujuy zur bolivianischen Puna hiuauftuhrt. 
Die Sprache beherrscht also das ganze andine Ecuador und Peru und in Bolivien 
die Gebiete südlich von Cochabamba und Oruro (mit Sucre und Potosi). Nach 
Tschudi sind fünf Hauptmundarten zu unterscheiden : die von Quito, Maynas (am 
oberen Marahon) Chinchaysuyu (Mittelperu südlich vom Cerro de Pasco), Cuzco 
und Cochabamba. Die Dialekte von Quito und Chinchaysuyu sind besonders alter- 
tümlich ; vielleicht lag die Urheimat der Khechua in Nord- oder Mittelperu, wo 
Stämme wohnten, die, wie die Huanca (um Jauja), kulturell -zu einer älteren 
Khechuaschicht gehörten. Der Name Khechua selbst bezeichnete ursprünglich nur 
ein Gebiet der alten Provinz Cuntisuyu am linken Ufer des Apurimac (um Abancay) ; 
von hier ist wohl der später herrschende Stamm zum Huillcanota (Huillcamayo) 
vorgedrungen. Jedenfalls lag das in einem Seitental des Huillcanota gegründete 
Cuzco schon mitten im alten Gebiete der A i m a r ä oder K o 1 1 a (vgl. unten S. 333), 
deren Sprache dem Khechua zwar nicht eigentlich verwandt ist, aber doch in 
älterer Zeit auf dieses Idiom entscheidende Einflüsse ausgeübt haben muß (ühlo). 
Gegenwärtig sitzen die Aimarä im Südosten, Süden und Südwesten des Titikaka- 
sees zwischen Puno im Norden und Oruro im Süden ; sie bewohnen also das 
ganze Departamento La Paz und die angrenzenden östlichen Andeuabhänge Daß 
sie ehemals viel weiter nach Süden, Westen und Norden reichten, haben Midden- 
dorf und Uhle an der Verbreitung von Aimaräortsnamen und Aimaräalter- 
tümern nachgewiesen. Im Süden waren Sucre (Chuquisaca) und der AuUagas- 
See alter Aimaräbesitz , im Westen die Meeresküste mindestens vom 16. bis 
zum 23. Grad, da hier Ortsnamen wie Arequipa, Arica, Tarapaca, Iquique und 
Cobija an ihre ehemalige Anwesenheit gemahnen. Daß ihr Einfluß an der Küste 
noch weit über Arequipa hinaus nach Norden reichte, beweist die Auffindung 
von Altertümern des „Tiahuanacostils", die von Aimarä herrühren, in den Tälern 



Völker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung- der Kulturen 



327 



von Pachacamac und Lima (s. u.), wo die Fürsten in vorincaischer Zeit übrigens 
auch den echten Aimaratitel Mauco führten. Im Norden bewohnten Aimara 
ehemals nicht nur denganzen Nordrand des Titikakabeckens, der danach KoUa- 
suyTi „Land der Kolla" hieß, und das Tal des Huillcanota, wo die Cana und 
Canchi noch bis"zum siebzehnten Jahrhundert Aimara sprachen; sie bildeten auch 
die Hauptmasse der^Bevölkerung in der alten Provinz Cuntisuyu, in der sogar 
der Name Aimara ursprünglich heimisch war (wie der Name Khechua), und 
haben noch viel weiter nördlich ihre Spuren hinterlassen. Die Collagua im 
Hochlandsgebiete nord- 
westlich von Arequipa 
waren bis in spanische 
Zeit hinein in Sprache, 
Tracht und Sitte ein 
Aimarastamm, und die 
Bewohner von Huaro- 
chiri im gebirgigen 
Hinterlande von Lima 
haben his auf den heu- 
tigen Tag einen Aimarä- 
Dialekt (das Cauqui) 
bewahrt. Uhle rechnet 
auch die kriegerischen 
Chanca um Ayacucho, 
die erbitterten Feinde 
der Lica, zu den Aimara, 
und Middendorf sieht 
sogar die Inca selbst, 
die herrschende Kaste 
der Khechua, für eine 
Abzweigung der Aimara 
an, die den bis dahin 
niedrigstehenden Klie- 
chua höhere Kultur ge- 
bracht hätte. Aus all' 
dem geht hervor, daß die Aimara ihrer Ausbreitung und Kultur nach in älterer 
Zeit eine ähnliche Rolle gespielt haben müssen wie in der Licaepoche die Khechua. 
Vielleicht sind auch sie nicht die ältesten Bewohner des Hochlandes gewesen. 
Die tiefstehenden, Fischfang treibenden Uru, die, jetzt nur noch etwa tausend 
Köpfe stark, mitten unter den Aimara längs des Desaguadero, des Verbindungsarmes 
zwischen Titikaka- und Aullagassee, und auf den Inseln des letzteren wohnen, 
waren zur Zeit der spanischen Eroberung noch über das ganze Andenhochland 
vom Titikaka bis zur argentinischen Grenze und an der Küste von Arequipa bis 
Cobija verbreitet. Ihre Sprache (Puquina) ist nach Eivet mit dem Aruak ver- 
wandt (vgl. S. 228); jedenfalls stellen sie ein kulturell sehr altertümliches Volk 
dar, das wahrscheinlich mit den Chango, der alten Bevölkerung der nord- 
chilenischen Küste (von Cobija bis Copiapo), zusammengehangen hat. — Den 
nördlichen Teil der peruanischen Küste hielten die Chi mü besetzt, die, wie alle 




Abb. 132. Khechuamänner aus Sta. Rosa (Peru) 
(N'ach einer Photographie von E. v. Xordenskiöld) 



328 Amerika. ITI. Die Völker Südamerikas 

Bewohner iler warmen Länder, von tleu Peruanern Yunca genannt wurden. Sie 
bewohnten ursprünglich die Täler von Motupe, Lambayeque, Pacasmayo, Chicama 
ujid Trujillo und redeten eine Sprache (Mochica), die, wie das Uru, gänzlich vom 
Khechua und Aimarä verschieden und vor dreißig Jahren noch in einem Orte 
des Tals von Lambayeque lebendig war, Lii Geg-ensatz zu den Uru und Chango 
waren sie aber ein hochstehendes Kulturvolk, das seiner Überlieferung nach aus 
dem Norden kam (manches deutet auf eine Veiwandtschaft des Mochica mit den 
Barbacoa-Sprachen) und seine politische und kulturelle Einflußsphäre an der Küste 
von Tumbez im Norden bis Huacho im Süden und ins Linere bis Cajamarca 
ausdehnte. Daß neben den Chimii an der peruanischen Küste und im an- 
grenzenden Gebirgsgebiete vor der Eroberung durch die Lica und vor der Aus- 
breitung der Aimarä noch andere Völker lebten, geht aus der Stilverschiedenheit 
iler archäologischen Funde unzweifelhaft hervor (vgl. S. 374). 

Khechua und Aimarä, Mochica und Puquina waren nach den 
alten spanischen Geschichtsschreibern die vier Hauptsprachen des 
Incareiches. Im Süden desselben gab es noch mindestens drei 
große Völkergruppen mit selbständigen Sprachen, die politisch nur 
teilweise von dem großen Kulturvolk des Nordens abhängig waren, 
kulturell aber fast ganz unter seinem Einfluß standen: die Ataca- 
mefios, Diaguita und Araukaner. 

Die Atacamehos oder Likan-antai („Dorfbewohner"), wie sich ihre 
kümmerlichen, auf die Umgebung von S. Pedro de Atacama beschränkten Reste 
nennen, bewohnten einst das weite Gebiet der Atacamawüste vom 19. bis 24. Grad 
s. Br.; noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts saßen sie in 
Tarapacä und Antofagasta; ihre alten Hauptsitze aber lagen bei Calama in iler 
Atacamawüste und auf der Puna von Jujuy. Hier grenzten sie an die Diaguita, 
die in alter Zeit das ganze gebirgige Nordwestargentinien (die Provinzen Jujuy 
und Salta, Tucuman und Catamarca, La Rioja und San Juan) innehatten; Cal- 
chaqui hieß nur ein Zweig dieses großen Volkes, zu dem vielleicht auch die 
alten Bewohner der Sierra de Cordoba (Sanavirones und Comechingones) gehört 
haben, nicht aber die Huarpes (Allentiac), die als echter Wildstamm die weiten 
Ebenen im Westen dieses Gebirgszuges durchstreiften. Die Sprachen aller dieser 
Stämme sind schon im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert erloschen, ehe 
sie aufgenommen werden konnten. Man hat die Diaguita abwechselnd an die 
Khechua und Aimarä, Atacamenos und Guaikuni angegliedert, doch gelten 
sie gegenwärtig wieder als ein Volk mit selbständiger Sprache. Während sie 
heute vollständig in der spanisch-indianischen Mischlingsbevölkerung des nörd- 
lichen Argentinien aufgegangen sind, haben die Araukaner Chiles bis in 
die Gegenwart hinein ihre physische, kulturelle und sprachliche Eigenart zäh 
bewahrt. Die politische Selbständigkeit konnte diesem tapferen Volke erst 
nach jahrhundertelangen , schweren Kämpfen entrissen w^erden. Von der 
Zeit der spanischen Eroberung an, in der Almagro und Pedro de Valdivia im 
Lande Fuß faßten (1550), bis zum letzten ..malou" (Raubzug) der Araukaner 
im Jahre 1882 ist zAvischen den Ansiedlern und Lnlianern fast ununterbrochen 
erbitterter Krieg gewesen. 1882 besetzten die ('liilenen das letzte unabhängige 



Völker und Sprachen. Ursprung- und Ausbreitung der Kulturen 329 

araukanische Gebiet nördlich und südlich von Valdivia. Ehemals besaßen die 
Araukaner die ganze Küste vom 24. Grad nördlicher Breite bis zur Insel Chiloe. 
Ihr eigentlicher Name ist Molutsche („Westleute"); die nördliche, von den Inca 
unterworfene Abteilung- (um Coquimbo) hieß Pikuntsche („Nordleute"), die 
mittlere (von Santiago bis Valdivia) Pehuentsche („Fichtenmänner") , die süd- 
liche (am Nahuelhuapisee und auf Chiloe) Huillitsche („Südleute"). Ein Teil 
der Pehuentsche ist über die Anden in die Steppen des Ostens vorg-edrungen 
(s. 0. S. 307). 

Die alten Kulturen der Andenländer sind bei aller Ver- 
wandtschaft im einzelnen kein einheitliches Gebilde. Boman und 
Rivet haben darauf hingewiesen , daß vor allem in der Haupt- 
errungenschaft dieser Kulturen, der Bearbeitung der Metalle, be- 
trächtliche Unterschiede zwischen Columbien, Ecuador und der 
peruanischen Küste einerseits, dem Hochlande von Peru, 
Bolivien und Nordargentinien andererseits hervortreten. In 
dem zuerst genannten Gebiete kannte man zwar Legierungen von 
Kupfer und Gold (Tumbaga), aber ursprünglich keine von Kupfer 
und Zinn, die da, wo sie vorkommen, zweifellos auf verhältnismäßig 
jungem Einfluß oder Import aus dem südlichen Kulturkreise, dem 
klassischen amerikanischen Bronzelande, beruhen. Andererseits sind 
Plattierung des Kupfers mit Gold (in Ecuador und an der 
Küste von Peru auch mit Silber), sei es durch mechanisches Auf- 
hämmern oder Aufwalzen, sei es durch Amalgamierung, und Ver- 
goldung von Legierungen durch Anwendung ätzender Pflanzen- 
säfte, die nach der Erhitzung das Gold an der Oberfläche aus- 
schieden (Columbien), dem nördlichen Kulturkreise eigene Techniken. 
Das Silber spielt wiederum in den südlichen Hochländern eine viel 
größere Rolle als im Norden, wo es in Ecuador nur noch spärlich, 
in Columbien überhaupt nicht mehr auftritt. Nach alledem schließt 
sich der nördliche Kulturkreis enger an Mittelamerika und Mexico 
an, als an den südlichen, der schon wegen der Gewinnung des Llamas 
und Alpakas als Nahrungs-, AVoll- und Transporttier (das einzige 
Beispiel echter Haustierzucht in Amerika) eine Sonderstellung 
beansprucht. Erst durch die Eroberungen der Incaherrscher sind 
die Grenzen des südlichen Kulturkreises so weit nach Norden ver- 
schoben worden, daß ganz Hochecuador mit peruanischen Kultur- 
elementen überschwemmt wurde. Einer älteren Zeit, in der die 
Aimarä das herrschende Volk auf dem Hochlande Boliviens und 
Perus waren, gehört bereits die Einbeziehung der peruanischen 
Küste in den südlichen Kulturkreis an. 



330 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Trotzdem läßt sich in den älteren Schichten der peruanischen Küstenkultur 
noch manches feststellen, was nach Uhle auf alte Beziehungen zu Mittel- 
amerika hindeutet. Zunächst die Tatsache, daß die stilistisch freieste und 
in der Art der Natur wiedergäbe am höchsten entwickelte Gefäßverzierung, die 
oft geradezu bilderschriftlichen Charakter annimmt, in der Zeit vor dem Einflüsse 
der älteren peruanischen Hochlandskultur an der Küste in Übung war. Aus 
derselben fi-ühen Zeit stammen Terrassenbauten mit aufgesetzten Stufenpyramiden 
wie die „Huaca del Sol" von Moche (bei Trujillo), die ganz wie mittelamerikanische 
Tempelanlagen, etwa Avie die Bauten des Monte Alban (S. 178). aussehen. Unter 
den figürlichen Darstellungen der Tongefäße erscheinen bärtige Götter und Fleder- 
mausdämonen, die an altmexikanische Göttcrgestalten erinnern; auf direkte 




Abb. 133. Durch Ein- und Auflagen verzierte Zähne aus 
Mexico und Ecuador : a Oberkiefer aus Campeche (Yucatan) 
mit Türkisscheibchen (3 mm Durchmesser), b und c Ober- 
kiefer aus der Provinz Esmeraldas (Ecuador) mit Gold- 
scheibchen (5 und 6,5 mm Durchmesser) und 5x8 mm 

großen Goldplättchen 

(Nach Hamy und Saville) 



Handelsbeziehungen deutet die häufige Verwendung von Muscheln der 
Gattung Spondylus, die nur aus den warmen Meeren des mittleren Amerika 
stammen können, und von Türkisen hin, von denen bisher (nach Joyce) in Süd- 
amerika noch keine Lager gefunden worden sind. — Je weiter nach Norden, 
desto zahlreicher werden die Übereinstimmungen. Eine der auffälligsten ist das 
Auftreten einer Art der Zahndeformation an der Küste von Ecuador, die voll- 
kommen der bei den Maya üblichen Zahninkrustation entspricht (Abb. 133). Auf 
dem Hochlande von Ecuador waren Spiegel in der Form halbkugeliger Pyritknollen 
und bei den Chibcha und Quimbaya tönerne Roll- und Flachstempel (zur Körper- 
bemalung) in Gebrauch wie im alten Mexico (vgl. S. 175). Auf die s ti 1 i s t i s c h e 
Verwandtschaft columbischer und mittelamerikanischer Goldzierate ist bereits 
oben (S. 168) hingewiesen worden. Die genaue technische Übereinstimmung des 



Völker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung der Kulturen 331 

Goldgußverfahrens im Caucatal, in Panama und Costarica wird weiter unten 
(S. 343) erörtert werden. Im Hinblick auf diese Tatsachen, die sich noch durch 
zahlreiche andere vermehren lassen, ist es von besonderer Bedeutung, daß an 
verschiedenen Stellen der südamerikanischen Westküste (bei Manabi und Guaya- 
quil, Lambayeque und Chinclia) Überlieferungen fortlebten, die von einer Ein- 
wanderung gewisser Teile der Bevölkerung über das Meer (meist 
auf Flößen von Norden her) berichteten. So sollen die Cara an der Küste von 
Manabi gelandet sein (S. 324) und sich später mit den alteingesessenen Quitu 
des Hochlandes verschmolzen haben. In der Gegend von Guayaquil glaubte man 
an ein Geschlecht von Eiesen, das einst an dieser Küste erschienen sei, und in 
Lambayeque erzählte man, daß in alten Zeiten ein Häuptling Naymiap mit zahl- 
reichem Gefolge auf „Balsas" (S. 863) ankam, der den Kultus eines Grünsteinidols 
(Nampallec) mitgebracht habe, nach dem später die Stadt benannt worden sei. 
Unter seinen Nachfolgern sei dieser fi-emde Stamm unter die Botmäßigkeit der 
Chimü geraten. 

Der äußere Glanz des Incareiches hat ältere Geschichtsschreiber 
nicht selten dazu verführt, die alten Andenkulturen auf die gleiche 
Stufe mit den mexikauisch-mittelamerikanischen zu stellen, wenn 
nicht sogar ihnen überzuordnen. Wir wissen heute, daß davon 
nicht die Rede sein kann. Einer der besten Kenner des alten 
Peru, Max Uhle, hat darauf aufmerksam gemacht, daß die viel- 
bewunderten Schöpfungen der Incaperuaner, ihre Heeresorganisation 
und ihr Agrarkommunismus, ihre Baukunst und Töpferei, ihre 
Religion und soziale Verfassung durchaus in primitiven Zu- 
ständen wurzeln und Leistungen eines Naturvolkes darstellen, die 
nur gleichsam bis in die letzten Konsequenzen hinein durchgeführt 
worden sind (dasselbe gilt auch von den übrigen Andenvölkern, 
deren gesellschaftliche und religiöse Verhältnisse wie die unvoll- 
kommenen Vorstufen der Einrichtungen des Incareiches anmuten). 
Hierin berührt sich Uhle mit der Auffassung P. W. Schmidts, 
nach dem die Grundlage der Andenkultur aus lauter Elementen 
besteht, die den ältesten Menschheitskulturen angehören. 

Es ist bezeichnend, daß sich außer bei den Feuerländern nur im Anden- 
gebiete eine der primitivsten Flechtereimethoden, die Spiralwulsttechnik, erhalten 
hat. In der Schiffahrt beherrscht das urtümliche Floß fast die ganze, ziemlich 
lebhaften Was.servei-kehr treibende Küste. Von primitiven Schmuckformen waren 
Zaimausschlagen und Narbentatauierung bei den. Stämmen der Ecuadorküste 
bekannt. Ganz besonders altertümlich aber ist die Bewaffnung. Wenn auch 
der Bogen keineswegs fehlt, tritt er doch an Bedeutung allenthalben hinter der 
Speerschleuder zurück, die wir bei allen andinen Kulturvölkern antreffen, auch 
bei solchen, die in die Flußtäler zwischen die Gebirgsfalten hinabgestiegen 
waren (Stämme des Cauca- und Magdalenatals) und dort mit den bogenführenden 
Stämmen des tropischen Waldgebietes in Berührung kamen. In Columbien hat sich 



332 



Amerika. III, Die Völker Südamerikas 




(las Verhältnis zwischen Speerschleuder und Bog'en überaus bezeichnend gestaltet; 
wir können je nach dem Vorkommen der einen oder des anderen bei dicht 
nebeneinander wohnenden Stämmen voraussagen, ob die letzteren auch nach ihrem 
ganzen übrigen Kulturbesitzo. ihren Sprachen usw. zu den andinen Kulturvölkern 
gehören oder vorgeschobene Posten der Kultur des tropischen Waldgebietes sind. 
Zu den altertündichsten Waffen Südamerikas rechnet Nordenskiöld auch Stein- 
schleuder und Bola, die ihr Hauptverbreitungsgebiet in den Andenländerii haben 

(die Schleuder findet sicli von 
den Chimila Nordcolumbiens bis 
zu den Feuerländern) und sonst 
nur bei den primitiveren Völker- 
gruppen des Erdteils vorkommen. 
Mit diesen teilen die Andenvölker 
auch den Besitz der Steinaxt in 
verschiedenen charakteristischen 
Foi'men (die besonders in Ecua- 
dor gefunden worden sind; vgl. 
z. B. die Form Abb. 114), des Brat- 
spießes und Erdofens, des Olir- 
und Lipi)enpflockes (letzterer nur 
in vorincaischer Zeit), des Trag- 
netzes und Plattformbettes. Das 
sind fast lauter Kulturelemente, 
an deren Stelle bei den höher- 
stehenden Völkern des tro])ischen 
Waldgebietes andere, offenbai' 
einer späteren Entwicklungsstufe 
angehörende, getreten sind. 

Am schärfsten prägt sich 
der kulturelle Abstand der 
Anden Völker von den Kul- 
turvölkern Mittelamerikas 
in dem Fehlen jener hoch- 
entwickelten Bilderschrift 
und Zeitrechnung aus, die 
zu den hervorragendsten 
Errungenschaften der Mexikaner und Tzapoteken, Maya und Choro- 
tegen gehörten. Damit ist leider für uns der Nachteil verbunden, daß 
wir bei der Frage nach Ursprung und Entwicklung der alten Anden- 
kulturen ganz auf die späten Berichte von »Sjmniern oder spanisch 
erzogenen Indianern angewiesen sind. Eine der bekanntesten 
Ursprungssagen trägt bereits den Stempel später Konstruktion. 
Den Khechua von Cuzco galt das Gebiet des Titikakasees als Stätte der 
Schöpfung, als Urheimat des Menschengeschlechtes und Wiege der Kultur. Hier 




Abb. 134. ('Iiicha-Aniphorc aus Cuzco. 

(V.o n. Gr.) 

(Berliner Museum für Völkerkunde) 



Völker und Spraclieii. Trspruiig und Ausbreitung der Kulturen 



333 



liildet der Gott K'ofii ti/si Huirakocha („heißer Lavasec") nach einer anfänglicli 
mißlungenen, durch eine Sintflut vertilgten Menschenschöpfung Sonne und Mond 
auf der Insel Titikaka (.,B'eifels''), nach der erst der See seinen Namen bekommen 
liat, und läßt von seinen beiden Gefährten die Menschen nach Vorbildern, die 
er liefert, erschaffen. Darauf zieht 
<>r, Berge und Gewässer erschaf- 
fend, mit seinen Gefährten nach 
Norden : er selbst in der Mitte, 
auf dem Hochlande, über den Paß 
von Huillcanota nach Cuzco, seine 
Gefähiten am West- und Ost- 
abhang der Anden. Im Norden, 
an der Küste von Ecuador, vei'- 
einigen sie sich wieder und ver- 
schwinden im Meer. Die Menschen 
lebten, so berichtet eine andere 
Sage, in dieser ersten Zeit ohne 
feste Ordnung, ohne Gesetze und 
Fürsten. Da treten 7 spanische 
Meilen südlich von Cuzco an der 
Stätte Pakariy tampu (.,Haus der 
Geburt") aus den drei Öffnungen 
des Felsens Tampu t'oko die Ur- 
ahnen der späteren Inca, des herr- 
schenden Stammes der Khechua 
von Cuzco, hervor: aus dem Fen- 
ster der Mitte die vier Ayarbrüder 
mit ihren Gefährtinnen unter der 
Führung Manco Khapa;^s (der nach 
anderer Lesart mitsamt seiner 
Gattin Mama o/Uo auf einer Insel 
des Titikakasees vom Sonnengott 
erschaffen worden war), aus den 
beiden seitlichen die Vertreter der 
späteren, neben den eigentlichen 
Incaclanen stehenden „ayllu's" (s.u.). 
Auf dem Zuge nach Cuzco werden 
nacheinander drei Ayarbrüder ver- 
steinert; ihre Steinbilder waren 
später hochverehrte „Huacas" (s. u,). 
Der vierte, Manco, errichtet in 
Cuzco seine Herrschaft, nachdem 
er die dort bereits ansässigen 

(Ainiarä-) Stämme unterworfen hat. — Diese Sage ist offenbar die poetische Ver- 
klärung der Abschüttlung des Aimaräjoches durch einen Khechuastamm in der 
Gegend von Cuzco. Wenn alle später existierenden Clane nach der Erzählung 
gleichzeitig in Cuzco erscheinen, so ist das nach tJlile eine handgreifliche Kon- 




Abb. 135. Tongefäß aus Pachacamac, das die 

Tragweise einer Cuzco- Amphore (Abb. 134) 

zeigt. (72 n. Gr.) 

(Xach Bäßler) 



334 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

struktion, da die Clane wahrscheinlich sehr verschiedenen Ursprung-s waren (w-ie 
die der Pueblostämme, vgl. S. 74) und endg-ültig erst vom achten Inca (Pachacuti;^) 
zusammengefaßt und in ein festes System gebracht wurden, nachdem unter 
dem fünften (Inca Koca), unter dem sich die Stadt Cuzco bedeutend ausdehnte, 
anscheinend wichtige Veränderungen in ihrem Bestände vor sich gegangen 
waren. Dieser fünfte Inca ist vielleicht überhaupt die erste geschichtliche 
Persönlichkeit in der langen Herrscherreihe (S. 376). Manco deutet schon durch 
seinen Aimaränamen (vgl. S. 327) an, daß er nur die Verköiperung eines älteren 
Zeitalters ist, in dem die Khechua noch unter Aimarähäuptlingen lebten. 

Diese Legende läßt sich schlecht mit den archäologischen 
Tatsachen vereinen, die uns lehren, daß Peru bereits vor der 
Incazeit mehrere große Kulturepochen durchgemacht hat und daß 
das Titikakaseegebiet keineswegs die Wiege der eigentlichen Inca- 
kultur gewesen sein kann, da gerade hier in vorincaischer Zeit eine 
ganz andere Kultur blühte. Zum Glück hat die Wissenschaft des 
Spatens in Peru dank Uhles unermüdlichen Forschungen Ergebnisse 
gezeitigt, die uns schon jetzt den Aufbau der peruanischen Gesamt- 
kultur in großen Zügen erkennen lassen. Am klarsten hebt sich 
natürlich die jüngste und am weitesten verbreitete Schicht ab, die 
den Niederschlag der im Hochlande etwa drei, an der Küste nicht 
viel länger als ein Jahrhundert währenden Incazeit darstellt. 
Man findet ihre Erzeugnisse von Pasto in Columbien und der Isla 
de la Plata an der Ecuadorküste bis in die Gebiete südlich von 
Santiago de Chile und die argentinische Provinz San Juan. Leit- 
merkmale sind, außer stilistisch gut gekennzeichneten Stein-, Ton- und 
Metallwaren, vor allem Bauten mit einem Mauerwerk aus äußerst 
genau zugehauenen, haarscharf aufeinander gepaßten unregelmäßig- 
polygonalen oder regelmäßig-quadratischen Steinen (Abb. 149, 150) 
und mit trapezförmig gestalteten (nach oben sich verschmälernden) 
Türen, Fenstern und Nischen, Sie entbehren sonst jedes figür- 
lichen oder ornamentalen Schmucks der Wände und Außenfronten ; 
auch die Verzierung der Tongefäße, besonders der großen, schlank- 
halsigen, am Boden spitz zulaufenden Chichaamphoren (Abb, 134), 
steht wegen der Dürftigkeit ihrer figürlichen und ornamentalen 
Motive in Peru ziemlich vereinzelt da. Der „kyklopische" Polygonal- 
stil ist anscheinend älter als der Quaderbau, aber zweifellos auch 
incaisch. An der Küste, wo Bausteine fehlten, sind die Incabauten 
von den einheimischen wieder stets durch das Baumaterial (sehr 
große Ziegel) und die von der Steinarchitektur übernommene Trapez- 
form der Wandöffnungen unterschieden. 



Völker und Sprachen. Ursprung: und Ausbreitung der Kulturen 



335 



Im Gegensatz zur Manco-Legende trifft die Sage vom Welt- 
schöpfer Huirakocha geschichtlich das Richtige, wenn sie den Gegen- 
den um den Titikakasee besondere Bedeutung für den Ursprung alles 
Bestehenden beimißt. Denn schon seit langem ist man sich darüber 
klar, daß von den beiden Hauptvölkern Perus die Aimarä die ältere 
und höhere Kultur besaßen, und daß die vielbewunderten, schon in 




Abb. 136. Gewebe und Tong-efäße mit Darstellungen im Tiahuanaco-Stil, aus 

Ancon (a) und Pachacamac (b, c). Auf dem Gewebe ist die Darstellung der beiden 

Bogenträger interessant; die Gefäßverzierungen (c abgerollt) zeigen Dämonen 

in Kondorgestalt. ('/* n. Gr.) 

(Xach Rciß-Stübel und Bäßler) 



der Incazeit als vorgeschichtlich geltenden Ruinen von Tiahuanaco 
am Südende des Titikakasees (also in einer Gegend, wo noch heute 
Aimarä, sitzen) die monumentalen Zeugnisse dieser alten Aimarä- 
oder „Tiahuanaco -Kultur" darstellen. Man hat die letztere 
megalithisch genannt, weil die Bauten von Tiahuanaco aus menhir- 
artigen Steinpfeilern, mächtigen, bearbeiteten Steinklötzen und 



336 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

kunstvoll aus einem einzigen großen Block herausgehauenen, frei- 
stehenden Portalen bestehen. Dieser megalithischen, an den Anfang 
der peruanischen Geschichte versetzten und in fabelhaft entlegene 
Zeiten hinaufgeriickten Kultur rechnete man dann unterschiedslos 
alle möglichen Bauwerke zu, deren incaischer Ursprung unzweifel- 
haft ist. Erst Uhle hat den eigentümlichen Stil der alten Aimarä- 
kultur richtig umschrieben und ihre zeitlichen Grenzen und Ver- 
breitungsgebiete genauer bestimmt. 

Er fand bei seinen Ausgrabungen, daß die Erzeugnisse der Tiahuanacokultur 
sowohl im Hochlande als auch an der Küste von denen der Incakultur nur durch 
wenige, nicht sehr bedeutende Kulturschichten getrennt sind, die einen aus- 
gesprochen .,epigonalen'' Tiahuanacostil zeigen, also beweisen, daß auf die Blüte 
der Tiahuanacozeit eine Zeit des Niederganges und der Vei-flachung folgte , in 
der sich die peruanische Welt dem übermächtigen Einflüsse der Aimarä langsam 
entzog (in der Tat sehen wir die Kheehua im Anfange ihrer Geschichte überall 
im Kampfe mit Aimarästämmen). Wahrscheinlich dauerte die Blüte der Tia- 
huanacokultur bis um 700 n. Chr. Ihre Erzeugnisse sind über einen großen 
Teil Perus verbreitet (an der Küste bis mindestens Trujillo im Norden, im Hoch- 
lande vielleicht bis Ecuador, da auch aus dem Caharigebiete Altertümer dieses 
Stils bekannt sind). Sie fehlen dagegen mehr oder weniger auf dem Hochlande 
südlich von Tiahuanaco (der Stil der Diaguita ist jünger als der Tiahuanaco- 
stil, wenn auch von ihm beeinflußt), so daß diese Ruinenstätte zwar den Brenn- 
punkt, zugleich aber auch den am Aveitesten nach Süden vorgeschobenen Vorposten 
der alten Kultur darstellt, allerdings einen Vorposten von eindrucksvoller Großartig- 
keit und besonders ehrwürdigem Alter. Denn die Hauptbauwerke liegen sämt- 
lich auf einer erhöhten Fläche, die rings von altem Seegrund umgeben ist, woraus 
Posnansky den Schluß gezogen hat, das Niveau des Titikakasees habe zur Zeit 
der Errichtung der Bauten bis an ihren Fuß gereicht, also 34,74 ni höher 
gelegen als gegenwärtig. Das ist (nach Seier) nicht unwahrscheinlich, da sonst 
schwer zu erklären wäre, wie diese jetzt kalte, stunndurchbrauste Puna (Tia- 
huanaco liegt 3900 m hoch!) Sitz einer so hohen Kultur werden konnte. Als 
phantastisch muß dagegen der weitere Versuch Posnanskvs bezeichnet werden, 
«Muzelnen Bauten der liuinenstätte, die stärkere Verwitterung, tiefere Lage und 
abweichende Orientierung zeigen, ein noch höheres, womöglich interglaziales Alte)' 
zuzuweisen. Die Hauptbauten sind erstens ein großer, anscheinend künst- 
lich angelegter Hügel (Akkapana), zweitens ein Viereck von Steinpfeilern (Cala- 
sasaya), die durch eine Mauer verbujiden sind und an einer Stelle eine große, 
monolithische Treppe zwischen sich lassen, während sich im Innern des Vier- 
ecks selbst das berühmte Monolithtor und eine große Statue erheben, und 
drittens ein hufeisenförmiger Erdwall (Pumapuncu), in dessen Eingang große, 
auf das sorgfältigste bearbeitete Steinblöcke (Bauteile eines zerstörten Tempels?) 
Avirr durcheinander liegen. Das Monolithtor trägt ein Flachrelief, das den 
Sonnen- oder Himmelsgott mit strahlenumgebencm Haupt, Wurfbrett und 
Speerbündel, umringt von geflügelten, menschen- und vogelköpfigen Trabanten 
zeigt und das klassische Beispiel für den „Ti ahuanac o-S ti l" ist, dessen 



Völker und Sprachen. Ursprung- und Ausbreitung- der Kulturen 337 

Elemente auch zahlreiche, über ganz Peru verbreitete Tongefäße und Gewebe 
in ihrer Verzierung aufweisen : archaisch-steife Figuren , unter denen neben 
Menschen besonders häufig Kondor und Puma auftreten, die meist in eine recht- 
eckige Fläche hineingestellt sind und entschiedene Neigung zur Auflösung in 
rein geometrische Gebilde erkennen lassen (Abb. 136). 

In Pachacamac, an der peruanischen Küste, fand Uhle 
Erzeugnisse des Tiahuanaco-Stils in einem Gräberfelde, das sich am 
Fuß des älteren, in der Incazeit überbauten Pachacamac-Tempels 
ausdehnte, während die Ruinen des incaischen Sonnentempels nur 
Tonwaren von reinem Incastil bargen ; letztere waren mit Scherben 
einer schwarzen, in Formen hergestellten, mit plastischen Verzierungen 
und Reliefmustern geschmückten Keramik vermischt, die, wie wir 
aus anderen Grabungen (im Tal von Trujillo) wissen, die Töpfer- 
kunst der Chimü kurz vor und während der Incazeit veranschau- 
licht. Sie gehört zu jener Gruppe örtlicher Industrien, die 
nach dem Erlöschen der letzten Tiahuanaco-Einflüsse allenthalben 
an der Küste emporkamen und gewöhnlich durch rot-weiß-schwarze 
Tonwaren vertreten werden. Im Tal von Ica erscheinen z. B. in 
derselben Zeit Tongefäße, die mit rein geometrischer Flechtmuster- 
Ornamentik bedeckt sind. In beiden Tälern (von Ica und Trujillo) 
und in dem mittleren Küstengebiet (um Lima) gab es nun schon in 
der Zeit vor dem Auftreten tiahuanacoartiger Erzeugnisse eine hoch- 
stehende Kultur, die in der Herstellung feiner, buntbemalter 
Gefäße mit figürlichen Darstellungen Außerordentliches leistete 
und auch im Stil ihrer Bauten und in der Art der Bestattung ihrer 
Toten eine bestimmte, wohlumrissene Eigenart hervorkehrt. Uhle 
schreibt sie einer besonderen, langköpfigen Bevölkerungsschicht zu, 
die verschieden von der späteren, kurzköpfigen der Küste war. 
Er setzt sie an den Anfang der Entwicklung der peruanischen 
Gesamtkultur überhaupt, in eine Zeit noch vor der Ausbildung 
der Tiahuanaco-Kultur, die in mancher Hinsicht geradezu als ihre 
Erbin erscheint, und bringt sie endlich aus Gründen, die wir schon 
erörtert haben (vgl. S. 330), in Beziehungen zu Mittelamerika. Für 
diese Beziehungen spricht übrigens auch die Tatsache, daß der Stil 
der fein bemalten Gefäße von Ica in Südamerika selbst nach Norden 
weist: auf der berühmten Reliefplatte von Chavin de Huantar 
im nördlichen peruanischen Hochland und auf skulpierten Steintafeln 
von Manabi an der Küste von Ecuador erscheinen Figuren, die 
besonders charakteristische Motive der alten Ica- Kunst wiederholen. 

Völkerkunde I 22 



338 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 




Von den drei hier in Betracht kommenden Abzweigungen dieser alten 
Kultur, die Uhle ,,P r oto-Ch i m ü-", „Proto-Li ma-" und „Proto-Nazca- 
Kultur'' nennt, ist die Keramik der zuerst genannten bei aller Feinheit nnd 

realistischen Treue der aufge- 
malten und plastischen Dar- 
stellungen (vgl. Abb. 147, 151, 
152, 156-161) stilistisch und 
inhaltlich zu eng mit der späteren 
lokalen (schwarzen) Chimu-Ware 
verknüpft, um einer anderen Be- 
völkerungsschicht als den Chimd 
zugerechnet werden zu können. 
Viel loser hängt die Proto- 
Chimu-Kultur dagegen formal 
und inhaltlich mit den beiden 
anderen Frühkulturen zusammen. 
Die Bauten der Proto-Nazca- 
Z e i t (bei Chincha, Ica und Pisco) 
sind gewaltige iMounds, die alle 
Zeichen hohen Alters aufweisen 
und noch nicht aus Lehmziegeln 
(wie die Bauten von Proto-Lima 
und Proto-Chimü, z. B. der 
Pachacamac - Tempel und die 
Bauten von Moche), sondern 
großen , anscheinend zwischen 
Brettern geformten Lehmklumpen 
errichtet sind; ihre Tongefäße 
stehen unter allen Erzeugnissen 
der f ormenre i chen al tperuani sehen 
Keramik am höchsten (Abb. 137). 
Die Vorliebe für die Darstellung 
von Wassertieren und mythischen 
Wesen, besonders von doppel- 
köpfigen Tausendfüßen und 
wurmartigen Geschöpfen, die 
neben dem Tierleib noch einen 
menschlichen haben (Abb. 137 b), 
verknüpft sie mit der Proto- 
Chimü -Keramik (von der sie 
sich sonst durch die konven- 
tionellere Figurenwiedergabe 
und das Zurücktreten der Plastik 
wohl unterscheiden), die Art der Farbengebung und manche stilistische Eigen- 
art dagegen mit den bunten Gefäßen des Tiahuanaco-Stils. Dennoch bewahrt die 
Proto-Nazca-Kei'amik durchaus ihre selbständige Eigenart und ist, wenigstens 
an der Küste, nach den Funden älter als die Tiahuanaco-Kultur; etwas jünger 




Abb. 137. Tongefäß des Proto-Nazcastils 
aus Ica (a) und abgerollte Verzierung eines 
solchen (b): wurmartiger, mit menschlichen 
Gliedmaßen versehener Dämon, der in der 
Hand eine Axt und eine Kopftrophäe ähnlich 
den Tsantsas der Jivaro (S. 269; vgl. die ver- 
nähten Lippen) hält, (a -ß n, Gr.) 
(a Berliner Museum für Völkerkunde, b nach Uhle) 



Völker und Sprachen. Ursprung und Ausbreitung der Kulturen 339 

ist die Proto-Lima-Keramik, neben der bereits Tiahuanaco-Oefäße erscheinen. 
Dieser Tatbestand schließt indessen nicht aus, daß die Tiahuanaco-Kultur auf 
dem Hochlande zu gleicher Zeit wie die Proto-Nazca-Kultur oder sogar schon 
lange vor ihr geblüht hat. 

Zusammenfassend Läßt sich mit Joyce nacli den bisherigen 
Ergebnissen der archäologischen Forschung sagen, daß im ältesten 
Peru anscheinend gleichzeitig drei große Kulturzentren in 
Tiahuanaco, Ica-Nazca und Trujillo bestanden, die sich gegenseitig 
beeinflußten, ohne ihre Eigenart zu verlieren. ]m Noiden (Tiujillo) 
blühte die Tonpiastik und ein freier, naturalistischer Stil; der Süden 
(Ica-Nazca) liebte die leuchtende Farbenpracht des Dekors und 
neigte zu einer alles überwuchernden Stilisierung; im Hochlande 
(Tiahuanaco) brachte man die iSteiiibearbeitung zur höchsten Vollen- 
dung und' schuf im Anschluß daran einen streng archaischen Stil. 
Mit der Ausbreitung der Aimarä begann der Eroberungszug der 
Tiahuanaco-Kunst, die an der Küste die alte Ica-Nazca-Kunst 
ganz verdrängte, von ihr aber die Farbenfreude und manche Stil- 
besonderheit übernahm, während die alte Trujillo- Kunst sich als 
stärker erwies und nach dem Erlöschen der Tiahuanaco-Kultur in 
den schwarzen Chimü Gefäßen wieder auflebte. Die letzten Tia- 
huanaco Einflüsse des „epigonalen Zeitalters" (S. 336) münden in 
lokalen, rot- weiß-schwarzen Stilen aus, die noch an der Küste 
herrschten, als die Inca dort erschienen, deren Kultur durch die 
großen Steinbauten (S. 334) wiederum eng mit der Kultur von 
Tiahuanaco verknüpft erscheint. 

Uhle schätzt die Dauer der Entwicklung der altperuanischen 
Gesamtkultur auf etwa 2000 Jahre, was sicher nicht zu hoch ge- 
griffen ist, wenn man bedenkt, wie lange es allein gedauert haben 
mag, ehe die beiden Llamaarten, die heute nicht mehr in wildem 
Zustande vorkommen, zu Haustieren geworden waren. Ob wir mit 
dem Proto-Nazca-Stil wirklich schon an den Anfängen angelangt 
sind, ist bei der künstlerischen Höhe dieses Stils mehr als fraglich. 
Fast scheint es aber so. Zu den ältesten Funden der peruanischen 
Küste rechnet Uhle die Keramik der Muschelhügel von 
Ancon und Supe, Chancay und Lima. Sie gehört einer Fischer- 
bevölkerung an (vielleicht Vorfahren oder Verwandten der heutigen 
Uru und Chango? Vgl. unten die Muschelliügel der noidchile- 
nischen Küste), die ihre Toten noch nicht hockend, in kunstvollen 
Mumienbündeln, sondern in zusammengebogener Haltung liegend, 



340 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

in Mattenhüllen begrub, eine i^rimitive Webetechnik besaß, ähnlich 
den Feuerländern Knochengeräte den steinernen vorzog, die 
Bearbeitung der Metalle nicht kannte und die Töpfe nur mit den 
einfachsten geometrischen Ritzmustern zu verzieren verstand. Die 
ältesten Muschelhügel müssen aus einer Zeit stammen, als die Küsten- 
linie noch wesentlich anders als gegenwärtig gestaltet war. Die 
jüngsten zeigen bereits Einwirkungen einer höheren Kultur (Gefäß- 
bemalung) und enthalten Scherben großer G-efäße vom Proto-Nazca- 
Stil, die zum Zudecken der Leichname verwendet wurden. Hier- 
nach tritt also dieser Stil ganz unvermittelt an der Küste auf — 
eine weitere bedeutsame Tatsache, die an die bereits öfter er- 
wähnten nördlichen Einwanderungen und mittelamerikanischen Be- 
ziehungen denken läßt. Die Anfänge höherer Entwicklung in Peru 
scheinen also mit der alten Kultur Mittelamerikas verknüpft zu sein. 

Die moderne indianische Bevölkerung der Anden- 
länder hat entschieden zäher an alten Geräten und Gebräuchen 
festgehalten als die Nachkommen der Naua und Maya in Mexico 
und Mittelamerika. Man kann sagen, daß sich die äußere Lebens- 
führung der heutigen Khechua und Aimarä kaum von der ihrer, 
von den Inca beherrschten Vorfahren unterscheidet. Das Bewußt- 
sein der großen Vergangenheit lebt noch unter den jetzigen Nach- 
kommen der Incadynastie fort; selbst Reste der alten Clanverfas- 
sung haben sich in den Dörfern um Cuzco erhalten. Die geringsten 
Veränderungen erlitten naturgemäß die wirtschaftlichen Verhält- 
nisse. Die Art der Bodenkultur, die Zucht und Verwendung des 
Llamas, die Bevorzugung des Koka als Genuß mittel erinnern durchaus 
an vorspanische Zeiten, und noch heute befährt man den Titikaka 
auf Binsenflößen und überschreitet Gebirgsschluchten auf schwanken 
Seilbrücken wie zur Zeit der Incaherrscher. Die Frauenkleidung 
ist fast ganz die alte geblieben; stärker hat sich in der Kleidung 
der Männer der spanische Einfluß durchgesetzt. Poncho und Hemd, 
gestrickte Zipfelmützen (chuco) und silberne Gewandnadeln (topu) 
sind u. a. von der alten Tracht beibehalten worden. Auf dem 
Gebiete der geistigen Kultur ist auf die Panflöte zu verweisen, die 
noch heute bei kirchlichen und weltlichen Festen ertönt; die Sitte, 
Llamaföten beim Hausbau unter den Pfosten zu vergraben, Koka- 
blätter beim Übergang über die Gebirgspässe an den dort auf- 
geschichteten Steinhaufen (apacheta) niederzulegen oder steinerne 



Columbion 341 

Weihgaben bei allen möglichen Gelegenheiten zu opfern, ist natür- 
lich uralt. Bei den Hirten der Puna hat sich sogar der Gebrauch 
der Knotenschrift, die im alten Peru so merkwürdig hoch ent- 
wickelt war, als eines Mittels, um Buch über die Herde zu führen, 
erhalten. Von der interessanten Erfindung einer Bilderschrift 
durch einen peruanischen Indianer, der mit Hilfe einfacher sym- 
bolischer Zeichen den Inhalt des Katechismus auf einem Stück 
Fell niederschrieb, hat Tschudi berichtet. 

Da die peruanisclie Kultur schon in vorspanischer Zeit die meisten fremden 
Völker des gToßen Incareichs in ihren Bann gezogen hat, gibt es heute in Peru 
und Bolivien neben den Khechua, Aimarä und Uru keine kulturell und sprachlich 
selbständigen Volkskörper mehr. Besser haben sich in Chile die Araukaner 
und au der P^cuadorküste und in Columbien einige Chi bcha- Volk er (Barbacoa, 
Paez, Chimila, Käg'aba) und die Chocö behauptet. Auf sie wird später beson- 
ders eingeg'ang'en werden; die Aruak und Karaiben des Nordens (Goajiro, Motilon) 
sind bereits in die Schilderung' der Indianer des tropischen Waldg'ebietes mit 
einbegriffen worden, 

b) Columbien 

Die col umbischen Anden, die von der Nordgrenze 
Ecuadors an in drei, sich fächerförmig ausbreitenden Ketten ver- 
laufen, deren östliche sich in mehrere Züge (die Sierra Nevada 
und die Kordillere von Merida) gabelt, während die westliche der 
Küste parallel bleibt und die mittlere sich in den sumpfigen Ebenen 
des unteren Magdalena verliert, schließen nicht Hochflächen, wie 
die Anden von Ecuador und Peru, sondern tiefe Täler ein, in denen 
der viertgrößte Strom Südamerikas, der Magdalena, und sein 
großer linker Nebenfluß Cauca nach Norden strömen. Ein gleich- 
mäßiges, angenehmes Klima zeichnet die Hochflächen aus, tropische 
Üppigkeit die Flußtäler; beide haben in alter Zeit eine Reihe von 
Völkern beherbergt, die zu einer bemerkenswerten Kulturhöhe empor- 
gestiegen waren. 

Die Kulturvölker beschränkten sich fast ausschließlich auf das Gebirgs- 
gebiet, d. h, die drei Andenketten bis in ihre letzten Ausläufer hinein (Kordillere 
von Merida, Sierra Nevada de Santa Marta, Isthmus von Darien oder Panama) 
und die dazwischen liegenden großen Flußtäler des Magdalena und Cauca; 
das gesamte Küstengebiet (die Küste von Coro, die Umgebung der Lagune 
von Maracaibo, die Gestade von Santa Marta und Cartagena, die Ostseite des Golfs 
von Urabä und die tropische Mangrovenküste Nordwestcolumbiens bis zum Rio 
Patia) hielten Stämme besetzt, die ihrer ganzen Kultur nacli den Bewohneni des 
tropischen Waldgebietes (s, o. S. 239 ff.) zuzurechnen sind. Charakteristisch für 
sie waren Blasrohre und Bögen mit vergifteten Pfeilen; auch Pfahl- 



342 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

bauten und Baumhäuser (im Chocögebict) g-ehörten ihrem Verbreitungs- 
gebiete an, und fast allen sagten die Spanier nach, daß sie Kopfjäger und 
Kannibalen wären. Jedenfalls hören wir am unteren Magdalena von Dörfern, 
in denen die Köpfe erschlagener Feinde auf Pfählen steckten, und von Stämmen, 
die Halsketten aus Menschenzähnen trugen. Die alten Entdecker nannten diese 
Völker „Karaiben", und in der Tat ist noch jetzt ein Karaibenstamm, die 
Jlotilön, auf der Westseite der Lagune von Maracaibo als Nachbar der arua- 
kischen Goajiro anzutreffen. In vielen Beziehungen ähnelten ihnen die Chocö 
des Atratobeckens und die Muzo und Panche des Magdalenatals; auch !?ie be- 
saßen Blasrohre und Pfeilgift. Bei den modernen Chocö bestehen die Blasrohre 
aus zwei langen, sorgfältig mit Kautschuk gedichteten llohrhälfien; als einziges 
südamerikanisches Volk bereiten sie ihr Pfeilgift nicht nur aus pflanzlichen, 
sondern auch aus tierischen Stoffen, nämlich den Drüsenaussonderuiigen einer 
kleinen Kröte (Bufo marinus). 

Die Coiba-Cueva der Landenge von Panama, deren Haupt- 
wolinsitze in „Darien", der nach dem Rio Tärena genannten Land- 
schaft zwischen dem Golf von Urabä und dem Rio Chagres, lagen, 
können trotz vielfacher Übereinstimmungen mit dem costaiikanischen 
Kulturkreise bereits der Westgruppe der colurabischen 
Kulturen zugerechnet werden. Die Völker, die ihr einst an- 
gehörten, sind längst ausgestorben oder in der Mischlingsbevölkerung 
aufgegangen; ihr ehemaliges Gebiet, das mittlere und obere 
Caucatal, war lange verödet, bevor in der ersten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts Ansiedler von Antioquia es wieder zu erschUeßen 
begannen. Sie stießen dabei überall auf die alten Ansiedlungen; 
die alten Gräber wurden geöffnet und gaben eine Fülle von Ton- 
waren und unermeßliche Goldschätze preis. Teils sind es Grab- 
hügel, die man auf gewachsenem Boden über dem Toten auf- 
gehäuft hatte, teils tiefe Schachtgräber mit senkrecht oder schräg 
Ijinabführendem Schacht und seitlich abgehenden Stollen, deren 
AVandungen sorgfältig geglättet und mit Malereien in roter und 
gelber Farbe verziert oder mit skulpierten Platten belegt waren. 
Stets fand man sie auf den der Überschwemmung entrückten Kuppen 
der Hügel und Bergkämme angelegt; die Schachtgräber sind ge- 
wöhnlich daran kenntlich, daß die ganze Höhlung mit Erde von 
besonderer, abstechender Farbe ausgefüllt ist. 

Dasselbe beobachteten die Spanier im (tebiete des Rio Senü (zwischen 
dem Cauca und dem Golf von Uraba), avo die Gräber gleichfalls teils aus kegel- 
förmigen oder viereckigen Hügeln, teils aus gemauerten und schön verzierten 
„Gewölben" bestanden. Diese gaben neben den Tempeln zur Zeit, als Alonso de 
Heredia seinen Beutezug von Cartagena nach dem Golf von Urabä unternahm 
(1533), ebenso unerhörte Goldschätze preis, wie die Ansicdlungen des mittleren 



Columbieu 343 

und oberen Caucatales bei dem Entdeckungszuge Jorge Robledos (1540). Jeden- 
falls bildet das Scnügebiet mit dem westlich angrenzenden Lande Dabeibe 
ethnographisch das Bindeglied zwischen Darien und dem Caucatal. Die eigent- 
lichen Goldschmiede der Küstengegenden waren die Tairona und die süd- 
lich von diesen im Lagunengebietc des Rio Cesar (Tamalameque) wohnenden 
Völker, bei denen Ambrosius Alfinger im Jahre 1527 für lÜOOOÜ Castellanos Gold 
erbeutete. Diese versorgten die Eingeborenen vom Golf von Urabä bis zum 
Cabo de la Vela mit feingearbeiteten, filigranartigen Zieraten in Gestalt von 
Adlern, Kröten, Schlangen, Ringen und Halbmonden. Im Caucatal ist vor allem 
das Volk der Quimbaya vom Glänze eines märchenhaften Goldreichtums 
umflossen, seit seine alten Gräber sich geöffnet haben. Nur einen schwachen 
Begriff von den Funden geben die Figuren 1 — 4 der Tafel XII. Die reichste 
Sammlung ist im Nationalmuseum von Madrid vereinigt, das aus dem Quimbaya- 
gebiete Goldiiguren von 29 '/a cm Höhe. 1150 g Gewicht und einen Jlaximal- 
feingehalt von 70 und 80 "/'o besitzt. Das Gold stammt wahrscheinlich aus den 
Gegenden am unteren Cauca; das Gußverfahren (nacli dem Prinzip der verlorenen 
Form) ist das gleiche wie in .Mittelameiika. Nicht selten findet man noch Reste 
des aus Ton und Kohle hergestellten, ehemals mit Wachs überzogenen Kerns 
in den Höhlungen der Figuren und erkennt an aufgelöteten Stückchen die 
Stellen, an denen Gerüststäbchen Kern und Mantel verbanden. Außer den ab- 
gebildeten Jlcnschenfiguren, Helmen und Flaschen findet man noch GcAvand- 
nadcln (bis 32'/» cm lang) mit Figürchen oder Figurengruppen auf der Spitze, 
Brustplatten mit getriebenen oder ausgeschnittenen Figuren, Nasenschmucke in 
Form von Halbmonden oder Ringen, die an zwei gegenüberliegenden Stellen 
spitz ausgezogen sind, und Halsketten aus Kröten-, Insekten- oder sonstigen 
phantastischen Tierfiguren oder feingekörnten Goldperlcn. Neben dem ent- 
wickelten Goldguß erscheint die T öpf e rkunst der Caucastämme fast ärmlich, 
wenn auch immer noch der der Chibcha überlegen. Vor allem ist der Sinn für 
Plastik wenig entwickelt; die menschlichen Figuren sind äußerst plump ge- 
staltet (Abb. 138 a), und die Gefäße tragen außer schwachen plastischen Ansätzen 
fast nur eingravierte, seltener aufgemalte, geometrische Muster. Die gelbgi'auen 
Töpfe von Manizales und Anzerma sind mit kerbschnittartigen Mustern bedeckt, 
scheinen also geschnitzte Holzgefäße nachzuahmen. 

Die Kultur der Caucavölker war nicht einheitlich. Friederici 
hat darauf hingewiesen, daß sie auf zwei verschiedenen Volks- 
elementen beruhte, einem älteren, zurückgedrängten, mit großen 
Sippenhäusern, Rindeustoffkleidung und der Speerschleuder als 
Hauptwaffe und einem jüngeren, anthropophagischen, mit kleinen 
Familienhäusern, Baumwollkleidung und Bögen. Von allen Stämmen 
der Westgruppe wird uns berichtet, daß sie Ackerbauer waren. 
Hauptnahrungspflanze war der Mais, bei den Cueva auch eine un- 
giftige Mandiokaart. Aus beiden Pflanzen verstanden die Stämme von 
Darien ein vortreffliches Bier zu brauen (Chicha, der in Südamerika 
allgemein gebräuchliche Name dafür, ist vielleicht ein Cuevawort). 



344 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Man ließ die Maiskörner im Wasser keimen, kochte und filtrierte sie und 
überließ sie darauf der Gärung. Tabakrauchen wird bei den Cueva nicht erwähnt, 
dagegen Einatmen narkotisierender Dämpfe, die sich aus dem Harz gewisser 
Bäume entwickelten. Kokakauen scheint bei den Cueva seine nördliche Ver- 
breitungsgrenze erreicht zu haben (vgl. auch Taf. XII, Fig. 2). Um Fische zu 
fangen oder um nach Perlen zu tauchen, suchten sie häufig die Gestade und Inseln 
des Golfs von San Miguel auf; Hirsche und Wildschweine wurden mit 
Netzen gejagt (vgl. Peru). Endlich ist noch zu erwähnen, daß eine einheimische 
Musacee (Heliconia) als Nutzpflanze bei den Cueva die größte Rolle spielte ; 
man verwendete die großen Blätter zum Dachdecken und zur Herstellung von 
Regenmänteln, flocht wasserdichte, doppelwandigc Deckelkörbe aus der Rinde 
der Stengel und fertigte aus dem Bast Säcke für das Salz. 

Als "Waffen fehlten den Cueva und der Mehrzahl der Cauca- 
völker Bogen und Pfeil ; an ihre Stelle traten Wurf brett und Wurf- 
speer, außerdem kämpfte man mit Lanzen, Schleudern und scharf- 
kantigen Keulen. Die Häuser bestanden aus Rohr und Palm- 
blättern und hatten die Form runder Kegeldachhütten, deren Spitze 
bei den Cueva ein Tonaufsatz bedeckte (vgl. S. 216). Sie waren 
meist klein; bei den Armados, Pozo und Lile gab es dagegen riesige, 
runde Mehrfamilienhäuser, bei denen das Dach von mehreren kon- 
zentrischen Kreisen von Pfosten, die sich in der Größe abstuften, 
getragen und das Innere durch geflochtene Wände in mehrere 
Abteile geschieden wurde. Als Schlafstätten waren bei den Cueva 
Hängematten und Schlafgestelle nebeneinander in Gebrauch. Die 
Kleidung konnte, dem heißen Klima angemessen, nur ganz gering- 
fügig sein und bestand aus Schambinde bzw. Hüfttuch aus Baum- 
wolle (seltener Baststofi") bei den Caucastämmen, Penisfutteral (aus 
Muschel, Kürbisschale oder Metall, verbunden mit Hüftschnur) 
bzw. Röcken, die bei vornehmen Frauen weit hinabreichten, bei den 
Cueva. Um so reicher und kostbarer war der Schmuck. 

Die Goldfiguren der Quimbaya zeigen Männer und Frauen ganz nackt; die 
ersteren tragen merkwürdige, helmartige Kappen, Nasenringe der schon oben er- 
wähnten, seitlich verlängerten Form (die Öffnung des Ringes wird nach unten 
getragen, so daß der Schmuck zweiteilig erscheint), kleine Ringe im äußern 
Rande der Ohrmuschel, HalsKotten mit Flaschen als Mittelstück und einschnürende 
Binden an den Armen und Beinen (vgl. auch Abb. 138 a). Weitere Schmucke sind 
bereits oben erwähnt; die Umbra und die Stämme in der Gegend von Cali be- 
festigten in den Nasenflügeln Goldknöpfe, die aus dicken, spiralig gebogeneu 
Nägeln bestanden, und die Frauen der Quimbaya und Cueva trugen als Seiten- 
stücke zu den steifen Riiulengürteln des tropischen Waldgebietes (vgl. S. 252) 
Mieder oder Korsette aus Gold. Neben diesem überreichen Goldschmuck ist der 
an das melanesische Diwarra erinnernde Schmuck der Cueva aus Strängen auf- 
gereihter, weißer Muschelscheibchen (cachira oder chaquira) hervorzuheben. 



Columbien 



345 



Bei den Quimbaya wird die Kopfabplattung erwähnt, 
bei den Stämmen des Atrato und Senü und bei den Cueva die 
Tatauierung. Den Ciieva galt letztere als Stammesabzeichen-, 
sie bestand teils aus Einschnitten (mit Steinmessern), teils aus 
Einstichen (mit Kaktusstacheln). Auch die im Kriege gefangenen 
Sklaven wurden tatauiert, wenn auch in abweichender Weise. — 





a b 

Abb. 138. Sitzende Tonfig-uren aus dem Cauca-Tal (Columbien) 
und aus einer Höhle bei Boconö in der Kordillere von Merida 
(Venezuela), a trägt als Halszierate große Goldsclimucke mit 
beilförmig-en Schneiden (vgl. S. 168), einen Nasenhalbmond und 
einschnürende Binden an Armen und Beinen, b ist nackt bis auf 
den hochg-ebundenen Penis. {^/i n. Gr.) 
(Berliner Museum für Völkerkunde) 

Körperbemalung war, wie die Funde tönerner Roll- und Flach- 
stempel beweisen, die wohl hauptsächlich diesem Zwecke gedient 
haben werden, im Caucatal allgemein. 

Alle Stämme lebten unter zahlreichen kleinen Fürsten, die 
sich mit einem ausgebildeten Zeremoniell umgaben, despotische 
Gewalt über ihre Untertanen ausübten und sich gegenseitig ständig 
befehdeten. Bei den Gueva gab es neben den Oberkaziken (quevi) 



346 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Gaufürsten (saco), Dorfhäuptlinge (tiba) und einen Kriegeradel 
(cabra); die Kaziken bewohnten stattliche „Paläste", ließen sich 
daheim von Frauen bedienen und auf Reisen durch Sklaven in 
Hängematten tragen. Die Würde des Häuptlings vererbte sich bei 
den Caucastämmen auf den Sohn der Schwester. Bei den Cueva 
herrschten Vaterfolge und Endogamie ; die Ehebeschränkungen waren 
gering, da es bei verschiedenen Stämmen gestattet war, Schwestern 
und Nichten zu heiraten. Die Rechtssatzungen der Cueva 
geboten, daß der Kazike unter Umständen, wenn der Verbrecher 
nämlich ein tiba, saco oder cabra war, die Hinrichtung (durch 
einen Keulenstreich) persönlich vollzog und daß Verräter wie im 
alten Mexico gevierteilt wurden. 

Von Stamm zu Stamm wurde ein eifriger Handel mit Salz, 
Mais und Fischen, Töpfen, gewebten Stoffen und Gold getrieben. 
Die Quimbaya erhielten das Gold für ihre Schmucksachen von 
außerhalb und gaben dafür Salz, das sie aus dem Wasser von 
Solquellen durch Verdampfen in großen Gefäßen gewannen, während 
die Cueva Salz aus Meerwasser mittels doppelter Destillation 
bereiteten und gegen Töpfe verhandelten. Die Warenballen wurden 
bei den letzteren an Stangen getragen, die man auf der Schulter 
balancierte — eine Beförderungsweise, die in Amerika ziemlich 
vereinzelt dasteht. Die Kriegführung war grausam. Kopfjagd 
und Kannibalismus waren bei den Caucastämmen an der Tages- 
ordnung — als die schlimmsten Kannibalen galten die Nori — , 
und im Innern ihrer Dörfer hingen an hohen Bambuspfählen die 
Köpfe der erschlagenen und verzehrten Feinde. Diese Pfähle um- 
gaben den Beratungs- und Festplatz, der in keinem Dorfe fehlte 
und bei den Armados und Pozo durch wahre Bambusverhaue in eine 
Festung umgewandelt war. Inmitten dieser Einfriedigungen diente 
ein hohes Pfahlgerüst zugleich als Wartturm und als Plattform, auf 
der die Menschenopfer vollzogen wurden. Am wenigsten kriegerisch 
zeigten sich den Spaniern gegenüber die Quimbaya; dennoch feierten 
auch sie bei ihren Festen die Taten der Vorfahren in Gesängen 
und veranstalteten Kampfspiele, bei denen sich Männer und AVeiber, 
selbst Kinder, sehr ernstlich mit Wurfspeer und Wurfbrett zu Leibe 
gingen. Schlitztrommeln, Fellpauken und Muschelhörner erklangen 
bei den Cueva, wenn es galt, die Bevölkerung zusammenzurufen oder 
die Krieger im Kampfe anzufeuern; die Schlitztrommel hatte die 
gleiche Form wie im alten Mexico (vgl. S. 167, 196). In der Religion 



Columbien 347 

der Caucastämme bildete der Ahnenkult einen hervorstechenden 
Zug. Die alten Berichte reden von Ahnenhildern mit Schädel- 
masken, an denen das Gesicht in Wachs nachgebildet war: lebens- 
großen Holzfiguren bei den Armados und Pozo, mit Asche aus- 
gestopften Häuten der Verstorbenen bei den verwandten Lile. 
Die Cueva balsamierten die Leichname ihrer Häuptlinge ein und 
hingen die Mumien in baumwollenen Schlingen im Innern der 
Paläste auf, während die Quinibaya ihren toten, in den Schacht- 
gräbern (s. o) beigesetzten Häuptlingen außer Habe, Speise und 
Trank die Asche einer Anzahl am Grabe geopferter und verbrannter 
Weiber und Sklaven mitgaben. 

Von „Tempeln'- (walirscheinlich nur großen Festhütten) und Götterbildern 
hören wir im Senüg-ebiet und in Dabeibe. Sie hatten die Gestalt mehrschiffiger, 
hallenartiger Gebäude, in denen vier menschliche Trag-figuren eine Art Hänge- 
matte hielten, in der das Idol lag. Bei den Cueva und ihren Verwandten bis 
nach Antioquia hin verehrte man neben einem Himmcisgolt besonders die Ge- 
Avittergöttin Dobaiba, die Blitz und Donner sendet, wenn sie über die Menschen 
erzürnt ist. 

In der Ostgruppe der columbischen Kulturvölker waren die 
Chibcha oder Muisca der alle andern überragende Stamm. Ihr 
AVohnsitz war das 2000 m über dem Meeresspiegel liegende Hoch- 
land von Bogota: ein altes Tal zwischen mächtigen Gebirgsfalten, 
das ehemals von einem großen See eingenommen war und durch 
dessen Ablagerungen ausgefüllt worden ist. Der Fluß, der die 
Gewässer des Tals nach Süden, zum Magdalena, führt, stürzt, um 
die Höhenstufe zu überwinden, in dem Fall von Tequendania 146 m 
tief hinab. 

Wenn auch die politische Macht der Chibcha nicht Aveit über ihr Hochtal 
hinausreichte, das auf allen Seiten von feindlichen Völkern umgeben war, so ist 
doch ihre kulturelle Wirksamkeit für alle umliegenden Gebiete von großer 
Bedeutung gewesen. .Mehr oder weniger stand das ganze Tal des Magda- 
lena unter dem direkten Einflüsse der Chibchakultur; der Rio Sogamoso, ein 
rechter ^'ebenfluß, Avar eine viel begangene Handelsstraße, auf der Salz in 
Barrenform, Gold und baunnvollene Decken, die Reichtümer des Chibchalaudes, 
gegen die Erzeugnisse der 'J'ierra caliente ausgetauscht Avurden. Chibchahändler 
kamen bis Santa Marta im Norden, Quito im Süden, Antioquia im Westen und 
haben durch ihre Erzählungen unmittelbar die Expeditionen der Eroberer des 
Chibchareiches (.Jimenez de la Quesada und Sebastian de Belalcazar) veranlaßt: 
auch der dritte der Eroberer, Nikolaus Federmann, hörte schon am Rio Meta, 
einem linken Nebenflusse des Orinoco. von dem Kulturvolke im Hochland, das 
seine Waren auch den Stämmen in den Llanos des Ostens brachte. — Leider 
wird uns die Bedeutung der alten Kultur meiir durch spanische Berichte, als 



348 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



durch oindrucksvolle Denkmäler vor Augen geführt. Steine wurden zu Bauten 
nur in ganz geringfügigem Maßstabe verwendet ; Wände und Dächer der Häuser 
bestanden aus Bambus und Stroh, selbst bei dem berühmten Tempel von Soga- 
moso, der mitsamt seinen reichen Scliätzen durch die Unachtsamkeit der Spanier 
in Flammen aufging, und bei dem riesigen Palast des Zaque von Tunja. 
Nur im Nordwesten von Tunja liegt noch eine Anzahl 7 — 8 Fuß hoher, meist 
zylindrischer Steinpfeiler, die wohl für den großen Sonnentempel bestimmt waren, 
den der Zaque von Tunja zu bauen gedachte ; die Ankunft der Spanier soll die Aus- 
führung des Planes vereitelt haben. Alle übrigen Funde bestehen aus Gold-, 

Stein- und Tonaltertümern (s. u.). 
Goldaltertümer sind in großer Zahl 
beim Ausbaggern der heiligen La- 
gunen (S. 355), in die sie einst als 
Weihopfer versenkt Avurden, zum 
Vorschein gekommen. Sonst bilden 
Höh len- und Schachtgräber die 
Hauptfundstätten. In den ersteren 
hat man Mumien von Häuptlingen 
entdeckt, die mit allerlei Beigaben 
beigesetzt Avaren. Die Schachtgräber 
sind bis zur Tiefe von 3 m in Berg- 
abhängen ausgehoben und erweitern 
sich in ihrem untern, entsprechend 
der Neigung des Berges etwas seit- 
lich gerückten Teil zu runden oder 
rechteckigen Kammern, die oben 
durch eine Steinplatte abgeschlossen 
sind. Auf ihrem Boden finden sich 
gewöhnlich fünf bis zehn große 
Urnen, seltener ein vermodertes 
Skelett. 

Die bemerkenswertesten Alter- 
tümer des ostcolumbischen Gebietes 
sind die rätselhaften Monumente von 
San Agustin auf dem rechten Ufer 
des oberen Magdalena im Lande der 
Andäqui (S. 325). Sie gehören Avohl 
einer älteren, zur Zeit der Entdeckung Amerikas schon untergegangenen Kultur an, 
denn Sebastian de Belalcäzar, der schon 1538 in diese Gegenden vordrang, erwähnt 
sie nicht: erst 1857 wurden sie durch den italienischen Geographen Codazzi 
mitten im Urwalde aufgefunden und 1914 durch K. Th. Preuß näher studiert. 
In ganz Amerika gibt es, wie Preuß bemerkt, nicht eine solche Fülle gigan- 
tischer Steinfiguren auf engem Räume nebeneinander, wie hier (Abb. 139). Bisher 
sind etwa 120 entdeckt, teilweise von ungeheurem Gewicht und einer Höhe bis 
zu 4 m. Viele stehen in einejii steinernen Schrein aus riesigen Seiten-, Hinter- 
und Deckphxtten, der zuweilen in einen Hügelabhang halb unterirdisch eingebaut 
und an seiner vorderen, breiten Ötfnung von zwei säulenartigen Tragfiguren in 




Abb. 139. Steinfigur von San Agustin 

(Columbien) 
(Xach einer Photographie von K. Th. Preuß) 



Columbien 349 

Gestalt von Kriegern flankiert ist. Diese Aufstellung in Schreinen deutet wohl 
an, daß die Figuren Dämonen des Erdinnern und Nachthimmels,' vielleicht auch 
Ahnengötter sind; zu ihren häutigsten Attributen gehören Hammer und Meißel, 
die Werkzeuge des Steinbildliauers. Dir plumper, steifer, aber in der Linien- 
führung sehr sicherer Stil erinnert weit mehr an die Skulpturen von Manabi (Abb. 
143), Chavin und Tiahuanaco, als an das, was wir von der Chibchakunst kennen: 
besonders ist das breite, oft mit vorstehenden Hauern bewehrte Maul ein Zug, der 
für die Dämonengestalten der altperuanischen Kunst überaus charakteristisch ist. 
Die letzten Ausläufer der ostcolumbischeu Kultur erstreckten sich im Norden 
bis in die Gegenden um den See von Val encia (indianisch Tacarigua) im nördlichen 
Venezuela. In der benachbarten Sierra von Merida waren die Timote kul- 
turell am weitesten fortgeschritten; sie werden als ein Volk geschildert, das 
verstand, die Abhänge der Berge für den Anbau zu terrassieren, aus Baumwolle 
lange Gewänder zu weben, die um die Hüften mit einem Gürtel, über der Schulter 
mit Pahuholznadeln befestigt wurden (eine Chibchasitte, vgl. u. S. 352), und 
Gold zu Schmucksachen zu verarbeiten. Ihre Toten bestatteten sie in den Höhlen 
des Kalkgebirges oder in Grabgewölben, in denen man noch heute allerlei Bei- 
gaben findet (Abb. 138 b). Im Osten des Valenciasees sind dagegen Grabhügel 
von kaum 2-~3 m Höhe häufig, die in ihrem Innern, oft inmitten einer Stein- 
setzung, Urnen mit Skelettresten, Stein-, Knochen- und Muschelschmuck, zahl- 
reiche figürliche Tongegenstände und reichhaltiges Steingerät, daneben auch 
gewaltige Massen von Tierknochen (die Reste des Leichenmahls) bergen. Die 
Urnen, die zuweilen die Knochen von nicht weniger als acht Skeletten enthalten, 
und die sehr plumpen Tonfigürchen zeigen die keramische Kunst der alten An- 
wohner des Sees, die vielleicht Caquetio (Aruak) waren, auf nicht besonders 
hoher Stufe. Dagegen ist der Schmuck sehr mannigfach, und neben Stein-, 
Knochen- und Muschelperlen finden sich Anhänger aus Muschelschale und Nephrit, 
sowie fledermaus- und adlerartige Zierate aus Stein, die bisweilen so dünn sind, 
daß man sie „Klangpiatteu" getauft hat. 

Als die spanischen Eroberer im Jahre 1538 das Chibcha- 
hochland betraten, fanden sie dort zwei größere Staatswesen vor, 
die sich feindlich gegenüberstanden. Im Süden herrschte der „Zipa" 
in seiner Hauptstadt Muikitä (heute Funza), im Norden der „Zaque« 
in Tun ja. Beide Reiche waren nur lose gefügt; sie zerfielen in 
eine ganze Reihe von Unterkazikaten , von denen einige, wie das 
Kazikat des „Tundama" (Duitama) im Norden von Sogamoso, eine 
fast selbständige Stellung einnahmen. Die politische Trennung be- 
ruhte auf einer ursprünglichen Stammesverschiedenheit ; die Mund- 
arten von Muikitä und Tunja wichen erheblich voneinander ab, und 
von beiden wieder das im Kazikat des Tundama gesprochene Duit. 

Die spanischen Berichterstatter haben mit den Namen viele Verwirrung an- 
gestiftet, da sie Titel und Eigennamen, Personen- und Ortsbezeiclinungen mit- 
einander verwechselten. „Zaque" (eigentlich usake, bsake) bedeutet ganz allgemein 
Fürst; die eigentlichen Titel der beiden Hauptfürsten lauteten „Bogote" und 



350 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

^„Hunza" (z sprich dsch), woraus die Spanier die Städtenamen Bogota und 
Tunja machten. Zipa und Zaque entspreclien offenbar den Cuevaworten 
tiba und saco (vgl. S. 346). Auch „Sogamoso", die heilige Stadt des Reiches 
Tunja, ist eigentlich ein Kazikenname (Suamox); die Stadt hieß in Wirk- 
lichkeit Iraca. — Eine alte Sage erzählt, daß Iraca und Ramiriqui die 
ältesten Sitze der Chibcha waren; die Kaziken beider Orte schaffen in der Urzeit 
die Menschen (die Männer aus gelber Erde, die Frauen aus hohlen Pflanzen- 
stengeln) und steigen selbst als Mond und Sonne zum Himmel empor. Die 
halbmythische Herrsch errei he von Iraca beginnt mit Nompanem, dem Gesetz- 
geber der Chibcha, zu dessen Zeit der Kulturheros Bochica (s. u.) von Osten 
her auf dem Chibciiahochlande erschien, und Idacanzas, dem Bochica die Macht 
verlieh, über Wetter und Krankheiten zu gebieten. Ein anderer sagenberühmter 
Held, Goranchacha, dessen ]\Iutter vom Sonnengotte geschwängert worden war, 
entthionte den letzten Kaziken von Ramiiiqui und verlegte die Herrschaft 
nach Tunja. In der Tat gehorchten später Ramiriqui und Tunja einem 
Herrscher; dasselbe Verliältnis scheint zwischen Chia und Muikitä bestanden 
zu haben (von denen Chia der ältere Sitz war), da der Kazike von Chia stets 
als legitimer Naclifolger des Herrschers von Muikitä galt. Dieser letztere 
war, als die Spanier das Hochland betraten, offenbar erst seit kurzem ein 
ebenbürtiger Nebenbuhler des vorher allmächtigen Königs von Tunja geworden. 
Der Kampf zwischen beiden scheint sich vor allem um den Besitz der übrigens 
noch unter eigenen Kaziken stehenden Städte Iraca (Sogamoso) und Guatafita 
gedreht zu haben. Nemequene, der Zipa von Muikitä, hatte seinem Rivalen 
Quimuinchatocha, dem Zaque von Tunja, bereits Guatafita entiissen und war in 
einer Schlacht yegen ihn gefallen. Sein Nachfolger Tisquesuza wollte das Werk 
vollenden und rüstete schon ein Heer gegen den Zaque; da erschienen die Spanier, 
und der Zipa fiel im Kampf gegen sie, ehe die politische Einigung des Hochtals 
unter seiner Leitung zur Wirklichkeit wurde. 

Die Chibcha waren ein ackerbautreibendes Volk, das auf 
seinem kühlen Hochlande Mais, Kartoffeln, Bataten und Quinoa (s.u.) 
anbaute, daneben aber auch in den heißen Tälern Mandioka- und 
Baumwollplantagen besaß und die Blätter des Kokastrauches, die 
neben Tabak das Hauptj^euußmittel waren, aus dem oberen Magdulena- 
gebiete auf dem Haudelswege bezog. Zur Bodenbearbeitung dienten 
Holzspaten und Pflanzstöcke. Salz, die Grundlage des Reichtums 
der Chibcha, wurde aus der Sole der vielen salzhaltigen Seen durch 
Abdampfen bereitet, Gold, das die Spanier in ungeheuren Massen 
erbeuteten, aus Flüssen gewaschen. Echte Smaragde gewann 
man bergbaulich bei Sumundoco am Rio Upia (einem Nebenfluß 
des Meta) und iui Gebiete der feindlichen Muzo im Magdalenatal; 
man legte die edelsteinführenden Gänge frei und leitete Berg- 
bäche darüber, die den Abraum fortschafften. Gewerbfleiß und 
Handel haben offenbar das politische Übergewicht der Chibcha über 



Columbien 351 

ihre Nachbarn begründet. Dem Handelsverkehr mit den Stämmen 
der tropischen Niederungen dienten große Märkte, die für die 
Leute von Muikita in Neiva, für die von Tunja in der Gegend von 
Velez stattfanden. Magazine und Unterkunftshäuser lagen, wie im 
Incareich, an den Haupthandelsstraßen, und Hängebrücken ver- 
mittelten den Übergang über die Ströme. 

Für den Goldreichtum der Cliibcha zur Zeit der Eroberung- ist. es be- 
zeichnend, daß bei der Beuteverteilung durch Quesada nach Abzug' des könig- 
lichen Fünftels auf den gemeinen Soldaten 520 Pesos, auf den Reiter das Doppelte, 
auf den Offizier das Vierfache und auf Quesada selbst und den Statthalter 
von Santa Marta, seinen Auftraggeber, das Achtfache fielen, wobei der Peso de 
oro auf etwa 52 Mark zu veranschlagen ist. An den noch erhaltenen, fast stets 
etwas silberhaltigen Goldsachen sind drei Arten der Technik festzustellen: 
der Kastenguß, der Guß in der verlorenen Form und das Treiben. Beim Treiben 
benutzte man als Unterlage Schlagsteine, deren erhabene Figuren früher oft 
fälschlich für „Hieroglyphen" angesehen und mit dem Kalender der Chibcha in 
Verbindung gebracht wurden. Besonders charakteristisch für die Chibcha sind 
l)Iatte Figürchen (Tunjos, Taf. XII, Fig. 5, 6) aus gehämmertem, dünnem Gold- 
blech, bei denen alle Konturen und Einzelheiten (Waffen, Schmuck) durch auf- 
gelöteten Golddralit gebildet werden, wie Kivet jüngst in einer eingehenden 
Untersuchung festgestellt hat. Die große Zahl und die Fundumstände dieser 
Figürchen beweisen, daß sie Opfergaben waren (s. u. S. 354). — Unter den 
sonstigen Kunstfertigkeiten ist die Töpferei hervorzuheben; sie wird am 
meisten durch große, menschengestaltige Gefäße, die zur Aufnahme von Opfer- 
gaben dienten (Abb. 140), und Krüge mit feiuer Bemalung, deren Hals als Ornament 
ein Gesicht oder eine in zwei Hälften geteilte Eidechse trägt, gekennzeichnet. 

Die typische Chibchasiedlung war eine Gehöftanlage. Die 
runden oder viereckigen Bambus- und Strohhütten, deren Wände 
bisweilen einen Lehmbewurf trugen, waren von Palisaden (Pfählen, 
die durch Bambusflechtwerk verbunden waren) umwallt; die Kaziken- 
paläste umgab eine zwei- bis dreifache derartige Einzäunung. Die 
Einrammung dieser Zäune war ein religiöser Akt. Maskentänzer, 
die den bär- oder fuchsgestaltigen Tanzgott Nencatacoa darstellten, 
traten dabei auf, und die Pfähle wurden über Kinderleichen errichtet. 
Hübsche Schilfmatten, deren Einschlag Baumwollfäden bildeten, 
zierten die Innenwände der Häuser, und an den aus Rohr ge- 
flochtenen Türen hingen Goldplatten, die bei der leisesten Be- 
rührung erklangen. Gestelle aus Bambusstäben dienten als Schlaf- 
stätten, vierfüßige Holzschemel (vgl. Abb. 13d) als Sitzgelegenheiten. 

Die Kleidung bestand aus Baumwolle, der die Muster auf- 
gemalt wurden. Bei Männern und Frauen gleich, setzte sie sich 
aus zwei Decken um Hüften und Schultern zusammen. Während 



352 Amerika. IIT. Die Völker Südamerikas 

aber die Männer die Decke über der Schulter zusammenknoteten 
(vgl. Mexico), bedienten sich die Frauen zur Befestigung großer 
Nadeln, eine Sitte, die allen Völkern des Andengebietes bis zum süd- 
lichen Chile eigentümlich ist. Fußbekleidung fehlte ganz. Die Kopf- 
bedeckungen müssen Hauben oder Tiaren gewesen sein, wie sie die 
Ton- und Goldfiguren zeigen (vgl. Abb. 140). Im Kampfe schmückten 
sich die Vornehmen mit Federzieraten, Diademen mit goldenen 
Halbmonden, Hals- und Armringen und Brustplatten (vgl. Tafel XII, 
Fig. 7). Die Haare trug man meist lang (Haarabschneiden galt als 
Strafe); nur die Angehörigen des den „Cabra" der Cueva (Seite 346) 
entsprechenden Kriegeradels, der die Grenzwacht gegen die räube- 
rischen Panche hielt, pflegten sie zu scheren und wurden danach 
Guecha („die Geschorenen") genannt. Die Panche, Lache und Pijao 
übten die Schädel ab plattung, die bei den Chibcha unbekannt 
war. Ohrrand-, Nasen- und Lippenschmuck aus goldenen 
Böhrchen (vgl. auch die großen Nasenschmuckbleche Abb. 140 a 
und Taf. XII, Fig. 8) war eine Auszeichnung, die nur Kaziken, 
Priestern und Guecha zugestanden wurde. Als Waffen dienten 
Keulen, Lanzen, Steinschleudern, Speere und Speerschleudern. 

Die Speerschlouder war ein einfacher Stock mit aufg-ebundenem Steinhakeii 
und einem zweiten, seitlichen Haken, gegen den sich der Zeigefinger legte. Leider 
besitzen wir außer den Steinhaken nur kleine Goldnachbildungen von dieser 
Waffe, die verschieden von der Speerschleuder des Caucatales Avar. Die Panche. 
die kulturell den Völkern im Osten der Anden nähergestanden zu haben scheinen, 
hatten Bögen und Blasrohre (s.o.). Gegen ihre Überfälle schützte sich der 
Zipa von Muikitä durch das Kastell von Tibacui, während er andererseits selbst 
ständig das Reich des Zaque durch die auf einer hohen Felsklippe gelegene Burg 
Guachetä bedrohte. Mit den Köpfen erschlagener Feinde wurden auch bei den 
Chibcha die Häuser und Tempel geschmückt. 

Das despotische Fürstentum der Cauca- und Isthmus- 
stämme erscheint bei den Chibcha noch weiter ausgebaut. Ihre 
Kaziken herrschten bereits völlig unumschränkt und galten als Ver- 
körperung von Gottheiten, wie der „Sapay Inca" Perus; insbesondere 
erblickte man in dem Zaque von Ramiriqui-Tunja die Fleisch werdung 
des Sonnengottes, in dem Priesterfürsten von Iraca (Sogamoso) die 
des Mondgottes, und das ganze Streben des Zipa von Muikitä scheint, 
wie Joyce bemerkt, dahin gegangen zu sein, durch den Besitz der 
altehrwürdigen, heiligen Städte Iraca und Guatafita die rehgiöse 
Weihe zu erlangen, die ihm, dem Emporkömmling, im Gegensatz 
zu seinem Nebenbuhler bisher noch gefehlt hatte. 



Columbien 



353 



Niemand durfte einen Fürsten anschauen; man nahte ihm mit abgewandteni 
Blick und mit Geschenken. In einer Sänfte g-etrayen zu werden, war sein aus- 
schließliches Vorrecht, und bestimmte Goldschmucke, langnachschleppende Ge- 
wänder und eine Art Zepter aus Palmholz bildeten sein Ornat. Das Volk 
mußte ihm fronen. Die Ausübung der Rechtspflege lag ganz in seiner 




Abb, 140. Töuerue Figurengefäße, Gottheiten der Chibcha darstellend (rechts 
die Göttin Bachue), gefunden in Guatafita und Suesca, Bemerkenswert ist der 
reiche Metallschmuck, den die Figuren tragen: die Tiaren (bei b mit einer quer über 
den Kopf laufenden, scliellenbesetzten Krista), das Halsband mit Goldplättchen (b), 
die kreuzweis über die Brust laufenden Bandeiiere aus nebeneinander gereihten 
Goldlamellen (a) und die mächtige Schmückplatte, die in einem Loch in der 
Nasenscheidewand befestigt ist (a, vgl. Tafel XII Fig. 8). Der Stil der Ton- 
waren ist bei den Chibcha stark durch die Metalltechnik beeinflußt, daher die 
an aufgelöteten Gulddiaht erinnernde Darstellung von Augen, Mund, Nase und 
Armen. (Etwa '/^ "• Gr.) 
(Berliner Museuai für Völkerkunde) 
Völkerkunde I 23 



354 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Hand. Auf Mord, Notzucht, Ehebruch stand Todesstrafe (Ehebrechern entlockte 
man das Geständnis dadurch, daß man sie Chilepfeffer in großen Mengen essen 
ließ), und den rückfälligen Dieb traf die Strafe der Verfemung, indem man ihn 
zwang, dem Fürsten ins Gesicht zu sehen. Bei säumigen Tributzahlern wurde 
ein Beamter des Hofes mit einem Bären oder Puma so lange einquartiert, bis 
sie die Schuld bezahlten. Ein As^yl für Übeltäter aller Art war der Ort Suesca. 
Sie lebten hier unter religiösem Regiment, waren aber doch eine Plage der 
ganzen Umgebung. — Während in kleineren Kazikaten bei der Besetzung der 
Häuptlingsstelle Neffenerbrecht (also Mutterfolge, wie auch sonst bei den Chibcha) 
herrschte, war in Muikita und wohl auch in Tunja stets der Kazike eines be- 
stimmten Ortes der Nachfolger des Zaque bzAv. Tunja (s. o.). Auch der Fürst 
von Sogamoso konnte nur aus zwei bestimmten Orten (abwechselnd) gewählt 
werden, und zwar durch vier Kaziken, gleichsam „Kurfürsten". Der jugend- 
liche Anwärter einer Häuptlingsschaft machte ein langes, strenges Fasten durch, 
das mit der feierlichen Durchbohrung der Nasenscheidewaud und Ohren zur 
Aufnahme der Goldschmucke (s. o.) abschloß. Dann nmßte er den Göttern 
opfern und hatte noch die Bestätigung seiner Würde durch den Zipa bzw. Zaque 
abzuwarten. Dieser konnte den Nachfolger auch aus den Reihen der Guecha 
bestimmen. — Eine andere mit der „Thronbesteigung" verknüpfte Zeremonie 
ist besonders berühmt geworden, da sie den Anlaß zu der Doradosage 
gegeben hat, die, einem Trugbilde gleich, die golddurstigen Entdecker jahrhunderte- 
lang ruhelos durch das ganze nördliche Südamerika hetzte. Mit der Bezeichnung 
El Dorado „der Vergoldete" ist der erwählte Nachfolger des Kaziken von 
Guatafita gemeint. Wenn er seine neue Würde angetreten hatte, ließ er sich 
nämlich am ganzen Leibe mit Goldstaub pudern, fuhr dann mit vier Unter- 
häuptlingen auf einem Balkenfloß auf den heiligen See von Guatafita hinaus, 
wusch sich in den Fluten den Goldstaub ab und warf als Opfer Gold und 
Smaragde in die Tiefe. In einer andern heiligen Lagune (Siecha) ist eine auf 
einem runden Untersatz stehende Gruppe der merkwürdigen, platten Goldfigürchen 
(S. 351) gefunden worden, die diesen Vorgang veranschaulicht. 

Die Eheschließung war ein nur von geringen Förmlichkeiten 
begleiteter Frauenkauf. Starb eine Frau im Kindbett, so zahlte 
der Mann die Hälfte seines Vermögens an die Schwiegereltern. Im 
Gegensatz zur Stammesexogamie der Panche waren bei den Chibcha 
(wie bei den Caucastämmen) die Ehehindernisse gering und selbst 
Geschwisterheiraten gestattet. Trotz der herrschenden Vielweiberei 
scheint die Stellung der Frauen nicht schlecht gewesen zu sein; 
die Hauptfrau konnte auf dem Totenbette ihrem Manne auf Jahre 
hinaus jeden Verkehr mit Frauen untersagen. Schwangere pilgerten 
nach dem Orte Isa, wo der Kulturheros Sugundomöxe bei seinem 
Verschwinden einen Fußabdruck im Felsen hinterlassen hatte und 
wo sie etwas von dem Stein abschabten, um es mit Wasser vermischt 
zu genießen. Um das Schicksal des Neugeborenen zu er- 
kunden, wurde ein Knäuel aus Gras und Baumwolle mit der Mutter- 



Colli mbieii 355 

milch beträufelt und in einen Fluß geworfen, in dem sechs junge Leute 
schwimmend das Knäuel zu erhaschen suchten. "War es unversehrt, 
80 galt das als glückliches Vorzeichen. Das Schicksal derToten 
war, wie im alten Mexico, nach der Todesart verschieden. Den 
im Kriege, im Kindbett, an akuten Krankheiten Gestorbenen, die 
in den Himmel kamen, gab man baumwollene Fadenkreuze mit. 
Die Leichen der Kaziken wurden nach Herausnahme der Eingeweide 
durch Hineinlegen von Harz mumifiziert und mit allem Schmuck, 
Beuteln voll Koka und Krügen voll Chicha, sowie mit ihren (zuvor 
betrunken gemachten) Frauen und Dienern in Grabgewölben bei- 
gesetzt, die man lange vorher ausgesucht, aber streng geheim ge- 
halten hatte. — Auch die Chibcha pflegten den Ahnenkult. Im 
Kriege führten sie die Mumien berühmter Häuptlinge mit sich, und 
im Tempel von Sogamoso, der heiligen Stadt des Reiches von 
Tunja, fanden die Spanier eine Reihe von Kazikenmumien auf 
Gestellen sitzend vor. Die Hauptstätten derVerehrung waren 
indes weniger die Tempel, als vielmehr die heiligen Lagunen, 
deren es eine ganze Reihe auf dem Hochlande gab; am berühm- 
testen sind die Seen von Guatafita, Siecha, Iguaque und Bochachio 
geworden. 

An alle knüpfte die Sage von der g- r o ß e n G ö 1 1 e r ni u 1 1 e r B a c li u e (vgl. 
Abb. 140b) an, die einst dem Wasser des Sees niit einem Knaben entstieg, 
mit diesem, als er herangewachsen war, die Menschen erzeugte und dann, in eine 
Schlange verwandelt, wieder im See verschwand. So erzählte man die Sage 
am See von Iguaque; nach der in Guatafita herrschenden Auffassung war die Göttin 
einst die Frau eines Kaziken von Guatafita gewesen, der sie wegen eines Fehl- 
tritts hart bestrafte, so daß sie sich in den See stürzte. Offenbar hängt hiermit 
die Dorado-Zeremonie (s. o.) zusammen. Aber nicht nur die Kaziken brachten 
den Gottheiten der Seen kostbare Weihoi)fer dar. sondern auch das Volk, 
das zu gewissen Zeiten große Pilgerfahrten nach den Seen unternahm, während 
deren alle Feindseligkeiten ruhten. Dann leuchteten die Opferfeuer an den Ufern, 
Weihrauchdänipfe, Trommel- und Flötenklänge stiegen zum Himmel empor, und 
das Volk gab sich unendlichen Chi chage lagen hin oder veranstaltete Wett- 
rennen, deren religiöse Bedeutung daraus erhellt, daß ein besondei'er Gott 
(^Chaken) der Schutzherr dieses Sportes war. wie in Mexico Xochipilli der Gott 
des Ballspieles (S. 200). 

Die Mehrzahl der Chibchagötter begnügte sich, wie Bachue, 
mit unblutigen Opfern: Weihgaben, die in ein Gefäß, das den 
Gott darstellte, gelegt wurden (S. 351), Räucherungen mit den 
pulverisierten Samen gewisser Früchte und Chichaspenden. Im 
Kultus der Sonne (Sua) spielten dagegen Menschen-, vor allem 



356 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Kinderopfer eine Rolle. Wie im alten Mexico sah man in dem 
zu Opfernden einen Mittler zwischen Menschen und Gott, dem 
daher mit der größten Ehrfurcht begegnet wurde, und dachte ihn 
sich zugleich als Nahrung für die Sonne, die sie braucht, um die 
Kraft zur Fortsetzung ihres Weges zu behalten. 

Auf dem Gipfel eines Berg"es schnitt man einem Knaben mit einem Bambus- 
messer den Kopf ab und strich das Blut auf Steine, die früh zuerst von den 
Sonnenstrahlen beschienen wurden, während der Leib „der Sonne zum Fräße" 
liegen blieb; oder das Opfer wufde auf eine Art Kanzel, die an der hohen 
Einzäunung- des Kazikenpalastes angebracht war, gestellt und mit Speeren er- 
schossen (vgl. S. 192j. Im letzteren Falle war es ein fünfzehnjähriger Knabe, 
Gueza genannt, der in früher Jugend von Sklavenhändlern gekauft und unter 
Kasteiungen und religiösen Übungen im Priesterhause (cuca) aufgezogen worden war. 

Die Priester (chiqui, spanisch jeque), deren Amt erbh'ch war, 
und zwar ebenfalls, wie bei den Häuptlingen, in weiblicher Linie (auf 
den Onkel folgte der Neffe), hatten eine schwere, zwölfjährige Yor- 
bereitungszeit durchzumachen, ehe sie durch den Kaziken geweiht 
wurden. Sie mußten keusch und genügsam leben ; ihre Tätigkeit bestand 
zum größten Teil aus Zauberhandlungen (wie Krankenkur,' Wahr- 
sagerei, Regenzauber usw.), bei denen sie große Mengen Tabak kauten, 
um sich iu ekstatische Zustände zu versetzen. Sie verstanden es 
z. B., aus dem Zucken der Gliedmaßen die Richtung zu erraten, in 
der sich ein Dieb verborgen hielt, und dem als Zauberer berühmten 
Kaziken von Sogamoso sagte man nach, daß er durch Analogie- 
zauber Blutruhr, Hautkrankheiten und Frost erregen könne. Auch 
die Feste waren noch voll von Zauberhandlungen. Als solche sind 
die Chichagelage und Ausschweifungen zu betrachten, denen sich 
Männer und AVeiber in Tunja bei einem Frühlingsteste hingaben, 
sowie die Maskentänze zur Zeit der Ernte in Muikitä, bei denen 
Tänzer auftraten, die in Tierfelle gehüllt waren, und andere, die 
hölzerne und goldene Gesichtmasken trugen. Es ist ein merkwürdiger 
Zug, daß bei dem Frühlingsfeste traurige Gesänge erklangen und bei 
dem Erntefeste die Masken mit Tränen bemalt waren. 

In der Mythologie der Chibcha treten deutlich zwei Sagen- 
kreise hervor, die die verschiedene Auffassung von Muikitä und 
Tunja-Sogamoso wiedergeben. Für die Chibcha von Muikitä war 
am Anfang aller Dinge das Licht (Chiminigagua), das aber 
zunächst noch in einen Behälter eingeschlossen war und erst 
durch schwarze Vögel, die den Lichtstoff aus ihren Schnäbeln aus- 
hauchten, über die Erde verbreitet wurde. Die Sage von Tunja, 



Colurabien 



357 



nach der Welt und Menschen durch die Kaziken von Sogamoso 
und Ramiriqui geschaffen wurden, ist bereits oben erwähnt (S 350). 
Die Ordnung aller Verhältnisse nach der Schöpfung und die Ent- 
stehung aller Kultur wurden auf einen Kulturheros und Propheten- 
gott zurückgeführt, der in den Llanos des Ostens auftaucht und nach 
Vollbringung seiner Werke in geheimnisvoller Weise verschwindet. 
Im Reiche von Muikitca wurde er N e m t e r e k e t e b a oder B o c h i c a , bei 
den Leuten von Sogamoso Sadiquia Sonöda oder S u g u n d o m 6 x e genannt. 
Als einst der Gott der Erde Chi bell ach um, der auch der Patron der Acker- 
bauer, Goldschmiede und Kaufleute war, im Zorn über die Menschen das ganze 
Hochtal von Bogota in einen See verwandelt liatte, erschien Bochica auf einem 




Abb. 141. Brücke aus Stabwerk. Ijca 
(N'ach Bolinder) 

Kegenbogen (den die Chibcha deshalb göttlich verehrten) und warf seinen 
goldenen Stab gegen die Felsen, die sich sogleich öffneten und den Wassern 
Abfluß gewährten ; so entstand der berühmte Fall von Tequendama S. 347). 
Chibchaihum aber Avurde verurteilt, von nun an die Erde zu tragen, die bis dahin auf 
vier Hol/.pfählen geruht hatte; so oft er seitdem die Last von der einen auf die 
andere Schulter wälzt, entsteht ein Erdbeben. Wie in dieser Sage Chibchachum, 
so erscheint in einer anderen die Göttin Chia („Mond") als Widerpart des 
großen Kulturheros, der ja viele Züge eines Sonnenwesens an sich trägt und 
auch geradezu Xua=Sua „Sonne" heißt; sie verführt die Menschen, die Bochica 
zu nutzbringender Arbeit angeleitet hat, zu Müßiggang und Laster und wird 
daher zur Strafe in eine Eule (den Nachtvogel) verwandelt. 



Die Gebirge Columbiens beherbergen noch heute einige Chibcha- 
stämrae, die in ursprünglichen Verhältnissen leben: diePaez, Moguex 
und Pijao in einigen zwanzig Dörfern auf beiden Abhängen der 
Zentralkordillere zwischen Popayan und Neiva und die Kägaba, 
Bintuküa (Ijca) und Guamaka auf der Nord- und Südseite 
der Sierra Nevada de Santa Marta; auch die Chimila in den 



358 AmeTika. III. Die Völker Südamerikas 

Flußniederungen südwestlich der zuletzt genannten Völkergruppe 
sind hier anzuschließen. Kagaba und Ijca sind in neuester Zeit 
von Preuß und Bolinder untersucht worden und haben eine über- 
raschend reiche ethnographische Ausbeute geliefert. 

Die Nahrung" ist bei beiileu Staiiuii;tiTupi)en überwiegend pflanzlicher Art. 
Angebaut werden neben Mais, Mandioka und Kai'toffeln vor allem verschiedene 
Bananenarten (Plätanos und Guineos), wie im südlichen Mittelamerika. Der Mais 
dient den Mog'uex und Paez zur Bereitung der Chi eh a, die den Kagaba un- 
bekannt ist; Koka ist allenthalben das Hauptgenußmittel und die Tasche mit 
den g-etrockneten Blättern und der Kürbisdose (Tai. X. Fig. 25 und Abb. 130), aus 
der man mittels eines angefeuchteten Stöckcliens den Kalk entnimmt, um ihn auf 
den Kokaballen zu streichen, die unentbehrliche Begleiterin in allen Lebenslagen. 
Dagegen wird Tabak nirgends geraucht; den eingedickten Tabaksaft genießen 
die Kagaba als Leckerei. Pflanzstock. Mahlstein und Holzmörser sind die letzten, 
noch ursjjrünglichen Wirt s chaft sge rät e, neben denen sich in jeder Bv- 
hausung bereits die eingeführte Zuckerrohrpresse zur Bereitung des berauschen- 
den Guarapo findet. Feldhüter auf Gerüsten schützen die Eodung vor Tieren 
(Paez und Moguex; s. u. Peru). Bögen und Pfeile mit Spitzen oder Kolben 
aus Knochen oder Hartholz sind heute bei der Nordgruppe die Hauptjagd- 
waff en, während der Fischfang im Norden mit Beutelnetzen, im Süden durch 
Vergiften des Wassers mit Stramonium betrieben wird. Der Verkehr im 
Hochgebirge, der die Indianer zu geübten Kletterern erzogen hat, vollzieht sich 
auf Wegen, die sich oft in schwindelerregender Höhe an Abgründen entlang- 
schlängeln und ehedem viel sorgfältiger angelegt waren als gegenAvärtig ; noch 
heute versteht man es aber sowohl im Süden als auch im Norden, kunstvolle 
Brücken aus Stabwerk zu bauen, deren Laufplanken an beiden Enden auf 
schräg stehenden, von Pfählen gestützten oder mit Steinen beschwerten Balken 
ruhen (Abb. 141). Die einzigen Transportgeräte sind Säcke, in denen die Frauen 
ihre Kinder mittels eines Stirnbandes tragen. Sie gehören neben Kokabeuteln 
und Kleidungsstücken zu den Haupterzeugnissen der von Männern betriebenen 
Baum wo 11- oder Agavefaserweberei. Die Kagaba drehen die Agavebast- 
fasern auf einem Apparat, der durch einen Bogen in Bewegung gesetzt wird, 
wie der eine der Feuerbohrertypen der Eskimo (S. 86). Die ehedem hoch- 
stehende Töpferkunst äußert sich nur noch in wenigen, roh gearbeiteten 
Gefäßen, und von der Goldschmiedekunst der Tairona (s. o.) hat sich nichts auf ihre 
heutigen Nachkommen vererbt. In der Kleidung der südlichen Stämme über- 
wiegt schon ganz der peruanische Einfluß (Ponchos. Topus usw., s. u). lu 
der Sierra Nevada trägt der Mann ein langes Hemd mit Ärmeln, die Frau ein 
rechteckiges, eng um den Körper gewickeltes Tuch; dazu kommen noch Kappen, 
die aus dicken Baumwollfäden gestrickt sind (Abb. 130), und Ledersandalen. 
Originelle S chmuckform en haben sich nirgends mehr erhalten; doch wissen 
wir von den Paez, daß sie sich früher die Gesichte)' blau und rot färbten, 
wobei die Männer tönerne Rollstempel verwendeten (vgl. S. 345). Um so getreuer 
spiegelt die Wohn weise der nördlichen Stämme noch die alten Verhältnisse 
wider. Baumaterialien der Häuser sind Bambus und Stroh; es gibt runde 
Kegeldachhütten, Häuser mit abgerundet-viereckigem Grundriß, bei denen das 



Columbieu 



359 



runde Dach bis auf den Boden reicht, viereckige, vieUeicht schon von den Spaniern 
beeinflußte Giebeldachhütten mit lehmbeworfenen Wänden und, bei den Chimila, 
ovale Firstdachhäuser, die vollkommen den Typus der mittelamerikanischen 
„Palenques" (S. 216) zeigen. Die Spitze der Kegeldachhütten ziert nicht selten 
ein Topf ohne Boden (vgl. 
S. 344), bei den Festhütten 
ein merkwürdiges, storch- 
nestartiges Gestell mit all- 
seitig herausragenden Stä- 
ben: das Symbol der Sonne. 

Bei den Kägaba 
wohnen die Insassen 
jedes Dorfes verstreut 
in der Nähe ihrer Fel- 
der; nur zur Zeit der 
Feste versammeln sich 
alle um die runden Fest- 
hütten oder „Tempel", 
die dann zugleich Klub- 
häuser der Männer 
sind, in denen diese 
auch die Nächte ver- 
bringen (zum Schlafen 
dienen Hängematten 
aus Agavefasern, da- 
neben auch Schlaf- 
gestelle, wie bei den 
Paez und Moguex). 
Dann steht der ganze 
Stamm unter dem 
Einfluß der in den 
Tempeln wohnenden 
Priester (Mama), 
neben denen es keine 
weltliche Autorität 

gibt. In den von Kindheit an in der Zurückgezogenheit der 
Tempel lebenden, in religiösen Übungen und Überlieferungen 
unterwiesenen Novizen wächst ihnen eine Schar von ergebenen 
Leuten heran. Auch die Witwen des Stammes, die nicht mehr 
heiraten dürfen, stehen unter ihrem Schutze und müssen alle schweren 




Abb. 142. Maskenträger der Kägaba, den Toten- 
dämon darstellend. Auf dem Kopfe mächtiger Auf- 
satz mit einem Halbkreis aus Bambusröhrchen, in 
denen Federn stecken 
(Xach einer Photographie von K. Th. Preuß) 



360 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Arbeiten für sie besorgen. Fast ohne Grenzen ist das priesterliche 
Eingreifen in das Privatleben. Kein wichtiger Lebensabschnitt geht 
ohne Mitwirkung der Priester vor sich; aus der Beichte, die jeder 
einzelne am Vorabend der Feste vor ihnen ablegen muß, hat sich 
der Brauch entwickelt, ihnen auch die Schlichtung aller ßechtslälle 
zu übertragen, und bei den Festen endlich zeigt sich auch ihre 
magische Macht, die sie zu Wohl oder Wehe ihres Stammes aus- 
zuüben vermögen. 

Von den Gebräuchen der südlichen Stämme sind die Sitte, die Häuser 
sowohl bei Geburten als auch bei Todesfällen zu verlassen, und die Reinigiings- 
zercmonie, die in gleicher Weise (durch Übergießen mit Chicha u, ä.) mit 
menstruierenden Mädchen und mit Wöchnerinnen vorgenommen wird, zu erwähnen. 
Die Toten werden bei den Käg-aba sitzend (in Hockerstellung-) bestattet. Man 
g-laubt. daß die Seelen auf einem hohen Berge am Meere oder auf dem Takindue, 
dem höchsten Gipfel der Sierra Nevada, leben; auch große Steine an Wegen 
und Flüssen bringt man mit den Totengeistern in Verbindung, Von der alten 
Religion der Paez, die heute eifrige Christen sind, wissen Avir nur wenig; 
in früherer Zeit sollen sie auf hohen Bergen der Sonne Feste mit Chicha- 
gelagen und geschlechtlichen Ausschweifungen gefeiert haben, wie die alten 
Chibcha. In vollem Umfange besteht dagegen die alte Religion noch bei den 
Sierra-Nevada-Stämmen, bei denen Preuß sie eingehend untersucht hat Auch 
bei ihnen ist die Sonne der mächtigste Dämon, nach dem die Festhütten 
nufihuä „Sonnenhaus" heißen; neben ihr gibt es zahlreiche andere Natur- 
dämonen und solche, die reine Erzeugnisse der Phantasie sind. Einfluß auf 
diese Dämonen und damit auf Wetter und Vegetation, Tiere und Krankheiten 
gewinnt der Mensch dadurch, daß er ihnen wesensgleich wird. Das geschieht 
durch Tänze, bei denen Holzmasken getragen werden, die die Dämonen ver- 
körpern und die einst die Dämonen selbst den Urvätern übergaben, indem sie 
sich „die Gesichter abnahmen". Diese ungefügen, phantastischen Holzmasken 
mit weit vorspringendem Maul , in dem spitze Hauer nach oben starren 
(Abb. 142; vgl. S. 349), sind sicher uralt, da dem Volk heute jeder Sinn für 
Plastik fehlt, und werden, w^e die zjdindrischen Quarzperlen, die zu allerhand 
Zauber dienen, auf die alten Tairona zurückgeführt. Die Festmusik wird von 
Kürbisrasseln, Felltrommeln mit Pflockspannung, einfachen Rohrflöten und 
Blashörnern aus Kürbisschale mit knöchernen Mundstücken gebildet (bei den Paez 
gab es auch Muscheltrompeten und Schlitztrommeln). — Höchst bedeutungsvoll 
ist es besonders im Hinblick auf die ges chichtl i chen Ü b erlief erungen 
der alten Kulturvölker des Andengebietes, daß die Kagaba eine vollständige, 
Generationen weit zurückreichende mythische Geschichte besitzen: Am Anfang 
der Dinge steht die Allmutter Gauteovan, die alles geschaffen hat. Auf sie 
gehen vier bis fünf als Vorfahren der heutigen Priestergeschlechter geltende 
„Urpriester" zurück, die die Erde bewohnbar machen, Gesetze geben und mit den 
Dämonen Verträge zugunsten der Menschen abschließen, und von ihnen wieder 
führt eine endlose Reihe von Priesterhäuptlingen, deren Namen Preuß in den 
einzelnen Tempeln mit zahlreichen geschichtlichen Einzelheiten erfuhr, bis zu 



Ecuador 361 

den heute regierenden Mänia hinab. Alle diese Dinge sind seit alters überliefert; 
die Größe der Gedächtnisleistung i>t um so erstaunlicher, als sie durch keinerlei 
Art Schrift oder Schriftersatz unterstützt wird. 

c) Ecuador 

Bis in die Gegend von Pasto, wo die mittlere der drei Anden- 
ketten sich mit den anderen vereint und die östliche und westliche 
nicht melir ein tiefes Flußtal, wie in Columbien, sondern eine von 
kleinen Tälern und querlaufenden Gebirgszügen zerschnittene Hoch- 
fläche zu umschließen beginnen, erstreckte sich das politische und 
kulturelle Einflußgebiet des Incareiches, als dessen offizielle Nord- 
grenze der Rio Ankasmayu galt, der nordwestlich von Pasto (also 
noch nördlich von der Grenze des heutigen Staates Ecuador) in 
den Pazifischen Ozean mündet. Die Eroberung Ecuadors war 
erst den letzten Inca unter harten Kämpfen geglückt; nichtsdesto- 
weniger verstanden sie in der kurzen Zeit dem ecuadori anischen 
Hochlande so sehr den Stempel ihrer alles gleichmachenden 
Kultur aufzudrücken, daß es archäologisch, nach dem überwiegenden 
Teil der Bauten, Ton- und Metall waren, die man dort entdeckt 
und ausgegraben hat, als ein Ausläufer des peruanischen Hoch- 
landes erscheint, und daß die alten Bewohner Hochecuadors, in 
erster Linie die Cara und Caiiari, ihre kulturelle Eigenart mehr 
in den Berichten der spanischen Eroberer als in greifbaren Funden 
enthüllen. An der ecuadorianischen Küste boten die Inca 
nur im Süden (Tumbez, Insel Punä) den ganzen Apparat ihrer 
Militärkolonien, Niederlassungen, Magazine, Tempel und Festungen 
auf, um dies Land fest an ihr Reich zu ketten. In Porto Viejo 
(Provinz Manabi) regierte zwar auch, seitdem die Incaheere am 
Rio Esmeraldas erschienen waren, ein Statthalter der Inca, dem 
sogar die von Punä und Tumbez untergeordnet waren, doch haben 
diese nördlichen Küstenprovinzen Manabi und Esmeraldas 
stets ihre selbständige, von der peruanischen verschiedene und der- 
jenigen Columbiens und Mittelamerikas näherstehende Kultur be- 
wahrt, wie uns die in den letzten zwanzig Jahren unternommenen 
planmäßigen Ausgrabungen der Amerikaner (Saville) gelehrt haben. 
Die kleine Isla de la Plata an der Küste von Manabi (S. 334) macht 
hiervon nur scheinbar eine Ausnahme (S. 370). 

Die vorincaische Geschichte Ecuadors ist die Geschichte der 
Cara und ihrer Fürsten, der Scyri, deren Anfänge wir bereits kennengelernt 



362 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

haben (S. 324). Sie waren die eig-entliclien Herren des Hochlandes durch eine 
Politik der Eroberung, der Heiraten und der Bündnisse geworden. Unter dem 
elften Scyri kam das wichtige Gebiet von Riobamba dailurcli zum Reiclie 
Quito, daß die Erbtochter des Sc)'ri den Solin des Fürsten der Puruha, der sich 
bisher der Unterwerfung durch die Cara erfolgi'eich Avidersetzt hatte, heiratete; 
die mit den Puruha in ständigem Kami)fe liegenden Canari wurden durch ein 
Bündnis gewonnen, das später auch die Palta umfaßte. — Die beiden zuletzt- 
genannten, nur lose mit dem Reiche von Quito verknüpften Stämme fielen bereits 
dem Inca Thupa/ Yupanqui als leicht errungene Siegesbeute zu ; aber erst dem 
Inca Huaina Khapa;^ gelang es, den Widerstand des letzten tapferen Scyri (Cacha) 
zu brechen und den letzten Versuch einer Caraerhebung in dem erbarmungslosen 
Strafgericht am ..Blutsee" (Yahuarcocha) im Keime zu ersticken. Er heiratete 
die Tochter des letzten Scyri und machte Quito zur nördliclicn Hauptstadt 
des Incareiches ; Atahualli)a, der Sproß dieser Ehe, der dazu bestimmt war, in 
Quito zu residieren, setzte die gewaltsame Ausrottungspolitik seines Vorgängers 
fort, indem er die Canari. die sich für seinen Halbbruder Huascar erklärt hatten, 
zur Strafe dafür durch Abschlachtung aller waffenfähigen Männer so grüudlicli 
dezimierte, daß die Spanier später bei diesem Stamme die Frauen in bedeutender 
Überzahl fanden. Noch heute verraten die Bewohner mancher Dörfer Hoch- 
ecuadors durcli ilxren ganz abweichenden Typus, daß sie von den Militärkolonien, 
die die Inca ins Land setzten, abstammen. Diese erst brachten die Llamazucht, 
die incaische Tracht, den Sonnenkult und manche anderen Dinge, die Avir daher 
bei der folgenden Betrachtung ausscheiden, ins Land. In Caranqui und Quito, 
Llap^tacunca und Tumipampa erhoben sich Sonnentempel und Incapaläste, Magazine 
und Unterkunftsliäuser, die zwar bis auf geringe Reste verschwunden sind — 
aus den Steinen der riesigen Incabauten von Tumipampa ist fast die ganze 
heutige Stadt Cuenca erbaut — . aber nach den Schilderungen von derselben Art 
waren, Avie die noch heute erhalt en en Incabauten des Landes. Von 
diesen sind zwei, schon von La Condamine und Humboldt beschriebene, die 
Avichtigsten: der am Berg von Gallo in 3160 m Höhe dicht beim Krater des 
Cotopaxi liegende „Tambo" (s. u.), ein rechteckiger Hof mit je zAvei Häusern 
an den Längsseiten, und die starke Festung Ingapirca östlich von Canar, deren 
Hauptbau eine Zitadelle von länglichovaler Gestalt, mit einem viereckigen Ge- 
bäude in der Mitte, bildet. — Am stärksten Avar natürlich der Incaeinfluß im 
Süden, bei den Palta, die fast nichts Ursprüngliches bcAvalirt haben, AVälirend 
die Pasto nahe der Nordgrenze noch kaum eine Beeinflussung zeigen. Dies all- 
mähliche Verblassen der Incakultur läßt sich sehr hübscli an den archäologischen 
Funden verfolgen. 

Von der Kultur der alten Stämme Ecuadors hat Rivet eine 
erschöpfende Darstellung gegeben, der wir uns im folgenden an- 
schließen. Der Ackerbau der Hochlandstämme unterschied sich 
kaum von dem der Peruaner; Mais und Bohnen, Kartoffeln und 
Quinoa (s. u.) waren auch in Ecuador die wichtigsten Anbau- 
pflanzen und hölzerne Grabscheite die Hauptgeräte der Boden- 
bearbeitung. An der Küste baute man auch Baumwolle und 



Ecuador 363 

Chilepfeifer an, und aus den warmen Tälern bezogen die Hochlands- 
völker ihren Bedarf an Kokablättern, deren Genuß infolge des 
Eiferns der katholischen Priester, die in dem (häufig abergläubischen 
Zwecken dienenden) Kokakauen eine Gefahr für die christliche 
Religion erblickten, im heutigen Ecuador fast ganz abgekommen 
ist. Die Küstenvölker waren im übrigen fast ebensosehr Fischer 
wie Ackerbauer; sie lagen dem Küstenfischfang mit Harpunen und 
Netzen ob und befuhren die See auf Balken flößen, die die 
ganze Küste von Manta bis Payta beherrschten und sehr seetüchtig 
waren. 

Das erste Fahrzeug dieser Art, das die Spanier kennenlernten (am Esnieraldas 
kamen noch Einbäume vor), war die mit Handelswaren aller Art beladene Balsa 
von Tumbez, der Pizarros Leutnant Bartolome Ruiz bei dem ersten spanischen 
Vorstoß nach Süden etwas nördlich vom Kap S. Francisco beg-egiiete. Später 
haben sich die Spanier, wie vor ihnen die Inca, mit Vorliebe dieser Fahrzeuge 
bedient, die — ein seltener Fall in Amerika — viereckige, baumwollene Segel 
trugen und aus einer ungeraden Zahl von Balken eines sehr leichten Holzes 
(Ochroma piscatoria) bestanden. Diese waren verschieden lang, am Bug orgel- 
pfeifenartig angeordnet (der mittlere Balken war der längste) und am Heck 
glatt abgeschnitten. Eine zweite Balkenlage schützte Insassen und "Waren vor 
der Feuchtigkeit. Die gTößten Balkenbalsas trugen fünfzig Mann und drei 
Pferde. Ein Beweis ihrer Seetüchtigkeit ist, daß der Inca Thupa^; Yupaiuiui 
es wagen konnte, auf ihnen von Tumbez aus eine Westfahrt ins offene Meer 
bis zu gewissen Inseln, die manche Forscher für die Galapagos gehalten haben, 
zu unternehmen. Die kühnsten Seefahrer der Küste waren die Huancahuillca und 
die Leute von Puna; sie besaßen eine ganze Flotte von Balsas und wußten 
..Krieg, Handel und Piraterie" vorteilhaft zu vereinen. Einer Heeresabteilung 
des Inca Huaina Khapa/, der sie zur Botmäßigkeit zwang, bereiteten sie ein 
nasses Grab, indem sie bei der Überfahrt der Truppen die Agavebasttaue, die 
die Balken ihrer Balsas zusammenhielten, zerschnitten. Dasselbe Manöver ver- 
suchten sie später auch bei den Spaniern (Friederici). 

Bei dem lebhaften Handel, der von der Küste nach dem 
Innern betrieben wurde, waren Salz und Fische die Hauptartikel, 
daneben baumwollene Stoffe und allerlei Bodenerzeugnisse. Die 
Hochlandsvölker lieferten dafür Gold, und die Esmeraldas versahen 
ihre südlichen Nachbarn (Manta usw.) mit Muscheln, die als Schmuck- 
material, zur Herstellung von Perlen (chaquira, S. 344), überaus 
begehrt waren. Die Küste strotzte von Gold und edlen Steinen, 
als die Spanier dorthin kamen; insbesondere wird der Eeichtum 
an Smaragden hervorgehoben (außer an der Küste auch bei den 
Cara), die wohl nur aus Columbien stammen können, da die einzigen, 
bisher aus Südamerika bekannten Smaragdminen dort liegen (S. 350). 



364 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Auch die Weberei blühte hier; auf dem Hochlande überwogen bei 
den Pasto noch die Rindenstoffe, und die Cara verstanden auch Felle 
vortrefflich zu gerben. Neben Baumwolle wurden auf dem Hoch- 
lande auch LlamawoUe und Agavefasern zu Stoffen verarbeitet. 

Die Ausgralmngen haben den Beweis geliefert, daß die Hochhuidsvölker 
von Ecuador noch St ein Werkzeug' e den kupfernen vorzogen, und daß die 
letzteren einen älteren, den steinernen Vor- 
bildern näherstehenden Typus vertreten als 
die Kupferg'eräte Perus, von denen sie sich 
übrigens auch durch das fast völlige Fehlen der 
Zinnbeimischung unterscheiden (vgl. S. 829). 
Die steinernen und kupfernen Beilklingen, 





Abb. 143. Steinsessel und Steinfigur aus der Gegend von Manta, Provinz Manabi 
(Ecuador). (Etwa '/lo 'i- Gr.) 
(Berliner Museum für Völkeikuncle) 



Keulenknäufe usw. zeigen einen großen Reichtum an Formen, die vielfach 
an diejenigen erinnern, die bei den östliclien Naturvölkern häufig sind (Beile 
mit Schaftlappen, Kerben oder halbmondförmigen Schneiden). In einem Schacht- 
grabe bei Azogues fanden sich große Massen schwerer Kupferbeile von eigen- 
tümlicher Gestalt und Verzierung, die entweder als Waffen (ungeschäftet) ge- 
dient haben (vgl. S. 379) oder Schmuck, Zercmonialgerät, vielleicht auch eine 
Art Geld waren. Große, getriebene Kupferplatten mit einem Ticrk"pf in der 
Mitte (Manabi) scheinen als Gongs gebraucht worden zu sein. Die Kupfer- 
geräte sind nicht selten mit Gold oder Silber plattiert. Die Hauptmasse der 
Göldfunde, deren Stil nach Columbien weist, stammt aus den Gebieten 



Ecuador 365 

der Cafiari, Pasto und Esmeraldas. Berühmt geworden sind vor allem der „Schatz- 
von Cuenca", den man in einem Schachtg'rabe bei Chordeleg entdeckt hat, 
und der ebenso reiche Fund von Sigsig- (beide im Gebiete der Canari). Das 
Hauptstück des ersteren ist eine Art Helm mit getriebenen Verzierungen, einer 
preußischen Pickelliaube nicht unähnlich, während das in Sigsig ausgegrabene 
Skelett auf dem Kopfe einen Stirnreif mit getriebenen Verzierungen und einem 
hohen, federartigen Aufsatz aus Gold, an den Armen Ringe aus demselben Metall und 
am Körper zahlreiche Plättchen aus Gold und Silber und goldene Höhrchen trug, 
die einst den Schmuck des Gewandes bildeten. Die Töpferei hatte in alter 
Zeit auf dem Hoclilande ein Zentrum in der Gegend von Azogues (Canari). Im 
allgemeinen überwiegen unter den Gefäßen coiumbische Typen. Die Verzierung 
besteht aus plastischen, in Formen hergestellten Ansätzen und Einritzungen, 
seltener aufgemalten Mustern. Höher stand die keramische Kunst bei den Küsten- 
völkern, die aus dem Ton neben zalilreicheu Gefäßen von gefälligen Formen 
auch naturgetreue Figürchen, Käuclierschalen und merkAvürdige Reibplatten mit 
eingesetzten Steinsplittern herzustellen verstanden. 

Aus der großen Menge der aufgefundenen Hüttenringe ergibt 
sich, daß die Wobnungen der Pasto runde Häuser mit Lebm- 
mauern und Strobdach waren. Bei den Cara und Canari sprechen 
die alten spanischen Berichte von Kegeldachhütten mit großen 
Zentralpfosten und Wänden aus Stabwerk, das außen und innen 
mit Lehm beworfen war. Doch gab es daneben auch Häuser 
mit viereckigem Grundriß. Steinbau scheint in vorincaischer Zeit 
auf dem Hochlande selten angewandt worden zu sein; dagegen bildet 
er das besondere Kennzeichen der Küstenprovinz Manabi, in 
der Saville Reste von zahlreichen, z. T. sehr großen Häusern mit 
doppelten, durch eine Geröllfüllung verbundenen Steinwänden ent- 
deckte. Sie erheben sich vielfach auf Plattformen, zu denen Rampen 
hinaufführen, und enthalten im Innern merkwürdige Steinsessel in der 
Gestalt von „Lutherstühlen " , deren Sitz von einer kauernden Menschen- 
Ofler Tieifigur getragen wird (Abb. 143 a). Auch Steinfiguren sind 
bei diesen Gebäuden zum Vorschein gekommen (Abb. 143 b), ferner 
Reliefplatten, die meist eine Eidechsen- oder Fledermausfigur in 
merkwürdiger Stilisierung zeigen. Ob diese Bauten von den Manta 
herrübren, die zur Zeit der Entdeckung Manabi in großen Dörfern 
mit Häusern aus Holz und Stroh bewohnten, ist mehr als fraglich; 
kein spanischer Bericht erwähnt sie. 

Ein ärmelloses Hemd, das im Hochlande bis zu den Knien, an 
der Küste aber nur bis zur Hüfte reichte, scheint die ursprüngliche 
Kleidung der Männer vor der Einführung der Incatracht ge- 
wesen zu sein. Die Frauen trugen an der Küste einen Hüftschurz, 



366 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

auf dem Hochlande einen sackartigen Rock, der von den Hüften 
bis zu den Knien fiel. Vielseitiger sind die Seh muckformen. 
An der Küste unterschieden sich die einzelnen Stämme scharf 
durch die Art ihrer Körperdeformationen: die Esmeraldas im Norden 
übten Kopfabplattung und Narbentatauierung , die Manta Stich- 
tatauierung, die Huancahuillca Zahnausschlagen und Zahnfeilung ; 
daneben gab es Nasen-, Ohr- und Unterlippenschmucke bei allen 
drei Völkern, in Manabi auch die in Columbien verbreitete Ohr- 
randverzierung. Auf dem Hochlande haben sogar zwei Völker ihre 
Khechuanamen nach der Art ihres Stammesschmuckes erhalten : die 
Pallta-uma (= Palta) oder „Flachköpfe" und die Quillasenca oder 
„Mondnasen" ; — der letztere Ausdruck bezieht sich auf die halb- 
mondförmigen Zierate, die die Angehörigen dieses Stammes gleich 
ihren columbischen Nachbarn in der Nasenscheidewand befestigten. 

Sonst sind noch einige interessante Haartrachten zu erwähnen. Die 
Esmeraldas ließen das Haar an den Seiten breit abstehen und scheren sich den 
Scheitel kahl ; bei den Cahari wurde es unverkürzt gelassen, mehrmals um den 
Kopf gelegt und auf dem Scheitel in einem Knoten zusammengenommen, den 
ein dünner, hölzerner Reif umschloß, von dem Fransen herabhingen; die Puruha 
endlich teilten es in zahlreiche, dünne Flechten. — Die alten Angaben über die 
Z ahnmutilati on der Küstenvölker haben neuerdings eine überraschende Be- 
stätigung erfahren. In der Provinz Esmeraldas fanden sich Schädel, bei denen 
die Schneide- und Eckzähne des Oberkiefers entweder kleine, runde, mit Gold- 
scheibchen ausgelegte Vertiefungen auf ihrer Vorderseite besaßen oder an 
Stelle der Schmelzfläche, die fast ganz abgeschliffen ist, Goldplättchen trugen 
(Abb. 133 b, c). Die zuerst genannte Schmuckform ist aus Mittelamerika wohl- 
bekannt (S. 174). Spitzfeilen der Zähne scheint nicht beliebt gewesen zu sein ; das 
Zahnausschlagen soll erst Huaina Khapa;;; bei den Huancahuillca zur Strafe für 
ihren an dem Incaheere begangenen Verrat eingeführt haben (s. o.). 

Die Bewaffnung der Völker Ecuadors war fast dieselbe wie die 
der Völker Columbiens : Lanze und Steinschleuder, Speer und Speer- 
schleuder, scharfkantige Holzkeule (Macana) und Kopfbrecher mit 
Steinknauf. Die Speerschleuder läßt sich nach Grabfunden re- 
konstruieren (Abb. 144); sie zeigt die Stabform und den aufgebundenen 
Steinhaken der columbischen. Bei den Puruha gab es kurze, schwere 
Wurfkeulen, die sie, wie die Schleudern, meisterhaft handhabten, 
und bei den Caüari Bolas und Wurfriemen. Fast alle diese Völker 
waren kriegerisch und lebten in ständiger Fehde mit ihren Nach- 
barn. Die Cara hatten ihre Grenzen durch Festungen (mehrstöckige 
Stufenbauten) gesichert und die Bewohner von Punä ihre Insel 
mit einer Steinmauer umgeben, deren schwache Punkte durch Stein-, 



Ecuador 



367 



Holz- und Erdwerke gedeckt waren. Als Signalinstrument be- 
nutzten die Cara die Schlitztrommel, die nach der vorhandenen 
Beschreibung ganz wie die der Jivaro und Tukano (S. 268) ge- 
staltet war und gleichfalls zwei 
Vorsprünge an den beiden Enden 
besaß, mit deren Hilfe sie auf- 
gehängt werden konnte. Die 
Palta schnitten den erschlagenen 
Feinden die Köpfe ab, und die 
Man ta verstanden diese Trophäen 
auf Faustgröße zu verkleinern 
wie die Jivaro (S. 269) — , eine 
Sitte, die einst über das ganze 
Andengebiet verbreitet war, da 
sie auch bei den Atratostämmen 
und an der peruanischen Küste 
zu belegen ist (Abb. 137, 147). 
Der Staat der Scyri wird 
von Velasco als eine Monarchie 
geschildert, die sich auf eine 
einflußreiche Adelskaste stützte. 
Die Königs- und Adelswürde 
vererbte sich auf den Sohn oder, 
wenn dieser fehlte, auf den 
Schwestersohn. Gewisse Ab- 
zeichen verkündeten den Rang: 
eine Krone mit einer Reihe 
Federn bei den einfachen Krie- 
gern, mit einer Doppelreihe bei 
den Adligen, mit einem großen, 
auf die Stirn herabhängenden 
Smaragd beim Scyri selbst. 
Den Caiiari fehlte eine Zentral- 
gewalt. Sie zerfielen in zwei 
große Gruppen, die Hanau saya 
und Hurin saya, die wohl alten 
Phratrien entsprachen und sich nur im Bedarfsfalle unter einem 
Kriegshäuptling zusammenschlössen. Ein Mythus, der die beiden 
Gruppen der Ehe zweier Brüder mit Guacamayos (Papageien) ent- 




Abb. 144. Speerschleuder der Cafiari 
(Ecuador), a ist in einem ^ Grabe bei 
Sigsig gefunden; die Rekonstruktion 
b— d ist mit Hilfe anderer Funde der- 
selben Gegend erfolgt (die Speerschleuder 
Ix'sitzt nicht das Widerlager für die 
Hand, das andere Exemplare^ tragen). 
(Xach Rivet) 



368 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

stammen läßt, trägt totem istische Züge, wie der Schlangen- 
und Bärenkult, der in manchen Teilen des Canarilandes herrschte, 
und die tierischen Schutzgottheiten (Haifische, Jaguare, Schlangen), 
welche die verschiedenen Bevölkerungsklassen (Fischer, Jäger) bei 
den Esmeraldas und Manta besaßen. — An der Küste scheint es 
nur bei den Bewohnern der Insel Punä wirkliche Könige gegeben zu 
haben. Sie regierten despotisch, besaßen einen großen Harem, der 
durch Verschnittene bewacht wurde, und entfalteten bei ihrem öffent- 
lichen Auftreten großen Pomp. 

Von allen Sitten im bürgerlichen Leben dieser Völker kennen 
wir fast nur die Bestattungsgebräuche genauer, da hier ja 
auch die Ausgrabungen wertvolles, ergänzendes Material geliefert 
haben. Von der Ehe wissen wir lediglich, daß im allgemeinen nur 
Häuptlingen Vielweiberei gestattet war. Die Werbung spielte sich 
bei den Puruha in einer schon öfter (vgl. S. 303) erwähnten Form 
ab: der junge Mann drückt symbolisch seinen Wunsch nach ehe- 
lichem Leben durch Gegenstände (Holz, Stroh, Chicha) aus, die er 
vor dem Hause der Erwählten niederlegt. 

Der am weitesten verbreitete Grabtvpus, der im ganzen ZAvischenanden- 
gebiete gefunden wird und nach den Berichten auch an der Küste (Manta) vor- 
kam, ist das Schachtgrab mit Sei tennische, das uns schon in Columbien 
entgegengetreten ist (S. 342, 348). Neben der einfachsten Form gibt es Schaclitgräber 
mit zwei einander gegenüberliegenden oder mehreren, sternförmig angeordneten 
Nischen (Abb. 145), andere, bei denen die Nischen in verschiedener Höhenlage vom 
Scliacht abzweigen, und endlich Gruppen von Schcächten, die an der Basis durch Stollen 
verbunden sind. Die Skelette liegen teils zusammengekrümmt auf der Seite, teils in 
ganzer Länge ausgestreckt oder hocken aufrecht in den Nischen. Bisweilen findet 
sich daneben noch im Hauptschacht ein aufrechtstehendes Skelett, oder der Haupt- 
schacht enthält, wie in einem durch seine Funde berühmten Massengrabe bei Azogues, 
zahlreiche, radial angeordnete Skelette in mehreren Lagen übereinander, — offen- 
bar die Reste der Lieblingsfrauen und Diener, die, wie von fast allen Stämmen 
Ecuadors berichtet wird, einem Häuptling oder Fürsten ins Grab nachfolgten. 
Eine andere, ebenfalls aus Columbien bekannte Grabform ist der Tumulus (tola), 
der sich im Hochlande auf das Caragebiet beschränkt und an der Küste in den 
weiten Niederungen zwischen dem Rio Mira und der Mündung des Rio Guayas, also 
im alten Barbacoagebiete, auftritt (S. 324). Wir wissen von den Cara, daß sie im 
Gegensatz zu den Quitu (S. 331). die ihre Toten einfach begruben (wie die Puruha), 
den Leichnam ausgestreckt auf den Boden hinlegten, mit einer niedrigen Mauer 
umgaben, diese überwölbten und das Ganze mit Erde und Steinen bedeckten. 
Die toten Scyri kamen in Erbbegräbnisse aus großen Steinen in Gestalt von 
Pyra,miden, an deren Innenwänden die einbalsamierten Toten auf Schemeln 
saßen. Urnenbestattung, Höhlen- und Stein kistengräber sind 
in Ecuador gleichfalls zu finden, wenn auch nur sporadisch. 



Ecuador 



369 



Das Benehmen der Hinterbliebenen bei der Bestattung zeigt 
deutlich, daß man eine außerordentliche Furcht vor dem Toten- 
geist hatte. Längs des ganzen Weges bis zum Grabe werden 
Strohfeuer angezündet; die Leidtragenden wählen einen anderen 
Rückweg und betreten das Haus des Toten durch eine in die Wand 
geschlagene Lücke, um alles 
Mobiliar hinauszuschaffen und 
das Haus dann zu zerstören 
(Cara). Auch von den Feldern 
suchte man mit ängstlicher 
Sorge alle schädlichen Ein- 
flüsse fernzuhalten. Wenn die 
Puruha ein Kartoffelfeld zur 
Zeit der Blüte betreten wollten, 
geißelten sie sich zuerst die 
Füße mit Brennesseln blutig, 
und wenn der Mais Körner 
ansetzte, durcheilten Krieger 
das Land, die mit ihren Waffen 
unsichtbare Feinde bedrohten. 
Die mit Trinkgelagen und 
Ausschweifungen verbundenen 
Feste dienten zweifellos, wie 
bei den Chibcha, dem Frucht- 
barkeitszauber, zumal da sie, 
wie wir wiederum von den 
Puruha wissen, in der Zeit 
der Maisreife stattfanden. 

Von einem ausgebildeten 
Ahnenkult schweigen die 
Quellen; auf totemistische Kulte 
weist mancherlei hin (s.o.). Eine 

abergläubische Verehrung wurde, wie inColumbien, den Smaragden 
zuteil; sie waren neben Gold die Hauptopfergaben, zierten die Stirn 
des Scyri (s, o.) und stellten Stammesfetische dar (vgl. den grünen 
Stein, der das Hauptidol der Leute- von Lambayeque war, S. 331). 
Ein solcher Stein, der sich bei den Manta seit Generationen vererbt 
hatte, wurde an gewissen Tagen öffentlich ausgestellt-, dann kamen 
Kranke von weit her, um vor ihm zu opfern und durch seine Be- 

Völkerkunde I 24 




Abb. 145. Schachtgrab aus dem Hochland 

von Ecuador. Querschnitt und Grundriß. 

(Kach Rivet) 



370 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

rührung gesund zu werden. Der Kult der Naturobjekte 
bildete vor der Einführung des incaischen Sonnendienstes offenbar 
den Hauptinhalt der Religion. In der großartigen Gebirgswelt 
Hochecuadors genossen die Schneeberge und Vulkane und die stillen 
Seen in der Bergeinsamkeit der Päramos, an der Küste das unend- 
liche Meer mit seinen Geschöpfen und die reißenden Tiere der 
tropischen Wälder (Jaguare und Pumas) vor allem Verehrung. 

Wir erfahren, daß bei den Puruha die beiden majestätischen Berg-kolosse 
Chimborazo und Tuniiurahua die (männlich und weiblich gedachten) Haupt- 
gottheiten waren und Llamas als Opfer empfinden, deren frei auf den Hochflächen 
herumschweifende Herden niemand anzutasten wagte. Wenn der Schiffer auf 
hoher See von Windstille überrascht wurde, brachte er dem Meere Opfer dar; ein 
hochverehrtes Steinbild, das die Gottheit des Meeres darstellte und zur Zeit der 
Wintersonnenwende durch Pilger aus allen Gegenden des Landes (auch von den 
Inca, die diese Küstenkulte sehr respektierten) Gold, edle Steine und Gewänder 
als Weihgaben empfing, stand auf der Isla de la Plata, die, wie auch die Aus- 
grabungen Dorseys gelehrt haben, eine ähnlich bedeutungsvolle Rolle an der 
pazifischen Küste gespielt haben muß, Avie die Isla de Sacrificios (S. 201) im 
mexikanischen Golf. 

Die Puruha hatten abergläubische Scheu vor Blitz und Regen- 
bogen und verließen Häuser, die vom Blitz getroffen oder vom 
Regenbogen berührt waren, nachdem sie sich durch strenges Fasten 
gereinigt hatten. Sonst treten die Himmelserscheinungen 
merkwürdig zurück. Bei den Cara gab es auf zwei Hügeln in 
der Nähe von Quito einen viereckigen Sonnen- und runden Mond- 
tempel, die ein goldenes bzw. silbernes Bild des verehrten Ge- 
stirns enthielten; wahrscheinlich ist aber dieser Kult schon unter 
dem Einfluß der Incareligion entstanden. Die Tempel waren nur 
vergrößerte Wohnhäuser. Bei den Küstenstämmen scheinen sie 
(nach spanischen Berichten über die Esmeraldas, Manta und Be- 
wohner von Punä) ziemlich reich mit hölzernen und steinernen 
Idolen in Tiergestalt, Wandgemälden und Türskulpturen verziert 
gewesen zu sein. In Liripampa (Riobamba), der Hauptstadt der 
Puruha, barg der Tempel des Kriegsgottes ein tönernes Idol in 
Menschengestalt, in dessen nach oben gekehrten, oflenen Rachen 
das Blut der Menschenopfer gegossen wurde. Wie dies Idol an 
die großen, tönernen Figurengefäße der Chibcha erinnert, so zeigen 
auch die Opfer auffallende Übereinstimmungen mit columbischen 
Gebräuchen. 

Ein heiliger See war bei den Canari zu gewissen Zeiten das Ziel von zahl- 
reichen Pilgern, die der als Schlange gedachten Gottheit des Sees kleine Gold- 



Kcuailor 



371 



fis'ureii liiiialnvarfen, genau wie es die Clühcha bei ihren lieiligen Seen taten 
(S. 354). Auch an der Küste waren Weihopfer neben Eäucheruagen die 
häufigste Form der Darbringung. Die Menschenopfer (Frauen und Kinder, 
auch Kriegsgefangene) wurden bei den Esmeraldas, Manta und Bewohnern von 
Puna gescliunden und die Haute mit Stroh ausgestopft und mit über der Brust 
gekreuzten Armen an den Tempelportalen aufgehängt, ein Brauch, der uns be- 
reits im Caucatal als Form des Ahnenkults begegnet ist. Auch auf dem Hoch- 
lande brachte man Menschenopfer dar, geAvöhnlich den Berggöttern. Daß sie 
ein Fruchtbarkeitszauber sein sollten, wird wiederholt erwähnt. Die Canari 
schlachteten auf dem Gipfel des Curitaquiberges vor dem Eingang in eine Höhle, 
in der eine Gottheit des Maises ihren 
Sitz hatte, alljährlich vor der Ernte 
hundert Kinder; noch 1755 bestand 
dieser blutige Brauch in vollem Um- 
fange, und selbst in der Gegenwart 
findet man, wie Rivet berichtet, nicht 
selten Kinder vor der Grotte aus- 
S'esetzt. 




Abb. 146. Steinerner Zählkasten aus 

Caraz (Peru). (V? n. Gr.) 

(Xacli Rivet) 



In der Mythologie ver- 
schiedener Stämme des Hoch- 
landes ist von einer Sintflut die 
Rede. Sie wird dadurch her- 
vorgerufen, daß die Söhne des 
ersten Menschen mutwillig eine 
mythische Schlange mit ihren 
Pfeilen erlegen (Quitu). Die 
Überlebenden (bei den Canari die beiden Brüder, die später zu Stamm- 
vätern der Canari werden, s. o.) retten sich auf den Gipfel eines 
hohen Berges. Kulturheroen treten entweder paarweise auf, wie bei 
den Cara, oder sie erscheinen, wie in Columbien und Peru, in 
der Gestalt eines geheimnisvollen Fremdlings, der bei seinem Ver- 
schwinden einen Fußabdruck im Felsen hinterläßt (Palta). — Von 
der sonstigen geistigen Kultur ist noch zu erwähnen, daß bei den 
Cara manches auf fortgeschrittene astronomische Kenntnisse 
deutet, wie die Steinpfeiler, die als Schattenweiser zur Beobachtung 
der Solstitien vor dem Sonnentempel (s. o.) standen, und daß der- 
selbe Stamm auch einen primitiven Schriftersatz besaß. 

Um wichtige Ereignisse festzuhalten, legte man nach Velasco Steinchen 
verschiedener Größe, Farbe und Gestalt in viereckige Kästen aus Holz; die 
vielfache Kombination der Steinchen gestattete verschiedene Zahlen und Tat- 
sachen auszudrücken. In einem Grabe bei Patecte im Canarigebiet fand sich 
tatsächlich ein Kasten, der einem Spielbrett mit verschiedenen Fächern nicht 



372 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

unälnilich ist (an zwei gegenüberliegenden Ecken sind die Kästen erhöht) und 
nach Kivet Avohl nicht, Avie man früher dachte, einen Stadt- oder Festungsplan, 
sondern einen der von Velasco geschilderten Zählkästen darstellt. Daß dies 
..Schriftsystem", das ein lehrreiches Seitenstück zu den Khipu (s. u.) bildet, 
einst weit verbreitet war, wird durch die Auffindung ganz ähnlicher Kästen 
(aus Holz oder Stein) an der peruanischen Küste bewiesen (Abb. 146). 

Die alten Kulturvölker Ecuadors sind längst dahin. Aber in 
den unendlichen Wäldern, die sich vom Westabhang der Kordillere 
bis zum Meer dehnen, leben noch einige Stämme der Barbacoa- 
familie (S. 324) in einigermaßen ursprünglichen Verhältnissen. Die 
von Rivet untersuchten Colorado gehören dazu. Sie haben ihren 
Namen von ihrer ausgedehnten Körperbemalung mit Urukürot und 
Schwarz, die entweder flächenhaft oder in einzelnen Strichen den 
ganzen Leib, vorzugsweise das Gesicht, überzieht. 

Auch die Zähne färben sie durch ständiges Kauen gewisser Pflanzen. 
Abflachung des Hinterkopfes kommt gelegentlich noch vor. Der rechte 
Nasenflügel der Männer ist durchbohrt und dient zur Aufnahme eines kleineu 
Silberschmuckes, wenn der Mann in die Ehe^ tritt. Von der Kleidung der 
Männer sind ein viereckiges Stück Tuch mit Halsausschnitt, das sie wie einen 
kleinen Halskragen tragen, und eine Kopfliinde aus BaumAvollsträhnen hervor- 
zuheben. Offene viereckige, mit einem Palmblattdach versehene Schuppen, die 
durch eine Querwand in Schlaf- und Küchenraum geteilt sind, bilden die Be- 
hausungen, in denen man auf erhöhten Gestellen schläft. Holzmörser, Reib- 
brettcr mit Chontapalmstacheln und Zuckerrohrpressen sind die Hauptstücke 
der Kücheneinrichtung. Die Banane ist, wie im modernen Columbien, die 
Hauptnahrungspflanze, die man in Wasser kocht oder in Schweinefett röstet; 
aus gegorenem Zuckersaft wird ebenfalls, wie dort, ein leicht berauschendes 
Getränk (Guarapo) bereitet. Um Fische zu fangen, vergiftet man das Wasser 
mit einer Pflanze (Barbasco), oder man wendet Netze an. Bei der Jagd ist 
noch heute ein Tonkugelblasrohr aus Chontapalmholz allgemein in Gebrauch. 
Die Musikinstrumente (Marimba, Geige) gehen sämtlich auf Neger oder 
Europäer zurück. Der Religion nach sind die Colorado eifrige Christen, 
doch lebt noch mancher alte Brauch fort, z. B. bei der Bestattung; man schützt 
den Toten, der in einem Loch in der Hütte begraben wird, durch Stabroste 
oben und unten vor der Berührung mit der Erde und bindet ihm einen Strick 
um den Leib, der vom Grabe bis zum Dach der Hütte läuft und als ..Seelen- 
pfad'' dienen soll. Erst wenn der Strick reißt, wenn man daran zieht, glaubt 
man, daß die Seele den Körper verlassen habe. 

d) Peru 

Als Vasco Nufiez Baiboa, der Entdecker der Südsee, 1513 bei 
dem Cuevakaziken Tumaco an der pazifischen Küste Panamas weilte, 
hörte er von einem reichen Lande im Süden, wo Tiere „wie Schafe" 



Peru 373 

zum Tragen von Lasten verwendet würden. Schon einige Jahre 
früher hatten portugiesische Seefahrer an der südbrasilianischen 
Küste dunkle Kunde von einem Gebirgsvolk im Westen bekommen, 
das Gold und Kupfer in Menge besaß, Goldharnische und goldene 
Stirnscheiben trug und Bronze kannte. Das waren die ersten un- 
bestimmten Nachrichten von dem peruanischen Kulturreiche, dessen 
Angehörige, wie Pascual de Andagoya auf seiner Südfahrt (1522) 
erfuhr, sich auf ihren Balkenflößen (S. 363) nicht selten handel- 
treibend die Küste hinauf bis zur Mündung des Kio San Juan 
(= Rio Patia der modernen Karten, 2. Grad nördlicher Breite) 
wagten und andrerseits im Warenaustausch mit den Stämmen am 
oberen Paraguay standen, was zu dem abenteuerlichen Zuge Alejo 
Garcias vom Paraguay zu den Anden (ebenfalls 1522) Anlaß ge- 
geben hat. 

Der Name Peru haftete ursprünglich nur an der südcolumbischen Küste 
und wurde, da Pizarro bei seinen ersten tastenden Versuchen, nach Süden vor- 
zudringen (vgl. die Erkundung-sfahrt Bartolome Ruiz". S. 363), die an dieser Küste 
gelegene Isla de Gallo als Ausgangspunkt wählte, später auf das ganze große, 
im Süden gelegene Kulturreich ausgedehnt. Biru oder pilu heißt in der Sprache 
der am Rio Patia wohnenden Barbacoastämme „Wasserloch, Fluß" und be- 
zeichnete zur Zeit Andagoyas speziell den nördlich vom Rio Patia mündenden 
Rio Iscuandi (Rivet). 

Für die ethnographischen und kulturellen Verhältnisse Perus 
ist wiederum, wie in Ecuador, der Gegensatz von Hochland und 
Küste vor allem maßgebend. Peru und Bolivien sind keineswegs 
von der Natur allzu reich bedachte Länder. Zwischen den hoch 
über die Schneegrenze aufragenden Andenketten liegen kalte, mit 
hartem, struppigem Gras dürftig bewachsene Hochflächen (Punas), 
auf denen der Mais nicht mehr gedeiht und eine dichte Bevölkerung 
daher unmöglich ist. Nur wo die Flüsse in diesen Hochflächen 
tiefe, wind- und kältegeschützte Täler (Bolsones „Taschen") aus- 
gefurcht haben, herrscht eine allerdings überraschend große Frucht- 
barkeit. In den Tälern des Huillcanota und Apurimac, Maranon 
und Santa lagen daher die Mittelpunkte einer fleißigen, betrieb- 
samen Bevölkerung, die mit unendlicher Sorgfalt jeden Fußbreit 
ertragreichen Bodens kultivierte und selbst den Bergabhängen 
durch Terrassierung anbaufähiges Gelände abrang. Zu ihnen ge- 
hört Cuzco, dessen Tal eines der schönsten und zugleich groß- 
artigsten des ganzen Hochlandes ist. Auf der bolivianischen Hoch- 
ebene hat die große Wasserfläche des Titikakasees mildernd auf das 



374 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Klima gewirkt, so daß seine Ufer und Inseln trotz der Höhenlage 
(3800 m) in großer Ausdehnung bestellt sind, während nur wenig 
südlicher, selbst in Gebieten, bis zu denen ehemals der See reichte, 
wie in dem alten Aimarazentrum Tiahuanaco (S. 336), heute trost- 
lose Öde herrscht. Das Küstengebiet hat einen ähnlich gegen- 
sätzlichen Charakter. Der Puna des Hochlandes entspricht hier 
die sonnenverbrannte, kahle Sandwüste, die der Regenarmut dieser 
Breiten ihre Entstehung verdankt. Besiedlung war nur da möglich, 
wo kurze Flüßchen sich von den Anden herab in schnellem Lauf 
ihren Weg durch Sandwüste und Dünen bis zum Meere bahnten. 
An diesen Flüssen, deren befruchtender Einfluß sich infolge syste- 
matischer Bewässerung noch auf einen schmalen Streifen zu beiden 
Ufern erstreckte, erblühten die zahlreichen Gemeinwesen, deren 
Euinenstätten von Lambayeque bis Arica angetroffen werden, in 
verhältnismäßiger Abgeschlossenheit voneinander, so daß die ört- 
lichen Erzeugnisse der alten Töpferei, Weberei usw. oft stark von- 
einander abweichende Stile zeigen. 

Der ergiebigste und bestangebaute Teil der peruanischen Küste ist noch jetzt 
der Norden, das Land der C h i m li von Lambayeque bis Trujillo (S. 327 f.). Südlich 
folgt das alte Reich des Cuismancu mit den Tälern von Supe und Chaucay. 
Lima und Pachacamac. Es Avar vom religiösen Standpunkt der Avichtigsfe Teil 
der Küste, da hier große, noch bis in die letzten Tage der Incaherrschaft be- 
rühmte Heüigtümer lagen. Südlich von Pachacamac bilden die Täler von Chincha 
und Pisco, Ica und Nazca eine gewisse Einheit; hier scheint die älteste Küsten- 
kultur geblüht zu haben (S. 338). Endlich sind noch die Täler von Arequipa 
und Arica zu erwähnen. In engen Beziehungen zu den Küstenstämmen stand 
auch die Bevölkerung des San tat als (mit Recuay und Huaraz) und der Ge- 
biete von Huaroehiri und Cajamarca, die bereits in der Westkordillere 
liegen ; dafür spricht, abgesehen von den Funden, z. B. auch die Nachriclit von 
dem Bündnis Cajamarcas mit den Fürsten der Chimü (S. 377). 

Bei aller Sonderentwicklung herrschte doch wieder an der 
peruanischen Küste eine ziemlich einheitliche Kultur, die zahl- 
reiche Gegensätze zur Kultur der Hochlandsstämme (Aimarä und 
Khechua) aufweist. Leider wird uns jene, die in mancher Hin- 
sicht höher stand, vielleicht auch älter war, als die Kultur des Hoch- 
landes, nicht durch reich fließende schriftliche Quellen näher ge- 
bracht. Wir stehen vor der eigenartigen Tatsache, daß sich fast alle 
spanischen Berichte des sechzehnten Jahrhunderts auf das 
Hochlandsgebiet beziehen, die ein vollständiges Bild des alt- 
peruanischen Lebens gebenden Funde dagegen meist der Küste 
entstammen. Bei der folgenden Schilderung der Kultur, die im 



Peru 375 

wesentlichen die Verhältnisse der Incazeit berücksichtigt, ist das 
immer im Auge zu behalten. 

Der g-esamte materielle Kulturbcsitz der Küstenvölker ist in ungeheuer 
reichen, trotz vierhundertjährig'er Ausbeutung' noch längst nicht erschöpften 
Grabfunden zum Vorschein g-ekommen. Vor allem eine unübersehbare Meng'e 
vortrefflich erhaltener Tongefäße. die sich in wenige, wohlcharakterisierte 
Stilg-ruppen sondern, deren zeitliches Verhältnis zueinander von Uhle klargeleg-t 
worden Ist (s. d. Einleitung-, S. 337 f.). Die Ausbreitung der Tiahuanaco- und 
Incakultur nach der Küste hat es mit sich gebracht, daß auch die Tonwaren dieser 
Hoclilandskulturen in den Gräbern der Küste erscheinen, fast ebenso zahlreich 
wie im Hochlande, wo das Klima ihrer Erhaltung nicht so günstig war. Freilich 
sind sie an der Küste in Form und Farben teilweise stark den örtlichen Stilen 
angepaßt, weil sie hier offenbar von einheimischen Töpfern angefertigt wurden. 
Am meisten tragen die feinbemalten, an plastischen Verzierungen reichen Ge- 
fäße von Trujillo und Chimbote (S. 338) mit ihrer erstaunlichen Wirk- 
lichkeitstreue dazu bei, das Bild der alten Küstenkultur wieder vor unsern Augen 
orstehen zu lassen. Wer eine der großen Samnüungen (z. B. die Berliner) 
daraufhin durclimustert. der findet Gefäße in der Gestalt von Kriegern und Ge- 
fangenen. Würdenträgern und Angehörigen des arbeitenden Volkes in voller 
Figur mit allen Trachtabzeichen, Waffen und Geräten (Abb. 151, 156, 157); 
Köpfe, bei denen die Porträttreue so weit getrieben ist, daß selbst individuelle 
Besonderheiten (krankhafte Bildungen) dargestellt sind, vielleicht um einen 
Lebenden von bestimmten Gebrechen zu heilen; die gesamte Land- und Meeres- 
fauna der Küste und die ganze Welt der meist tiergestaltigen Götter oder 
Dämonen, von denen wir leider so gut wie nichts wissen; endlich auf den Wänden 
der Gefäße lebhaft bewegte Szenen, die Fischfang und Jagd, Kämpfe und zere- 
monielle Tänze in naturgetreuen Bildern wiedergeben (Abb. 147, 152, 159). Die 
merkwürdigen, ^ förmigen Bogeuhenkel vieler dieser Tongefäße (Abb. 161) hatten 
vor allem einen praktischen Zweck; Verlängerung und Verengerung des Hals- 
teils sollte rasche Verdunstung, die sonst in dem heißen Klima unvermeidlich 
war. verliüten und die Bogenform zugleich eine Vorrichtung zum beciuemen 
Undiängen des Gefäßes schaffen. Bei deia großen Chichaamphoren. die einen 
der Haiipttypen der eigentlichen Incakeramik darstellen (S. 334). lief ein 
Strick durch die beiden seitlichen Henkel und über einen vorspringenden Knopf; 
so konnte das ungefüge Gefäß von dem Indianer, der den Strick, anstatt wie 
sonst in Südamerika um den Kopf, um Schultern und Bru^t legte, leicht ge- 
tragen Avcrdon (Abb. 135). — Der salpeterhaltige Sand der Küstenebene hat 
nicht nur die Tongefäße, sondern auch die prächtigen Gewebe aus Llama- 
wolle, Baumwolle oder Pflanzenfaser, die bald steife Figuren des Tiahuanaco- 
stils (Abb. 136a), bald freier bewegte szenische Darstellungen oder einfache 
geometrische Figuren als Muster zeigen, die wunderbaren Federwämser, 
bei denen die an querlaufende Fäden geknüpften Federchen ebenfalls mannig- 
fache Muster bilden, die geflochtenen Körbchen mit dem ganzen Arbeits- 
und Toilettengerät der Frauen (Abb. 162). die Spielsachen der Kinder und 
Waffen der ]\Iänner (Abb. 148). die reich geschnitzten hölzernen Zeremonial- 
Tudei und zepterartigen Hoheitszeichen, die hölzernen Grabscheite zur Boden- 



376 Amerika. III. Die Vollmer Südamerikas 

bearbeitiiiig und kupfernen Werkzeuge, die g-oldenen und silbernen Gefäße und 
Schmucksachen ausgezeichnet erhalten. Wir besitzen niclit nur die fertigen 
Handarbeiten, sondern auch das Rohmaterial und die Geräte, mit denen sie 
hergestellt wurden. Unser Interesse wird in dieser Hinsicht besonders von 
dem vollständig erhaltenen Webeapparat in Anspruch genommen (Abb. 153). 
Merkwürdig sind auch die HandAvagen mit uinem Balken aus Knochen und 
Schalen aus Netzgeflecht, die lebhaften Handel, vielleicht auch ein ausgebildetes 
Gewichtssystem voraussetzen. 

Das Incareich war ein festgefügter, von einem despotischen 
Herrscher regierter Staat, der sich in wenigen Jahrhunderten 
aus kleinen Anfängen zu einem auch räumhch gewaltigen Gebilde 
entwickelt hatte. Ganz im Gegensatz zu dem aztekischen Reiche 
war er nämlich auf breitester territorialer Grundlage aufgebaut. 
Man begnügte sich nicht damit, die eroberten Gebiete lediglich 
militärisch besetzt zu halten, sondern ging sogleich an eine plan- 
voll durchgeführte Einverleibung. 

Die meisten spanischen Geschichtsschreiber lassen diesen Staat das Werk 
von zehn Herrschern sein, die als unmittelbare Nachfolger Manco Khapa;!;s (S. 333) 
erscheinen. Wahrscheinlich sind lediglich die letzten sechs, vom Inca Roca 
an, rein geschichtliche Persönlichkeiten, ühle hat vermutet, daß nur diese den 
Titel „Inca" trugen, ihreVorgänger aber einfache „Sinchi" (Kriegshäuptlinge) waren, 
und Manco Khapa;>f auf eine noch ältere Zeit hindeutet, in der noch die Aimara 
das politische Übergewicht in der Gegend von Cuzco besaßen ; denn Manco ist 
ein alter Herrschertitel der Aimara (S. 334). Es ist keine Frage, daß dem Inca- 
reiche eine lange dauernde Aimaraepoche (die Zeit der Tiahuanacokultur, S. 335 f.) 
vorausging, die wahrscheinlich überhaupt erst die Grundlagen zu dem Staat der 
Inca geschaffen hat; im Hinblick darauf glaubt Joyce die langen Reihen von 
Königen erklären zu können, die der spanische Chronist Montesinos zwischen 
Manco Khapa;y und dem ersten der zehn Inca einschiebt. Nach Montesinos folgt 
auf eine älteste Zeit, während der an der Küste von Manabi bis Pachacamae 
zahlreiche Einwanderungen vor sich gehen (S. 331), ein „Mittleres Reich", in 
dem die Herrscher den Titel ,. Amanta" (s. u.) führen, also mehr priesterlichen 
Charakter tragen. Dies zeigt sich auch in ihrem Bestreben, den alten Huirakocha- 
kult durch den Sonnendienst zu verdrängen. Schon damals soll sich das Reich 
von Huanuco im Norden bis Tucuman im Süden erstreckt haben; es zerfällt 
unter den Streichen der Reaktion der Huirakochaanhänger . und erst einer 
energischen Frau aus königlichem Geblüte gelingt es, ihren Sohn Sinchi Roca 
als Sendboten des Sonnengottes anerkennen zu lassen und ein ..Neues Reich" 
mit Cuzco als Mittelpunkt und dem Sonnendienst als Staatsreligion herauf- 
zuführen. Sinchi Roca ist der erste der zehn oben erwähnten Inca. Unter ihm 
und seinen Nachfolgern breitet sich die Herrschaft Cuzcos zuerst ganz allmählich 
aus, hauptsächlich in der Richtung auf den Titikaka- und Aullagassee, wo 
der letzte größere, noch unabhängige Aimarästaat, das Reich des Zapana 
mit der Hauptstadt Hatun-CoUa, unterworfen wird. Noch einmal wird, 
unter dem siebenten Inca (Huirakocha), der ganze Bestand des jungen Reiches 



Peru 



377 



durch den großen Einfall der Clianca (S. 327) gefälirdet, die bis Cuzco vor- 
dring-en und nur dank der Tapferkeit des Thronfolg-ers Pachacuti;^; zurück- 
g-eschlag-en werden. Dann aber geht die Ausbreitung der Inca mit Eiesenschritten 
vorwärts. Die Eroberung des Gebiets der Chanca, von denen ein großer Teil 
nach Noi'den in das tropische Tiefland des Ucayali auswandert, öffnet den Weg- 
zur Küste ; Cajamarca fällt, und der mächtige, mit Cajamarca verbündete Fürst 
der Chinui (Chimü Khapa;^), der über die Küste von Tumbez bis Huacho herrscht, 
wird durch die Zerstörung der Bewässerungsanlagen, die allein das Leben in den 
Küstenorten ermöglichten, zur Unterwerfung gezwungen. Leichter wird Pachacuti;;: 
die Besitzergreifung der südlichen Küstenstriche mit den berühmten Heiligtümern 
Pumades (Lima) und Pachacama;^. Die Einverleibung des Gebietes von Sucre und 
Potosi rückt die Ostgrenze des Reiches weit hinaus. Pachacuti;^s Nachfolger 




Abb. 147. Kampfszene; abgerollte Verzierung eines buntbemalten Henkelkruges 

(vgl. Abb. 161) aus Trujillo. 

(Nach Bässler) 



Thupa/ Yupanqui dringt in Chile bis zum Eio Maule (35. Grad südlicher 
Breite) vor und unterwirft im Norden die Palta und Cahari und die Küstenstriche 
von Tumbez und Puna (S. 362, 363). Die größte Ausdehnung erlangt das Reich aber 
erst unter Huaina Khapa/, dem Vater Atahuallpas und Huascars, dessen Heere 
im Norden nach der Niederwerfung der Cara (S. 362) den Quillasenca am Cerro 
de Pasto und den Stämmen der tropischen Küste von Esmeraldas (1. Grad nörd- 
licher Breite) ihr Joch aufzwingen und die nördliche Grenzmauer am Rio Ankas- 
mayu aufrichten — zu einer Zeit, als schon Pizarro seine große Expedition zur 
Eroberung des Reiches der Sonnensöhne in Panama rüstete. Die Länder östlich 
der Anden sind nie dauernd von den Lica unterworfen w^orden (S. 235). Die 
Kämpfe, die ihre Heere am oberen Amazonas und Ucayali und im Chaco mit 
den wilden Stämmen dieser Gebiete, die bei den Hochlandsbewohnern „Chunchos" 
bzw. „Chiriguanos" hießen (ohne mit den jetzt so genamiten Stämmen identisch 
zu sein), bestanden, scheinen meist erfolglos verlaufen zu sein. Nur im Süden gelang- 
es ihnen, ihre Vorposten bis Tucuman, also bis an den Randder Pampa, vorzuschieben. 

Wenn bei dem Geschichtsschreiber Garcilaso (einem Nach- 
kommen der Inca) jeder Eroberungskrieg der Inca als eine Art 
Kreuzzug zur Verbreitung ihrer politischen, wirtschaftlichen und 



378 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



religiösen Ideale erscheint, so ist das zweifellos eine Schönfärberei, 
und man wird sich lieber dem Urteil des besonnenen Sarmiento 
anschließen, der ihre Kriege brutale Raubzüge nennt, bei denen 

man sehr wenig wählerisch in den 
Mitteln war und gegen die Unter- 
worfenen mit schonungsloser Härte 
verfuhr. Die Behandlung der Caiiari 
und Cara (S. 362) zeigt dies zur 
Genüge. Überhaupt weist die 
Kriegführung der Peruaner 
viele barbarische Züge auf. Ge- 
fangene Fürsten wurden häufig ge- 
tötet und geschunden ; mit ihrer 
ganzen Haut, an der der Koj^f das 
Anhängsel bildete, überzog man 
die großen Trommeln, die beim 
Sonnenfeste geschlagen wurden. 
Diese Sitte war offenbar nördlichen 
Ursprungs, da sie sehr an die Tro- 
phäen der Ecuadorküste (S. 371) 
und des Caucatals (S. 347) erinnert. 
Natürlich war die Heeres- 
organisation bei diesem Eroberer- 
volke verhältnismäßig fortgeschrit- 
ten. Die Truppe gliederte sich in 
vier Trefien. Im vordersten stan- 
den die Schleuderer, die durch 
Schilde und wattierte Wämser 
gedeckt waren , im zweiten die 
Keulen- und Axtträger, im dritten 
die Kämpfer mit Speer und Wurf- 
brett, im hintersten die Lanzen- 




Abb. 148. Altperuanische Keulcn- 
formeii , meist morgensternartig. 
Gefunden in Gräbern der Küste 
(Pachacamac, Chuquitanta, Lima). 
Bei a und c ist der Knauf aus Stein, 
bei b aus Bronze, bei d aus silber- 
plattierter Bronze. Länge von 
a 63 cm, b 1 m, d 1,70 m. 
(Berliner Jluseum für Völkerkunde) 



träger. Aus dieser Aufzählung geht 



schon hervor, daß die N a h k a m p f- 
w äffen, wie im alten Mexico, gut 
ausgebildet waren. Zu ihnen ge- 
hörten hellebardenartige Äxte und Keulen mit Steinring oder morgen- 
sternartigem Stein- oder Bronzeknauf; unter den letzteren kamen 
Mischformen vor, bei denen ein Zacken wie eine Axtklinge gestaltet 



Peru 



370 



war (champi). Alle diese Formen sind auch an der Küste vertreten 
(A.bb. 148); liier gab es daneben in älterer Zeit nach Darstellungen 
auf Tongefäßen (allerdings meist als Götterwaffe, vgl. Abb. 161 rechts) 
Handbeile mit einem Loch in der Grifffläche, durch das ein um 
das Handgelenk 
des Kämpfers ge- 
schlungener Strick 
lief — Waffen, die 
offenbar ähnlich 
den im Caiiari- 
gebiet gefundenen 
Kupferbeilen waren 
(S. 364). Unter den 
Fern Waffen hat 
die Speerschleuder 
nach den zahlreich 
in Gräbern der 
Küste gefundenen 
Exemplaren die- 
selbe Form gehabt, 
wie bei den Chibcha 
und Ecuadorstäm- 
men (S. 366). Sie 
besaß außer dem 

aufgebundenen 
Kupfer- oder Kno- 
chenhaken am hin- 
teren Ende ein 
gleichfalls auf- 

gebundenes, knö- 
chernes Widerlager am vorderen und diente an der Küste vorzugs- 
weise als Jagdwaffe (Abb. 152), wie die dreiteilige, mit Stein- oder 
zackigen Metallkugeln bewehrte Bola (lihui oder ayllo) im Hoch- 
lande, die bei den Collagua auch noch als Kampfmittel erscheint. 
Daß Bogen und Blasrohr, die im Hochlande selten waren, in älterer 
Zeit an der Küste häufig vorkamen, beweist ihre Darstellung auf 
Geweben der Tiahuanaco- und Protonazcazeit (Abb. 136 a); in den 
Gräbern von Ancon sind Reste von Bögen mit rechteckigem Quer- 
schnitt und abgesetzter Spitze gefunden worden. Die Schutz- 




Abb. 149. Mauerecke der Festung- Sa;^sayhuaman bciCuzco 
(Xacli Joj'uc) 



380 Amerika. IIT. Die Völker Südamerikas 

Waffen der Peruaner umfassen außer runden und rechteckigen 
Schilden aus Holz oder Rohrgeflecht und gesteppten oder ledernen 
Kollern auch eine Art Stäbchenpanzer, wie ihn der zweite Krieger 
des Vasengemäldes Abb. 147 trägt. — Die Grenzen wurden überall 
durch starke Festungen gesichert; an der Eingangspforte ins 
tropische Tiefland des Rio Ucayali erhob sich drohend die Felsen- 
feste Ollantaytambo, und selbst das bei seiner Grenzlage feind- 
lichen Überfällen leicht ausgesetzte Cuzco besaß eine gewaltige, 
durch dreifachen Mauerring geschützte, mit Brustwehren und Toren 
versehene Zitadelle (Sa;fsayhuamau). 

Diese Festungen zälilen zu den gewaltigsten Leistungen der Incabaukunst. 
Viele sind noch gut erlialten und erfüllen jeden Beschauer mit Bewunderung 
und Staunen über die Grröße der Arbeitsleistung, die hier von Menschen mit 
mangelhaften Werkzeugen vollbracht worden ist. Sa/sayhuaman wird ge- 
wöhnlich als Musterbeispiel für die kyklopische Baukunst der Peruaner (S. 334) 
angeführt. Die unregelmäßig -polygonalen, aufs genaueste zusammengefügten 
Steinblöcke haben an den vorspringenden Winkeln, die den Angreifer zwangen, dem 
Verteidiger die unbeschützte Flanke zuzukehren, teilweise eine Höhe von 5,80 m 
und messen an der Basis 3 m zu 2,30 m (Abb. 149). Die Mauern dieser Feste 
sperren den sich allmählich senkenden Nordwesthang einer dreieckigen Felskuppe, 
die nach Nordosten, Osten und Süden steil zu den Tälern der beiden Flüßchen 
Huatanay und Tullumayo abfällt, zwischen denen Cuzco erbaut ist. Bei den 
großen Festungen Ollantaytambo und Pisae, Paucartambo und 
Chokek'irau, Machu Picchu und Incallajyta ist das Prinzip der 
Anlage stets das gleiche : ein von der Talwand sich loslösender, gegen den Fluß 
vorspringender Felssporn ist da, wo seine Hänge sanftere Böschung zeigen, vom 
Talboden bis zum Gipfel durch eine Eeihe übereinanderliegender, mächtiger 
Terrassen aus Mauerwerk befestigt; an den jäh abfallenden Stellen, avo dieser 
Schutz nicht nötig war, erheben sich Wachttürme und Ausgucke, und auf dem 
geebneten Sattel, der den Sporn mit der weiter zurückliegenden Talwand ver- 
bindet, die Hauptbauten der Festung: Kasernen, Magazine, Palast- und Tempel- 
anlagen. Eine geneigte Ebene führt vom Tale, in dem der zugehörige Ort lag, 
zur Höhe der Feste Ollantaytambo ; auf dieser Rampe hat man einst die Porphyr- 
blöcke für den Bau der Festung aus den zwei spanische Meilen entfernten Stein- 
brüchen hinaufgeschafft. Die größten sind sechs mächtige Porphyrplatten von 
etwa 4 m Höhe und 2 m Breite, welche die Einfassung einer Terrasse auf der 
obersten Hattform bilden; sie ist der älteste, möglicherweise schon vorincaische, 
Teil der Festung. Die vier zuerst genannten Festungen stellen ein vollständiges 
Verteidigungssystem dar, das Cuzco gegen etwaige Angriffe der wilden Stämme 
östlich der Anden deckte. Paucartambo beherrschte den gleichnamigen Fluß, 
OUantajtambo den Huillcanota (Huillcamayo), Chokek'irau den Apurimac — also 
die drei Hauptzugangsstraßen zum tropischen Waldgebiet. Pisac Avurde an der 
Stelle errichtet, wo der einzige Weg vom Huillcanota- ins Paucartambotal, also 
in die wichtigen, KoKa und Baumwolle produzierenden Länder der Andenprovinz, 



Peru 



381 







o 



382 Amerika. IIT. Die Völker Südamerikas 

hinüberführt. Machu Piccliu (Abb. 150) und Incalla;ifta sind erst kürzlich von 
Bingham bzw. Nordenskiöld entdeckt worden; wie jenes die nördlichste, war 
dieses die südlichste Grenzburg der Inca gegen das tropische Waldgebiet des 
Ucayali bzw. Mamore. — Auch andere Teile des Landes besaßen an strategisch 
wichtigen Punkten Festungen. Vielleicht schon vorincaiscli ist die BurgPara- 
m u n c a, die der Tradition nach allerdings erst der Inca Pachacuti;^ nach der Unter- 
werfung der Küstenländer im Tale des Huaman unweit von Supe erbaut haben soll. 
Sie ist rechteckig im Grundriß, von drei Umwallungen umgeben, deren eine immer 
höher aufsteigt als die andere, besitzt schmale, durch das Übergreifen der Wälle 
gebildete Eingänge und Bastionen und besteht ganz aus einem Mauerwerk von 
Lelimziegeln, dem Baumaterial der Küste. 

Die eroberten Gebiete wurden fest an das Stammland der Inca, 
die Flußtäler des Huillcamayo und Apurimac, gekettet. Die Ver- 
pflanzung ganzer Ortschaften und Ersetzung ihrer Bewohner 
durch andere, deren Treue bewährt war, und die zunächst den 
Charakter von Militärkolonisten (Mithma;^, in spanischer Form 
Mitimaes) hatten, sowie die Überwachung der alten Stammes- 
häuptlinge (Curaca oder Sinchi) durch ein Heer von Beamten 
(Camayo;!^), die dem jeweiligen Provinzialstatthalter (Tucuy ricu;^ »der 
alles übersieht") unterstanden, waren die ersten Maßnahmen, Der 
Provinzialstatthalter befehligte die Garnison, überwachte Tribute 
und Steuern, erteilte Heiratserlaubnisse und hatte sich nur vor 
dem höchsten Reichsbeamten oder dem regierenden Inca selbst, 
wenn diese sich von Zeit zu Zeit persönlich von den Zuständen 
im Reiche überzeugten, zu verantworten. Die zwangsweise Ein- 
führung des Sonnendienstes neben den einheimischen 
Kulten, des Khechua als Reichssprache und die Erziehung 
der Söhne der Curacas am Hofe des Inca, wo sie in den Sitten 
und der Denkweise der Eroberer aufwuchsen, sollten ein festes 
geistiges Band zwischen den vielen stammverschiedenen Elementen 
knüpfen. Die regelmäßige Abgabe wurde durch den Grundsatz, 
daß jeder Untertau ein Fronarbeiter des Staates ist und nur drei 
Monate im Jahr für seine eigenen Bedürfnisse arbeiten darf, auf 
eine dauernd gesicherte Grundlage gestellt. 

Die Durchführung dieses Grundsatzes hat unter allen Einrichtungen des 
Incareiches das meiste Aufsehen erregt, da sie einer Verwirklichung der Ideen 
des Staatssozialismus nahezu gleichkommt. Die Abgabe jedes einzelnen 
bestand in der Arbeit, die er für den Staat leistete, die je nach dem Alter und 
der Kraft verschieden bemessen wurde, und von der nur die Inca, d. h. die 
Mitglieder der regierenden Kaste, befreit waren (außer Kranken und Greisen, 
für die die Gemeinde zu sorgen hatte). Bearbeitung des Bodens und Kriegs- 
dienst waren die allgemein geforderten Leistungen, ebenso Weben und Spinnen. 



Peru 383 

Im übrigen wurde jeder nach seinen Fähigkeiten beschäftigt. Die Spezialhand- 
werker (Metallarbeiter, Steinmetzen) waren, um sich ihren Arbeiten ungestört 
hingeben zu können, von anderen Abgaben befreit, und den überwachenden. 
Beamten rechnete man diese ihre Tätigkeit an Stelle einer Abgabe an. Die' 
Erzeugnisse des Landbaues und der Handwerke flössen in die öffentlichen: 
Magazine; aus ihnen empfing jeder einzelne Saatkorn und Wolle zum Spinneik 
und Weben und der Handwerker das Rohmaterial, dessen er für seine Arbeiten 
benötigte. So gab es keinen Besitz, daher auch keinen Reichtum, aber 
auch keine Armut. Das ganze verfügbare Land zerfiel in Tempelland, Gemeinde- 
land und Kronland ; das Gemeindeland wurde in gleiche Teile geteilt, von denen 
jeder Familienvater einen Teil für sich selbst und einen für jedes Kind erhielt. 
Die Dorfinsassen wurden jeden Morgen zur Arbeit zusammengerufen und hatten, 
das Land gemeinsam, nach einem bestimmten Plane, zu bearbeiten, zunächst die 
Tempelländereien, dann die der Gemeinde (und zwar in erster Linie die Anteile 
der Kranken, Schwachen und Witwen) und zuletzt das Kronland, dessen Er- 
zeugnisse zum Unterhalte der Armee und des Herrschers dienten. Wie diese 
Arbeiten, so waren auch alle anderen bis ins kleinste geregelt, eingeteilt und 
überwacht. Das Individuum genoß keinerlei persönliche Freiheit; 
selbst die Tracht war behördlich für jeden Distrikt vorgeschrieben, und zur 
Heirat oder zum Verlassen seines Dorfes bedurfte ein jeder besonderer Erlaubnis 
durch den leitenden Beamten dos Distrikts. 

Die Heranziehung der gesamten Bevölkerung zu staatlichen. 
Arbeiten hat es den Inca ermöglicht, jene schon erwähnten Riesen- 
bauten aufzuführen, die für ein Volk mit primitiven technischen 
Hilfsmitteln eine erstaunliche Leistung darstellen. Glänzend ist ihnen 
auch die Bewältigung der Verkehrsfrage gelungen, die in dem 
schwierigen Gelände scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten bot. 
AVie im römischen Reiche, begann man auch im alten Peru im 
eroberten Gebiete sogleich Straßen zu bauen, um den ungehinderten 
Verkehr der Beamten, Truppen usw. zu ermöglichen. 

Die beiden Hauptstraßen, von denen die eine über das ganze Hoch- 
land zog und Cuzco mit Quito verband, die andere an der Küste, durch Mauern 
gegen Sandwehen geschützt, von Tumbez nach Chincha lief, waren durch zahlreiche 
Querstraßen verbunden (z. B. von Cuzco nach Nazca, Jauja nach Lima, Chavin 
nach Paramunca). Sie waren durchweg für Fußgänger eingerichtet, da sie starke 
Steigungen nicht selten durch Treppen überwanden. In regelmäßigen, kürzeren 
Abständen erhoben sich Häuschen für die Läufer (Chasqui), durch die eine Nach- 
richt von Cuzco nach Quito in acht Tagen übermittelt werden konnte, in größeren 
Tambos (richtiger Tampu, d. h. Magazine für die Verproviantierung Reisender 
und durchmarschierender Kolonnen) und an den Flußübergängen Zollstellen. 
Die Brücken waren, wo nur ein schmaler Fluß zu überschreiten war, 
massive Steinbauten, wo aber tief eingeschnittene Schluchten den Weg kreuzten 
(z. B. am Apurimae auf dem Wege von Cuzco nach Ayacucho), Hängebrücken 
aus fünf starken Tauen von Weidenrutengeflecht, von denen drei (mit Faschinen 
überdeckte) den Steig, zwei das Geländer bildeten. Daneben gab es Seilbahnen 



384 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

oder Gleitbrücken (Tarabiten), auf denen Menschen und Lasten in Körben be- 
fördert wurden. Den Verkehr auf dem Titikakasee und den übrig'en Binnen- 
gewässern vermittelten und vermitteln noch heute B a 1 s a s (Huampu im Khechua 
und Aimarä), Fahrzeuge aus mehreren walzenförmig-en, an den Enden zugespitzten 
Binsenbündeln, die, zusammengebunden, außer mehreren Personen noch eine 
ganze Menge Warenballen tragen konnten (vgl. Abb. 88, Fig. 6). Sie besitzen 
heute viereckige Segel aus Binsengeflecht, die an einem von zwei schräggestellten, 
oben zusammengebundenen Stangen gebildeten Mäste befestigt sind. An der 
Küste gab es, wie die Darstellungen auf Tongefäßen lehren, in alter Zeit für 
den Fischfang Balsas, die vorn ebenfalls eine (nach oben gebogene) Spitze 
hatten, hinten aber glatt abgeschnitten waren und eine kleine Plattform, aber 
keine Segel trugen. Auf den kleinsten Fahrzeugen dieser Art saß der Fischer 
rittlings (daher caballitos „Pferdchen"). Wenn der regierende Inca reiste, wurde 
er in einer hölzernen Sänfte (vgl. Abb. 159) getragen — ein Vorrecht, das 
gelegentlich auch hohen Beamten gewährt wurde — , und Läufer eilten ihm 
voraus, die jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen hatten. 

Der Herrscher des Incareiches, dessen Einheit erst beim 
Tode des vorletzten Inca Huaina Khapa;^ durch die Teilung in eine 
Nord- und eine Südhälfte mit Quito und Cuzco als Hauptstädten auf- 
gehoben wurde, war der Khapa;^ oder Sapay Inca (der „regierende" 
oder „alleinige Inca"), der „Sohn der Sonne" (intip churin). Die 
stufenweise Entwicklung der Herrschergewalt, die wir bei den 
Caucastämmen und Chibcha verfolgten, hat hier ihren Höhepunkt 
erreicht. 

Der Herrscher ist die fleischgewordene, auf Erden wandelnde Gottheit: alles, 
was er berührt, wird „Tabu". Seine Macht ist unbegrenzt und uneingeschränkt; 
alles in seinem Reiche, jede Frucht auf dem Felde, jedes Erzeugnis des Ge- 
werbfleißes und auch jedes Individuum gehört ihm. Wer sich ihm naht, zieht 
seine Schuhe aus und belädt seine Schultern mit einer Last, um seine Unter- 
würfigkeit auszudrücken. Der Khapa/ Inca erscheint stets in demselben feier- 
lichen Aufzuge, wie das Bild der Gottheit bei den Festen: man trägt ihm als 
Insignien ein weißes Llama mit Purpurschabracke und einen Stab, der oben 
in ein Kreuz aus Federwerk endet (suntur paucar), voraus: zu seinem Ornate 
gehört die schmale, schwarz-purpurne Kopfbinde (Uautu), von der purpurne, in 
ein goldenes Täfelchen gefaßte Wollfransen (masca paicha) auf die Stirn herab- 
hängen. Er hat einen großen Harem, aber nur eine seiner Frauen ist die 
anerkannte Hauptgattin (Koya), die nach einem später entstandenen Gebrauche 
die Schwester des regierenden Inca sein mußte und ihm den Thronfolger 
gebar, dessen Abzeichen ein Llautu von gelber Farbe war. Der Theorie nach 
sollte dieser stets der älteste Sohn sein, doch wurde dieser Grundsatz häufig 
durchbrochen; der älteste Sohn wurde dann gewöhnlich Oberpriester am Sonnen- 
tempel, wie Thupa;^ Amaru, der älteste Sohn Pachacuti^s. Die Söhne des 
regierenden Inca führten den Titel Auqui; Inca heißen die gesamten Mitglieder 
der weitverzweigten Kaste oder des Stammes, aus welchem der Herrscher hervor- 
ging. Sie unterscheiden sich von ihren Volksgenossen u. a. durch die kurz 




Tafel XI 
TuvuUa (Tukano-Staium am oberen Rio Tiquie, einem Nebenfluß des ^aupes) in vollem 
Taiizschrauck: Federdiadem aus gelben und roten Araraiedcrn ""* Saum aus weißen ^lau^^ 
federn des Geiers und Stutz aus Reiherfedern ; Schopfsreliange aus Reiherhalgen ; Armbänder 
aus diclieu Affen haarstricken mit Federn; gewebte Kniebäuder mit iedertroddeln ; Biust- 
schmucU aus einem durchbohrten Quarzzylinder; Gürtel aus Jaguarzahnen mit bchurz aus 
weißem, blau bemaltem Baumbast 
(Nach Koch-Grünberg) 




Tafel XIl 



(JoldaJteftÜDier aus den südamerikanischen Kulturreichen 



1 Helm mit g-etriebener Figur; 2—4 Flaschen (2 und 3 in Menscliengestalt ; 2 luält in 
der rechten Hand eine Kokakalkdose der auf Taf. X, Fig. 25 abgebildeten, noch heute 
üblichen Form); 5 und 6 „Tunjos" mit aufgelöteten Verzierungen; 7 Brustplatte mit (über 
Schlag-Steinen) getriebenen Figuren; 8 Nasenplatte (Weiterbildung des in Columbien, 
Ecuador und Peru getragenen, auch aus Mexico bekannten Nasenhalbmondes); 9 Man- 
schette mit plastischen Figürchen (Balsafalirer); 10 Becher; 11 Totenmaske (für den künst- 
lichen Kopf des Mumienbündels); 12 Haarzange älterer Form (läßt noch deutlich das 
Vorbild, die zvveischalige Muschel, erkennen) 

1—4 Cauca-Tal (Quimbaya), 5—8 Chibcha-Hocbland (6 in der N'ähe des Tequendama-Falls gefunden), 

9 Peruanisches Hochland (Puno am Titikaliasee) , 10-12 Peruanische Küste (Ica). ('/o n. Gr.) 

(Sämtliche Originale im Berliner Museum für Völkerkunde) 



Peru ■ 385 

g-eschorenen Haare, die mächtigen Ohrpflöcke aus weichem, schwammigem 
Schilfmark, die ihnen bei den Spaniern den Namen Orejones (Großohren) ein- 
trug-en, und die schwarzgefärbten, gefransten Stirnbinden (llautu). Der Hof- 
halt des Inca war natürlich von besonderer Pracht; alle Geräte bestanden 
aus Silber oder Gold und die Gewänder des regierenden Inca aus feinster 
Vieufiawolle, die von den Sonnenjungfrauen (s. u.) gewebt wurde. Wenn ein 
regierender Inca starb, so wurde sein Palast mit dem gesamten Gerät und 
allem Gesinde so belassen, wie er zu Lebzeiten des Herrschers gewesen Avar; 
sein Nachfolger mußte einen neuen, womöglich noch prunkvolleren Hof be- 
gründen. 

Die wunderbare Ausgestaltung dieses Staatswesens scheint jeden 
Vergleich mit den Kulturverhältuissen der amerikanischen Natur- 
völker von vornherein auszuschließen. Doch dürfen wir uns von 
der glänzenden Außenseite nicht zu sehr beirren lassen. Auch der 
Staat der Inca ist aus primitiven Verhältnissen erwachsen, und es ge- 
währt einen eigenartigen Reiz, zu beobachten, wie sich in der Kultur 
der Incaperuaner eine Menge primitiver, nur bis zu einem außer- 
ordentlich hohen Grade verfeinerter und durchgebildeter Züge erhalten 
hat. Zunächst war das Incareich nur scheinbar eine „absolute 
Monarchie", denn allenthalben gab es noch lokale Häuptlinge 
(Curaca), Kleinkönige, die die Inca nicht zu beseitigen, sondern nur 
in ihrer Macht zu beschränken wagten. Ferner hat Seier darauf auf- 
merksam gemacht, daß der peruanische Agrarkommunismus in 
seinem Kern eine primitive Form der Gesellschaftsordnung darstellt, 
wie sie in gleicher oder ähnlicher Gestalt überall auf dem ameri- 
kanischen Festlande vorhanden war. Die Inca haben diesen Zustand 
nicht geschaffen, sondern vorgefunden; sie hüteten sich wohl, ihn an- 
zutasten, machten ihn vielmehr in einzigartiger Weise ihrem Haupt- 
zweck, der auf die wirtschaftliche Ausnützung möglichst ausgedehnter 
Landstriche hinauslief, dienstbar. Das Vorgehen der Inca erstreckte 
sich daher auch niemals auf Gebiete, wo nichts zu holen war. In 
manchen Beziehungen erinnert es an die Ausbreitung der Aruak, 
wie sie von Max Schmidt geschildert worden ist (S. 232). — Endlich 
zeigt auch die bis in die letzte Zeit der Incaherrschaft beibehaltene 
und weiter ausgebaute Gentilverfassung, wie primitiv die 
Grundlage war, auf der das stolze Staatswesen ruhte. 

Bei den Incaperuanern und anderen Stämmen des Hochlandes (z. B, den 

Canari, Chanca, Collagua) zerfällt der Stamm in zwei Phratrien, Hanau 

und Hurin genannt (bei den Incaperuanern wurden diese sozialen Begriffe später 

geographisch umgedeutet und mit der Geschichte der Stadt Cuzco verknüpft). 

' Diese Phratrien, die offenbar alte Heiratsklassen waren und auf ursprüngliche 

Völkerkunde I 25 



386 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

Exogamie hindeuten, während im späteren Incastaate die Endogamie der Sied- 
lungsgemeinde entschieden begünstigt wurde, umfassen eine Reihe von Clanen 
(ayllu), in denen wohl, wie in der regierenden Familie, Vaterfolge herrschte. 
Die regierende Familie selbst bildete einen dieser Clane, den man direkt von 
Manco Khapa;^ (S. 333) ableitete; andere wurden auf jüngere Söhne früherer 
Inca zurückgeführt, und sämtliche elf oder zwölf sog. ,.Ineaclane" zehn anderen, 
nicht incaischen, gegenübergestellt — eine Tatsache, die offenbar besagt, daß 
die regierende Kaste ursprünglich einen besonderen Bestandteil des Volkes 
darstellte, wofür auch die bedeutsame Angabe Garcilassos spricht, daß die 
Inca unter sich eine besondere Mundart geredet hätten. Natürlich ist die er- 
wähnte Ableitung der Incaclane eine spätere , legendäre Zutat. Auch sie 
waren den beiden Phratrien zugeteilt, wie die übrigen, nicht incaischen Clane, 
und es ist bemerkenswert, daß die Überlieferung beide Arten von Clanen voll- 
kommen gleichstellte, da sie die nicht incaischen Clane gleichzeitig mit Manco 
Khapa/ und seinen Brüdern aus den drei Fenstern des Ursprungsfelsens hervor- 
kommen läßt (S. 338). — Bei dem großen Sithuafeste in Cuzco (s. u.) erscheint die 
Gesamtheit der ayllu nicht nach den beiden Phratrien, sondern nach vier Gruppen, 
entsprechend den vier Himmelsrichtungen, gegliedert. Diese Einteilung der 
Clane ist später offenbar auf das ganze Reich ausgedehnt worden, das nach den 
Himmelsrichtungen in vier Bezirke oder suyu zerfiel (daher Tahuantin-suyu 
„die vier Bezirke" genannt); über jeden suyu wurde ein Khapa;); (Fürst) gesetzt, 
und dem regierenden Inca zur Seite stand außerdem ein höchster verantwort- 
licher Reichsbeamter. Wenn die vier Reichsbezirke lediglich die ins Große 
übersetzten vier Lokalgruppen der Clane sind, so ist es offenkundig, daß ur- 
sprünglich neben dem Inca ein Rat von vier Stammeshäuptern gestanden haben 
muß, denen die späteren Khapa/ entsprechen, während der Inca selbst außer- 
dem noch einen Kollegen oder Stellvertreter hatte. Also bildete in Peru eine 
Gentilverfassung die Grundlage aller späteren staatlichen Einrichtungen, die 
genau der des aztekischen Staates (S. 185/6) entsprach, nur daß im letzteren die 
ursprüngliche Form noch viel durchsichtiger geblieben ist (Seier). 

Die Wirtschaft der Peruaner kennt schon seit uralter Zeit 
einen hochstehenden iickerbau. Wie der Bewohner der trockenen 
Küste durch Bewässerung, so verstand der Hochlandsbewohner 
durch Terrassierung der Bergabhänge größere Flächen für die Be- 
bauung zu gewinnen. Die alten, durch Steinmauern gestützten 
Terrassen (pata), die überdeckten Wasserleitungen (puquio) sind 
überall im Lande anzutreffen und werden auch gegenwärtig noch 
benützt. An der Küste wurde der Boden mit Fischen oder Guano 
gedüngt, der auf den Inseln nahe der Küste in ungeheuren Massen 
gefunden wurde. Hauptgeräte des Ackerbaus waren hölzerne Spaten 
(an der Küste mit kupfernem Blatt) und Hacken mit knieförmigem 
Schaft; man sieht auf Geweben aus den Gräbern, der Küste, daß be- 
sondere Feldhüter angestellt waren, die mit Blasrohren und Schleudern 
die Vögel von der jungen Saat vertrieben. Angebaut wurden Mais, 



Peru 



387 



Quinoa (eine Chenopodiumart), Kartoffeln, die in Peru ihre eigent- 
liche Heimat haben, Oka (eine knollentragende Sauerkleeart, Oxalis 
tuberosa) und das ebenfalls knollentragende Ullucu (eine dem Portulak 
verwandte Pflanze). Die Kartoffeln kamen auch auf der kalten 





Abb. 151. Tongefäß aus Trujillo, einen Kokaesser dar- 
stellend (a), und die von ihm gebrauchten Geräte (b, c; 
Fundort Chuquitanta bei Lima). Das Täschchen ist blau- 
weiß gemustert, die Kürbisdose mit aufgemalten und ein- 
geschnittenen Vogel- und Fischfiguren verziert; den Rand 
der Dose umgab ursprünglich eine Ledermanschette. ('/su.Gr.) 
(Nach Bäßler) 

Puna fort (wie Oka und Ullucu) und haben im 

Verein mit dem Llama ihre Besiedlung überhaupt 

erst ermöglicht. Die Peruaner besaßen eine ganze 

Reihe Arten, die in Europa nie eingeführt worden 

sind. Sie verstanden es auch, aus den Kartoffeln 

dadurch, daß sie sie abwechselnd frieren ließen 

und der Sonne aussetzten, eine Dauerform (ch'uhu) 

herzustellen, die, zerstampft und mit Wasser zu einem Brei (tunta) 

gekocht, noch heute die Hauptnahrung der arbeitenden Bevölkerung 

bildet. Aus Mais, dessen Kolben gekocht oder geröstet gegessen 

wurden, bereitete man vor allem das Hauptgetränk, die hier- 




388 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

artige Chicha (akha), indem man die Körner keimen ließ, darauf 
dörrte und durch Zusatz gekauter Körner zur Gärung brachte. 
Die Pflanze gedieh auf dem Hochlande nur in den geschützten Tälern; 
an der Küste pflanzte man auch Mandioka und Bataten, Erdnüsse 
und Bohnen. Als Narkotikum wurden allenthalben die Blätter 
des Kokastrauches (Erythroxylon coca) zusammen mit Kalk oder 
Knochenasche gekaut (Abb. 151); große Kokapflanzungen lagen in 
den warmen Tälern an der Ostabdachung der Anden und wurden 
von den Hochlandstämmen mit äußerster Sorgfalt gehegt, da ihnen 
die Blätter nicht nur ein Stimulans, sondern auch eine wirksame 
Medizin zur Bekämpfung der in größeren Höhen häufig auftretenden 
Bergkrankheit waren. Endlich ist noch als wichtige Nutzpflanze 
neben der Baumwolle die Agave zu erwähnen, deren Fasern zur 
Herstellung von Geweben, Stricken, Sandalen usw. dienten. 

Die Zucht zweier kamelartiger Wiederkäuer, des 
Llamas und Alpakas, hat eine Weiterentwicklung des Bodenbaues 
zur Pflugkultur nicht zur Folge gehabt, doch hatte der Mensch in 
beiden Tieren vorzügliche Lastträger gewonnen, die ihn zugleich 
mit ihrem Fleisch versorgten und Wolle zur Anfertigung der Kleider 
lieferten. Llama und Alpaka kommen nur auf dem Hochlande fort. 
Als Transporttier ist das Llama gefügig, genügsam und ausdauernd, 
aber nicht fähig, allzuschwere Lasten lange zu tragen. Auf größeren 
Eeisen mußte man daher eine ganze Herde mitnehmen, um mit 
dem Tragtier, dem die Last in zwei gleich schweren Säcken auf den 
Rücken gelegt wurde, häufig wechseln zu können. Das Llama war 
daneben hauptsächlich Schlachttier, das Alpaka Wolltier. Besonders 
der Wolle wegen wurden auch die beiden wilden Verwandten des 
Llamas, das Guanako und Vicuiia, auf dem Hochlande gejagt. In 
großen Treibjagden fing man die Tiere, die nach erfolgter Schur 
wieder freigelassen wurden. Sonst war auf dem Hochlande die Eiiizel- 
jagd mit der Bola das übliche, an der Küste die Jagd mit aufgestellten 
Netzen, in welche Tiere (Hirsche, Vögel) getrieben wurden, um dann 
dem Speer und Wurfbrett des Jägers zu erliegen (Abb. 152). Dabei 
half dem Menschen der Hund, der in den Gräbern des Küsten- 
gebietes durch drei von den europäischen abweichende Arten ver- 
treten ist. Die Grabfunde haben uns auch interessante Darstellungen 
der Angelfischerei geliefert; die Fischereigeräte selbst sind in den 
Gräbern von Arica zum Vorschein gekommen : Harpunen, deren 
oberer, ablösbarer Teil eine mit Widerhaken versehene Stein-, 



Peru 389 

Knochen- oder Kupferspitze trägt, und beinerne oder kupferne 
Angelhaken mit Senksteinen. 

Auf die Höhe der Kunstfertigkeiten wurde schon wieder- 
holt hingewiesen. Sie konnte nur in einem Lande erreicht werden, 
das auch wertvolle Rohmaterialien besaß — man denke an den 
Metallreichtum Boliviens und an das Auftreten der vier wolltragenden 
Wiederkäuer, deren einer (das Vicuiia) einen Pelz von solch' seiden- 
weicher Schönheit hatte, daß daraus nur die Gewänder für die 
Familie des regierenden Inca hergestellt werden durften. Bei dem 




Abb. 152. Treibjagd mit Netzen; Szene von einem buntbemalten Henkelgefäß 
aus Trujillo. „Einer von zwei Pfeilen getroffenen, zusammenbrechenden Hirsch- 
kuh soll von einem Jäger mit der Keule der Todesstreich gegeben werden, 
während sein Genosse einem Hirsch gerade den Wurfpfeil [mit dem Wurfbrett] 
entgegen schleudern will. In der Linken trägt dieser noch zwei Pfeile, und 
der Knappe hinter ihm bringt zwei weitere herbei." 
(Nach Bäßler) 

altperuanischen Webstuhl (Abb. 153) sind die Kettenfäden an zwei 
Querhölzern befestigt und durch einen durchgesteckten „Trennstab" 
in zwei Gruppen geteilt; die unter dem Stab durchlaufenden verbindet 
man durch Schlingen mit einem anderen Stab, durch dessen ab- 
wechselndes Heben und Senken das „Fach" gebildet wird. Den 
Einschlag führte die Weberin mit Hilfe von Rohrstäben oder hübsch 
geschnitzten Holznadeln hindurch, die zusammen mit Spindeln, 
deren Wirtel überaus zierliche, reizend verzierte kleine Tongebilde 
sind, den Hauptinhalt der geflochtenen Deckelkörbchen bilden, die 
man oft in den Gräbern findet (Abb. 162). Spinnen und Zwirnen 
war so sehr zur alltäglichen Beschäftigung der Frauen geworden, 



390 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



daß sie es selbst unterwegs, auf Reisen und Ausgängen, nicht unter- 
ließen (wie man es noch heute in Peru beobachten kann), und daß 
vornehme Damen bei gegenseitigen Besuchen sich stets ihr Spinn- 
gerät nachtragen ließen. 

Max Schmidt hat bei der Untersuchung der an der peruanischen Küste 
gefundenen Gewebe festgestellt, daß ein wichtiger Unterschied zwischen den 
(jreweben der alten Kulturen von Tiahuanaco und Ica und den 
jüngeren Geweben des nördlichen Küstengebietes besteht. Die ersteren sind 

noch ohne irgend- 
welchen Api)arat zur 
mechanischen Fach- 
bildung hergestellt, 
also eigentlich noch 
zu den Geflechten zu 
rechnen. Sie zeich- 
nen 'sich auch dadurch 
aus, dalj die Spalten- 
bildung, die da auf- 
tritt, wo zwei Farben 
des Musters parallel 
dem Verlaufe der Ket- 
tenfäden zusammen- 
stoßen , durch das 
gegenseitige Ein- 
hängen der sich ent- 
gegenkommenden Ein- 
schlagfäden beseitigt 
ist. Die jüngeren 
Gewebe sind da- 
gegen auf Webstühlen 
der oben geschilderten 
Art hergestellt, die entweder vertikal (zur Herstellung breiterer und kürzerer 
Stoffstücke) oder horizontal (für Bandweberei) gebraucht werden. Im letzteren 
Falle war das eine Ende des Webstuhls, wie im alten Mexico, gürtelartig an der 
Weberin befestigt und zur Ordnung der Kettenfäden eine besondere „Kreuz- 
vorrichtung" vorhanden. Diese jüngeren Gewebe zeigen die offenen Spalten 
(Kelimtechnik) : man hat sie gewöhnlich nachträglich vernäht oder nach Mög- 
lichkeit vermieden, indem man die Grenzlinien zweier Farben in diagonaler 
Richtung oder senkrecht zu den Kettenfäden verlaufen ließ. Die beiden Haupt- 
arten der peruanischen Weberei unterscheiden sich auch darin, daß bei den 
Tiahuanacogeweben meist ornamental gehaltene Figuren in archaisch-eckiger 
Stilisierung, bei den auf Webstühlen hergestellten nicht selten lebhaft bewegte 
Szenen (eingewebt, eingestickt oder aufgemalt) die Muster bilden. 

Der Töpfer arbeitete stets ohne Drehscheibe. Die Wände 
der Gefäße sind dünn, der Ton ist gut gebrannt und die Außen- 




Abb. 153. Vertikaler Webstuhl aus Pachacamac. Als Ge- 
stelldienten zwei gabelförmigzusammengebundene Stäbe 
(.Nacli Max Schmidt) 



Peru 



391 



fläche sauber geglättet und bemalt. Die schwarze Chimüware der 
späteren Zeit zeigt vielfach einen glänzenden Graphitüberzug und 
ist in Formen hergestellt. Haupterzeugnisse der Stein metzkunst 
des Hochlandes sind große, runde Steinschalen mit plastischen 
Schlangen auf dem Rande, die der incaischen Zeit angehören, Stein- 
becher (Tiahuanacokultur) und kleine Steinnäpfe in Llamagestalt 
(Uiptha), in denen die Aimarä den 
Kalk zum Kokagenuß aufbewahr- 
ten. Für die Holz-, Stein- und 
Muschelschneidekunst der alten 
Peruaner ist die Vorliebe für e i n- 
gelegte Arbeiten (Inkrustation 
von Holz , Knochen und Stein 
mit farbigem Kitt, Muschelschale, 
Türkisen, Goldplättchen) ebenso 
kennzeichnend wie für die gleichen 
Techniken der alten Mexikaner 
(Abb. 51, Fig. 3). Auch Feder- 
mosaiken sind nicht weniger 
häufig, als bei jenen, und zwar 
wurden die Federn auch entweder 
aufgeklebt (z. B. auf die vordere 
Fläche von Ohrpflöcken) oder ein- 
geknüpft (S. 184). In Metall- 
arbeiten waren die Peruaner 
von allen Amerikanern am wei- 
testen fortgeschritten, denn sie 
sind die einzigen, die sich auf 
die Herstellung von Bronze ver- 
standen. 

In einem jüngst erschienenen Buche hat E. v. Nordenskiöld den Nachweis 
geführt, daß der Bronzezeit im westlichen Südamerika eine reine Kupfer- 
zeit vorausging-; die großen Denkmäler von Tiahuanaco stammen aus dieser 
Zeit, und in ihr verharrten die Völker Ecuadors und der peruanischen Küste 
vielleicht noch bis zur Incaepoche, während die Hochlandsstämme schon weit 
früher (in der späteren Tiahuanacoepoche) zur Bronze übergegangen Avaren. 
Die Bronzelegierung kann nur in Bolivien oder Nordwestargentinien entdeckt 
worden sein, wo sich allein Zinnminen finden (z. B. in Carabuco unweit des 
Titikakasees) ; vielleicht wurde man zuerst beim Goldwaschen auf das zinnhaltige 
Cassiterit aufmerksam und benutzte es zunächst lediglich, um dem Kupfer eine 
goldige Färbung zu geben. Zweifellos ist die Zinnbeimisehung absichtlieh erfojg-t, 




Abb. 154. Axt mit seitlich angebundener 
Steinklinge und Kniehacke mit Kupfer- 
blatt. Fundorte Marquez (bei Lima) 
und Pachacamac 
(Berliner Musenm für Völkerkunde) 



392 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

da in den Andenländern augenscheinlich nur an einer Stelle (in Bolivien) ein 
schwach zinnhaltiges Kupfer auftritt. Aber der Grad der Zinnbeimischung- 
schwankt bis in die sjiäte lucazeit hinein ziemlich willkürlich zwischen 0,5 und 
16,5 **/o, vielleicht weil man nicht reines Zinn, sondern Zinnerz verwandte, und 
ist nicht von der Art des Gerätes abhäng-ig ; man bevorzugte sogar gerade für 
Schmucksachen Bronze, da sie leichter zu gießen ist, Avährend man kupfernen 
Werkzeugen durch Hämmerung mehr Härte geben konnte als durch stärkeren 
Zinnbeisatz. 

Der Mittelpunkt der alten Metallurgie lag auf dem peruanisch- 
bolivianischen Hochlande, aus dem die meisten Bronzegeräte 
bekannt geworden sind. Hier rauchten auf den Höhen um Potosi 
5000 Schmelzöfen (huaira) in Gestalt großer Blumentöpfe, durch 
deren siebartig durchlöcherte Wände der starke Wind strich und 
die Buntkupfer- und Silbererze schmolz. Genügte geringere Hitze, 
so bediente man sich kleinerer, kegelförmiger Schmelztöpfe und 
blies die Glut durch kupferne Röhren an. Das Brennmaterial auf 
diesen holzarmen Höhen bildeten (und bilden noch heute) die holzigen 
Stengel einer hochandinen Pflanze und taquia, d. h. getrockneter 
Llamaraist; zum Schmieden gebrauchte man einen harten Stein 
oder einen Klumpen Kupfers ohne besondere Schaffung. 

Typologisch hängen die Kupfer- und Bronzegeräte meist noch eng 
mit den steinernen zusammen. Auch andere Stoffe sind in das neue Material 
übersetzt worden ; Fruchtkapseln, Muscheln und Palmstacheln dienten z. B. den 
kupfernen und bronzenen Schellen, Haarzangen und Nadeln zum Vorbilde. Mit 
Hilfe der Typologie, der spanischen Überlieferungen aus der Entdeckerzeit, der 
Darstellungen auf Tongefäßen und Geweben, der Pundberichte und der Ver- 
breitungstatsachen ist es Nordenskiöld gelungen, eine Chronologie der peruani- 
schen Kupfer-Bronzezeit zu begründen. Ursprünglich hatte jedes Gebiet seine 
lokalen Pormen, doch erlangten diejenigen des peruanischen Hochlandes ia 
der Incazeit eine außerordentlich weite Verbreitung- und verdrängten alle 
anderen. Zu ihnen gehören Tförmige Messer, deren Griff in eine Ose, Scheibe 
oder einen Llamakopf endet (Tumi, Abb. 155), Tförmige Äxte mit geraden oder 
halbmondförmig geschweiften Rändern (Schaffung s. Abb. 155), Meißel und 
Hackenklingen (Abb. 154), Gewandnadeln mit runder oder halbmondförmiger 
Scheibe (Topu), Spiegel und Haarzangen, Bolakugeln und morgensternartige 
Keulenköpfe (Abb. 148). Alle diese Dinge waren aus Bronze; die lokalen 
Pormen der peruanischen Küste, die durch sie verdrängt wurden (Haarzangen 
und Tumis älterer Porin, Hacken- und Spatenblätter mit Schafttüllen, Messer 
mit spiralig eingerollten Griffenden), sind dagegen noch aus Kupfer, wie die- 
jenigen Ecuadors (S. 364), während wiederum die merkwürdigen lokalen Formen 
Nordwestargentiniens schon durchweg aus Bronze bestehen (s. u.). — Die Schoiben- 
nadeln, Haarzangen und diademartigen Kopfaufsätze mit hochaufragenden, halb- 
mondförmigen Stirnblättern, die wohl stilisierte Federbüsche wiedergeben sollen, 
sind häutiger in Silber oder Gold ausgeführt. Es ist bekannt, welche Un- 



Peru 



393 



meng-e Edelmetall die Spanier im Reiche Atahuallpas erbeuteten; Cajamarca, 
Pachacamac und Cuzco gaben gewaltige Schätze preis, und von dem Lösegelde, 
das Atahuallpa seinen habgierigen Feinden bot, erhielt nach Abzug des könig- 
lichen Fünftels (lOOOOO Dukaten) und des Anteils für Pizarro (60000) und seine 
Offiziere noch jeder Reiter 9000 Dukaten. Alle diese nach den zeitgenössischen 
Schilderungen sehr kunstvoll gearbeiteten Gold- und Silbergeräte des Hochlandes 
sind in den Schmelztiegel gewandert: nur einen dürftigen Ersatz bilden die Masken 
Becher, Gewandnadeln, Figürchen u. dgl., die in den Gräbern des Küstenlandes 
noch immer in großen Mengen zum 
Vorschein kommen, aber meist nur 
aus dünnem, getriebg^nem Gold- oder 
Silberblech gearbeitet sind (Tafel XII, 
Fig. 9—12). 

Die Kleidung bestand bei 
den Männern aus Schambinde 
(huara) und Poncho oder Hemd 
(uncu, Abb. 152 und 157), bei 
den Frauen aus einer großen 
Decke (a;fsu), die den ganzen 
Körper einhüllte und durch zwei 
Gürtel um den Leib und zwei 
der schon erwähnten 
Scheibennadeln (topu) 
auf der Schulter fest- 
gehalten wurde (vgl. 
Abb, 167). Dazu 
kamen noch große 
Schulterdecken bei 
beiden Geschlech- 
tern (lli;/lla bei den 
Frauen), ferner aus 
Llamaleder geschnittene oder Kordillerengras (Stipa ichu) ge- 
flochtene Sandalen (an der Küste daneben auch eine Art Haus- 
schuh) und eine Kopfbedeckung; diese war bei den Khechua eine 
schmale, mehrfach um den Kopf gewundene Binde aus Llamawolle 
(llautu); bei den Vornehmen gefranst und von bestimmter Farbe 
(vgl. S. 384/5), bei allen Aimarastämmen (auch solchen, die später 
„khechuisiert" wurden, wie die Cana und Collagua) eine spitze, aus 
Wolle gestrickte Zipfelmütze mit Ohrenklappen (chuco), wie sie noch 
jetzt der Indianer der bolivianischen Puna unter dem spanischen 
Hute trägt (Abb. 132). Auch Ponchos, Topus und die gesamte 




Abb. 155. „Tumi", Bronzemesser aus incaischer Zeit. 

Auf der Griffplatte ein Mann, der auf dem Rücken einen 

Puma und in der Hand eine Axt mit Halbmondklinge 

trägt. Fundort Chuquitanta (bei Lima), ('/s n. Gr.) 

(Nach Bäßler) 



394 



Amerika. ITI. Die Völker Südamerikas 



Weibertracht haben sich im Hochlande mit geringen Abänderungen 
bis heut erhalten, und der Poncho ist sogar wegen seiner ein- 
fachen, zweckmäßigen Form (er ist lediglich ein viereckiges Tuch 
mit einem Loch zum Durchstecken des Kojafes) von den Nachkommen 
der spanischen Eroberer allgemein angenommen worden. 

Über die alte Hochlaudstracht sind wir seit den Ausgräbung-en Uhles in dem 
incaischen Sonnentempel von Pachacamac (S. 337) gut unterrichtet; hier fanden 
sich Frauenleichen in vollkommener Bekleidung- mit a/su und lli/lla und Männer- 




Abb. 156. Tong-efäße in Gestalt von Menschenköpfeu; der bogenförmige Ausguß 
ist in der Zeichnung fortgelassen. Fundorte Trujillo (a) und Chimbote (b). ( '/s n. Gr.) 

(Nach Bäßler) 

köpfe mit dem Uautu um die Stirn. Die Kiistenstämme zeichneten sich durch 
einen überraschenden Reichtum von Kopfbedeckungen aus, die in der 
Tat, wie wir aus den alten Berichten wissen, in allen Provinzen des Aveiten 
Reiches verschieden waren und zugleich den Rang jedes einzelnen ausdrückten. 
In der Zeit der fein bemalten Gefäße von Trujillo muß der Kopfputz so kenn- 
zeichnend für seinen Träger gewesen sein, daß wir ihn häufig als Firstschmuck 
auf den Häusern nachgebildet sehen (vgl. Abb. 158 b mit 157). Dadurch Avurde 
offenbar jedem Kundigen sogleich der Rang des Bewohners klargemacht. Neben 
dem einfachen, um den Kopf geschlungenen Tuch, dessen Enden hinten zu- 
sammengeknüpft sind, finden wir Kappen und spitze Mützen (ähnlich dem chuco) 
mit zwei Bändern zur Befestigung unter dem Kinn: sehr gewöhnlich sind Ka- 
puzen mit Nackenschutz, die durch eine Stirn- und eine Kiunbinde festgehalten 
werden (Abb. 156 a), und kegelförmige Helme, die offenbar aus Strohgeflecht, 
Leder oder Metall mit einem Stoffüberzug hergestellt waren. Die Enden der 
vielfach aus einer Reihe dicker Wollsträhnen bestehenden Stirnbinde sind zu 
dicken, seitlich, nach vorn oder hinten abstehenden Quasten zusammengenommen 



Peru 



395 



(Abb. 156 b), und halbmondförmig-e, silberne Zierate sind vorn in der Binde oder 
auf der Spitze des Helmes befestigt (Abb. 147, 152, 157, 159). Auch Pumafelle 
wurden über den Kopf geleg-t, gewöhnlich so, daß der Kopf des Tieres auf dem 
Kopf des Menschen ruhte, während das Fell mit den Pfoten und dem Schwanz 
über Nacken und Rücken fiel. Aus dieser Tracht haben sich Kopfbinden mit 
einem Pumakopf auf der Vorderseite entwickelt (Abb. 152, 157). Auch die 
Schleuder sieht man als Kopfbinde verwertet. Turbanartig-c Kopfputze und ge- 
Üochtene Kappen, die einen Federstutz auf dem 
Scheitel und Federmosaik auf ihrer Fläche oder 
lang herabfallenden Stoffstreifen tragen, werden 
häufig in den Gräbern von Ica gefunden. 

Das Haar trugen die Männer im 
Hochlande im Gegensatz zu den Chibclia 
kurz geschnitten ; am kürzesten die An- 
gehörigen der Incakaste. An der Küste 
kommen auch dicke, im Nacken zu- 
sammengebundene Haarschöpfe und 
Zöpfe vor. Von der sozialen Bedeutung 
der Ohrpflöcke bei den Khechua war 
schon oben die Rede. Wenn es heißt, 
daß die Inca manchen Stämmen die 
Berechtigung, ähnliche Ohrpflöcke, wie 
die Inca, zu tragen, als besondere Aus- 
zeichnung verliehen hätten, so ist das 
natürlich nur erfunden, um die auch 
bei anderen Völkern vorkommende Sitte 
gleichsam zu entschuldigen. Bei den 
Küstenvölkern müssen Ohrpflöcke, den 
Darstellungen (Abb. 156 b) nach, jeden- 
falls allgemein gewesen sein, und zwar 
entweder in der Gestalt langer Stäbe 
oder dicker, zylindrischer Rollen aus 
Ton, Holz oder Metall, die auf der Vorderseite eine überstehende 
Platte mit durchbrochener Verzierung, eingelegter Arbeit (vgl. 
Abb. 51, Fig. 3), Federmosaik oder Goldscheiben besaßen. Da- 
neben kommen hier auch scheibenförmige Ohrgehänge sowie 
Nasenplatten vor, die rund oder halbmondförmig gestaltet sind 
(Abb. 156 b), während Lippen pflöcke der vorincaischen Zeit 
des Hochlandes (Tiahuanacokultur) angehören. Tatauierung 
war nach den Darstellungen ebenfalls an der Küste bekannt; an 
Mumien hat man allerdings meist Bemalung festgestellt. Die Kopf- 




,2Sß 



Abb. 157. Tongefäß in Gestalt 
einer sitzenden, reichgekleideten 
menschlichen Figur; der bogen- 
förmige Ausguß ist wie bei 
Abb. 156, fortgelassen. Fundort 
Chimbote. (Vs n. Gr.) 
(Xach Baßler) 



396 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

a b platt ung wurde von den alten Peruanern in einer ganz über- 
triebenen Weise geübt. Dabei bestand ein Unterschied in der Form; 
die Ainiarä waren saito-uma („Langköpfe") mit hoben, schmalen, 
fast zuckerhutförmigen Schädeln, manche nördlichen Hochland- 
stämme, ähnlich den Völkern des südlichen Ecuador (S. 366), 
pallta-uma („Flachköpfe"). Die Küstenvölker bevorzugten in 
späterer Zeit die letztere Form; zur Zeit der feinen, bunten Ge- 
fäße von Ica war dagegen die erstere üblich. Auf den Reichtum an 
sonstigem Schmuck (u. a. Halsketten, bei denen doppelte Reihen 
von Muschel- oder Goldperlen mit hübsch geschnitzten und ein- 
gelegten Menschen- oder Tiergesichtern abwechseln, Fingerringe, 
Armstulpe aus Gold und Silber) kann hier nur kurz hingewiesen 
werden. Silberne Diademe mit halbmondförmigem Stirnaufsatz 
(S. 392) und ringförmige Brustplatten (tincullpa) gehörten zur Fest- 
tracht der Khechua. 

Die erste Haarschur, das Anieg-en der Scliambinde und, bei den An- 
gehörigen der Incaclane, auch die Durchbohrung- der Ohren zur Aufnahme 
der Ohrpflöcke waren von großen Pesten begleitet, deren erstes, rutu- 
chicuy (Haarschur) genannt, vier bis fünf Jahre nach der Geburt gefeiert wurde, 
wenn der Knabe einen neuen Namen nach der Huaca (S. 400) seines Clans oder 
nach einem Ahnherrn erhielt, Avährend man das zweite, huara-chicuy (An- 
legen der Schanibinde), ungefähr in der Zeit der Geschlechtsreife veranstaltete. 
Das huara-chicuy für die Angehörigen der Incaclane fand in Cuzco stets in 
einem bestimmten Monat (November/Dezember) statt und war offenbar uralt, 
da es noch in allen Einzelheiten den Stempel jener echten, von Mut- und Kraft- 
proben begleiteten Jünglingsweihen amerikanischer Naturvölker trägt. Nach 
einer langen Vorbercitungszeit, Avährend der die Kandidaten allerlei gute Lehren 
empfingen, in der Anfertigung von Sandalen und Waffen unterwiesen wurden, 
in Wettläufen und Scheingefechten Gewandtheit und Tapferkeit zeigen mußten 
und Geißelungen und andere Proben ihrer Charakterstärke durchzumachen hatten, 
erfolgten in feierlicher Zeremonie die Durchbohrung der Ohren, die der regierende 
Inca selbst mit einer goldenen Nadel vornahm, die Bekleidung mit den San- 
dalen und die Anlegung der Schambinde. Mit Chichagelagen, Tänzen (denen 
auch die Mumien der Vorfahren beiwohnten, und bei denen mit Pumafellen 
Maskierte auftraten) und einer allgemeinen Waschung der Jünglinge schloß 
das Fest, das teils an den heiligen Hügeln Huanacauri und Anahuarque außer- 
halb Cuzcos (s. u.), teils auf dem großen, mit einem bunten Wollseil umgebenen 
Festplatze Haucay pata in der Hauptstadt selbst stattgefunden hatte. Sogar 
dem Thronfolger wurde keine der Prüfungen erlassen, denen sich seine Kame- 
raden zu unterziehen hatten. 

Die Bauten des Hochlandes bestehen aus Steinen und Mörtel, 
die der Küste aus Lehmziegeln. Dieser Gegensatz darf indessen 
nicht zu scharf betont werden. Wände, die ganz und gar von 



Peru 397 

einem regelmäßig- quaderförmigen oder unregelmäßig- polygonalen 
Mauerwerk gebildet werden, sind auch auf dem Hochlande nur an 
Bauten anzutreffen, die eine besondere Bedeutung besaßen und sich 
in den Hauptzentren befanden. Bei privaten Gebäuden und bei 
öffentlichen Bauten der Provinz begnügte man sich damit, das 
Fundament aus roh zugeschlagenen Steinen und Mörtel zu bauen 
und den Hauptteil der Wand dann aus Lehmziegeln aufzuführen. 
Andrerseits bilden an der Küste Steine fast stets den Unterbau der 
großen Lehmziegelpyramiden; man hat sie zur Fundamentierung 
benutzt, indem man ein Netz sich kreuzender Lehmwände, die auf 
dem gewachsenen Boden errichtet wurden, bis auf einen kleinen 
Hohlraum, der allerhand Gaben (als Bauopfer) barg, mit Erde, Kieseln 
und Flußschotter anfüllte. Das giebelförmige Dach der Häuser 
bestand stets aus Stroh, selbst bei den Tempeln und Palästen, und 
ruhte an der Küste auf einem Firstbalken und zwei Seitenbalken, die 
von gegabelten, geschnitzten Pfosten getragen wurden (vgl. Abb. 158b; 
die Pfosten werden häufig gefunden). Auf dem Hochlande wurde es 
von den beiden spitzzulaufenden Giebelwänden gestützt, und an Stelle 
des Firstbalkens trat bisweilen eine Wand, die das Haus der Länge 
nach teilte. Der Dachraum bildete oft ein Obergeschoß, das gewöhnlich 
von außen her durch eine Öffnung im Giebel betreten wurde. Dar- 
stellungen auf Tongefäßen der älteren Kultur von Trujillo beweisen, daß 
es neben diesen fortgeschritteneren Haustypen auch noch einfachere, 
offene Schuppen gab, die aus einem schrägen Dach bestanden, das 
vorn auf einem von Pfosten getragenen Querbalken ruhte (Abb. 158a, c). 
Die Rückwand nimmt ein erhöhtes Podium (die Schlafbank, die 
sonst in Peru ein Lattengestell war) ein, und die Vorderseite ist gewöhn- 
lich noch durch ein zweites, kleineres Schutzdach gegen die Sonnen- 
strahlen geschützt. — Der Viereckstil herrscht also ziemlich allgemein. 
Beispiele von Rundbauten sind die ChuUpas, runde, mit kleinen 
Türen versehene Steintürme, die sich nach oben verbreitern und 
hier ein vorspringendes Gesims tragen. Sie kommen hauptsächlich 
im alten Aimarägebiet (bei Sillustani am Ufer des Umayosees) 
und in ähnlicher Form auch im oberen Santatale vor und sind hier 
Grabbauten , zweifellos nach dem Vorbilde ebenfalls turmartiger, 
nur aus Lehmziegeln aufgeführter Wohnungen von Lebenden, wie 
sie noch die heutigen Aimarä besitzen. Manche Tempel der Khechua 
hatten ebenfalls runde Gestalt (S. 399). Die Wandverzierung 
besteht bei den Hochlandsbauten der Incazeit fast nur aus Nischen, 



398 



Amerika. III. Die Völker Südamerikas 



Nur selten sind auf dem Stuckbelag mancher Mauern Spuren von 
Bemal ung gefunden worden, und wir müssen uns diese jetzt so ein- 
förmig wirkenden Bauten mehr durch äußere Zutaten, wie Wand- 




Abb. 158. Tong-efäße aus Trujillo in Gestalt von Häusern und 

Tempelpjrramiden. ('/s n. Gr.) 

(Xacli Biißler) 



vorhänge, Metallplatten u. dgl., geschmückt denken. Etwas mehr 
Wert auf ornamentalen Schmuck der Wände haben die alten Chimü 
gelegt. In den Palästen ihrer Hauptstadt Chanchan sieht man die 
Wände durch vorspringende Ziegel, die schräg oder im Kreuz gestellt 
sind, wie durch ein erhabenes Gitterwerk verziert oder mit einem 



Peru 399 

regelrechten, in Lehm ausgeführten Teppichmuster bedeckt. Mit 
der wundervollen Wanddekoration der alten Mayatempel kann sich 
indessen kein altperuanischer Bau messen. 

Die Hauptmerkmale der eiuzelnen Baustile sind schon in der Einleitung 
hervorgehoben w^orden. Die alten Städte der Küste, z.B. Chanchan und 
Pachacamac, zeigen eine verwirrende Menge kleiner, unter sich nicht zu- 
sammenhängender Gemächer, die sich nach breiten Höfen öffnen. Auf dem 
Hochlande bestehen die Incabauten, die an gewissen, stets wiederkehrenden 
Merkmalen (S. 334) leicht kenntlich sind, abgesehen von den Befestigungsanlagen 
(S. 380) aus Tampus (S. 383), Palästen, seltener Tempeln. Die Gruppierung der 
einzelnen Gebäude um einen viereckigen Hof, an dessen Umfassungsmauer Tritt- 
steine zu den Obergeschossen hinaufführen, kehrt überall wieder und hat sich 
auch in der Anlage der modernen Corrale auf der bolivianischen Puna erhalten. 
Solche Bautenkomplexe lassen sich noch an verschiedenen Stellen des Landes gut 
studieren: z.B. in Huänuco viejo, in der alten Stadt zu Füßen der Burg 
Ollantaytambo, in dem aus Lehmziegeln erbauten incaischen Palaste ..Tambo 
Colorado" des Tals von Pisco und in dem sogenannten „Labyrinth" (Chingana) 
der Insel Titikaka (S. 833). Auf dieser Insel stehen außerdem noch ein 
ineaischer Palast und Tempel und auf der benachbarten Insel K o a t i ein 
Kloster der Sonnenjungfrauen (s, u.). Vom alten C u z c o , dessen massive Bauart 
eine so radikale Zerstörung, wie sie die Hauptstadt des Aztekenreiches erfuhr, 
unmöglich machte, existieren heute noch zahlreiche Reste, eingefügt in die 
Bauten der modernen Stadt. Ganze Straßenzüge sind von Incamauern eingefaßt, 
und von dem berühmten Sonnentempel (Koricancha „Goldhof"), dessen Stelle 
jetzt das Dominikanerkloster einnimmt, hat sich Avenigstens ein Teil der kreis- 
förmigen Mauer erhalten, die einst den Sonnenkegel umschloß, wie bei dem 
Tempel der Burg von Pisac. Der letztgenannte ist nach Uhle der einzige Avohl- 
erhaltene Sonnentempel Perus: eine annähernd kreisförmige Mauer aus großen 
Quadern, die eine geebnete Porphyrplatte umschließt, in deren Mitte man einen 
kurzen Kegelstumpf hat stehen lassen. Huanuco viejo ist ebenfalls durch 
einen mächtigen Tempel berühmt, der auf einer Terrasse liegt und aus einem 
Mauerrechteck besteht, vor dessen beiden Türöffnungen eine breite Freitreppe 
liegt. Der Huirakochatempel von Cacha im oberen Tal des Huillcanota stellt 
nur eine vergrößerte Wohnhausanlage dar: eine in zwei Stockwerken aufragende 
Doppelgalerie, deren Mittelwand in regelmäßigen Abständen von Türen durch- 
brochen ist. Ein anderer Tempeltypus, der durch einen wohlerhaltenen Bau 
in Huillcas Hu am an (im Gebiete der Chanca) vertreten wird, erinnert sehr 
an die mexikanischen Sakralbauten, da er aus einer in drei Absätzen aufsteigenden 
Pyramide mit einer Treppe besteht, die man, was in Mexico allerdings nicht 
vorkommt, durch eine Eingangspforte betritt. Wir haben im einleitenden Kapitel 
gesehen, daß auch die älteren Lehmziegelbauten der Küste, wie die gewaltige, 
40 m hohe „Huaea del Sol" von Mo che, eine auffällige Ähnlichkeit mit mittel- 
amerikanischen Tempelanlagon besitzen (gemeinsam ist beiden, daß sich die 
Pyramiden auf ausgedehnten Plattformen erheben, die bei der Huaca del Sol 
in fünf Absätzen bis zu einer Höhe von 18 m ansteigen). Das unterscheidet 
sie von den incaischen Tempeln der Küste, z. B. dem Sonnentempel von Paclia- 



400 Amerika. III. Die Völker Südamerikas 

camac, dessen P^vramidenstufen breite, mit Häusern besetzte Terrassen bilden. 
Einige Modelle von Tempelin'ramiden der Küste zeigt die Abb. 158. 

Die Tempel sind die einzigen sichtbaren Zeugen, die die 
Religion der Incaperuaner hinterlassen hat. Ihre Vorläufer auf 
dem Hochlande, die Träger der Tiahuanacokultur, haben eine religiöse 
Bildnerei besessen, wie die Skulpturen des Monolithtores von Tia- 
huanaco beweisen (S. 336 f.), und auch die religiösen Vorstellungen 
der älteren Kulturvölker der Küste treten uns plastisch in den 
merkwürdigen Gestalten und lebhaft bewegten Szenen der bunt- 
bemalten Gefäße von Trujillo und Nazca entgegen. Leider wissen 
wir gerade von der Religion dieser älteren Kulturen sehr wenig 
und können nur mutmaßen, daß das Mittelbild des berühmten 
Monolithtores Tonapa oder Huirakocha in der Gestalt des Sonnen- 
gottes darstellen soll. Mit dem Emporkommen der Inca aber scheint 
den Peruanern jede Neigung zu einer künstlerischen Gestaltung 
religiöser Ideen und Begriffe geschwunden zu sein. Offenbar liegt 
der Grund nicht so sehr in einem künstlerischen Unvermögen, als 
vielmehr in dem verhältnismäßig primitiven Grundzuge ihrer ßehgion 
selbst, die zu einer lebendigen Verpersönlichung der Gottheiten noch 
nicht fortgeschritten war. In der Tat beherrschten animistische 
und fetischistische Vorstellungen das religiöse Denken der 
Peruaner noch in weitgehendem Maße. 

Alle auffälligen und unbegreiflichen Naturerscheinungen, von der 
Sonne, dem Mond und den Sternen, dem Blitz und dem Regenbogen an bis 
zu der Erde und dem Meere, den fließenden Gewässern, Quellen und Seen, 
den schneebedeckten Bergen und eigentümlich geformten Felsen, galten als 
beseelt. Den Cavina in der Gegend von Urcos (südöstlich von Cuzco) war der 
Schneeberg Auzungata vor allem heilig, den Chanca der See Cho/llokocha. Der 
heilige Felsen auf der Insel Titikaka, wohin die Sage die Schöpfungstaten 
Huirakochas verlegte, und der „ürsprungsf eisen" Pakariy tampu, aus dem einst 
Manco Khapa;i; mit seinen Gefährten hervorgekommen war (S. 333), wurden bei 
den Bewohnern von Cuzco besonders verehrt. Große Wallfahrten fanden nach 
beiden Örtlichkeiten statt, und es heißt, daß der Inca Huirakocha das mittlere 
der drei Fenster des Urspruugsfelsens mit goldenen Türen versehen ließ. Auch 
Felsblöcke, die auf oder in der Nähe von Bergen lagen, Avurden mit den Ur- 
sprungssagen in Verbindung gebracht; man erblickte in ihnen die Reste von 
Urzeitgiganten (Huari), die aus irgendeinem Grunde in Stein verwandelt waren, 
und verehrte sie als Wesen, die die Berge trugen und daher bei allen Unter- 
nehmungen, die Kraft und Ausdauer erforderten, angerufen wurden. Diese 
Felsen gehören schon zu den Huaca (richtiger Huak'a), ein Begriff, der ursprüng- 
lich alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge bezeichnet, von denen eine besondere, 
übernatürliche Wirkung ausgeht und die daher ..heilig" sind — heute auch alle 



Peru 



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heiligen Stätten, Avie Gräber, Tempelpyramiden usw.; im besondern aber alle 
jene merkwürdig- geformten Steine oder rohen Steinfiguren, die mit der Ge- 
schlechterverfassung zusammengebracht und als Schutzgeister, Hüter, wohl auch 
Ahnherren der Clane angesehen wurden. So waren die Steinbilder Huanacauri 
und Aüahuarque, die auf gleichnamigen Hügeln (3. 396) naiie Cuzco standen, der 
männliche und weibliche Schutzgeist der Incakaste ; Huanacauri galt als der in 
Stein verwandelte Ayar Uchu, einer der Brüder Manco Khapa;(;s (S. 333). Auch Tiere 
können solche Schutzgeister und Ahnherren sein, z.B. Puma, Falke und Kondor bei 
manchen Hochlandstämmen (die Hauptstadt der Chanca, Ayacucho. hieß nach dem 
Falken ursprünglich Huamanka), Beim großen Fest der Sonne erschienen in Cuzco 
Abgesandte aus allen Teilen des Reiches in der Verkleidung der Tiere, von 
denen sie ihren Ursprung herleiteten, und auch die mit Tiermasken (als Hirsehe, 




Abb. 159. Festprozession mit Tänzern, die als Tiere maskiert sind: von zweien 

wird das Bild der Gottheit auf einer hölzernen Sänfte getragen. Abgerollte 

Verzierung eines buntbemalten Henkelkruges (vgl. Abb. 161) aus Trujillo. 

(Original ia der Sammlung Gretzer des Berliner Jluseums für Völkerkunde) 



Füchse, Fledermäuse, Eulen, Kondore, Falken, Pelikane, Fische, Krabben, Skor- 
pione) auftretenden Tänzer, die so häufig auf den buntbemalten Gefäßen der 
älteren Trujillokultur dargestellt sind (vgl. Abb. 159), mögen, wie Joyce ver- 
mutet hat, auf ähnliche toteraistische Vorstellungen zurückgehen. Um Cuzco 
gab es Hunderte von Huacas: daneben hatte jeder einzelne noch seinen persön- 
lichen Fetisch oder C o n o p a , der sich bei gewöhnlichen Leuten vom Vater 
auf den Sohn vererbte und der erste, beste merkwürdig erscheinende Gegen- 
stand war, z. B. ein Stein, in spanischer Zeit auch irgendein ungewöhnliches 
Ding spanischer Herkunft, z. B. ein Stück Siegellack, eine seidene Quaste u. dgl. 
Jeder regierende Inca besaß seinen besonderen Fetisch, der mit seiner Mumie 
beigesetzt wurde; er hieß Huauke („Bruder"), hatte eine bestimmte Form 
und wurde anscheinend schon mit naturmythologischen Vorstellungen ver- 
knüpft, z. B. mit der Sonne (Vogel), dem Blitz (doppelkcipfige Schlange) usw. 
Zu den Fetischen, von denen natürlich auch eine besondere Zauberkraft ausgeht, 
sind auch die Steine zu zählen, die man in den Feldern zur Zeit der Aussaat 
aufrichtete, und die Mais- und Kartoffelpuppen in Gestalt doppelter Mais- 
kolben oder doppelter Kartoffeln (sara-niama, papa-mama), die bei der Ernte 
Völkerkunde I 26 



402 Aiuerika. III. Die Völker Südamerikas 

verbrannt wurden, um die Fruchtbarkeit der Acker zu erhöhen. Wie die Doppel- 
bildung der Feldfrucht, g-alt auch die Zwillingsbildung- beim Menschen als etwas 
Mysteriöses : wenn einer der Zwillinge starb, wurde er, abweichend von den sonstigen 
Bestattungsgebräuchen, in einem Tongefäß in der Hütte begraben. Die Eltern 
von Zwillingen aber mußten sich langdauernden Reinigungszeremonien unter- 
ziehen. Auch in gewöhnlichen Fällen war das neugeborene Kind Gegenstand 
abergläubischer Gebräuche. Die Kindertragen, die in ganz Peru verbreitet waren 
(Holzrahmen mit verbindenden Querstäben), wurden unter Beachtung bestimmter 
Zeremonien hergestellt, häufig mit Chicha besprengt usw. 

Aus manchen Anzeichen hat man geschlossen, daß die Inca 
an die Stelle der Huacaverehrung ihrer Untertanen andere, höhere 
Religionsformen zu setzen suchten, eine Auffassung, die besonders 
Montesinos in seiner merkwürdigen Incageschichte vertreten hat 
(S. 376). Doch wissen wir einerseits, daß sie den Huacakult 
der von ihnen unterworfenen Völker ebensowenig zu beseitigen 
wagten, wie die alten Stammeshäuptlinge, und sich darauf beschränkten, 
der Sonne im Kultus einen Platz neben oder über den lokalen 
Stammesfetischen zu geben. Andrerseits ist es doch sehr fraglich, 
ob die Sonnenverehrung der Inca wirklich einen Fortschritt über 
den Huacakult hinaus bedeutet. Zu einer Ausbildung individuell 
wirksamer, persönlicher Götter gestalten, wie in Mexico, hat 
auch die Verehrung himmlischer Mächte, wie schon bemerkt, selten 
geführt. Die Incagötter sind blasse, unbestimmte "Wesen mit Aus- 
nahme einer Gestalt (Huirakocha), in der sich der Kulturheros der 
Mythologie mit dem durch die Sonne verkörperten Dämon zu einem 
echten Sonnengott verschmolzen hat. 

Im Sonnentempcl zu Cuzco standen neben dem goldenen Bilde des Sonnen- 
gottes (Inti oder P'unchau), das einen sechseckigen, noch jetzt erhaltenen Stein- 
trog für die Chichaopfcr bedeckte, zAvei ebenfalls goldene Idole des Schöpfer- 
gottes (Huirakocha Pachayaehächi;^ oder K'ofii ti/si Huirakocha) und des Regen- 
und Blitzgottes (Chhoke illa). Der Sonnengott Avar einst dem Inca Pacha- 
cuti;/ in der Gestalt eines Mannes erschienen, von dessen Hinterhaupt drei Strahlen 
ausgingen, Avährend Schlangen seinen Arm umwanden und Pumas auf seinen 
Schultern lagen. Im Aimarä- und Diaguitagebiete gefundene Bronzeplatten geben 
ihn augenscheinlich in dieser Auffassung wieder (Abb. 166). Der Blitzgott galt 
zugleich als ein Gott der Fruchtbarkeit (wie die Erdgöttin Pachamama), dem 
daher auch die Zwillings bildungen (s. o.) zugeschrieben und dargebracht wurden. 
Huirakocha wurde außerhalb Cuzcos besonders in Cacha (S. 399j und Urcos 
verehrt, avo sich Tempel und Idole ihm zu Ehren erhoben. Er war also nicht 
bloß eine mythische, dem lebendigen Kultus fremde Gestalt, Avie man nach 
seiner Rolle als Weltschöpfer und Kulturheros (S. 333) annehmen könnte. Wahr- 
scheinlich ist er mit Tonapa, dem Gott der Aimarä, dessen Bild vielleicht auf 
dem Monolithtor von Tiahuanaco erscheint (S. 336), identisch. Andererseits 



Peru 



403 



wurde er zur Incazeit mit Pachacama;^ und Coniraya, Kulturheroen der 
Küstenstämme (s. u.), gleichgesetzt. Alle diese Gestalten sind zweifellos Sonnen- 
wesen, wie sich aus ihrer Ausstattung- (Huirakocha trägt einen goldenen Schild) 
und verschiedenen Zügen der Mythen, die von ihnen erzählt werden, ergibt. — 
Bei den Küstenstämmen war der Hauptgott neben dem Meer, das bei den Chimü 
den Namen Ni führte und von den Inca als weibliche Gottheit unter dem Namen 
Mamakocha adoptiert wurde, der Mond (Si), weil man diesem Gewalt über die 
Elemente, Meeresbewegungen und Gewitter und die Hervorbringung der Lebens- 
mittel zuschrieb. Er galt für mächtiger als die Sonne, Aveil er hei Tage und bei 
Nacht sichtbar ist und Sonnenfinsternisse hervorbringen kann, die deshalb mit 
Freude als ein Sieg des 
3Iondes gefeiert wur- 
den, während bei Mond- 
finsternissen allgemeine 
Trauer herrschte. Auch 
die Plejaden und das 
Sternbild des Orion spiel